2. Kapitel

„Wie lange sind wir jetzt eigentlich schon in diesem Wald unterwegs? Mir kam er nie so groß vor...", meldete sich Merry zu Wort und richtete sich in seinem Sattel auf, in der Hoffnung bald vor sich eine Lichtung oder dergleichen zu sehen, anstatt der vielen Baumreihen die kein Ende nehmen wollten.

„Wahrlich mir auch nicht!", gab Frodo zur Antwort. „Es ist immer wieder erstaunlich wie viel Fläche diese Bäume doch einnehmen...und er ist viel größer als Lórien...!"

„Wenn wir diese Tatsache doch schon einmal festgestellt haben...", kam es von Pippin. „...können wir doch auch gleich eine Pause machen! Die Bäume werden sich heute auch nicht mehr teilen und eine Lichtung herbeizaubern...!"

„Recht hast du Peregrin! Macht eine Rast!"

Pippins Kopf schnellte zu Merry und er musterte ihn von der Seite.

„Hast du etwas gesagt?"

Merry wandte sich zu ihm und sah ihn stirnrunzelnd an.

„Nein!"

„Pippin du Einfaltspinsel von einem Hobbit! ICH rede mit dir!"

„Diese Stimme kenne ich doch...!", murmelte Pippin, sah zu Sam und Frodo die ihre Tiere aber schon angehalten hatten und lachend hinter Pippin sahen. Der Hobbit drehte sich schnell um und als er sah, wer da mit ihm gesprochen hatte und nun entspannt sie beobachtend an einem Baum gelehnt saß, musste auch er lachen.

„Gimli! Was machst du denn hier?"

„Beobachten wie vier Hobbits einfach so an mir vorbeireiten ohne guten Tag zu sagen!"

„Oh...Vielleicht kommen ja später wieder einmal welche vorbei, die nicht so unhöflich sind und dir eventuell guten Tag sagen...!", sagte Merry und sah provozierend grinsend zu dem Zwerg, welcher sich erhoben hatte und nun entrüstet zu den Hobbits sah.

„An deiner Stelle wäre ich nicht so frech mein Freund Merry! Und jetzt begrüßt mich endlich ordentlich! Ich habe euch ja ewig nicht mehr gesehen!", gab Gimli zurück und nahm ein wenig unbeholfen, ob seiner Axt die er immer noch in der Hand hielt, erst den einen und dann auch noch die anderen Hobbits in die Arme.

Gimli musterte Merry und Pippin nach einer Weile mit zusammen gezogenen Augenbrauen.

„Seid ihr noch einmal bei Baumbart gewesen?"

„Nein...warum, fragte Merry.

„Ihr erscheint mir wieder ein Stück größer...!", murmelte Gimli und verglich genauestens die beiden Haarschöpfe der beiden – welcher ragte höher in die Luft...?

„Ach...du siehst das alles nur ganz falsch Gimli!", sagte Pippin und fuhr fort, als er die hochgezogene Augenbraue Gimlis sah. „Du wirst schlicht und ergreifend älter!"

Gimli verstand nicht. „Ja und was hat das bitte schön damit zu tun?"

„Na im Alter schrumpft man doch!"

„Im Alter...also das ist doch! Du! Also...im Alter schrumpft man...pfft...Hobbits!"

„Wollen wir nicht etwas essen?", fragte Sam schnell, um ein wenig vom Thema abzulenken und es gelang ihm vorzüglich!

Pippin hielt ein wenig Abstand von Gimli – rein zur Vorsicht – und schnell waren ein paar Kleinigkeiten „aufgetischt" und alle saßen schmausend beisammen und erzählten von Erlebtem und Verpasstem.

„Ja, ja...", sagte Gimli ein wenig in Gedanken als er sich schließlich bei einer guten Pfeife wieder an einen Baum lehnte. „Da heiratet das Bürschchen also doch noch einmal..."

Merry hob eine Augenbraue, stieß den Qualm von seiner Pfeife aus und sah fragend zu Gimli.

„Bürschchen? Er ist doch einige tausend Jahre älter als du...!"

„Ja und?", Gimli sah zu ihm. „Aber aussehen tut er noch wie ein Bürschchen! Und sich so verhalten auch manchmal, also passt es!"

Frodo und Sam sahen sich an und dachten sich ihren Teil – eher handelte Gimli überstürzt als Legolas...

„Einige tausend Jahre...!", sagte Frodo dann leise und schweifte mit seinen Gedanken ab. „Wie viel das sein mag...?"

„Sehr viel!", sagte Sam. „Ich habe schon öfters versucht mir vorzustellen so lange zu leben. Es ist wirklich schwierig...!"

„Bitte...!", kam es von Pippin und er zog wieder an dem hölzernen Stil der Pfeife. „Keine hochernsten Themen am Nachmittag! Das beschwert das Gemüt!"

Die Gruppe, die sich nun um eine weitere Person vergrößert hatte, reiste schließlich weiter. Sie führten ihre Ponys, Gimli zu Liebe, nur Pippin saß auf seinem mit der Begründung, dass es für sein Pony eine ZU große Umstellung sein würde, würde er einmal nebenher laufen und dann wieder reiten, das ginge einfach nicht...

„Wo wir gerade bei Hochzeiten sind!", kam es von Merry und er sah zu Gimli. „Hast du auch mal-..."

„Still!", unterbrach ihn der Zwerg und die vier sahen ihn verdutzt an, doch dann bemerkten auch sie die Veränderung in ihrer Umgebung. Noch ein paar Nachzügler von Vögeln flatterten aus den dichten Baumkronen der Bäume von dannen und die Geräusche des Waldes erstarben.

Gimli spielte mit den Fingern am Griff seiner starken Axt und auch die Hobbits ließen ihre Hände zu ihren Schwertgriffen gleiten.

„Was ist?", fragte Frodo leise.

„Ich habe beinahe das Gefühl...wir sind nicht alleine...!", sagte Gimli und als wäre dies das Signal gewesen, schossen auf einmal Orks aus dem Unterholz auf sie zu.

Die Ponys zerrten vor Angst an ihren Zügeln die immer noch festgehalten wurden, doch je näher diese stinkenden Kreaturen kamen, desto weniger konnten die Hobbits sie halten und Pippin sprang in letzter Sekunde vom Rücken seines Ponys, bevor es mit den anderen dreien in den Wald davon stob. Schnell griffen sie zu ihren Schwertern und Gimli sprang schon schützend vor sie.

„Sollen sie nur näher kommen!", doch war dieser Satz völlig überflüssig gewesen, sie waren bereits so nahe, dass der Zwerg seinem ersten Angreifer bereits die Axt in den fleischigen Hals bohrte.

Schnell sahen sich die Hobbits ebenfalls ihren Angreifern gegenüber, hoben ihre Schwerter und wehrten die ersten Schläge kraftvoll ab. Sehr zu ihrem Vorteil, denn die schwarzen Kreaturen rechneten nicht mit solch stark ausgeführten Hieben und die Hobbits nutzten die Verwirrung und rammten ihre kleinen Schwerter so tief es ging in die dunkle Orkhaut.

„Was tun die hier?", rief Sam zu Frodo, als er gerade einem Ork einen Arm abgeschlagen und ihm dann sein Schwert in den Bauch gerammt hatte. „Was machen Orks im Düsterwald?"

„Ich weiß es nicht!", rief Frodo zurück und stieß seinerseits zurück, doch war er zu unachtsam und ein Hieb traf ihn am Oberarm. Für ihn, viel zu langsam erscheinend, wandte er seinen Blick zu seinem Arm und spürte die warme Flüssigkeit daran hinunter laufen. Ein leises Fluchen entglitt seinen Lippen und er wurde sich schnell wieder gewahr, dass er sich nicht ablenken lassen durfte, noch waren zu viele Orks da! Wieder warf er sich seinem Gegner entgegen.

Gimli hatte gerade einem der Viecher den Kopf abgeschlagen als er schon wieder nach einem neuen Opfer suchte und sich ihm breit grinsend in den Weg stellte.

„Ihr dreckigen Viecher kommt mir gerade Recht! Meine Axt hat schon zu lange auf euch gewartet!" Der nächste Ork fiel durch einen gezielten Wurf der Waffe in den Rücken auf der Stelle tot zu Boden.

