Kapitel 5
„Haben Sie Rodney schon irgendwo gesehen?", erkundigte sich Teyla, als Sie sich erschöpft mit John an einem kleinen Tischchen auf einem der Balkons niederließ.
Sheppard schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung wo er steckt. Aber wie ich ihn kenne, taucht er sicher jeden Moment auf."
Leider war das wirklich zu befürchten. Dabei wäre John nun wirklich zu gerne ein wenig mit Teyla alleine gewesen, um sich einmal ungestört an ihrer Gesellschaft zu erfreuen. Es hatte seine Vorteile, dass Silvester hier in Atlantis nicht mitten in den Winter fiel. So konnte man die herrliche Nachtluft über dem Ozean genießen und sich die frische Meeresbrise um die Nase wehen lassen. Und der Sternenhimmel war heute besonders grandios, als wüsste er, dass es etwas zu feiern gab.
„Sie sehen heute so entspannt und zufrieden aus", bemerkte Teyla lächelnd.
„Ich bin entspannt und zufrieden, im Moment sogar sehr zufrieden", entgegnete John und lächelte zurück. Wie sollte man auch nicht zufrieden sein, wenn man eine Frau wie Teyla begleiten durfte.
„Das freut mich. Sie sollten sich auch öfter entspannen. Wissen Sie, ich denke ich bin nicht die Einzige, die viele Pflichten hat und darüber manchmal sich selbst vergisst."
„Schön, dass Sie zu etwas Selbsterkenntnis gekommen sind", erklärte John und ignorierte den Rest ihres Kommentars. Er hoffte sehr, dass sie weder darauf noch auf ihre Verpflichtung Torren gegenüber gleich wieder zurückkommen würde. „Was halten Sie davon, wenn ich uns etwas Sekt hole und wir dann noch mehr entspannen?"
Teyla zog eine Augenbraue nach oben. „Wollen Sie mich beschwipst machen?"
„Würden Sie sich wehren?"
Teyla lachte glockenhell. „Ich glaube, im Moment wahrscheinlich nicht."
„Dann warten Sie hier und laufen Sie mir nicht weg. Und ganz wichtig: Lassen Sie sich nicht von fremden Männern zum Sekt verführen. Damit warten Sie bitte auf mich."
John zwinkerte ihr zu, als sie mädchenhaft kicherte, und machte sich dann schnell auf den Weg nach drinnen, um den versprochenen Sekt zu holen.
„Guten Abend, Colonel Sheppard", grüßte ihn plötzlich Jennifer, als er an der Bar stand.
„Hallo, Dr. Keller, ich hatte mich gefragt, wo Sie stecken", entgegnete John.
„Sie fragen sich, wo ich stecke?", erkundigte sich Jennifer verwirrt.
„Nun, sagen wir eher, ich habe mich gefragt, wo Rodney ist. Er war doch mit Ihnen verabredet. Oder hat er das vergessen?"
John nahm den Sekt in Empfang und wandte sich zu Jennifer um. Dabei sah er, wie sich eine kleine Falte auf ihre Stirn schlich.
„Ja", sagte sie und nahm ebenfalls ein Glas Sekt, „wir waren verabredet. Und nein, er hat es nicht vergessen. Aber er kann nicht kommen."
„Oh!", machte John und erkannte nun, dass die Falte auf Jennifers Stirn Sorge oder Enttäuschung sein musste. „Was ist denn passiert? Wollen Sie darüber reden?"
In dem Moment, als er den verhängnisvollen Satz ausgesprochen hatte, merkte John erst, wo er sich da gerade hinein manövrierte. Er wollte doch eigentlich zu Teyla zurück. Und nun? Vermutlich durfte er sich nun den Liebeskummer von Dr. Keller anhören – oder zumindest deren Ärger und Enttäuschung über Rodney. McKay schaffte es doch immer wieder, ihm einen Strich durch seine Pläne zu machen – selbst dann, wenn er noch nicht einmal da war.
„Darüber reden? Dass Dr. McKay das Bett hüten muss?", fragte Jennifer verwirrt. „Wussten Sie denn nicht, dass er auf der Krankenstation ist?"
„Nun ich weiß, dass er zu Ihnen wollte, aber wieso ist er auf der Krankenstation geblieben? … Und wieso muss er das Bett hüten?"
