3. Kapitel Die Suche
Lange hatten sich die Freunde beraten, wie sie sich für eine möglichst schnelle Suche aufteilen sollten und so hatten sie rasch die Entscheidung getroffen, dass die Hobbits, auch wenn diese aufs heftigste protestiert hatten, in Thranduils Hallen bleiben sollten. Der Feind hatte es schon einmal auf sie abgesehen und Frodos und Merrys Wunden waren einfach noch zu frisch, als das sie einem langen Marsch durchstehen konnten.
So bildeten die Freunde nur einen Suchtrupp, denn mit Aragorn, Elrohir und Elladan hatten sie ohnehin die erfahrensten Fährtensucher, sodass sie sich sicher waren, keinen noch so geringen Hinweis auf die Fährte der Orks zu übersehen. Es schien aber auch das sicherste Vorgehen zu sein, denn die Angreifer waren in einer großen Schar aufgetreten und zusammen mit Tanhis und Gimli waren sie auch gegen einen feindlichen Überfall besser geschützt.
Die kleine Gruppe machte sich schon früh am Morgen fertig, denn sie wollten so wenig Zeit wie möglich ungenutzt verstreichen lassen. Aragorn stand bei Brego und kontrollierte noch einmal den richtigen Sitz des Sattels, als Arwen an seine Seite trat und ihm die Hand auf den Arm legte. Aragorn hielt in seiner Tätigkeit inne und ihre Blicke trafen sich.
„Du siehst müde aus." Stellte Arwen fest. „Und gegessen hast du auch nichts! Wenn du schon nicht um deiner selbst Willen auf dich Acht geben willst, dann tu es wenigstens für Legolas! Es nützt ihm nichts, wenn er du während eines Angriffs zu schwach bist, um dein Schwert halten zu können."
Sie löste entschieden seine Hände vom Sattelgurt und drückte ihm ein Paket mit Lembas in die Finger. Ein verstohlenes Lächeln erschien in Aragorns Mundwinkeln und er zog Arwen kurz an sich und küsste sacht ihre Stirn.
"Hennaid evyr.", flüsterte er ihr ins Ohr, dann wandte er sich ab und verstaute das Päckchen in seiner Satteltasche bevor er sich in den Sattel schwang.
Arwen blieb auf der Lichtung stehen und sah den Freunden so lange hinterher, bis sie im Wald verschwunden waren.
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Gegen Abend erreichten sie endlich die kleine Lichtung, wo die Orks sie angegriffen hatten. Gimli, der hinter Elladan saß, brummte missmutig, als er die noch verbliebenen Spuren des Kampfes sah. Hier und da war das Gras platt getreten, kleine Äste und Zweige bedeckten den Boden und einige Stämme trugen die Spuren eines Schwertstreichs. Aragorn war abgesessen und trat an der Stelle wieder in den Wald, an der die Orks mit Legolas verschwunden waren. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne zeigten Aragorn nur noch schwach die ein oder andere Spur und so kehrte er bald wieder zu den Freunden zurück, die bereits damit begonnen hatten, ein Lager herzurichten. Elrohir war gerade dabei ein kleines Lagerfeuer zu entfachen, denn inzwischen waren sie dem Herbst schon so nah, dass es längst nicht mehr so warm war, um auf ein Feuer verzichten zu können. Aragorn zog den Mantel enger um sich und half Elladan dabei, die Pferde abzusatteln und zu versorgen. Als schließlich alles zu ihrer Bequemlichkeit hergerichtet war, ließen sich die Freunde um das Feuer nieder und Gimli reichte jedem Brot, Käse und etwas mit Wasser verdünnten Wein.
Elrohir und Elladan aßen hungrig, aber Gimli biss nur einige Male in das Brot, Aragorn leerte lediglich seinen Becher und reichte seine Mahlzeit an Elrohir, der diese sehnsüchtig ansah und sie auch sofort dankbar verspeiste. Tanhis, die schon während des ganzen Rittes keinen Ton gesprochen hatte, hatte erst gar nichts von der Mahlzeit angenommen.
Tanhis beobachtete, wie Aragorn den Krug auf den Boden stellte und sich noch fester in seinen Mantel hüllte. Sein Blick war ohne wirkliches Ziel ins Feuer gerichtet und sie ahnte, was für Gefühle gerade in ihm tobten. Sie hatte aufgehört, sich ihrer Verzweiflung hinzugeben, aber der Schmerz tobte weiter in ihrer Brust und drohte, ihre Beherrschung zu vernichten. Tatsächlich schwankte diese Fassade jedes Mal, wenn sie Aragorn anblickte, denn sie wusste, dass er Legolas ebenfalls so sehr liebte wie sie und deshalb konnte sie auch hinter seine Mauer aus Schweigen blicken. Gimli liebte Legolas auch, aber er trug seine Besorgnis offen in seinem Gesicht und versuchte nicht sie zu verbergen. Stattdessen schimpfte er über sich selbst, dass er sich in dem Kampf hatte überrumpeln lassen und er der Grund gewesen war, dass Legolas schließlich den Widerstand aufgegeben hatte.
Tanhis fuhr sich unwirsch mit dem Handrücken über die Wange und nur um das Gesicht verbergen zu können, nahm sie einen Schluck aus ihrem Becher. Sie schob eine lose Haarsträhne in ihre Zöpfe zurück und blickte wieder über das Feuer hinweg zu Aragorn. Der aufkommende Wind spielte auch mit seinen Haarsträhnen, bewegte sich über das tanzende Feuer hinweg, blies Wolken aus Laubblättern in die Luft und trieb sie vor sich her, wirbelte sie hier und da hoch in die Luft. Der Wind gewann an Stärke und Geschwindigkeit, ließ eine Gänsehaut über ihre Arme kriechen. Jetzt würde Legolas sie eigentlich in die Arme nehmen, sie an sich drücken und ihr einen Teil seiner Wärme abgeben, doch sie hatte ihn wieder einmal verloren, in jeder Hinsicht.
Wie von selbst schlossen sich ihre Lider über die brennenden Augen und nachdem sie eine Zeit lang so am Feuer gesessen hatte, legte ihr jemand ganz sacht eine Decke um ihre Schultern.
„Versuche wenigstens etwas zu schlafen…", brummte Gimlis Stimme hinter ihr und ohne die Augen noch einmal zu öffnen, rollte sie sich wie eine Katze am Feuer zusammen und glitt in einen traumlosen Schlaf.
