Sein Bett
„Nein, noch nicht." Ein schwaches Murmeln.
Sie wollte noch nicht aufstehen und würde es auch nicht.
Elf Uhr dreißig war vielleicht nicht die früheste Urzeit, aber es gab eine Menge Schlaf nachzuholen. Jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen, um zum Training zu gehen, war eine wahre Qual gewesen. Da hatte man sich diesen kleinen Luxus jawohl verdient.
Es war aber auch zu bequem in diesem Bett. In seinem Bett.
Zu warm.
Zu kuschelig.
Wieso hätte man jetzt schon aufstehen sollen? Unmöglich. Schon gar nicht, wenn der Körper neben sich auch nicht die geringste Anstalt machte, sich ebenfalls zu bewegen.
Tia öffnete die Augen. Es schien ihr, als würden die weißen Wände das Licht durch Reflexion noch intensivieren. Es wäre bestimmt schön gewesen, von den Sonnenstrahlen aufgeweckt geworden zu sein anstelle dieses furchtbaren Techno-Wecktons, von dem Rocket nicht wusste, wie man ihn umstellte. Uz uz uz am Morgen und den Tag konnte man eigentlich schon vergessen.
Dabei hatte er ansonsten alles getan, um ihr den Aufenthalt angenehm zu gestalten.
Nachdem er sichergestellt hatte, dass ihr Lieblingsfarbe grün war, hatte er gleich neue Bettwäsche im passenden Ton gekauft.
Nicht dieses dreckige, dunkle Grün wie bei seinem Teppich, sondern eher eine freundliche Smaragdfarbe.
Es schien für ihn morgens nicht Schöneres zu geben als zu merken, dass die Kombination von Wand und Bettdecke sich perfekt mit seiner Freundin ergänzten.
Diese schaute nun wieder einmal das Foto an, das seinen Nachttisch verzierte.
Vielleicht eines der furchtbarsten Bilder von ihnen überhaupt.
Wenn nicht das furchtbarste Bild überhaupt.
Die meisten Menschen würden ein Bild erwarten, auf dem sie um die Wette strahlten, sich verliebt anschauten, während sie eng umschlungen vor einem Sonnenuntergang am Strand saßen.
Tia konnte nicht leugnen, dass auch solche Bilder existierten, aber Rocket beharrte in diesem Fall auf eine möglichst große Unkonventionalität.
Zwei vom Regen durchnässte Köpfe, denen die Haare ins Gesicht hingen (Rockets Haare verteilten sich unglücklicherweise auf beide Gesichter), mit starken Augenringen, die den Schlafmangel deutlich machten, und verlaufener Wimperntusche (in diesem Fall nicht bei Rocket) waren in vollster Nahaufnahme abgebildet.
Der Ästhetikfaktor ging gegen Null und Tia wünschte sich manchmal nichts sehnlicher als den Bilderrahmen gegen die ungeliebte weiße Wand zu werfen und gleich darauf das Foto zu zerreißen.
Oder zu verbrennen. Notfalls würde sie es auch essen.
Während sie sich überlegte, was sie sonst noch alles in Kauf dafür nehmen würde, um dieses mehr als abschreckende Bild loszuwerden, klopfte es an der Tür.
Keine zwei Sekunden später lugte ein ihnen selbstverständlich bekannter Kopf durch die Tür, dessen Besitzerin erst einmal sicherstellte, nicht in irgendetwas reingeplatzt zu sein.
„Guten Morgen, ihr beiden Süßen."
Rocket grölte leise ins Kissen.
Tia musste lächeln. Es musste typisch für Mütter sein, ihre „Schützlinge" mit solchen Bezeichnungen zu versehen, egal, ob sie zutrafen oder wie in diesem Fall, wohl eher nicht.
„Ich hoffe ihr habt gut geschlafen. Werdet ihr wahrscheinlich getan haben, sonst wärt ihr ja schon lange oben gewesen. Wisst ihr eigentlich, wie spät es schon ist? Aber ein etwas längerer Schlaf sei euch auch zu gönnen, nach all den Qualen, die ihr auf euch nehmen musstet. Wie auch immer... Ich hab' mir gedacht, wenn ihr nicht zum Essen kommt, kommt das Essen eben zu euch und..."
Nach diesem Monolog stieß sie die Tür weiter auf und präsentierte ein Plastiktablett, auf dem eine Vielfalt von Frühstücksmöglichkeiten lag.
„...Voilà."
Bevor Tia ihre Hände ausstrecken konnte, winkte sie ab.
„Ich stell's einfach auf den Nachttisch, ja? Aber ihr müsst aufpassen, eine Ecke fehlt-nicht, dass ihr euch schneidet. Norata meint, Rocket sei draufgetreten, als er sechs war..."