„Aber ohne das Spitzohr macht es nur halb so viel Spaß! Wen soll ich denn jetzt überbieten?" Er holte wieder aus und ließ die Axt gegen die Kante des Scimitars seines Gegenübers prallen.

„Duck dich Merry!", rief ihm Pippin gerade rechtzeitig entgegen und Merry schaffte es gerade noch, sich zwischen die Beine seines Angreifers zu werfen, anstatt von ihm aufgespießt zu werden. Der große Ork, ein wenig verwundert sah zu dem Hobbit hinab und in ein selbstgefälliges Grinsen und im nächsten Moment verspürte er schon den stechenden Schmerz zwischen seinen Lenden und fiel gekrümmt zu Boden, nur um Sekunden später ein Hobbitschwert im Nacken stecken zu haben.

„Danke Pip!", rief Merry zurück, zog sein Schwert aus dem Ork und sah sich direkt schon wieder dem nächsten gegenüber.

Pippin sah sich gehetzt um. Einer kam von links auf ihn zu gerannt und ein anderer von rechts. In der schnelle der Zeit konnte der Hobbit keinen klaren Gedanken fassen und sprang im letzten Moment mit einem Schrei nach hinten zurück, mit der Folge, dass die beiden Orks sich ihre gezogenen Waffen gegenseitig in die Leiber rammten. Er blickte um sich und zu seinem Schrecken sah er wie seine Freunde sich erbittert gegen diese Übermacht von Feinden zur Wehr setzten, aber nur immer mehr nach kamen...

„Wo kommen die alle her?", rief er verzweifelt, doch erhielt er keine Antwort und auch er musste sich wieder in den nächsten Kampf stürzen.

Sam griff schnell nach einem Stock und rammte ihn dem herannahenden Ork mitten in sein wulstiges Gesicht um nur Sekunden später den letzten Hieb an ihm mit dem Schwert auszuführen. Er verschnaufte kurz und stütze sich an dem Stamm eines Baumes ab – einige Schürfwunden an den Armen hatte auch er schon davon getragen.

Frodo sah den Ork auf sich zukommen, erhob sein Schwert und machte sich auf den Angriff bereit, doch der Ork stolperte, taumelte und fiel schließlich vor ihm zu Boden. Frodo sprang erstaunt einen Schritt zurück und sah verwundert, wie der Ork vor ihm zusammenbrach und regungslos liegen blieb. Frodo sah sich darauf hin suchend um und konnte gar nicht so schnell gucken, wie Pfeile durch die Bäume surrten und todbringend ihr Ziel trafen, nicht zuletzt „seinen" Ork.

„Legolas!", hörte man den lauten Ruf Gimlis. „Du lässt dir aber viel Zeit, bist du endlich hier aufkreuzt!"

Ein weiterer Pfeil flog und das nur um haaresbreite an Gimlis Kopf vorbei, genau durch den Schädel einer der hinter dem Zwergen lauernden Kreaturen.

„Woher soll ich auch wissen, dass ihr eine neue Bekanntschaft gemacht habt? Dann hätte ich mich natürlich mehr beeilt und euch früher abgeholt!", gab der Elb sarkastisch zurück und sprang geflissentlich von Arod und scheuchte das Pferd wieder weg – die nächsten Pfeile fanden ihr Ziel.

Die Hobbits und auch die Orks erwachten wieder aus ihrer Lethargie und gingen wieder zum Angriff über.

Sam und Frodo standen nun Rücken an Rücken und wehrten verbissen die heraneilenden Orks ab – wurden das denn nie weniger?

Pippin stand in der Nähe von Gimli und spielte ein reges Fangenspiel mit den Kreaturen, in dem er sie durch die Bäume lockte, bis sie so durcheinander waren, dass er einen todbringenden Stoß ansetzten konnte.

„Dank, dass ihr nur so wenig Hirn habt!", sagte er schnaufend, als er seinem bis jetzt letzten Angreifer das Schwert wieder aus dem Rücken zog.

Legolas steckte seinen Bogen wieder zurück und griff behände nach seinen beiden Kurzschwertern, die auf seinem Rücken geruht hatten – für Pfeile waren sie nun zu nahe!

Schnell und unaufhaltsam tanzten die beiden Klingen in seinen Händen und durchdrangen das Fleisch der Orks wie fließendes Feuer.

Merry wehrte verbittert einen nach dem anderen Schlag ab, nur um feststellen zu müssen, dass er immer weiter zurück gedrängt wurde. Lange konnte er das nicht mehr aushalten und das Abdriften seiner Gedanken wurde auch sogleich bestraft. Die Klinge des Orks stach in seinen Oberschenkel und ein lauter Schmerzensschrei entfuhr ihm und ließ ihn – selbst erschrocken – zurück taumeln und hinfallen.

„Merry!", rief Gimli und warf sich von hinten auf den Ork, der vorgehabt hatte demnächst Hobbit am Spieß zu speisen. Der Zwerg sprang mit einem beherzten Sprung auf das Viech und schubste ihn von dem Hobbit weg, der sich darauf hin, das Gesicht verziehend, wieder aufrappelte.

Gimli rang mit dem Ork auf dem Boden, er hatte seine Axt bei dem Sprung verloren und versuchte nun den Ork von sich, aber gleichzeitig auch seine Waffe wieder zubekommen. Merry sah mit Schrecken, wie noch mehr angerannt und zu dem Zwerg kamen, konnte aber gerade nicht sein Bein davon überzeugen sich ihnen entgegen zustellen. Gimli schaffte es schließlich das stinkende Viech von sich zu schaffen und nach seiner Axt zu greifen, doch es blieb bei dem Greifen, denn ein weiterer Scimitar legte sich ihm fest an den Hals und ließ den Zwerg in seiner Bewegung inne halten.

„Aufhören!", donnerte eine dunkle Stimme durch die Bäume und ließ alle in ihrer Bewegung innehalten. Der Ork stand inmitten des Geschehens und hielt Gimli unverwandt seine Waffe an die Pulsader.

Legolas sah erschrocken zu dem Zwerg und auch die Hobbits wussten sich nicht zu helfen. Die Orks rückten näher an sie heran und ließen die Freunde die Waffen abwehrend wieder erheben. Der Ork, der Gimli den Krummsäbel an den Hals drückte, ritzte seine Haut ein wenig ein und mehr vor Schreck, denn vor Schmerz entfuhr dem Zwergen ein leiser Schrei, für den er sich im nächsten Moment auch schon wieder verfluchte. Jetzt nur keine Schwäche zeigen...!

„Lasst die Waffen sinken!", befahl die donnernde Stimme erneut und die Hobbits sahen Rat suchend zu Legolas der zwischen all den Orks hin und her sah.

„Was wollt ihr?", fragte er im Gegenzug.

„Gebt auf oder er wird sterben!", brüllte er Ork, ohne auf die Frage einzugehen.

Legolas sah zu den Hobbits und dann zu Gimli – der Ork drückte schon wieder fester zu. Er ließ langsam seine Schwerter sinken, nur um einen bittenden Blick von Gimli zu bekommen es nicht zu tun! Nicht wegen ihm!

Legolas schloss die Augen, um diesen Blick nicht zu sehen – er würde gewiss nicht das Leben seines besten Freundes aufs Spiel setzten! Er ließ seine Schwerter sinken und fühlte im nächsten Moment wie er grob gepackt und ihm seine Schwerter aus der Hand geschlagen wurden. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er zu seinem Bedauern, dass es den Hobbits nicht anders ging – jeder wurde von zweien der Kreaturen festgehalten.

Gimli hätte am liebsten laut geflucht, doch wagte er es nicht, die Klinge bohrte sich bei jeder Atembewegung weiter in seine Haut.

Legolas versuchte sich aus dem Griff der starken Arme zu winden, doch wurde er nur noch fester gepackt, was seine Oberarme bereits schmerzen ließ. Das kam ihm alles zu bekannt vor! Die Bilder seiner Gefangenschaft traten wieder vor sein Auge und ließen ihn für einen kurzen Moment erschauern.

„Fesselt sie und bindet sie an!", kam der brüllende Befehl und die Hobbits fühlten wie sie mitgeschleppt und mit groben, rauen Seilen an Bäume gebunden wurden. Auch Legolas wurde zu ihnen gebracht und ihm wurden die Hände auf den Rücken gefesselt. Der „Anführer" der Gimli immer noch in seiner Gewalt hatte, schleppte auch ihn zu einem Baum und befahl einem weitern Ork, ihn hart anzubinden, während er ihm weiterhin die Klinge an den Hals hielt. Alle Waffen wurden eingesammelt und auf einen entfernten Haufen gelegt, so dass sie sie zwar sehen aber nie erreichen konnten.

