10. Kapitel
Hoffnungen
Elrohir sah mit zusammengekniffenen Augenbrauen konzentriert dabei zu, wie Legolas und Haldur versuchten, die Stärken und Schwächen voneinander zu erkunden, während er sich der Gegenwart des Drachen über den Baumwipfeln bewusst war. Das Aufeinandertreffen von Stahl auf Stahl ließ ihn innerlich zusammenzucken, aber er bemühte sich nach außen hin einen völlig ruhigen Eindruck zu erwecken, aber sicherlich war Elladan dennoch in der Lage, die Anspannung in ihm wahrzunehmen - nicht anders, wie er dessen Gefühle spürte.
Legolas und Haldur umkreisten sich und Elrohir fixierte kurz seinen Freund. Zweifellos war Legolas mit seinen eleganten, geschmeidigen Bewegungen der bessere Krieger. Seine Klinge lag perfekt ausbalanciert in dessen Händen und verschmolz regelrecht damit. Sie schien fast ein Teil von ihm zu sein.
Haldur kämpfte hingegen wie Feuer. Es war nicht schwer zu erkennen, dass er regelrecht brannte, wie ein unkontrolliertes Feuer heiß und unberechenbar. Er wechselte sprunghaft seine Angrifftaktiken und schlug mit einer ungeheuren Kraft zu, sodass Legolas einige Male sogar unter der Wucht des Aufpralles zurückweichen mußte.
Doch aus Haldurs Beobachtung schloss Elrohir, das Legolas' Chance darin bestand, seinen Gegner wütend zu machen, damit dieser unvorsichtig wurde, oder er konnte auf seine bessere Ausdauer und Kampftechnik vertrauen. Augenblicklich vollführte Legolas einige Finten und Paraden aus, um Haldurs Schwächen zu erkunden, doch Elrohir sah, was wohl auch Legolas erkennen mußte – Haldur besaß nicht viele davon!
Dennoch gab es einiges, was er anscheinend nicht kannte. Zunächst schien es, als kämpfe Legolas fast zu raffiniert, besonders, wenn man sich Haldurs brutaler Direktheit gegenüber sah, aber dieser Unterschied zeichnete bald eine große Schwäche ihres Feindes aus.
Hiebe und Paraden mit einer Hand beherrschte der Elb sehr sicher, aber wenn er seine Waffe mit beiden Händen hielt, um zu einem noch kraftvollerem Schlag auszuholen, dann nahm er die Klinge weit über die linke Schulter zurück. Würde es ihm gelingen, Legolas vorher aus dem Gleichgewicht zu bringen, so könnte dieser Schlag vielleicht erfolgreich werden, aber dieser sah genau hin und wich aus und nutzte seinen Vorteil. Als Haldur den Schlag zum dritten Mal versuchte, ließ Legolas ihm Zeit, sein Schwert wieder über die linke Schulter zu heben, indem er sich langsamer bewegte und ihn so in die Falle lockte. Dann schwang er noch beim Aufrichten seines eigenen Körpers seine eigene Klinge in einem tödlichen Bogen genau gegen Haldurs Rippen.
Der Elb sah es zu spät um noch richtig ausweichen zu können und er wand sich in einem verzweifelten Versuch, dem Schlag auszuweichen und mußte seine rechte Hand von seinem Schwert lösen, um das Gleichgewicht zu halten.
Legolas Angriff hatte nicht das gewünschte, schnelle Ziel erreicht, schnitt jedoch die Tunika seines Gegenübers und dessen Brust ein.
Zu Elrohirs Verwunderung nutzte der Freund jedoch nicht den Moment der Überlegenheit aus, bis Haldur sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, sondern trat einen Schritt zurück und wartete darauf, dass sich Haldur wieder fing. Es war die Haltung eines Lehrmeisters die er einnahm, der darauf wartete, das sein schwacher Schüler sich für die nächste Lektion wieder fing und bereit machte. Saradas Flügelschlag ließ die Äste und Blätter über ihren Köpfen rauschen und der Drache stieß einen triumphierenden Schrei aus.
Elrohir erwartete Spott auf Legolas' Gesicht zu finden, als er den Freund ansah, aber er mußte Schlucken, als er tödliche Berechnung auf dessen Zügen fand. Es bestand kein Zweifel darin, dass Legolas mit Haldur spielen würde, ihm so lange kleinere Wunden zufügen würde, bis der Blutverlust ihn schwächen würde. Was der Freund dann tun würde, mochte sich Elrohir lieber nicht vorstellen, dazu stand ihm selbst noch zu deutlich vor Augen, was Haldur ihnen allen angetan hatte, als er Estel ein Messer in den Rücken gestoßen hatte.
Was mochte Legolas wohl in diesem Augenblick empfinden? Keiner von ihnen wußte, ob Elrond Estel helfen konnte, ob dieser überhaupt noch eine Chance besessen hatte, als endlich Hilfe eingetroffen war. Hatte er zu diesem Moment nicht schon viel zu viel Blut verloren?
Ihm wurde bewusst, dass er sich die Hände an seiner Tunika rieb in dem Versucht, immer noch Reste von Aragorns Blut abzuwischen. Er bildete sich sogar ein, diese feuchte Wärme immer noch fühlen zu können. Ein Schauer lief seinen Rücken herab und er zwang sich, seine Schultern zu lockern und sich wieder auf den Kampf zu konzentrieren.
Inzwischen bluteten beide Männer aus einigen Wunden und auch Legolas' Hochzeitsgewand war von der rechten Schulter bis zu seiner Brust zerschnitten und entblößte einen häßlichen Riss in dessen Haut.
Elrohir erstarrte, als Haldurs Klinge über Legolas' Kopf niedersauste; sein Freund fuhr gerade noch rechtzeitig zurück, aber nicht schnell genug, um einen breiten Schnitt über einem Wangenknochen zu vermeiden. Ein tiefes Grollen übertönte kurz alle Geräusche des Waldes…
Legolas zahlte dies jedoch mit einem gezielten Schlag gegen die Rippen seines Gegners zurück. Der Elb schrie auf und presste eine Hand an seine blutüberströmte Seite. Diesmal folgte ihm Legolas mit einem langen, geschmeidigem Schnitt und einem geschickten Schwertstreich, mit dem er offenbar die Sehnen an den Knien durchtrennen wollte. Haldur sprang im letzten Moment jedoch zur Seite und fiel ins Gras.
Elrohirs Hände ballten sich in Erwartung des letzten, tödlichen Hiebs zusammen – doch der kam nicht.
