Kapitel 3
„Okay, das ist die letzte Lieferung", erklärte Colonel Sheppard und drückte der jungen Krankenschwester ein mit braunem Packpapier umwickeltes Päckchen in die Hand. „Ich zähle auf Sie!"
„Kein Problem. Ich gehöre ganz Ihnen", erklärte Schwester Mary und eilte grinsend davon, um das Päckchen in Sicherheit zu bringen.
John grinste genauso begeistert, denn sein Plan schien wunderbar aufzugehen. Er erschrak nicht gerade wenig, als er sich umdrehte und plötzlich Dr. Keller vor ihm stand.
„Doc, herrje, Sie können einem ja einen Schrecken einjagen!", erklärte er.
„Schlechtes Gewissen?"
„Ich? Ähm … nicht dass ich wüsste", entgegnete John vorsichtig.
„Das ist jetzt das fünfte Mal heute, dass Sie hier hereinschleichen und mit Schwester Mary reden. Um nicht zusagen irgendwelche Heimlichkeiten austauschen. Und Päckchen natürlich, die Sie ganz offensichtlich hier herein schmuggeln. Würden Sie mir bitte erklären, was hier auf meiner Krankenstation vorgeht und warum ich nichts davon weiß?", erkundigte sich Jennifer streng.
„Nun … das … das ist eine Privatangelegenheit. Hat nichts mit Ihrer Station zu tun", versuchte John eine Erklärung zu vermeiden. Dr. Keller und Teyla waren gut befreundet. Da durfte er nicht riskieren, dass sie Wind von seinem Plan bekam.
„Privatangelegenheit auf meiner Station?" Dr. Keller stutzte. „Oh! Ich … ich verstehe. Nun … können Sie sich mit Mary bitte außerhalb der Arbeitszeiten verabreden? Und machen Sie mir das Mädchen bitte nicht unglücklich!"
„Was? … Wieso? … Oh! Ooooh! … Nein, nein, da sind Sie jetzt aber …"
„Ich versteh schon richtig. Sie wollen nicht, dass das an die große Glocke gehängt wird", meinte Jennifer und sah John endlich wieder etwas freundlicher an. „Ich halte dicht. Aber Sie versuchen Ihr Privatleben bitte außerhalb meiner Krankenstation zu verlegen."
Jennifer nickte ihm zu, deutete auf die Tür hinter ihm und winkte ihm noch einmal zu, als sie sich wieder ihren Patienten zuwandte.
John verließ die Station nahezu fluchtartig. Oh je, auf welche Gedanken hatte er Dr. Keller da nur gebracht? Hoffentlich hielt sie wirklich dicht und erzählte Teyla nichts von der Geschichte. Die würde ihn glatt noch mit Mary verkuppeln, so freundlich und hilfsbereit sie immer war. Und was würde Mary dazu sagen? Da wären ein paar Tüten Gummibärchen, die er mühevoll überall eingetauscht hatte, sicher nicht genug, um sie zu besänftigen, wenn über diese ganze Angelegenheit ihre aufkeimende Beziehung zu Chuck in die Brüche ging.
Ob er den jungen Mann wohl vielleicht gleich wegen möglicher Missverständnisse vorwarnen sollte? Aber dann gab es wieder eine Person mehr, der er seine Beweggründe darlegen musste. Besser schön schweigen und hoffen, dass Dr. Keller die Sache schnell vergaß.
Oder …
Ja, das war eine gute Idee.
Er musste ja nur dafür sorgen, dass Dr. Keller bis heute Abend so abgelenkt wurde, dass Sie keine Zeit hatte, um mit Mary oder gar Teyla über etwas Privates zu sprechen.
Colonel Sheppard machte abrupt kehrt und stieß dabei beinahe mit einem Techniker zusammen, der knapp hinter ihm gelaufen war.
„Sorry, hab's eilig", warf John ihm kurz zu und war schon auf dem Weg Richtung McKays Labor.
„Rodney, na, wie geht es Ihnen?", erkundigte sich John übermäßig freundlich, als er McKay inmitten mehrerer Wissenschaftler vorfand.
