7. Kapitel Unberechenbar
Arwen sah auf die aufgeschlagene Seite ihres Buches hinab, doch sie hatte schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr umgeblättert, geschweige denn auch nur einen Buchstaben wirklich gelesen. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, wenn sie auch nur versuchte, den Inhalt des Textes zu erfassen und so hatte sie schließlich aufgegeben.
Neun Tage! So lange wartete sie nun schon auf irgendeine Nachricht, solange war es schon her, seit sich ihre Brüder, Tanhis, Gimli und Aragorn auf die Suche gemacht hatten. Neun Tage zwischen Bangen und Hoffen, in denen sie bei jedem kleinsten Geräusch auf dem Korridor hochgefahren war, weil sie mit Neuigkeiten gerechnet hatte.
Ein Seufzen entfuhr ihren Lippen und Frodo, der neben ihr am Feuer saß, schaute auf. Schatten tanzten in Rhythmus der Flammen auf ihren Gesichtern und das Prasseln brach die Stille im Gewölbe, der von angenehmer Wärme erfüllt war.
„Was ist, Frau Arwen? Bedrückt euch etwas?"
Arwen musste trotz ihrer düsteren Gedanken lächeln. „FRAU Arwen? Frodo! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du mich nur Arwen nennen sollst! Wenn hier jemand die Ehre einer formellen Anrede verlangen kann, dann…"
Frodo hob die Hände in einer Geste der Abwehr. „Ich will diese endlose Diskussion nicht schon wieder führen! Also belassen wir es bei unseren Namen! Trotzdem will ich jetzt wissen, was dich bedrückt. Diesmal lasse ich mich nämlich auch nicht mehr ablenken!" Ein entschlossener Ausdruck lag auf seinem Gesicht.
„Es ist nur…, ach, ich muss es dir doch nicht erklären Frodo! Du machst dir nicht weniger Sorgen wie ich um unsere Freunde! Und du hasst es genauso wie ich, immer zurück bleiben zu müssen und die Hände in den Schoß zu legen! Ich…"
Mitten im Satz hielt sie inne und sie suchte Frodos Blick.
„Jetzt ist Schluss! Warum sollen wir immer vernünftig sein, wenn mir tausend Gründe einfallen, warum ich ihnen hinterher reiten sollte und sie mich brauchen könnten? Ich sehe noch immer Aragorns Gesicht vor mir, als ich ihn damals im Wald überrascht habe, als er das Athelas für dich gesucht hat. Manchmal sollte er auch zugeben, dass er eben nur ein Mensch ist und nicht immer auf der Hut ist! Es geschehen viel zu oft Dinge, die er nicht vorher sehen kann. Ich reite – und zwar sofort!"
Frodos Augen wurden bei ihren Worten immer größer und jedes Wort blieb ihm im Hals stecken. Bevor er auch nur einen Ton heraus gebracht hatte, war Arwen auch schon aus dem Kaminzimmer gestürmt und ließ den völlig überrumpelten Hobbit alleine zurück.
Doch seine Starre währte nicht lange und er rannte ihr so rasch nach, wie er konnte.
„Arwen, dass ist nicht das, was Aragorn oder euer Vater von euch erwarten! Ihr dürft euch nicht in Gefahr begeben!"
Arwen hielt nicht einmal an, um Frodo zu antworten, sondern ging schnellen Schrittes und mit gerafften Röcken einfach weiter. Ach, ich darf das nicht tun, aber mein Gemahl und meine Freunde dürfen das ständig! Und jedes Mal lassen sie uns hier zurück und verdammen uns zur Untätigkeit mit ihrer angeblichen Vernunft! Ich habe schon mehr Kriege erlebt, als mancher von ihnen und ich kann ebenfalls mit dem Schwert umgehen und verstehe es, mich zu verteidigen. Unterschätze niemals eine Frau, die das verteidigen will, was sie liebt!"
Sie hatten das Zimmer der Elbe erreicht und sie stieß energisch die Türe auf. Ohne auf Frodos weitere Proteste einzugehen, oder sich um seine Anwesenheit zu kümmern, streifte sie ihr Kleid ab und stand nur in ihrem Untergewand vor dem nun schüchternen Hobbit. Dessen Ohren begannen vor Verlegenheit zu glühen, doch noch eher er eine Entschuldigung murmeln und gleichzeitig den Raum verlassen konnte, hatte Arwen sich auch schon in Reitkleidung und Mantel gehüllt und ihr Schwert gefasst.
„Du hast die Wahl, Frodo! Komme mit, oder bleibe hier. Schweig oder erzähl meinem Vater von meinem Vorhaben. Aber ich sage dir, dass ich spüre, wenn ich gebraucht werde! Du weißt, dass ich mehr als einmal „gesehen" habe, wenn Aragorn in Not war. Und diesmal ist es nicht nur er, den ich zu verlieren habe – nein! Meine Brüder, Legolas, meine Freundin Tanhis – sie alle liegen mir mehr am Herzen, als ich in Worte fassen kann. Und sie brauchen meine Hilfe…"
Während sie sprach, drohte ihre Stimme zu brechen und sie flüsterte schließlich nur noch, so, als habe sie angst, das ihre Befürchtungen wirklich würden, wenn sie sie laut aussprach. Frodo blieb stumm, doch sein Blick war fest auf sie gerichtet, bis er endlich nur leicht nickte.
„Geh! Ich werde niemandem auch nur ein Wort sagen."
Erleichtert stieß Arwen die Luft aus und ließ sich auf die Knie hinab, um den Halbling feste an sich zu ziehen. „Danke!"
Seufzend lauschte Frodo auf ihre verhallenden Schritte.