Sam spuckte einem der Viecher vor die Füße, als dieser ihn an den Baum band, was ihm nur eine heftige Ohrfeige einbrachte und tief Luft holen ließ.

Legolas sah beunruhigt was vor sich ging und verstand rein gar nichts.

„Und jetzt?", fragte er und hob sein Kinn ein wenig um sich seine eigene Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

„Und jetzt? Werdet ihr uns Gesellschaft leisten!", lachte der Ork hämisch.

„Warum?", fragte Legolas weiter.

„Darum!", war die einzige Antwort. „Und wenn ihr jetzt nicht artig mitkommt...!", drohte er und deutete mit einem Kopfnicken auf Gimli und seine Waffe, die er immer noch an des Zwergen Hals hielt.

Legolas ließ seinen Blick über die Hobbits schweifen, die gefesselt an den Bäumen hockten, Frodo wand sich, weil sein Arm so nach hinten gebunden war, dass seine Wunde schmerzhaft gespannt wurde und Merry lehnte sich gegen den Baumstamm, bemüht, sein verletztes Bein so wenig wie möglich zu bewegen. Sam und Pippin versuchten, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen – doch ihm konnten sie nichts vormachen. Legolas kannte die Hobbits lange genug! Außerdem mussten die Wunden dringend versorgt werden und ein längerer Marsch – und dieser würde ihnen sicher bevorstehen – waren den Verletzungen sicher nicht zuträglich.

Legolas' Verstand arbeitete fieberhaft. Wer konnte nur hinter diesem Überfall stecken und wozu sollten die Hobbits oder Gimli dieser Person nützlich sein? Wie war es möglich, dass sich eine so große Gruppe Orks ungesehen im Düsterwald aufhalten konnten und wo konnten sie sich versteckt gehalten haben? Für Legolas gab es nicht den geringsten Zweifel, dass die Hobbits nicht das eigentliche Ziel sein konnten!

Wieder sah er zu den Freunden. Er musste erreichen, dass diese nicht gefangen genommen wurden, auch wenn das bedeutete, dass er auf sich alleine gestellt war.

„Lasst meine Freunde hier gehen! Sie sind verletzt und würden euch nur aufhalten! Die Elben dieses Waldes könnten euch leicht einholen..."

Ein Hieb in den Magen brachte Legolas abrupt zum Schweigen und er krümmte sich mit einen Stöhnen zusammen.

„Für wie dumm hältst du uns eigentlich?", knurrte der Anführer. „Wenn wir diese Wichte laufen lassen, dann holen sie doch umgehend Hilfe!"

Legolas versuchte gegen die Übelkeit anzukämpfen, die der Schlag hervorgerufen hatte, ließ sich aber nicht von seinem Vorhaben abbringen.

„Lasst sie einfach gefesselt zurück! Ich wurde ausgesandt, um sie das letzte Stück ihres Weges zu begleiten. Wir werden nicht vor Einbruch der Nacht zurück erwartet, aber dann wird man sicher einen Suchtrupp losschicken. Mit ihnen seid ihr langsam und könntet eingeholt werden – ohne sie wärt ihr längst nicht mehr zu finden..."

Die Orks wurden bei Legolas' Worten unsicher und wechselten rasche Blicke mit ihrem Anführer, der schließlich mit einem Nicken zu verstehen gab, den Zwerg ebenfalls zu fesseln.

„Nein!", zeterte dieser. „Hört doch nicht auf dieses Spitzohr! Er weiß ja nicht was er da redet..."

Legolas schloss besorgt die Augen. Er hatte sich ja denken können, dass Gimli sich nicht einfach so fügen würde...

Der Elb sah verzweifelt zu Gimli und dieser erwiderte seinen Blick nicht minder Hilfe suchend. Legolas' Nackenhaare stellten sich auf, bei dem Gedanken mit den Orks gehen zu müssen, die alte Gefangenschaft lag einfach noch zu tief in seiner Seele, er wollte es um keinen Preis, doch wenn er es nicht tat, würden sie Gimli...

Er senkte den Blick um keinen seiner Freunde sehen zu müssen und nickte leicht – doch es reichte um dem Ork zu verstehen zu geben und er befahl den anderen den Elben mit zuschleppen und das Weite zu suchen, was diese auch erbarmungslos ausführten und Legolas mit sich zerrten, der es willenlos mit sich geschehen ließ – Hauptsache seine Freunde waren in Sicherheit!

„Nein!", schrie Frodo, als er sah, wie die Orks mit Legolas verschwanden. „Warum tut ihr das?"

„Das geht dich gar nichts an Früchtchen!", knurrte der Ork böse und ließ von Gimli ab, der sich sofort von seinen Fesseln zu befreien versuchte.

„Was habt ihr jetzt mit uns vor?", fragte Pippin.

„Euch hier stehen lassen, das haben wir vor!", sagte der Ork und wandte sich mit einem angewiderten Knurren ab und lief mit den anderen in den Wald hinein.

Gimli konnte nicht mehr an sich halten und fluchte, dass sich die Bäume bogen und als sie außer Sicht waren, konnte er seinem Ärger, seiner Wut und seiner Verzweiflung nicht mehr Einhalt gebieten und schrie all seinen Missmut in die Stille des Waldes.

ooOOoo

Sengend brannte die Sonne vom Himmel, an dem kein noch so kleines Wölkchen zu sehen war und endlich den erlösenden Regen auf die ausgetrocknete, von schwarzen, rissigen Streifen durchzogene Ebene spenden würde. Nicht ein Hauch von Wind dämpfte die letzte Hitze des Sommers, die über dem Land flimmerte und es mit dem Horizont verschmelzen ließ, nur durchbrochen von den hoch aufragenden Bergen, die rot und orange von der Sonne glühten.

Hoch oben, zwischen einem breiten Pass der Gipfel, verborgen von einem noch etwas höherem Berg, ragte der schwarze Palast auf, den Morrash nun schon einige Jahre beherrschte, ungeahnt derer, die bald schon seine erneute Bekanntschaft machen würden. Seine Zinnen hoben sich gerade so weit empor, dass man von den oberen Fenstern über die Ebene blicken konnte, dem Lauf des Carnen folgen konnte, aber auch, wenn man über gewisse Fähigkeiten verfügte, die Bäume Düsterwalds, den Langen See und den einsamen Berg ausmachen konnte.

Es schien Morrash immer wieder wie ein Hohn, dass ausgerechnet der Düsterwald so nah lag und ihm das einzige bisschen Abwechslung in seiner Aussicht bot, ja, ihn an seine alte Heimat erinnerte. Wenn er sich sehr konzentrierte, sich ganz auf das schwache Grün in der Ferne richtete, glaubte er sogar, schwach den Geruch der Bäume wahrnehmen zu können und schloss er die Augen, so beschworen sich mit deren Duft auch wie von selbst die Bilder einer längst vergangenen Zeit herauf. Ein Leben, dass nun schon so lange hinter ihm lag, dass es ihm schon fast unwirklich erschien – und doch – es war immer noch ein Teil von ihm und rief auch die alten Gefühle wieder an die Oberfläche. Nicht nur die Wälder um Bruchtal tauchten vor seinem inneren Auge auf und für einen Augenblick sah er sich wieder auf das Hause Elronds zu laufen, den Blick auf die Terrasse gerichtet. An einen der kunstvoll verzierten Pfeiler lehnte ein junger Mann, die Aufmerksamkeit ganz in das Buch versunken, dass aufgeschlagen auf seinen Knien lag. Das schulterlange Haar fiel ihm ins Gesicht und verbarg so seine ernsten Züge und er nahm ihn scheinbar nicht einmal wahr, als er bereits vor ihm stand. Doch er war es, der zusammenzuckte, als die klare Stimme, ohne dass der Mensch aufsah, ihn freundlich ansprach...