Sie ritten bereits vor Anbruch des Tages los, wobei Aragorn und Elladan ihre Pferde am Zügel vor den anderen führten und den Weg vor ihnen nicht aus den Augen ließen. Immer wieder hielten sie an, besahen sich eine Stelle genauer und berieten sich kurz. Erst nachdem die Sonne auch bis zum Waldboden durchgedrungen war, saßen sie ebenfalls auf und lenkten ihre Tiere in Richtung Osten. Der Wind hatte die ganze Nacht nicht nachgelassen und auch jetzt fegte er ungemindert und kalt durch den Wald. Der Herbst war über Nacht in das Land gezogen, so schien es, denn Aragorn war es, als habe er erst gestern in der Morgenhitze des Sommers mit Arwen beisammen gesessen und gescherzt und gelacht. Die Wärme schien jedoch nur noch eine schwache Erinnerung, denn in der Nacht war die Kälte in seinen Körper gekrochen und der Wind hinderte ihn daran, diese wieder zu vertreiben. Sie verließen nach einigen Stunden den schützenden Wald und gelangten auf die Ebene, wo sie sich noch stärker gegen die Kraft des Windes auflehnen mussten, der hier auch den Sand und kleine Steinchen mit sich riss und ihnen in die Augen blies.
Aragorns Hoffnung sank, hier auch nur noch den geringsten Hinweis auf eine Spur zu finden. Sicher hatte der Wind alles mit sich gerissen, was ihnen als dienlich gewesen sein könnte.
Sie näherten sich den Fluss und Aragorn flehte zu den Valar, das sich am schlammigen Ufer, zwischen Schilf und Steinen, vielleicht doch noch ein verräterischer Fußabdruck finden ließe. Große Findlinge säumten hier und da das Flussbett und teilweise war das Wassergras bis zu Manneshöhe gewachsen. Aragorn und Elrohir stiegen ab und machten sich jeder in eine Richtung auf die Suche. Elrohir bewegte sich auf die flache und steinige Furt zu, während Aragorn näher an die verwachsenen Felsen kam. Das Wasser war hier dunkler, was darauf hindeutete, dass es tiefer wurde und die Strömung nahm ebenfalls an Geschwindigkeit zu.
Elladan, Gimli und Tanhis warteten geduldig, wobei sie ihre Freunde erwartungsvoll beobachteten. Tanhis ließ ihren Blick auch über die Findlinge und das Schilf schweifen, dem Aragorn sich näherte und im nächsten Augenblick zog sich ihr Brustkorb angstvoll zusammen.
Aragorn hockte am Ufer und seine Hände wanderten in tiefer Konzentration suchend am Boden und so sah er nicht, was hinter ihm passierte. Tanhis Warnschrei kam zu spät und Aragorn spürte gleichzeitig einen harten Schlag im Rücken. Dann schlug auch schon das eisige Wasser über ihm zusammen, während ihn ein schraubstockartiger Griff gefangen hielt. Er wand sich in den Armen des Ork, versuchte einen Schlag gegen dessen Brustkorb, um ihm die Luft seinerseits aus den Lungen zu pressen, aber seine Bewegungen waren unter Wasser zu langsam. Er merkte, wie ihm selbst unaufhörlich der Atem ausging und schwarze Schatten minderten bereits sein Sichtfeld, als er neben dem sprudelnden Geräusch des Wassers ein gedämpftes Zischen vernahm. Augenblicklich lösten sich die Arme des Orks und gaben ihn frei. Einen Moment war Aragorn orientierungslos, spürte dann Boden unter seinen Füßen und stieß sich ab. Keuchend durchbrach er die Wasseroberfäche, gönnte sich einige hastige Atemzüge und kämpfte sich gegen die Strömung ans Ufer. Hustend kauerte er darauf nieder, als er eine Bewegung neben sich erhaschte, warf sich instinktiv zur Seite und entging so einem tödlichen Schwerthieb. Er rollte herum, kam auf die Füße und zog gleichzeitig sein Schwert aus der Scheide. Keinen Augenblick zu spät, denn sie bohrte sich sogleich in seinen ersten Gegner.
Tanhis sah, dass Aragorn sich ans Ufer gerettet hatte und ließ sogleich den nächsten Pfeil auf einen der Kreaturen schnellen. Sicher, es war riskant gewesen den Pfeil „blind" ins Wasser zu schießen – sie hätte genauso gut Aragorn treffen können – doch sie hatte keine andere Wahl gehabt. Es waren für sie bange Sekunden gewesen, nachdem sich das Wasser rot verfärbt hatte, bis zu dem Augenblick, da Aragorn endlich aufgetaucht war und ihr gezeigt hatte, dass sie den Richtigen getroffen hatte.
Nun stürzte sie sich entschieden in den nächsten Kampf gegen die Nachhut der Orks und fragte sich dabei doch, woher sie diese List wohl genommen hatten! Es bewies, dass die Entführer nicht kopflos handelten und mit einem Suchtrupp gerechnet hatten.
Es dauerte nicht lange, bis Elladan, Elrohir und Gimli die meisten der Orks niedergestreckt hatten. Sie hatten, genau wie Tanhis, pfeilschnell reagiert und ihr den Rücken freigehalten, damit sie Aragorn mit ihrem Schuss helfen konnte. Der Letzte der Bande ging unter Gimlis Axt zu Boden und schnaufend ließ er den Blick über das Ufer schweifen. Mindesten zwanzig der der Ekel erregenden Gestalten säumten den Fluss und die fünf Krieger standen erschöpft und mit hängenden Armen mitten in ihnen.
Aragorn ließ sich schließlich auf die Knie fallen, versuchte zwischen einzelnen Hustenanfällen sein Verlangen nach Sauerstoff mit tiefen Atemzügen zu stillen und warf dabei einen stummen, dankbaren Blick auf Tanhis. Wenn er noch am Morgen gedacht hatte, ihm sei kalt, wurde er nun eines besseren belehrt. Das eiskalte Wasser hatte sich in seine Kleidung gesogen rann ihm über den Rücken, der Wind blies ihm zusätzlich unbarmherzig kalt entgegen. Er zitterte und ließ das Schwert aus seinen gefühllosen Fingern gleiten. Seine, Ziehbrüder, denen die Kälte, wie allen Elben, nicht das geringste anhaben konnte, kamen auf ihn zu und Elladan bot ihm hilfreich die Hand.
„Du solltest zu dieser Jahreszeit besser kein Bad nehmen, Estel!", versuchte er einen Scherz und benutzte mit Absicht den früheren Namen Aragorns. Dann fragte er aber besorgt: „Wie fühlst du dich? Sollen wir lieber eine Rast machen?"
Aragorn schüttelte den Kopf. „Wir sind auf dem richtigen Weg und ich bin mir fast sicher, dass dies nicht die einzige Falle ist, die diese Orks uns bereitet haben. Sie sind listenreicher, als ich mir gedacht habe. Besser wir halten nicht gerade hier an. Beim Reiten wird mir schon warm werden!"
Er kam etwas steif auf die Beine und pfiff nach Brego, schwang sich in den Sattel und war froh über die Wärme, die sein treuer Gefährte ausstrahlte.
Elladan und Elrohir wechselten einen Blick, zuckten dann jedoch mit den Schultern und saßen ebenfalls auf. Nur Tanhis begann ihre Satteltasche zu durchsuchen und zog schließlich ein graues Bündel heraus, trieb ihre Stute an Aragorns Seite und reichte es ihm.
