Kapitel 4

„Es tut mir schrecklich leid, John, dass wir so spät dran sind", erklärte Teyla, als sie mit Colonel Sheppard den Flur entlang zu dem Raum ging, in dem die große Silvester-Party stattfand.

John lächelte nur. „Es ist keine Entschuldigung nötig. Ich verstehe doch, dass Sie bei Torren bleiben wollten, bis er sich wieder beruhigt hat. Aber jetzt schlummert der Kleine ja gemütlich und wir können kräftig feiern."

Es hatte in der Tat über eine Stunde gedauert, bis Torren, der wohl gemerkt hatte, dass ein besonderer Tag war, aufgehört hatte zu weinen und endlich eingeschlafen war. Und Teyla, ganz besorgte Mutter, hatte ihr Kind natürlich nicht alleine lassen wollen, bevor sie wusste, dass es ihm auch gut ging. Also hatten sie den Säugling mit einer ziemlichen Verspätung auf der Krankenstation bei Schwester Mary abgegeben.

Gut dass Teyla nicht gemerkt hatte, wie die junge Krankenschwester John verschwörerisch zugezwinkert hatte. Vor ihr auf dem Tisch war eine große Tüte Gummibärchen gelegen und genüsslich hatte sie hineingegriffen, nachdem sie Torren gut in einem kleinen Bettchen untergebracht hatte.

„Aber Sie wissen ja: nur ein Stündchen. Dann muss ich wirklich zu meinem Sohn zurück. Und Schwester Mary hat sicher heute Abend auch noch etwas anderes vor, als auf meinen Kleinen aufzupassen", erklärte Teyla.

Einen Moment lang überlegte John, ob er Teyla jetzt schon darüber aufklären sollte, was er mit Mary ausgemacht hatte. Aber vielleicht gefiel Teyla die Party ja auch so sehr, dass sie die Zeit vergaß. Dann könnte er sich die Diskussionen über seine Eigenmächtigkeiten vielleicht sparen.

„Daran wollen wir jetzt erst einmal gar nicht denken", meinte John ausweichend. „Genießen Sie den Abend."

Die Tür des festlich dekorierten Raums öffnete sich vor ihnen.

„So wie es hier aussieht, kann ich doch gar nicht anders", sagte Teyla und wies auf die feiernde Menge, unter der sich auch einige Athosianer befanden.

„Sehen Sie, da drüben ist Ronon. Aber irgendwie wirkt er nicht besonders glücklich. Ob ihn wohl doch noch eine Frau für heute Abend eingefangen hat?"

John grinste angesichts dieses Gedanken. So viel er wusste, hatte sich Ronon seit gestern Nachmittag in seinem Quartier verschanzt um den nicht gerade wenig aufdringlichen Bewohnerinnen von Atlantis zu entgehen. Rodney musste wirklich ganze Arbeit geleistet haben. Offensichtlich wusste jedes weibliche Wesen in Atlantis, dass Ronon dringend ein Date brauchte.

„Ich freue mich, dass er überhaupt gekommen ist. Ich dachte schon, er würde sein Quartier gar nicht mehr verlassen", erklärte Teyla. Sie hakte sich bei John unter und zog den Colonel zu dem ziemlich grimmig drein blickenden Mitglied ihres Teams.

Ronon lehnte etwas abseits von großen Trubel an einer Wand und beäugte das Geschehen misstrauisch. Doch bevor Teyla und John ihn erreichten, gesellte sich Laura Cadman zu ihm.

„Sieh an, sieh an!", murmelte John und stoppte Teyla. „Scheinbar hat Ronon doch noch eine Begleiterin gefunden."

Beide beobachteten, wie Laura etwas zu Ronon sagte und dieser daraufhin in ein breites Grinsen ausbrach. Was daraufhin folgte, hätte allerdings keiner der beiden erwartet. Ronon zog die überrascht kichernde Laura in eine feste Umarmung.

„Ich glaube fast, wir sollten da jetzt nicht stören", erklärte Teyla, als sie dies sah. „Vielleicht möchte Ronon lieber alleine mit Lieutenant Cadman sein."