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Aragorn erwachte mit widerwärtigen Kopfschmerzen. Er lag immer noch gegen die Mauer gelehnt da und hielt Elrohir in seinen Armen. Der Elb regte sich ebenfalls, als Aragorn sich vorsichtig aufrichtet und versuchte, die Dunkelheit mit seinen Augen zu durchdringen. Nachdem er festgestellt hatte, dass Haldur verschwunden war, hatte er den Raum sicherheitshalber abgesucht und erkannt, dass sie in einer Falle saßen. Der Raum war ein finsteres Gewölbe und der Grund war inzwischen feucht und nass, dass sogar seine Stiefel inzwischen nicht mehr trocken waren. In einer Ecke lag Stroh, zwar klamm und schon nicht mehr frisch, aber es diente zumindest dafür, dass sie sich nicht auf den Boden setzen mussten. Für Elrohir hatte er soweit nichts tun können, aber dank der elbischen Fähigkeiten, schlossen sich die offenen Brandstellen schneller und seine Haut war auch nicht mehr so gerötet, wie noch zuvor. Nachdem er es ihnen so bequem wie möglich gemacht hatte, war er irgendwann erschöpft eingeschlafen, aber jetzt konnte er keine Minute länger still sitzen.
„Wo sind wir?", fragte er seinen Ziehbruder, als Elrohir sich aufgerichtet hatte.
„Rate!"
Aragorn schnaubte verächtlich und kam auf die Füße. Tastend, weil inzwischen die Fackeln alle abgebrannt waren, schritt er hinkend den Raum ab. Er berührte etwas weiches an der Wand, dass sich schwammig anfühlte und er zog hastig die Hand zurück. Dann vernahm er das Plätschern und er folgte seinem Gehör, bis er die Stelle erreichte, wo ein Rinnsal sich seinen Weg durch die massive Wand suchte. Erneut zwang er sich dazu, noch einmal die Mauern abzutasten und er stellte fest, dass sie bis gut zu ihren Hüften mit Wasserkresse bewachsen war. Er unterdrückte einen Wutschrei und kehrte zu Elrohir zurück.
„Komm hoch, Bruder. Offenbar liegt unser Quartier unterhalb eines Wasserspiegels. Wenn ich recht habe, bekommen wir bald nicht nur nasse Füße."
„Das ist nicht so schlimm wie dieser Raum! Ich hasse es, solange unter der Erde zu sein!"
Aragorn hätte gerne erwidert, dass die Feuchtigkeit für den Elben ja auch nicht so tragisch war wie für ihn, doch er verkniff sich den Kommentar und versuchte, sich auf eine Möglichkeit zu konzentrieren, wie sie hier heraus gelangen konnten.
„Estel?" Die Stimme von Elrohir war leise und zögernd. „Was wirst du jetzt tun? Haldur ist deinetwegen gekommen und er wird sicher wiederkehren, um – was weiß ich – mit dir zu tun! Ersaufen werden wir sicher nicht, denn wenn er uns töten wollte, hätte er das schon längst getan!"
Aragorn schwieg und versuchte, sich nicht zu intensiv auszumalen, was Haldur alles tun könnte. Als er schließlich sprach, zuckte der Elb regelrecht zusammen, weil er nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hatte.
„Ich kann in unserer derzeitigen Lage nichts anderes tun als abwarten! Er wird es mir jedenfalls nicht leicht machen – soviel ist sicher. Ich bin nur froh, dass Arwen und die Hobbits in Sicherheit sind!"
Innerlich fügte er noch in Gedanken hinzu, dass er dumm gewesen war, anzunehmen, Haldur so einfach besiegt zu haben. Wie konnte er ihn nur am Leben lassen? Jetzt saßen sie hier fest und Haldur hatte sie wahrscheinlich genau da, wo er sie haben wollte und es war seine eigene Schuld. Er hätte wissen müssen, das Haldur genau damit gerechnet hatte, er kannte ihn einfach zu gut und hatte gewußt, dass er den Elben nicht töten würde. Wenn Legolas oder einem der anderen etwas zustieß, dann war das ganz alleine seine Schuld!
Eine Stunde später waren seine Flüche innerlich noch stärker geworden, denn das Wasser reichte ihnen inzwischen bis über die Knie. Elrohir war davon nichts weiter anzumerken, aber er selbst zitterte vor Kälte, der Husten war auch wieder zurückgekehrt und er hätte sich am liebsten hingesetzt, so müde fühlte er sich. Doch es schien, als habe das Wasser seinen momentanen Höchststand erreicht, denn es stieg nicht mehr weiter.
„Wenn ich Haldur in die Finger bekomme…" Elrohir warf dem Menschen einen Seitenblick zu und ließ die Drohung unvollendet.
Aragorn lachte freudlos auf und der Elb grinste in der Dunkelheit, sodass nur seine weißen Zähne gespenstisch leuchteten.
„Weißt du noch, wie Elladan und ich dir gezeigt haben, wie man sich …"
„O bitte, nicht jetzt, Elrohir! Ich will jetzt nicht in Kindheitserinnerungen schwelgen. Wir haben andere Sorgen!"
Der Elb schnaufte. „Ich wollte dich ja auch nur ablenken – und mich! Was meinst du? Werden uns die anderen bald finden? Ich hoffe, Legolas hat den Drachen inzwischen gefunden!"
Aragorn funkelte Elrohir böse an. „Was? Legolas ist frei? Und das erzählst du mir erst jetzt? Und was soll das Gerede von einem Drachen?"
Während Elrohir zu berichten begann, wurde Aragorn immer stiller. Das konnte – durfte nicht wahr sein! Es schien, als habe sich alles gegen ihn verschworen! Wenn das stimmte, was der Elb da erzählte, dass hatte Haldur jetzt wieder einen Trumpf im Ärmel! Selbst wenn Legolas den Drachen befreien konnte, was würde sein Freund tun, wenn Haldur ihm sagte, dass er nun den König von Gondor in seiner Gewalt hatte? Und dessen Ziehbruder? Welche Wahl bliebe Legolas dann noch! Und selbst wenn dieser eine Wahl hätte, er kannte ihn zu gut, um auch nur anzunehmen, dass er seine beiden Freunde in Haldurs Gewalt lassen würde. Aragorn schrie wütend auf und schlug mit der Faust gegen die Wand.
