Kapitel 6
Warum stand er hier herum? Warum war er überhaupt hergekommen?
Okay, Cadman hatte ihm eine Überraschung versprochen, wenn er sie begleiten würde. Aber seit wann hatte er sich von Cadmans Überraschungen irgendwohin locken lassen?
Ronon starrte in die Menge der Feiernden vor ihm, ohne wirklich etwas zu sehen.
Und jetzt hatte sie ihn auch noch hier stehen lassen. Wie ein Mauerblümchen, das darauf wartete, dass irgendjemand es zum Tanz auffordern würde.
Wo blieb Cadman eigentlich so lange? Hatte Sie nicht nur zwei Gläser Sekt holen wollen? Er musste schließlich noch herausfinden, warum sie ihn Schnuckel genannt hatte.
Ronon hatte es satt, das Mauerblümchen zu spielen. Also blieben ihm nun wohl nur zwei Möglichkeiten: Entweder er mischte sich unter die Feiernden und betrank sich schnellstens, damit er endlich in Stimmung käme, oder er verließ die Party.
Ein Kater am Morgen war keine besonders erfreuliche Aussicht, noch dazu wo er mit John zum Morgenlauf verabredet war. Daher fiel Ronons Beschluss schnell auf „Party verlassen".
Er stieß sich von der Wand ab, ließ den Blick noch einmal kurz über die Menge schweifen und war schon dabei, sich umzudrehen, als sein Blick an einem Pferdeschwanz hängen blieb, den er nur zu gut kannte: Jennifer.
Aber es war weniger ihre Anwesenheit, die ihn aufmerksam machte, als viel mehr das aufgeregte hin und her wippen des Pferdeschwanzes, das seinen Blick festhielt. Von Cadman hatte er ja schon gehört, dass Rodney auf der Krankenstation lag und die Party sicher verpassen würde. Das hatte ihn – er musste es zugeben – tierisch gefreut. Ob Cadman wohl genau diese Freude und die Umarmung missverstanden haben mochte?
Doch was machte Jennifer hier, wenn Rodney noch tatsächlich in ihrem höchst eigenen Revier herumlag? Eigentlich hätte er vermutet, dass Jennifer ihn keine Minute lang aus den Augen ließ.
Rechts und links von Jennifer standen zwei Marines, die sie wohl in ein Gespräch verwickelt hatten. Tja, es gab wohl noch mehr Männer, die bemerkt hatten, dass sie eine interessante Frau war. Und vor allem heute Abend.
Jennifer trug ein Figur betonendes dunkelblaues Kleid, das vorne tief und hinten noch tiefer ausgeschnitten war. Es reichte ihr bis zu den Knöcheln und Ausschnitt und Rocksaum wurden von kleinen glitzernden und ebenfalls dunkelblauen Perlen geziert. Ronon versuchte sich angestrengt zu erinnern, wann er sie je in so eleganter Kleidung gesehen hatte.
Ungehalten zog er die Stirn in Falten, als er beobachten musste, dass einer der Marines seinen Arm um Jennifers Taille legte. Wo war Rodney denn nun, wo er vielleicht gebraucht wurde, um unliebsame Verehrer abzuschrecken?
Mit zusammengekniffenen Augen stand Ronon an der Wand und beobachtete unverwandt, was sich dort drüben an der Theke zwischen Jennifer und den beiden Männern abspielte.
„Ronon, mein Lieber, du wirst mir doch nicht schon in unserer ersten Nacht untreu werden?", schreckte Laura ihn plötzlich aus seinen Gedanken auf.
„Sie sollten sich nicht so anschleichen. Das könnte gefährlich werden", knurrte er und wandte missmutig seinen Blick zu ihr um.
„Vorhin warst du aber freundlicher zu mir. Und darf ich dich daran erinnern, dass wir beim Du angekommen waren?"
Ronon schnaubte nur. Okay, er hatte sie geduzt, als er sie umarmt hatte. Aber das war nur ein plötzlicher Impuls gewesen, kein Bruderschaft trinken oder so.
„Ich will nicht, dass du dich in was verrennst. Was auch immer du denkst, ich bin nicht an dir interessiert. Tut mir leid", erklärte er dann etwas weniger mürrisch. Es war sicher gut, ihr gleich reinen Wein einzuschenken, bevor sie noch überall ihre Verlobung verkündete.
„Jetzt bin ich aber tief getroffen und verletzt", erklärte Cadman gespielt enttäuscht. „Ich dachte wirklich, das zwischen uns wäre was Besonderes."
