8.Kapitel

Rettung

„Ich habe ein ganz ungutes Gefühl...", murmelte Gimli und blickte misstraurig zu den oberen Felsen empor. Die Risse hatten sich weiter zu den Wänden hin gezogen und ließen kleinere Steine hinunter rieseln. Ein Unheil verkündendes Knirschen ertönte und ließ die Freunde zusammen fahren. Tanhis sah sich hektisch um. „Gibt es hier denn keinen Ausgang?"

„Es muss einen geben... ansonsten wäre der Drache wohl nicht hier rein gekommen...", erwiderte Elladan schärfer, als er es beabsichtigt hatte. Die neue Situation machte den Elben zusehends nervös. „Ich habe schon einmal erwähnt, dass ich Höhlen hasse oder?", murrte er. „Legolas! Weißt du, wie wir hier rauskommen?" Der angesprochene Elb sah nicht auf, sondern schien völlig in sich gekehrt zu sein. Auch als Elladan ihn vorsichtig an der Schulter berührte, reagierte er nicht. Seine Hände lagen auf der rauen Drachenhaut und seine Augen waren geschlossen. Er fühlte die Wärme, die ihn durchströmte und die bekannten Farben, die vor seinen geschlossenen Lidern tanzten. Saradas war unruhig, das spürte Legolas, doch er merkte auch, dass er es schaffte, zu dem Drachen durchzukommen. Er musste ihm vermitteln, dass sie hier heraus mussten – und das so schnell wie möglich. Saradas schien ihm zu antworten, Legolas fühlte das Vertrauen weiter in sich aufkeimen und öffnete die Augen. Erst jetzt registrierte er, dass Elladan mit ihm sprach.

„Wir müssen uns auf ihn verlassen!", sagte er ruhig. „Wir haben nur ein Problem..."

„Aragorn und Elrohir...", beendete Gimli seinen Satz.

Ein weiterer Riss in der Wand ließ die Freunde zusammen fahren.

„Hört zu! Ich will jetzt keine Widerrede hören!", setzte Elladan ernst an. „Legolas und Tanhis sehen zu, dass sie den Drachen aus den Höhlen bekommen und Gimli und ich machen uns auf die Suche nach Estel und Elrohir! Du widersprichst NICHT Legolas! Du bist der einzige, der Kontrolle über den Drachen hat und er muss hier raus! Nur so haben wir eine Chance!"

Legolas sah ihn stumm an – er hatte tatsächlich widersprechen wollen, doch jetzt sah er ein, dass Elladan Recht hatte. „In Ordnung! Aber gebt auf euch acht! Wenn ihr sie nicht findet..."

„Junge wir werden sie schon finden... fragt sich nur, ob das für sie dann besser ist, als wenn wir sie nicht finden würden...!", brummelte Gimli freundschaftlich in seinen Bart.

Elladan nickte und blickte kurz zu Saradas, der den Kopf zu ihnen gewandt hatte, als würde er ihnen zuhören. Er schüttelte unmerklich den Kopf und wollte gerade auf den Boden springen, als ein Schrei von Tanhis ihn innehalten ließ. Sein Blick folgte umgehend ihrer Hand und blieb an der Höhlendecke stehen – die ihnen gegenüberliegende Seite brach in sich zusammen. Die Risse zogen sich wie Blitze durch das dunkle Gestein und ließen die Steinplatten laut aufstöhnen. Die Felsen gaben nach und große Gesteinsbrocken stürzten von oben herab.

„Was machen wir jetzt?", fragte Tanhis und wandte sich Legolas zu, der sie mehr oder minder ebenso geschockt ansah. Wie sollten sie hier heraus kommen? Die Freunde realisierten beinahe gar nicht, dass Saradas sich bereits weiter an die Wand drückte um nicht von den herunterfallenden Brocken getroffen zu werden.

„Es wird noch besser...", murmelte Elladan, als er die ersten Wasserrinnsale ausmachte. „Zieht die Füße hoch, es wird nass...", war das einzige, das sein Sarkasmus zu Stande brachte. Wie als hätten die Wassermassen auf diesen Satz gewartet, ertönte ein lautes Bersten und ein Wasserfall ergoss sich auf der anderen Seite von der Decke hinab.

Ein ohrenbetäubendes Knacken und Bersten ließ Elrohir und Aragorn aufschauen. „Was ist das?", fragte Aragorn und blickte sich beinahe ziellos in der dunklen Höhle um.

„Du willst es lieber nicht wissen...", antwortete Elrohir, der sich und seinen Bruder bereits weiter hinauf gezogen hatte. Das Wasser stand ihnen bis über die Knie und bald konnten sie nicht mehr ausweichen.

Aragorn hatte ihn nicht verstanden, das Einströmen des Wassers und das damit verbundene Rauschen waren immer lauter geworden. Wieder ertönte das laute Brechen von Gesteinsmassen und ein Beben stellte ihre Balance auf die Probe. Für kurze Zeit schien es den beiden, als würde Stille einkehren, doch dies war nur Einbildung. Mit einem Donnern, fiel ein Gesteinsbrocken in der Größe eines ausgewachsenen Warges von der Decke und krachte in den Boden. Aragorn hielt sich aus Reflex den Arm vors Gesicht, was jedoch wenig nütze – nun waren sie von oben bis unten nass.

Das Wasser besaß eine schneidende Kälte, die in atemberaubender Geschwindigkeit inzwischen schon bis zu ihrem Brustkorb angestiegen war. Mit einem ungebrochenen Überlebenswillen klammerte Aragorn sich an die unebenen Felsvorsprünge der Wand, oder zumindest versuchte er es, denn seine Finger waren so steif vor Kälte, dass sie immer häufiger abrutschten. Zweimal hatte ihn das ein unfreiwilliges Bad nehmen lassen, denn er versuchte auch mit den Füßen Halt zu finden, für den Augenblick, da das Wasser soweit gestiegen war, dass es sie überragen würde.