Da musste Jennifer mitleidig lächeln. „Dr. McKay hat versucht, sich bei mir in ein gutes Licht zu rücken. Er dachte wohl, Blumen würden mir gefallen und hat deshalb die Botanikstation durchstöbert. Tja, und da ist es passiert."
„Passiert? Was ist passiert?" John stutzte einen Moment. „Oh nein!", rief er dann. „Sagen Sie mir nicht, dass seine Liebe zu Katie Brown wieder aufgeflammt ist und er den Abend jetzt mit ihr … aber nein, das würde er doch nicht auf der Krankenstation … Ähm, … was ist passiert?"
„Aber Sie dürfen es keinem verraten", flüsterte Jennifer verschwörerisch und sah sich um, ob jemand dicht genug bei ihnen stand, um sie zu belauschen.
„Nun machen Sie es nicht so spannend", erklärte John ungeduldig. Schließlich wartete ja Teyla noch auf dem Balkon auf ihn und den Sekt.
„Fragen Sie mich nicht wie, aber beim Blumen pflücken ist Rodney in einem Beet gestolpert, hingefallen und hat sich … nun er hat sich seinen Allerwertesten an einem Rechen aufgespießt. Gab ein paar schöne Löcher zum Flicken. Jetzt ist er von der Narkose noch ganz benommen. Hat also keinen Sinn, ihn hierher zu schleppen. Und außerdem: Sitzen kann er in nächster Zeit auch noch nicht."
„Herrje!", lachte John los. „Wie macht Rodney das nur immer. Das letzte mal war es ein Pfeil, den er in den Hintern bekommen hat."
„Er tut mir wirklich leid. Und das alles, weil er mir ein paar Blumen schenken wollte. … Katie wird entsetzt sein, wenn Sie morgen früh das Beet sieht. Nicht viel übrig davon."
John konnte sich ziemlich lebhaft vorstellen, welches Chaos Rodney nach seiner Begegnung mit dem Rechen hinterlassen haben mochte.
„Und nun sind Sie ganz alleine hier?", erkundigte Sheppard sich und hätte sich im nächsten Moment ohrfeigen können. Natürlich war sie alleine hier. Und Gentleman der er war, musste er ihr auf diese Frage auch anbieten, dass sie sich zu Teyla und ihm gesellen könnte. Tja, Zweisamkeit ade.
„Ja. Rodney hat mir vor der Narkose das Versprechen abgenommen, dass ich trotzdem zur Party komme."
Das überraschte John nun wirklich. Sollte in Rodney tatsächlich eine selbstlose Ader schlummern? Nun, wie sollte er dann so selbstsüchtig sein und Jennifer sich selbst überlassen? „Teyla und ich sitzen draußen auf dem Balkon. Wollen Sie sich nicht zu uns gesellen?"
Dr. Keller lächelte John fröhlich an. „Colonel, Sie müssen nicht Ersatzbegleitung spielen. Ich werde mich sicher nicht langweilen und möchte Sie und Teyla nicht stören."
„Sie stören doch nicht", warf John halbherzig ein.
„Doch, das würde ich. Und nun sollten Sie zurück zu Teyla gehen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend."
John nickte Dr. Keller erfreut zu. „Das wünsche ich Ihnen dann auch", erklärte er, nahm die Sektgläser und wanderte zurück auf den Balkon.
Irgendwie war John fast erstaunt, dass er Teyla noch alleine vorfand, als er wieder nach draußen kam. Ein paar Strähnchen ihres rotbraunen Haares wehten im Wind, während sie völlig in Gedanken versunken auf das Meer hinaus sah.
Das leise Klirren der Gläser, als er sie auf dem Tisch abstellte, brachte die Athosianerin in die Gegenwart zurück. „John, nun glaube ich wirklich, dass Sie mich betrunken machen wollen", erklärte sie lächelnd, als sie sah, dass er nicht nur zwei Gläser sondern gleich eine ganze Flasche Sekt organisiert hatte.
„Könnte sein. Und Sie haben erklärt, dass Sie sich nicht dagegen wehren würden."
Er schenkte Teyla und sich ein und reichte ihr ein Glas. „Auf das, was der Abend und ihr kleiner Schwips noch bringen wird."
„John!", rief Teyla gespielt entrüstet.
