9. Kapitel
Berechtigte Zweifel?
Gandalf saß auf einen gemütlichen Lehnstuhl gegenüber dem Feuer und ließ Aragorn nicht aus den Augen, der immer wieder die gleiche Runde durch den natürlich gewachsenen Raum drehte und dabei die Augen konzentriert zusammenkniff. Hin und wieder blieb er stehen, massierte sich mit einer Hand die Schläfen, oder nahm wahllos ein Buch oder einen anderen Gegenstand in die Hand, nur um ihn dann wieder unbetrachtet zurück an seinen Platz zu legen.
Gandalf seufzte und hob herausfordernd die Augenbrauen.
„Wann wirst du diese Grübeleien endlich aufgeben und endlich glauben, was offensichtlich ist, mein Freund? Haldur ist tot, daran gibt es nicht den leisesten Zweifel! Kein Ork hat den Einsturz überlebt und ich selbst habe mir dort alles gemeinsam mit Elrond angesehen und nicht den kleinsten Hinweis darauf gefunden, dass sonst jemand entkommen ist! Aragorn, dort wo einst dieser Palast gestanden hat, ist nichts mehr außer einem riesigen Haufen Felsbrocken!"
Aragorn war bei den Worten des Zauberers stehen geblieben und fuhr diesen nun wütend an.
„Das genügt mir nicht, Gandalf. Wir haben es schließlich auch noch geschafft zu entkommen und sage mir jetzt nicht wieder, dass wir ja auch den Drachen zur Hilfe hatten! Ich brauche einfach die Gewissheit und nicht nur Beteuerungen und Mutmaßungen. Außerdem fühle ich…"
„Du solltest deine Gefühle mehr auf dein Befinden richten, als auf irgendwelche Hirngespinste! Du bist immer noch nicht völlig gesund, aber obwohl du dich schonen solltest, dir Ruhe und Schlaf gönnen und die Zeit mit deinen Freunden genießen solltest, schlägst du dir die Nächte um die Ohren und verbringst den Tag damit, die Wachposten von Thranduil zu kontrollieren!
Du verlierst das wesentliche aus den Augen, mein Freund! Legolas und Tanhis werden morgen heiraten, aber sie können diesen Tag nicht genießen, wenn der Trauzeuge sich wie ein Narr verhält oder zu krank ist, um überhaupt an den Feierlichkeiten teilzunehmen."
Gandalf erhob sich und legte Aragorn eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme nahm einen versöhnlichen Ausdruck an.
„Aragorn. Ich kann nur ahnen, was Haldur dir alles angetan hat – als Kind und auch jetzt – aber lass nicht zu, dass er dich auch noch über seinen Tod hinaus quält."
Aragorn hielt dem eindringlichen Blick des alten Mannes stand und schluckte seine Erwiderung herunter. Zu einer anderen Zeit hätte er die Worte von Gandalf als weise empfunden. Ja, er hätte sie selber jedem gesagt, der sich in solch einer Situation befand, aber nach all dem, was geschehen war, konnte er seine Intuition nicht ignorieren. Er konnte beinahe die Bilder der Geschehnisse greifen, die bisher noch in der hintersten Ecke seines Erinnerungsvermögens verborgen lagen -aber eben nur beinahe. Er wußte, dass diese Erinnerungen wichtig waren, aber es war, als hätte man eine unsichtbare Mauer in seinem Inneren errichtet und diese vor ihm verschlossen.
Aber Gandalf hatte in ihm dennoch etwas ausgelöst, denn er konnte nicht umhin, voll Schuldbewusstsein an Legolas zu denken. Der Elb hatte ihm die Ehre erwiesen, ihn als Trauzeuge zu wählen und damit wieder einmal gezeigt, wie viel ihm ihre Freundschaft bedeutete. Und anstatt nun alles zu tun, um ihm zur Seite zu stehen, jagte er seinen Alpträumen hinterher.
Legolas konnte sicher seinen Beistand dringend gebrauchen, denn auch er hatte in den letzten Tagen und Wochen einiges durchgemacht, auch wenn er die körperlichen Schäden bereits wieder verwunden hatte. Eine Hochzeit vorzubereiten war immer mit viel Aufwand verbunden und zerrte auch unter normalen Umständen an den Nerven der Beteiligten, aber bei Legolas kamen noch erschwerende Punkte hinzu. Die Gefangenschaft, die Verbundenheit mit dem Drachen, ein Vater, der ständig seine eigenen Wünsche und Vorstellungen ignorierte und dann auch noch die Sorge um seinen Freund, der sich wirklich wie ein Narr aufführte!
Aragorn stieß in einem Schwall die Luft aus und zwang sich zu einem Lächeln.
„Scheint, als habe ich einiges völlig verdrängt! Nun gut, alter Freund. Haldur wird eben warten müssen, bis Legolas endlich mit seiner Tanhis verbunden ist. Ich verspreche dir, dass ich bis dahin Haldur nicht einmal mehr erwähnen werde."
„Das ist zwar nicht ganz das, was ich erreichen wollte", brummte der Zauberer „…aber es wird wohl vorerst genügen. Alles Weitere werden wir klären können, wenn die Feierlichkeiten vorüber sind." In Gedanken fügte er noch hinzu: ‚Bis dahin wirst du sicher selbst einsehen, dass ich recht hatte und du nur einem Hirngespinst hinterher jagst!'
Ein müdes Lächeln huschte über Aragorns Züge und er nickte Gandalf kurz zu, um seine Zustimmung zu zeigen. Doch auch wenn er nach außen hin versuchte einen beruhigten Eindruck zu erwecken, war die drängende Stimme in seinem Hinterkopf nicht völlig verstummt.
Gandalf wandte sich zur Türe und als Aragorn keine Anstalten machte ihm zu folgen, hob er fordernd die Hand. Der Mensch unterdrückte einen Seufzer und ließ sich dann widerstandslos von dem Zauberer aus dem Zimmer schieben. Gemeinsam gingen sie durch die langen Flure, die sich aus kunstvoll gewachsenen Blätterdächern gebildet hatten und mussten immer wieder ganzen Gruppen von Elben ausweichen, die geschäftig hin und her eilten, um noch die ein oder andere Aufgabe zu erledigen. Unzählige Gäste waren bereits erschienen, die alle bewirtet werden mussten, aber auch noch zu dieser späten Mittagsstunde trafen verspätete Gesandtschaften kleinerer Elbenvölker ein die dadurch wieder für Arbeit sorgten. Nicht nur Thranduils Palast platzte beinahe aus allen Nähten. Auf den Lichtungen waren Zelte errichtet worden, die sich wohlgeordnet um kleine Lagerplätze schlossen. Pferde waren auf extra angelegten Koppeln versammelt worden, oder standen in Verschlägen angebunden, wo sie mit Futter versorgt wurden. Und überall waren die Elben aus Düsterwald dabei, die Gäste zu bewirten und ihnen die Lager zuzuweisen.
Aragorn war sich sicher, dass er im ganzen Düsterwald kein ruhiges, einsames Plätzchen finden konnte, um dem ganzen Trubel zu entkommen, selbst wenn er sich darum bemühte! Aber das wäre Legolas gegenüber nicht fair gewesen, der sicherlich die gleichen Wünsche hegte, wenn er diesen Aufruhr erblickte.