„Er gewinnt immer! Es ist so wie damals, als er gegen jede meiner Verteidigungen einen Gegenschlag hatte, bis ich schließlich meinen Widerstand aufgegeben habe. Danach hat er wenigstens die Personen in Frieden gelassen, die mir etwas bedeuteten und hat nur noch mich tyrannisiert…"
„Und das willst du jetzt auch wieder tun? Aufgeben? Nein Aragorn! Diesmal wird er sich damit nicht zufrieden geben. Damals wollte er nur mit dir spielen, weil es ihm Spaß machte, einen schwächeren zu unterdrücken, aber jetzt will er Rache. Und die wird er sich nicht nehmen lassen."
Aragorn lief es kalt den Rücken herunter und das nicht nur wegen Elrohirs Worte. Gleichzeitig brach ihm der Schweiß aus und die Luft kratzte in seiner Kehle. Der Raum begann sich um ihn herum zu drehen und seine Beine wollten ihn nicht mehr länger tragen.
„Ich glaube, ich muss mich setzen…"
"Machst du Witze? Das Wasser steht doch viel zu hoch! Estel!"
Elrohir fasste Aragorns Arm und hielt ihn aufrecht. Er fühlte in der kalten Luft deutlich, dass die Haut unter dem Stoff unnatürlich heiß war. Fluchend schob er sich dessen Arm um den Nacken und drückte Estel mit seiner Schulter gegen die Wand. Dieser hustet jetzt unterdrückt und versuchte dann ein aufmunterndes Lächeln.
„Ich hätte jetzt nichts dagegen, wenn unsere Freunde uns fänden. Auch wenn ich nicht gerade versessen darauf bin, einem echten Drachen gegenüber zu treten."
Elrohir betete zu den Valar, das wenigstens das Wasser bald wieder sinken würde. Auf die Freunde wagte er erst einmal nicht zu hoffen. Das Wasser tat ihm dann auch den Gefallen, aber es hatte schon genug Schaden angerichtet, als ihm lieb war. Auch wenn Aragorn es niemals zugegeben hätte, so konnte man ihm deutlich ansehen, wie schlecht es ihm ging.
Abwechselnd peinigten ihn Hitze und Kälteschauer – je nachdem wie hoch das Fieber stieg oder der Schüttelfrost ihn packte. Elrohir stützte ihn so gut es ging, kühlte ihm mit einem Streifen seines Hemdes die Stirn, oder spendete ihm mit seinem Körper Wärme, doch eigentlich waren dies alles unnütze Taten. Irgendwann war das Wasser ganz gewichen und noch bevor der Elb protestieren konnte, ließ Aragorn sich einfach niedersinken und achtete nicht auf die Pfützen am Boden. Auf Elrohirs Protest entgegnete er nur, dass er ohnehin nicht mehr nasser werden könne, als er schon sei und fiel augenblicklich in einen unruhigen Schlaf.
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Arwen achtete nicht auf Äste oder Büsche, die an ihren Haaren oder Kleidern zerrten, als sie Asfaloth durch den Düsterwald trieb. Sie wollte so schnell wie möglich die Kolonie der Elben hinter sich lassen und hoffte, dass ihr Fehlen nicht so früh bemerkt würde. Frodo würde sie nicht verraten, da war sie sich sicher, aber nur zu oft gab es dumme Zufälle, die ihren Vater darauf aufmerksam machen würden, dass sie sich einmal mehr seinen Wünschen widersetzte. Und sie war sich sicher, dass er dann umgehend versuchen würde, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Er würde Reiter nach ihr aussenden – wenn nicht sogar selbst auf die Suche nach ihr gehen und natürlich würde er im Stillen wieder Aragorn die Schuld daran geben, dass seine Tochter so „unüberlegt" handelte.
Entschlossen trieb sie Asfaloth zu einem noch schnelleren Tempo an. Sie wollte vor Einbruch der Dunkelheit den Düsterwald verlassen haben und ihr Lager aufschlagen, damit sie beim ersten Licht des Morgens die Spur finden konnte, die die Richtung der Suche nach Legolas vorgab.
Wenn sie diese Spur fand, so konnte sie ihr einfach folgen und würde, so hoffte sie, schnell genug an ihrem Ziel ankommen. Dafür hatte sie sich vorgenommen, sich und ihrem Pferd nur das Nötigste an Rast zu gewähren, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, die sie in der Kolonie mit Grübeleien verschwendet hatte.
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Elrohir hatte die Zeit genutzt in der Estel schlief, um sich selbst ein Bild ihrer Lage zu machen und musste nun ernüchternd feststellen, dass sie nicht so leicht aus diesem unterirdischen Gewölbe entkommen konnten. Er hatte zwar die feinen Spalten im Gestein entdeckt, die ihren Weg in die Freiheit bedeuteten, aber keine Möglichkeit gefunden, die massiven Steintüren zu bewegen. Es gab kein ersichtliches Schloss oder einen Hebel, der einen versteckten Mechanismus kennzeichnete und alle anderen Versuche, diese Türe zu öffnen, waren vergebens geblieben. Er hatte auch keine andere Schwachstelle in den Mauern gefunden, außer dem Riss, durch den das Wasser in ihre Zelle eindrang, und dieser war so schmal, das er nicht einmal seine Hand hindurch stecken konnte.
Das mühsame Husten von Aragorn lenkte ihn schließlich von seinem Unterfangen ab und er kehrte an die Seite seines Ziehbruders zurück, der sich langsam auf den Rücken gerollt hatte.
„Estel? Alles in Ordnung?"