Dies geschah dann auch rascher, als ihm lieb war und zeigte ihm, dass er den Strudel des Wassers eindeutig unterschätzt hatte. Sobald seine Füße den Grund nicht mehr berührten und ihm dieser Stand verloren ging, zog ihn der Sog mit einiger Kraft von der Mauer fort. Wäre er nicht ohnehin geschwächt gewesen, so hätte er vermutlich länger dagegen ankämpfen können, doch so rutschte er Zentimeter um Zentimeter weiter von Elrohirs Seite weg. Der Elb umklammerte Aragorns Hand und hielt sie so fest wie möglich gepackt, doch dadurch war auch er nicht mehr so sicher gegen die Gewalt des Wassers.

„Lass mich los, mellon nin!", keuchte Aragorn, doch als er seinerseits den Griff zu lockern begann, fasste Elrohir nur noch entschlossener zu.

„Law! ( Nein! ) Das werde ich nicht tun, Estel." Elrohir musste schreien, um das Rauschen des Wassers zu übertönen.

Erneut brachen größere Gesteinsbrocken aus der Decke und Elrohir packte noch entschlossener zu. Er zog, mit der Kraft der Verzweiflung, noch stärker gegen die Naturgewalt des Wassers an, doch auch seine Kräfte neigten sich dem Ende.

„Bei den Valar...", entfuhr es Elrohir, der registrierte, was vor sich ging, als die Druckwelle über sie hinwegspülte, sie einen kurzen Moment unter sich begrub und sie gegen die raue Wand drückte. Einer der Brocken hatte die – anscheinend – hauchdünnen Bodenplatten zerschlagen und ein ebenso breites Loch hinein gehauen. Das Wasser schien sich aufzubäumen, bevor es sich wie ein Strudel den Weg durch das immense Loch suchte.

„Halt dich fest!", schrie Elrohir über die Wassermassen hinweg zu Aragorn, doch er selbst wurde bereits so stark von dem Sog umklammert, dass er mitgezogen wurde. Der Elb stemmte sich mit aller Kraft dagegen und versuchte immer wieder, einen der Felsvorsprünge in den Wänden zu fassen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Nur zu oft begrub das Wasser ihn unter sich – Estel hatte er nun vollends aus den Augen verloren, doch er ahnte, dass es ihm nicht anders erging.

Aragorn griff nach einem Felsvorsprung und hielt sich an den kantigen Steinen fest, rutschte jedoch immer wieder ab. ‚Wenn wir es nicht schaffen, dann werden wir mit dem Wasser mit gerissen, und wer weiß in welchen Abgrund wir dann stürzen…' Wieder wurde er unter Wasser gezogen, diesmal so lange, dass er gierig nach Luft schnappte, als er die Oberfläche wieder durchbrach. Er versuchte, so viel Luft wie möglich wieder in seine Lungen zu ziehen und suchte dabei wieder die Felswände ab. Am Rande seines Blickfeldes sah er Elrohir, der dem dunklem Schlund im Boden schon gefährlich nahe gekommen war…

Elrohir sah nur die Dunkelheit, die ihn jeden Augenblick zusammen mit dem Wasser verschlingen würde, als er im letzten Augenblick von einer Hand an der Tunika gepackt wurde.

„Lass das keinen anderen Elben sehen... du wärest der größte Tollpatsch Elrohir...", brachte Aragorn heiser und stoßweise hervor, während er beobachtete, wie der Wasserpegel stetig sank. Er konnte gar nicht ausdrücken, wie erleichtert er war, dass sie nun nicht mehr Gefahr liefen, zu ertrinken. Nicht mehr lange, und er hätte nicht mehr die nötige Kraft aufgebracht, um sich zu halten. Elrohir gerade noch zu packen, war schon fast darüber hinausgegangen.

Sicher hatten die Ereignisse nur Minuten gedauert, doch ihm kam es vor, als habe er Stunden gegen das Element und den Tod angekämpft. Er wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es ihm ergangen wäre, wenn der Elb nicht zuvor einen Teil seiner Kraft an ihn weiter gegeben hätte. In Elrohirs Blick las er die gleichen Empfindungen und sie brauchten keine Worte, um ihre Erleichterung auszudrücken.

Bald schon umspielte das Wasser nur noch ihre Füße – die neu eintretenden Massen, die wie ein Wasserfall an der Wand hinunter strömten, flossen beinahe direkte durch das Loch im Boden der Höhlen weiter unten ab.

„Das wird wohl auch unsere einzige Chance sein, aus diesen Gemäuern zu entkommen...", murmelte Elrohir und näherte sich vorsichtig dem Riss im Boden. Das Wasser zerrte ihn nicht mehr, es umspielte mehr seine Füße und das Wasser, das von der anderen Seite hinunter strömte, traf ihn nicht. Vorsichtig kniete er sich hin und sah über den Rand.

„Sei vorsichtig Elrohir...", warnte Aragorn ihn, doch der Elb ließ sich nicht beirren. Er beugte sich weiter nach vorne und versuchte in den höhlenartigen Raum unter sich zu blicken. Mit einem Male sprang er zurück und fing sich nach Luft ringend mit seinen Händen ab.

„Was ist?", fragte Aragorn, der sich von der Wand weg bewegt hatte und auf seinen Ziehbruder zukam. Ein leichter Schwindel hielt den Menschen immer noch gepackt, doch er bemühte sich gegen ihn anzukämpfen. Elrohir sah ihn an, als hätte er einen der Valar persönlich gesehen. „Der Drache...", murmelte er und sah Aragorn an.

„Du meinst...?"

„Ja!", erwiderte Elrohir heftig und er beugte sich abermals zu dem Loch hin. Wenn der Drache da unten war, musste Legolas auch dort sein – wenn er ihn denn erreicht hatte. Es würde nicht gefährlich sein, sich zu erkennen zu geben, wenn er nach dem Freund rufen würde. Ob sie hier weiter in ihrem Gefängnis hocken würden, oder ein paar Stockwerke tiefer... Er legte die Hände trichterförmig vor seinen Mund und rief nach dem silberhaarigen Elben. Aragorn beugte sich neben ihn und spähte erwartungsvoll hinab...

Das Wasser hatte bereits einen flachen Film über den Boden gebreitet. Das Loch in der Decke war groß, es bröckelte stellenweise immer noch weiter ab, doch das einströmende Wasser war nicht bedrohlich gewesen. Die Massen die plötzlich eingeströmt waren, hatten sich ihren Weg durch einen der abführenden Schächte gesucht und die Freunde unversehrt gelassen.