Er ließ seinen Blick über die Menge in seiner Umgebung schweifen und spähte aufmerksam unter die ein oder andere tief heruntergezogene Kapuze. Dann wanderten seine Augen immer weiter durch die Menge, suchten die Schatten der Zelte ab und den Waldrand, bis er sich plötzlich bewusst wurde, was er da tat. Gandalfs Worte waren erst wenige Minuten zuvor gesprochen worden, doch sein Vorsatz hatte nicht einmal die Zeit bis jetzt überdauert. Am Liebsten würde er immer noch veranlassen, dass Suchtruppen ausgesandt wurden, die das Gebiet um die Festung ausgiebig absuchten und die Wachposten verstärken, aber er hatte nun einmal versprochen, wenigstens für die nächsten beiden Tage nicht mehr an eine mögliche Bedrohung zu denken. Vielleicht hatte Gandalf ja auch Recht und er brauchte einfach nur Ruhe, um das Geschehene zu verarbeiten. Und was wäre besser geeignet, um sich auf andere Gedanken zu bringen, als die Hochzeit seines besten Freundes?
Und als ob Legolas gewußt hatte, dass Aragorn gerade an ihn dachte, tauchte auch schon sein Gesicht in der Menge auf. Darauf standen seine Gefühle so deutlich geschrieben, das Aragorn sofort wieder sein Gewissen spürte. Er wirkte müde und angespannt und das Lächeln glich mehr einem versteinerten Grinsen, das er gezwungener Maßen aufgesetzt hatte.
Als er jedoch Aragorn erblickte hellten sich seine Züge umgehend auf und er ließ alle Gäste einfach stehen, die sich wie eine Traube an seine Fersen geheftet hatten, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln oder dem Bräutigam zu gratulieren.
Mit wenigen, eiligen Schritten war er bei ihnen angekommen, doch anstatt stehen zu bleiben, packte er Aragorns Arm und zog ihn mit sich, wobei er nur erklärend murrte:
„Komm rasch, mellon nin! Nur nicht stehen bleiben, sonst haben wir sofort wieder diese lästigen Hochzeitsgäste am Rockzipfel. Wenn ich das noch länger ertragen muss, drehe ich durch oder renne einfach weg!"
So bahnte er ihnen zielstrebig einen Weg durch die Menge, wobei er hin und wieder abrupt die Richtung änderte, wenn er einer Person ausweichen wollte, die ihn mit Sicherheit länger aufhalten wollte. Dafür hatte er wohl inzwischen ein feines Gespür entwickelt und er erklärte nur entschuldigend, dass Thranduil seine engsten Vertrauten ständig auf ihn ansetzten, um ihn in stundenlange Gespräche zu verwickeln, die sich um die Farbe von Wandbehängen, Gewänder oder Sitzordnungen drehten. Also nichts, was ihn wirklich besonders interessieren würde.
Aragorn schmunzelte vor sich hin, als er sich die entrüsteten Ausführungen von Legolas anhörte, erinnerten sie ihn doch zu sehr an seine eigenes Verhalten, als ihm diese ganzen Vorbereitungen nicht weniger Nerven gekostet hatten. Unweigerlich tauchten auch andere Erinnerungen auf, zum Beispiel Arwen, wie sie ihm lächelnd in die Augen sah und leise den elbischen Schwur ihrer Liebe wiederholte, den sie sich einst in Bruchtal geschworen hatten. Wie jung er doch damals gewesen war und doch hatte er ganz sicher gewußt, dass er nur sie liebte und bis ans Ende seines Lebens lieben würde.
Aber er war nicht der Einzige gewesen, der sein Herz an sie verloren hatte - Arwen war noch ein weiterer Grund dafür, dass Haldur ihn hasste. Bevor er Arwen damals erblickt hatte, und diese seine Zuneigung ihm gegenüber erwidert hatte, hatte Haldur Arwen bereits mehrere Jahre – wenn nicht gar Jahrhunderte – umworben. Und bevor Aragorn überhaupt nach Bruchtal gebracht worden war, war Haldur ein angesehener Elb gewesen, der zu Elronds engstem Gefolge gezählt hatte. Tatsache war, das Elrond sich immer gewünscht hatte, dass er und seine Tochter einmal den Bund miteinander eingehen würden und von ihm selbst als Schwiegersohn war er weniger begeistert gewesen. Aragorn hatte Jahre damit verbracht, sich in Elronds Augen als würdig zu erweisen und Haldur hatte natürlich auch diesbezüglich immer gegen ihn intrigiert. Nicht nur das! Er hatte Arwen bedrängt und ihr sogar nachgestellt – manchmal sogar bevormundet und bedroht. Für Aragorn war der Weg, weiß der Himmel, lang und beschwerlich gewesen!
Ihm wurde schlagartig bewusst, dass seine Gedanken wieder zu diesem Thema zurückgekehrt waren, aber diesmal spürte er einen eisigen Hauch, der seinen Rücken entlang kroch und in seinem Nacken meinte er einen bohrenden Blick zu spüren. Augenblicklich wirbelte er herum, aber es drängten sich so viele Elben und Menschen um sie, die ihnen hinterher sahen, dass er nicht wirklich sagen konnte, ob er seinen Sinnen trauen konnte.
Legolas war ebenfalls stehen geblieben, als er gemerkt hatte, dass Aragorn zurück geblieben war und sah diesen nun fragend an, dennoch hätte er nie auf eine Erklärung des Menschen bestanden. Er wußte, daß Aragorn schon immer ein schweigsamer Mann gewesen war und das hatte sich in den letzten Wochen noch verstärkt, aber er war sich sicher, dass der Freund ihm schon sagen würde was ihn bedrückte, wenn die Notwendigkeit dazu bestand. Darin vertraute er ihm ganz.
Allerdings wußte er nichts von dem Gespräch, das der König mit Gandalf geführt hatte und so schwieg Aragorn, auch wenn er sich gerne dem Elben anvertraut hätte.
Als Aragorn am nächsten Morgen aus dem Schlaf hochfuhr, fühlte er sich nicht besser als am Abend zuvor - oder besser gesagt als vor einigen Stunden. Er war erst spät in der Nacht zu Bett gekommen, denn es gab noch so viel mit Legolas zu besprechen, so viele Kleinigkeiten zu organisieren. Einiges hätte er davon nicht erledigen müssen, doch es war ihm ungerecht erschienen, dass er sich schon zurückzog, während der Freund noch keine Ruhe fand.
Doch auch die wenigen Stunden Schlaf hatten ihm keine Erholung gebracht, denn immer wieder war er beim kleinsten Geräusch hochgeschreckt und hatte nicht verhindern können, dass Haldur sich in seine Träume einschlich.
Arwen lag mit dem Rücken zu ihm noch im festen Schlaf und ihr Haar lag verwirrt auf ihrem Kissen. Versonnen ergriff er eine Strähne und ließ sie verspielt durch seine Finger gleiten. Immer noch erfüllte ihn eine wohlige Wärme, wenn er auch nur an sie dachte und er dankte den Valar dafür, dass sie ihm das Glück geschenkt hatten, Arwen für die Zeitspanne seines Lebens an seine Seite zu haben.
Da schoss plötzlich ein Bild in seine Gedanken hinein, dass ihn für einige Augenblicke erstarren ließ. Haldur, wie er ihm in der Höhle gegenüber stand, mit erhobenem Schwert in den Händen.