Legolas taumelte und schüttelte den Kopf, das Gesicht von Unglauben verzogen als er auf die Knie nieder sank. Erst jetzt offenbarte er den Blick auf das Heft eines Dolches, das oberhalb seiner rechten Leiste steckte. Haldurs Arm war noch immer in seine Richtung erhoben und die Hand, die sich beim Verlassen des Dolches geöffnet hatte, zeigte noch immer auf ihn.
Arwen schrie entsetzt Legolas' Namen aus und für einen kurzen Augenblick fuhr sein Blick zu ihr herum, dann kämpfte er sich wieder auf die Füße, wobei er sein Schwert als Stütze zu Hilfe nehmen mußte. Saradas schrie anscheinend Legolas' Schmerzen hinaus, die dieser empfinden mußte, doch dessen Lippen verließ kein hörbarer Laut.
Auch Haldur war wieder auf den Beinen und drang sogleich auf Legolas ein. Er landete einen harten Schlag mit der flachen Klinge auf dessen Rückrat. Dieser wirbelte noch zu seinem Gegner herum, während er um sein Gleichgewicht kämpfte und traf den Arm von Haldur – jedoch nicht so kraftvoll, wie noch einige Zeit zuvor. Legolas zuckte dabei zusammen, kämpfte jedoch weiter, wobei er Haldurs Hieben manchmal entkam und manchmal unter ihrer Wucht taumelte. Das strahlende Blau seiner Tunika war nun von unheilvollem Rot durchdrungen.
Haldur lachte schallend auf und drang auf Legolas ein, der immer wieder gefährlichen Schlägen ausweichen mußte, was ihm immer schwerer möglich zu sein schien. Sein Schwert zitterte in seinem unsicheren Griff und immer noch lag ein zufriedenes Grinsen auf Haldurs Gesicht, als ein weiterer Schlag von Legolas völlig daneben ging. Ein verächtlicher Schlag auf die Schulter mit der flachen Klinge, ein Tritt und Legolas stolperte erneut.
Wieder lachte Haldur und stieß Legolas endlich nieder. Legolas rollte sich herum und unternahm einen vergeblichen Versuch, Haldur sein Schwert aus der Hand zu schlagen. Sein Gegner wehrte den Schlag jedoch mit Leichtigkeit ab, entriss die Klinge dessen schlaffen Händen und warf sie von sich. Legolas tastete nach dem Messer in seiner Seite und zog dieses unter einem Schmerzlaut aus der Wunde. Er bäumte sich so schnell er es vermochte auf und traf dabei rein zufällig Haldurs Bein. Der Elb stöhnte auf, gab Legolas einen erneuten Tritt, sodass dieser wieder auf den Rücken geworfen wurde und trat dann mit seinem Stiefel auf Legolas Handgelenk. Dieses brach mit einem unnatürlich lauten Knacken, wie Elrohir fand, begleitet von einem unterdrückten Stöhnen aus Legolas' Kehle.
Über Elrohir ächzten die Bäume, als der Drache versuchte, die dichten Äste zu durchdringen, doch die Jahrhunderte alten Bäume hielten seinem Ansturm stand und so klangen seine Schreie schmerzhaft bis zum Waldboden hinab.
Haldur hatte sich siegessicher über Legolas aufgerichtet, nahm sich die Zeit, seinen Gegner höhnisch lächelnd zu betrachten, während sein Schwert, das er mit beiden Händen umfangen hielt, auf Legolas' gerichtet war, um es ihm ins Herz zu senken.
Das Messer aus Elrohirs Stiefel lag nur für Sekundenbruchteile in seiner Hand, ehe es so schnell durch die Luft sauste, dass es für ein menschliches Auge nur als winziger, glitzernder Silberfaden gesehen werden konnte. Es fuhr dicht über Haldurs Kragen der Tunika in dessen Hals und die Klinge vibrierte unter dessen entsetztem Zusammenzucken.
Das Schwert fiel zu Boden; Legolas rollte sich mühsam zur Seite und es verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Haldurs Hände umklammerten nun das Heft des Messers, während seine ungläubig, weit aufgerissenen Augen Elrohirs suchten. Es dauerte sehr lange, bis er auf die Knie nieder ging. Er sah an sich hinunter, sah auf das Blut, das über seine Brust und auf den Boden strömte, mit dem sein Leben in der Erde versickerte. Seine Lippen bewegten sich, doch die Klinge in seiner Kehle machte ihn stumm, während das siegessichere Kreischen des Drachen die Lichtung erfüllte. Seine Klauen schienen sich um die Lippen allen anderen Anwesenden gelegt zu haben und hielten diese stumm. Fast schien es, als habe für einen seiner Flügelschläge die Zeit aufgehört zu existieren.
Arwen löste sich aus Elladans Armen und folgte Elrohir, der sich ohne es zu merken, schon auf halbem Weg zu Haldurs leblosem Körper befand. Ohne eine Gefühlsregung zog er sein Messer aus dessen Hals, wischte es am Gras ab und steckte es zurück in seinen Stiefelschaft. Als er sich zu Legolas umwandte, hatte Arwen seinen Kopf in ihren Schoß gebettet und ihm das blutverkrustete Gesicht abgewischt. Sie flüsterte seinen Namen und er begann sich in Arwens Schoß zu regen, seine Augen flatterten, dann sah er auf – der Königin Gondors direkt in die Augen. Seine Worte schmerzten Elrohir unsäglich.
„Tut… mir leid, Arwen.", flüsterte er. „Ich habe… versagt…„
„Nein!" Seine Schwester streichelte sacht über seine unversehrte Wange. „Du bist ehrenvoll angetreten – gegen einen Feigling, der nur durch Hinterhalt vermag, einen Mann zu besiegen."
Legolas wollte darauf etwas erwidern, doch es blieb nur bei dem Versuch. Ein Schaudern durchlief seinen Körper und seine Augen schlossen sich, während er tiefer in Arwens Arme sank. Die Verletzungen des Kampfes forderten selbst für einen Elben zu viel Kraft und die Bewusstlosigkeit erlöste ihn vorerst von seinen Schmerzen.
Elrohir sah immer noch auf den Freund und seine Schwester hinunter, ebenso reglos, wie er sich hinter sich Elladan sicher war. Sie alle schienen wie erstarrt und Elrohir glaubte, das er den Grund dafür kannte. Während ihrer Suche nach Haldur war es das Wichtigste gewesen, Arwen aus seinen Händen zu befreien. Danach war all ihre Aufmerksamkeit auf den Kampf gerichtet gewesen – auf das Flehen, für einen Sieg durch Legolas. Haldur war nun besiegt, wenn auch nicht durch Legolas' alleinigen Verdienst, aber er war tot. Stellte keine Bedrohung mehr dar. Legolas Verletzungen waren zahlreich, aber keine davon lebensbedrohlich und sicher würden sie bald wieder verheilt sein.
