5. Kapitel: Gewissheit
Legolas sah Tanhis vor sich. Sie waren in einer Wiese, die schon fast gänzlich mit Laub bedeckt war – der Herbst war gekommen. Er war stehen geblieben und sah zu, wie seine Geliebte lachend durch das Laub spazierte und den Klang des Raschelns genoss.
Doch mit einem Stich schien all das bunte Laub in Flammen zu stehen und Tanhis von ihm getrennt. Er rief nach ihr, aber sein eigener Körper fühlte sich an, als würde er brennen. Dann hörte er endlich die Stimme, die leise nach ihm rief. Aber es war nicht Tanhis' Stimme, auch wenn sie ihm bekannt vorkam...
Langsam schlug er die Augen auf und zog scharf die Luft ein, als er die ihm zugefügten Wunden verspürte. Vor seinen Augen verschwamm alles und er schloss sie kurz wieder, um sich zu konzentrieren und Kraft zu sammeln. Als er sie wieder aufschlug, sah er Elrohir vor sich auf dem Boden liegen, der nach seiner Hand gegriffen hatte und wieder seinen Namen sagte.
„Wie geht es dir?", fragte der Imladriselb und musterte ihn besorgt.
„Es ging mir besser, als ich noch bewusstlos war!", gab Legolas mit einem angestrengten Schmunzeln zu. Langsam richtete er sich auf, darauf bedacht, möglichst wenig Zug auf die Wunden zu bekommen, dass sie nicht wieder einreißen würden. Schwer atmend lehnte er schließlich an der Wand, doch seine Vorsicht hatte nichts genützt, er spürte erneut das warme Blut über seinen Bauch laufen.
„Na wunderbar...", war alles was er murmelte, bevor er wieder zu Elrohir sah, der mit dem Rücken auf dem Boden lag.
„Und wie geht es dir selber?", fragte er und musterte den Bluterguss auf der Wange des jüngeren Zwillings, der von der Schnittwunde noch untermalt wurde.
„Ging mir nie besser!", antwortete er und lachte gekünstelt, hielt aber direkt wieder inne und legte behutsam die Hand auf seinen Brustkorb. Als er Legolas hochgezogene Augenbraue sah, verzog er das Gesicht. „Ich habe das Gefühl, als wäre mein ganzer Körper eine einzige Prellung und ich glaube, dass ein, zwei Rippen gebrochen sind...!"
Legolas nickte und besah sich dann wieder seine eigenen Wunden. Sie waren nicht gefährlich tief und die elbische Selbstheilung würde helfen, dass sie schneller verheilen würden, als bei Menschen. Wenn er aber zu dem Boden neben Elrohir sah, wurde ihm klar, dass er dennoch viel Blut verloren haben musste. Das zerrte auch bei Elben an den Kräften. Legolas ergriff einen Zipfel seiner Tunika und tupfte das aus der Wunde austretende Blut behutsam ab. Stille trat ein, bis er Elrohirs Blick auf sich ruhen fühlte. Er hob den Blick und sah zu dem dunkelhaarigen Elben, der ihn mit seinen klaren Augen musterte.
„Was war auf einmal los mit dir Legolas?"
Legolas hatte auf diese Frage gewartet und wusste nicht, was er entgegnen sollte. „Was meinst du?", kamen die Worte aus seinem Mund, ohne dass er sie überhaupt aussprechen wollte.
Elrohir lachte leise auf und ignorierte den leichten Husten, der von ihm Besitz ergriff. „Das weißt du ganz genau. Der...Anfall...!" Elrohir sah wieder zu ihm und studierte Legolas' Gesichtszüge. Der silberhaarige Elb senkte den Blick – er war Elrohir eine Antwort schuldig. Wie in Gedanken rieb er über seine aufgeschürften Handgelenke und begann langsam von den seltsamen Anfällen, die ihn seit längerem befielen zu erzählen. Als er geendet hatte, sah er wieder zu Elrohir, der seinen Blick gegen die Decke gerichtete hatte und nachzudenken schien.
„Das ist nicht gewöhnlich Legolas...!", murmelte er dann mahnend.
„Danke, das weiß ich auch!", kam es beinahe giftig von Legolas zurück, doch sofort wurde seine Stimme wieder sanfter und er entschuldigte sich.
Elrohir musterte ihn. Es war klar, dass Legolas es verheimlicht hatte. Es hätte ihn sogar mehr als irritiert, hätte der Düsterwaldprinz jemanden von seinen Beschwerden erzählt.
„Und du weißt nicht, warum du sie hast?", fragte Elrohir weiter, doch Legolas sah ihn nur stumm an.
Elrohir ließ das Geschehene vor seinem inneren Auge noch einmal Revue passieren.
„Legolas...", sagte er dann. „Ich weiß nicht, ob du es wahrgenommen hattest. Als sie dich gequält haben...es war ab und an ein tiefes, Furcht einflößendes Grollen zu hören, dass fast die ganze Halle erbeben ließ."
Legolas versuchte sich zu erinnern und nickte dann. Er hatte es ebenfalls gedämpft vernommen. Der Elb änderte seine Sitzhaltung ein wenig und unterdrückte das Stöhnen, dass seinen Lippen entweichen wollte. Er fragte sich, ob er Elrohir von seiner Verbindung zu dem Drachen berichten sollte und ihm auch mitteilen, dass Morrash es auf sein Blut abgesehen hatte, um den Drachen zu beherrschen. Er hatte ihm ja schließlich schon erzählt, dass Môrrash sich ein etwas unterwerfen wollte, ihm aber noch nicht berichtet, dass dieser den Prinzen – also ihn – dazu brauchte, weil das Drachenblut in seinen Adern floss. Davon wußten nur wenige, eigentlich nur diejenigen, die damals mit in dem Turmzimmer gewesen waren, also Tanhis, sein Vater und die Hobbits. Aragorn hatte es nur wenig später von seinem Vater erzählt bekommen und hütete dieses Geheimnis seither ebenso, wie alle anderen. Selbst Gimli hatten sie nicht in Kenntnis über den wahren Umstand seiner Heilung gesetzt. Aber Elrohir war nun seinetwegen in Gefahr geraten, hatte sich nur seinetwegen in Gefangenschaft begeben und somit auch Leid und Schmerzen in Kauf genommen!
Legolas schlug auch das schlechte Gewissen, weil er dem Freund nicht gleich alles erzählt hatte. Er hätte ihn an seinem Wissen schon deshalb teilhaben lassen müssen, weil dieser sich als der Prinz hatte ausgeben wollen, doch er hatte ihn ausgeliefert, ohne ihn zu warnen. Und was hatte es ihnen beiden eingetragen? Nur noch zusätzliche Schmerzen, die völlig umsonst gewesen waren, weil Môrrash ihr Spiel durchschaut hatte.
„Wieso...", kam es dann leise von Legolas. „...wusste er, wer du bist?"
Elrohir hatte gerade seine Hand an seine Wange geführt und strich sich, tief in Gedanken, vorsichtig über den Bluterguss. „Ich weiß es nicht! Ich war wie gelähmt, als ich meinen Namen vernahm."
„Bis dahin hat dein Plan ja wunderbar funktioniert...", bemerkte Legolas trocken und fing sich einen bitterbösen Blick von Elrohir ein.
„Er hat mit uns gespielt Legolas! Er wusste die ganze Zeit, dass ich nicht der Prinz bin und hat dir solche Qualen zugefügt um es uns zurück zu zahlen...es wird Zeit, dass die anderen kommen! Ich weiß nicht, ob uns noch eine Begegnung so gut tun wird...!"
„Elrohir...", begann Legolas – er wollte gar nicht an eine weitere Begegnung denken - und musterte den Zwilling wieder. „Du solltest von dem kalten Boden wegkommen, du zitterst schon die ganze Zeit...!"
„Das ist nicht die Kälte...", gab Elrohir finster zurück. „Es sind die Wände und das spärliche Licht. Die Enge hier unten... Ich sehne mich nach dem Sonnenlicht. Das was wir gestern erlebt haben war schon schlimm genug...oder war es gar nicht gestern? Haben wir überhaupt schon ‚morgen'? Ich habe kein Zeitgefühl mehr..." Elrohir hob seine Hand und sah jetzt selbst, dass er leicht zitterte. „Wenn wir hier lange verharren müssen, werde ich wahnsinnig...!"
Legolas sagte gar nichts, sondern sah nur vor sich auf den Boden und lauschte Elrohirs Worten. Sie erinnerten ihn wieder an seine alte Gefangenschaft. Dort war er selbst kurz vor der Verzweiflung gewesen, weil die Enge und die Dunkelheit der Höhlen seinem Geist zugesetzt hatten. Aber Tanhis war gekommen...sie war gekommen und hatte ihn gerettet...würde sie auch dieses Mal kommen? Ja! – kam es direkt in seinem Hinterkopf. Mit dieser kleinen Hoffnung, driftete sein Geist, von den Wunden gezeichnet, wieder in weite Ferne und verließ die klamme Zelle.
Elrohir wollte gerade wieder ansetzen, als er zu Legolas sah und erkannte, dass der Elb im Geiste der Zelle entflohen war. Der Imladriselb legte sich ein wenig anders hin, biss aber direkt die Zähne zusammen, als seine Rippen und Blutergüsse sich bemerkbar machten. Er dachte nach...woher kannte dieser Herrscher ihn? Warum hatte er ihn erkannt?
Er merkte nicht, dass auch sein Geist langsam aber sicher wieder die Zelle verließ und diesen Ort für so lange wie möglich verließ...
Legolas wußte nicht, wohin er seine Gedanken lenken sollte, doch dann suchten sie von selbst wieder die wirbelnden Farben, die ihn schon einmal aus diesem Gefühl des Eingesperrt seins und der Einsamkeit heraus geholfen hatten. Und er brauchte auch nicht lange, um sein Ziel zu erreichen, denn er fand die Farben schnell in seinem Inneren, so, als seien sie ein fester Bestandteil seines Selbst, ohne das er nicht mehr im Ganzen existieren würde.
Ein Gewebe aus Farben bildete sich vor seinem geistigen Auge und es schien ihm, als sei ihm ein Großteil von ihnen schon immer bewusst gewesen und auch schon so alt wie er selbst. Doch einige Farbstränge glänzten von solcher Intensität, dass sie nicht in das alte Muster passten und zeigte ihm auf, dass sie noch nicht lange zu ihm gehörten, aber jetzt für immer ihren Platz einnehmen würden.
Und dann fand er die Schattierungen von Farben und Licht, die nicht seine eigenen waren, aber trotzdem einige Merkmale aufwiesen, die den seinen entsprachen und von einem Augenblick zum nächsten, sah er wieder mit den Augen des anderen und auch mit seinen eigenen.
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Er lag auf dem Bauch, die Schwingen an den riesigen Körper gelegt und behielt den Eingang der Höhle immer im Auge und lauschte auf die verräterischen Schritte seiner Peiniger. Die übergroßen Klauen, bestückt mit messerscharfen Krallen, wurden von schweren Eisenringen umfangen, deren Ketten so kurz waren, dass er sich nicht einmal zu drehen vermochte. Die Ringe schabten immer über die gleichen Stellen an seiner geschuppten Haut und hinterließen blutende Striemen. Er spürte auch die übrigen Wunden, die ihm diese kleinen, häßlichen Kreaturen mit ihren Waffen zugefügt hatten, nicht so tief, dass sein Leben herausströmen konnte, aber dennoch schmerzhaft. Und er nahm jene Schmerzen wahr, die bei ihm keine Wunde hervorrief, sondern die Verbindung, die zwischen ihm und dem reinen, edlen Geschöpf bestand, dessen Gegenwart ihn seit einigen Wochen zu trösten vermochte. Der schwere Kopf gab den Kampf gegen die Ketten auf und sank auf seine Klauen herab. Nun war alles leichter zu ertragen, denn er war nicht mehr alleine und diese Präsenz des anderen, zeigte ihm auch, dass dieser die Qualen der Folter überstanden hatte, wenn auch nicht ohne Schaden zu nehmen.