Ruckartig setzte er sich im Bett auf und bedeckte sein Gesicht einige Sekunden mit den Händen und fuhr dann durch sein Haar, doch die Erinnerung war so rasch verflogen, wie sie erschienen war. Er stand auf und griff zur Waschschüssel, die auf einem feinen Tisch bereit stand und genoß das kühle Nass, dass ihm wenigstens den Schlaf aus den Augen wusch, aber nicht im Mindesten die Wut auf sich selbst. Wieso konnte er sich nicht an die Geschehnisse erinnern, obwohl er spürte, dass dies wichtig war?
Arwen rührte sich auf ihrem Lager, räkelte sich verschlafen und öffnete lächelnd ihre Augen, als sie Aragorns Lippen sanft auf ihren spürte und dann einen geflüsterten Namen vernahm.
„Guten Morgen, Tinúviel."
„Wer seid ihr und warum ruft ihr mich mit diesem Namen?" entgegnete sie darauf und auch in ihr entstand das Bild ihrer ersten Zusammenkunft.
„Ich bin der Gemahl dieser Schönheit, die diesen Namen verdient hat!" entgegnete er nun seinerseits zärtlich und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Alter Schmeichler." Arwen gab ihm einen gespielten Schlag auf die Schulter und stemmte sich dann entschlossen in die Höhe. „Aber jetzt haben wir keine Zeit für Romantik, mein Gemahl! Während wir hier unsere Zeit vertrödeln, warten unsere Brautleute sicher schon händeringend auf den Beistand ihrer Trauzeugen!"
Aragorn seufzte, wandte sich dann aber seinen Kleidungsstücken zu, die jemand säuberlich auf einem Schemel neben seinem Bett bereitgelegt hatte. Die dunkle Tunika war mit feinen, silbernen Blütenstickereien verziert und passte so zu dem leichten, silber schillerndem Gewand, das für Arwen bereit lag. Bei dem bloßen Gedanken an die Feierlichkeiten lief es ihm schon kalt den Rücken herunter. So viele Personen an einem Ort, Gedränge und Stimmengewirr – genau das Richtige, um sich darin zu verbergen…
Rasch verdrängte er diese Gedanken, hatte sich mit Tunika und Beinlinge angekleidet und beobachtete seine Frau, die wieder einmal mit ihren Haaren kämpfte.
„Ich könnte wieder…", bot er hilfreich an, doch sie winkte entschieden ab.
„Es ist schon ein Unterschied, ob wir meinen Vater erwarten, oder eine solche Feierlichkeit vor uns haben! Ich habe schon gestern veranlasst, dass man mir eine Zofe aus unserem Gefolge schickt, sobald die Sonne hoch genug am Himmel steht."
Genau in diesem Moment klopfte es an die Türe und Aragorn wandte sich wieder seinen Stiefeln zu, die er mit geschickten Händen zuzuschnüren begann. Arwen erteilte die Erlaubnis zum Eintreten, während sie bereits ihre Bürste ergriff und mit gleichmäßigen Strichen begann, ihr Haar zum Glänzen zu bringen.
Aragorn erhob sich und ergriff seinen Schwertgürtel. „Ihr werdet schon erwartet." Sagte er freundlich ohne sich umzudrehen. „Meine Frau hat es eilig. Sie will unsere Freunde nicht warten lassen."
Er sah aus den Augenwinkeln gerade noch das Aufblitzen von Stahl und im nächsten Augenblick fühlte er einen scharfen, stechenden Schmerz im Rücken.
„Eure Freunde werden leider vergeblich auf sie warten!", zischte eine heisere Stimme in sein Ohr. „Und auf euch wohl auch!"
Aragorn fühlte ein Reißen, als Haldur die Klinge aus seinem Körper zog und vernahm Arwens entsetzten Aufschrei. Er schlug auf den Boden auf und versuchte sofort, wieder auf die Beine zu kommen, aber es war, als drückte ihn ein unsagbar schweres Gewicht nieder und halte ihn am Boden fest. Er konnte nicht atmen und von einem Augenblick auf den nächsten war ihm eiskalt. Er versuchte nach den Wachen zu rufen, doch ihm war verschwommen bewusst, wie sinnlos dieser Versuch war, denn selbst wenn seine Stimme dazu laut genug gewesen wäre, würden die Wachposten wohl nicht mehr in der Lage sein, einzugreifen. Wären sie noch am Leben, hätte Haldur es niemals bis in ihre Gemächer geschafft.
„Aragorn!" Arwens Stimme klang gedämpft und verzerrt und als er mühsam den Kopf in ihre Richtung drehte, sah er, wie Haldur langsam auf sie zuschritt.
„Ich fürchte, er kann euch nicht mehr helfen."
‚Die Höhlendecke brach mit einem schrecklichen Getöse ein, als Saradas Schwanz gegen die Felswand donnerte. Gimli lag keine drei Schritte von Aragorn entfernt auf dem Boden und er würde mit Sicherheit unter den Gesteinsmassen begraben werden, wenn er nicht umgehend handelte. Er warf einen letzten Blick auf Haldur und sah gerade noch, wie dieser auf eine massive Felswand zu eilte, zielsicher gegen einen herausstehenden Vorsprung drückte und sich eine verborgene Türe öffnete…
Zu spät kam die Erinnerung.
Elrohir zog sich im Gehen die Tunika noch einmal zurrecht, die sich genau seiner Statur anpasste und sie hervorragend zur Geltung brachte. Er war nicht eitel, nein, aber er wußte, dass viele der Anwesenden ihn und seinen Bruder besonders viel Beachtung schenken würden und Elrond hatte sie noch einmal eindringlich gewarnt, ja kein Gerede zu verursachen.
Elladan missdeutete seine Geste jedoch völlig und begann gleich wieder, seinen jüngeren Bruder aufzuziehen.
„Es nutzt dir ja doch nichts, Bruder! Jeder weiß doch, dass ich nicht nur genauso gut aussehe wie du, sondern auch vernünftiger bin!"
Elrohir wollte umgehend mit seiner Verteidigung beginnen, als er sich des verschmitzten Lächelns seines Bruders gewahr wurde. Nur das wollte dieser nämlich erreichen, dass er wieder einmal auf seine Provokationen hereinfiel und so bemühte er sich um eine gelassene Mine.
„Ach, weißt du, Bruderherz, ich denke, dass alle längst von meiner heldenhaften Rettung des Königs von Gondor und des Prinzen vom Düsterwaldes gehört haben und DAS wird alles andere in den Schatten stellen!"
Elladan lachte und zeigte sich anlässlich seiner guten Laune großzügig.
„Lass gut sein, Elrohir! Wir werden wohl heute beide auf unsere Kosten kommen, da mache ich mir keine Gedanken. Aber trödele jetzt nicht länger herum. Vater hat uns ausdrücklich befohlen, dass wir uns heute Aragorn und Arwen anschließen und sie nicht aus den Augen verlieren sollen! Ich habe zwar keine Ahnung, was dieser Blick zu bedeuten hatte, den er und Gandalf getauscht haben, aber wir sollten uns lieber an ihre Anweisungen halten."
Sie waren bereits vor den Gemächern des Königspaares angelangt und Elladan klopfte höflich an die Türe bevor er - ohne auf eine Antwort zu warten - öffnete.
Er erstarrte mitten auf der Schwelle, sodass Elrohir fluchend gegen seinen Rücken stieß, doch er verstummte ebenfalls, als er über die Schulter seines Bruders einen Blick in das Zimmer warf.