„Hä?" Wie kam diese Frau nur auf so etwas? Da war doch nichts zwischen ihnen!
„Okay, ich seh schon. Meine beste Freundin hat dich mir ausgespannt. Da bin ich wohl machtlos. Aber ich will mich großzügig zeigen. Ich gebe dich frei, Ronon. Werdet glücklich miteinander."
„Zum Teufel, was redest du da, Cadman", fluchte Ronon und konnte es dabei nicht über sich bringen, Laura beim Vornamen zu nennen. „Keiner hat mich … ausgespannt … und du kannst mich gar nicht frei geben. Ich hab dir nicht gehört!"
„Na dann, worauf wartest du noch? Geh rüber zu ihr!", forderte ihn Laura auf.
Ronon schnaubte nur still. „Sie braucht mich sicher nicht. Scheint ihr ja nicht an Gesellschaft zu fehlen.
Laura war beruhigt, dass der große Satedaner wenigstens nicht abstritt, dass er ein Auge auf Jennifer geworfen hatte. Man musste schon blind sein, um das nicht zu erkennen … oder Dr. Jennifer Keller heißen.
Innerlich schüttelte Cadman den Kopf. Wie hatte es ihrer Freundin nur einfallen können, sich mit Rodney zu verabreden. Die beiden passten überhaupt nicht zusammen. Jennifer brauchte jemanden, der auf sie aufpasste und sie beschützte, nicht jemanden, der mit jedem kleinen Wehwehchen zu ihr gerannt kam und selbst einen Aufpasser brauchte.
Laura warf einen Blick an die Theke hinüber. Ja, Jennifer hatte Gesellschaft. Aber sie hatte nicht den Eindruck, dass ihr diese Gesellschaft besonders zusagte. Cadman wusste genau, dass Jennifer es nicht besonders mochte, von jedem gleich einfach so angefasst zu werden. Und dieser junge Marine ließ sich auch durch ihre ausweichenden Bewegungen nicht davon abbringen, seinen Arm immer wieder im ihre Taille zu legen und sie an sich zu ziehen.
„Ich bin absolut überzeugt, dass du jetzt sofort dort rüber gehen solltest", erklärte Laura Ronon, der seinen Blick zwischen ihr und Jennifer hin und her wandern ließ.
„Wieso?"
„Weil …"
„Okay, jetzt glaub ich's auch", brummte Ronon und stieß sich von der Wand ab. Der zweite Marina hatte gerade angefangen Jennifers Knie zu betatschen und hört auch nicht auf, als sie seine Hand wegschob. Das reichte nun wirklich.
Mit großen Schritten marschierte er durch die tanzende Menge direkt auf Dr. Keller und ihre unerwünschten Verehrer zu.
„Bitte keine Toten oder Verletzten", murmelte Laura noch hinter ihm her. Doch sie wusste genau, dass ihre Worte jetzt gerade keine Wirkung auf ihn haben würden.
„Bitte, würde Sie Ihre Hand da wegnehmen? Ich mag das nicht", versuchte es Jennifer mit Worten, als sie zum wiederholten Male, die Hand von Lieutenant Jenkinson von ihrem Knie stieß. Konnte der Mann nicht einfach seine Finger von ihr lassen? Und sein Freund, der auf ihrer anderen Seite stand, war auch nicht besser.
„Kommen Sie doch einfach mit mir weg von hier", wisperte er in ihr Ohr. „Dann sind wir unter uns und Jenkinson kann sie nicht mehr stören." Dabei streichelte er von ihrer Taille zu ihrer Hüfte.
„Ich habe keine Lust, die Party jetzt zu verlassen. Aber ich glaube, ich werde Sie jetzt wieder unter sich lassen", entgegnete Jennifer und versuchte von ihrem Hocker zu rutschen.
Doch Matthews hielt sie fest. „Aber Doktorchen, seien Sie doch kein Spielverderber. Wer wird denn gleich davon laufen. Wir könnten abseits dieser Party noch so viel Spaß haben. Wenn Sie wollen sogar zu dritt."
„Ich glaube, Dr. Keller will ihren Spaß ohne Sie haben", knurrte plötzlich Ronon hinter den dreien.
Ruckartig wandten sich drei Paar Augen dem Satedaner zu. Jennifers schienen die flehende Bitte zu enthalten, sie von den beiden aufdringlichen Verehrern zu befreien, aber das möglichst ohne Blutvergießen. Die beiden Männer sahen Ronon nur misstrauisch an. Sie waren recht neu auf Atlantis, hatten aber schon gehört, dass mit dem großen Außerirdischen nicht zu spaßen war.