„Dort ist also ein Ausgang...", schlussfolgerte Gimli, als er dem ausströmenden Wasser nachsah. „Jetzt müssen wir ja nur noch-..."

„SCHH!", kam es auf einmal von Tanhis, die ihn unterbrach. „Hört ihr das?"

Die beiden Elben sahen sie an und lauschten anschließend in das Rauschen des Wassers hinein. Elladan hatte die Augen geschlossen und versuchte sich bestmöglich zu konzentrieren. Plötzlich umspielte ein Lächeln seine Mundwinkel und als er die Augen wieder aufschlug, blickte er geradewegs zu dem Loch in der Decke. „Elrohir!", rief er und sah zu seinen Freunden. „Elrohir ist dort! Ich fühle es! Wir müssen hin!"

Saradas bewegte sich bereits, noch bevor Legolas seine Gedanken auf ihn richten konnte und trottete zu dem Einriss in der Decke. Er stellte sich längs zu der Öffnung, so dass das Wasser sie nicht berührte, die Freunde aber nach oben blicken konnten. Und dort sahen sie auch die zwei Freunde.

„Aragorn! Elrohir! Ihr beide!", rief Legolas und ihm war die Freude und Erleichterung sichtlich anzusehen.

„Ihr müsst runterkommen!", rief Elladan und sah sich um. „Es ist nur die Frage wie..."

Saradas grummelte auf einmal und bewegte sich wieder. Er stellte sich so unter das Loch in der Decke, dass die Freunde auf seinem Rücken Acht geben mussten, nicht vollkommen durchnässt zu werden. Der Drache reckte seinen Hals und hob seinen Kopf empor. Mit seinen Vorderpranken stütze er sich auf einigen heruntergefallenen Felsen ab, so dass er noch ein wenig höher stand.

„Saradas!", rief Legolas und musste beinahe lachen. „Aragorn! Elrohir! Er will, dass ihr auf seinen Kopf steigt und zu uns klettert!"

„Er will WAS?" Aragorn sah ihn entgeistert an. „Legolas mein Lieber, die langen Gefangenschaften unter der Erde scheinen dir nicht gut zu bekommen!"

„Von mir aus könnt ihr auch da oben hocken bleiben und warten bis Haldur wieder kommt!", mischte sich Gimli ein. „Jetzt macht schnell, ich glaube nicht, dass er euch seinen Kopf als Fußabtritt noch ewig hinhalten wird!"

Aragorn sah unsicher zu Elrohir, der Saradas seinerseits skeptisch anblickte. Er sah zu seinem menschlichen Bruder und zuckte mit den Schultern. „Was haben wir zu verlieren?" Mit diesen Worten schwang er seine Beine über die Kante und stellte sich sacht auf die Schnauze des Drachen. „Jetzt bitte schön still halten...", murmelte er und tarierte sein Gleichgewicht aus. Er bückte sich und strich sanft über die Schuppen. Das Gefühl der Hornhautplatten unter seinen Fingern ließ einen Schauer durch seinen Körper jagen. Langsam tastete er sich weiter voran und begann den Hals vorsichtig hinunter zu rutschen.

„Du hast es gleich geschafft...", sagte Tanhis, jedoch mehr um sich selbst zu beruhigen. Das würde ihnen keiner glauben!

Elrohir konzentrierte sich darauf nicht abzurutschen und war mit einem letzten Zug bei den vier anderen! Mit einem befreiten Seufzer fiel er Legolas in die Arme, der zuvorderst saß und ihn auffing. „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist!", sagte Legolas, ließ seinen Blick aber prüfend über den Körper des Elben wandern.

„Schau nicht so...", erwiderte dieser. „Ich sehe nicht schlimmer aus als du!"

„Wo du recht hast...", erwiderte Elladan und schloss seinen Bruder ebenfalls in die Arme, bevor sie sich wieder Aragorn zuwandten, der seine Beine bereits ebenfalls über den Rand der Decke geschwungen hatte.

„Es ist leichter als gedacht Estel!", rief Elrohir, woraufhin Aragorn nur mit der Hand abwinkte und sich weiter darauf konzentrierte den Drachen nicht mit seinen Schuhen zu traktieren. Saradas hielt still und schnaubte lediglich durch seine Nase, wenn der Mensch eine empfindliche Stelle berührte. Aragorn spürte, wie er vor Konzentration zu Schwitzen begann – oder war es noch ein wenig Restfieber? Er war ebenfalls am Hals angekommen und versuchte ihn auch mehr oder weniger hinab zu rutschen, als er eine vom Wasser nasse Stelle erwischte und abrutschte. Der lange Kampf gegen das Wasser zeigte nun seine Nachwirkungen, denn er fand so rasch keinen neuen Halt und mit einem erschrockenen Schrei fiel er ins Leere. Gimli und die Elben schrieen ebenfalls erschrocken auf, als sie sahen, dass Aragorn stürzte.

Dieser machte sich schon auf den Aufprall gefasst, als er plötzlich mit einem Ruck in der Luft hängen blieb. Er öffnete seine geschlossenen Augen und blinzelte empor. Was er sah, wollte er beinahe gar nicht glauben: Der Drache hatte ihn mit dem Maul an seiner Tunika gepackt und streckte seinen Hals zur Seite, so dass er zu den anderen klettern konnte. Elrohir und Elladan angelten ihn mehr, als dass er sich selbst bewegte. Der Mensch war sichtlich verwirrt...

„Aragorn... atmen!", lachte Gimli und weidete sich an dem Gesichtsausdruck des Menschen.

„Geht es dir gut?", fragte Legolas leise und sorgte dafür, dass der Mensch endgültig aus seiner Starre erwachte.
„Ja..." Aragorn schüttelte noch einmal den Kopf und sah zu Saradas, der die Freunde seinerseits beobachtete. „Ja... mir geht's gut! Aber erst richtig, wenn wir endlich hier heraus kommen. Haldur wird es uns sicher nicht so leicht machen."
Elrohir grinste. „Das glaube ich auch! Bei dem Lärm den unsere „Retter" hier veranstalten, wird ihm unsere Flucht wohl kaum verborgen bleiben."