Vor dem Fußende des Bettes lag Aragorn reglos in einer Blutlache, das totenbleiche Gesicht mit geschlossenen Augen war ihnen zugerichtet. Der Rest des Raumes war ein Durcheinander aller möglichen Gegenstände, die verstreut im Zimmer lagen, doch all das nahmen sie nur am Rande des Entsetzen wahr, das sie für Augenblicke gepackt hielt. Elrohir reagierte als erster und stieß Elladan zur Seite.
„Estel! Bei den Valar, nein…"
Sein verzweifelter Schrei riss auch Elladan aus seiner Trance und er war mit einem Schritt neben seinen Brüdern.
Elrohir hatte Aragorns leblosen Oberkörper erhoben und hielt ihn fest an sich gepresst, er schien kaum zu merken, dass Elladan an seiner Seite war.
„Estel…, was…? Haldur! Aber das kann doch nicht…" Seine Stimme klang erstickt, als ob er weinte und Elladan spürte, das auch ihm die Tränen über die Wangen liefen. Elrohir hielt Aragorn weiter umklammert, starrte mit großen Augen auf ihn herab und tastete plötzlich nach seinem Herzschlag. Dann kniff er die Augen zu und begann, sich mit seiner Last hin und her zu wiegen.
„Er lebt. Er lebt noch. Bei den Valar, lasst ihn weiterleben…"
Elladan vergaß den Schmerz, der ihm für einige Momente das Herz zugeschnürt hatte und suchte Elrohirs Blick. „Bist du sicher…?"
Elrohir nickte. "Sein Herz schlägt noch." flüsterte er kaum hörbar.
„Aber er hat furchtbare Mühe beim Atmen!", stellte Elladan besorgt fest und schnürte hastig Aragorns Tunika auf. „Elrohir, wir müssen die Blutung stoppen. Hier."
Er zerrte das Leinenhemd vom Stuhl, dass Aragorn am Vortag getragen hatte und drückte es Elrohir in die Hand. „Press es so feste gegen die Wunde, wie du nur kannst. Adas Heilkünste werden hier benötigt! Ich werde ihn suchen gehen…"
Elladan tauschte noch einen eindringlichen Blick mit seinem Zwillingsbruder und war schon fast an der Tür, als Elrohir ihm hinterher rief.
„Elladan! Was ist mit Arwen? Sie muss doch ebenfalls hier im Zimmer gewesen sein!"
„Darum werden wir uns kümmern, wenn Aragorn versorgt ist!" und schon fand sich Elrohir mit seinem Ziehbruder alleine im Zimmer.
Arwen war noch immer vor Entsetzen wie gelähmt und merkte nicht einmal, das Haldur sie grob vor sich her schubste. Sie hatte nur ein einziges Bild vor Augen und betete stumm, dass sie doch endlich aus diesem Albtraum erwachen möge.
Blut. Soviel Blut! Und er hatte noch nicht einmal mehr die Kraft gehabt, einen Ton über die Lippen zu bringen oder sich hoch zu kämpfen. Aragorn.
An Haldurs Robe und an dem Messer in seiner Hand klebte Blut – Aragorns Blut. Sie schloss die Augen, um diesen Anblick nicht länger ertragen zu müssen, aber stattdessen sah sie nun Aragorns leblosen Körper vor sich und sie presste die Lippen zusammen, um nicht laut schreien zu müssen.
Die Gänge und Korridore waren leer, was nicht verwunderlich war, denn alle Gäste hatten sich sicher längst in der großen, vom Blätterdach gewölbten Halle eingefunden, um der Zeremonie beizuwohnen. Es würde sicher einige Zeit dauern, bis Thranduil oder gar ihr Vater reagieren würden, um nach ihnen zu schicken. Bis sich überhaupt jemand fragte, wo sie blieben. Und wieder wertvolle Minuten würden verstreichen, bis jemand zu ihrem Gemächern gehen würde und Aragorn finden würde.
‚Soviel Blut! Bis dahin ist er verblutet – wenn er…, wenn er nicht schon…' Arwen strauchelte, weil ihre Beine ihr den Dienst zu versagen drohten. Sie konnte fühlen, wie sein Leben aus ihm hinaus strömte, wie sein Herz immer langsamer schlug. Ihr eigenes schien dagegen aus ihrer Brust springen zu wollen, so hart und schnell klopfte es gegen ihre Rippen.
‚Arwen! Eines Tages stirbt Aragorn…' Die Stimme ihres Vaters klang noch deutlich in ihrem Gedächtnis und sie musste sich mit einer Hand an der Wand abstützen, um nicht zu fallen.
„Weiter! Ich glaube zwar nicht, dass sobald jemand euren toten Gemahl entdecken wird, aber ich will kein Risiko eingehen."
Elladan hastete die Gänge des Palastes entlang und achtete auf nichts und niemanden. Er hätte nie geglaubt, dass er jemals solche Angst empfinden konnte, aber sie schnürte ihm regelrecht die Kehle zu. Wie naiv waren sie doch alle gewesen! Er kannte Aragorn nun schon so viele Jahre, hatte so viele Schlachten und tödliche Gefahren mit ihm durchlebt und doch hatte er nicht auf dessen Gefühle vertraut, obwohl er es hätte besser wissen müssen! Es tröstete ihn wenig, dass selbst Gandalf und sein Vater es nicht besser gewußt hatten, denn das würde Aragorn in diesem Augenblick auch nicht vor dem Sterben bewahren.
Vor Elladan kam der Eingang zur Halle in Sicht, der jedoch von unzähligen Elben, Menschen und anderen geladenen Völkern unpassierbar gemacht wurde, die sich aneinander drängten in der Hoffnung, besser sehen zu können. Dennoch verminderte Elladan sein Tempo nicht und nahm auch keine Rücksicht auf die entrüsteten Rufe, als er sich mit Hilfe seiner Ellenbogen den Weg durch die Menge bahnte. Er stieß Frauen wie Männer grob zur Seite und kam trotzdem viel zu langsam voran. Sekunden erschienen ihm wie Minuten, die sich zu Stunden in die Länge zogen, doch wie aus heiterem Himmel durchbrach er schließlich die vorderste Reihe und stolperte in den freien Raum.
Legolas und Tanhis standen nahe beieinander unter einem dicht bewachsenen Blütenbogen, beide festlich gekleidet und ihre Augen strahlten. Selbst in dieser Situation viel Tanhis' Schönheit Elladan noch ins Auge, die durch ihre Kleidung noch unterstrichen wurde. Neben Legolas stand Gandalf, der sich wohl mit Elrond unterhielt, denn es dauerte eine Zeit lang, bis er sich der plötzlichen Stille gewahr wurde, die Elladans Erscheinen ausgelöst hatte.
Der Elb versuchte seinen Atem auf ein erträgliches Maß zu senken und dann sprudelten die Worte auch schon aus ihm heraus, ohne auf irgendetwas Rücksicht zu nehmen. Für Zurückhaltung war jetzt einfach nicht die rechte Zeit.
„Ada! Du musst mitkommen! Aragorn stirbt, wenn er nicht sofort deine Hilfe bekommt! Arwen ist verschwunden und ich vermute, dass Haldur hinter all dem steckt…"
Einen furchtbar langen Augenblick sahen ihn alle nur verständnislos an, doch dann löste Legolas sich aus seiner Versteinerung und rannte an Elladan vorbei auf den Ausgang der Halle zu. Die Menge teilte sich widerstandslos vor ihm und sah ihm verwundert hinterher. Dicht hinter Legolas rannten nun auch die anderen aus dem Saal und Elladan wurde beim Laufen von Gandalf atemlos gefragt: „Wie schlimm?"