Was sie alle hier auf dieser Lichtung gefangen hielt, war die Angst vor der Wahrheit! Was würde sie erwarten, wenn sie zur Kolonie der Düsterwaldelben zurück kehrten? Was würde ihnen Tanhis sagen, wenn sie die Räume der Heiler erreicht hatten?
Elrohir schluckte und zwang sich, sich zu Arwen hinunter zu beugen. Sie umklammerte noch immer Legolas Körper und streichelte unablässig über seine erschöpften Züge.
„Komm, Schwester! Er braucht jetzt die Hilfe und Pflege der Heiler. Außerdem sollten wir endlich…, sollten wir endlich zu Tanhis zurückgehen. Sie ist sicher schon ganz verrückt vor Sorge!"
Arwen nickte noch bevor sie zu ihm aufblickte, doch als sie es tat, wünschte Elrohir sich, sie hätte es nicht getan! Es lag so viel in diesem einen Blick. Mehr Schmerz lag darin, als in der schlimmsten Wunde, die man mit einem Schwert verursachen hätte können und noch mehr. Das gleiche musste Arwen wohl auch in seinen Augen gelesen haben, denn sie holte langsam und zitternd Luft und versuchte ein unsicheres Lächeln.
„Wir sollten nicht noch länger das unvermeidliche hinaufschieben. Kommt." Elladan hörte sich niedergeschlagen an, aber er setzte seine eigene Aufforderung sogleich in die Tat um. Er trat zu ihnen und wollte sich Legolas Arm gerade um die Schulter legen, als ein starker Windstrom sie erfasste. In gleichmäßigen Schlägen fegte er über sie hinweg, wirbelte Staub und Blätter auf und verhüllte noch für einige Momente die riesige Gestalt, die sich einen Weg durch die Baumwipfel suchte. Die Geschwister mussten sich ducken und den gewaltigen Flügeln ausweichen, aber Saradas streifte sie nicht einmal, sondern breitete nach seiner Landung eine seiner Schwingen vorsichtig aus.
Elladan schüttelte ungläubig den Kopf. „Er will wohl, dass wir auf seinen Rücken klettern! Komm, Elrohir, hilf mir mit Legolas."
Gemeinsam trugen sie den Freund auf den Rücken des Drachen, wo Arwen bereits auf sie wartete und den Kopf ihres Freundes wieder in ihren Schoß bettete. Sie wußte nicht, wovor sie mehr Furcht hatte – vor dem Flug auf diesem uralten, aus Legenden stammenden Geschöpf, oder der Ankunft in der Kolonie.
ooOOoo
Tanhis wanderte unablässig vor der geschlossenen Türe zu den Gemächern der Heiler auf und ab, jeden Muskel angespannt und bereit, sofort zu kommen, wenn Elrond sie rief. Das jedenfalls hatte er ihr versprochen! Er wollte sie umgehend holen, wenn sie Aragorn versorgt hatten, damit sie ihr Versprechen einlösen könnte, welches sie Legolas gegeben hatte! Sie würde nicht von Aragorns Seite weichen, bis die Gruppe zurück war und Arwen zu ihrem Gemahl brachte. Oder wenn…
An die zweite Möglichkeit wollte sie erst gar nicht denken, aber trotz ihrer Weigerung, tauchten die schrecklichsten Bilder und Gedanken wie von selbst immer wieder in ihrem Geist auf.
Sie sah Elrond, der mit versteinerter Mine durch die Türe trat und nur stumm den Kopf schüttelte, weil er seiner eigenen Stimme nicht traute. Sah die Zwillinge und Legolas, die den leblosen Körper von Arwen in Händen hielten, oder nur die beiden Brüder, die ihr nicht zu sagen trauten, dass weder Arwen noch Legolas zu ihr zurückkehren würden.
Wieder spürte sie, wie ihr Tränen in die Augen traten, aber sie kämpfte sie entschieden nieder und reckte trotzig das Kinn vor. Sie würde sich dieser Angst, dieser Schwäche nicht hingeben. Alles würde gut werden! Die drei Freunde würden Arwen und Haldur aufspüren und ihre engste Freundin befreien. Haldur würden sie gefangen nehmen oder töten – was war ihr inzwischen völlig gleichgültig! Und Aragorn würde es schaffen; er würde nicht sterben! Er musste einfach überleben!
Derart in Gedanken versunken, schreckte sie regelrecht zusammen, als sich die Türe endlich öffnete und sie wirbelte herum. Elrond stand regungslos im Türrahmen und auf seinem Gesicht stand nur zu deutlich, was er empfand. Angst, Sorge und Schrecken lagen im Widerstreit mit Erschöpfung und Niedergeschlagenheit, aber so sehr Tanhis auch suchte: Trauer war nirgends zu entdecken, aber auch keine Erleichterung.
„Wir haben getan, was in unserer Macht stand. Die Klinge hat den rechten Lungenflügel durchstoßen und nur knapp sein Herz verfehlt. Ein Stück nach links versetzt, und wir hätten nichts mehr für ihn tun können. Aber er hat viel Blut verloren und jeder Atemzug ist mühsam. Es liegt jetzt in den Händen der Valar und seiner Kraft…"
Elrond ließ sich auf die Bank nieder sinken, die an einer der Wände stand und die Tanhis die ganze Zeit über gemieden hatte. Sie war einfach nicht in der Lage gewesen, auch nur eine Minute ruhig sitzen zu bleiben.
„Kann ich…?"
„Nur zu.
Aber er ist schwach und nicht bei Bewußtsein."
Tanhis
nickte. „Er wird dennoch spüren, dass ich da bin!" Sie
versuchte, ihrer Stimme Zuversicht zu verleihen und war stolz darauf,
dass sie sich fest und sicher anhörte. Trotzdem atmete sie noch
einmal tief durch, straffte ihre Schultern und betete im Stillen, das
ihre weichen Knie sie noch einige Zeit tragen mochten.
„Tanhis?" Der Klang seiner Stimme, ließ die Elbin abrupt inner halten. „Irgend eine Nachricht von meiner Tochter? Von Legolas und meinen Söhnen?"
„Nein, mein Herr."
Elrond nickte wissend und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Tanhis zwang sich, nicht länger zu verweilen, auch wenn sie Arwens Vater gerne Trost gespendet hätte. Sie hatte ein Versprechen zu erfüllen!