Das Vorhaben der Flucht erwies sich jedoch als schwieriger, als es sich die Gefährten gedacht hatten, denn noch immer saßen sie in der Höhle fest, die sich unter Aragorns und Elrohirs Verließ befunden hatte. Dem Drachen war deutlich anzumerken, dass ihn dieser Umstand ebenso wütend machte, wie seine bisherige Gefangenschaft, denn Legolas, immer noch mit dem Drachen gedanklich verbunden, schwankte unter dem Druck all dieser Gefühlsregungen, die ihn zu überwältigen drohten. Doch auch dieses Mal bemerkte Saradas, was er Legolas für Schmerzen verursachte und schirmte seine Empfindungen soweit wie möglich ab, um den Elben nicht in Gefahr zu bringen.

So glitten Elladan, Tanhis, Aragorn und Legolas schließlich vom Rücken des Drachen hinab und begannen, die Höhle weiter zu erforschen. Es musste schließlich einen Ausweg geben, denn irgendwie war es Haldur ja auch gelungen, das riesige Tier in diese Höhle hinein zu schaffen. Es musste einen verborgenen Eingang oder Tunnel geben, dessen war sich ihre kleine Gruppe sicher.

Elrohir hatte vom Rücken des Drachen aus - Tanhis' Bogen gespannt in der Hand - einen guten Überblick über das Gewölbe und behielt zusammen mit Gimli die Eingänge im Auge, durch die einige der Orks geflüchtet waren. Sie wollten nicht durch eine Schar von ihnen überrascht werden, während sie getrennt die Höhle absuchten.

Tanhis hatte sich weiter in den Teil der Höhle vorgewagt, der nicht durch Fackeln erhellt wurde. Ihre Augen erfassten in der Dunkelheit einen Durchlass, der gerade eben reichen könnte, um den Drachen hindurch zu bringen. Dahinter konnte sie einen schwachen Schimmer ausmachen und nachdem sie weiter darauf zu schritt, sah sie, dass ein kurzer Tunnel sich hinter dem Durchlass in einer engen Kurve wand, der sie in eine weitere Höhle führte. Staunend blickte sie zur Decke empor, die sich so hoch oben befand, dass selbst ihre Elbenaugen sie nicht klar erkennen konnten. Mit dem Grund erging es ihr nicht besser, denn gute sechs Schritt von ihrem Standpunkt aus, viel der Weg abrupt steil in Tiefe ab. An der Höhlenwand entlang, konnte man diesem Weg jedoch folgen und an einigen Stellen mündeten weitere Tunnelöffnungen auf ihn.

Was ihr jedoch gänzlich die Sprache verschlug, war die Ursache für den schwachen Schimmer. Über die Wände der Höhle hinweg, bis tief in die Schlucht hinein, funkelten Edelsteine in allen erdenklichen Blau -, Lila - und Grüntönen. Einige fast so groß, wie die ausgestreckten Hände eines Mannes, andere so klein wie feine Knospen an Frühlingsbäumen. Um sie herum funkelte und strahlte es, als blicke sie den sternenklaren Nachthimmel an. Eben so unendlich erschien ihr diese Höhle und sie war sich sicher, das Saradas hier mit Leichtigkeit nicht nur seine Schwingen spreizen könnte, sonder auch einige Flügelschläge tun und in der riesigen Halle fliegen könnte.

Fast vergaß sie, warum sie hier stand, doch Legolas' Ruf riss sie aus ihren Träumen und sie eilte den Weg zurück, den sie gekommen war. Als sie in den Schein der Fackeln zurückkam, konnte sie in Legolas' Gesicht die gleiche Erleichterung sehen, die sie empfand, seit sie ihn wieder in ihre Arme geschlossen hatte. Aber die Erleichterung wich von Legolas' Zügen und wandelte sich in offene Sorge, für die Tanhis auch ohne Nachfragen zu müssen, die Ursache sah.
Orks stürmten in die Halle, gerade genug, um ihre kleine Gruppe ausreichend zu bedrängen und sie weiter auseinander zu treiben. Gimli und Aragorn waren bereits von Elladan und Legolas abgeschnitten worden und Tanhis selbst hatte nur noch ihr Krummschwert, um sich zu den beiden Elben durchzukämpfen.

Legolas begann auch gleich seine Bemühungen zu verstärken, sich weiter in ihre Richtung zu bewegen, doch noch bevor er sie erreicht hatte, fegte plötzlich Saradas' Schwanz die Orks zur Seite, die noch zwischen ihnen standen. Die Wucht des Schlages schmetterte sie gegen die Höhlenwand und nur noch einer von ihnen zuckte schwach, bevor auch er tot in sich zusammen sank.

Tanhis sah zu dem Drachen empor, den Blick ungläubig auf dessen grüne Augen gerichtet. Sie hätte schwören können, dass darin ein belustigtes Funkeln lag, begleitet durch ein zustimmendes Nicken. Saradas hatte ihr geholfen – nicht nur seine Wut über die Gefangennahme trieb ihn dazu, diese häßlichen, gefährlichen Kreaturen zu bekämpfen! Der Drache unterschied ganz eindeutig auch zwischen Freund und Feind und half ihnen, so gut er dies in diesem für ihn niedrigen Gewölbe vermochte. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen und sie empfand eine plötzliche Zuneigung zu diesem einzigartigen Wesen, aber auch Mitleid, denn sie mußte bei dessen Anblick auch daran denken, dass Saradas wahrscheinlich der Letzte seiner Art war.

Tanhis verdrängte den traurigen Gedanken und eilte an Legolas' Seite, sich weiterhin gegen die Orks zur Wehr setzend. Der Strom der Angreifer riss nicht ab und für jeden getöteten Ork rannten gleich zwei neue in die Höhle, sodass bald immer weniger Bewegungsfreiheit für ihre Verteidigung blieb. Saradas verschaffte ihnen aber immer wieder einen Vorteil, indem er zur rechten Zeit seine Kräfte einsetzte und in einer solchen Verschnaufpause berichtete Tanhis in knappen Worten, was sie im Hinteren des Gewölbes entdeckt hatte. Ihre Worte waren gerade verklungen, als Saradas ein freudiges Knurren ausstieß – durch Legolas hatte auch er verstanden, dass dies seine Freiheit bedeutete.