Morrash zwang sich, seinen Blick und sein Bewusstsein wieder zu sich zu rufen, ließ vom Anblick des Waldes ab und machte sich seine unmittelbare Umgebung wieder bewusst. Der harte, aufgeheizte Stein der Brüstung, der sich rau unter seinen schlanken Händen anfühlte und ihn fast verbrannte, das Klirren der Rüstungen und Schwerter im Burghof, der Geruch des Leders, den seine eigene Rüstung ausstrahlte und das Kitzeln seiner Haarsträhne, die sich in einem schwachen Windzug kurz hob und seinen Nacken streifte.

Morrash seufzte, wandte endgültig den Blick von der Landschaft vor sich und betrat seine Gemächer. Er musste aufhören dieser längst vergangenen Zeit nachzuhängen. Sie gehörte seiner Vergangenheit an und war unwiederbringlich. Er hatte gelernt diesen Teil seiner selbst in sich zu verbannen und würde sich jetzt – so kurz vor dem Ziel nicht die kleinste Schwäche erlauben. Dies würde unweigerlich zum Scheitern seines Plans führen und seine Neider unter den Orks nur dazu dienen, dass sich ihnen eine Angriffsfläche bot, um seinen Platz einzunehmen, welchen er sich selber hart erkämpft hatte. Endlich bekleidete er einen Rang, den seiner würdig war und niemand konnte ihm mehr einfach Befehle erteilen.

ooOOoo

Langsam senkte sich die Sonne am Himmel herab, ließ die Hitze des Tages abklingen und tauchte die Landschaft in die Farben von Violett und Orange. Einzelne Sterne leuchteten bereits schwach am Firmament auf und Stille breitete sich über dem Land aus.

Legolas war dankbar, dass die Temperatur endlich auf ein erträgliches Maß sank und versuchte endlich, seine Umgebung genau in Augenschein zu nehmen, damit er wenigstens annähernd eine Ahnung bekam, wo er sich befand! Sie hatten Düsterwald verlassen, den Schutz der Bäume, die vor der sengenden Sonne die einzige Kühlung geboten hatte, aber auch seine Augen vor deren gleißenden Strahlen bewahrt hatte. Was war nur los mit ihm? Sonst war er nicht derart Lichtempfindlich gewesen, aber jetzt hatten ihm die Augen gebrannt, als stieße man ihm brennende Lanzen hinein und er hatte den ganzen bisherigen Weg über die Lider fest zusammengepresst. Seine Hände hatten die Orks fest hinter seinem Rücken verschnürt und nach einigen erfolglosen Versuchen, die nur dazu geführt hatten, dass sich die Stricke in seine Handgelenke geschürft hatten, hatte er es aufgegeben, sich aus ihnen heraus zu winden.

Vor und auch um ihn herum erstreckte sich eine weite Ebene, die jetzt, nach den endlosen Tagen ohne Regen, einer Wüste glich. Das Gras war zu gelben Strohhalmen gebleicht, die Erde darunter hart und rissig und keine Blüte reckte sich oder wehte in der lauen Brise, die der Abend mit sich brachte. Am Horizont konnte Legolas nur schwach eine dunkle Bergkette ausmachen, ansonsten schien keine Trennung zwischen Himmel und Erde zu bestehen, jetzt, da die Schatten ineinander verschmolzen und die Nacht alles verschluckte.

Legolas schluckte, sein Rachen war ausgetrocknet, seine Lippen rissig, aber all das konnte er ertragen, solange er noch die Weite des Himmels über sich hatte und ein Teil der Natur um sich herum war. Wieder stieg Panik in ihm auf, als er sich die Frage stellte, wohin die Orks ihn wohl bringen mochten, welches Gefängnis wohl diesmal auf ihm warten würde. Er war sich sicher, dass er die bedrückende Enge einer ähnlichen Zelle, wie damals in den unterirdischen Höhlen, kein weiteres Mal ertragen könnte.

Die Gruppe hielt unvermittelt an und Legolas wurde gepackt und einfach auf die Erde gestoßen, wo er sich so bequem wie möglich hinsetzte und die Orks beobachtete, die sogleich damit begannen, ein Lager für die Nacht herzurichten. Legolas erhielt eine karge Mahlzeit, etwas Wasser und eine einfache Decke und nachdem er, kurzfristig von den Fesseln befreit, das trockenen Brot mit dem Wasser herunter gespült hatte, fielen ihm auch schon bald die Augen zu...

ooOOoo

Aragorn lag faul auf seinem Lager, hoch in den Bäumen von Lôrien, und versehrte sein Frühstück aus frischem Obst und Lembas, dass er mit verdünntem Wein herunterspülte. Neben ihm lag ein Stapel von Schreiben, von dem das oberste das Siegel von Rohan trug. Normalerweise arbeitete er sogar beim Essen, doch heute vernachlässigte er seine Pflichten und beobachtete amüsiert, wie seine Gemahlin die Nerven verlor.

Ihr luftiger Morgenrock bauschte sich um ihre schlanke Gestalt, als sie in ihrer Laube aus Blättern und Zweigen hin und her eilte. Dreimal hatte sie bereits ihr Haar geflochten und hochgesteckt, es jedoch jedes Mal sofort wieder gelöst, weil sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Über einem starken Ast waren mehrere Gewänder gestapelt, aber mit dem Ankleiden hatte sie noch nicht einmal begonnen, weil sie noch immer mit ihrem Haar beschäftigt war und ihre gemurmelten Flüche waren für Aragorn eine prächtige Unterhaltung.

Schließlich bemerkte er: „Für mich hast du dir noch nie so viel Mühe mit dem Ankleiden gemacht!"

Arwen sah ihn wütend an. „Väter sehen genauer hin als Ehemänner, besonders, wenn er die Tochter so lange nicht gesehen hat!"

„Dürfte dein einfacher Ehemann dennoch einen Vorschlag machen? Warum machst du dich nicht so zurecht wie immer? Elrond will schließlich seine Tochter sehen und nicht die prachtvoll gewandete Königin Gondors!"

„Meinst du?", sagte sie unglücklich und wurde rot, als er anfing zu lachen. „Lass das! Ich weiß, dass es verrückt ist, aber ich muss die ganze Zeit daran denken, dass er anfangs alles daran gesetzt hat, unsere Liebe zu bekämpfen. Da will ich nicht, dass er einen falschen Eindruck bekommt, wenn er mich nach all der Zeit sieht und ich meine Reitkleidung trage und eher wie meine Zofe aussehe als wie die Gemahlin des Königs!"

„So, so! Du veranstaltest das Theater hier also nur, um ein besseres Licht auf MICH zu werfen!" Wieder lachte er auf. „Arwen – alles worauf es ihm ankommt bist du! Er wird dich noch genauso schön finden, wie er dich in Erinnerung hat. Und egal wie sehr du dich herausputzen wirst wird er immer noch denken, du wärst viel zu schade für mich!" Er grinste und wischte sich die Hände ganz unköniglich an den Bettlaken ab. „Vertrau mir! Und nun komm her zu mir und lass mich dir helfen ... du verrückte Elbe!"

Sie setzte sich mit dem Rücken zu ihm aufs Bett und er fuhr mit den Händen durch ihr Haar um den geflochtenen Zopf zu lösen, fasste dann ihre widerspenstigsten Strähnen und steckte sie locker an ihrem Hinterkopf fest, sodass ihr immer noch ein Teil ihres Haar über den Rücken fiel. Dieses strich er ihr aus dem Nacken und küsste sie genau zwischen die Schulterblätter, was ihr einen Schauer verursachte.

„So, jetzt sieh dich mal an!", murmelte er und gab sie frei.

Arwen beugte sich über die Schüssel mit Wasser, die ihr als Spiegel diente und nickte zustimmend. „Wenn du einmal keine Lust mehr zum Regieren hast, kannst du gerne als mein Knappe in meine Dienste treten – das ist gar nicht so übel! Außerdem kann nicht jeder behaupten, einen so umwerfenden Mann als Diener zu haben..." Jetzt war es an ihr zu lachen.

„Ich tue so etwas nur, damit meine Gattin mir schmeichelt.", grinste er und warf die Laken zur Seite über die Schriftstücke, streckte sich genüsslich und gähnte.

„Deine Gattin muss dich wohl daran erinnern, was du heute Morgen noch alles zu tun hast! Komm endlich aus dem Bett und mach dich fertig!"

„Wirklich?" Über seine Schulter warf er einen Blick auf die Bettdecke. „Ach ja, da waren einige Berichte – aber die sind anscheinend verschwunden! Und irgendjemand – ich weiß gar nicht mehr wer - sollte hier heute in Lôrien eintreffen..."