„Hier, dass ist Legolas' alter Umhang. Du solltest wenigstens deinen nassen Mantel ausziehen." Aragorn nickte und nahm den weichen Stoff dankbar entgegen und hüllte sich darin ein. Sie ritten in die Ebene und waren sich bewusst, dass sie hier keinerlei Deckung finden würden, doch ebenso würden sie auch ihre Feinde frühzeitig entdecken können und das erfüllte alle mit etwas Zuversicht. Sie hatten gerade eben erst bewiesen, dass sie es auch verstanden, sich gegen eine Überzahl zu verteidigen.
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Legolas saß in einer der hintersten Ecken seines Gefängnisses und lehnte an den rohen schwarzen Steinen, dessen spitze Kanten ihm in den Rücken stießen. Er hatte die Augen geschlossen und ließ seinen Atem langsam entweichen. Hier, zwischen zwei der dunklen Wände, war es am besten auszuhalten. Sie waren kühl und linderten ein wenig die Hitze, die seinen Körper abermals erfasst hatte. Seit er hier herunter gebracht wurde, hatte sie ihn nicht mehr losgelassen, nein, sie war sogar noch unerträglicher geworden. Lag es daran, dass er sich tiefer unter der Erde befand? Wie lange er sich schon hier befand, konnte er nicht mehr sagen. Dieser kleine Raum war dunkel, nur erhellt von der Fackel die neben der Türe hing und schummrige Schatten warf.
Legolas hatte seine Hände ruhig auf dem feuchten Boden ruhen, bis er innerlich aufhorchte. Er spürte eine Bewegung – seine Hände erzitterten, als er die Vibrationen im Boden wahrnahm. Legolas öffnete die Augen und sah zu der Fackel – sie wackelte leicht in ihrer Halterung. Schnell sprang er auf die Füße und trat zu der Türe um durch die Luke, welche in die Türe eingearbeitete war, sehen zu können, doch bevor er sie erreicht zuckte er zusammen und presste die Hände an die Schläfen. Ein unterdrückter Schrei entrann seiner Kehle und ein Schwindel legte sich auf ihn. Ein tiefes Grollen, hatte von seinem Körper Besitz ergriffen und drohte ihn zu überwältigen. Er begann zu zittern und seine Beine gaben unter ihm nach. Legolas spürte die Hitze wieder – sie kam unaufhaltbar und kroch von seinen Beinen, immer weiter und wollte ihn verschlingen. Er stöhnte auf, als das Hämmern in seinem Kopf zu nahm, der Boden erzitterte wieder und abermals drang ein tiefes Grollen an sein Gehör. Er spürte den Schweiß, der über seine Stirn lief und seine Brauen nässte. Ein letztes Mal erklang das tiefe Grollen, gefolgt von einem Strahl Hitze, der durch seinen Körper zuckte, dann ließ es nach und verschwand in einem immer leiser werdenden Pochen. Stöhnend öffnete er wieder die Augen und ließ seine Hände von seinen Schläfen gleiten. So schlimm wie hier, hatte er es noch nie verspürt. Was war das, das ihm solche Qualen bereitete? Langsam richtete er sich wieder auf, und lehnte sich schwer atmend an die Wand neben der Türe. Er wusste nicht, wie lange er den Schmerzen noch standhalten konnte, sollten sie öfter kommen...
Er schloss die Augen wieder und konzentrierte sich auf seinen Geist, doch lange Zeit blieb ihm nicht. Er hörte Gegrunze und im nächsten Moment wurde der Riegel zur Seite geschoben und drei der stinkenden Orks kamen zu ihm. Zuerst schienen sie verwirrt ihn nicht zu sehen, doch dann sahen sie hinter die Tür und ihn in der Ecke kauern.
„Wohl gedacht wir würden dich nicht sehen wie?", knurrte einer, kam auf ihn zu und zerrte ihn hoch.
Legolas ließ es mit sich geschehen, auch, dass sie ihm die Hände banden und unter Stößen aus seiner Zelle zerrten.
„Er hat ein paar Fragen an dich!", grölten sie und zerrten ihn zu der Halle in der ihr Herr und Meister auf sie wartete
Legolas sah wieder auf, als sie ihn schließlich in die Halle gezehrt hatten. Er verkniff sich einen lästerlichen Fluch, als er Môrrash, wie sie ihn nannten, auf seinem dunklen Thron sitzen sah – selbstgefällig grinsend.
Er wurde vor ihn gezerrt und auf die Knie gezwungen. Legolas blickte den feindlich gesinnten Elben direkt an, sich vor ihm beugen, ohne den Grund zu wissen, warum er überhaupt hier war, wollte und konnte er nicht.
Môrrash blieb vor ihm stehen und sah ihn einige Zeit an, bevor er ihm unerwartet ins Gesicht schlug.
Legolas Kopf flog bei der Wucht des Schlages zur Seite und er schloss für einen Moment die Augen um die aufkeimende Wut wieder herunter zu schlucken. In seinem Kopf pochte es immer noch, von den erneuten Schmerzen, die er in seiner Zelle erlitten hatte und dem so eben eingebüssten Schlag.
„Hat dir dein König nicht beigebracht vor einem Herrscher den Blick zu senken, Krieger?", fragte Môrrash und in seiner Stimme klang so viel Verachtung mit, wie er aufbringen konnte.
Legolas sah ihn nicht an und antwortete nicht, selbst in einem volltrunkenen Zustand hätte er gewusst, dass er dafür nur einen weiteren Schlag bekommen hätte. Zudem würde ihn wahrscheinlich wirklich eher für einen Krieger halten, wenn er sich ihm soweit fügte, wie er es selbst zulassen konnte.
„Dann genießen Thranduils Krieger also doch eine gute Erziehung...!", säuselte Môrrash und ging einmal um Legolas herum. „Ich sehe dir dein Unbehangen an...", fuhr er in einer schaurig sanften Stimme fort. „Sprich! Fühlst du dich wohl?", fragte er barsch und während die Worte noch seinen Mund verließen, riss er Legolas' Kopf zurück und sah ihm in die blauen Augen.
Legolas schluckte einmal, bevor er sich zwang zu antworten.
„Warum haltet Ihr mich hier?", die Worte kamen ungewollt leise aus seinem Mund und er biss die Zähne zusammen um unter dem Ziehen an seinen Haaren nicht aufstöhnen zu müssen.
Môrrash ließ ihn los und warf ihn nach vorne, so dass Legolas all seine Kraft aufwenden musste um sich zu fangen, bevor er, seiner Arme beraubt auf den Boden aufschlug.
„Ein gewandter Krieger...", lachte der dunkle Herr auf, als er Legolas musterte. „So etwas gefällt mir..."
Legolas richtete sich langsam wieder auf die Knie, höher kam er nicht, da er an den Schultern von starken, klobigen Händen auf dem Boden gehalten wurde.