Vor Legolas' innerem Auge sah er, wie der Drache endlich seine Flügel spreizen konnte und sich wieder in die Lüfte erhob, wurde von dem Gefühl der Freude beinahe überwältigt und doch genoss er diese Empfindungen, denn es war auch sein größter Wunsch, dass Saradas endlich wieder in Freiheit war.

Rasch löste er jedoch die Intensität der Verbindung und verschaffte sich einen Überblick über die Kämpfe seiner Verbündeten und schlagartig lief es ihm eisig kalt den Rücken herunter. Gerade in diesem Moment trat Haldur durch einen der Tunnel in die Halle.

Aragorn wehrte verbissen die Schwertschläge der angreifenden Orks ab und wich weiteren aus, die teilweise nur um Haaresbreite seine Brust oder gar seinen Kopf verfehlten. Dabei musste er zusätzlich darauf achten, dass er die Rückendeckung von Gimli nicht preisgab. Der Zwerg und er hatten es schon immer verstanden, sich im Kampf gegenseitig zu schützen und obwohl der Freund kleiner war, konnte sich Aragorn keinen besseren Partner an seiner Seite vorstellen. Die Axt von Gimli schwang todbringend und präzise durch die Reihen der Feinde, begleitet durch wilde Flüche und Beschimpfungen. Die Zunge des Zwergs war ohne Zweifel ebenso scharf wie dessen Waffe.

Eine plötzliche Gewissheit lenkte den Menschen so überraschend von seinem Gegner ab, dass er dem nächsten Schlag nicht schnell genug ausweichen konnte und ein brennender Schmerz zog sich über seinen Oberarm, wo die Orkklinge in seine Haut schnitt. Der Schmerz holte ihn jedoch aus seiner Starre und er warf sich so schnell seinem Opfer entgegen, dass dieses nicht mehr reagieren konnte und von der Klinge durchbohrt wurde.

Aragorn hatte Mühe, sein Schwert aus dem Körper herauszuziehen und als es ihm schließlich gelang, taumelte er einige Schritte, weil sie so plötzlich nachgab. Er fuhr sich erschöpft mit dem Handrücken über die Stirn und wunderte sich nur kurz, dass ihm der Schweiß nicht an den Schläfen entlang lief. Ihm war vom Kämpfen so heiß, dass dies eigentlich der Fall hätte sein müssen, doch sein Gesicht war trocken – und heiß. Er sah sich nach Gimli um und wurde sich bewusst, dass der Zwerg ihn inzwischen völlig deckte. Er selbst stand in einer kleinen Nische, nahe einem der Tunnel und Gimli hielt einige Orks davon ab, zu ihm vorzudringen. Entschlossen wischte er kurz die Klinge an einem seiner gefallenen Opfer ab und wollte sich gerade wieder an Gimlis Seite begeben, als seine Gewissheit bestätigt wurde und sein Blick auf Haldur fiel.

Der Elb stand unbeweglich mitten unter den kämpfenden Orks und fixierte ihn mit einem berechnenden Ausdruck in den Augen. Seine Erscheinung war tadellos, die Tunika und die Beinlinge ohne den geringsten Blut – oder Schmutzfleck, die Lederstiefel glänzend poliert. Sein Umhang hing unbeweglich von den breiten Schultern und in seiner Hand hielt er Anduril, dessen Klinge im Schein der Fackeln golden leuchtete.

Eine stumme Geste hielt die angreifenden Orks zurück und dann löste er sich so plötzlich aus seiner Regungslosigkeit, dass Gimli nicht rechtzeitig reagieren konnte. Als der Zwerg noch die Axt zur Abwehr hochriss, brachte ihn ein Schlag mit der Breitseite des Königsschwertes aus dem Gleichgewicht und dann ließ Haldur den Knauf so fest auf den Kopf des Zwergs herunterschnellen, dass dieser mit einem lauten Stöhnen in sich zusammen sank.

Haldur hatte die Lippen zu einem Lächeln verzogen und machte einen verächtlichen Schritt über die kleinere Gestalt am Boden.

„Nun kommt es nur noch auf dich an – ESTEL! Deine Freunde können dir nicht mehr helfen!"

Erst als sich Aragorn von der Felswand abstieß, merkte er, dass er sich erschöpft dagegen gelehnt hatte und einen Augenblick lang war er sich nicht sicher, ob seine Beine ihn tragen würden. Hastig blickte er zu der Stelle hinüber, an der die Elben kämpften und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder seinem Gegenüber zu. Es dauerte einen Herzschlag lang, bis er ihn klar erfassen konnte und die tanzenden Schatten aus seinem Blick verschwanden, gerade rechtzeitig, um sein Schwert zu heben.

Klirrend trafen sich die Schneiden und durchbrachen die Stille im Gewölbe. Jedenfalls empfand Aragorn das so. Seine Ohren nahmen nur die Geräusche wahr, die ihre beiden Klingen verursachten, alles andere war abgedämpft und verschwommen, so, als käme es aus unglaublich weiter Entfernung. Seine Arme zitterten ob der Anstrengung, mit der er Haldur begegnete, aber seine Kräfte ließen ihn schon nach wenigen Angriffen im Stich. Eine rasche Drehung mit Anduril wand ihm das eigene Schwert aus dem schwachen Griff und es fiel vor Haldurs Füße.

„Das ist ja fast schon zu einfach! Ich hatte mich so darauf gefreut, etwas mit dir zu spielen." Sein Lachen hallte durch die hohen Gewölbe und schnitt beinahe körperlich in Aragorns Seele. Der Mensch wollte einen Schritt zurück weichen, doch genau in diesem Augenblick versagten ihm seine Beine den Dienst und er stürzte.

Anduril berührte seine Wange und kühlte sie angenehm, doch er war sich auch ihrer tödlichen Schärfe bewusst.

„DAS ist das einzige, was ich nie an dir beneidet habe!", spottete Haldur. „Deine menschliche Schwäche! Du siehst nicht gut aus, mein Lieber."