„Wir sind schon vorsichtig. Stell es einfach nur da hin...", murmelte besagter Sohn, dessen Gesicht immer noch im Kissen vergraben war.
„Ich bin ja schon weg", beschwichtigte Kira, während sie das Tablett absetzte, „Aber dieses Bild ist ja wirklich fürchterlich." Sie drehte es demonstrativ um. „So würde ich nicht aufwachen wollen.
Tia, in ihrer Meinung bestätigt, nickte kräftig, bevor sie Rocket anstupste.
„Danke für alles." Sie tauschten noch ein Lächeln aus.
Nachdem Kira sie -widerwillig- verlassen hatte, drehte auch Rocket sich um, um zu sehen, was sie nun erwartete.
Zwei Schalen und Teller, Besteck natürlich auch, für sowohl Obst- als auch Gemüsesalat, frische Brötchen mit den dazugehörigen unterschiedlichsten Aufstrichen und noch frisch gekochte Eier. Dazu Tassen für unheimlich gut riechenden Pfefferminztee.
Tia atmete den Duft genüsslich ein. Wieso konnte nicht jeder Tag so schön anfangen?
Sie spürte, wie Rocket sich neben ihr aufrichtete, jedoch keine Anstalten machte, das Bett zu verlassen. Er beugte sich umständlich über sie, um möglichst schnell die Schalen mit dem Salat zu füllen.
„Wieso plötzlich so wach?", fragte sie amüsiert, während sie beobachten konnte, wie das Obst sich immer weiter häufte.
„Keine Ahnung", antwortete er, vollkommen konzentriert darauf, die Erdbeeren aus der großen Schale herauszufiltern.
Er liebte Erdbeeren.
Sie auch.
Aber wenn es um die süßen, roten Früchte ging, kannte selbst Rocket keine Freunde mehr.
Seine kurze Antwort lag nicht daran, dass er nicht mit ihr sprechen wollte, sondern war viel mehr der Beweis seiner Unfähigkeit des Multitaskings.
„Lass mir auch noch ein paar, ja?"
Anstatt wacher hatte sie der Pfefferminzgeruch nur noch müder gemacht. Sie schloss zwar die Augen, konnte sich aber immer noch genau vorstellen, wie Rocket den ganzen Salat egoistisch auseinander nahm.
Doch auch seine Quelle schien irgendwann ausgeschöpft zu sein und er legte sich zurück neben sie.
„Hast du gewusst, dass Erdbeeren im Grunde gar keine Beeren sind?", fragte er nach einer Weile.
Tia öffnete die Augen und blinzelte ihn an. „Sondern?"
„Man nennt es Sammelnussfrüchte."
Sie seufzte, während sie sich leicht an ihn kuschelte. „Du bist auch so eine Sammelnussfrucht..."
Er legte bereitwillig einen Arm um sie, war aber mit ihrer Ignoranz nicht ganz einverstanden.
„Nein, wirklich. Die meisten Menschen richten sich nur nach dem Namen, aber es stimmt einfach nicht", versuchte er sie zu überzeugen.
„Schön, dass du um so vieles schlauer bist als der Rest der Welt."
Den ironischen Ton überhörte er nur zu gerne. Es war zu früh für einen Kleinstreit.
Kleinstreit.
Das war die Bezeichnung für die unbedeutenden Neckereien, mit denen sie sich gegenseitig manchmal auf die Palme brachten.
Es ging grundsätzlich um unwichtige Dinge, absolute Nicklichkeiten, wie beim Fußball.
Und manchmal auch um den Fußball.
Vor kurzem erst, bei einer Diskussion um Rockets neu eingerichtetes Zimmer, hatte Tia behauptet, der Teppich sei nur grün, weil Rocket sich fühlen wollte wie auf dem gleichfarbigen Fußballfeld.
Der daraus resultierende Kleinstreit darüber, ob es für Rocket noch etwas anderes gab als Fußball, war jedoch nicht der erste seiner Art gewesen.
Der Junge hatte es gewagt, Tia zu fragen, wieso sie keine hochhackigen Schuhe besaß, woraufhin diese ihm wutschnaubend ihre Meinung zu „High-Heels-Und-Mini-Rock-Tragenden-Mode-Tussen" verdeutlicht hatte.
Dass Mei damals direkt daneben gestanden hatte, war ihr in dem Moment so was von egal gewesen.
Das Zupfen an seinem T-Shirt riss ihn aus diesen üblen Erinnerungen.
„Wo sind denn jetzt meine Sammelnussfrüchte", fragte sie ohne es sich verkneifen zu können, ihn nachzuahmen.