Aragorn versuchte ein Lächeln. „Ich habe bloß nasse Füße, aber … du hast selber gesagt, dass wäre nicht so schlimm…"
„Wenigstens machst du noch dumme Witze." Aber Elrohirs Gesicht blieb ernst und er warf erneut einen bösen Blick auf die versteckte Türe im Fels.
‚Wenn ich Haldur in die Finger bekomme, dann…' Der Elb malte sich stumm alle Einzelheiten seiner Rache aus, während er aus Stoffresten kühle Umschläge fertigte, die er Aragorn auf die Stirn legte. Das Fieber stieg trotzdem weiter und Elrohir wurde immer ratloser. Genau genommen war er sogar verzweifelt, denn er wußte nicht, wie er dem Menschen helfen konnte und diese Hilflosigkeit war das Schlimmste für ihn. Bei seinen anderen Problemen war immer jemand da gewesen, der ihm mit einem Ratschlag und seinem Wissen weiter geholfen hatte, oder er hatte Schwierigkeiten mit Schwert, Pfeil und Bogen beendet und eigentlich immer seinen Bruder an seiner Seite gehabt. Jetzt aber war er allein und gegen Krankheit und die menschliche Schwäche dagegen, hatte er kein Mittel oder Wissen. Elladan war derjenige, der sich in Heilkunde besser auskannte und er wünschte sich, sein Bruder wäre nun hier. Oder Tanhis, die immer ein Bündel mit sich trug, dass Arzneien und Heilkräuter enthielt.
Heilkräuter! Tanhis hatte Aragorn welche gegeben, das fiel Elrohir plötzlich wieder ein und er begann, in Aragorns Manteltasche zu kramen. Er fand das kleine, verschnürte Bündel und dankte den Valar für Tanhis' Vorsorge, doch als er das Säckchen geöffnet hatte, packte ihn erneut die Verzweiflung. Die Kräuter waren nass und verklumpt – das Wasser war durch die Lederhülle gedrungen und hatte sie verdorben.
Er wollte das Bündel schon wütend von sich werfen, als er es sich doch anders überlegte. In dieser Situation durfte er nicht wählerisch sein und jede noch so schwache Wirkung war besser, als gar keine. Deshalb schob er Estel entschieden eine kleine Menge der nassen Kräuter in den Mund und achtete nicht auf dessen schwache Proteste und seinen angewiderten Gesichtsausdruck.
Nur mit Mühe konnte Aragorn schlucken und der anschließende Husten rasselte in seiner Lunge. Er zwang sich dennoch, auch das zweite Mal die Kräuter zu kauen die Elrohir ihm reichte, auch wenn sie morastig schmeckten und sich sein Magen dabei bedenklich hob.
„Hast du eine Idee, wie wir hier raus kommen können?", fragte er mit zitternder Stimme, um sich von seinem Magen abzulenken.
„Nicht die geringste! Eins muss man Haldur lassen – er ist nicht dumm! Er hat an jede Möglichkeit gedacht und uns alle geschickt in seine Fallen gelockt."
„Hoffentlich sind die anderen noch frei! … Und Legolas nicht in Schwierigkeiten… Er ist jetzt sicher Haldurs bevorzugtes Ziel…"
„Scht. Sprich nicht so viel. Den Kopf kannst du dir auch ein anderes Mal zerbrechen! Wir können ohnehin nichts tun!"
Elrohir half Aragorn dabei sich hinzusetzen und hielt ihm auffordernd das Bündel mit Kräutern hin. Aragorn hob abwehrend die Hand, weil er seinem Magen nicht traute und lehnte den Kopf mit geschlossenen Augen gegen die Wand.
„Elladan findet einen Weg – da bin ich sicher! Nur noch etwas Geduld und er wird hier sein!"
Elrohir wusste nicht, wem er mit seinen Worten mehr Mut machen wollte – sich oder Aragorn.
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Legolas besah sich die Ketten, die den Drachenkopf am Boden hielten. Wie würde er es schaffen, diese aufzubekommen? Mit bloßen Händen würde es ihm nie gelingen... Er besah sich das Krummschwert, aber bereits der erste Blick sagte ihm, dass es zu stumpf war, um die Ketten zu durchtrennen. Der Elb fluchte leise und lugte über den Kopf Saradas' - er war immer noch unentdeckt. Legolas wollte sich gar nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn man ihn finden würde. Viele Orks waren in der Höhle - er würde es nicht alleine mit ihnen aufnehmen können. Beinahe verzweifelt ließ er sich wieder auf den Boden sinken. Wenn er doch nur die Ketten aufbekommen könnte... Er sah zu der Vorderpranke und, dass die Eisen die schuppige Haut weiter aufgescheuert hatten.
, Ich schaffe es nicht, ihn zu befreien... Wenn er es doch nur selbst könnte...
Wie, als hätte Saradas ihn verstanden, hob er abermals den Kopf, bis die Ketten es nicht weiter zuließen. Wieder ertönte das tiefe Grummeln, bis der Drache den Kopf zurück auf die Erde sinken ließ.
"Ob das gereicht hat...?" Legolas erhob sich und versuchte abermals, ob er es schaffen würde, die Schlösser zu öffnen
"Jetzt hat er gänzlich den Verstand verloren...", murmelte Gimli und sah mit geweiteten Augen zu seinem Freund.
Elladan und Tanhis sagten nichts - sie sahen einfach nur stumm auf das Schauspiel, das sich ihnen bot.
"Die Gefangenschaften scheinen wirklich Wirkung bei ihm zu zeigen... er redet mit einem Drachen..." Gimli brummelte immer weiter vor sich hin, bis er wieder zu den beiden Elben sah. "Seid ihr noch da? Legolas – redet – mit – einem – Drachen!"