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Legolas festigte ohne nachzudenken das Band zwischen sich und dem Drachen und fand es sei an der Zeit, dass dieser nun erfuhr, mit wem er verbunden war. Er sandte ihm erst das Muster seiner eigenen Farben, um sich zu erkennen zu geben und spürte sogleich die willkommene Aufnahme, als der Drache ihn anhand seiner Farben erkannte. Dann versuchte er, seine wahre Gestalt zu übermitteln – Äußerlich, als auch Innerlich und gab seine Empfindungen und Erinnerungen mit in die Stränge aus Licht – so, wie der Drache es bei ihrem ersten, bewussten Kontakt auch getan hatte. Bilder entstanden, die dem Drachen verdeutlichten, wie sein Wesen und seine Natur war und dass er es ebenso tröstlich fand, mit ihm verbunden zu sein.
Legolas konzentrierte sich so auf den Kontakt mit dem Drachen, dass er alles um sich herum vergaß und er genoss es, auf den Strahlen des Lichts davongetragen zu werden…
Elrohir hielt den Atem an, als er in das verzerrte Gesicht seines Freundes sah. Durch ein Geräusch war er aus seinen eigenen Gedanken hochgeschreckt worden und erbleicht, angesichts des Zustandes von Legolas.
Dessen Rücken war so gerade wie eine Schwertklinge und ein Stöhnen kam über seine Lippen. Seine Augen waren weit aufgerissen und das helle Blau war verdunkelt durch merkwürdigen Bronze-, Gold- und Grünflecken; die Pupillen waren wie Nadelspitzen und glühten wie schwarze Perlen. Er grub die Finger in den Boden, als wären sie Krallen und Entsetzen und Wut sprachen zudem aus seinen sonderbaren Augen. Plötzlich schrie Legolas auf und brach zusammen.
„Mellon nin!" Elrohir schüttelte seine Schulter. „Komm schon, wach auf Legolas!"
Es schien ewig zu dauern, bis der Freund sich regte. Schließlich durchlief ihn ein langer Schauer und er stützte sich auf einen Arm und hob benommen den Kopf. „Elrohir?"
Seine Stimme klang heiser und leise und er musste sich räuspern.
„Hier, trink etwas Wasser." Elrohir nahm den Wasserkrug, der neben der Türe bereitgestellt worden war, während sie bewusstlos gewesen waren, und hielt ihn Legolas an die Lippen. Augenblicke später hatte dieser sich etwas gefasst und holte tief Luft.
„Was ist geschehen, Legolas? Was stimmt nicht mit dir?" Elrohir konnte nicht mehr länger an sich halten. Ihn beunruhigte der Zustand seines Freundes und wurde doch das Gefühl nicht los, dass dieser mehr wusste, als er zugab.
„Ich – ich habe ihn berührt, Elrohir! Bei den Valar! Was für Farben!"
Elrohir konnte nicht das Geringste von dem einordnen, was Legolas damit meinte, brauchte aber auch nicht lange auf eine Erklärung zu warten.
„Es ist ein Drache! Morrash hält ihn gefangen und will ihn sich zu Nutze machen – wofür auch immer! Ich weiß, dass hört sich jetzt vielleicht merkwürdig an, aber – nun ja, ich bin mit ihm verbunden. Ich meine, nicht nur gedanklich, sondern ich fühle, was er fühlt, kenne seine Gedanken und bin ein Teil von ihm, so, wie er ein Teil von mir ist!
Sein Blut fließt in meinen Adern, mellon – deshalb braucht mich Môrrash. Mich, um den Drachen zu bezwingen…", Legolas' Stimme klang immer noch brüchig und sein Blick war auf Elrohir gerichtet. „Ich wußte es schon, als ich dir das erste Mal von Môrrash erzählt habe – und ich hätte es dir sagen müssen! Meinetwegen… musstest du leiden! Hätte ich dir nur sofort alles gesagt…Verzeih mir!"
Elrohir schwieg eine Zeit lang, dann sah er Legolas lange und tief in die Augen. „Es gibt nichts zu verzeihen, Legolas. Du hattest sicher deine Gründe mir nichts von dem Drachenblut zu erzählen. Doch jetzt möchte ich alles genau wissen!
Ich weiß nicht, warum Môrrash mich kannte, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass mir an ihm auch etwas vertraut vorkommt! Wenn ich alles weiß, kann ich vielleicht seine Pläne durchschauen und wir können einen Weg finden, um dir und dem Drachen zu helfen!"
Legolas zögerte nicht länger und begann die ganze Geschichte zu erzählen, angefangen, bei seiner Gefangennahme durch Rinyaviê. Mit jedem Satz wurde seine Stimme wieder fester und sein Atem klang nicht mehr so mühsam. Als er von seiner ersten Begegnung mit dem Drachen sprach, trat ein Strahlen in seine Augen.
„Diese Farben, Elrohir, ich kann sie nicht beschreiben, aber sie leuchteten alle irgendwie Grün! Er war so wütend, dass er mich mit seinen Gefühlen beinahe getötet hätte, doch als er merkte, welche Qualen er mir bereitete, wurde er sanfter und zeigte mir in Bildern, dass er alles miterlebt hat, was dieser Môrrash mir angetan hat. Wir teilen alles miteinander, Elrohir – jeden Schmerz, die Angst, die Einsamkeit und die Enge unserer Gefängnisse…"
„Und vielleicht auch noch schlimmeres, mein Freund, über das ich lieber nicht nachdenken möchte!", murmelte Elrohir, was Legolas mit fragendem Blick aufnahm. Elronds Sohn räusperte sich.
„Es gibt in Bruchtal alte Schriften, die von den Drachen erzählen und die letzten habe ich selbst noch als kleiner Junge durch die Lüfte fliegen sehen. Ganze Scharen, die den Himmel plötzlich verdunkelten, schön und gefährlich zugleich! Sie „tanzten" förmlich am Himmel und schrieen ihr Glück und ihre Freude über ihre Freiheit in die Luft. Damals waren sie uns heilig. In den Schriften findet sich vieles über sie.
Wenn sich die Männchen bekämpften, um die Gunst eines Weibchens, dann taten sie dies bis zum Tod des Rivalen. Wir fanden hin und wieder ein sterbendes Männchen und ihr Blut fingen die Ältesten auf. Aus dieser Zeit muss auch die Phiole deines Vaters stammen! Das Blut galt schon damals als Heilmittel und einige Elben rettete es das Leben, doch diese spürten auch die Drachen, wenn sie sich in der Nähe von Bruchtal aufhielten – so wie du diesen Drachen jetzt spürst – mit all seinen Gefühlen und Empfindungen! Also auch die Schmerzen der Kämpfe und den Tod eines Drachen…"
Elrohir schluckte und fixierte Legolas' Blick.
„Mit dem Drachen starb auch immer ein Teil von ihnen und einige trauerten sehr stark über diesen Verlust und je mehr Drachen starben, desto schwächer und melancholischer wurden sie, bis sie zu viel von sich selbst verloren hatten…"
Elrohir sprach nicht weiter und Legolas nickte verstehend und versuchte dann, seiner Stimme Zuversicht zu verleihen.
„Das wird mir nicht widerfahren, denn Môrrash will den Drachen nicht töten, sondern ihn sich zu Nutzen machen. Er braucht uns beide lebend…"
„Jedenfalls solange, wie ihr ihm von Nutzen seid! Legolas, wenn er von dem Drachenblut weiß, dann kennt er womöglich auch die Legenden um die Verbundenheit mit den Drachen und ihre Folgen! Du musst vorsichtig sein – und der Drache auch!"
Legolas nickte, doch weniger überzeugend als zuvor. Die Situation wurde immer undurchsichtiger und geheimnisvoller. Was würde wohl als nächstes geschehen?
Er brauchte nicht lange auf eine Antwort zu warten, im nächsten Augenblick wurde die Kerkertüre aufgerissen und Haldur trat herein. Elrohir und Legolas sahen sich an – ihr Gegenüber konnte nichts Gutes im Sinn haben. Hinter Haldur kamen die Orks. Sie waren sechs an der Zahl und gingen zu den Gefangenen, um sie im nächsten Augenblick unerbärmlich festzuhalten. Legolas holte zischend Luft, als sie unsanft seinen, von Schnittwunden gezeichneten, Oberköper umschlangen. Ebenso Elrohir – er biss die Zähne zusammen, als keine Rücksicht auf seine gebrochenen Rippen genommen wurde.
„Könnt Ihr nicht warten, bis uns besser geht, bevor wir Euch wieder ertragen müssen?", murrte Elrohir mehr zu sich, als dass er wollte, dass Haldur ihn verstand. Dieser, der bis jetzt nur zwischen den beiden Elben gestanden hatte, ging auf Elrohir zu.
„Warum sollte ich?" Er musterte den Imladriselben und weidete sich in seinem erbärmlichen Anblick. „Ich werde dich jetzt für alles leiden lassen, was du und deine verfluchte Familie mir angetan habt!"
Elrohir sah ihn kalt an, bis er die Beherrschung verlor. „Beim Balrog, WAS soll ich Euch angetan haben? Oder meine Familie! Woher kennt Ihr mich? Wer seid Ihr?"
„Wer ich bin? Willst du das wirklich wissen kleiner Elrohir...?" Er griff nach einem Ohr Elrohirs und zog ihn daran zu sich. „Na? Tut es weh? Schmerzt es?", fragte er immer wieder, während er beobachtete, wie Elrohir das Gesicht verzog, um keinen Laut aus seinem Mund entweichen zu lassen. „Erinnerst du dich daran, wie du es immer mit einem Elben gemacht hast? Zusammen mit deinem Bruder? Erinnerst du dich?"
Elrohirs Gedanken überschlugen sich. Wovon redete sein Gegenüber jetzt schon wieder? Er versuchte nachzudenken und sich zu erinnern – nicht zuletzt um dadurch den Schmerzen zu entgehen, die pochend von seinem empfindlichen Elbenohr kamen. Elrohir spürte die Präsenz seines Gegenübers, fühlte seine dunkle Aura. Das seltsam Vertraute überfiel ihn wieder. Er kannte seinen Peiniger. Er kannte ihn besser, als er es vielleicht wahrhaben wollte. Der jüngere Zwilling öffnete die Augen, die er geschlossen gehabt hatte und fixierte die dunklen Schatten, die die Kapuze über Haldurs Gesicht warf. Er versuchte etwas zu erkennen...nur eine Winzigkeit, die ihm sagen könnte, wer sein Gegenüber war...
„Haldur...", entfuhr es schließlich seinen Lippen. Er wurde losgelassen und der Elb vor ihm stand auf. Elrohir sagte den Namen noch einmal, wie zur Bestätigung, dass er Recht hatte. Plötzlich ertönte ein Lachen, es klang nicht wie ein normales Lachen und sorgte bei Elrohir und Legolas für Gänsehaut. Haldur hob seine Hände und streifte die Kapuze von seinem Kopf. Legolas sah ihn nur von hinten, doch reichte ihm Elrohirs weit aufgerissene Augen, um zu wissen, dass er ihn sehr wohl kannte.