Arwen sah ihn vorwurfsvoll an. „Hat dir schon einmal jemand gesagt, wie unmöglich du bist?" Sie streifte ihr Gewand ab und schlüpfte in die bequeme Reisekleidung.

„Aber ja. DU. Andauernd!"

„Zieh dich an und komm. Mein Vater wird bald mit Gandalf hier eintreffen und wir wollen noch vor dem Abend nach Düsterwald aufbrechen!", schalt sie ihn, aber in ihren Augen leuchtete der Schalk.

Doch die Reisegruppe aus Bruchtal hatte Verspätung. Aragorn und Arwen warteten mit den Elben aus Lôrien auf der großen Lichtung und Arwen lief immer wieder auf und ab und blickte in die Schatten des Pfad, wo ihr Vater mit seiner Begleitung erscheinen musste. Aragorn machte es sich auf einem Moosfeld unter einem der Mallornbäume bequem und beobachtete sie. Ihre Ungeduld war wirklich sehr unterhaltsam – und je ungeduldiger sie wurde, desto entspannter wurde er seltsamerweise. Er konnte nicht leugnen, dass er am Abend zuvor ebenfalls von einiger Unruhe geplagt gewesen war, wenn er an Elrond gedacht hatte, aber nun sah er ihrem Zusammentreffen ruhiger entgegen. Wohlwollend musterte er Arwen, die sich das Haar und ihre Kleider immer wieder glatt strich. So schön sie auch in ihren edlen Gewändern und dem königlichen Schmuck aussah, in Reitkleidung gefiel sie ihm doch am besten, denn es zeigte nicht nur ihre schlanke Figur, sondern spiegelte auch ihr unternehmungslustiges, teils auch rebellisches Wesen wieder, dass sie nicht nur bewiesen hatte, als sie damals ihm und den Hobbits an der Furt zu Hilfe geeilt war. Elrond würde das sicher genau so sehen und durch die Wiedersehensfreude so abgelenkt sein, dass er sich jeden Kommentar über seine damaligen Einwände sicher sparen würde.

Endlich kam ein Elb den Weg entlang geritten, hielt auf die wartende Gruppe zu und zügelte sein Tier knapp vor ihnen, wobei er sich kurz im Sattel verbeugte.

„Ich freue mich verkünden zu dürfen, dass der Herr Elrond mit seinem Gefolge, sowie Gandalf der Weiße gleich eintreffen werden!"

Ein Blick auf Arwen genügte, um Aragorn zu zeigen, wer den Boten am Rande der Grenzen postiert haben musste, denn sie erwiderte seinen Blick schuldbewusst.

Endlich trat die Reisegruppe aus dem Wald auf die Lichtung. Elrond ritt an der Spitze, wie es sich seinem Rang nach entsprach, gefolgt von Elladan und Elrohir, Arwens Zwillingsbrüdern, sowie zehn Elben der Gefolgschaft. Die Gruppe ritt auf die Wartenden zu und verbeugte sich im Sattel vor dem Königspaar Gondors formvollendet und wie es der Sitte entsprach, Aragorn und Arwen erwiderten die Geste ebenfalls mit hoheitsvollem Nicken, wobei Arwen ein Lächeln unterdrückte, als sie die Mienen ihrer Brüder sah, die sich zwangen, nicht zu lachen. Dann grinste Elladan breit und Elrohir verdrehte die Augen zum Himmel, was auch ein breites Lachen auf Aragorns Gesicht hervorrief.

Endlich schwang sich Elrond aus seinem Sattel und breitete seine Arme einladend aus. Diese Einladung nahm Arwen nur zu gerne an und schon lief sie auf ihn zu und warf sich stürmisch an seine Brust, allen Anstand vergessend. Elrond drückte sie fest an sich und ließ sie dann los, um sie eingehend zu betrachten.

„Lang ist es her, dass meine Augen solch eine Schönheit bewundern durfte! Umso mehr freut es mich, dich endlich wieder zu erblicken."

Arwen lachte hell auf. „Danke ada!"

Elrohir drängte sich nun an seinem Vater vorbei und schloss Arwen ebenfalls in seine Arme und sie verstrubbelte ihm die dunklen Haare, was ihn entrüstet schnauben ließ. Elladan setzte die Begrüßung schließlich fort und dann richteten sich alle Blicke auf Aragorn, der sich die ganze Zeit über im Hintergrund gehalten hatte, um das Wiedersehen nicht zu stören. Elrond und seine Söhne traten schließlich auf ihn zu und schlossen ihn ebenfalls kurz in ihre Arme.

„Ich dachte schon, wir würden nie ankommen!", brummte Elladan als die Begrüßung beendet war. „Elrohir musste unbedingt einem Reh hinterher jagen, das er zum Abendmahl schießen wollte. Allerdings ist es ihm entkommen!"

„So ein Pech!", bedauerte Arwen ihn, doch ihr Blick, den sie Elrohir zuwarf, sagte etwas anderes.

Schließlich begaben sich alle in eine große geräumige Laube, wo sich alle niederließen und eine Stärkung für die Reisenden bereitstand und nachdem sie sich erfrischt hatten, beschlossen sie, sich bereits in einigen Stunden gemeinsam auf den Weg zu machen um pünktlich im Düsterwald einzutreffen….

ooOOoo

Die Sonne des zweiten Tages senkte sich langsam dem Horizont entgegen und tauchte die Bergkette in goldenes Licht, was den Eindruck vermittelte, sie seien aus dem Edelmetall gegossen worden. Legolas, der von seinem Wächter unbarmherzig vorwärts gestoßen wurde, sah den schmalen Pfad vor sich voller Hoffnung hinauf und schickte ein Stoßgebet an die Valar, dass die mühevolle Reise durch die Ebene und diese Berge endlich zum Ende gelang. Er stöhnte plötzlich auf und schwankte, als ein unsichtbarer Hieb ihn fast von den Füßen riss, begleitet von einem stetigen Brummen, dass in seinem Kopf widerhallte und schließlich seinen ganzen Körper auszufüllen schien. Legolas presste die Hände an die Schläfen und schloss die Augen und im nächsten Moment wünschte er, er hätte es nicht getan! Ein Farbennetz von unbeschreiblicher Intensität wirbelte vor seinen geschlossenen Lidern und dann zerriss ein schriller Schrei das Brummen und zwang ihn die Knie.

Der Wächter zerrte augenblicklich an seinen Armen, um ihn wieder auf die Füße zu ziehen und knurrte ihm zu, er könne sich seine Spielchen sparen, bevor er ihm einen weiteren Stoß versetzte.

Sie hören und fühlen es nicht – kam es Legolas in den Sinn! Sie nehmen all diese Dinge gar nicht war! Er kämpfte sich weiter und begann unter wachsenden Schmerzen zu zittern, seine Gedanken waren seltsam verzerrt und er fühlte sich benommen. In ihm pulsierten Schmerzen aus Farben, Lauten und Stoffen, die aber nicht wirklich da waren. Doch sie fühlten sich seltsam vertraut an, aber er konnte nicht klar genug denken, um sie zu identifizieren.

Er versuchte noch dieses vertraute Gefühl zu erkennen, als es ebenso plötzlich erstarb, wie es ihn befallen hatte. Verblüfft, aber auch erleichtert schüttelte er kurz seinen Kopf und als er aufblickte, sah er wieder den Pfad, der eine leichte Biegung machte und vor ihm tauchte wie aus dem Nichts eine riesige Burg auf…

Im Inneren der Burg, die gänzlich aus schwarzen, blankpoliertem Stein bestand, war es angenehm kühl und jeder ihrer Schritte hallte von dem hohen Gewölbe wider, das sich über ihnen wie ein Himmel erstreckte und es herrschte hier völlige Nacht. Vor ihnen erstreckte sich ein Gang, an dessen Ende sich eine geschlossene Pforte befand die sich nun wie von Geisterhand öffnete und eine ausgedehnte Halle offenbarte. In ihr zogen sich lange Reihen schwarzer Pfeiler scheinbar endlos in die Finsternis, die Decke des Saals verblieb in Dunkelheit. Eine Reihe von rotglühenden Kohlebecken auf hohen Ständern waren die einzigen Lichtquellen und erhellten den Weg zu einem Thron am entfernten Ende, dessen Rückenlehne mit eigentümlichen Schriftzeichen und Symbolen verziert war. Aber all das war es nicht, was Legolas' Blick fesselte. Auf dem Thron saß eine schattenhafte Gestalt und als sich seine Augen allmählich an das dämmrige Licht gewöhnt hatten, musste er all seine Beherrschung aufbringen, um sich sein Entsetzen nicht anmerken zu lassen.