„Du willst wissen, warum du hier bist?", fragte er ihn höhnisch. „Du solltest eigentlich gar nicht hier sein...!"
‚DAS habe ich auch schon mitbekommen...', dachte sich Legolas zynisch und sah wieder zu ihm auf.
„Nun...dann will ich dir berichten...", setzte Môrrash wieder an. „Schließlich gibt es auch noch ein paar Fragen die du mir beantworten sollst...!" Er machte eine Pause, verschränkte die Arme vor der Brust und wanderte um seinen Gefangenen herum.
„Der Sohn Thranduils, Prinz des Düsterwaldes trägt etwas Kostbares bei sich, vielmehr gesagt, in sich! Es ist mir zu Ohren gekommen, dass ihm vor einiger Zeit sein Leben gerettet wurde..."
Legolas horchte auf und versuchte ihn mit ausdrucksloser Mine anzusehen. Môrrash sprach von seiner Vergiftung und der Rettung seines Vaters...
„...es heißt – Gerüchten zu folge – Drachenblut hätte ihm das Leben gerettet und es würde in seinen Venen fließen." Er machte eine Pause und musterte den knienden Legolas vor sich. Fließend beugte er sich zu ihm herab und packte sein Kinn grob und hob es an.
„Sprich...kannst du mir diese Gerüchte bestätigen?", zischte er und Legolas zuckte innerlich unter diesem eiskalten Blick zusammen. Wieder fragte er sich, wie das vor ihm ein Elb sein konnte...
Legolas schüttelte die Hand ab und funkelte ihn an. „Ich bin nur ein einfacher Krieger...woher soll ich solche Dinge wissen?", fragte er mit fester Stimme und sah das zornige Auffunkeln in den Augen seines Gegenübers. Bevor er noch blinzeln konnte, traf ihn ein Schlag in den Magen und er krümmte sich stöhnend zusammen.
„Du solltest nicht so frech sein mein Junge...", säuselte Morrash und knackte gelangweilt mit seinen Fingern. „Meine Untertanen können so etwas leicht in den falschen Hals bekommen..."
Legolas rappelte sich wieder hoch und sah Morrash stumm an, bis dieser weiter fort fuhr.
„Hast du mir nun etwas...sinnvolleres zu sagen?", fragte er gespielt höflich.
„Ich weiß, dass er vergiftet wurde...", begann Legolas langsam und sah im Augenwinkel immer wieder zu den Orks, die ihn immer noch am Boden hielten.
„Und weiter...?" Morrash schien ihm die Worte beinahe aus dem Mund ziehen zu wollen...
„...ebenso weiß ich, dass er von seinem Vater geheilt wurde...aber wie, das fragt mich nicht! Ich war auf dem Schlachtfeld als es sich zugetragen hatte!"
Wieder beugte sich der feindliche Elb zu ihm herunter und sah ihm lange in die Augen – Legolas fühlte sich abermals, als würde seine Seele ausgeliefert und wollte am liebsten die Lider senken, aber er durfte jetzt nicht nachgeben.
„Soso...ich denke ich muss dir glauben...nun...ein Jammer...", sprach er und schien mehr mit sich selbst, als mit Legolas zu reden. Er sah wieder zu ihm. „...ein Jammer...du wurdest mir gerade sympathisch...aber ich denke...ich werde dich noch für meine Zwecke verwenden und dann...töten!", sagte er und spielte sein Bedauern in solch einer Art und Weise, dass Legolas beinahe dachte, er meinte es ernst.
„Wenn Ihr mich schon umbringt!", platzte es aus ihm heraus, ehe er sich auf die Zunge beißen konnte und direkt verspürte er den stärker werdenden Druck auf seinen Schultern. „Dann sagt mir wenigstens, warum Ihr den Prinzen haben wollt!"
Morrash hob eine seiner geschwungenen Augenbrauen und sah zu Legolas. „Wissbegierig wart ihr Elben schon immer...", wieder spielte er mit seinen Fingern. „Nun...ich möchte etwas beherrschen...ich möchte den Willen eines jemanden brechen und über ihn verfügen...ich möchte, dass er mir Dienste leistet und für mich tötet...nur...brauche ich das Blut des Prinzen...aber ich werde es bekommen!", sagte er und seine Mine verfinsterte sich bei seinen letzten Worten.
„Und du...", er sah wieder abschätzig zu Legolas. „...du wirst noch ein Weilchen hier bleiben...! Schafft ihn fort!", befahl er harsch und abermals spürte Legolas wie man ihn davon schleifte, noch verwirrter, als er vorhin schon war...
Legolas war froh um die Dunkelheit die um ihn herum herrschte und lehnte sich erschöpft auf das Strohlager, das man während seiner Abwesenheit in dem Verlies aufgeschüttet hatte. Er wollte einfach über gar nichts mehr nachdenken müssen, wollte die Gedanken, die in seinem Kopf umherschwirrten, einfach ausschalten und so konzentrierte er sich auf die Dunkelheit, die hinter seinen geschlossenen Augen herrschte.
Doch plötzlich waren andere Farben da, ein gleißender, verwirrender Wirbel aus allen Farben des Regenbogens, der vor Schreck ebenso bebte, wie er selbst. Legolas zuckte zurück, wollte die Augen öffnen, doch was auch immer ihn hier berührte, ließ ihn nicht frei. Der Elb glaubte einen Augenblick ein verschwommenes Bild in diesem Strudel zu erkennen – riesige Schwingen, die den Drang hatten, sich auszubreiten, doch Felswände hinderten sie daran. Das Gefühl der Wut und des Schmerzes war so überwältigend, dass Legolas glaubte, in Stücke gerissen zu werden und als er meinte, es nicht mehr ertragen zu können, wurden die Empfindungen gedämpft. Was auch immer ihn berührte, musste fühlen, welche Qualen es ihm bereitete und nahm darauf Rücksicht. Wieder wirbelten die Farben um ihn herum, ein neues Bild formte sich daraus und diesmal war Legolas völlig überrascht! Er sah sich selbst, wie er vor Morrash auf dem Boden kniete und dieser ihn mit Gewalt zum sprechen bringen wollte. Die Empfindung, die dieses Bild begleitete, berührte Legolas tief in seinem Herzen und erfüllte es mit Wärme – Mitleid! Dieses Wesen fühlte mit ihm, spürte seinen Schmerz, seine Verzweiflung und seine Angst – weil es sie wirklich wahrnahm.
Legolas durchlief ein langer Schauer, seine Züge verzerrten sich wieder, bis das nächste Bild klar zu erkennen war. Ein melodisches Summen erfüllte seinen Körper und er lächelte, als er endlich erkannte, warum er all diese unerklärlichen Schmerzen, die Hitze und die Rastlosigkeit in den letzten Wochen gespürt hatte.