„Wie? Warum? Was..." Elrohir sah ungläubig zu dem Elben, der so viele Jahre mit ihm in Bruchtal verbracht hatte – bis er gegangen war. Elrond hatte ihn gedemütigt, indem er ihn aus Bruchtal verbannt hatte. Aber es war rechtens! Haldur war unberechenbar gewesen und hatte Estel manipuliert und unter Druck gesetzt, bis Elrond es nicht mehr mit ansehen konnte und dem Elben die Tür gewiesen hatte. Hier trafen sie sich also wieder...
Haldur hatte sich wieder beruhigt und sah mit blitzenden Augen auf Elrohir hinab. „Erstaunt wie ich sehe...! Und wie du siehst, habe ich mir mein eigenes kleines Reich geschaffen – mit Hilfe meiner Freunde hier...Orks sind leicht zu manipulieren und immer zufrieden zu stellen, wenn sie hochmütige Elben quälen dürfen.
Elrohir sah ihn mit tödlichen Blicken an. „Manipulieren...das hast du bei Estel schon immer versucht du hinterlistiges Aas!"
„Reg dich nicht auf! Der bekommt auch noch, was ihm zusteht! Aber zuerst...werde ich meine Rache an dir verüben...!" Mit einem Wink, befahl er auch noch den anderen Orks, die sich bis jetzt um Legolas gekümmert hatten, zu ihm zu kommen.
Mit einem Grunzen, ließen sie Legolas los, der tief einatmete und seine Schnittwunden nur zu sehr spürte. Seine Gedanken aber, waren zu sehr aufgewühlt, von dem Gehörten, als dass er rechtzeitig wahrnahm, dass ihm seine über dem Kopf an die Wand gefesselt wurden. Als er sich wehrte, war es auch schon zu spät, um sich von den einschneidenden Schnüren zu befreien. Mit Unbehagen, sah er den Orks nach, wie sie zu ihrem Herrscher gingen und zwei daraufhin die Zelle verließen. Der andere ging nun auch zu Elrohir und band ihm seine Füße, während die anderen ihn hochzogen und ihm seine Tunika beinahe schon vom Leibe rissen. Der Imladriselb sah an der höhnenden Grimasse Haldurs vorbei zu Legolas der ihn mitleidig ansah. Die Orks hielten ihm seine Arme so, dass er sich nicht bewegen konnte und mit seinen Fußfesseln konnte er sich eh nicht viel bewegen.
„Was hast du vor Haldur?", zischte er und sah ihn funkelnd an.
„Nenn mich Môrrash! Haldur gibt es nicht mehr!"
Elrohir sah ihn fragend an, doch in dem Moment kamen die beiden Orks mit einem großen Bottich zurück. Elrohir sah voll Unheil zu dem Kessel und meinte zu wissen, was auf ihn zukommen würde.
„Baw!", schrie Legolas auf einmal, als die Orks den Kessel anhoben – er wurde geflissentlich überhört.
Haldur lächelte Elrohir süffisant an, als er den Orks den Befehl gab, Elrohir zu foltern. Der Elb schloss die Augen und spannte seinen Körper an, doch als das Wasser ihn traf, raubte es ihm dennoch den Atem. Es war kochend heiß und brannte wie Feuer auf seiner Haut. Elrohir biss die Zähne zusammen um nicht aufzuschreien und blieb stehen.
„Härter als ich dachte...ich glaubte, ihr beiden Zwillinge währet solche Memmen...! Mal sehen, wie viel du aushältst!" Damit gab er den Orks das Zeichen wieder eine Ladung heißen Wassers auf Elrohir zu kippen, der sich in den Griffen seiner Peiniger hin und her wandte.
„Hört auf damit! Lasst ihn in Frieden!", kam es wieder von Legolas, der hilflos mit ansehen musste, wie sein Freund immer schwächer in der Gegenwehr wurde und das Wasser ihm mittlerweile ein Stöhnen entlockte, wenn es ihn traf. Haldur drehte sich gelangweilt zu ihm um und hob eine Augenbraue.
Legolas sah zu seinen Fesseln und zerrte daran. „Lasst ihn in Ruhe! Rachsüchtiger Schweinehund! Und du schimpfst dich Elb!", zischte er, so dass Haldur einen Schritt auf ihn zu machte, aber dann innehielt. Anstatt dass er persönlich zu ihm kam, schickte er einen seiner Untertan, der sich zu dem, sich wehrenden, Legolas beugte und ihm kurzer Hand einen Knebel verpasste. Ein unterirdisches Grummeln ertönte, doch der dunkle Herrscher überging es.
„Noch irgendwas?" grinste Haldur und wandte sich wieder Elrohir zu, der keine Selbstbeherrschung mehr aufbringen konnte und bei der nächsten Wasserladung mit einem leisen Schrei in sich zusammen sank. Die Orks ließen ihn los und der Elb klatschte auf den Boden. Das Wasser rann ihm den ganzen Körper entlang. Sein Oberkörper war krebsrot und Elrohir umschlang ihn mit seinen Armen, als er heftig Luft holte.
„Bist du...jetzt fertig?", kam es leise aber noch nicht niedergeschlagen aus seinem Munde und er sah unter den schwarzen Strähnen seiner Haares, die ihm übers Gesicht fielen zu Môrrash auf.
„Immer noch so frech...Tztz...ich sollte dir gleich noch einmal zeigen, dass du Respekt vor mir haben solltest – den du viel zu lange nicht vor mir gehabt hast!"
„Was...willst du?", erklang Elrohirs raue Stimme abermals, ohne dass er auf Haldur einging.
„Was ich will? Was ich will? Ich will Rache! Genugtuung für all die Jahre der Demütigung und des Schmerzes, den ihr mir zugefügt habt! Und vor allem von einem...!"
„Estel...", kam es ungewollt von Elrohir.
„Ja, ganz richtig! Er ist es, den ich besiegen und dem Boden gleich machen will!"
Elrohir schloss die Augen. Das durfte nicht wahr sein! Das konnte nicht wahr sein! Er und Legolas befanden sich in den Händen eines Irren, der Estel dem Erdboden gleichmachen wollte.
„Und...wie willst du das schaffen?", fragte Elrohir weiter und ignorierte, die starken Arme, die ihm seine eigenen unnachgiebig auf den Rücken hielten.
„Mit IHM!", sagte er, wirbelte herum und deutete auf Legolas, der all die Theorien bestätigt fand.
„Und soll ich euch auch zeigen wie?", grinste Haldur und ging auf Legolas zu, der weiter an die Wand rutschte. Haldur holte aus und gab dem Elben eine schallende Ohrfeige. Die Ringe, die er trug, taten ihr übriges und sorgten für eine Schürfwunde, die sich an Legolas' Wange entlang bildete. Sofort ertönte wieder das unterirdische Grölen und ließ einige kleine Steine von den Wänden rieseln. Legolas, dessen Kopf von der Wucht des Schlages zur Seite geflogen war, sah wieder auf und spürte die pulsierende Wärme in sich, die von dem Drachen herrührte.
„Du weißt, was ich meine...du weißt es!", zischte Haldur, beinahe ein wenig Ehrfürchtig, doch dieser Anflug war bald wieder verflogen. „Mit dieser Waffe, werde ich in den Krieg gegen Gondor ziehen! Mit dieser Waffe wird mich keiner aufhalten können! Nicht mit einem Drachen!"
Stille – Toten Stille herrschte in der Zelle. Legolas sah hektisch zu Elrohir der ebenfalls zu ihm sah, nur um im nächsten Moment den Blick wieder auf Môrrash zu richten.
„Du bist wahnsinnig!", entfuhr es ihm, worauf hin er nur wieder einen Schlag auf den Kopf verpasst bekam – die Orks machten ihrem Ruf, wirklich alle Ehre.
Haldur ging gar nicht auf ihn ein, sondern weidete sich weiter in seinem Triumph. „Und ihr beide werdet keinen kleinen Teil dazu beitragen! Ihr werdet Anteil daran haben, wenn ich Estel stürze! IHR werdet dafür sorgen, dass er sein Königreich verliert, dass er auf dem Boden kriecht, dass er umkommt!" Wieder entbrannte er in wahnsinniges Gelächter. Als er sich wieder beruhigte, wanderten seine Blicke zwischen den beiden Elben hin und her. „Töten kann ich euch nicht...aber ich werde euch leiden lassen...leiden lassen, für das, was ich erleiden musste. Und du...", er kniete sich zu Legolas, so dass er mit ihm auf einer Augenhöhe war. „Du wirst mir helfen ihn zu lenken! Du wirst ihm befehlen, dass zu tun, was ich sage! Wenn nicht...", er verstummte und betastete Legolas' Brust, bis er die Wunden fand und stetig darauf drückte, so dass Legolas unter seinem Knebel aufstöhnte. Aber er rührte sich nicht, fühlte nur, wie aus einer der Wunden, das warme Blut erneut austrat und hielt dem Blick seines Peinigers stand. Mit einem Ruck stand Haldur auf.
„Warum seid ihr auch so hartnäckig! Ergebt euch und es wird euch besser ergehen!"
Er sah zu Elrohir und als er seinen ungebrochenen Blick sah, erfüllte ihn die Wut, die ihn damals, in Bruchtal, immer erfüllt hatte, als er die Zwillinge gesehen hatte. Was wäre, wenn er dem Elb die Schönheit nehmen würde, die ihn immer in solch einem Glanz erstrahlen ließ. Ein gehässiges Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Knebelt auch ihn! Ich will seine Stimme nicht hören!" Einer der Orks machte sich daran und nahm anschließend seinen Platz wieder ein. Elrohir sah misstraurig zu seinem Gegenüber und wich unmerklich zurück, als Haldur seinen Dolch zückte und auf ihn zukam. Er konnte nichts Gutes im Schilde führen. Die Kreaturen hielten ihn ruhig und verursachten, dass seine Arme allmählich taub wurden. Seine Haut brannte und verursachte ihm Qualen, als sie ihn weiter auf den rauen Boden drückten. Es fühlte sich an, als würde ihm die Haut vom Körper gerissen, doch er hielt still. Haldur strich beinahe fürsorglich einige nasse Strähnen hinter Elrohirs Ohr und näherte sich mit dem Dolch. „Wie wäre es, wenn wir aus dir einen Menschen machen?", grinste er und führte den Dolch an die Ohrspitze. Elrohir begann sich in den Griffen der Orks zu winden und wollte lautstark protestieren, doch der Knebel verhinderte ihn wirkungsvoll daran. Sein verzweifelter Blick traf den Legolas', als er in seinen Bemühungen kapitulierte. Er konnte sich nicht bewegen und suchte den Blick des silberhaarigen Elben. Elrohir versuchte seinen Geist aus seinem Körper zu locken um nicht mehr in der Zelle zu sein. Er sah starr in die blauen Augen Legolas' und richtete seine ganze Konzentration darauf.
Der Dolch ritze ein...
Elrohir verzog das Gesicht und sah wie gebannt zu Legolas...
Haldur lächelte beinahe verzückt, als er die Blutstropfen hervortreten sah. Er wollte gerade ansetzen und sein Werk vollbringen, als er einhielt und sich nach den Rufen umwandte. Orks kamen in die Zelle gestürmt und riefen ihn in ihrer derb klingenden Sprache. Er sah wieder zu Elrohir und fluchte laut. Dann ließ er von ihm ab und rannte mit den anderen Kreaturen aus der Zelle heraus.