"Er will ihn befreien...", murmelte Elladan und beobachtete, wie der Prinz versuchte die Ketten zu lösen, aber kläglich scheiterte. Tanhis keuchte abermals erschrocken auf, was die anderen beiden zusammen fahren ließ. Ein Ork schlich sich unbemerkt an Legolas heran. Mit einem Satz war die Elbin nach vorne gesprungen, doch Elladan war flink genug und bekam ihren Arm zu fassen.
"Du kannst da nicht einfach runter rennen Tanhis!", sagte Elladan eindringlich, doch die Elbin wehrte sich
"Ich lasse nicht zu, dass sie ihn bekommen!" Sie riss sich los und lief rasch den abschüssigen Weg hinunter. Die beiden zurück gebliebenen sahen sich an und zuckten mit den Schultern. "Frauen...", murrte Gimli und lief hinter Elladan her, der der Elbin bereits nachgesetzt hatte. Der Elb verzweifelte beinahe. Ihm wurde bewusst, dass er in einer Falle saß. Abermals zerrte er an den Ketten, doch sie gaben keinen Deut nach. Er würde den Drachen nicht befreien können und darauf warten müssen, bis sie ihn fanden. Einen Fluchtversuch konnte er nicht wagen - die Orks würden ihn direkt bemerken.
"Elrohir wird mich umbringen, wenn ich nicht entkomme
Saradas begann auf einmal an den Ketten zu ziehen. Die plötzlichen Bewegungen ließen Legolas hochfahren und sich umdrehen. Erschrocken, sah er in die Fratze eines Orks, der sein Krummschwert zum tödlichen Schlag erhoben hatte. Noch, ehe Legolas darüber nachsinnen konnte, wie er am besten sein Schwert erreichen würde, schrie der Ork auf und fiel leblos neben ihn. Der Elb sah verwirrt zu der toten Kreatur neben sich, bevor er auf und in Tanhis Gesicht sah. Seine Augen weiteten sich. Er träumte. Seine Sinne schienen ihm einen Streich zu spielen. War er doch entkräfteter als geglaubt hatte? Er blinzelte. Sie stand immer noch vor ihm... Er wagte nicht, sich zu bewegen - aus Angst, die Vision könnte wieder verschwinden. Im nächsten Moment fühlte er sich schon umklammert und den bebenden Körper der Elbin an seiner Brust. Wie in Trance schlang er seine Arme um Tanhis und begriff, dass sie wirklich bei ihm war. "Tanhis..."
"Wir helfen dir...!" Sie ließ ihn wieder los und sah sich hektisch um. Die Orks hatten sie bemerkt und kamen auf sie zu. Elladan war bereits in den ersten Kampf verwickelt und Gimli stolperte mehr den schmalen Weg hinunter, als dass er lief. Als Legolas die beiden erblickte, war er mit einem Satz auf den Beinen. Tanhis blickte wieder zu ihm - er sah furchtbar aus. Als er ihren Blick bemerkte, schlang er sich die Tunika so gut es ging um seinen Oberkörper, doch die Wunden hatte Tanhis sehr wohl gesehen. , Wenn das so weiter geht, hat er bald keine Stelle mehr am Körper, die frei von Narben ist...' Sie schüttelte ihre finsteren Gedanken ab und sah kurz zu Elladan, der mehrere Orks niederstreckte. Gimli stand bei ihm und hielt sie davon ab, zu Legolas und Tanhis zu gelangen.
"Wir müssen hier weg!", rief sie und wollte nach der Hand des Elben fassen, doch er blieb stehen
"Ich kann nicht! Wir müssen Saradas befreien!", protestierte Legolas
"WEN?" Tanhis sah ihn ungläubig an, doch dann erinnerte sie sich wieder des Drachen, neben dem sie stand und blickte auf das seltene Wesen. Ihre Nackenhaare stellten sich auf, jedoch nicht wegen dem Drachen. Rasch drehte sie sich um und hieb einem herannahenden Ork den Kopf ab. Die Kreaturen schienen nicht weniger zu werden, eher noch mehr. Saradas begann sich abermals in seinen Ketten zu winden
"Ich gehe nicht ohne ihn! Ich bin an ihn gebunden
"Gibt's hier ein Problem?", knurrte Gimli, als er zu ihnen lief und die Orks weiter abwehrte. "Gimli!", rief Legolas - ein Geistesblitz durchzuckte ihn. "Du musst die Ketten zersprengen Der Zwerg sah zu dem Drachen und wieder zu Legolas. "Ich soll WAS?"
"Nimm deine Axt und schlage sie entzwei."
"Tu was er sagt!", rief Tanhis, die ein wenig in Elladans Richtung geeilt war, um ihm zu helfen, die Orks weiter abzuwehren. Saradas zog abermals an seinen Fesseln, was Gimli schnell handeln ließ. Legolas griff nach einem der Krummschwerter und stach es dem nächsten Ork in den Wanst
"Wollen wir mal sehen, ob ich die Ketten durchbekomme...", brummelte Gimli und holte mit seiner Axt aus. Als er die grünlichen Schuppen vor sich sah, hielt er inne. "Legolas?", rief er. "Was passiert, wenn die Ketten los sind
Legolas drehte sich in einer fließenden Bewegung zu ihm um. "Das... werden wir dann sehen...! Jetzt beeil dich."
"Das werden wir dann sehen..." Gimli sah wieder zu dem Drachen, der immer noch versuchte, sich von den Ketten zu befreien. "Lieber Drache..." Er holte aus und ließ seine Axt nieder fahren. Die, von Zwergenhand geschärfte Klinge durchtrennte das Eisen beim dritten Hieb und ließ eine Kette rasselnd aus der Halterung springen. Sofort erhob sich die Pranke Saradas' und zog sich aus den Schlingen. Der Drache schnaubte, was Gimli als sofortige Aufforderung verstand, die restlichen Ketten zu zerschlagen. Sich umschauend rannte er zum Bauch des Drachen und holte abermals aus.