Mit allem hatte er gerechnet, sich den ganzen Weg vorzustellen versucht, was oder wer ihn hier erwartete, doch jetzt erst wurde ihm bewusst, dass er völlig im Dunkeln getappt hatte.

Diese Person war trotz ihrer Rüstung, die in Aussehen und Verarbeitung eindeutig denen der Orks glich, ein Elb! Das ebenmäßige, fein geschnittene Gesicht, die edlen Züge, die Blässe der Haut, die so unverkennbar spitz zulaufenden Ohren und der grazile, schlanke Körper der Elben.

Legolas schluckte sein aufsteigendes Unbehagen hinunter. Er hatte sich darauf eingestellt, sich einem Uruk- hai oder Ork gegenüber zu sehen, oder sonst einer schauerlichen, Furcht einflößenden Gestalt und sich schon genau überlegt, wie er diesem gegenüber treten sollte, doch seine Verwirrung machte all seine Plänen zunichte.

Bevor Legolas sich auch nur etwas gefangen hatte, stand der Elb von seinem Thron auf und schritt langsam die Stufen der Empore hinunter, überwand fast ohne jede erkennbare Bewegung die Distanz zwischen ihnen und musterte Legolas so eindringlich, dass dieser fast das Gefühl hatte, seine Seele würde nach außen gekehrt.

Legolas wollte sich diesem prüfendem Blick schnellstmöglich entziehen und endlich wissen, was dieser ganze Überfall zu bedeuten hatte. Auch wenn seine Stimme längst nicht so fest klang, wie er es sich wünschte, richtete er das Wort an seinen Gegenüber.

„Wer seid ihr und was wollt ihr von mir?"

Der Elb reagierte nicht einmal mit einem Wimpernschlag auf Legolas' Worte, sondern richtete sich an den Ork, der Legolas noch immer unbarmherzig am Oberarm gepackt hielt.

„Könnt ihr mir vielleicht erklären, was das soll? Ich hatte euch doch befohlen, diese Halblinge herzuschaffen – oder diesen Zwerg! Was soll ich mit diesem Elben? Habt ihr meinen Befehl nicht verstanden, oder wollt ihr meine Geduld auf die Probe stellen?"

Legolas merkte, wie bei diesen Worten ein eisiger Strom seine Beine hinauf kroch, sein Mund wurde trocken und eine düstere Ahnung überkam ihn.

„Herr…, wir …. Es kam zu einer heftigen Gegenwehr mit der wir nicht gerechnet hatten… und dann kam dieser Elb hier dazu und alles wurde noch schlimmer! Wir haben einen ganzen Teil unserer Truppe eingebüßt… und die Halblinge und auch der Zwerg hätten unseren Rückzug nur aufgehalten! Wir wollten aber nicht mit leeren Händen zu euch zurückkommen…. also haben wir uns gedacht…."

„So! Du hast gedacht! Was glaubst du eigentlich, was ich mir gedacht habe? Der gute König Thranduil wird wohl kaum seinen Sohn wegen eines einfachen Elben seiner Kolonie eintauschen! Ich habe euch doch erklärt, dass Prinz Legolas jede Vernunft vergisst, wenn es einer seiner Freunde in Gefahr gerät! Er wird sich sicher nicht den Befehlen seines Vaters widersetzen, nur für einen …, " er musterte Legolas noch einmal kurz, „..einen Krieger!"

Legolas spürte Wut bei diesen Worten in sich aufwallen, als er endlich den Zweck dieses Angriffes verstand und diese half ihm, endlich wieder einen klaren Gedanken fassen zu können! Dieser Kerl – wer auch immer er war – wollte eigentlich ihn! Und er hatte keine Ahnung, dass er den Prinzen des Düsterwaldes bereits vor sich hatte! Aber Gimli hatte laut seinen Namen gerufen, als er ihnen zu Hilfe geeilt war. Glücklicherweise schien sich keiner der Orks dessen zu erinnern! Was könnte dieser Elb nur von ihm wollen? Und was, wenn er heraus bekam, dass er sein Opfer bereits in Gefangenschaft hatte? Daran mochte Legolas lieber nicht denken und er wartete gespannt in die Stille hinein, ob nicht doch noch einer der Orks seine Erinnerung wieder fand.

„Los, bringt ihn in die Verliese. Ich werde später entscheiden, was ich mit ihm anfangen werde."

Die Worte waren noch nicht ganz in dem hohen Gewölbe verklungen, als Legolas auch schon aus der halle gezerrt wurde.

ooOOoo

In der Abenddämmerung des vierten Tages nach ihrem Aufbruch aus Lôrien traf die Reisegesellschaft schließlich bei den Hallen Thranduils ein. Die große Lichtung die sich davor auftat, war bevölkert mit kleineren Elbengruppen, die sich in ihren wohlklingenden Stimmen leise unterhielten.

Elrohir sah zu seinem Vater, der allerdings einen undurchdringlichen Gesichtsausdruck machte. Der Jüngere seufzte innerlich – seinen Vater kostete es bestimmt auch Überwindung Thranduil zu besuchen. Die beiden Elbenherrscher verband keine tiefe Freundschaft, man mochte sagen, sie kamen mit einander aus. Wenn er es sich selbst eingestand, hatte er von dem König des Düsterwaldes ebenfalls kein allzu gutes Bild in seinem Gedächtnis. Seiner Meinung nach, hatte Thranduil seinen Sohn viel zu lange unwürdig behandelt, auch wenn er sich jetzt gebessert haben sollte.

‚Wir werden sehen...', dachte er sich im Stillen und schaute sich weiter um.

Die Anreisenden wurden freundlich aber ein wenig distanziert beäugt. Elrond ritt voraus, die Zwillinge hinter ihm, gefolgt von Arwen und Aragorn.

Der König freute sich auf die Begegnung mit seinem langjährigen Freund und zukünftigen Bräutigam. Seit längerem hatten sie sich nicht mehr gesehen.

Als sie bei den Hallen ankamen, übergaben sie ihre Pferde einigen Elben, die sich ihrer annahmen.

Aragorn wandte sich um, als er seine Frau zu den Elben sprechen hörte, dass sie auch ja Acht auf die Versorgung des Tieres legen sollten. Ein Schmunzeln legte sich auf sein Gesicht und zur Erleichterung des Elben, der das Pferd hielt, nahm er seine Frau mit sich und führte sie fort.

„Du machst ihnen noch Angst...", lächelte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Meinst du?", fragte sie und sah dem Elben mit ein wenig erröteten Wangen nach.

„Ja!", lachte Aragorn und ging mit ihr wieder zu den Zwillingen und Elrond.

Er sah gerade wieder auf, als Tanhis auf sie zugestürmt kam.

„Da seid ihr ja endlich!", rief sie, als sie die kleine Gruppe sah und lief fröhlich auf sie zu. Thranduil trat ebenfalls hinaus – seine Begrüßung fiel wesentlich gezwungener aus, das Lächeln aber zeigten beide Elbenherren.

Man sah Tanhis die Freude auf die bevorstehende Hochzeit gerade zu an – ein Leuchten ging von ihr aus, wie sie es noch nie ausgestrahlt hatte.

Aragorn sah sich um.

„Wo hast du denn deinen zukünftigen Gemahl gelassen?", fragte er schmunzelnd und Tanhis Gesicht zeigte für einen Moment einen besorgten Ausdruck, doch dieser war zu schnell wieder verschwunden, als dass ihn jemand außer Aragorn bemerkt hätte.

„Er reitet den Hobbits und Gimli entgegen, welche sich auf der nahen Anreise befinden. Er ist schon lange fort, sie müssten bald wieder hier eintreffen."

Aragorn nickte und ließ sich mit den anderen in die Hallen Thranduils führen und ein Gemach zu weisen.

„Elben die in Höhlen leben..."

„Es sind keine Höhlen Elrohir!", korrigierte ihn Elladan. „Es sind unterirdische Hallen!"