„Ich dachte zuerst… Es sieht nicht gut aus." Elladan brachte es nicht über sich, darüber zu sprechen, was er zuerst gedacht hatte, als er Estel erblickt hatte, wie dieser regungslos in seinem eigenen Blut dagelegen hatte. Dabei war ihm wieder bewusst geworden, dass eines Tages diese Angst zur Realität werden würde. Wenn es das Schicksal nicht anders wollte, würde er eines Tages vor Aragorns Grab stehen und nicht in der Lage sein, die Trauer seiner Schwester zu mildern. Wie auch, wenn er den gleichen herben Verlust empfinden würde!
Aber nicht heute! Nicht so! ‚Haldur darf nicht gewinnen und wenn, dann werde ich ihn finden und den Tod meines Bruders rächen.'
Elladan zuckte zusammen, als ihm bewusst wurde, dass er schon überlegte, was er Haldur antun würde, wenn er ihn jetzt fände. Das war fast so, als ob er schon glaubte, dass Aragorn es diesmal nicht schaffen würde. Er verdrängte entschieden seine Gedanken an diese Möglichkeit und beschleunigte seine Schritte, sofern dies noch möglich war.
Als die kleine Gemeinschaft endlich in den königlichen Gemächern eintraf, bot sich immer noch das gleiche, schreckliche Bild, dass Elladan gesehen hatte, als er Elrohir verließ. Sein Bruder saß noch immer auf dem Boden und hielt Aragorn umklammert, das Hemd inzwischen blutgetränkt. Elrohirs Tunika wies ebenfalls mehrere dunkelrote Flecken auf und sein Gesicht war zu einer verbissenen Maske erstarrt.
Elrond benötigte mehrere Versuche, bis er es schaffte, Estel aus dessen Umarmung zu lösen, so fest presste Elrohir seinen Ziehbruder an sich, aus Angst, dass beim kleinsten Vermindern des Druckes auf die Wunde, die Blutung erneut einsetzen würde.
Als es Elrond schließlich doch gelang, kam Elrohir steif und ungelenk auf die Beine und er konnte den Blick nicht von seinem Vater und Gandalf wenden, die sich sogleich ein genaues Bild der Verletzung verschafften.
Alles, was sich danach ereignete, ging so rasch, dass die beiden Zwillingsbrüder plötzlich völlig überrascht waren, sich nahezu alleine in dem Zimmer wieder zu finden. Nur Legolas und Tanhis standen noch bei ihnen und auf ihren Gesichtern stand Niedergeschlagenheit und Entsetzen.
Elronds Gesicht war starr und ausdruckslos geworden, aber die Brüder wußten, dass dies immer nur dann geschah, wenn ihr Vater seine wahren Gefühle verbergen wollte. Gandalf hingegen stand offen ins Gesicht geschrieben, dass er nichts außer Angst empfand und Elladan war sich nicht sicher, welcher Ausdruck der beiden Männer ihn mehr bestürzte. Elrond hatte ruhig Befehle erteilt, aber als immer mehr Zeit verstrich, bis endlich eine Bahre gebracht wurde, war auch seine Stimme zu gereiztem Rufen angeschwollen.
Legolas blickte immer noch die offen stehende Türe an, durch die die Gruppe der Helfer mit Aragorn verschwunden waren. So fiel sein Blick wenigstens nicht immer wieder auf den Blutfleck, der sich erschreckend groß auf dem Boden gebildet hatte und dass Aragorns Lunge verwundet war, musste ihm Elrond erst gar nicht sagen, denn er verstand selber soviel vom Heilen, dass er bemerkt hatte, wie schwer seinem Freund das Atmen gefallen war. Wenn er doch nur etwas tun könnte! Er fühlte sich hilflos und voller Wut, die sich mit jeder Sekunde nur noch steigerte.
Wut aber nicht nur auf Haldur, sondern auch ein wenig auf sich selbst! Tanhis hatte ihm erzählt, dass Aragorn sich Gedanken über Haldur gemacht hatte und dann hatte er sich gestern so seltsam verhalten, als sie über die stark bevölkerte Lichtung gegangen waren. Ständig hatte er sich umgesehen, hatte seinen Blick über die Menge der Anwesenden schweife lassen und unter jede Kapuze gespäht. Legolas hätte merken müssen, dass sein Freund größere Sorgen hatte, als dieser zugab und ihn dieses eine Mal darauf ansprechen müssen! Und später am Abend, als sie mir Gandalf, Elrond, den Zwillingen und seinem Vater zusammen gesessen hatten. Die Blicke von Elrond und Gandalf waren ihm nicht entgangen und einer der Beiden hatte immer einen Vorwand gefunden, Aragorn aus seinen Grübeleien zu reißen und dann hatte Elrond seine Söhne gebeten, bei Arwen und Aragorn zu bleiben, als der Freund sich ins Bett begeben hatte. All das fügte sich nun in ein Bild zusammen, das auch den Zorn auf Elrond und Gandalf in ihm weckte! Warum hatten sie ihm nicht wenigstens von Aragorns Sorgen erzählt? Waren denn Hochzeitsvorbereitungen für alle wichtiger gewesen, als die berechtigten Sorgen eines Freundes?
Plötzlich fühlte er Tanhis' Hand auf seiner Schulter und ihm wurde bewusst, dass Elladan ihm eine Frage gestellt hatte.
„Ich…, was hast du gefragt?"
„Elrohir und ich glauben, dass Aragorn Recht hatte und Haldur noch lebt. Wenn jemand hinter dem Anschlag auf Estels Leben steckt und einen Grund hatte, Arwen als Geisel zu nehmen, dann er! Kommst du mit? Wir werden ihn suchen…"
Legolas nickte entschlossen und ergriff Aragorns Schwertgürtel, der achtlos zu Boden gefallen dalag. Auch Tanhis hielt Elladan auffordernd ihre Hand entgegen, denn er besaß zusätzlich zu seinem Schwert noch einen Dolch mit langer Klinge, die er in einem kleinen Halfter an seinem Gürtel trug. Doch Legolas ergriff bittend ihre schmale Hand.
„Tanhis, würde es dir etwas ausmachen, wenn du nach Aragorn siehst? Ich möchte, das einer seiner Freunde an seiner Seite ist falls er noch einmal… wenn er zu Bewußtsein kommt."
Legolas musste sich räuspern und Tanhis spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Dies hatte der schönste Tag in ihrem und Legolas' Leben werden sollen und nun konnte er sich als der schrecklichste herausstellen! Dann nämlich, wenn Aragorns Verletzung zu schwer war, als dass er sich davon erholen könnte. Zusätzlich befand sich Arwen in den Händen ihres Feindes und wer wußte schon, zu welchen Mitteln Haldur noch greifen würde, wenn er sich in die Enge getrieben fühlte.
Natürlich wäre sie viel lieber mit den Dreien auf die Suche nach ihrer Freundin gegangen, aber sie konnte Legolas diese Bitte unmöglich abschlagen.
„Ich werde bei ihm sein!", flüsterte sie und dann waren die Freunde auch schon aus dem Zimmer geeilt.