Wieder erklang sein schauerliches Lachen. Aragorn schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet an die Valar, dass sie gnädig sein mochten und ihm einen raschen Tod breiten sollten, doch abrupt verstarb das Gelächter und wurde von einen neuen, nicht weniger Angsteinflößendem Geräusch abgelöst.

Als er die Augen aufschlug sah er gerade noch, wie Saradas' gewaltiger Schwanz gegen die Felswand neben ihm einschlug, bevor sie erneut ausholte und die Decke zertrümmerte. Wieder grollte die Erde und die Erschütterung brach Steinbrocken aus dem Gewölbe. Wieder schlug der Drache zu und dann stürzte um Aragorn herum alles ein und begrub den Tunneleingang und die sich dort befindlichen Orks.

Estel sammelte seine letzte Kraft, warf sich ohne nachzudenken auf Gimlis zusammengekrümmte Gestalt und spürte nur noch einen harten Schlag in seinem Rücken, dann umgab ihn das Nichts.

Er erwachte nur langsam - als erstes konnte er hören, dass neben ihm jemand leise beschwörende Worte murmelte und dann strich ihm eine leichte, kühle Berührung über Stirn und Schläfen. Dann überwältigte ihn Schmerz und Schwäche und er wünschte sich, dass die erlösende Dunkelheit ihn wieder umfing, doch diese tat ihm den Gefallen nicht, stattdessen wurde seine Wahrnehmung noch intensiver und er konnte die Stimme als Elladans identifizieren.

„Estel! Meine Schwester wird mich umbringen, wenn ich dich ihr nicht heil zurück bringe! Und mein Vater wird das, was sie von mir übrig lässt, dann für den Rest meines Lebens hinter die Bücher klemmen, damit ich das Heilen noch besser erlerne!"

Wieder berührte ihn ein feuchtes Tuch, diesmal jedoch um einiges energischer und mit einem mühsamen Atemzug schlug er die Augen auf. Auf Elladans Gesicht zeigte sich Erleichterung, jedoch nur für einen kurzen Moment, dann setzte er eine ernste Mine auf.

„Solltest du uns noch einmal solche Angst einjagen, dann werde ich dir persönlich den letzten Dolchstoß zwischen die Rippen geben!" Mit diesen Worten klatschte er den Lappen auf den steinigen Boden und erhob sich, ohne ihm einen weiteren Blickes zu würdigen.

An seiner statt nahm Tanhis neben ihm platz lächelte ihn freundlich an, doch ihre Augen hatten einen feuchten Glanz und ihre Nasenspitze war leicht gerötet.

„Er meint es nicht so! Er versucht nur seine Erleichterung zu verbergen. Wir dachten schon, du würdest nicht mehr erwachen, bis wir den Düsterwald erreichen! Und es ist nicht gerade leicht, dich auf einem fliegendem Drachen festzuhalten!"

Die Verwirrung nahm bei ihren Worten erst zu, bevor dann endlich langsam alle Erinnerungen zu einem vollständigen Bild zusammen gefügt wurden.

„Wo…? Und wie lange war ich…? Gimli?"

„Es geht ihm gut, auch wenn er über einen Brummschädel jammert! Wir sind jetzt ungefähr einen Tag vor dem Düsterwald – den ein Drache fliegt! Mit dem Pferd würden wir noch gute drei Tage benötigen! Du warst zwei Tage nicht bei dir!"

„Zwei Tage." Diese Feststellung erschütterte ihn mehr, als er zugeben konnte. Was war nur alles geschehen, nachdem er das Bewußtsein verloren hatte? Wie waren sie aus Haldurs Festung entkommen? Waren alle Freunde wohlauf? Und Haldur! Was war mit ihm geschehen?

Eine weitere, allerdings verschwommene Erinnerung schrammte am Rand seines Verstandes entlang, aber es gelang ihm nicht, sie zu fassen. Er bemühte sich weiter, denn etwas sagte ihm, dass dies sehr wichtig war, doch das Einzige was ihm seine Versuche einbrachten, waren hämmernde Kopfschmerzen. Schließlich gab er es widerwillig auf und bemühte sich um eine sitzende Position.

Ihr Lager war in einer Senke aufgeschlagen, von einer Seite durch niedrige Felsen geschützt und in deren Mitte prasselte ein wärmendes Feuer, um das er die vier Umrisse seiner Gefährten ausmachen konnte – und den riesigen Schatten des Drachen, der die Senke von dieser Seite vor dem kalten Wind schützte. Gleich neben Aragorn knisterte ein weiteres, kleines Feuer und daneben stand eine kleine Tonschüssel die mit Wasser gefüllt war. Mehrere Decken rutschten hinab, als er sich hinsetzte und beschämt stellte er fest, dass wohl alle Freunde ihre eigenen Decken für sein Schlaflager geopfert hatten und Tanhis begann auch gleich, sie wieder um ihn herum fest zu ziehen. Er wollte schon deswegen protestieren, aber als er wieder zu Tanhis aufschaute, brachte er es nicht über die Lippen. Seine Freunde hatten sicherlich viele Mühen gehabt, ihn hierher zu bringen und sie nun wegen ihrer Fürsorge zu kritisieren schien ihm nicht recht. So nickte er nur dankbar, als die Elbe damit fertig war die Decken zu Recht zu zupfen.

„Was ist geschehen?", fragte er stattdessen und sank wieder etwas tiefer auf das Lager nieder.

„Ich erinnere mich nur noch daran, dass der Drache …". Er schloss kurz die Augen, um sich wieder alles klarer ins Gedächtnis zu rufen und hielt dabei seinen Kopf in den Händen geborgen.

„Saradas hat uns gerettet! Er hat fast alle Orks mit einigen Schlägen seines Schwanzes vernichtet, aber dabei auch leider die ganze Festung zum Einsturz gebracht. Wir haben dich und Gimli gerade zu ihm auf den Rücken ziehen können, bevor die Decke ganz nachgab und dann sind wir durch das Hintere der Höhle entkommen." Tanhis berichtete ausführlich von der glitzernden Höhle, die sie entdeckt hatte und von dem unbeschreiblichen Gefühl, von dem Drachen durch die Lüfte getragen zu werden. Die Gemeinschaft hatte aus sicherer Entfernung zugesehen, wie die gewaltige Steinburg gefallen war und sich dann sofort auf den Rückweg gemacht.