„Bin beschäftigt. Das sehen Sie doch", erklärte Rodney kurz angebunden und keifte dann einige Anweisungen in Richtung seiner Mitarbeiter. Die Wissenschaftler stoben eilig auseinander. Offensichtlich hatten sie verstanden, was McKay wollte, auch wenn John keine Ahnung hatte, um was es heute eigentlich ging.
„Ich komme gerade von der Krankenstation." John ließ sich nicht durch Rodneys Unaufmerksamkeit beirren und sprach einfach weiter. „Habe Dr. Keller dort gesehen."
„Schön für Sie. Wenn Sie krank sind sollten Sie auch dort bleiben und nicht mich hier stören oder gar noch anstecken", brummte Rodney.
„Ich wollte Sie nur warnen … naja, eher informieren."
„Hm." Rodney klopfte unbeirrt auf seinem Laptop herum.
„Da war ein junger Soldat, der offensichtlich sehr bemüht ist um Dr. Keller."
„Ja, sie bemüht sich immer."
„Umgekehrt, Rodney, umgekehrt."
„Sie bemüht sich umgekehrt? Sie reden Unsinn John."
Sheppard schüttelte den Kopf. Jeder andere Mann hätte schon längst verstanden, was ihm da gesagt wurde, aber Rodney war mal wieder komplett geistesabwesend.
„Ich sagte, der Soldat bemüht sich um Dr. Keller. Wie in: Er will ein Date mit ihr."
Nun blickte Rodney doch kurz auf. „Geht doch gar nicht. Jennifer ist bereits mit mir verabredet." Und damit steckte er den Kopf auch schon wieder in eine Reihe Ausdrucke, die er studierte.
Ungläubig den Kopf schüttelnd fasste sich John an die Stirn. Wie konnte man bei so viel Intelligenz nur gleichzeitig so dusselig sein.
„Sind Sie sicher, dass Jennifer sich das nicht vielleicht noch anders überlegt. Immerhin geben Sie sich nicht besonders viel Mühe mit Ihr. Sie könnten ruhig etwas aufmerksamer sein."
„Ich bin immer aufmerksam. Ich höre ihr sogar zu, wenn sie unbedingt von ihren Patienten erzählen will."
Jetzt reichte es John. Musste man Rodney denn immer zu seinem Glück zwingen? Und dazu, dass er einem die Pläne nicht zunichte machte?
Sheppard packte Rodneys Schultern und zwang ihn, ihn anzusehen. „Rodney, ich befürchte, wenn Sie nicht etwas unternehmen, stehen Sie heute Abend ohne Verabredung da! Geht das jetzt in Ihr Hirn rein?"
„Was? Das darf nicht sein! Das kann nicht sein! Was wäre das für eine Blamage! Vor allem Ronon gegenüber", quasselte Rodney plötzlich drauf los.
Innerlich kam John nicht aus dem Kopfschütteln heraus. Rodney schien keinen Gedanken an Jennifer zu verschwenden, sondern immer nur an sich zu denken. Was fand sie nur an ihm?
„Wer ist es? Können Sie ihn nicht einfach einsperren? Dann kann er mein Date nicht stören."
Nein, Rodney", entgegnete Sheppard", das kann ich nicht. Deshalb wollte ich Sie ja warnen. Sie sollte Jennifer aufsuchen, ihr ein Geschenk bringen und ihr zeigen, dass Sie Ihnen wichtig ist. Jetzt verstanden?"
„Ja. … ja, natürlich. Ein Geschenk … Aber was soll ich Jennifer denn schenken?"
Colonel Sheppard stöhnte hörbar auf. Was hatte er sich da nur eingehandelt? Wie war er auf den Gedanken verfallen, Rodney könnte seinem Plan Dr. Keller abzulenken, dienlich sein?
Eines war ihm jetzt schon klar: Zum Intrigen schmieden war er eindeutig nicht geschaffen. Ein guter Vorsatz für das neue Jahr: In Zukunft immer direkt sein. Keine Heimlichkeiten mehr.