In seinen Adern floss Drachenblut und deshalb hatte ein unsichtbares Band bestanden, zwischen ihm - und dem Drachen, der ihn gerade berührte! Sie hatten alle Empfindungen geteilt, nachdem sie eine gewisse Distanz zwischen sich überwunden hatten. Dieser Drache war hier! Ebenso gefangen wie Legolas und auch ein Werkzeug, dass Morrash für seine Zwecke einsetzen wollte.
Legolas durchflutete eine neue Empfindung und die Leere in seinem Inneren füllte sich aus damit. Er war nicht mehr alleine. Dieser Drache war sein Verbündeter!
Das nächste Bild, das sich Legolas zeigte, war überwältigend. Es zeigte den Drachen. Legolas bewunderte die vielen Farbschattierungen dessen Haut, die so viele Grüntöne enthielten, wie Legolas sie noch nie gesehen hatte. Sie ereichten von hellen, fast Gelben Farben bis hin zu dunklem, satten Grün und schillerten im Sonnenlicht. Das Tier bog den Hals, breitete seine Flügel mit den zarten, goldenen Unterseiten aus und schüttelte den Kopf, stieß sich kraftvoll ab und erhob sich in die Lüfte. Trauer überkam ihn, als er fühlte, dass er eine Erinnerung gesehen hatte, denn er vernahm den stummen Schrei des Drachen der ihm die Tränen in die Augen trieb. Legolas hielt den Atem an, als wortlose Fragen sich überschlugen, als Bilder, Gefühle und Fragen sich miteinander mischten, bis er spürte, das sein Verstand gefährlich nachließ und er drohte, sich in den Empfindungen zu verlieren. Doch auch das schien der Drache zu spüren, denn plötzlich zog er sich zurück, verabschiedete sich und der Kontakt brach ab.
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Sie ritten wieder so lange, bis die Dunkelheit sie dazu zwang, endlich zu rasten. Das Wetter war ihnen nicht freundlich gesonnen, es war so kalt, dass sich kleine Dampfwölkchen bildeten, wenn sie den Atem entweichen ließen, aber sie wagten in der Ebene nicht, ein Feuer zu entzünden. Wer konnte schon sagen, ob nicht Orks in der Nähe waren, die von den Flammen angelockt wurden.
Tanhis blickte zu Aragorn, der sich sichtlich erschöpft aus dem Sattel gleiten ließ. Ihr gefiel es überhaupt nicht, wie er aussah und sich auch anhörte, als er leise zu Elladan sprach. Sie hörte ein schwaches Pfeifen bei jedem seiner Atemzüge und seine Stimme war heiser. Hin und wieder versuchte er, Husten zu unterdrücken, der seine Kehle reizte und dunkle Schatten lagen unter seinen Augen.
‚Er sollte nicht hier sein, sondern an einem warmen Ort, mit würzigem, heißen Tee, ordentlicher Pflege und Ruhe', schoss es Tanhis durch den Sinn. ‚Er hätte die nasse Kleidung bei diesem Wetter nicht anbehalten sollen!'
Doch Tanhis konnte nun nichts mehr an diesem Umstand ändern. Vieles hätte anders laufen sollen, als es geschehen war! Sie sollten jetzt alle nicht hier sein. Nicht auf der Suche nach Legolas, nicht in Angst vor einem Angriff von Orks und nicht in der Sorge um den Partner, Freund und Gefährten.
Tanhis vertrieb die letzten Gedanken entschieden, durchsuchte ihre Satteltaschen und fand ihren Beutel mit Kräutern. Auch wenn sie kein heißes Wasser hatten, so konnte Aragorn sie doch zerkauen, um sich vielleicht etwas Linderung zu verschaffen. Zu allem anderen würde er ohnehin nicht bereit sein. Nie würde er sein eigenes Wohlergehen über einen beschlossenen Plan stellen – und sein Plan war es, Legolas zu suchen, zu finden und wieder sicher nach Düsterwald zu bringen.
Sie trat neben Aragorn, der sich daran zu schaffen gemacht hatte, seine Schlafstatt zu richten und obwohl auch sie Legolas so schnell wie möglich finden wollte, sorgte sie sich um den Zustand des Menschen. Aus der Nähe konnte sie das Seufzen in seinem Atem hören, in dem ein pfeifender Unterton mitschwang. Dennoch lächelte er sie an, als sie ihm den Beutel reichte, der einen offensichtlichen Duft verströmte und nahm ihn mit einem Nicken entgegen.
„Ich werde es überleben…, sagte er heiser, als er ihren prüfenden Blick auffing. „Es ist nur eine kleine Erkältung und mir ist es schon oft viel schlechter gegangen."
Er löste die Schnüre des Beutels dennoch sofort und steckte sich mit Daumen und Zeigefinger die Kräuter in den Mund. Er sah Tanhis immer noch an, doch plötzlich nahm seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber ab und er verharrte reglos, den Kopf erhoben, als lausche er auf etwas und spähte in die Finsternis. Sofort machte sich Beklommenheit in Tanhis breit und sie tat es Aragorn nach, doch ihre Elbensinne konnten nichts wahrnehmen, was Aragorns Aufmerksamkeit erklärte.
„Da draußen ist nichts, Aragorn!", doch trotzdem stellte sie fest, dass sie flüsterte.
„Ich weiß es nicht. Aber ich spüre irgendetwas da draußen in der Dunkelheit, Tanhis. Ich kann es nicht fassen, aber es ist da – es verfolgt mich, beobachtet mich." Erneut konzentrierte er sich, wiegte den Kopf, so als witterte er in den Wind, wie ein wildes Tier, doch es kam anscheinend keine Botschaft. „Ich kann es nicht fassen.", wiederholte er sich, bevor er sich losriss und der Versuch eines Lächelns seine Mundwinkel kräuselte. „Aber wenn du nichts spürst, bilde ich es mir sicher nur ein!"
Tanhis erwiderte das Lächeln nicht und ihr Magen zog sich noch mehr zusammen. Aragorn hatte vielleicht nicht die scharfen Sinne der Elben - aber ein feines Gespür.
Sehr viel später erwachte Tanhis in der immer noch tiefschwarzen Nacht. Sie hatte sich so dicht an Aragorns Seite gelegt, wie es möglich gewesen war, um dem Menschen einen Teil ihrer Körperwärme abzugeben und so hörte sie dessen rasselnden Atem. Er schien zu träumen, denn er regte sich, stöhnte leise auf und schnaufte im Schlaf, aber er erwachte nicht, als Tanhis ihm sacht die Hand die Hand auf die Stirn legte. Kühl, kein Fieber. Vielleicht hatte er ja doch Recht und er hatte nur eine leichte Erkältung. Ihre Berührung ließ Aragorn aber ruhiger werden und so blieb sie noch eine Weile so sitzen.