„Keiner der Orks konnte entkommen, dazu blieb ihnen einfach keine Zeit.", schloss sie ihren Bericht und begegnete seinem Blick nicht ohne Stolz. Aragorn spürte dennoch ein nagendes Gefühl in seinem Magen, dass nicht dem Hunger zuzuschreiben war.

Tanhis hatte Haldur nicht mit einem Wort erwähnt! Was war mit ihm geschehen? Hatten sie gesehen, wie er von den Steinen erschlagen oder verschüttet worden war?

Er brauchte einfach Gewissheit darüber, was mit ihm geschehen war, sonst würde er keine Ruhe finden.

„Und Haldur? Was ist mit ihm geschehen? Hast du… Habt ihr gesehen, was mit ihm geschehen ist? Er stand nur wenige Schritte von mir entfernt."

Tanhis Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an, aber sie machte keine Anstalten, seine Frage zu beantworten. Er wollte sie schon nach dem Grund dafür fragen, als sein Blick auf einen Schatten fiel, der ihm bisher entgangen war und sein Einwand erstarb ihm auf den Lippen.

Tanhis sah den Unglauben in seinem Blick und mit einem Lächeln richtete sie das Wort an die Freundin, die nun an die Lagerstelle ihres Gemahls herantrat.

„Er ist erst vor wenigen Minuten aufgewacht, Arwen. Und ich glaube, er kann die Kräuter jetzt wirklich gebrauchen, die du gesucht hast!"

Sie kam geschmeidig auf die Füße, tätschelte beruhigend seine Hand und entfernte sich mit weit ausschweifenden Schritten.

Aragorn fand sich mit Arwen alleine wieder und an ihrem Gesicht konnte er absehen, dass es wohl das Beste war, vorerst zu schweigen. Das Reden übernahm dann auch gleich sie.

„Du solltest nicht nur um Legolas' Willen auf dich acht geben, sondern auch um unseren Willen! Ich hätte mir ja gleich denken können, dass du wieder ohne Rücksicht auf dich selbst losstürmst und dich in Schwierigkeiten bringst! Was glaubst du, hätte es Legolas genützt, wenn er zwar befreit worden wäre, dafür aber seinen besten Freund verloren hätte? Kannst du nicht ein einziges Mal auf der Hut sein? Ganz zu schweigen von der Tatsache…"

Sie schimpfte ununterbrochen weiter und fuhr ihm bei jedem Einwand über den Mund, sodass er nicht den leisesten Hauch einer Chance hatte, ihr zu Widersprechen. Seine Stimmung änderte sich dabei von der Verblüffung, sie hier zu sehen, zu Freude, Scham und dann aber zu einer ungeheuren Wut, der er dann auch schließlich freien Lauf ließ.

Energisch schlug er die Decken zur Seite und kam auf die Beine, wobei er zu verbergen suchte, wie schwer ihm das viel.

„Du musst gerade von Leichtsinn reden! Alleine Loszureiten ohne zu wissen, was dich erwarten könnte! Orks wären noch das Geringste gewesen, was dir hätte passieren können! Wenn Haldur dich erwischt hätte! Ich hätte nicht übel Lust, dich wie ein kleines Kind über das Knie zu legen! Was glaubst du eigentlich, wird dein Vater sagen, wenn…"

Weiter kam er nicht, denn er fand sich plötzlich auf dem Boden wieder und der Himmel drehte sich schwindelerregend schnell über ihm, sodass er die Augen schnell schloss.

„Sturkopf!", vernahm er Arwens Stimme, doch sie klang weich und zärtlich und ihre Finger strichen durch sein Haar, während ihre Lippen sich sacht auf die seinen drückten. „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt für Schuldzuweisungen! Was geschehen ist, ist geschehen und ich bin eine Närrin, dass ich dich in diesem Zustand auch noch herausfordere. Du brauchst Ruhe."

Widerstandslos ließ er sich von Arwen wieder in die Decken wickeln und er mußte zugeben, dass er nicht in der Lage war, sich weiter mit ihr auseinander zu setzen. Er fühlte sich schwach und müde, sein ganzer Körper schmerzte und bei jedem Luftzug fuhr ein Stich durch seine Brust. Arwen reichte ihm einen dampfenden Becher, den er mit zitternder Hand entgegen nahm und vorsichtig trank. Dabei lauschte er Arwen, die ihn nun berichtete, warum sie sich alleine auf die Suche nach ihnen gemacht hatte.

„Ich weiß, dass ich nicht alleine einfach los reiten sollte, aber mein Gefühl hat mich noch nie getrogen und es hat sich ja auch wieder einmal bestätigt! Als ich heute auf eure kleine Reisegesellschaft getroffen bin, kam ich gerade zur rechten Zeit. Es kommt einem Wunder gleich, dass du endlich wieder bei Bewußtsein bist! Dein Fieber war so hoch, dass ich mir fast die Finger an deinem Körper versenkt habe! Und das ist nicht das Einzige, was dir zu schaffen machen wird! Wie lange hast du in diesem feuchten Verließ gehockt? Und wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?"

„Du fängst schon wieder an.", brummte Aragorn verdrießlich und verzog das Gesicht, als er den letzten Schluck trank. Dieses Gebräu schmeckte bitter und hinterließ einen faden Geschmack auf seiner Zunge.

Mit einem zufriedenen Lächeln nahm Arwen ihm den Becher aus der Hand und drückte ihn auf das Lager nieder. „Jetzt wirst du jedenfalls nicht mehr lange die Gelegenheit haben dich wie ein schmollendes Kind aufzuführen! Das Schattenkraut wird schon dafür sorgen, dass du ordentlich schläfst!"

„Das hast du nicht getan!" Während ihm die Augen zu fielen, glitt ein Bild von den letzten Ereignissen des Kampfes durch seinen Kopf, aber dann viel er in einen tiefen, erholsamen Schlaf und alles verblasste.