Legolas rannte den Korridor hinunter, ungeachtet dessen, ob seine Freunde mit ihm Schritt halten konnten, oder nicht. In ihm tobte nicht nur seine eigene Wut, Angst und Sorge, sondern auch Saradas, der durch Legolas' Empfindungen regelrecht in seinem Inneren erwacht war. Innerhalb weniger Herzschläge hatte der Drache verstanden, was geschehen war, ohne das sich Legolas überhaupt bewusst die Mühe gemacht hatte, den Drachen darüber in Kenntnis zu setzen. Allerdings war die Wirkung geradezu verheerend über ihn hereingebrochen und er kämpfte nun mühsam darum, die Oberhand zu behalten und nicht von der Wut Saradas' überwältigt zu werden. Wut, aber vor allem unbeschreiblicher Hass brannte in diesem und übertrug sich auch auf Legolas und er war sich sicher, dass die Personen, die ihm in den Gängen auswischen, dies taten, weil der Ausdruck in seinem Gesicht sie zutiefst erschreckte – das konnte er wiederum in deren Gesichtern erkennen.
Tatsächlich konnte er nur mit Mühe die Beherrschung halten, denn sonst hätte er so fürchterlich Gefaucht, wie Saradas es tat und allen noch mehr Furcht eingeflößt.
Hinter sich nahm Legolas fast undeutlich Elrohirs Stimme wahr und er konzentrierte sich auf seinen Freund.
„Was meinst du Legolas? Wo sollen wir suchen? Du kennst dich von uns am Besten hier aus…" Seine Stimme klang matt und Legolas fragte sich, wie es ihm gelang an etwas anderes zu denken, als daran, dass das viele Blut auf seiner Kleidung von Aragorn stammte! Legolas riss seinen Blick von Elrohirs Brust los und sah ihm stattdessen in die Augen, was nicht sonderlich viel half, denn auch darin lagen nur die gleichen Gefühle, wie sie in ihm selber tobten.
„Hier gibt es unzählige Möglichkeiten sich zu verbergen – und wer achtet schon auf eine hohe Elbe, die von einem Diener zu ihren Gemächern begleitet wird, um sich auszuruhen? Nämlich als solcher wird sich Haldur sicher gekleidet haben, sonst währe er niemals ungesehen bis in Aragorns Gemächer gelangt."
„Und was nun? Du wirst doch nicht aufgeben…"
Legolas entfuhr ein Laut, der selbst in seinen Ohren deutlich nach einem Knurren klang.
„Er kann sich nicht ewig verstecken! Irgendwann wird er nicht weiter kommen! Ihr vergesst, das Aragorn die Wachen zu noch mehr Wachsamkeit aufgefordert hat und alle kennen Arwen als seine Frau. Einer wird sich fragen, warum sie nicht bei den Feierlichkeiten anwesend ist und sie zumindest fragen, ob alles in Ordnung ist - und dann wird etwas geschehen…" Jedenfalls hoffte Legolas das.
„Wenn er ihr auch nur ein Haar krümmt, dann Gnade ihm!" Elladans Hand umschloss seinen Schwertgriff fester.
„Ihr wird nichts geschehen, mellon nin! Er braucht sie – und ihr habt mir selber erzählt, dass er sie liebt. Er glaubt sicher, dass Aragorn… er aus dem Weg ist und er erst einmal leichtes Spiel haben wird, wenn er aus dem Palast heraus ist, aber diesen Gefallen werden wir ihm nicht tun!" Legolas sprach mehr zu sich selbst, als zu den Zwillingen.
Haldur schubste Arwen mit einer Hand vor sich her und mit der anderen hielt er den einfachen Umhang zusammen, um seine blutbefleckte Tunika zu verbergen. Gleichzeitig hielt er den Dolch umklammert und strich mit dem Daumen immer wieder über die feuchte Klinge, was ihm ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen trieb. Es war vollbracht! Endlich hatte er das Ziel erreicht, dass so lange in der Ferne gelegen hatte und nie zu erlangen schien! Aber mit jeder weiteren Minute die verstricht und sich ihnen niemand in den Weg stellte, keine aufgeregten Rufe erklangen oder gar das Warnsignal geblasen wurde, nahm seine Zufriedenheit zu. ER würde Arwen für sich gewinnen, Elrond mit ihr in die Knie zwingen und erst die Herrschaft über die Elben an sich bringen, bevor er sich schließlich auch Gondor nahm. Arwen war immer noch die Königin des Menschenvolkes und mit einer Heirat würde ihm der Thron rechtmäßig gehören…
Haldur schlug den Weg in den Wald ein, als er aus den letzten Hallen der Bäume trat und verbarg sich immer in den Schatten. Die wenigen Wachen die den Waldrand säumten schauten zwar auf, als sie sich näherten, aber nahmen nicht weiter Notiz von ihnen. Er hatte inzwischen Arwens Arm ergriffen und stützte sie, damit ihr taumelnder Gang sie nicht doch noch verraten konnte – auch sie trug einen alten Umhang, dessen Kapuze ihr tief ins Gesicht hing. Jeder der sie sah, hielt sie für einfache Bedienstete, die einen Auftrag ihres Herrn erledigen mussten. Niemand würde ihn jetzt noch aufhalten können!
Sanfte Sonnenstrahlen schienen durch das dichte Blätterdach der großen starken Bäume und verirrten sich auf dem moosigen Boden. Zwei Eichhörnchen tollten über den Boden und jagten sich die Bäume hinauf, bis sie auf einmal still verharrten und lauschten. Weit vor ihnen kam Wind auf und die Äste neigten sich knarrend zur Seite. Die Tiere blickten zu den Baumwipfeln, die sich über ihnen befanden und sich dem warmen Sonnenlicht zu neigten. Der Wind kam näher und mit ihm ein Schatten, der sich schnell bewegte. Mit einem Male flog er über sie hinweg und ließ abermals die starken Äste sich biegen und knarren. Saradas zog seine breiten Bahnen über die Wipfel des Waldes und ließ sein Knurren verlauten. Der Drache spürte was passiert war. Über die enge Verbindung mit Legolas konnte er den seelischen Schmerz und die unbegrenzte Wut spüren – ein jedes Knurren brachte sie zum Ausdruck. Er erhob sich höher in die Lüfte, nur um pfeilschnell herunter zu fliegen und sich kurz über den Baumwipfeln wieder in die Horizontale zu bringen. Mit einem Male nahm er unter sich Bewegungen war und neigte den Kopf, um besser sehen zu können. Saradas verlangsamte sein Flügelschlagen und flog über den beiden Personen, die eilig unter dem Blätterdach entlang liefen, hinweg. Der Drache schnaubte gräulich, als er erkannte, um wen es sich handelte. Haldur – der Elb, der ihm diese Qualen angetan hatte, der ihn so lange unter der Erde festgehalten hatte, der Elb der ebenfalls für seinen momentanen Schmerz verantwortlich war. Der Drache konnte nicht hinunter, die Bäume waren zu vielschichtig und stark, als dass sie ihm so einfach Platz machen würden. Saradas schnaubte verächtlich und flog abermals empor und entlud seine Wut in einigen kräftigen Flügelschlägen. Er sah sich um und sah, dass der Wald sich in einiger Entfernung lichten würde. Mit einem zufriedenen Knurren ließ er sich wieder hinab gleiten und suchte knapp über den Wipfeln nach Haldur und Arwen. Sie liefen östlicher Richtung, die große lichte Stelle befand sich allerdings genau in der Entgegengesetzten Himmelsrichtung. Der Drache zögerte nicht lange und streifte mit seinen Fängen die Bäume, die sich unter ihm befanden so dass sie knarrten und ächzten und die obersten Äste fallen ließen.