Legolas
beobachtete als dies mit großer Verwirrung. Die Türe war
wieder ins Schloss gefallen und Elrohir und er alleine in der Zelle.
Der dunkelhaarige Elb ihm gegenüber lag wie starr auf dem Boden
und suchte immer noch nach seinem Blick. Legolas rief nach seinem
Namen, doch nur ein erstickter Laut verließ seinen Mund. Er
versuchte den Knebel an seinem Ärmel abzustreifen, aber er saß
zu fest.
Elrohir registrierte nicht, was um ihn herum geschah. Er
war schon zu weit in seiner Hypnose gefangen. Sein Blick war verklärt
und registrierte nicht, wie Legolas an seinen Fesseln zerrte und
versuchte seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Erst nach, für den
Sindarelben, unendlicher lang erscheinender Zeit regte sich Elrohir.
Ein kurzes Zittern verriet, dass er wieder Herr über sich selbst
war, bevor er zu Boden sank und bewegungslos liegen blieb.
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Tanhis schrie auf, als sich der Untergrund unter ihren Füßen löste und klammerte sich so fest an Elladan, das dieser das Gefühl hatte, sein Brustkorb würde zerdrückt, doch er kam nicht dazu, Tanhis aufzufordern, ihren Griff zu lockern. Ihnen wurde der Stand weggezogen und sie schlugen der Länge nach hin und rutschten in unglaublicher Geschwindigkeit auf den Abgrund zu. Die Steine schürften ihnen die Haut an Händen und Gesicht auf und Staub stieg ihnen in Augen und Nase, sodass sie nichts sehen konnten und ihnen das Luft holen fast unmöglich schien.
´Es ist vorbei´…´, dachte Tanhis, ´…wir werden in die Tiefe stürzen und ich werde Legolas nie wieder sehen…´
Doch in diesem Moment spannte sich das Seil mit einem Ruck und riss ihr die Arme nach oben, sodass ihr Elladan beinahe aus ihrer Umklammerung gerissen wurde. Sie packte mit blinder Verzweiflung noch fester den Stoff seiner Tunika und schluchzte auf, bei dem Gedanken, er könnte ihr entgleiten und sie hier in dieser Situation alleine lassen. Sie flüsterte seinen Namen und wagte nicht, die Augen, die sie zum Schutz vor dem Staub geschlossen hatte, wieder zu öffnen, denn sie fühlte, dass ihre Füße über der Felskante hingen. Elladan musste demnach fast bis zum Oberkörper über dem Abgrund hängen, denn sie hielt ihn unter den Armen gepackt, einzig gehalten durch sie selbst.
„Elladan", keuchte sie jetzt noch einmal, denn ihr schwanden allmählich die Kräfte. Elladan wog nicht viel für einen erwachsenen Elben, denn er schlank und nicht viel größer als sie, doch mit jeder Sekunde die sie ihn hielt, wurde er schwerer und schwerer.
Als er auch auf ein weiteres Rufen keine Antwort gab, zwang sie sich endlich dazu die Augen zu öffnen.
Sie hingen wirklich unmittelbar über dem Abgrund, doch was sie noch mehr aus der Fassung brachte, war der Umstand, dass Elladan bewusstlos in ihren Armen hing und aus einer Wunde an der Stirn rann ihm Blut über das ebenmäßige Gesicht. Er musste beim Sturz aufgeschlagen, oder von einem Stein getroffen worden sein!
Nun hing alles an ihr! Sie hielt nicht nur ihr eigenes Leben in Händen, sondern auch das Elladans! Sie holte tief Atem um ihre Gedanken zu beruhigen und die Schreckensbilder aus ihrem Kopf zu vertreiben und sammelte ihre Kraft neu. Sie durfte nicht aufgeben. Sie musste sich aus dieser Situation befreien und Elladan in Sicherheit bringen, seine Wunde versorgen und sich dann auch auf den Weg zu Aragorn und Gimli machen! Sie erwarteten sie am vereinbarten Treffpunkt, um sich weiter auf die Suche nach Legolas und Elrohir zu machen! Legolas! Wenn sie hier scheiterte, dann war auch er unwiederbringlich verloren! Elrond würde beide Söhne verlieren, Gondor seinen König, Arwen ihren geliebten Gemahl, das Volk der Zwerge ihren Führer und Thranduil seinen Sohn.
Das alles würde geschehen, wenn sie aufgab und mit Elladan über die Felskante rutschte!
„Elladan?", flüsterte sie, doch er gab auch diesmal keine Antwort. Seine Augenlider blieben geschlossen, seine Haut besaß die wächserne Blässe eines Toten, die Lippen unnatürlich farblos, doch sie spürte seinen flachen Atem und den Herzschlag in seiner Brust. Sie redete weiter, in der Hoffnung, dass ein Teil von ihm sie hören konnte und auch, weil ihre eigene Stimme ihr Kraft gab.
„Ich werde dich jetzt hochziehen und dich auch irgendwie mit dem Seil sichern. Verhalte dich ganz still, denn sonst gibt das Geröll sicher noch weiter nach! Hast du mich verstanden?"
Er tat einen tiefen Atemzug und sie nahm dass als Bestätigung auf. Unendlich langsam zog sie das linke Bein an und suchte mit dem Fuß einen besseren Halt, stemmte ihn gegen einen Stein und zog Elladan vorsichtig höher. Immer wieder musste sie ausharren und abwarten, bis sich der Untergrund um sie herum wieder stabilisiert hatte, doch schließlich hatte sie Elladan soweit in die Höhe gezogen, dass sie das Seil auch um seinen Brustkorb schlingen konnte. Weitere Zeit verstrich, und sie hatte sich und ihren Freund auf den Felsen zugezogen, um den Elladan das Seilende geworfen hatte und der ihre Rettung bedeutete.
Als sie ihn schließlich erreichte, war sie schweißnass und am Ende ihrer Kräfte, doch eine letzte Kraftanstrengung, und sie waren auf festem Boden…
Wie lange sie reglos neben Elladan gelegen hatte, konnte sie nicht sagen, doch als sich ihr Atem endlich beruhigt hatte und ihre Muskeln aufgehört hatten zu zittern, senkte sich die Sonne schon vom höchsten Stand des Himmels herab und zeigte ihr, dass Aragorn und Gimli sicher schon längst an der Felswand angelangt waren.
Sie rollte sich herum und kam auf Hände und Knie, stemmte sich vollends in die Höhe und beugte sich dann über Elladan. Er begann sich langsam zu regen und hob schließlich die müden Lider.
„Still", flüsterte Tanhis und berührte ihn sacht an der Wange. „Es ist alles in Ordnung. Wir sind auf festem Boden, aber du hast dir den Kopf angeschlagen und solltest noch einen Moment liegen bleiben!"
Elladan stieß die Luft geräuschvoll aus und seine Hand fuhr zitternd an die Stelle der Wunde an der Stirn. Sein Gesicht verzog sich schmerzvoll, doch es dauerte nicht lange, und er hatte sich zum Sitzen hochgekämpft.
Wie…?", wollte er wissen, doch Tanhis schüttelte den Kopf.
„Das willst du nicht wissen, mellon! Ruh dich noch etwas aus, doch dann müssen wir zusehen, dass wir weiter kommen! Aragorn und Gimli fragen sich sicher schon, wo wir bleiben!"
Tanhis blickte Elladan ins Gesicht und dann brach plötzlich all ihre Erleichterung aus ihr heraus und sie fiel ihm um den Hals.
Elladan versteifte sich zuerst unter dieser plötzlichen Umarmung, doch dann nahm er sie unbeholfen in die Arme und wiegte sie sachte vor und zurück, so, als tröste er ein verstörtes Kind. Seine pochenden Kopfschmerzen ignorierte er geflissentlich und schmunzelte schließlich bei dem Gedanken, was Legolas wohl sagen würde, wenn er wüßte, dass seine Braut innerhalb kürzester Zeit von ihm geküsst und in den Armen gehalten worden war. Das Schmunzeln wurde zu einem Grinsen und dann musste er das Lachen unterdrücken, dass sich seine Kehle herauf zwang.
Tanhis hob den Kopf und schaute ihn durch tränenverschleierte Augen verständnislos an.
„Was ist denn so lustig?", fragte sie ihn dann in gereiztem Ton. Wie konnte er lachen, wenn sie doch gerade erst knapp dem Tod entronnen waren und sie dabei solche Ängste ausgestanden hatte?
Elladan versuchte, ruhig und gleichmäßig zu atmen und seine Belustigung zu unterdrücken.
„Ich musste nur gerade an Legolas denken, Frau Grünblatt! Wenn ich so weiter mache, dann wird er mich eigenhändig erwürgen, sollte ich seine Befreiung überleben…"
Wieder lachte er schallend, als er Tanhis' verständnislosen Blick sah.
„Vergiss was ich gesagt habe!", brachte er dann belustigt hervor. „Versprich mir nur, ihm nichts von dem Kuss und der Umarmung zu erzählen…, dann steigen meine Chancen, dass ich noch einige Tausend Jahre länger in Mittelerde wandeln darf beträchtlich!"
Tanhis gab ihm mit dem Ellenbogen einen Stoß in die Rippen, kam auf die Füße und klopfte sich Staub und Steinchen von ihrer Tunika.
„Komm hoch!", sie streckte ihm die Hand entgegen. „Lange genug gelacht, jetzt müssen wir uns beeilen, wenn wir noch zeitig genug bei Gimli und Aragorn sein wollen."
ooOOoo
Aragorn lehnte neben Gimli an der Felswand und lauschte auf die Geräusche, die schallend aus der Schlucht zu ihnen herauf klangen. Klar und deutlich hörte er die knurrenden Gesprächsfetzen und wenn er diese Sprache verstehen würde, hätte er sicher einige wichtige Informationen erhalten können. Doch so konnte er nur entnehmen, dass es sich noch immer um die kleine Gruppe verbliebener Orks handelte, die er bei seinem letzten Schuss gesehen hatte. Müde schloss er irgendwann die Augen und konzentrierte sich auf seinen eigenen ruhigen Atem, der ihn zwar immer noch in der Brust schmerzte, aber ihm half, etwas zur Ruhe zu gelangen und sich zu entspannen. Der Wind strich pfeifend über die Kanten und Spalten des Felsens und wurde mit jeder Minute die verstrich, weniger von ihrer Kleidung abgehalten, sodass die Kälte ihnen wieder einmal bis in die Knochen drang.
Aragorn fragte sich zum wiederholten Mal, wo Tanhis und Elladan wohl stecken mochten und allmählich machte sich Sorge in seinem Herzen breit. Es musste schon einen ernsten Grund dafür geben, dass die Beiden immer noch nicht hier eingetroffen waren! Hatten sie etwa unerwarteten Widerstand angetroffen? Eine Gruppe Späher? Ein Hinterhalt?
Er grübelte immer noch, als ihm plötzlich gewahr wurde, dass sich das Stimmengewirr unter ihnen geändert hatte. Wilde Rufe, fürchterliches Geschrei drang zu ihm und Gimli herauf und dann ein Pfiff, der Aragorn ein erleichtertes Lächeln auf seine Züge trieb. Er stieß Gimli an, der schnarchend neben ihm saß und augenblicklich seine Flüche über seine grobe Behandlung kundtat.
Aragorn unterbrach ihm erst gar nicht, sondern packte ihn am Kragen und zog ihn über die Felskante um ihm unter sich die Freunde zu zeigen!