Die drei Elben verstanden es, die Orks nicht in die Nähe des Zwergs kommen zu lassen. Legolas drehte sich flink und hieb einem Ork das Schwert zwischen die Augen. Elladan war in seiner Nähe und rammte die Elbenklinge in den Wanst eines anderen
"Wo ist Elrohir?", rief er dem Prinzen zu, als er in seiner Reichweite war. Legolas wandte sich zu ihm um und wehrte einen kleineren Ork ab
"Das sage ich dir später!", war die Antwort - wenn er Elladan jetzt von Elrohir erzählen würde, würde der Elb womöglich nicht mehr so sicher kämpfen. Doch der ältere Zwilling sah im falschen Moment zu Legolas und erkannte die kurz aufflammende Sorge in den Augen des Tawarwaith. Irgendetwas war mir Elrohir passiert... Dem nächsten Ork stand er mit einem tödlichen Funkeln in den Augen gegenüber. , Wenn sie ihm auch nur ein Haar gekrümmt haben...!' Der unendlich große Hass ließ ihn zu einer tödlichen Waffe werden. Ein Ork nach dem anderen fand den Tod durch seine Klinge.
Gimli schaffte es, die nächste Kette zu zerschlagen. Rasch wich er zurück, als der Drache sich wieder zu regen begann.
"Liebes Tierchen...", murrte er und sah misstraurig zu Saradas. Der Drache zerrte mit dem Kopf an seinen Fesseln
„Ich komm ja schon...", rief Gimli und sprang über Orkleichen hin zu Saradas' Kopf. Während er wieder ausholte und die nächste Halterung der Ketten zersprengte, unterdrückte er die Frage, ob der Drache Feuer speien könne
"Gimli!", hörte er Tanhis Ruf. Gerade noch rechtzeitig drehte er sich um und sprang zur Seite. Der Ork konnte in seinem Lauf nicht mehr innehalten und prallte beinahe gegen Saradas' Leib. Gimli hob bereits die Axt, als eine Bewegung in seinem Augenwinkel ihn innehalten ließ. Saradas hatte seine große Pranke gehoben und seine Krallen in den Ork gerammt
„Haha!", brüllte Gimli. "DAS nenne ich Arbeitsteilung!" Mit einem Satz war er wieder an der Kette, die den Kopf des Drachen am Boden hielt und sprengte auch diese Halterung.
"So... jetzt schön lieb sein..." Der Zwerg näherte sich der letzten Kette, die den Kopf des Drachen am Boden hielt. Die spitzen Zähne lugten aus dem riesigen Maul hervor, das den Zwerg mit einem Mal verschlingen könnte. Der Drache war ihm immer noch nicht geheuer. Erst recht nicht, seit dieser immer mehr versuchte, die Fesseln von sich zu bekommen. Gimli legte die Axt an, zielte, schloss die Augen und ließ sie niedersausen. Beim ersten Schlag sprangen die Ketten entzwei und Saradas riss ruckartig den Kopf in die Höhe.
Gimli stolperte vor Schreck nach hinten und fiel über einen weiteren Ork. Der Drache ließ einen gellenden Schrei verlauten, was alle Kämpfenden für einen Augenblick inne halten ließ. Gimli schüttelte seinen Kopf und sah zu dem Wesen, das sich weiter aufrichtete, doch auf einmal schob sich eine gänzlich andere Fratze in sein Blickfeld. Der Ork wollte gerade Hand an seinen Hals anlegen, als dieser von einem Schwert tödlich getroffen zu Boden ging. Gimli rappelte sich schnell auf und sah zu dem Verursacher. Legolas hatte ein Krummschwert nach dem Ork geworfen, als er die Bedrängnis von Gimli gesehen hatte. Grummelnd erhob sich der Zwerg. "Fühl dich jetzt bloß nicht als großer Held...", rief er dem Elben zu, doch Legolas war bereits in einen weiteren Kampf vertieft. Tanhis hielt inne und sah zu dem Drachen, der versuchte auch noch die restlichen Ketten abzustreifen. "Er kommt immer noch nicht frei!"
Gimli sah zu Saradas und, dass seine Hinterläufe immer noch gefangen waren. Ein Blick zu seiner Axt zeigte ihm, dass sie bald stumpf werden würde
"Einen schaffen wir noch!" Mit diesem Schrei rannte er los, schlug einem Ork die Beine weg und war schon bald an der Hinterpranke des Drachen. Er schnaufte laut, als er seine Axt zum unzähligsten Male erhob. Erst der vierte Schlag vermochte es, auch diese Ketten zu sprengen. Saradas zog an den Eisen, als er spürte, dass sie sich nun endgültig lösten. Die Erde bebte als er sich mit einem Ruck gänzlich aufrichtete. Einige Orks hielten inne und konzentrierten sich, ihr Gleichgewicht zu halten, was die Elben zu ihrem Vorteil nutzten. Innerhalb kürzester Zeit war der Boden übersäht mit Orkleichen.
"Es werden nicht weniger!", rief Legolas, der spürte, dass die Kraft ihn allmählich verließ. Sein Blick glitt zu Elladan. Ein leichter Schweißfilm hatte sich auf der Haut des Elben gebildet. Legolas spürte, wie die Tunika an seinem Leibe klebte. Er sah zu Tanhis, die verbissen die Orks abwehrte. Ein Funken Stolz keimte in ihm auf - nicht jeder, hatte eine solch mutige Gefährtin zur Seite. Der Elb schüttelte den Kopf. Solche Gedanken durfte er sich jetzt nicht erlauben.
Elladan kam zu ihm gerannt. "Seht!"
Saradas stand auf seinen Pranken und ließ seiner lange angeschürten Wut freien Lauf. Grummelnd erschlug er einen nach dem anderen Ork und zermalmte sie unter seinen Pranken. Sein Schwanz schlug bei jedem neuen Streich und streifte die Höhlenwände. Mit einem Satz war Gimli bei ihnen. "Wir müssen hier raus! Wenn er so weiter macht, fällt uns bald die Decke auf den Kopf!"