Der Raum lag in dämmrigem Halbdunkel, erleuchtet von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne und ihr wurde bewusst, wie lange sie vor der Türe hatte warten müssen. Ein Tisch stand an der Wand, auf dem sich ein Stapel mit sauberen Tüchern und Lacken befand, gleich neben einer Schüssel, mit dampfendem Wasser. Daneben stand auf dem Boden ein großer Korb, in dem achtlos zusammengeknüllte Stoffbahnen lagen. Bei näherem hinsehen, konnte sie erkennen, das alle blutverschmiert waren, was sie beinahe in die Knie zwang. Über den Rand des Korbes, von einem der Sonnenstrahlen zum Glänzen gebracht, hing ein Ärmel einer edlen Tunika, die sie als diese wieder erkannte, die Aragorn getragen hatte. Sie riss sich von diesem Anblick los und traute sich endlich, näher an das Bett heran zu treten, das neben dem Fenster stand und das von den Strahlen der Sonne nicht erreicht wurde. Sie brauchte deshalb auch einen Moment, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch dann trat sie an die Bettkante und ließ sich darauf nieder.
Sie kannte Aragorn nun schon einige Jahre und hatte ihn stets darum bewundert, wie stark seine Persönlichkeit es vermochte, jeden Raum zu erfüllen, wenn er ihn nur betrat. Seine Erscheinung hatte diese Kraft immer widergespiegelt und selten hatte sie einen Menschen gesehen, der von einer Aura wie seiner umgeben war.
Kraft und Leben waren nun von seinem Angesicht gewichen, er war so blass - selbst seine Lippen wiesen kaum noch Farbe auf. Man hatte seinen Oberkörper mit Kissen gestützt, sodass er fast aufrecht im Bett saß, damit ihm das Atmen leichter fiel, aber jeder Zug kam mühsam und zittrig über die leicht geöffneten Lippen.
Tanhis fasste unendlich vorsichtig nach seiner Hand und zwang sich, nicht zurückzuschrecken, als sie ihre Finger darum schloss. Seine schönen, kraftvollen Hände, die sicher jedes Schwert hielten und ebenso flink und behände die Feder über das Pergament trugen, waren eisig kalt und lagen schlaff in ihrer zierlichen Hand.
Erst, als ihr Handrücken über ihre Wange fuhr, erkannte sie, das diese nass vor Tränen waren, die ihr unablässig über das Gesicht rannen und sie schluchzte ungewollt auf, als sie versuchte, ihre Fassung wieder zu erlangen. Er lebte, ja, aber selbst sie erkannte, dass sein jetziger Zustand nicht viel Hoffnung machte. Jeder, der ihn so sehen würde, wußte, dass sein Herz jederzeit aufhören konnte zu schlagen.
„Kämpfe.", flüsterte Tanhis kaum hörbar und wischte sich abermals mit der Hand über die Wange.
Wenn doch Arwen und Legolas endlich kämen! Sie waren es, die jetzt an Aragorns Seite gehörten! Sein bester Freund und seine Frau gehörten hier her, sie würde Aragorn spüren und aus ihrer Kraft könnte er die schöpfen, die er benötigte, dessen war sie sich sicher.
Unablässig strich sie sanft über Aragorns Hand, begann, ihm leise, elbische Worte zuzuflüstern und schließlich flehte sie ihn an, nicht aufzugeben. Sie zählte ihm auf, welche Menschen ihn brauchten, sein Volk, seine Freunde und warum sie ihn so dringend in ihren Leben benötigten. Was alles geschehen könnte, wenn er sie verließ.
Während die Sonne langsam immer tiefer sank und die Stille des Abends sich noch verstärkte, war sie innerlich ruhiger geworden. Ihre eigene gesprochene Stimme hatte sie zur Ruhe gebracht und mit jeder Minute die verstrich, wuchs auch ihre Hoffnung an. Elrond hatte es nicht ausgesprochen, aber sie ahnte, dass jede verstrichene Stunde bedeutete, das Aragorn kämpfte.
Hin und wieder öffnete sich leise die Türe und Diener kamen, um die beschmutzten Laken wegzuschaffen, heißen Tee zu bringen und schließlich entzündeten sie die bereitstehenden Kerzen. Der Schein der Flammen zeichnete tanzende Schatten auf die Wände und Möbel, ließen Aragorns Gesicht nicht mehr so erschreckend bleich erscheinen und tauchten alles in einen warmen, goldenen Glanz.
Als sich die Türe abermals öffnete, schaute sie nicht mehr auf, denn sie erwartete, nur wieder einen der Diener zu erblicken, aber dann legte sich eine warme Hand auf ihre Schulter und Elrond räusperte sich.
„Wird es nicht Zeit, dass du dich auch endlich ausruhst? Gandalf oder ich können ebenso gut hier bei Aragorn wachen."
Tanhis schüttelte nur den Kopf und Elrond seufzte wissend. Nichts anderes schien er erwartet zu haben. Er trat an die andere Seite des Bettes und ergriff die Hand seines Ziehsohnes, legte ihm die andere an die Stirn und verharrte so eine kleine Weile.
„Kein Fieber. Das ist ein gutes Zeichen."
Tanhis hob den Blick und lächelte kaum merklich. „Ich bin sicher, er schafft es."
In diesem Augenblick glaubte sie, einen schwachen Druck ihrer Hand zu spüren und ihr entfuhr ein überraschter Laut. Aragorn regte sich leicht in den Kissen und Elrond beugte sich näher zu ihm herunter.
„Aragorn! Aragorn hörst du mich?"
Seine Lider hoben sich mühsam, fielen immer wieder zu, bis seine matten Augen endlich denen seines Ziehvaters standhielten. Er schien einen Moment zu benötigen, um sich selbst bewusst zu werden, was geschehen war, aber dann wurde sein Blick klarer.
„Arwen?" Seine Stimme klang heiser und gezwungen, so, als müsse er all seine Kraft auf das Sprechen konzentrieren.
„Auch wenn es dich schmerzt, versuche tief Luft zu holen. Du musst die verletzte Lunge öffnen, Estel."
„Arwen?" Er blinzelte in der Anstrengung, die Augen geöffnet zu halten. „Wo ist … Wo ist sie?"
Das Atmen war eine Qual, das Sprechen noch viel mehr, aber Aragorn musste es einfach wissen. Elrond musste ihm endlich sagen, was er zu wissen verlangte, eher würde er auf sich selbst keine Rücksicht nehmen.