Tanhis stand winkend auf dem kleinen freien Platz, während Elladan gerade den letzten Ork im Schwitzkasten hielt und mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung dessen Kehle durchtrennte.
Aragorn suchte einen sicheren Halt für sein Seil und dann schafften sie es innerhalb kürzester Zeit, ihr Gefängnis hinter sich zu lassen und den Grund der Schlucht zu erreichen.
Als sie Tanhis und Elladan begrüßt hatten musterten die vier Freunde sich gegenseitig und Tanhis kniff missbilligend die Augen zusammen.
„Ich will es gar nicht wissen!", brummte sie, als Gimli den Mund öffnete. „Fest steht, dass es euch nicht viel besser als uns ergangen ist, aber für Erklärungen ist später Zeit! Ich will jetzt endlich Legolas finden!"
Und schon rannte sie auf den Eingang im Fels zu, gefolgt von ihren drei Gefährten. Sie rannten durch die Dunkelheit, immer vorsichtig darauf bedacht, alle verräterischen Geräusche zu vermeiden und ihren Gegnern gewahr zu werden, doch sie begegneten Niemandem, was Aragorn schließlich noch mehr Unruhe verursachte. Dies alles ging zu leicht!
Gimli und er hatten gut eine Stunde auf dem Felssims gehockt. In dieser Zeit hätten die Orks längst Verstärkung erhalten müssen! Und dieser Tunnel musste doch besser bewacht sein! Welcher Anführer würde es sich erlauben, einen Weg zu seinem Stützpunkt so zu vernachlässigen? Noch dazu, wenn er einen – zwei Gefangene hatte!
Je länger sie weiter unbehelligt vorankamen, desto sicherer wurde sich Aragorn, dass sie genau das taten, was ihr Feind von ihnen erwartete!
Dennoch rannte er weiter hinter Tanhis her und nachdem sie dem Tunnel etwa eine Stunde gefolgt waren, schimmerte plötzlich Tageslicht vor ihnen und sie verlangsamten ihren Schritt.
Und dann überkam Aragorn wieder dieses seltsame Gefühl, dass er schon in der weiten Ebene verspürt hatte. In seinem Nacken stellten sich die feinen Härchen auf und ein Schauer lief sein Rückrat hinunter, so, als würde er beobachtet, oder als näherte sich ihm eine Gefahr. Doch das war nicht möglich, denn Tanhis und Elladan hätten Orks oder andere Geschöpfe längst wahrgenommen und etwas an diesem Gefühl war anders, als er es sonst empfand. Es mischte sich mit einer sonderbaren Empfindung, die im zwar vertraut vorkam, aber er nicht einordnen konnte – noch nicht! Er war sich absolut sicher, dass er sich erinnern müsste, doch er forschte nun schon so viele Tage nach dem Ursprung dieser Gefühle, aber immer wenn er glaubte, er könnte sie aufspüren, schlüpften sie ihm durch die Finger wie Nebel.
Tanhis riss ihn aus seinen Gedanken, als sie ihn schließlich mit sanftem Druck ihrer Hand dazu aufforderte, weiter zu gehen. Langsam näherten sie sich dem Ausgang des Tunnels, sich gegenseitig Deckend, damit sie nicht durch einen Hinterhalt überrascht werden konnten.
Elladan wagte als Erster einen Blick durch die Tunnelöffnung und was er erblickte, verlieh ihm Unglaube und Faszination gleicher Maßen! Wie konnte es so etwas geben, ohne, dass sein Vater – oder besser gesagt die gesamten Bewohner Mittelerdes – davon wußte?
Sie standen in einem Tal, vor dem sich die beiden Gipfel der sich umstehenden Berge majestätisch gegenüber erhoben und wurden durch einen schmalen Pass getrennt, der in die ihnen unbekannte Landschaft der Eisernen Berge führte. In dieser Minute senkte sich die Sonne im Westen hinab und ihre letzten Strahlen warfen den Schatten des zur linken Hand stehenden Berges in den Pass. Und im dahin schwinden Licht des Tages funkelte wie ein dunkles Juwel ein Palast, dessen Zinnen sich zu den Gipfeln streckte, diese aber nicht erreichte, jedenfalls nicht wirklich. Nur seine Schatten erklommen ohne Mühe die höchste Stelle und gaben dieser Festung ein noch größeres Erscheinungsbild.
Staunend standen die vier Gefährten da und konnten ihren eigenen Augen keinen Glauben schenken. Es schien ihnen unmöglich, dass niemand von der Existenz dieses Ortes wußte, doch es gab niemanden, der ihnen je davon berichtet hatte.
Elladan wechselte einen kurzen Blick mit Aragorn und dieser stumme Austausch zeigte ihnen gegenseitig, dass sie beide im gleichen Maße überrascht waren. Sie hatten mit fast allem gerechnet; einer unterirdischen Höhle von Orks, einem verfallen Stützpunkt der alten Feinde – jedoch nicht mit einer so gigantischen Festung für die es augenscheinlich nur einen einzigen Eingang gab! Sie lag so gut postiert, dass man sicherlich das gesamte umliegende Gelände überblicken konnte und nur ein großes, ebenfalls schwarzes, Tor öffnete sich dem Weg hinauf.
„Und nun?", fragte Tanhis, deren Stimme deutlich ihre Unsicherheit entnehmen ließ.
Am liebsten wäre sie einfach losgelaufen ohne auch nur eine Sekunde an die Folgen zu denken! Hier stand sie jedoch untätig – so nah bei Legolas, dass sie fast glaubte, ihn spüren zu können. Wo befand er sich innerhalb dieser Mauern? Ging es ihm gut? War er verletzt? War er bei Elrohir, oder alleine in der Finsternis, die diese Festung ausstrahlte?
„Was wohl!", knurrte Gimli in ihre Gedanken hinein. „Hier sind die Kampfkünste der Zwerge gefragt! Ich werde jeden nieder machen, der sich zwischen mich und Legolas stellt! Und natürlich zwischen dieses andere, unmögliche Langohr, der sich euer Bruder schimpft."
Mit einem Kopfnicken deutete er auf Elladan und Aragorn. Der Mensch musste lächeln, doch er bremste den Kameraden ohne jeden Tadel. Er selber wäre nur zu gerne seinem Vorschlag gefolgt – sicher wie auch die beiden Elben in ihrer Gesellschaft – aber das würde ihren Gegner vielleicht zu Taten bewegen, die nicht gerade zu Legolas' und Elrohirs Wohl sein würden. Außerdem musste er zumindest mit Elladan über seine Ahnungen sprechen, denn es wäre nicht das erste Mal, dass sein Ziehbruder ihm weiter helfen konnte.
ooOOoo
Wieder herrschte Stille in der dunklen und feuchten Zelle. Sie machte Legolas beinahe wahnsinnig – sie mussten sich irgendwie befreien können...! Immer wieder zerrte er an seinen Fesseln, mit dem Resultat, dass sie sich weiter in seine Haut schnitten. Ein Blick auf Elrohir ließ ihn auch nicht gerade positiver denken. Sein Freund war seit einer Weile nicht mehr zu sich gekommen. Hin und wieder war ein Stöhnen von seinen Lippen gedrungen und hatte Legolas gezeigt, dass der Elb sich nicht in einer tiefen Ohnmacht befand. Er wollte nur nicht aufwachen... Aber er MUSSTE aufwachen! Abermals versuchte der Sindarelb den Knebel abzustreifen – es gelang nicht. Erstickte Laute verließen seinen Mund als er nach Elrohir rief. Nichts – der Elb wachte nicht auf. Sie würden wieder kommen...Legolas war sich sicher, dass sie bald wiederkommen würden. Er konnte zwar kein orkisch, aber er hatte auch so verstanden, dass irgendetwas vorgefallen sein musste, dass nicht in den Absichten Môrrashs gestanden hatte. Für einen kurzen Augenblick kam ihm in den Sinn, dass Rettung nahen könnte. Doch, war dem wirklich so? Er hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben gehabt...
Sarkastisch dachte er, dass er sich schon daran gewöhnt hätte, von irgendeinem wahnsinnigen Herrscher gefangen genommen und in irgendwelche Höhlen gebracht zu werden, wo er ausgiebig gequält werden konnte... natürlich nicht ohne Andenken! Diese Herrscher wahren alle Ring-Fanatiker und liebten es wohl, ihren Opfern Striemen in die Haut zu schlagen. Jetzt war die Narbe auf seiner linken Wange, die ihm Rinyaviê zugefügt hatte, wenigstens nicht mehr einsam. Auf der rechten gesellte sich die von Môrrash dazu... Legolas hielt inne. Nicht mehr lange und er würde ebenfalls wahnsinnig werden.
‚Wäre Rinyaviê nicht schon tot, hätte ich ihm und Môrrash eine gemeinsame Herrschaft anbieten können...' Er wurde in seinen grotesken Gedankengängen unterbrochen, als er stampfende Schritte vernahm. Sie kamen wieder! Sein Blick glitt zurück zu Elrohir, der immer noch vor ihm lag, allerdings zu weit weg, als dass er ihn hätte erreichen können.
Im nächsten Augenblick wurde die Tür aufgestoßen und drei Orks kamen herein. Legolas war ein wenig verwundert, dass es so wenige waren und ohne Môrrash.
„Fessel dem da auch die Arme und bindet den Blonden von der Wand los!"
Eine der Kreaturen ging zu Elrohir und zwei kamen zu Legolas. Wortlos machten sie sich daran, seine Fesseln von dem Ring an der Wand zu lösen.
„Hast wohl zu viel dran gezogen was?", grunzte einer der beiden und sah gehässig zu Legolas, der die Zähne zusammenbiss. Die Fesseln zogen sich mit jedem Ziehen nur noch mehr ins seine Handgelenke. Dann glitt sein Blick von einem zum anderen Ork. Sie hatten beide die Scimitar gegürtet. Wenn er loskommen würde... Alles ging blitzschnell. Sobald er spürte, dass sie die Fesseln gelöst hatten - eigentlich um sie ihm gleich wieder anzulegen - zog er seine Hände zurück, griff blitzschnell nach einem der Orkschwerter und rammte es dem einen auch schon in den Wanst. Der andere Ork registrierte die Situation zu langsam. Legolas war schon aufgesprungen und hatte ihm den Kopf abgeschlagen. Die Kreatur die über Elrohir gekauert hatte, sah nun auf und zu Legolas, der ihr gegenüber stand. Gelassen zog der Ork sein Schwert und ging ein paar Schritte auf den Elben zu. Beim nächsten griff er ihn auch schon an. Legolas sprang zur Seite, drehte sich noch im Sprung und ließ die Klinge niedersausen. Mit einem Gurgeln fiel der Ork auf den feuchten Boden. Schwer atmend blieb Legolas stehen und lehnte sich an der kalten Zellenwand an. Er schloss für einen Moment die Augen.
Die letzten Tage hatten ihm mehr zugesetzt als er gedacht hatte. Auch wenn seine Wunden schneller heilten als bei einem Menschen, ihre Präsenz war nicht zu leugnen. Als er sich einigermaßen gesammelt hatte, fiel ihm Elrohir wieder ein. Mit wenigen Schritten war er neben ihm und befreite ihn von den Fesseln. Behutsam drehte er ihn auf den Rücken. Ein leises Stöhnen verriet ihm, dass Elrohirs verbrannte Haut ihn immer noch peinigte.
Er sprach ihn immer wieder an, doch der Imladriselb reagierte nicht. Vorsichtig gab er ihm eine Schelle ins Gesicht. Erst bei der dritten sah er, dass Elrohir leicht blinzelte.