„Oh nein", schüttelte John grinsend den Kopf. „Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass ich mir die erste Romanze des neuen Jahres entgehen lasse. Und danach sieht es doch aus, oder nicht?"

Und diesmal war es John, der Teyla mit sich zog. Mit einem wissenden Nicken beobachtete er dabei, wie Ronon ihn und Teyla bemerkte und Laura sofort aus der Umarmung entließ. Da war es dem Satedaner doch tatsächlich peinlich, bei diese kleinen Tete-a-tete entdeckt zu werden!

„Na, Ronon, hat Cadman Sie hergeschleift?", erkundigte sich Sheppard lachend, als die beiden Paare aufeinander trafen. „Oder haben Sie doch noch genug Mut gefasst, um sie selbst zu fragen?"

Teyla klopfte John warnend auf den Arm, doch dieser grinste nur frech, als Ronon ein tiefes Grollen hören ließ. „Bin nicht mit Cadman hier."

„Oh ja, das sieht man genau. Deshalb stehen Sie hier so einhellig beisammen, turteln und umarmen sich auch noch. Noch ein kleiner Kuss und ich bin wirklich davon überzeugt, dass jeder von Ihnen ganz alleine hierher gekommen ist und garantiert nichts vom anderen will", lachte John.

Ronon funkelte grimmig, und Teyla vermutete, dass der Colonel mit seiner Neckerei nun doch zu weit gegangen war.

„John, wenn Ronon das sagt, wird es sicher …", setzte sie an, doch wurde gleich von Laura unterbrochen.

„Ein Kuss soll es sein?", meinte sie. „Na, dann wollen wir unseren lieben Colonel doch mal überzeugen."

Und damit griff sie auch schon in Ronons lange Dreadlocks, zog seinen Kopf zu sich herunter und gab ihm einen festen Kuss auf den Mund.

„So, und jetzt hab ich Lust auf Sekt. Ronon, Schnuckel, warte hier auf mich. Ich bring dir gleich ein Glas mit."

Und im nächsten Moment war Laura auch schon in Richtung Bar verschwunden.

„Schnuckel?", wiederholte John und machte große Augen. Das hatte er nicht erwartet. Dass Ronon und Laura alles vehement abstreiten würden. Dass beide in dem jeweils anderen eine akzeptable Notlösung gefunden hatten, um den Abend nicht alleine zu verbringen. Oder dass sie mit einem verlegenen Lächeln ihre neue Beziehung bestätigten. Ja, das wäre etwas gewesen, mit dem John gerechnet hätte. Aber das hier?

„Schnuckel?", wiederholte er ganz perplex. „Sie nennt Sie wirklich Schnuckel?"

„Ich weiß nicht, was das bedeuten soll", knurrte Ronon.

„Nun es ist ein Kosewort, für etwas Schnuckeliges, etwas Süßes", versuchte John, immer noch ganz verwirrt, zu erklären.

„Das meine ich nicht. Ich hab nichts mit Cadman."

Teyla lächelte sanft. „Das sieht Laura wirklich ähnlich. John, ich denke, sie hat Sie gründlich hereingelegt."

„Hereingelegt? Ich bin mir da noch nicht sicher, wer wen hereingelegt hat", erklärte John.

Doch die Athosianerin schüttelte nur den Kopf. „ich glaube, das ist jetzt doch gar nicht so wichtig. Sie wollten doch, dass ich Spaß habe. Dann hören Sie auf zu denken und tanzen Sie mit mir!"

John stöhnte auf. „Oh je," erklärte er grinsend. „Ich wusste gar nicht, worauf ich mich da eingelassen habe." Doch auch sein gespielter Protest half nicht. Er wurde gnadenlos von einer lachenden Teyla auf die kleine Tanzfläche gezogen, wo sie bald gemeinsam mit anderen Atlantis-Bewohnern und einigen Athosianern zu athosianischer Musik herumhüpften.

Ronon behielt seinen Platz an der Wand bei. Er schaute nicht mehr ganz so grimmig drei wie noch vor wenigen Minuten. Dafür konnte man an seinem Blick nun allerdings deutlich erkennen, dass er reichlich verwirrt war. Hatte es Cadman womöglich wirklich auf ihn abgesehen? Warum nannte sie ihn „Schnuckel"?