Legolas sah gegen das flackernde Licht des Feuers die schwachen Umrisse dunkler Schatten, die er jedoch eindeutig Arwen und Aragorn zuordnen konnte. Es war ihm eine ungeheure Last von den Schultern gefallen, als Elladan ihm vor wenigen Minuten mitgeteilt hatte, das der Freund endlich wieder zu Bewußtsein gekommen war. Nur zu gerne wäre er jetzt zu ihm herüber gegangen um mit ihm zu sprechen, aber er fühlte sich selbst immer noch schwach und zittrig, was er natürlich zu verbergen suchte.

Wenn er sich auf die Gefühle und Sinne von Saradas einließ, mit ihnen verschmolz, dann war dies eine unbeschreibliche Empfindung. Tatsächlich hatte er erst dann das Gefühl, richtig zu leben, denn alles schien klarer und intensiver! Der Mond oder ein kleines Feuer reichten aus, um alles so deutlich wie am Tage zu sehen und am Tag konnte er so weit blicken, dass ihm der Düsterwald fast zum Greifen nah erschien. Er hätte in diesem Zustand auf Tanhis deuten können, zielsicher in ihre Richtung blicken und sich gewiss sein können, ihr in die Augen blicken zu können, selbst wenn etliche Meilen zwischen ihnen lägen. Er hatte sie gespürt, als sie sich Haldurs Festung genähert hatte, aber diese neue Wahrnehmung nicht richtig deuten können. Jetzt zog er ihren betörenden Duft ein, als sie sich durch die Dunkelheit auf ihn zu bewegte. Fast schien es, als säße sie bereits neben ihm, so intensiv zog ihm ihr Geruch unter die Nase.

Aber jedes Mal, wenn er sich auf den Drachen einließ, war es auch ein heftiger Kampf, damit er nicht die Kontrolle über sein eigenes Selbst verlor. Es ließ sich in etwa damit vergleichen, dass man an einem Abgrund stand und ein heftiger Sturm versuchte, einen in die Tiefe zu reißen. Er musste sich regelrecht dagegen stemmen und der Versuchung widerstehen, zu viel dieser fantastischen Empfindungen und Erinnerungen in sich aufzunehmen.

Außerdem spürte er auch noch die körperlichen Verletzungen, nur noch schwach, dank seiner elbischen Abstammung, aber all dies zusammen genommen ließ ihn doch erleichtert Seufzen, als er sich entspannt und mit geschlossenen Augen gegen den Fels sinken ließ.

Tanhis ließ sich vor ihn nieder und er fühlte ihren Blick prüfend über sich wandern. Langsam und genießerisch zog er die Luft ein und nahm ihren Duft wahr. Der Duft, der am Morgen über einer taunassen Wiese lag, die gerade von der aufgehenden Sonne mit einem feinen Nebelschleier überzogen wurde. Und ihre Stimme war wie das dazugehörige Summen der Bienen, das Rauschen der Bäume und das Gezwitscher der Vögel.

„Du siehst müde aus - aber auch zufrieden."

„Warum sollte ich auch nicht zufrieden sein? Ich bin hier mit dir, die meisten meiner Freunde sind hier und Aragorn ist erwacht. Es wird vielleicht dauern, bis es ihm wieder richtig gut geht, aber er ich kenne ihn lange genug um zu wissen, das er es schaffen wird. Haldur ist tot, die feindlichen Truppen zerschlagen und wir sind fast zu Hause. Das ist alles, was ich mit erhofft hatte." Er schlug die Augen auf und lächelte sie an.

Tanhis' Gesicht bleib ernst. „Er hat nach Haldur gefragt, Legolas."

„Und? Was hast du ihm geantwortet?"

„Ich hatte keine Gelegenheit – den Valar sei Dank! Arwen ist jetzt bei ihm und sie kann er nicht fragen." Tanhis neigte den Kopf zur Seite, wie sie es immer tat, wenn sie über etwas nachdachte. „Ich habe sie nicht aus den Augen gelassen, Legolas, aber als die Decke einstürzte, habe ich Haldur nicht mehr entdecken können. Er ist einfach … aus meinem Blickfeld verschwunden."

Legolas ergriff ihre Hände und streichelte sie sanft. „Weil er von den Gesteinsbrocken verschüttet worden ist. Es war dunkel und der Staub erfüllte die Luft in der Halle. Dazu Saradas Schwanz, der dir zwischendurch die Sicht auf sie versperrte. Tanhis! Auch ich habe versucht, Aragorn und Gimli nicht aus den Augen zu verlieren, aber ich habe es auch nicht geschafft! Es ist alles gut ausgegangen. Wir sind hier – und niemand von uns ist zurück geblieben!"

Während seinen Worten waren ihr die Tränen in die Augen gestiegen und jetzt löste sich eine vom Rand ihres Lides und rollte ihre Wange hinab.

„Ich hatte solche Angst um euch! Du! Aragorn! Gimli! Wenn ich nur einen von euch verloren hätte…! Und Elladan! Er… Elrohir hätte…"

Sie schluchzte auf – unfähig, auch nur noch ein Wort heraus zu bringen und Legolas schloss sie sanft in die Arme. Sie musste wirklich eine ungeheure Angst ausgestanden haben, wenn sie so offen vor ihm und ihrem Gefährten weinte! Normalerweise setzte sie alles daran, als Mutig, Tapfer und genauso Hart wie ein Mann angesehen zu werden und während eines Kampfes schaffte sie dies auch. Aber wenn sie endlich zur Ruhe kam, sie die Geschehnisse zu verarbeiten begann, dann brachen all jene Gefühle an die Oberfläche durch, die sie aus Notwendigkeit zu Überleben ausblendete oder ignorierte.

„Scht. Es ist alles gut! Morgen werden wir sicher im Düsterwald eintreffen und nach einigen Tagen werden alle Schrecken und Ängste vergessen sein! Du wirst den Hobbits eine spannende Geschichte über unsere Abenteuer erzählen und sie werden dir ein Loch in den Bauch fragen. Danach wird dann Ruhe einkehren und schon am nächsten Tag werden wir wieder damit beschäftigt sein, uns über die Sitzordnung am Ehrentisch mit meinem Vater zu streiten!"

Tanhis lachte auf, aber das Lachen endete in einem unterdrückten Schluchzer. Legolas zog sie noch näher an sich heran und war froh, dass ihr Körper ebenso zitterte wie seiner, sodass sie seine eigene aufgestaute Angst nicht wahrnehmen konnte.