Ronon ließ ein tiefes Knurren hören, bevor er Jennifer seine Hand hin hielt. „Wenn ich nicht irre, hatten Sie mir diesen Tanz versprochen", erklärte er. Dabei zeigte sein Blick deutlich, dass er von den beiden Männern keinen Einspruch hören wollte.
Jennifer rutschte sofort von ihrem Hocker und legt ihre Hand in die seine. Sofort zog er sie von der Theke weg quer durch die Menge der Tanzenden an das andere Ende des Raums.
„Vielen Dank Ronon. Sie haben mich gerettet. Ich wusste einfach nicht, was ich sagen sollte, um die beiden loszuwerden", erklärte Jennifer, als Ronon schließlich stehen blieb.
„Schon okay", brummte der.
„Trotzdem danke."
Einige Sekunden sahen sich die beiden schweigend an, bis Jennifer bemerkte, dass Ronon noch immer ihre Hand festhielt. „Ähm … nun … wollen Sie tanzen?", erkundigte sie sich zögernd. Sicher erregten sie schon jetzt Aufmerksamkeit, wo sie stocksteif neben den Tanzenden standen.
Ronon zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht wie."
„Haben Sie denn auf Sateda nicht getanzt?", erkundigte sich Jennifer überrascht.
„Schon, aber nicht so."
Ronon nickte Richtung der Tanzenden, die sich einzeln oder zu zweit über die Tanzfläche bewegten ohne dass er dabei eine Schrittfolge erkennen konnte. Jeder schien zu tanzen, wie es ihm gerade einfiel. Einige schwankten einfach hin und her, andere machten ein paar Schrittchen hin und her und andere schlenkerten recht unkoordiniert mit den Armen, auch wenn das zu der langsamen und ruhigen Melodie nicht recht passen mochte.
„Wie hat man denn bei Ihnen getanzt?" Nun war Jennifer neugierig geworden.
„Als Paar. Und enger. Jedenfalls zu solch langsamer Musik"
„Zeigen Sie es mir?", erkundigte sie sich schüchtern.
Ronon zögerte er einen Moment, dann zog er Jennifer an der Hand näher. „Legen Sie Ihre Arme um meinen Hals", murmelte er, zog sie noch ein Stück dichter und legte seine Arme dann um ihre Taille. Dann fing er an, sie in langsamen Kreisen zu drehen, erst rechts herum, dann links, immer im Takt mit der langsamen Musik.
Jennifer spürte, wie ihr Puls schneller wurde und ihr Herz heftig in ihrer Brust pochte, mit der sie an den großen Mann geschmiegt war. Ob er das auch spüren konnte?
Seine Hand glitt an ihrer Seite hinauf zu ihrer rechten Hand. Er löste ihre Finger von ihrer Linken, zog sie ein wenig weg und führte Jennifer in eine kleine Drehung. Ihr stockte der Atem, als sie danach seinen dunklen, alles durchdringenden Blick erwiderte. Im nächsten Moment führte Ronon sie in eine weitere halbe Drehung, die sie mit ihrem Rücken an seine Brust brachte. In einer Art Umarmung tanzten sie weiter und Jennifer spürte dabei Ronons Atem an ihrem Hals. Ein leichter Schauer fuhr ihr über den ganzen Körper und sie wusste gar nicht mehr, wie ihr geschah.
Sie hätte wissen müssen, dass Ronon, der sich trotz seiner Größe im Kampf so elegant bewegen konnte, auch ein guter Tänzer sein musste. Aber das, was sie da fühlte, hatte wohl gar nichts damit zu tun, wie gut er tanzte.
Noch einmal drehte er sie zu sich herum, legte wieder ihre Arme um seinen Hals und tanzte ein paar letzte Drehungen, bevor die Melodie endete.
Langsam löste sich Ronon von ihr und schaut ihr tief und suchend in die Augen. Jenifer konnte seinem Blick nicht mehr stand halten.
„Ich glaube … ich glaube … jetzt brauche ich nochmal was zu trinken", brachte sie mühsam hervor und starrte dabei auf ihre Schuhspitzen.
„Ich hole Ihnen ein Glas Wasser", erklärte Ronon und machte sich abrupt auf den Weg.
Jennifer nutzte die Gelegenheit sofort, Sie verließ fluchtartig die Tanzfläche und lief hinaus auf einen der Balkons.