Die Elben hoben ihren Blick und sahen die ersten Steine, die sich aus der Höhlenwand lösten und krachend hinunter fielen. Tanhis wandte sich um und sah erschrocken, dass der Gang, durch den sie gekommen waren, verschüttet war
"Aber wie?", rief sie, als das Dröhnen lauter wurde.
"Saradas!", sagte Legolas und zog alle Blicke auf sich. "ER wird uns hier heraus bringen."
"Bist du verrückt? Wie soll er das schaffen?", murrte Gimli und sah den Elben an, als hätte er Sauron persönlich vor sich.
"Auf seinen Rücken!", sagte Legolas eindringlich und sah zu Elladan, der abermals einen Ork tötete. Tanhis wechselte mit Gimli einen Blick und sah zu dem Wesen, das seinen Kopf in ihre Richtung gewandt hatte. Orks versuchten vereinzelt ihre Speere in seine Pranken zu stoßen, aber die meisten der Kreaturen hatten bereits die Flucht ergriffen, als sie den Drachen frei gesehen hatten. Legolas drehte sich zu Saradas um und blickte ihm fest in die Augen. Der Drache hatte seine Gedanken gespürt - er würde sie befreien. Mit wenigen stampfenden Schritten ging er auf die kleine Gruppe zu und ließ sich grummelnd auf den Boden hinab. Legolas rannte zu ihm und bedeutete den anderen, ihm zu folgen. Er strich behutsam über die grünen Schuppenflechten und spürte abermals die ihm ungewohnte Kraft durch die Adern fließen. Der Drache würde ihm nichts tun... Mit einem Satz war er auf dessen Rücken und hielt vorsichtig inne. Saradas rührte sich nicht und so winkte er seinen Freunden.
"Er wird euch nichts tun! Kommt rasch!"
Tanhis folgte ihm als erste, hinter ihr Elladan. Gimli beäugte den Drachen weiterhin misstraurig, doch die Elben drängten ihn den Rücken zu erklimmen. Mit einem starken Griff packte Elladan die Rüstung des Zwerges und zog ihn hinauf.
"Ich kann selbst klettern!", murrte Gimli, doch der Elb ließ ich nicht los, bis er ihn gänzlich hinter sich auf dem Rücken des Drachen wusste.
Saradas erhob sich abermals und schlug die letzten Orks mit seinem Schwanz gegen die Höhlenwand, so dass sie tot hinunter rutschten. Ein heftiges Knirschen ließ die Gefährten aufschauen - die Decke hatte Risse gezogen!
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Elrohir lauschte besorgt jedem von Aragorns mühsamen Atemzügen und traute sich nicht einmal, sich auch nur einige Schritte von ihm zu entfernen. Er war wieder eingeschlafen, aber das Fieber brannte so heiß in ihm, dass es ihm sicher nicht lange die nötige Ruhe gewähren würde, um wenigstens etwas zu Kräften zu kommen. Andererseits beruhigte es Elrohir jedes Mal, wenn Aragorn wieder erwachte, denn er fürchtete sich davor, dass der Mensch in Bewusstlosigkeit sinken könnte.
Endlich öffnete Estel die schweren Lider und sofort als er sich regte, beugte Elrohir sich über ihn und ergriff dessen Hand.
„Wo sind wir?", flüsterte Aragorn kaum hörbar, als er den Elben endlich erfasste und seine Augen schlossen sich wieder.
„Weißt du nicht mehr? Wir stecken in einem Gewölbe unter Haldurs Festung! Wir sind hier, um Legolas zu suchen und zu befreien." Elrohir hätte am liebsten laut seine Sorge heraus gebrüllt.
„Legolas? … Befreien? … Wo ist Arwen? …" Elrohir verließ auch der letzte Rest an Zuversicht. „… Sie muss…, sie darf nicht in Mittelerde bleiben. Bring sie auf ein Schiff! ... nicht meinetwegen… hier bleiben. Elrond … wird das nicht zulassen."
Der Elb versuchte Aragorn zu beruhigen, doch wie sollte er dies nur schaffen, wo er selber immer unruhiger wurde. Estel fantasierte und es ging ihm immer schlechter. Er musste so schnell wie möglich zu einem Heiler und aus dieser feuchten Höhle hinaus.
Elrohir wünschte, dass sein Vater hier sein möge. Er wüßte sicher, was zu tun war, doch nun war es eben an ihm. Entschlossen kam er auf die Füße, in der Absicht alles zu unternehmen, was er konnte, um Orks oder sonst irgendjemanden dazu zu bewegen, diese Türe zu öffnen.
Er stand gerade, als ihn eine Erschütterung fast wieder in die Knie zwang. Der Boden bebte unter seinen Sohlen und er musste sich anstrengen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Fast war es ihm, als bäumte sich der Boden unter ihm auf und ein Knirschen und Ächzen ging von den rohen Felswänden um ihn herum aus. Der Elb stolperte dennoch entschlossen auf die Türe zu und versuchte das Dröhnen zu übertönen, trommelte mit den bloßen Fäusten gegen das kalte Gestein und schrie immer wieder Haldurs Namen.
Fast so plötzlich, wie das Beben gekommen war, herrschte von einem Moment auf den anderen wieder tödliche Stille und seine eigene Stimme klang ihm viel zu laut in den feinen Ohren.
„Haldur!"
Der Name hallte als Echo in dem Gewölbe wider und spiegelte im Klang seine Angst und Sorge zurück, die ihn immer noch befallen hatte. Er wagte jedoch nicht, noch einmal einen Versuch zu wagen, die Orks und anderen Kreaturen auf sich aufmerksam zu machen – wer konnte schon wissen, was sie mit ihnen anstellen würden? Wie hatte er überhaupt nur auf die Idee kommen können, von ihnen Hilfe zu erhalten?