Als Aragorn am Morgen erwachte fühlte er sich wesentlich besser als noch am Abend zuvor, auch wenn er immer noch das Kratzen im Hals verspürte und sich seine Brust anfühlte, als läge ein Gewicht auf ihr. Doch Tanhis Kräuter hatten ihm zu einem relativ erholsamen Schlaf verholfen und die Kälte war aus seinem Körper gewichen. Der Wind strich immer noch unvermindert über sein Lager und zerrte an den Decken, aber für ihn hatte er nicht mehr die schneidende Kälte, die er ihm gestern noch zugeführt hatte. Er setzte sich auf und zog tief die Morgenluft ein, was sich jedoch als schwerer Fehler erwies. Sein Hals schnürte sich zu und ein heftiger Hustenreiz quälte ihn, den er schließlich nicht länger unterdrücken konnte.
Die drei Elben und Gimli musterten ihn und vor allem Gimli stand deutlich ins Gesicht geschrieben, was er dachte und Aragorn brauchte auch nicht lange zu warten, bis der Zwerg seine Meinung diesbezüglich laut äußerte.
„Selbst eine einfältige Horde Orks wird dich über eine Meile Entfernung hören, Aragorn!"
Elladan nickte. „Ich schlage vor, du und Tanhis bleiben hier, während wir die Gegend weiter auskundschaften. Die Berge sind nicht mehr weit und ich bin sicher, dass wir sie noch vor Nachtanbruch erreichen können. Dann können wir uns vor ihren Augen verbergen – aber vor ihren Ohren….."
Tanhis wollte schon protestieren, denn sie wollte nicht zurückbleiben, sie wollte selbst nach Legolas suchen, wollte nicht hier untätig sitzen, während er vielleicht wieder so leiden musste, wie einst, aber dann sah sie zu Aragorn hinüber – und sie stellte sich vor, was Legolas wohl tun würde, was er von ihr erwarten würde. ‚Er ist mein bester Freund, Tanhis. Kümmere dich um ihn und pass auf ihn auf!' Fast war es ihr, als könnte sie seine Stimme hören und jeder Widerstand in ihr erlosch.
Aragorn hingegen wollte sich nicht so leicht geschlagen geben. „Aber wenn wir hier bleiben, dann seid ihr nur zu dritt gegen wie viele? Wir wissen zu wenig, um ein solches Risiko einzugehen, wir…" , wieder wurde er durch den Husten unterbrochen und Elrohir nutzte die Unterbrechung.
„Sie werden uns nicht entdecken, Estel. Es sei denn, du verrätst uns."
„Aragorn! Diesmal solltest du zurück bleiben! Es wäre besser, Junge!" Gimli legte ihm die Hand auf die Schulter und der Mensch schloss den Mund wieder, den er bereits für eine Erwiderung geöffnet hatte. Er seufzte und nickte dann stumm.
Gimli brummte zufrieden und griff nach seiner Axt, um sich Elladan und Elrohir anzuschließen, doch Elladan drehte sich entschieden zu ihm herum.
„Gimli. Nimm es mir nicht übel, aber ich denke, auch du solltest hier bleiben!"
„Was?", schnaubte der Zwerg.
Elrohir grinste. „Ich höre Haldir noch sagen: …und der Zwerg atmete so laut – wir hätten ihn im Dunkeln erschießen können…!"
Gimli fuhr erbost auf. „Du! ICH war leise wie eine Maus! Und…"
„Gib es auf, Gimli. Wir haben unsere Entscheidung getroffen. Bevor wir nicht genau wissen, mit wem wir es zu tun haben, bleibt ihr hier! Elrohir und ich kennen uns in und auswendig und kommen alleine besser zurecht."
Gimli schnaubte, aber nun war es an Aragorn, den Zwerg zu beruhigen. „Sie haben Recht, Gimli."
„Ja, ja! Das DU ihnen jetzt beistehst, war mir klar." Sichtlich beleidigt warf er seine Axt wieder zu Boden und machte sich daran, sein eigenes Lager wieder herzurichten.
Zusammen mit Tanhis half Aragorn den Freunden bei ihrem Aufbruch und sah den beiden Pferden nach, wie sie sich auf den Weg machten. Dabei spielten seine Finger mit dem Stein in seiner Manteltasche.
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Elladan und Elrohir ritten nun schon lange immer in Richtung der Gebirge, deren Spitzen sie schon seit langem ausmachen konnten. Sie würden nun nicht mehr lange brauchen, das stand fest.
„Der arme Legolas...", äußerte sich Elladan und sah zu den dunklen Gesteinsmassen, die sich vor ihnen aufzutürmen schienen. „Er wird schon wieder unter der Erde festgehalten werden..."
Elrohir nickte nur. „Diese Krabbelviecher von Orks geben halt auch nie Ruhe..."
„Meinst du...", begann er wieder. „Estel wird nicht doch noch Fieber bekommen...?"
Elladan schien zu überlegen. „Ich weiß es nicht. Er hat ein gutes Immunsystem, aber du kennst ihn ja. Er versteckt sein Befinden immer so lange vor allen anderen, bis es eigentlich schon zu spät ist. Ich hoffe nur, dass Gimli und Tanhis ein Auge, wenn nicht sogar zwei auf ihn haben werden!"
„Das werden sie...!", versicherte Elrohir und hielt sein Pferd an. „Sieh Elladan! Dort vorne sind die Berge. Wir sollten die Pferde hier lassen...!"
Der ältere Zwilling nickte und sie ließen sich geräuschlos von den Pferden gleiten.
„Wo sollen wir anfangen zu suchen?", fragte Elrohir und Elladan ließ sein geübtes Auge über die Felshänge schweifen. „Wir müssen uns wohl eine Stelle aussuchen und uns um das Gebirge schleichen... Sie werden es uns nicht so leicht machen und Fanfaren aufstellen um den Eingang zu markieren..."
Sie schlichen weiter und verbargen sich hinter einem großen Stein, der ausgelöst von einer Lawine wohl sein Ende auf dem Grund des Berges gefunden hatte.
„Nichts...", kommentierte Elrohir leise die Lage, hielt seine Hand jedoch stets am Schwertgriff.
Sie gingen weiter, immer darauf bedacht, sich nah an den Gesteinsreliefen zu halten, um sich am besten im Schatten der Steine verbergen zu können.
„Die Nacht neigt sich dem Ende...", sagte Elladan und sah zum allmählich verblassenden Sternenhimmel empor. „Wenn wir nicht bald-..."
„Dort!", flüsterte Elrohir eindringlich und nun sah auch Elladan, was sie schon so lange gesucht hatten – Orks! Es schienen sechs an der Zahl zu sein, doch es konnten ebenso gut, noch weitere zwischen den Felshängen hocken, um sich wenigstens ein wenig vor dem nahenden Tageslicht schützen zu können.
Elrohir beobachtete sie aufmerksam und versuchte zu erkennen, ob sie irgendetwas bewachen würden. Eine Tür oder dergleichen...
„Sie scheinen nichts zu bewachen...", murrte Elladan leise vor sich hin. „Sondern nur Ausschau nach Feinden zu halten..."