Mühsam, sich auf Elronds Hand stützend, versuchte er, sich höher aufzusetzen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Schmerzen schossen durch seinen Rücken und hielten seinen Brustkorb umklammert. Er zwang sich, dreimal tief durchzuatmen, wartete, bis sein Blick wieder klar wurde und sank zurück in die Kissen. Husten kroch seine Kehle hinauf, aber er versuchte ihn niederzukämpfen, bis er atemlos aufkeuchte.
„Ruhig, Aragorn." Er erkannte Tanhis' Stimme und wurde sich erst jetzt gewahr, das sie seine Hand hielt. Tröstliche Wärme ging davon aus und vertrieb die Kälte, die ihn noch immer gefangen hielt. Er umschloss ihre Hand fester und suchte ganz bewusst ihren Blick.
„Wo, Tanhis? … Sag es mir."
In ihren Augen stand all das geschrieben, was sie in den letzten Stunden ausgestanden hatte, aber sie schlug ihre Lider nicht nieder, wich ihm keinen Millimeter aus. Am Rande wurde Aragorn sich bewusst, das sie noch immer ihr Hochzeitsgewand trug, ihre haselnussbraunen Haare waren kunstvoll hochgesteckt, aber die Blüten darin waren längst verwelkt und ließen die Köpfe hängen und einige Strähnen hatten sich gelöst und fielen Wild auf ihre Schultern. Trotzdem war sie immer noch wunderschön und sie strahlte Kraft und Leben aus. Ihre großen, grünen Augen waren leicht gerötet und ihre Sommersprossen, die so einzigartig an ihr waren, zeichneten sich auf ihrer hellen Haut deutlicher ab als sonst. Legolas würde mit ihr glücklich werden – war es natürlich schon, aber ihr Bund würde es endlich auch für ganz Mittelerde deutlich zeigen.
„Legolas und deine Brüder suchen sie. Sie sind schon eine Weile fort…"
Tanhis senkte den Blick immer noch nicht, aber nun liefen ihr ungehindert weitere Tränen über die Wangen. Aragorn war es, der diesen Anblick nicht länger ertragen konnte und matt die Augen schloss. Er war sich bewusst, welches Opfer sie brachte, das sie hier bei ihm saß, während Legolas sich einem Feind gegenüberstellte. Ihr Platz war an Legolas' Seite, sie war seine Rückendeckung geworden, von dem Tag an, an dem sie sich ihre Gefühle füreinander eingestanden hatten. Welche Angst musste auch sie empfinden, wenn noch immer keine Nachrichten eingetroffen waren! Dieser Feind war gefährlich, vielleicht gefährlicher, als manch anderer, denn Haldur hatte nicht die Ehre, einem Mann ins Gesicht zu blicken, wenn er ihn tötete. Hinterlist und Tücke waren dessen Verbündete und er würde sie auch gegen Legolas einsetzten.
„Verzeih mir…", flüsterte er. „Dieser Tag sollte… nur euch gehören. Ich…"
„Scht. Es ist nicht deine Schuld. Du hast die ganze Zeit versucht, uns auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Ich bin mir sicher, dass sich alles zum Guten wenden wird, wenn du nur gesund wirst. Der Tag von Legolas und mir wird kommen – und du wirst mit Arwen an unserer Seite stehen. Schlaf jetzt, mellon nin. Legolas wird mich schelten, wenn ich nicht gut auf dich acht gebe."
Ihr Lächeln hätte ansteckend gewirkt, wenn Aragorn es gesehen hätte, aber die wenigen Worte, die er gesprochen hatte, hatten ihn erschöpft, sodass er schon bei ihren letzten Worten in den Schlaf geglitten war.
Tanhis sah zu Elrond auf und dieser nickte ihr anerkennend zu. Sie hoffte, das sie Aragorn hatte beruhigen können und das sie ihm bei seinem nächsten Erwachen auch das letzte bisschen Sorge nehmen könnte. Sie setzte all ihre Hoffnung darauf, dass bis dahin endlich Nachricht von Elronds Kindern und Legolas eingetroffen waren, oder besser noch, das sie alle wohlbehalten in die Kolonie zurückgekehrt waren. Sie flehte dafür stumm zu den Valar.
ooOOoo
Der Drachen trug sie schnell und sanft auf die große Lichtung der Kolonie der Düsterwaldelben und versetzte Arwen in Staunen, weil er dabei nicht eines der aufgebauten Zelte auch nur streifte. Das Erscheinen seiner riesigen Gestalt, verursachte die unterschiedlichsten Reaktionen unter den zahlreichen Hochzeitsgästen, die sich auf der Lichtung befanden und seit dem Vormittag darauf warteten, endlich zu erfahren, warum keine Feierlichkeiten stattgefunden hatten. Natürlich waren verschiedene Gerüchte unter den Anwesenden umhergegangen, aber niemand wußte etwas Genaues und im tiefsten ihres Herzens war Arwen dafür auch dankbar.
Legolas lehnte erschöpft an ihrer Schulter, war aber während des Fluges erwacht und erwehrte sich der Fürsorge der Zwillinge, so gut er es vermochte. Elrohir war als erster vom Rücken des Drachen geglitten und stützte den Freund, als dieser ihm nun folgte, was angesichts seines gebrochenen Knochens nicht gerade leicht war. Als er jedoch festen Boden unter den Füßen hatte, schob er Elrohirs Hand beiseite.
„Ich denke, es wird schon gehen.", brummte er, aber bereits sein erster Schritt ließ ihn zusammenzucken und er sank gegen Elrohirs Seite, der ihn sofort ergriff und sicheren Halt bot. Elladan trat an Legolas andere Seite, aber ein Blick des Freundes genügte und er hielt sich nur bereit.
Arwen folgte ihnen langsam, denn in ihr machte sich eine solche Unruhe breit, dass ihr das Herz aus der Brust zu springen drohte. Sie ließ ihren Blick hastig über die anwesende Menschenmenge schweifen, konnte aber kein sonderlich vertrautes Gesicht darin finden. Keiner ihrer Freunde war anwesend, nicht einer von ihnen kam angelaufen, dabei musste sich die Nachricht von ihrem Auftauchen doch sicher schon längst in der gesamten Kolonie verbreitet haben!
Ihre Kehle schnürte sich zu, als sie sich fragte, was die Freunde wohl zurückhielt. Vermochte es niemand von ihnen, ihr in die Augen zu sehen und ihr die Wahrheit zu sagen? Und ihr Vater? Wo war er?