Fast hätte er hysterisch aufgelacht. Wahnsinnig – er wurde wahnsinnig! Wenn er auch nur noch eine Stunde länger unter der Erde verweilen musste, würde der Wahnsinn ihn ganz sicher befallen!
„Elrohir…?"
Aragorns leise Stimme holte ihn wieder ins hier und jetzt zurück und er zwang sich, ruhig durchzuatmen und optimistisch zu wirken, bevor er sich wieder neben den Freund kniete.
„Was… was war das?" Husten verschluckte fast die Frage Estels.
„Nichts, was dich sorgen müsste, Bruder! Komm, setz dich einen Moment aufrecht hin, dann fällt dir das Luft holen vielleicht etwas leichter."
Nur mit der Hilfe des Elben kam Aragorn zum Sitzen hoch, aber das Atmen klang tatsächlich nicht mehr ganz so mühsam, wie noch vor wenigen Augenblicken.
Wieder musterte Elrohir seinen Gegenüber sorgenvoll und kramte dann entschlossen wieder das kleine Bündel von Tanhis heraus, das nur noch einen kläglichen Rest verdorbener Kräuter enthielt. Bevor Aragorn auch nur wahrnehmen konnte, was der Elb vorhatte, befand sich der matschige Klumpen auch schon in seinem Mund, gefolgt von einer Hand voll schmutzigem Wasser, der den Menschen zum Schlucken zwang. Sofort hustete und würgte Aragorn, so heftig, dass dem König die Tränen über die Wangen liefen, doch endlich beruhigte er sich wieder und lehnte sich erschöpft an die Wand zurück.
„Du willst mich wohl… mit aller Gewalt loswerden. Warte nur ab, bis es mir wieder besser geht, dann…"
Elrohir grinste. „Aber es hat anscheinend geholfen! Wenn du wieder drohen kannst, musst du dich schon besser fühlen."
Ein mürrischer Blick aus grauen, glasigen Augen traf den des Elben und doch glaubte Elrohir, auch die Andeutung eines Lächelns in den Mundwinkeln seines Ziehbruders entdecken zu können. Ermutigt fasste er einen Entschluss, legte Aragorn seine Hände auf Brustkorb und Stirn und begann sich mit geschlossenen Augen zu konzentrieren. Im Stillen wandte er sich an die Gunst der Valar und bat um Hilfe und Beistand, danach ließ er die Kraft durch sich hindurch strömen und lenkte sie bis in seine Hände, die warm zu prickeln begannen. Er hörte Aragorns überraschtes Luft holen, dann einen schwachen Schmerzlaut, der aber immer mehr in ein erleichtertes Seufzen überging.
Als er die Hände wieder von Aragorns Körper löste und die Augen öffnete, blickte ihn dieser anklagend an.
„Du benötigst selber all deine Kraft, um deine Wunden zu heilen. Verschwende sie nicht leichtfertig, nur um mir vorübergehend zu helfen! Solange ich hier in dieser feuchten Höhle hocke, bringt nichts mir wirklich Hilfe…, Narr!"
Elrohir entgegnete nichts auf diesen Vorwurf, sein Blick reichte aber aus, um Aragorn zum Verstummen zu bringen – fast jedenfalls. Seine Elbenohren fingen gemurmelte Worte auf, die sich nach Halsstarrigkeit der Zwerge – nicht nur Legolas anhörten und ihm ein ehrliches Grinsen auf seine Züge malte.
„Gimli kann sehr lehrreich sein!", entgegnete er nur gelangweilt. „Ich habe nur versucht deinen eigenen Rat zu befolgen und nicht immer nur schlechtes im Handeln der Zwerge zu sehen! Nun, ihre Verhaltensweisen in Bezug auf sture, eigensinnige Waldläufer – oh, pardon – Könige, waren jedenfalls äußerst klug!"
Aragorn öffnete empört den Mund, um darauf etwas zu erwidern, doch offenbar fiel ihm nichts dazu ein, denn er schloss ihn nach einem einzigen Atemzug wieder und schwieg.
In sein Schweigen hinein erklang plötzlich ein fürchterlicher Schrei, dessen Klang sich so fremdartig und wütend anhörte, dass sich Aragorns feine Härchen an den Armen aufstellten. Fast gleichzeitig begann die Erde erneut zu beben, jedoch noch stärker, als sie es vor wenigen Minuten bereits getan hatte und die Intensität steigerte sich kontinuierlich.
Elrohir fiel auf Hände und Knie nieder und nur mit Mühe gelang es Aragorn ihn zu sich an die Wand zu ziehen. Es erklang ein reißendes Geräusch, gemischt mit dem Krachen von Stein auf Stein und schon fielen faustgroße Steinbrocken von der Decke und den Wänden um sie herum. Doch es war ein anderer Umstand, der Panik in Aragorn aufkeimen ließ.
Er brauchte seinen Blick erst gar nicht auf den Riss in der hinteren Felswand zu richten, um zu wissen, dass dieser sich verbreitert hatte, denn das Rauschen des eindringenden Wassers übertönte fast noch das Dröhnen der gesamten Festung.
„Bei den Valar!", entfuhr es Elrohir und dann sammelte er alle Geschmeidigkeit und Schnelligkeit der Elben in sich und kam wieder auf die Füße, balancierte das Beben aus, packte Aragorn grob an der Vorderseite seines Mantels und zog ihn hoch. In dieser kurzen Zeit war das Wasser schon bis zu ihren Waden angestiegen und eine sprudelnde Fontäne ergoss sich weiter in ihr Gefängnis.
Arwen, schoss es Aragorn durch den Kopf. Sie wird an einem Tag ihren Mann und ihren Bruder verlieren…