Haldur eilte mit Arwen am Arm durch den Wald. Er war zu gewiss und zu verblendet, als dass er die Gefahr weit droben über seinem Kopf bemerkte. Arwen stolperte neben ihm her. Von ihrem sonst so anmutigen Gang war nichts zu erkennen. Ihr Herz war erfüllt von Schmerz und Angst um ihren Gatten. Über ihre Zukunft machte sie sich keine Gedanken. Immer wieder traten die Bilder von dem am Boden liegenden Aragorn vor ihr inneres Auge und ließen sie kraftlos erscheinen. Sie hatte nicht den Willen sich zu wehren und ließ sich von Haldur mitziehen. Seine höhnenden Worte nahm sie nur durch eine Nebelwand war und so bemerkte sie erst spät, dass er auf einmal abrupt stehen blieb und sie fast in ihn hinein gelaufen wäre. Mit geweiteten Augen sah sie, wie dicke Äste auf den Boden fielen und ihnen den Weg abschnitten. Haldur fluchte lauthals als er zum Himmel sah und den Drachen erblickte, der ein drohendes Grummeln ausstieß. Arwen blickte zu dem Schatten der über die Baumwipfel flog und sein Knurren vernehmen ließ. Der Drache... aber Haldur packte sie wieder und schlug die nördliche Richtung ein. Doch weit kamen sie nicht – zuerst vernahmen sie nur ein Knacken, doch wenige Zeit später sahen sie wie abermals Äste hinunter fielen. Sie mussten zurück weichen, um nicht von ihnen getroffen zu werden. Haldur schien nervös zu werden und fluchte in der dunklen Sprache, doch Arwen wurde von Hoffnung erfüllt. Sie nahm nur geringfügig war, dass Haldur abermals die Richtung änderte und dorthin lief, wo Saradas ihn haben wollte. Die Elbe war in Gedanken bei ihrem Mann. Saradas war mit Legolas verbunden – vielleicht würde der Drache es schaffen Kontakt mit dem Düsterwaldprinzen aufzunehmen. Dann würden sie Aragorn finden und ihm helfen können. Sie würden ihn retten können...
Legolas eilte mit den beiden Zwillingen weiter durch die Hallen, bis der Düsterwaldprinz abrupt stehen blieb. Elrohir und Elladan waren so in Sorge, dass sie die Reaktion des blonden Elben erst bemerkten, als sie schon einige Schritte weiter gerannt waren. Verwirrt drehten sie sich zu ihm um.
„Was ist
Legolas?", fragte Elrohir und starrte zu seinem Freund, doch dieser
gab keine Antwort.
Legolas starrte auf den Boden und suchte die
Eindrücke zu verarbeiten. Er wurde plötzlich von einem
Triumphgefühl übermannt. Die Wut und der Zorn, die ihn bis
eben noch erfüllt hatten, waren nur noch untergründige
Gefühle. Die Verbindung zu Saradas zeigte sich deutlicher denn
je – er spürte nicht länger die hilflose Wut des Drachen,
sondern den berechnenden Einsatz. Saradas tat etwas, er half ihnen,
das spürte Legolas eindeutig. Der Elb schloss die Augen um die
Eindrücke besser verstehen zu können. Saradas war nicht
weit entfernt. Legolas ballte die Hände zu Fäusten und
konzentrierte sich stärker.
Elladan sah zu seinem Bruder, der jedoch nur die Schultern zuckte.
„Legolas?", fragte der ältere Zwilling und ging auf den Düsterwaldelben zu, der nicht reagierte. „Legolas!", sagte Elladan erneut und schüttelte ihn an der Schulter, so dass sein Gegenüber aufsah.
„Ich weiß wo sie sind!" Die Worte kamen beinahe flüsternd über Legolas' Lippen. Elladan und Elrohir sahen ihn erstaunt an.
„Aber... woher...?", fragte Elrohir erstaunt.
„Saradas... ich fühle es...!", antwortete Legolas. „Kommt, wir dürfen keine Zeit verlieren!" Legolas drehte sich um und rannte in entgegen gesetzter Richtung. Die beiden Zwillinge folgten ihm auf dem Absatz und rannten mit ihm gemeinsam ins Freie. Die Sorge um ihren Bruder und ihre Schwester keimte von neuem auf und ließ sie eiliger laufen. Legolas' Füße trugen ihn nach draußen in den Wald hinein. Sein entschlossener Gesichtsausdruck brachte die vielen Gefühle in ihm nicht zum Ausdruck. Jetzt, da er von seinem Gefühl geleitet wurde, konzentrierten sich seine Gedanken darauf, sich an Haldur zu rächen. Für das, was er Aragorn angetan hatte würde er leiden. Er würde keine Gnade wallten lassen, er würde ihn töten! Langsam, er würde ihn fühlen lassen, was es hieß Schmerzen zu erleiden. Er merkte nicht, dass er immer schneller lief, immer weiter in den Wald hinein, die Zwillinge dicht auf seinen Fersen...
Haldur zog Arwen weiter hinter sich her, musste aber immer wieder stehen bleiben und den Weg ändern, weil schwere Äste von oben herab stürzten. Saradas trieb sie weiter auf die Lichtung zu. Der Drache ließ seine Fänge abermals durch die Baumwipfel fahren, als er bemerkte, dass sie der lichten Stelle nahe waren und Haldur geradewegs darauf zu steuerte. Mit einem kräftigen Flügelschlag ließ er sich dorthin gleiten und auf den Boden nieder um den beiden aufzuwarten.
Arwen konzentrierte sich, nicht über die dicken Wurzeln der Bäume zu stolpern, während sie hinter Haldur herlief. Ihr Blick glitt immer wieder zu den Baumwipfeln, doch der Drache war nicht mehr auszumachen. Was hatte er vor? Ihre eben noch aufgekeimte Hoffnung wollte bereits wieder schwinden, als sich die Bäume vor ihnen auftaten.
„Dieses verfluche Mistvieh...", schrie Haldur beinahe, als er den Drachen vor sich auf der Lichtung sah. Arwen hielt die Luft an und sah mit geweiteten Augen zu, wie das große Wesen sich erhob und auf sie zukam. Der Drache bleckte seine Zähne und stieß ein unüberhörbares Grummeln aus, das Arwen zusammen fahren ließ. Haldur sah sich hastig um und suchte nach einer Fluchtmöglichkeit – es bot sich jedoch nur die Richtung aus der sie gekommen waren, auch wenn sie sie wieder in Richtung der Hallen bringen würde. Haldur verspürte einen tiefen Hass gegenüber dem Drachen in sich aufsteigen und war kurz davor, sich dem Kampf mit ihm zu stellen und ihm das Schwert in den Hals zu rammen. Vielleicht würde über diese Verbindung auch der Elbenprinz sterben... Seine unreifen Überlegungen wurden jäh zu Ende gebracht, als Saradas einen Satz auf die beiden Elben zumachte und seine Zähne blicken ließ. Haldur fackelte nicht lange und wandte sich um, um den Schutz zwischen den Bäumen zu suchen, doch Arwen sah ihre Chance. Der Drache würde IHR nichts tun! Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen Haldur, der sie mit sich ziehen wollte. Der Elb blieb abrupt stehen und drehte sich zu der Elbe um, die versuchte, sich von ihm loszumachen.