Ein Ausruf von Elladan ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken und sie erfasste Gandalf, der sich ihnen durch eine Schneise in der Menschenmenge näherte. Er wirkte älter als sonst und unsagbar müde – dennoch lächelte er, als er Arwen erblickte und betrachtete dann Legolas besorgt. Elladan schweifte sein Blick nur kurz; umso länger ruhte er auf Elrohir, dem er dann anerkennend zunickte.
Arwen wußte nicht warum, aber sie war sich ganz sicher, dass der Zauberer ganz genau wußte, dass ihr Bruder Haldur getötet und Legolas gerettet hatte. Gandalf steckte immer wieder voller Rätsel, die sie wohl niemals ergründen würde.
Doch darüber vermochte sie jetzt nicht länger nachzudenken. Sie wollte endlich Gewissheit und nicht länger von ihrer eigenen Furcht erdrückt werden, aber bevor sie überhaupt fragen konnte, richtete Gandalf das Wort an sie.
„Kommt! Euer Vater hat mich zu euch geschickt, um euch zu holen. Er erwartet euch in Aragorns Gemächern. Elrohir, kommt mit und helft Legolas zu den Heilern. Sie werden sich ihm annehmen wollen."
Elrohir nickte und wollte Legolas gerade in die Richtung führen, die Gandalf ihnen wies, als dieser taumelte. Elladan griff nach seinem anderen Arm, aber Elrohir war schneller gewesen und umfasst bereits die Schultern des Freundes und ließ ihn zu Boden gleiten. Arwen hatte seinen gebrochenen Arm verbunden und geschient, die Wunde an Legolas' Seite notdürftig verbunden und die Blutung gestoppt, so gut sie es vermochten, bevor sie sich auf den Rückweg gemacht hatten, aber jetzt waren die weißen Stoffstreifen hellrot getränkt. Legolas sah ungläubig an sich hinunter und dann mit einem verwirrten Ausdruck zu Gandalf auf. Dieser sah wohl erst jetzt, was den Elb der Kampf und der anschließende Flug gekostet hatten.
„Aragorn. Ist er…?"
Sein Blick begegnete Legolas fest und er vermochte sogar, ein wenig zu lächeln. „Er lebt."
„Gut.", flüsterte Legolas erleichtert, „gut." Dann brach er bewusstlos in Elrohirs Armen zusammen.
Auf Gandalfs Anweisungen hin liefen einige Umstehende aufgeschreckt los und es dauerte nicht lange, bis sie eine Bahre auf die Lichtung trugen. Sacht wurde Thranduils Sohn darauf nieder gelassen und umgehend zu den Heilern gebracht, gefolgt von den drei Geschwistern und dem Zauberer.
Arwen schritt weit aus und spürte förmlich, wie sich ihre innere Anspannung noch vergrößerte. Sie wollte so schnell wie möglich zu Aragorn, aber gleichzeitig fürchtete sie sich vor dessen Anblick und zweifelte daran, dass ihre Kraft ausreichen würde, sich der Wahrheit zu stellen. Elrond würde ihr schonungslos alles über seinen Zustand mitteilen, das wußte sie und sie wappnete sich dafür, seine Schilderungen so ruhig wie eben möglich entgegen zu nehmen.
Sie betraten den Vorraum zu den Gemächern, in denen sich die Heiler befanden und gerade in diesem Moment trat Elrond aus einer der Türen hervor und blieb unvermittelt stehen, als er seine Kinder vor sich sah. Sogleich erhellten sich seine angespannten Züge und er eilte ihnen entgegen, um jeden kurz an sich zu drücken und seiner kritischen Musterung zu unterziehen.
Elrohir und Elladan verdrehten gespielt die Augen, aber Arwen blieb ernst und suchte bewusst den offenen Blick ihres Vaters.
„Wo ist er? Führe mich zu ihm, ada."
Elrond nickte stumm, deutete auf die Türe, durch die er gekommen war und sprach leise zu ihr.
„Er ist schwach, Arwen. Wir haben alles getan, aber die Zeit wird erst die Gewissheit bringen." Er hielt sie zurück und bedeutete ihr, einen Moment zu warten. „Ich weiß, du willst so rasch wie möglich an seine Seite, aber ich möchte erst Tanhis holen." Er blickte zu Legolas hinüber. „Sie wird sicher bei ihm sein wollen."
Arwen nickte und Elrond trat alleine ein. Bereits nach kurzer Zeit wurde die Türe schwungvoll aufgerissen und Tanhis stürmte in den Vorraum. Sie lief beinahe gegen die Freundin, nahm sich nur wenige Augenblicke, Arwen zu umarmen und rannte an die Bahre hinüber.
Mit zitternden Fingern strich sie einzelne Strähnen aus Legolas' Stirn und flüsterte seinen Namen. Sie glaubte zu bemerken, dass er sich leicht regte, aber er schlug nicht, wie erhofft, die Augen auf. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn den Heilern zu überlassen, die sich bereits um den Elben versammelt hatten und zum zweiten Male innerhalb eines Tages schloss sich eine Türe vor ihr.
Arwen konnte sich nur zu gut vorstellen, was in ihrer Freundin jetzt vorging, aber sie konnte und wollte jetzt nicht mehr länger warten. Sie atmete entschlossen ein und drückte die Türklinke. Sie betrat den Raum und als sie Aragorn erblickte, schien sich der Boden unter ihren Füßen zu öffnen. Dennoch schritt sie weiter auf das Bett zu und nahm an seiner Seite Platz, in der Gewissheit, dass sie nicht eher von hier weichen würde, bis er erwachte.
ooOOoo
Tanhis erfuhr von Elrohir und Elladan was sie wissen musste und konnte Elrohir nicht genug danken, das er so beherzt in den Kampf eingegriffen hatte und somit Legolas' Leben gerettet hatte.
„Ich werde dir ewig dafür dankbar sein!" Und zu seiner Überraschung, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und drückte ihm einen Kuss auf die Wangen.
Elrohir schob sie verlegen von sich. „Das war doch selbstverständlich. Legolas hätte das Gleiche auch für mich getan!"
Elladan räusperte sich neben ihnen. „Wo wir gerade von Legolas sprechen – ich glaube, du kannst jetzt zu ihm!"
Tanhis löste sich von Elrohirs Armen, der sie immer noch ein Stück von sich gehalten hatte und rannte auf die Türe zu, durch die soeben der letzte der Heiler heraus trat.
