"Todd?" meldete sich die Agentin erwartungsvoll. Fornell hatte einen Anruf von der DEA angekündigt, und Kate war froh, endlich selbst einen Kontakt dorthin knüpfen zu können.
"Agent Todd, Sie werden innerhalb der nächsten Minuten eine weitere Videobotschaft erhalten. Ich möchte, dass Sie mich danach auf der Nummer Ihres Bosses anrufen."
Bevor Kate reagieren konnte, wurde das Gespräch beendet. Ihr Kollege hatte ihren entgeisterten Gesichtsausdruck bemerkt und wollte grade zu einer Frage ansetzen,
doch die Agentin stoppte ihn mit einer Geste und war schon wieder am Telefon.
Sie benachrichtigte ihren Kollegen vom FBI und drängte Fornell erneut, ihr den versprochenen Kontakt zur DEA zu verschaffen.
McGee, der nun auch im Bilde war, schaltete bereits seinen PC auf die Leinwand im Büro. Abby hatte er eine kurze Nachricht geschickt, so dass sie diesmal zumindest eine Vorwarnung bekam, und die Email sie nicht wieder in helle Aufregung versetzte. Nur eine Minute später stürmte die junge Forensikerin in das Büro.
"Ich will.. ich kann das nicht alleine anschauen.." erklärte sie.
In diesem Moment traf bereits die angekündigte Email ein und Tim startete die Wiedergabe der Videodatei.
2 Minuten später war die emotionale Spannung der Drei fast spürbar.
Abby hatte die Fäuste geballt und atmete bewusst langsam, um ihre Wut und Besorgnis nicht am nächstbesten Gegenstand auszulassen.
Tim's Gedanken rasten, gedanklich ging er ihre Möglichkeiten zur weiteren Vorgehensweise durch. Sie mussten doch etwas tun können!
Kate hatte bereits wieder ihr Telefon am Ohr. Als das Video zu Ende war, hatte sie umgehend Gibbs' Handy angerufen.
"Sie Bastard!" zischte sie in den Hörer.
Abby und McGee drehten sich zu ihr und sahen ihre Kollegin erstaunt an, dann erst bemerkten sie, dass Kate telefonierte.
"Shaw, sie kontaktieren die Falschen. Wir haben bis jetzt noch nicht einmal einen persönlichen Kontakt zur DEA." erkläre Kate dem Kidnapper.
Abby verlangte mit hochgezogenen Brauen eine Erklärung von Tim, als Kate versuchte, etwas über den Zustand ihrer Teamkollegen in Erfahrung zu bringen.
"Ich will mit ihnen sprechen.. Ihnen vertrauen?!? .. Nein, ich will jetzt mit ihnen sprechen!!" rief die Brünette zornig ins Telefon, dann schloss sie kurz frustriert die Augen. "Sie wollen handeln, Shaw? Dann stellen sie sicher, dass ich nächstes Mal mit meinen Kollegen reden kann." damit knallte sie den Hörer auf.
Ihre beiden Kollegen sahen sie mit großen Augen an.
"Dieses verdammte Arschloch!" brach es aus Kate heraus. "Er will, dass ich für ihn mit der DEA verhandele."
"Das ist doch gut für uns, Kate." stellte Tim vorsichtig fest. Abby nickte zustimmend.
"Ich weiß, McGee." seufzte die Agentin. Nach einigen Sekunden fügte sie bitter hinzu, "Gibbs und Tony sind angeblich .. verhindert."
Die drei Kollegen ahnten die Bedeutung von Shaw's Worten. Gibbs war vermutlich noch bewusstlos und Tony...
Der Van war auf eine offenbar schlecht ausgebaute Straße gewechselt. Die Fahrt war recht holprig geworden und die Schlenker des Fahrzeugs mehrten sich.
Weicht Schlaglöchern aus registrierte Tony in dem Versuch, sich an jeden klaren Gedanken zu klammern. Zum wiederholten Male rüttelte er leicht an Gibbs' Schulter.
"Boss?!" sprach er den grauhaarigen Ermittler nun schon fast in einem flehenden Ton an.
Seine Sicht verschwamm immer mehr und der junge Agent spürte, wie ihm langsam die Kontrolle über seine Sinne entglitt. Es war ihm bereits fast unmöglich, dass Gleichgewicht zu halten. Obwohl er saß, machte ihm das starke Schwindelgefühl zu schaffen. Sein Herz raste und Tony fragte sich, ob es tatsächlich so furchtbar kalt im Van war oder ob auch sein Zittern der Droge in seinem Körper zuzuschreiben sei. Dem jungen Mann war klar, dass er vermutlich sehr bald Hilfe benötigen würde - er musste es also unbedingt schaffen, Gibbs aufzuwecken.