Der jüngere Zwilling schenkte seinem Bruder ein erzwungenes Lächeln. Die beiden Brüder verweilten in ihrem Gemach und ruhten sich von der Reise aus.

„Trotzdem...", begann Elrohir wieder, doch Elladan unterbrach ihn, weil ein Diener das Gemach betrat und ihnen ein wenig Elbenwein brachte. Sie bedankten sich freundlich und wollten sich gerade wieder ihren Gesprächen zuwenden, als sie einige Gardisten an ihrer geöffneten Türe vorbeirennen sahen. Der Elb, welcher die beiden bedient hatte, schien ebenso verblüfft. Als ein weiterer Gardist an ihm vorbei kam, hielt er ihn fest und fragte nach dem Grund für die Eile.

„Die Gäste sind da...", erzählte der angehaltene Elb schnell und war auch im nächsten Moment weiter geeilt.

Die beiden Zwillinge sahen sich an und es brauchte keine Worte um sich zu verstehen und den Gardisten zu folgen – beide hatten den besorgten Unterton des Elben vernommen.

„Was werden sie nun schon wieder angestellt haben...?", fragte Elladan, doch Elrohir zuckte nur wortlos die Schultern, doch das Lächeln, dass seine Lippen umspielte wollte nicht so recht zu seinem besorgten Ausdruck in seinen Augen passen.

Sie brauchten gar nicht weit zu gehen. Die Hobbits und Gimli kamen ihnen bereits entgegen. Elladan hob die Augenbraue als er sie musterte – geschafft und mitgenommen sahen sie aus.

Als die Hobbits sie sahen begrüßten sie sie, doch die beiden Elben sahen ohne Mühe, dass etwas geschehen sein musste. Ihre Kleider waren zerrissen und dreckbeschmiert, an einigen Stellen sogar blutig – ein Kampf hatte stattgefunden.

Thranduil kam auf sie zu, gefolgt von Elrond und er wies sie ein, ihm in die große Halle zu folgen.

„Sprecht! Was ist vorgefallen?", fragte Thranduil, als er auf seinem erhöhten Sitz platz genommen hatte. Sein Sohn war nicht mit ihnen eingetroffen, nur Arod hatten sie hinter sich geführt... Auch wenn er es nicht zugeben wollte, der Elbenherrscher war beunruhigt. Sehr beunruhigt, was seinen Sohn anbelangte. Elrond stand etwas tiefer neben ihm und die Hobbits und Gimli saßen auf weichen Stühlen - Elrohir und Elladan standen neben ihnen und wollten gerade fragen, wo Legolas denn sei, als sich hinter ihnen die Türe öffnete und Aragorn mit Arwen und Tanhis herein kam.

Als Tanhis die Eingetroffenen sah, lief sie freudig auf sie zu. Jeder der Hobbits sah kurz zu Gimli, der sich im Moment noch nichts anmerken ließ und die Elbe ebenso herzlich begrüßte.

„Meine Güte...", sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. „Legolas muss aufpassen, dass du ihm nicht weggeschnappt wirst!"

„Gimli...dich habe ich vermisst!", sagte sie und schloss ihn in eine Umarmung. „Und euch ebenso, meine lieben Hobbits!"

Sam sah zu Frodo und der ältere Hobbit konnte sich denken was in dem Kopf des anderen vorging. Tanhis strahlte pure Freude aus – wie sollten sie ihr jetzt sagen, dass...

„Wo habt ihr Legolas gelassen?", fragte sie auf einmal. „Hat er sich entschuldigt, dass er nachkommt und ist noch kurz Arod versorgen?"

Gimli sah zu Aragorn, welcher seinen Blick ein wenig beunruhigt auffing und ihn fragend ansah.

Als keiner der Fünf antwortete, sah Tanhis zwischen ihnen hin und her und erst jetzt sah sie die Spuren, die der Kampf an ihnen hinterlassen hatte. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrem Innern breit. Sie sah zu Aragorn, doch dieser sah zu den beiden Zwillingen, die ihn ein wenig ahnend aber nicht gewiss ansahen.

„Er...", begann Gimli und räusperte sich, um ein wenig deutlicher zu sprechen. Er sah weder zu Thranduil, noch zu Tanhis, als er fortfuhr.

„Sie haben ihn mitgenommen. Er hat sich kampflos ergeben um...uns zu retten...!", sagte er, immer leiser werdend.

Tanhis glaubte ihren Ohren nicht. Mitgenommen? Kampflos ergeben? Legolas – entführt? Nein! Nein, das konnte nicht sein! Das war ein böser Traum, ein Traum von Gewesenem, der sie nur wieder einholte. Sie merkte nicht, wie sie schwankte und Arwen herbei kam um sie zu stützen.

Thranduil war aufgestanden und sah die Fünf durchbohrend an.

„Was ist mit meinem Sohn? Was ist ihm zugestoßen? Redet!"

Die Hobbits zuckten zusammen, als die scharfe, schneidende Stimme des Elbenherrschers an ihre Ohren drang.

Aller Augen waren auf sie gerichtet und Frodo wagte es nicht, zu Tanhis zu sehen, die ihn fassungslos ansah. Er sah zu Aragorn und die Furcht in den Augen des Menschen, Furcht, dass seinem Freund abermals etwas zugestoßen sei, brachte ihn zum reden.

Langsam erzählte er ihnen in die Stille der Halle hinein, was vorgefallen war und ließ nicht aus - keine Kleinigkeit...

Sie lauschten gespannt Gimlis Bericht, wobei diesmal niemand einen Zweifel daran hegte, dass der Zwerg vielleicht wieder einmal übertrieb bei seinen Schilderungen. Dazu stand ihm die Angst um den Freund und der Schrecken immer noch zu klar ins Gesicht geschrieben und auch die übrigen Anwesenden, trugen nun den gleichen furchtvollen Gesichtsausdruck zutage. Es bestand also nicht der geringste Zweifel, an der Glaubwürdigkeit von Gimlis Worten.

Aragorn lehnte sich schwer in seinem Lehnstuhl zurück und rieb sich die Stirn, um so seine Gedanken besser ordnen zu können. Er hatte schon viel mit seinen Freunden zusammen erlebt und es mit einigen Ungeheuern und Bestien zu tun gehabt, die in den Tiefen von Höhlen ihr Unwesen trieben und er erinnerte sich noch gut an die Höhlentrolle, oder gar den Balrog, der beinahe Gandalfs Leben gefordert hatte, doch ihn erschreckte die Gerissenheit und Schläue, mit denen die Orks gehandelt hatten. Dies war sicher nicht auf deren Intelligenz zurück zu führen sondern wies darauf hin, dass sie einen sehr gerissenen Anführer haben mussten, der sicher nicht zu dieser sonst eher einfältigen Rasse gehörte.

Es bestand wohl kein Zweifel daran, dass sie es hier mit einem ganz besonders gefährlichen und unberechenbaren Gegner zu tun hatten und sie mussten mit äußerster Vorsicht an diese Sache herangehen.

Niemand konnte sagen, wohin die Truppe sich mit ihrem Gefangenen gewendet hatte und so würden sie ihre Suche auf das gerade Wohl hin starten müssen. Aragorn entschied, dass sie sich aufteilen mussten, um so ihre Chancen auf Erfolg zu vergrößern und er ließ seinen Blick über seine Freunde schweifen, um sich darüber klar zu werden, wer am Besten mit wem aufbrach. In Gimlis Gesicht focht die Müdigkeit der anstrengenden Reise mit seiner Entschlossenheit, Legolas zu helfen und die Hobbits wirkten auch äußerst müde und erschöpft – kein Wunder bei den Ereignissen, in den letzten Tagen.

Aragorns Blick blieb an Tanhis hängen und führte ihn nun völlig zu dem Entschluss, die Suche erst am nächsten Tag zu beginnen und allen etwas Ruhe und Zeit zu gönnen, diese schlechten Nachrichten zu verarbeiten.

Auch Arwen hatte ähnliche Gedanken gehabt und sie beobachtete nun mit besorgtem Blick ihren Gemahl. Er saß mit hängenden Schultern neben Tanhis, den Kopf in seine Hand gestützt und seine Wangenknochen traten scharf in dem fahlen Licht der Höhle hervor. Er zuckte regelrecht zusammen, als Elrond das Wort ergriff und die Stille brach.