Legolas lag in einem der einfachen Betten und blickte ihr erwartungsvoll entgegen. Er war schwer gezeichnet. Blutergüsse verdunkelten seine Wangenknochen und seinen Kiefer und ein Knöchel war geschwollen. Er saß etwas steif aufrecht im Bett, weil dicke Verbände um seine Mitte geschlungen waren, die unter der leicht geöffneten Tunika hervorblitzten. Ein Ärmel war aufgerollt, um für die Schiene an seinem Arm Platz zu machen. Doch diese Verletzungen und die heilende Schwertwunden in seinem Gesicht waren nichts gegen die offene Wunde, die sie in seinen Augen sah.
„Ich habe es nicht geschafft, Tanhis. Ich habe Haldur nicht seine verdiente Strafe zuteil werden lassen." Seine Stimme klang unsicher und belegt. „Und ich weiß noch immer nicht, wie es um Aragorn steht."
Tanhis überwand den leeren Raum zwischen ihnen und streckte ihm die Arme entgegen. Er zog sie zu sich aufs Bett und barg sie an seinem Herzen, ignorierte den vagen, dumpfen Schmerz, der durch ihr geringes Gewicht in ihm ausgelöst wurde und verharrte lange in ihrem friedlichen Trost.
ooOOoo
Aragorn rollte sich von einer Seite auf die andere und versuchte vergeblich, Haldurs Schläge abzuwehren, aber seine Hände waren von einem dumpfen Taubheitsgefühl erfüllt und gehorchten ihm nicht. Schmerzen wie heißes Feuer gingen von seinem Rücken aus und hinderten ihn daran, tief durchzuatmen.
„Nein!" Sein flehender Aufschrei war in Wirklichkeit nur ein hilfloses Stöhnen, doch selbst dieses kostete ihn unendlich viel Kraft. Wieder traf ihn ein Schlag, doch noch immer konnte er die Faust seines Gegners nicht aufhalten und sie traf ihn mit voller Wucht am Brustkorb. Augenblicklich blieb ihm die Luft weg und er krümmte sich zusammen. Haldurs Atem streifte sein Gesicht, dessen Hände drückten seine Schultern auf den Boden und riefen neue Wellen des Schmerzes in seinem Rücken hervor.
„Estel. Estel."
Seine Stimme hallte in Aragorns Kopf wieder und drang langsam in sein Bewußtsein vor, doch er bemühte sich, das höhnische Flüstern nicht in sein Herz vordringen zu lassen. Er erwehrte sich der Versuchung, seinem Peiniger ins Gesicht zu blicken und presste noch fester die ohnehin schweren Lider zusammen. „Nein!" Diesmal würde er sich nicht dazu verleiten lassen, sich aus der Reserve locken zu lassen. Zu oft war es Haldur gelungen, ihn so in eine Falle zu lotsen und alles nur noch Schlimmer zu machen. Er verstand es nur zu gut, seine größten Ängste und Schwächen zu nutzen. Wenn er sich den momentanen Qualen hingab und keinen Widerstand leistete, dann verging ihm vielleicht der Spaß daran, ihn weiter zu tyrannisieren. Dann würde er von ihm ablassen und ihn endlich in Frieden lassen – wenigstens dieses Mal.
„Kämpfe!"
„Nein!"
Schwärze erfüllte sein Blickfeld, als sie Haldurs Hände um seine Kehle legten und ihn nun vollends daran hinderten, Sauerstoff in seine schmerzenden Lungen zu ziehen. Ein Gedanke kam ihm, das er versuchen sollte sich aufzubäumen, Haldur so von sich herunter zu stoßen, aber dieser besaß so viel mehr Kraft als er und würde seinen Griff ohnehin nicht im Mindesten lockern. Panik ergriff ihn und eine innere Stimme schalt ihn einen Narren, das er nicht endlich begann, sich Haldurs Angriffen zu erwehren. Wenn er noch länger zögerte, würde Haldur gewinnen, aber was würde danach geschehen? Aragorn kannte ihn nun schon lange genug um zu wissen, dass er sich dann sicherlich ein neues Opfer suchen würde. Mit Sicherheit eine Person, die Estel sehr nahe stand. Einer der Zwillinge, oder aber Arwen. Was würde Haldur dafür geben, sie zu besitzen, sie von Aragorns Seite zu treiben. Aragorn hatte so viel zu verlieren, für das es sich lohnte zu kämpfen und jeder abgewehrte Angriff würde ihn auch stärken, denn dann würde er lernen, seinerseits die Schwächen seines Gegners zu nutzen. Dennoch blieb ein Rest Zweifel. Es war so viel einfacher, endlich aufzugeben, den Strapazen ein Ende zu setzten und sich dem Frieden hinzugeben. Keine Schmerzen mehr, keine Angst. Aber war dies wirklich sein Weg? Konnte er einfach aufgeben? Sein Verstand sagte ihm, dass es nicht seiner Natur entsprach, nicht seiner Überzeugung, nach der er schon immer gelebt und gehandelt hatte. Sein Herz zeigte ihm die Liebe so vieler Freunde, die er für immer verlieren würde…
Also begann er zu kämpfen.
Er wußte nicht wie, aber plötzlich löste sich die Umklammerung um seinen Hals und süße, köstliche Luft rann seine Kehle hinab.
„Estel!" Diesmal klang die Stimme zärtlich und von Erleichterung erfüllt und er sagte sich, das sie es wehrt war, nach deren Ursprung zu forschen. Es gelang ihm, für einen kurzen Moment die Augen aufzuschlagen, aber trübe Helligkeit blendete ihn und sie fielen umgehend wieder zu. Ein bitterer Geschmack lag ihm auf der Zunge und brannte in seinem Hals.
„Wach auf.", bettelte die Stimme. Dann: „Bleib bei mir. Verlasse mich nicht!"
Hände legten sich auf seine Wangen, diesmal aber nicht bedrohlich, sondern weich und angenehm warm, die ihn sacht streichelten. Etwas drückte gegen seine Lippen und lauwarme Flüssigkeit benetzte seine ausgetrocknete Kehle. Selbst das Schlucken schmerzte und plötzlich war selbst die Erleichterung seines Durstes eine zu große Anstrengung. Um ihn herum, schien es wieder dunkler zu werden. Alles war still, bis auf ein schwaches Wispern in der Ferne, das ihn nun unablässig in dieser Welt zu begleiten schien und ihn daran hinderte, in eine andere hinüber zu treten.
ooOOoo
Der Herbst hielt das Land inzwischen mit festem Griff umklammert und immer öfter regnete es. Wind und Regen peitschten gegen die mit Ästen und Zweigen verhangenen Fenster und das trostlose Wetter schlug sich noch zusätzlich auf die niedergeschlagene Stimmung aller Freunde nieder. Arwen saß Tag und Nacht an Aragorns Seite, weckte ihn, um ihm Brühe oder Tee einzuflößen, aber er wirkte immer desorientiert und fiel schon nach kurzer Zeit wieder in seine Träume zurück. Darin wurde er wohl von den Dämonen der Vergangenheit gequält und vielleicht auch von den Erinnerungen der jüngsten Ereignisse, denn er warf sich umher oder schlug um sich. Wie schwach er noch war, zeigte sich daran, wie leicht er dann von ihr gehalten werden konnte, damit die Wunde an seinem Rücken nicht wieder aufbrach und dann sank er wieder mühsam nach Atem ringend zurück. Selten schlief er ruhig und entspannt.