„Elrohir!", rief er ihn wieder beim Namen. Der Sindarelb wurde langsam nervös. Elrohir musste aufwachen! Wenn noch mehr Orks kommen würden, wüsste er nicht, ob er sie würde aufhalten können...
Endlich öffnete Elrohir die Augen und sah ihn verwirrt an. Die Erinnerung kehrte jedoch schnell zurück, als er Legolas' verdrecktes Gesicht und die Blutkrusten an seiner Tunika sah. Als er auch noch den Schmerz spürte, der von seiner Haut ausging, wünschte er sich nur noch, wieder bewusstlos zu werden.
Legolas, der das bemerkte, packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn vorsichtig.
„Du hast genug geschlafen, mellon! Wir müssen hier weg! Schnell!" Behutsam griff er Elrohir unter die Arme und half ihm aufzustehen. Ein wenig unsicher hielt der dunkelhaarige Elb sich an der Wand fest und sah sich in der Zelle um. Als er die toten Orks und die offene Zellentüre registrierte, fing er an zu begreifen und sah zu Legolas.
„Sehen wir, dass wir rauskommen, ehe ER wiederkommt!", flüsterte er und griff nach der Tunika, die ihm Legolas hinhielt. Das Gesicht verziehend, legte er sie sich an – so gut es ging, die Orks hatten sie mehr zerrissen, als ausgezogen. Legolas hielt ihm ein Schwert hin und sah ihm tief in die Augen.
„Geht es?", fragte er besorgt.
„Es muss gehen!", war das einzige, was Elrohir antwortete, bevor er dem anderen Elben aus der Zelle folgte.
„Wohin müssen wir?", fragte Legolas und sah sich hektisch um. Elrohir zuckte nur mit den Schultern. „Du warst länger hier als ich...!"
„Gut...dann versuchen wir unser Glück!", sagte Legolas bestimmt und ging voran durch die dunklen Gänge.
„Wenn ich den finde, der unterirdische Gänge erfunden hat...", drang das Murren Elrohirs an des Prinzen Ohren. Etwas, dass ihn für einen Moment lächeln ließ – wenigstens hatte der jüngere Zwilling seinen Sarkasmus noch nicht verloren. Aber es stimmte. Die Enge legte sich auch bei Legolas aufs Gemüt und ließ seine Kräfte schwinden. Wieder wurde er an die Zeit bei Rinyaviê erinnert... Mit jedem Luftzug spürte er seinen schweren Atem. Wenn sie einer Übermacht gegenüber stehen würden, würde es wohl nicht lange dauern, bis sie sich wieder in einer Zelle befinden würden. Elrohirs Aura war ebenfalls schwach. Dem Imladriselben ging es nicht gut, lange würde auch er nicht kämpfen können. Sie mussten darauf bedacht sein, nicht entdeckt zu werden. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gedacht, hörte er auch schon die dunklen, krächzenden Stimmen. Sie waren entdeckt! Er sah nach hinten.
„Vergiss es Legolas! Sie wären schneller als wir, wenn wir umdrehen würden. Sie kennen sich hier aus und sind bei Kräften...wir würden es nicht einmal schaffen, wenn wir keine Verletzungen hätten...!"
„Wir werden es auch so nicht schaffen...", erwidert Legolas. „Wenn es zu viele sind-..."
„Wir müssen es riskieren!", antwortete Elrohir. „Freiwillig gehe ich nicht in dieses stinkende Loch zurück!"
Der Elbenprinz nickte und umfasste den Schwertgriff fester. Er spürte, wie sie näher kamen...
Im nächsten Moment waren die Kreaturen da - verblüfft, auf die beiden Elben zu treffen. Zu schnell jedoch wurde ihnen bewusst, was zu tun war. Sie erhoben ihre Schwerter.
Elrohir verengte die Augen zu Schlitzen. Der unbändige Hass, den er für diese Kreaturen empfand keimte wieder in ihm auf. Er hasste sie, er verabscheute sie und er würde es ihnen nicht leicht machen.
„Lass' sie auf uns zu kommen...dann sind wir überlegen!", flüsterte er Legolas auf Sindarin zu.
Die Orks fielen auf den Trick herein. Je zu zweit – mehr passten nicht nebeneinander in den engen Gang – stürmten sie auf sie ein. Die Elben ließen die Schwerter tanzen und schafften es bald schon, den Boden mit toten Orks zu bestücken.
„Es werden nicht weniger...", rief Legolas, der ein wenig zurück gedrängt wurde. Elrohir versuchte während er einem der Orks das Scimitar in den Wanst rammte, über ihnen vorbei zu sehen. Doch er sah nur, dass einer bereits Verstärkung geholt hatte. Der nächste Ork kam auf ihn zu. Er spürte, wie ihm die Kräfte schwanden. Ein kurzer Blick zu Legolas, verriet ihm, dass es sich bei dem anderen Elben nicht anders verhielt. Auf einmal war ein unterirdisches Grummeln zu vernehmen. Kleine Gesteinsbröckchen fielen von den Wänden. Legolas war von einem Ork am Arm getroffen worden. Der Drache!
„Legolas! Wenn ich „Jetzt" sage, rennst du!", zischte er auf Sindarin, damit die Orks nichts von seinem Plan verstanden.
„Was?", kam es verwirrt von Legolas, der gerade einem Ork den Kopf abschlug.
„Frag nicht, sondern tu was ich dir sage!" Wieder fiel ein Ork vor Elrohir zu Boden. „Wir werden es nicht schaffen! Es sind zu viele! Du musst zu dem Drachen! Du bist der einzige der ihn lenken kann! Wenn du bei ihm bist, kannst du ihn benutzen und Môrrash stürzen!"
„Und du?", fragte Legolas und schlug einem Ork erst den Arm ab, bevor er ihn zu Fall brachte.
„Ich werde sie aufhalten! Keine Widerrede!", rief der Imladriselb, als er bemerkte, dass Legolas protestieren wollte. „Sie werden mich nicht umbringen! Haldur braucht mich lebend! Ich beschäftige sie und du kannst zu deinem Drachen!" Ein weiterer Ork ging zu Boden...
„Das ist wahnsinnig!"
„Es ist das einzige, was wir tun können! Lauf oder ich schwöre dir, wenn wir hier je wieder raus kommen sollten, dass ich dich bis nach Mordor jagen werde! Lange können wir sie nicht mehr aufhalten. Ich halte nicht mehr lange durch und du auch nicht! Einen Versuch ist es wert!"
Legolas enthauptete gerade wieder einen Ork. Ihm kam Elrohirs Plan irrsinnig vor. Vor allem, wenn er daran dachte, was durch des Elben letzten Plan passiert war. Geholfen hatte er Legolas nicht, er hatte die Situation nur verschlimmert. Auf der anderen Seite...Elrohir hatte recht. Lange würde auch er nicht mehr standhalten können. Seine Arme wurden immer schwerer und dann würde er Elrohir auch nicht helfen können...
„In Ordnung. Aber versprich mir eines: provoziere Môrrash nicht noch mehr! Ich will dich lebend wieder sehen!"
„Ich tue was ich kann!", entgegnete Elrohir. „Mach dich bereit!" Elrohir schätzte noch eben die Lage ab, richtete noch einen Ork hin und wandte sich dann schnell an Legolas. „Jetzt! Lauf!"
Der Prinz vergeudete keine Zeit, machte auf dem Absatz kehrt und lief in die Dunkelheit des Ganges hinein. Hinter sich hörte er den Lärm des Kampfes, als Elrohir versuchte, den Orks den Weg zu versperren. Er MUSSTE den Drachen finden!
Elrohir verhinderte die Orks am Durchkommen, als sie sahen, wie Legolas davon lief. Einen nach dem anderen schlug er nieder. Er spürte zusehends wie ihn seine Kräfte verließen. Jede Berührung an seiner gepeinigten Haut ließ einen Schwall Schmerzen aufsteigen. Aber er durfte jetzt nicht aufgeben! Er musste Legolas einen Vorsprung verschaffen! Ansonsten wäre alles umsonst gewesen. Die Minuten verstrichen...unendlich langsam kamen sie ihm vor...Schweiß perlte auf seiner Stirn. Würde der Abstand zu Legolas groß genug sein?
Er brauchte gar nicht weiter zu denken. Seine kurze Unachtsamkeit verschaffte den Orks einen Moment der Überlegenheit. Durch einen Hieb schafften sie es, den Elbenkrieger ins Straucheln und zu Fall zu bringen. Ehe Elrohir auch nur ansatzweise reagieren konnte, fühlte er sich von vielen kräftigen Armen gepackt und auf den Bauch gedreht. Er wurde zu Boden gehalten und seine Arme ihm auf den Rücken gefesselt.
‚Ich
werde diese Prozedur vermissen, wenn ich hier rauskommen
sollte...'
„Ihr sucht den anderen Dreckselben!", hörte
er den Befehl eines Orks und, wie einige im Gang verschwanden. Dann
spürte er den Atem des Orks nahe an seiner Wange. „Und
wir...wir gehen zu meinem Meister...!" Wenig später wurde
Elrohir in die Höhe gezogen und von den Orks mitgeschleppt.
ooOOoo
Die vier Gefährten hatten sich wieder ein Stück in den Tunnel zurückgezogen, was Gimli mit seiner Missbilligung bekundete, doch weder Elladan, noch Aragorn reagierten auf die neuerlichen Wutausbrüche des Zwergs. Tanhis versuchte Gimli die Notwendigkeit ihrer Vorgehensweise begreiflich zu machen und diesen Umstand nutzte Aragorn nun, um seinen Ziehbruder zu rate zu ziehen.
„Elladan, ich kann nicht genau beschreiben, wie und was mich so bedrängt, aber ich kann diese Empfindung einfach nicht abschütteln. Es ist, als hätte sich dieses Gefühl tief in meinem Inneren festgesetzt und ruft mir ständig seine Warnung zu. Und auch meine Instinkte sagen mir, dass wir viel zu leicht bis hierher gelangt sind! Welcher Feind würde seine Festung schon so unbewacht lassen, wenn er doch offensichtlich weiß, dass wir auf dem Weg sind, um seine Gefangenen zu befreien?"
Elladan wechselte einen eindringlichen Blick mit Estel. „Bisher hast du dich nie getäuscht, doch es hilft uns momentan leider nichts, wenn du dir nicht sicher bist, es sei denn, wir wollen das Risiko nicht eingehen und Legolas und Elrohir hier zurück lassen…"
Aragorn schwieg, denn Elladan wußte auch so, dass er die beiden Freunde niemals hier zurückgelassen hätte. Der Elb legte dem Menschen die Hand auf die Schulter.
„Du hast seid unserem Aufbruch aus Düsterwald einiges eingesteckt… und ich weiß, wie viel dir Legolas bedeutet, aber vielleicht ist es gerade dieser Umstand, der dir etwas vortäuscht... Du siehst blass aus – Ruhe wäre sicher das Beste für dich…
Die beiden würden es verstehen…"
„Law! (Nein)", schnitt Aragorn ihm barsch das Wort ab. „Ich bleibe ganz sicher nicht hier und lasse euch alleine einem überlegenen Feind in die Arme laufen! Schlage dir das aus dem Kopf, Elladan!"
Der Elb nickte langsam, doch Aragorn konnte den Zweifel in dessen Augen sehen. Dies war das erste Mal, dass sein Bruder ihm nicht wirklich glaubte, ihn dieses Mal spüren ließ, einen Menschen vor sich zu haben und keinen Elben. Mit eisernem Griff legte sich eine eisige Klaue um Aragorns Herz und er atmete tief durch, bevor er sich umwandte.