„Wunderbar...und wie sollen wir dann herausbekommen, wo sich ein Eingang befindet?", fragte Elrohir und ließ seinen Blick empor zu den Spitzen der Berge schweifen.
„Hingehen, höflich fragen, schauen, wo der dann gezeigte Eingang liegt, zurück reiten und Verstärkung holen!", witzelte Elladan trocken und Elrohir war gerade dabei ihm einen verächtlichen Blick zuzuwerfen, doch dann hielt er inne.
„Elladan...", flüsterte er und bekam leuchtenden Augen. Sein älterer Bruder sah zu ihm und hob fragend die Brauen.
„Was?", fragte er und musterte Elrohir.
„Das ist es! Das ist die Idee!", begann der jüngere. „Jetzt können wir einmal mehr ausnutzen, dass wir Zwillinge sind. Ich gehe hin und lasse mich zufällig gefangen nehmen. Dann siehst du, wo sie mich hinbringen und wirst folglich auch den Eingang finden. Wenn sie dann fort sind, eilst du zu den Pferden zurück und reitest zu Aragorn, Tanhis und Gimli. Es wird keinem auffallen!"
Elladan sah ihn mit einem merkwürdigen Ausdruck an und dann wieder zu der kleinen Gruppe Orks, die sich gerade über ein Kaninchen zu streiten schien.
„Mir wäre es lieber, wenn unsere Rollen vertauscht wären, Elrohir...", sagte er langsam, doch Elrohir winkte ab.
„Mir wird schon nichts passieren. Ich werde versuchen Legolas von innen da heraus zu holen und du dann mit Verstärkung von außen!"
„Na gut...", willigte Elladan ein und zog einen Dolch aus seinem Stiefel. „Den nimmst du mit! Nur...für Notfälle!"
Elrohir nickte, steckte das kleine Messer ebenfalls in den Stiefel, umarmte seinen Bruder ein letztes Mal und schlich vorsichtig aus seiner Deckung.
Er musste jetzt vorsichtig sein und wenigstens so tun, als wenn er sich nicht völlig kampflos gefangen nehmen lassen würde. Elrohir zog sein Schwert und ging weiter auf die kleine Gruppe zu.
‚Die scheinen aber auch gar nichts zu bemerken...', dachte er sich und sah sich auf der Erde nach einem Hilfsmittel um. Als er schließlich eines fand, huschte ein Lächeln über seine ebenen Züge und „unabsichtlich" trat er auf ein Stöckchen, was laut genug zerbrach, um die Orks auf ihn aufmerksam zu machen. Ein wenig zu langsam, verbarg er sich hinter einem großen Felsen und die, ihn nun gesichteten Orks, rannten in seine Richtung.
Er hörte ihr Grölen nun nahe bei sich, von ihrem Gestank wollte er gar nicht reden und bevor sie hinter seinen Stein sehen konnten, sprang er auf, das Schwert umfassend und stellte sich ihnen in den Weg. Die Orks schienen ein wenig verdutzt, ob des einsamen Kriegers, der nun vor ihnen stand, doch ihre Starre hielt nicht lange – sofort griffen sie ihn an.
Die Schläge parierte Elrohir immer geflissentlich ab, Verletzungen wollte er nun doch nicht haben. Umbringen aber, wollte er dieses Mal keinen, auch wenn er seinen ganzen Willen zusammenreißen musste. Wenn er Orks sah, konnte er schnell zur todbringenden Gefahr für diese Kreaturen werden.
‚Sind das Aushilfen?' Elrohir fragte sich die ganze Zeit wie er es ihnen einfacher machen konnte ihn nun endlich überwältigen zu können. Er wich wieder ein paar Schlägen aus, kratzte hier und da einen Ork und ging langsam zurück, bis er einige Unebenheiten unter seinen weichen Schuhen spürte.
Völlig unbeabsichtigt strauchelte er über einen kleinen Stein und fiel auf den Rücken. Sein Schwert wurde aus Versehen aus seiner Hand geschleudert und landete so auf dem Boden, dass er es nicht erreichen konnte. Wenn sie ihn auf der Stelle umbringen wollten, was er sich nicht vorstellen konnte, hätte er immer noch den Dolch in seinem Stiefel.
Er sah auf und sofort spürte er die stinkenden, klobigen Hände, die ihn zu Boden drückten. Ebenso streifte ihn der faulige Geruch, der aus ihren Mündern drang und es verschlug ihm fast den Atem. Ein wenig wehrte er sich noch und versuchte nach den Orks zu treten, doch ein Griff in seine Haare ließ ihn innehalten und sie böse anfunkeln.
„Elbenpack!", spuckte ihm einer ins Gesicht und Elrohir verzog das Gesicht.
„Was machen wir mit ihm?", fragte ein anderer und seine Stimme glich mehr einem Gurgeln, so dass Elrohir ihn nur mit Mühe verstehen konnte.
„Bringen wir ihn einfach um!", sagte einer mit einem Schulterzucken und legte bereits sein Krummschwert an den zarten Hals des Elben.
‚So war das aber nicht geplant...', dachte sich Elrohir. „Halt!", sagte er laut und tatsächlich, die Orks hielten inne.
„Wer ist eigentlich euer Anführer, dass er euch unnütze Wachen hier postiert? Er muss wirklich dumm und ahnungslos sein. Wenn er nicht sogar nur halb so schlimm aussieht wie ihr...!", keifte er sie an und hoffte, dass sie auf seinen Plan anspringen würden.
Ein Schlag traf ihn ins Gesicht und er sah zur Seite.
„Was hast du gesagt? Du beleidigst unseren Führer? Du sollst ihn kennen lernen! Er wird dich umbringen!", knurrte eine der stinkenden Kreaturen ihm nah ins Ohr.
Bevor Elrohir auch noch etwas sagen konnte, wurde er hochgezerrt, seine Arme ihm auf den Rücken gebunden und mit ihnen gezogen.
Er sah jedoch noch einmal unauffällig in die Richtung, in der er Elladan vermutete und zwinkerte ihm zu.
Elladan hatte seinen jüngeren Bruder die ganze Zeit mit Sorge beobachtet, doch als Elrohir dann hingefallen war und sein Schwert verloren hatte, musste er sich die Hand auf den Mund halten um nicht laut loszulachen.
Er sah noch das Zwinkern und schlich den Orks und seinem Bruder vorsichtig hinterher. Vorher jedoch griff er noch nach dem Schwert, was Elrohir „verloren" hatte.
‚Hoffentlich tun sie ihm nicht doch noch etwas...'
Elladan schüttelte den Gedanken wieder ab, daran wollte er gar nicht denken und außerdem wusste Elrohir sich durchaus zu verteidigen. Und wenn er dann erst Legolas gefunden hatte, waren sie schon einmal zwei erfahrene Krieger.