Rocket sah schuldbewusst auf die Schale in seiner Hand. In so kurzer Zeit hatte er sie doch nicht alle aufessen können.
Oder?
Alle konnte man ja nun auch nicht sagen. Eine letzte, knallrote, saftige Erdbeere blickte ihm entgegen. Es kam ihm vor, als würde sie ihn anflehen, sie auf der Stelle zu vernaschen.
„Gib sie mir einfach", zischte Tia und konnte ihre Wut nicht mehr zurückhalten, als sie die Situation erkannte.
Doch bevor sie selbst handeln konnte, hielt Rocket die Schale weit nach oben.
„Womit solltest du sie dir verdient haben?", fragte Rocket verärgert.
„Du hast alle anderen schon gegessen!", erwiderte empört.
„Tut mir leid, aber das kann ich nicht gelten lassen. Diese Erdbeere hier ist die schönste von allen und die anderen..." Er suchte nach eine möglichst guten Ausrede. „...die waren eh größtenteils vergammelt."
„Rocket, die sahen alle gleich aus", reagierte Tia, „Und allein schon für diese Lügerei steht sie dir nicht zu!"
„Es heißt Lügnerei", stellte Rocket klar und bemerkte erstaunt, wie wach sie beide vor kurz vor zwölf auf einmal waren.
High Noon.
Musste der Tag wirklich so anfangen?
„Schön, dass du so schlau bist."
„Das hast du schon gesagt."
„Und noch nie ernst gemeint."
„Trotzdem bin ich hier der Lügner, he?"
Es gab nichts, was Tia in diesem Moment mehr wollte als Rocket den kompletten Gemüsesalat übers Gesicht zu schütten. Sie tat es nicht. Immerhin musste sie auch noch etwas zu essen haben.
Stattdessen machte sie das, was Rocket gemeinhin am meisten missfiel.
Sie drehte sich einfach von ihm weg.
Rocket stellte schließlich resigniert die Schale neben sich und seufzte.
„Ach, komm schon..."
Er stupste sie leicht an.
„Du bekommst sie auch."
Sie reagierte nicht.
„Die Erdbeere, du kannst sie haben."
Egal, in welchem Takt er auf ihren Rücken tippte, der Körper verweigerte jegliche ewegung.
„Tia..."
Das Mädchen setzte sich schließlich auf und goss den immer noch warmen Pfefferminztee in eine Tasse. Es war ihre Lieblingstasse, die Rocket ihr geschenkt hatte, nachdem ihr aus Versehen ein Teil des uralten Familienteeservices heruntergefallen und in genau acht Teile zersprungen war.
Um die Symmetrie zu bewahren, hatte Norata sie zwar so gut es ging wieder zusammengeklebt und sie wieder zu den restlichen Tassen gestellt, aber Tia hatte sich geweigert, erneut aus einer solchen Tasse zu trinken und so hatte ihr Freund ihr diese spezielle Tasse mit dem fetten Smiley darauf gekauft.
Sie musst automatisch mitlächeln.
Sogar jetzt.
Sie war nicht einmal wütend auf ihn, doch sie genoss diese kleinen Spannungen zwischen ihnen, die, wenn man es so nennen konnte, Versöhnungen umso schöner machte.
Der Tee war perfekt.
Auch wenn es nur Tee war, gelang er wohl niemandem so gut wie Kira.
Bevor sie ihn zum allerersten Mal getrunken hatte, hatte sie sich gewundert, wieso Rocket des Öfteren so stark nach Pfefferminz roch. Und schmeckte.
Das Bett sackte neben ihr etwas nach unten.
„Sie möchte nicht von mir gegessen werden...", sagte Rocket und schielte das rote Etwas zwischen seinen Fingern böse an. „Sie sagt, sie will zu dir."
Tia konnte nicht verhindern, dass sie ihn anlächelte. „Dann weis' diese fiese Sammelfrucht in ihre Schranken."
„Nicht Sammelfrucht, sondern... Egal."
Sie ließ sich nur zu gerne auf seinen Schoß ziehen.
„Nimm sie trotzdem, Tia. Wahrscheinlich verdienst du sie eh mehr als ich."
„Vielleicht will ich sie ja gar nicht mehr?"
„Dann sollten wir sie teilen", schlug Rocket zwar diplomatisch, aber nicht gänzlich befreit von Hintergedanken, vor.
„Nein, dann gib sie mir lieber", erwiderte Tia skeptisch, „Mir ist gerade nicht nach erotischen Gib-Die-Erdbeere-Weiter-Spielchen."
Immer noch trotzig landete die Scheinbeere schließlich in ihrem Mund.
Doch es war keinesfalls Rockets Intention, sie dort zu lassen.