Tanhis hatte Gimli beruhigen können und da sich die Situation nicht ändern ließ, beschlossen sie schließlich die Dämmerung zu nutzen. Sie wollten sich so lange wie möglich verbergen, um Zeit zu gewinnen. Zeit, in der sie so viel wie möglich über ihren Gegner in Erfahrung bringen wollten und um vielleicht sogar herauszufinden, wo sich die Gefangenen befanden. Aragorn hielt sich am Ende ihrer kleinen Gruppe, dicht hinter Gimli und Tanhis, während Elladan die Führung übernahm.
Tanhis blieb etwas hinter Gimli zurück und ließ Aragorn zu sich aufschließen. Ihr gefiel es gar nicht, wie mitgenommen er aussah; zudem hatte sie auch einige Bruchstücke von dem Gespräch mit Elladan aufgefangen und ihr war nicht entgangen, dass der Mensch danach in tiefes Schweigen und Grübeln verfallen war. Aragorn war immer schon sehr still gewesen, jetzt jedoch konnte sie förmlich spüren, dass etwas auf ihm lastete, wie ein dunkler Schatten. Sie wollte einfach in seiner Nähe sein, ihm mit ihrer Anwesenheit etwas zeigen, dass sie für ihn da war – und im Notfall eingreifen.
Ihre kleine Gruppe hatte den Tunnel inzwischen ein beträchtliches Stück hinter sich gelassen und nutzte die dunklen Schatten der Berge, um sich den Weg zum Pass voran zu tasten. Zusätzlich bot ihnen der kalte Fels auch Schutz, denn mit ihm im Rücken, konnten sie in keinen Hinterhalt geraten und so gelangten sie unbehelligt an das steinerne Tor, gerade, als die ersten Sterne am Himmel erschienen. Der Palast war so blank poliert, dass sich das Firmament auf dem schwarzen Gestein spiegelte und erweckte den Eindruck, als seien die Sterne darin gefangen.
Dies muss elbisches Handwerk geschaffen haben, dachte Aragorn, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass es andere Wesen in Mittelerde vermochten, solch ein Kunstwerk zu erbauen. Voller Ehrfurcht berührte er den kalten Stein und ließ seine Hände darauf entlang fahren. Bei dieser Berührung durchfuhr ihn wieder dieses Gefühl, als näherte sich ihm ein unsagbar großer Schrecken und er zuckte zurück, als habe er sich verbrannt. Einen Augenblick lang flackerte eine Erinnerung vor seinem geistigen Auge auf und entlockte ihm ein entsetztes Keuschen. Im nächsten Moment spürte er Tanhis Hand auf seinem Arm und begegnete ihrem besorgten Blick.
„Was ist? Fühlst du dich nicht wohl?"
„Nein, nein. Es… es ist alles in Ordnung.", er versuchte ein aufmunterndes Lächeln, aber dieser Versuch scheiterte kläglich und grub nur noch tiefere Falten des Zweifels auf Tanhis' Züge. Aragorn drückte den Rücken durch, straffte seine Schultern, um wenigstens körperlich zu seiner Haltung zurück zu finden.
„Komm, wir sollten nicht so weit hinter Elladan und Gimli zurück bleiben." Entschieden zog er Tanhis hinter sich durch die hoch aufragenden Torflügel, die einladend offen standen und ebenfalls unbemannt waren. Mit gezückten Waffen standen Elladan und Gimli im Burghof und warteten auf die beiden Freunde. Auf ein Nicken hin, spannte Tanhis ihren Bogen und mit einem wohlvertrauten Geräusch zog Aragorn Anduril aus der Scheide. Sich gegenseitig den Rücken deckend, gingen sie Schritt für Schritt auf die große Treppe zu, die zum Haupteingang der Festung führte. Sie hatten diese gerade erreicht, als sich mit einem lauten, schabenden Geräusch das Tor schloss, noch bevor sie irgendetwas unternehmen konnten.
Elladan sprach aus, was alle dachten.
„Jetzt gibt es nur noch einen Weg – hinein!"
Mit allem Mut den Aragorn aufbringen konnte, folgte er den drei Freunden durch die hohen Flügeltüren in einen finsteren Gang, der sich vor ihnen öffnete, wie ein gähnender Schlund. In ihm stieg eine unvertraute Furcht auf, knisterte in seinem Inneren und schien sich die Gewalt über seinen Körper aneignen zu wollen. Am liebsten hätte er sich auf der Stelle umgedreht und das Weite gesucht, aber der kleine Stein in seiner Manteltasche erhielt ein plötzlich ungeheuer schweres Gewischt, dass alle anderen Gefühle aufwog. Er sah wieder Legolas vor sich, in den unzähligen Situationen, wie der Elb ihm zur Seite gestanden hatte und neue Kraft strömte durch seine Adern.
Ein kalter, stinkiger Lufthauch voller widerwärtiger Gerüche schlug ihnen entgegen und nahm mit jedem weiteren Schritt an Intensität zu, die Schwärze in dem Gang war vollkommen, doch Aragorn vertraute auf die elbischen Fähigkeiten von Tanhis und Elladan, die ihn und Gimli zielstrebig durch die Leere und Stille führte. Ihre Schritte hallten unnatürlich laut an den hohen Wänden wieder und ließ vermuten, dass sich die Decke in undenkbarer Höhe befand. Sie gingen scheinbar ewig lange weiter, immer gerade aus, doch dann bogen sie scharf rechts ab und eben so plötzlich wie sie die Richtung ändern mussten, wurde der Klang ihrer Schritte geschluckt. Der Gang war niedrig und eng, sodass Aragorn hin und wieder mit der Schulter anstieß oder sich sogar bücken musste, um nicht mit dem Kopf anzuschlagen.
Und obwohl diese Stille und der Platz es eigentlich rechtfertigten, hatte er das Gefühl, dass sie nicht alleine waren. Eine fremde Gegenwart war ganz in der Nähe, das spürte Aragorn immer stärker. Irgendetwas beobachtete sie, es prickelte in seinem Rücken und sein Körper war starr vor Anspannung, während er alle Sinne auf die ihn umgebende Dunkelheit richtete. Manchmal glaubte er eine flüchtige Bewegung in seiner unmittelbaren Umgebung ausmachen zu können, fast so, als würde etwas eilig davon huschen
Der Luftzug wurde nun immer stärker und der Ork–Gestank nahm zu - falls es sich bei ihnen um die Verursacher um diesen Gestank handelte – aber dessen war sich Aragorn sicher. Nach einer Weile hatte er jedes Zeitgefühl verloren, wusste nicht mehr, wie lange sie nun schon durch diese übel riechende Dunkelheit umherirrten. Die Wände um ihn herum engten ihn nicht nur körperlich ein, sondern schienen auch ungeheuer schwer auf seiner Seele zu lasten. Außerdem kam er sich so hilflos vor, weil er selbst die Hand vor Augen nicht sehen konnte und nur langsam vorankam, wobei er sich den Weg ertasten musste. Die beiden Elben hatten diesbezüglich keine Schwierigkeiten und Gimli war ebenfalls im Vorteil, weil er nicht auch noch auf die Höhe der Decke achten musste. So fiel Aragorn unmerklich immer weiter hinter den Freunden zurück, die davon nichts zu merken schienen.
Aragorns Sinn für die Wirklichkeit war zu einem winzigen Gehör- und Tastkreis zusammengeschrumpft, der von unsichtbaren Gefahren und eingebildeten Schrecken umgeben wurde. Fast glaubte er, hinter sich geflüsterte Stimmen zu vernehmen, oder den Hauch fremden Atems in seinem Nacken zu spüren, doch wenn er stehen blieb und lauschte, war da nur sein eigener, rauher Klang des Luftholens.
Erstaunt stellte er nach einer Weile fest, dass auch das Geräusch der Schritte seiner Freunde nicht mehr zu hören war und er beschleunigte seine Schritte, um sie wieder einzuholen. Dabei redete er sich selber Mut zu, indem er sich sagte, dass die Freunde sicher nur hinter einer Kurve im Gang verschwunden waren. Daher tastete er die Wände umso aufmerksamer ab und stieß schließlich auch auf einen schmalen Durchgang. Ein frischer Lufthauch blies ihm entgegen und ohne zu zögern verließ er den Hauptweg, sicher, dass die Elben und der Zwerg ebenfalls diesen Pfad genommen hatten.
Ein schwerer Fehler, wie er nur wenige Augenblicke später feststellen musste. Ein fürchterliches Kratzen und Knirschen erklang, beendet von einem dumpfen Aufprall, als sich unmittelbar hinter Aragorn eine schwere, massive Felstüre schloss. Gleichzeitig ertönte ein klapperndes Geräusch von unzählig vielen Füßen in dem Tunnel vor ihm, begleitet von einem Scharren und Poltern, so, als würden Felsbrocken gelöst und fielen zur Erde. Dann glaubte Aragorn, Tanhis rufen zu hören und ein gedämpftes Klopfen hinter sich zu vernehmen, doch ihm blieb nicht die Zeit, sich bemerkbar zu machen, denn plötzlich schoss etwas Kleines aus der Schwärze hervor und zerrte hinterhältig an seinen Haaren. Aragorn fuhr herum, nur, um gleich darauf am Arm gepackt zu werden. Dann sprangen weitere Gegner aus der Dunkelheit auf ihn zu und ergriffen äußerst schmerzhaft Hände und Beine.
Aragorn kämpfte nach Leibeskräften, doch in der Dunkelheit war es ihm unmöglich, ein Ziel zu finden, gegen das er seine Verteidigung richten konnte. Die Orks griffen äußerst listig an, indem sie sich flink von ihrem Opfer lösten und an einer anderen Stelle zugriffen. Ihre Finger bohrten sich wie Gift in Haut und Haare und bereiteten Aragorn quälende Schmerzen. Als er schon glaubte, es nicht mehr ertragen zu können, traf ihn der erste Schlag. Der dumpfe Schmerz explodierte in seiner Schulter und ohne nachzudenken, hob er die Arme schützend um seinen Kopf. Die nächsten Schläge trafen ihn an Knien und Beinen, bis diese unter ihm nachgaben und er zu Boden stürzte. Aus einem Reflex heraus fing er sich mit den Armen ab und verlor so die Deckung seines Kopfes. Noch bevor er den Grund berührte, traf der nächste Schlag seinen Hinterkopf und jede Wahrnehmung in ihm erstarb.
Das Erste, was Aragorn wahrnahm, waren dröhnende Kopfschmerzen, die sich wie eine eisige Klaue um seinen Schädel gelegt hatten und erbarmungslos zuzudrücken schienen. Dann mischten sich die schmerzenden Stellen hinzu, wo ihn die anderen Schläge getroffen hatten. Durch den Schleier aus Schmerz hörte Aragorn neue Laute in die atemlose Stille eindringen, die ihn umgab. Da war ein schwaches Klackern und Scheuern, als ob jemand eine Tür öffnete, aber er wagte nicht den Kopf zu heben, sich zu rühren, weil er Angst hatte, dass bei der geringsten Bewegung die Schmerzen wieder durch Arme, Beine und Bauch schossen. Hinter seinen geschlossenen Lidern tanzten Blitze und riefen Übelkeit in ihm herauf, gegen die er nicht anzukämpfen vermochte. Er schluckte hart, doch der bittere Geschmack in seiner Kehle blieb.