„Vergesst es meine Schöne...!", knurrte Haldur beinahe und ging – Saradas immer im Auge – auf Arwen zu. Mit einem Handgriff, hielt er ihr den Dolch an die Kehle. „Kommt oder ich werde Gebrauch von ihm machen...!"
„Ihr werdet mich nicht umbringen... Ihr braucht mich noch!", antwortete Arwen kalt und sah aus dem Augenwinkel zu Saradas, der mit einer Vorderpranke einen dünnen Baumstamm umknickte.
„Jetzt reicht es!", sagte Haldur, nahm Arwen und legte sie sich kurzerhand über die Schulter. Die Elbe war im ersten Augenblick zu perplex, als das sie hätte reagieren können. Sie wollte sich Freistrampeln, doch Haldur hielt ihre Beine fest, während er wieder dichter in den Wald hinein lief. Arwen hob ihren Kopf und sah hinter sich Saradas. Der Drache fauchte und kam mit eiligen Schritten hinter ihnen her. Die Baumstämme, die ihm im Weg standen knickten um wie Strohhalme im Wind und fielen mit einem lauten Krachen zu Boden. Arwen ballte die Hände zu Fäusten und versuchte abermals von Haldur runter zu kommen, doch gegen die Kräfte des Elben kam sie nicht an. Plötzlich ertönte ein erzürntes Grollen hinter ihr und sie hob wieder den Kopf. Saradas schrie – die Bäume waren zu stark geworden, als dass sie nachgaben. Der Drache konnte ihnen nicht weiter in das dichte Baumwerk folgen. Verzweifelt versuchte das Tier die Stämme mit seinen Zähnen beiseite zu räumen, scheiterte jedoch daran. Einige wenige Bäume gaben seinem Schwanz und seinen Tritten nach einiger Zeit nach, doch Haldur war mit Arwen schon zu weit entfernt, als dass Saradas sie hätte erreichen können. Mit einem Grummeln wandte sich der Drache ab, hin zu der lichten Waldstelle und erhob sich wieder in die Lüfte um sie nicht zu verlieren.
„Legolas! Bist du dir sicher, dass du den richtigen Weg einschlägst?", rief Elladan, als er sich mit seinem Schwert den Weg durch einiges Blattwerk freischlagen musste.
„Ganz sicher! Saradas leitet mich!", kam die Antwort des Elbenprinzen zurück, der wie ein Hirsch durch den Wald rannte. Sein Gefühl konnte ihn nicht trügen, es wurde immer stärker, je weiter sie in den Wald vordrangen. Haldur und Arwen konnten nicht weit sein. Legolas hielt inne, als er das Krachen von Ästen vernahm.
„Was war das?", fragte Elrohir und spähte durch den Wald.
„Bei den Valar...", entfuhr es Elladan. „Dort sind sie!" Mit einem Satz war er an Legolas vorbei und weiter in den Wald hinein. Jetzt sahen die anderen beiden Elben ebenfalls - Haldur mit Arwen auf den Armen - und eilten hinterher. Auf Legolas Zügen zeigte sich ein eiskaltes Lächeln – er hatte ihn gefunden! Beim nächsten Krachen sah er nach oben und erkannte schemenhaft den gewaltigen Körper Saradas'. Eilig bedankte er sich stumm und folgte Elrohir und Elladan.
„Haldur!", rief der ältere Zwilling und veranlasste, dass der feindliche Elb stehen blieb und in ihre Richtung blickte.
„Elladan!", rief Arwen.
„Lass sie frei und gib auf!", sagte Elrohir und erhob sein Schwert.
Haldur sah gehetzt zwischen den beiden Zwillingen hin und her, bis sein Blick auf Legolas hängen blieb, der hinzu getreten war. Sein Hass vergrößerte sich, je länger er die drei Elben ansah. Mit einer schnellen Handbewegung nahm er Arwen vom Arm, hielt sie vor sich und drückte ihr den Dolch an die Kehle. „Verschwindet oder sie ist des Todes!"
Die beiden Zwillinge zuckten zusammen und ließen für einen Augenblick die Schwerter sinken, nur Legolas schien sich sicher. Sein Blick glitt für einen kurzen Moment zu den Baumwipfeln, bevor er sich kaum merklich den Zwillingen zuwandte. „Ihr kümmert euch um Arwen!"
Die beiden Elben sahen ihn verwirrt an, doch im nächsten Moment sollten sie erfahren, was Legolas meinte. Mit einem weiteren Krachen fiel ein großer Ast hinunter, genau über Haldur. Der Elb sah nach oben und schmiss sich und Arwen noch genau rechtzeitig zur Seite, bevor das Holz sie hätte treffen können.
„Jetzt!", rief Legolas und die beiden Zwillinge fackelten nicht lange. Mit einem Satz waren sie bei den beiden und zogen Arwen von Haldur fort, noch bevor dieser sich rühren konnte. Dieser rappelte sich umgehend auf und zog sein Schwert, nur um einem entschlossenen Legolas gegenüber zu stehen.
Elladan und Elrohir hatten Arwen beiseite gezogen. „Geht's dir gut? Hat er dir was angetan?", fragte der jüngere Zwilling hastig und musterte seine Schwester.
„Ja, ja, mir geht es gut...!", antwortete diese, doch dann blieb ihr Blick auf seiner Tunika hängen. Blut – viel Blut - hatte den edlen Stoff dunkel gefärbt. „Elrohir...", entfuhr es ihr. „Aragorn! Was ist mit ihm? Habt ihr ihn? Ist er? Was...?" Sie merkte, wie sie bei dem Gedanken an ihren Mann zu zittern begann und die Knie ihr weich wurden, doch Elrohir versuchte sie zu beruhigen. „Keine Angst! Wir haben ihn gefunden! Adar und Gandalf nehmen sich seiner an. Er wird es schaffen!" Der Elb versuchte soviel Zuversicht wie möglich in seine Stimme zu legen, doch sie zitterte merklich, so dass sie Arwen kein Trost war.
„Elrohir!", sagte Elladan. „Wir müssen Legolas helfen!"
Der angesprochene Elb wandte den Blick von Arwen und sah Legolas und Haldur sich gegenüber stehen. Elrohir zuckte zurück, als er den tödlichen Blick des Düsterwaldprinzen sah. Legolas sah zu allem entschlossen aus. Haldur sah sich öfter zwischen den drei Elben um, um sicher zu gehen, dass die Bruchtalzwillinge ihn nicht aus dem Hinterhalt angriffen.
„Lass gut sein Elladan!", sagte Legolas und in seiner Stimme lag soviel Kälte, dass die beiden Elben ihn verwundert ansahen. „Überlass ihn mir! Ich will ihm all das heimzahlen, was er uns angetan hat! Ich kämpfe alleine gegen ihn!"
„Aber...", wollte Elrohir einwerfen, als Haldur hämisch auflachte, doch Legolas schnitt ihm das Wort ab.
„Kein Aber!" Legolas sah kurz zu den Zwillingen. Er schien größer, majestätisch und herrschend wie er dort stand – er hatte ihnen verboten einzugreifen! Im nächsten Moment hob der silberhaarige Elb auch schon sein Schwert und ging auf Haldur zu, der seines ebenfalls zur Abwehr hob. Von oben ertönte ein lauter Schrei Saradas', gleich einem Gong, der den Kampf freigab.