Elrond erschien alle paar Stunden, brachte Schüsseln mit dampfendem Wasser, in das er Kräuter streute, deren Duft sich im Raum verbreitete und die Heilung der Lunge beschleunigen sollte. Zusammen mit einem Heiler säuberte er immer wieder die Wunde auf Aragorns Rücken und setzte sie für kurze Zeit der frischen Luft aus – behielt dabei immer einen unbewegten Gesichtsausdruck bei und wich dem Blick seiner Tochter anschließend aus. Einmal hatte Arwen wirklich geglaubt, sie würde Aragorn für immer verlieren und die Erinnerung daran, steigerte die erneute Angst in ihrem Herzen. Sie war sich sicher, das es alleine Elladan zu verdanken war, das Aragorn bei seinem letzten Anfall nicht erstickt war, denn er hatte umgehend gehandelt und seinen Ziehbruder höher in die Kissen gezogen. Dann hatte er ihm eine Flüssigkeit eingeflößt, dessen Rezeptur er aus einem der ältesten Heilbücher in der Bibliothek entnommen hatte. Es waren nur Sekunden verstrichen, bis Aragorn endlich wieder einen tiefen Atemzug getan hatte, aber Arwen waren diese wie Stunden erschienen. Tagelang hatte Arwen nun schon selten erfreuliche Worte für ihre Freunde, wenn sie sich für wenige Stunden selber etwas Ruhe gönnte und einer der Gefährten sie ablöste, aber die Heiler versicherten immer wieder, das der viele Schlaf bedeutete, das der Körper all seine Kräfte auf die Heilung verwandte.
Es war die dritte Nacht, nachdem der Mond endlich wieder voll am Himmel gestanden hatte, als Arwen sich nach einigen Stunden der stillen Wache vom Bettrand erhob, um sich die Beine zu vertreten. Sie ging durch das Schlafgemach zum Fenster und ließ ein wenig der kühlen Luft herein, um sich zu erfrischen, wobei sie die Arme um sich schlang, um dem Wind die Schärfe zu nehmen. Sie hatte eine Vorliebe für diese Stunde der Nacht und die Ruhe des Waldes hatte für sie etwas Tröstliches.
Fackeln erhellten die Lichtung weit unter ihr, aber in deren Lichtschein regte sich nichts und sie spähte einen Augenblick lang in die Schatten, bis sie die Wachposten in der Dunkelheit ausmachen konnte.
„Was siehst du da?"
Sie presste die Hand auf ihr Herz, um es zu beruhigen. „Nur die friedliche Nacht."
„Komm her zu mir." Seine Stimme klang noch immer rauh, aber seine Augen waren klar und als er ihre Hand nahm, war diese von einer natürlichen Wärme erfüllt. Arwens Knie zitterten vor Erleichterung und sie sank mit einem zuversichtlichen Lächeln auf den Bettrand nieder.
„Dachtest du etwa, ich würde dir so einfach wegsterben?"
Sein Lächeln war in dem dämmrigen Licht der Kerzen kaum zu erkennen, aber bei seinen Worten übermannte Arwen ihre Gefühle und die letzte Anspannung ließ die Beherrschung schwinden. Aufschluchzend ließ sie sich an seine Brust ziehen und er umschloss sie schützend in seinen Armen, bis der Tränenstrom endlich verebbte.
„Entschuldigung, ich wollte dich nicht zum Weinen bringen…"
„Ich habe nicht geweint!", versuchte sie zu protestieren.
„Lügnerin!", schalt er sanft, dann zog er vorsichtig und tief die Luft ein, spannte die Schultern und verharrte abrupt, als er die Schmerzgrenze erlangt hatte.
„Ich fühle mich furchtbar, so, als habe mich ein Höhlentroll mit voller Wucht aufgespießt. Wie lange war ich eigentlich weggetreten?" Seine Finger rieben über seine Bartstoppeln. „Eine ganze Weile, nehme ich an."
„Fast fünf volle Tage."
Ihre Äußerung ließ ihn hochfahren, was ihm augenblicklich den Schweiß auf die Stirn trieb. Mit sanfter Gewalt drückte Arwen ihn in die Kissen zurück.
„So lange.", murmelte er schwach. „Was ist geschehen, nachdem…?"
Arwen berichtete ihm ausführlich von den Ereignissen. Von denen, die sie selber miterlebt hatte, aber auch von allem, was ihr Elrond, Tanhis, Legolas und ihre Brüder berichtet hatten. Als sie von dem Kampf zwischen Legolas und Haldur berichtete, stellte Aragorn ihr immer wieder Fragen, hakte bei jeder Kleinigkeit nach, die sie nur vage umschrieb, bis er sich sicher war, jede Grausamkeit zu kennen, die Haldur seinen Freunden angetan hatte.
„Wie geht es ihnen jetzt? Wie geht es Legolas?"
Arwen seufzte auf. „Er nimmt keine Rücksicht auf sich, ist immer der Erste gewesen, der mich an deiner Seite abgelöst hat und ist in seiner Ehre gekränkt. Du kennst ihn doch…"
„Ja, und ich bin froh, einen Freund wie ihn zu haben." Er schien einen Augenblick in die Ferne zu blicken und mit den Gedanken an einem anderen Ort zu sein.
„Tanhis. Wenn es nicht nur ein Traum war, dann ist sie bei mir gewesen, oder nicht?"
Ein Lächeln breitete sich auf Arwens Gesicht aus. „Sie war bei dir – und nicht nur ein Mal."
Aragorn lächelte ebenfalls, aber Arwen entging nicht, das er nur noch mit Mühe die Augen offen halten konnte.
„Schlaf jetzt. Du darfst dich nicht gleich so anstrengen."
„Ich habe doch bereits so lange geschlafen…", aber sein Protest war eher halbherzig und er seufzte zufrieden, als sie sich neben ihn legte und anschmiegte. Ruhe legte sich über den Raum und die Stunden der Nacht verstrichen in Frieden.