Dann hörte er, wie sich energische Schritte näherten und er nahm den Ansturm der Schmerzen in Kauf. Er wagte es, die Augen zu öffnen und sich langsam auf die Ellenbogen zu stützen. Sein Blick verschwamm kurz, doch dann sah er vor sich den schwarzen, blankpolierten Steinboden und sein unscharfes Spiegelbild darin.
Neben ihm kamen die Schritte zum Stillstand und die Person beugte sich zu ihm herab, dann erklang eine Stimme, die ihn ihm einen größeren Schmerz hervorrief, als es je eine Klinge hätte vermocht.
„Wen haben wir denn da? Elronds Lieblings – Ziehsöhnchen…!"
Alles in Aragorn zog sich zusammen und er fühlte sich, als wäre er wieder sechzehn Jahre alt.
Die alte Wunde, die er inzwischen längst als verheilt geglaubt hatte, brach in seinem Herzen wieder auf und mit ihr kehrte die alte Angst zurück. Dieses Mal klar und deutlich und nicht mehr so verhalten, wie auf seinem Ritt hierher. Nun erklärte sich alles! Das Gefühl, als beobachte ihn jemand, die Alpträume, die Furcht, die sich seiner bemächtigt hatte, als er diese Festung betreten hatte…
„Haldur…", kam es schwach und leise über seine Lippen und er kämpfte sich bis auf die Knie hoch. Nichts in dem Gesicht vor sich, hatte sich in den Jahrzehnten verändert, seit er den Elben das letzte Mal gesehen hatte. Immer noch fand Aragorn, dass er nie solch harten Züge bei einem anderen Elben gesehen hatte, wie Haldur sie hatte. Nie solche List und Hinterhältigkeit in den Augen einer seiner Feinde gefunden zu haben. Eine Vielzahl von Erinnerungen strömte auf ihn ein und alle waren in gleichem Maße erschreckend real und deutlich, fast so, als hätte er sie erst gestern erlebt.
„Tja, so sieht man sich wieder – ESTEL! Oder sollte ich dich besser mit ELESSAR anreden? Schließlich haben ich einen König vor mir!"
Haldur lachte schallend auf, als er sah, wie Aragorn sich darum bemühte, seine Haltung wieder zu erlangen.
„Was willst du?", presste Aragorn mühsam hervor, als er sich noch weiter aufrichtete und schwankend auf die Füße kam.
„Was ich will?", wieder lachte Haldur auf. „Estel – ich will endlich sehen, wie du das bekommst, was du verdient hast. Du warst es schließlich, der mein Leben in Bruchtal zerstört hat. Deinetwegen musste ich Rivendell verlassen und wurde verstoßen! Du hast mir alles genommen – und jetzt werde ich dir alles nehmen! Anfangen werde ich mit deinen Brüdern…"
Als wären seine Worte gehört worden, flog in diesem Augenblick eine kleine Seitentüre auf und eine kleine Gruppe Orks kam grunzend und schnaubend hereingestapft. Sie schleiften eine reglose Gestalt zwischen sich, die Aragorn erst nicht richtig erkennen konnte, aber seine schlimmsten Befürchtungen wurden schnell zur Gewissheit, als sie Elrohir hervorzerrten und ihn Haldur vor die Füße warfen.
Selbst in seiner Bewusstlosigkeit stöhnte er schmerzerfüllt auf, angesichts dieser groben Behandlung und der Grund dafür war unschwer zu erkennen. Seine Tunika hing in Fetzen an seinem Oberkörper und seine Brust entblößte, die von unzähligen Brandblasen übersäht war; einige waren aufgesprungen und Wundflüssigkeit glänzte auf den empfindlichen Stellen und an einigen war die dünne Kruste aufgerissen oder spannte sich schmerzhaft.
Aragorn machte einen unsicheren Schritt auf den Elben zu, doch ihm wurde schwarz vor Augen, als er sich zu seinem Ziehbruder herunter beugen wollte. Fast fürsorglich fing Haldur ihn mit einem Arm ab, doch in dessen Augen leuchtete Schadenfreude, als er dem Menschen ins Ohr hauchte: „Oh, fühlst du dich nicht wohl? Schmerzen dich deine Rippen?"
Haldur verstärkte seinen Halt so, dass er mehr Druck auf Aragorns Brustkorb ausübte und dieser unterdrückte einen Schmerzlaut. Haldur lächelte kalt und stieß Aragorn dann mit so viel Kraft von sich, das dieser sich nicht mehr halten konnte und erneut zu Boden fiel. Trotz der starken Schmerzen hievte er sich sofort wieder hoch und sah gerade noch, wie Haldur die Orks mit einem Wink aus der Halle trieb und seinen Bruder grob an dessen Tunika packte und zu sich empor zog.
„Lass ihn in Frieden", stieß er hervor. „Du quälst ihn doch nur, weil du weißt, wie viel er mir bedeutet. Ich bin es, den du doch willst! Nun – jetzt hast du mich, also lass ihn gehen und meinen Freund gleich auch! Ich versichere dir…"
„Nichts gebe ich auf deine Worte, Estel! Du hast mir schon einmal bewiesen, dass man sich nicht auf dein Wort verlassen kann! Wieso sonst hätte Herr Elrond mich fortschicken sollen, wenn du ihm nicht alles erzählt hättest?" Haldur ließ von Elrohir ab und kam wieder auf Aragorn zu. „Woher konnte er sonst damals wissen, wo wir waren und uns beobachten?"
Die Erinnerung trat lebhaft vor Aragorns inneres Auge und er spürte noch immer den Hass, den Haldur ihm damals aus seinem Blick entgegen geschleudert hatte.
‚Estel war sich sicher gewesen, dass er hier auf der einsamen Lichtung für einige Stunden Frieden haben würde, doch diese Annahme erwies sich nur zu schnell als Falsch. Haldur hatte ihn gefunden und nun stellte sich diese Abgeschiedenheit als Falle für ihn heraus, aus der er so leicht nicht wieder entkommen konnte.
Für einen Augenblick standen sie sich ganz nah, Auge in Auge, dann riss Haldur, an Größe und Kraft deutlich überlegen, seinen Arm hoch und hielt das Schwert kampfbereit in die Höhe.
„Ich werde nicht gegen dich kämpfen.", brachte Estel heraus und hörte selber, dass seine Stimme zitterte, dennoch nahm er allen Mut zusammen und wandte sich ab. Im Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr und warf sich zur Seite ohne länger darüber nachzudenken. Haldurs Schwert sauste an seinem Kopf vorbei, soviel Kraft lag in dem Schlag, dass Haldur von seinem eigenen Schwung ins taumeln kam, als er sein Ziel verfehlte.
Estel brachte einige Schritte zwischen sich und seinen Gegner, beobachtete ungläubig, wie dieser seine Waffe erneut gegen ihn erhob und mit wutverzerrtem Gesicht auf ihn zustürmte. Estel sprang zur Seite, rollte sich über die Schulter ab und suchte seine Umgebung nach einem Gegenstand ab, den er als Verteidigung nutzen konnte. Ein dicker langer Ast geriet in sein Blickfeld und ihm blieb gerade noch die Zeit ihn zu fassen, als er auch schon wieder von Haldur angegriffen wurde. Er riss den Stock keinen Augenblick zu früh empor. Das Schwert krachte darauf nieder und brachte Estel dazu, einen Schritt zurück zu weichen. Haldur folgte ihm mit der ganzen Schnelligkeit der Elben und holte erneut aus. Diesmal schaffte der Mensch es nicht, den Stab schnell genug als Deckung hoch zu nehmen und er spürte schmerzhaft, wie der Stahl ihm den Oberarm aufriss. Estel verlor von der Wucht das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken. Staunend beobachtete er, wie sich sein Blut über seinen Ärmel ergoss, immer noch ungläubig, was er da sah.
Bisher hatte Haldur ihn nie verletzt, sondern immer darauf geachtet, dass er ihm lediglich blaue Flecke und Prellungen zufügte, die sich an Stellen befanden, wo niemand sie sehen konnte. Es hatte ausgereicht, um ihn so einzuschüchtern, dass er seinem Ziehvater nichts von Haldurs Angriffen erzählte, oder er hatte sich eine Ausrede ausgedacht. Mal war er angeblich gestürzt, oder hatte bei einem Übungskampf nicht aufgepasst, doch wie sollte er Elrond diese Wunde erklären? Welche Ausrede wäre glaubhaft genug? Er musste sich etwas einfallen lassen, denn wenn Elrond den wahren Grund erfuhr, würde Haldur sein Leben in Bruchtal noch schwerer machen.
Ungläubig sah er zu Haldur hoch und fand die Schwertspitze gegen seine Kehle gerichtet.
„Ich könnte dich töten." Der Druck auf seinen Hals verstärkte sich etwas und er konnte den kalten Stahl fühlen, wie er sich ein Stück in seine Haut bohrte.
„Na los, bitte um dein Leben." Haldurs Stimme war ebenso scharf und kalt wie sein Schwert.
Estel öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus. Der Elb hielt ihn mit seinem Fuß am Boden, den er auf seine Schulter gestellt hatte und ließ das Schwert über ihm kreisen, bis es über seinem Herzen zum Stillstand kam.
„Komm schon – ich habe dich besiegt und du musst um Gnade bitten, wenn du dein Leben behalten willst."
Estel schloss die Augen und flehte die Valar um Hilfe an, während sich der Druck auf seine Brust leicht verstärkte. Was sollte er nur tun, um Haldur zu entkommen? Für immer! Seit der Elb nach Bruchtal gekommen war, hatte er den jungen Menschen tyrannisiert und seelisch unter Druck gesetzt. So sehr, dass dieser sich nicht einmal getraut hatte, sich seinen Ziehbrüdern anzuvertrauen – ganz zu schweigen von Herrn Elrond. Mit der Zeit hatte er sich immer mehr in sich zurückgezogen und versucht, Haldur aus dem Weg zu gehen, doch immer wieder lauerte der Elb ihm auf.
Estel grübelte immer noch, als Haldurs Stimme wieder zu ihm durchdrang.
„Du bist an allem Schuld! Du hast mir alles genommen, was mir jemals etwas bedeutet hat! Den Vater, die Brüder – das Ansehen der anderen Krieger! Alles dreht sich nur noch um dich! Wer bist du wirklich - Estel? Wessen Hoffnung?"
Estel schluckte und suchte nach einer Entgegnung, als er eine Bewegung neben sich wahr nahm und der Druck von seiner Brust verschwand. Er öffnete die Augen in dem Moment, als sein Ziehvater neben ihm zu sprechen begann.
„Das reicht!", sagte er scharf zu Haldur und seine Hand ruhte immer noch auf dessen Schwert. Haldur lächelte entwaffnend.
„Mein Herr, ich habe Estel nur gerade gezeigt…"
„Schweig! Ich habe genug gesehen! Deine Ausreden werden dir nichts mehr nutzen! Dich an einem Kind zu vergreifen, dass unter dem Schutz der Elben steht. Du wirst Bruchtal verlassen – sofort!" Dann ließ er den Elben stehen und half Estel auf die Beine.'
„Herr Elrond brauchte nicht meine Worte um zu sehen, wie deine wahre Natur war! Wie sie immer noch ist!", presste Aragorn hervor und versuchte, die Erinnerungen abzuschütteln. „Du hast dir alles selber zuzuschreiben!"
„Hüte deine Zunge – Mensch! Jetzt werden wir sehen, ob du dich immer noch besser mit Worten zur Wehr setzen kannst, als mit dem Schwert! Und diesmal wird kein Herr Elrond kommen, um dich zu retten!"