Weiter kroch er ihnen nach, bis er schließlich sah, wie sie mit Elrohir vor einer der Felswände zum stehen kamen und einen der Steine wegrollten. Elladan konzentrierte sich und versuchte sich den Stein genau ins Gedächtnis zu prägen. Er glich fast jedem der Brocken, die sowieso schon in Massen hier herum lagen. Elladan sah noch, wie sie Elrohir hinein zogen und den Stein wieder vor den Eingang schoben.
‚Hier hätten wir lange suchen können...'
Leise wandte er sich ab und schlich zu den Pferden zurück, die im Schutz der Bäume gewartet hatten. Er befahl dem von Elrohir ihm zu folgen und machte sich auf die Suche nach den anderen.
Die Orks zerrten Elrohir immer weiter unter die Erde und der Elb brachte all seinen Willen auf, um dieses kalte Empfinden bestmöglich zu unterdrücken. Schon jetzt vermisste er die klare, reine Luft, die ihn leicht umgab, wenn er durch die Wälder ritt. Die Sonnenstrahlen, die ihn streichelten, sobald der Tag die Nacht ablöste... Er durfte jetzt nicht daran denken!
Die stinkenden Kreaturen vor und hinter ihm unterhielten sich in ihrer abscheulichen Sprache und Elrohir konnte nicht verstehen, was sie vor sich hin knurrten. Vielmehr bemühte er sich darum, seine Fesseln ein wenig zu lockern. Nach einiger Zeit allerdings glaubte er beinahe, dass sie ihm das Fleisch durchschneiden würden, so zogen sie sich in seine Handgelenke, bei jedem weiteren Versuch.
„Was machen wir mit ihm? Soll er direkt zum Meister?", grunzte ein Ork.
„Nein! Môrrash ist gerade beschäftigt! Stecken wir ihn zu dem anderen Elben!"
Elrohir hatte immer noch nicht verstanden über was sie sich unterhielten und folgte ihnen so weiter, bis sie über mehrere Treppen schließlich bei den Kerkern angelangt zu sein schienen. Der Trupp hielt vor einer schweren Türe und einer der Orks schob einen großen Riegel fort, so dass sie sich langsam öffnen ließ.
Elrohir wurde hineingestoßen, so dass er sich nicht mehr fangen konnte und auf die Knie stolperte. Er sah hinter sich und nur noch, wie der Holzblock von einer Tür wieder ins Schloss fiel – ein Fluch entglitt seinen Lippen.
„Elrohir!", hörte er eine Stimme, die erschrocken, froh und verunsichert klang. Er sah auf und Legolas in der Ecke hocken.
„Was tust du hier?", fragte der Elbenprinz und war in dem Moment nicht dazu fähig sich zu bewegen.
„Dich besuchen. Nett hast du es hier...!", entgegnete Elrohir und sah sich in dem kleinen Verlies um.
Legolas stand schließlich auf und ging zu ihm. „Haben sie dir etwas getan?", fragte er, als er sich daran machte, die Fesseln von den Handgelenken zu bekommen, die die Orks dran gelassen hatten.
„Nicht der Rede wert...sie haben mir nur wieder einmal bestätigt, was für äußerst dumme Geschöpfe sie sind...!"
Legolas nickte und schaffte es schließlich Elrohir von den Fesseln zu befreien. „Sie sind eingeschürft..."
Elrohir nahm seine Arme nach vorne und rieb sich die Gelenke. „Das verheilt wieder..." Abermals sah er sich in dem kleinen, kargen Raum um, bis sein Blick auf Legolas ruhen blieb.
„Du siehst mitgenommen aus...", stellte er trocken fest und sah ihm direkt in die Augen.
„Das macht das drückende Gefühl unter der Erde...", entgegnete Legolas.
Elrohir nickte. „Hör zu! Wir wollen dich hier herausholen! Deshalb bin ich hier! Elladan ist wieder zu den anderen geritten und berichtet ihnen, wo die Orks mich verschleppt haben...!"
„Tanhis wird doch nicht mit auf der Suche sein?", fragte Legolas und richtete sich sorgenvoll auf.
„Du glaubst doch nicht, dass wir es geschafft hätten, sie dazu zu bringen im Palast zu bleiben!"
„Ihr hättet es versuchen müssen! Sie darf sich nicht in Gefahr bringen!", sagte Legolas und sah Elrohir ein wenig nervös an.
„Legolas! Jetzt höre mir einmal zu!", sagte er und fasste ihn an den Schultern. „Du weißt so gut wie ich, dass uns das nie möglich gewesen wäre. Sie hätte sich alleine davon gestohlen und dann wäre sie in größerer Gefahr als jetzt!"
‚Tanhis...was tust du nur...?', fragte Legolas und bildete sich ein, sie so erreichen zu können.
Er nickte. „Du hast Recht Elrohir...aber es wird sehr gefährlich für sie werden."
„Was weißt du...?"
Legolas seufzte und berichtete dem Imladriselben schließlich alles, was er erlebt hatte und von seinen Begegnungen mit Môrrash.
„Er will also etwas beherrschen...", murmelte Elrohir vor sich hin. „Und er weiß nicht, dass er den Prinzen bereits in seinen Fängen hat..."
Legolas nickte bejahend – sollte er Elrohir auch von den Schwächeanfällen berichten?
„Zumindest werden die Orks bald nicht mehr leben, die dich zu mir geführt haben...", sagte er in die Stille hinein und Elrohir sah ihn fragend an.
„Nun weiß noch einer, warum er den Prinzen haben will...das wird er nicht gut finden, da er mich sowieso töten lassen wollte."
Elrohir nickte. „Ein verständlicher Grund...er wird mich auch töten lassen...denke ich...das heißt...es sei denn...", er hielt inne und sah Legolas mit einem Leuchten in den Augen an.
„Es sei denn, was?", fragte Legolas und sah ihn skeptisch an – wenn die Zwillinge von Bruchtal einmal etwas im Kopf hatten, verhieß es meist nichts Gutes...
„...es sei denn, ich gebe mich als du aus!"
Legolas sah ihn verständnislos an. „Du willst was?"
„Ja Legolas! Wenn ich es nicht tue, wird er mich umbringen. Ich sage ihm bestimmt nicht, dass ich Elronds Sohn bin, nachher kommt dieser Môrrash noch auf andere Gedanken... Wenn ich ihm aber sage, dass ich der Prinz bin, wird er mich am Leben lassen und seine Suche nach dir, also dem Prinzen beenden. So wird er nicht erfahren, dass er dich eigentlich schon hat und du bleibst auch am Leben...!"
„Warum sollte er mich nicht umbringen?", fragte Legolas und sah ihn skeptisch an.
„Ich werde ihm schon drohen und dann bringt er dich nicht um!", erwiderte Elrohir bestimmt.
Legolas schien immer noch zu überlegen. Es schien wirklich der einzige Ausweg zu sein, wenn sie leben wollten...
„In Ordnung Elrohir...du bist ab jetzt der Prinz des Düsterwaldes!"