„Gimli, wir werden gleich Morgen aufbrechen und nach Spuren suchen. Jetzt halte ich es nicht mehr für sinnvoll – wir werden einige Zeit benötigen, um den Platz des Überfalls überhaupt erst einmal zu erreichen und für den Aufbruch ist es heute einfach schon zu spät. Außerdem haben wir alle anstrengende Reisetage hinter uns und sollten uns etwas Ruhe gönnen."

Thranduil nickte zustimmend und erhob sich dann.

„Gut, ich werde jetzt alles veranlassen, damit wir auch zeitig aufbrechen können! Aber zuerst werde ich das Essen bereiten lassen.

Aragorn versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie erleichtert er war, die Höhlen verlassen zu können und zwang sich dazu, bei Thranduils Worten nicht umgehend aufzuspringen und fluchtartig die Gewölbe zu verlassen. Immer wieder traten neue Erinnerungen an die letzte Gefangenschaft von Legolas in seinem Kopf auf und er versuchte entschieden sie zu verdrängen, denn sie erzeugten eine wachsende Beklemmung in seiner Brust und machten es ihm noch schwerer, es in den Höhlen auszuhalten.

Es dauerte nicht lange bis das Essen aufgetragen wurde, doch Aragorn stocherte nur widerwillig darin herum und schob die Köstlichkeiten eher hin und her. Auch den übrigen Freunden war der Appetit vergangen und selbst die Hobbits langten nicht mit der für sie typischen Ungezwungenheit zu.

Die übrigen Gefährten hatten ihr Mahl noch nicht ganz beendet, als Aragorn sich schon von seinem Platz erhob und die Hallen verließ, gefolgt von den Blicken der Freunde. Jeder von ihnen wusste, dass er jetzt Zeit für sich haben wollte, um sich auf die Suche am nächsten Morgen vorzubereiten, aber auch, um seine Besorgnis besser verarbeiten zu können. Arwen seufzte. Wie sie Aragorn kannte, würde er sicher kein Auge in dieser Nacht zu tun und gegessen hatte er natürlich auch nichts.

Aragorn suchte sich eine verborgene, abgeschiedene Stelle am Rande der Lichtung und durchsuchte die Taschen seines Mantels. Unzählige kleine Gegenstände wanderten durch seine Hände - Hände die schlank und kraftvoll waren, dessen Finger blasse Narben trugen. Hände, die ohne jede Mühe ein wildes Pferd zügeln konnten und die Anduril mit tödlicher Präzision schwingen konnten – aber es waren auch Hände, die Arwens Haut sanft wie ein leiser Windhauch liebkosen konnten. Hände eines Kriegers und Königs, aber auch die eines Dichters und zärtlichen Liebhabers. Jetzt schienen diese Hände jedoch nicht so recht seinen Befehlen zu gehorchen, denn sie zitterten leicht, als er fand, was er suchte. Langsam, um den Gegenstand nicht fallen zu lassen, zog er die Hand aus der Manteltasche, schloss die Augen und versuchte sich das Bild wieder ins Gedächtnis zu rufen, als Legolas ihm den Stein in die Hand gedrückt hatte. Pass gut darauf auf, hatte er ihm gesagt, so wie sich der Stein mit den Jahren abreiben wird und immer edler werden wird, so wirst du dich einmal verändern, Estel!

Aragorn schluckte hart und lachte freudlos auf. Wie recht Legolas doch damals gehabt hatte! Aus dem groben Stein, dem jungen Mann, von einst, war ein geschliffener Edelstein geworden. Doch Legolas hatte ihm damals auch versprochen, dass, so sehr sich Estel auch verändern mochte, er sich immer seiner Freundschaft sicher sein konnte. Das war auch in all den Jahren der Fall gewesen und Aragorn konnte sich keinen treuern Freund vorstellen.

Wie von selbst schloss sich seine Hand um den Stein und ballte sich entschieden zur Faust.

„Ich werde dich finden, Legolas, und dir zur Seite stehen, so wie du es immer für mich getan hast!" Er steckte den Stein zurück in seinen Mantel und wollte schon aufstehen und zu Arwen gehen, als er eine Gestalt aus dem Schatten der Bäume treten sah, die er sofort erkannte.

Tanhis blieb in der Mitte der Lichtung stehen und schaute unverwandt in den Sternenhimmel hinauf und war froh, dass die Dunkelheit ihre Tränen verbarg. In der Halle, vor Legolas' Vater, hatte sie keine Schwäche zeigen wollen und ihre Gefühle hinter einer unbewegten Miene verborgen, doch jetzt überwältigte sie die Angst und die Sorge. So sehr sie auch versuchte sich zusammen zu reißen, sie konnte die Bilder nicht verdrängen, die sich immer wieder vor ihrem inneren Auge heraufbeschworen. Sie sah Legolas' Gesicht vor sich, wie erschöpft er in den letzten Tagen gewirkt hatte, wie er sich schweißnass im Schlaf herumgewälzt hatte und wie sehr er sich bemüht hatte, diese Umstände vor ihr zu verstecken.

Tanhis schluchzte auf, als die Sorge in einer neuen Welle über sie hinwegspülte und im nächsten Moment schlossen sich tröstende Arme von hinten um ihre Schultern und zogen sie in eine sichere Umarmung. Dankbar nahm sie diesen Freundschaftsbeweis von Aragorn an, den sie erkannte, auch ohne aufschauen zu müssen. Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter und weinte, bis sie sich etwas erleichtert fühlte und lachte schließlich verlegen auf.

„Ich habe mich immer schon gefragt, wie du es schaffst, immer da zu sein, wenn du gebraucht wirst, Aragorn!"

An seiner Stimme hörte Tanhis, dass Aragorn ebenfalls leise lächelte. „Das liegt wohl daran, dass immer da wo ich bin, das Unglück über meine Freunde kommt…. Ich bringe ihnen kein Glück…"

„Unsinn!" Tanhis befreite sich entschieden aus seiner Umarmung. „Diese Sache kann einfach nicht mit dir zusammen hängen! Wieso auch? In den letzten Jahren war es ruhig in Mittelerde und es herrscht Frieden unter den Völkern. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, das du so viele Feinde hast…"

„Du würdest dich wundern….! Aber es ist müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen! Wahrscheinlich hast du Recht! Alte Gewohnheiten wird man eben nur schwer wieder los. Und bevor wir nichts Genaues wissen, sollten wir abwarten, was wir herausfinden und das Beste hoffen. Legolas wurde beim Kampf nicht verletzt – also wollten diese Orks ihn lebend – wozu auch immer. Er ist stark und so leicht nicht unter zu bekommen…"

Tanhis kroch bei Aragorns Worten wieder die Angst den Rücken hoch und sie musste ihre Sorgen einfach loswerden. Zuerst stockend, dann jedoch mit immer größerer Erleichterung, endlich mit jemandem sprechen zu können, berichtete sie von ihren Beobachtungen und Legolas' Zustand in den letzten Wochen. Selbst in der Dunkelheit konnte sie sehen, wie auch die Sorgen in Aragorns Gesicht immer deutlicher geschrieben standen, auch wenn er schweigend zuhörte, konnte sie merken, wie sehr ihn diese Schilderungen beunruhigten. Doch sie sah auch, dass er gleichzeitig Überlegungen anstellte, was er aus diesem Bericht schließen sollte und was am nötigsten zu tun war.

Als Tanhis geendet hatte, herrschte noch einen Augenblick weiteres Schweigen, aber dann räusperte sich Aragorn.

„Ich denke, wir sollten das für uns behalten solange wir nicht wissen, warum es Legolas scheinbar nicht gut geht! Die Anderen machen sich auch so schon genug Sorgen. Ich werde die nötigen Vorkehrungen treffen, um im Notfall alles bei mir zu haben….. – nur für alle Fälle." Er suchte Tanhis Blick und versuchte, so zuversichtlich wie möglich zu klingen. „Und jetzt sollten wir uns beide zur Ruhe begeben. Wir werden morgen einen anstrengenden Tag haben." Und nicht nur den einen, fügte er in Gedanken hinzu, hütete sich aber, diese Befürchtung laut auszusprechen. Wo auch immer die Orks sich versteckt hatten, dieser Ort wäre sicher nicht nur einen Tagesmarsch vom Düsterwald entfernt!