"Boss.. falls Du aufwachen willst.. jetzt wäre es wirklich perfekt.." murmelte Tony mit plötzlich schwerer Zunge. Der angedachte leichte Stups in die Seite seines Chefs geriet zu einem unkoordinierten und ziemlich unsanften Hieb.
"Was zum -" setzte Gibbs endlich blinzelnd auf, dann erinnerte er sich.
"Tony!" Der Chefermittler setzte sich schwungvoll auf und wurde dafür prompt mit einem stechenden Schmerz im Hinterkopf bestraft. Er sog scharf die Luft ein und hielt einige Sekunden inne, bis der Schmerz nachließ.
Sein junger Kollege saß im Schneidersitz an die Wand gelehnt neben ihm und sah ihn mit glasigen Augen an.
Gibbs ging vor seinem jüngeren Kollegen in die Hocke und machte eine visuelle Bestandsaufnahme, während Tony schon fast verzweifelt versuchte, mit ihm Blickkontakt zu halten. Der Atem des des jungen Mannes ging schnell und stoßweise und er blinzelte immer wieder, wenn ihm die Realität zu entgleiten drohte.
Dem Chefermittler waren die stark geweiteten Pupillen seines Gegenübers aufgefallen und als er Tony schließlich wieder direkt in die Augen sah, war der Blick seines Agents bereits wieder etwas getrübter als noch vor wenigen Sekunden.
"DiNozzo, bist Du noch da?" fragt er deshalb, um sich zu versichern.
Der Angesprochene runzelte die Stirn, als hätte er zwar gehört, aber nicht verstanden. Gibbs versuchte es erneut. "Verstehst Du mich, Tony?"
Ein schwaches Nicken war die Antwort. Dann hob der jüngere Agent seinen Arm und schien nach seinem Chef zu tasten. "Boss.. so weit weg?!" brachte er undeutlich hervor, dann fiel sein Arm wieder in seinen Schoß.
"Ich bin hier, Tony. Direkt bei Dir." beruhigte der ältere Mann seinen Kollegen und setzte sich neben ihn, um ihn zu stützen. "Du stehst unter Drogen, erinnerst Du Dich?" fragte er dann, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen.
Tony versuchte, sich zu konzentrieren, doch in seinem Kopf hatte sich ein dichter Nebel gebildet, den er nur mit Mühe etwas lichten konnte. Er sah Gibbs an und schüttelte leicht den Kopf. Ein Schwindelanfall war die Folge, so dass sein Boss ihn schließlich in eine liegende Position brachte.
"Ist es jetzt besser?" fragte der Chefermittler sanft und erhielt ein bejahendes Blinzeln als Antwort.
"Versuch' nur, ruhig zu bleiben. Die Wirkung wird nachlassen. Niemand stirbt während meiner Schicht, das weißt Du doch."
Die ruhigen Worte von Gibbs kamen bei Tony als dumpfes aber beruhigendes Gemurmel an. Er schloss die Augen. Doch Lichtblitze explodierten hinter seinen Lidern und verursachten schmerzhafte Stiche in seinem Kopf, so dass er sie sofort wieder öffnete.
Sein Boss sah in alarmiert an, doch der junge Agent nahm seine Umgebung nicht mehr bewusst wahr. Er rollte sich auf die Seite und schlang seine Arme um den Kopf um die Blitze auszuschließen, und schloss wieder die Augen. Erneut die aufflammenden grellen Lichter und der stechende Kopfschmerz, dabei wollte er nichts mehr als schlafen. Die Schmerzen, das Frieren und der immer wiederkehrende Schwindel machten dies aber unmöglich und er verstand nicht, was mit ihm passierte. Tony wimmerte leise und begann, sich leicht hin und her zu wiegen.
"Tony.. " begann Gibbs, doch dann wurde ihm klar, dass sein junger Kollege ihn ohnehin nicht verstand. Er lehnte den zitternden Mann an seine Beine und streichelte ihm sanft über den Kopf um ihm auf diese Weise etwas Beistand zu leisten.
Der junge Agent spürte Wärme an seinem Rücken und jemand strich ihm die verschwitzten Haare aus der Stirn. Dann rieb eine Hand leicht in Kreisen über seinen Rücken und durch das Rauschen in seinen Ohren drang das Gemurmel einer vertrauten Stimme. Er spürte, wie seine Muskeln sich etwas entspannten und machte einen erneuten Versuch, seine Augen zu schließen. Ängstlich wartete er auf die Blitze und Schmerzen in seinem Kopf, doch sie blieben aus.
Doch es war immer noch kalt. Eiskalt. Ein besonders heftiger Schauer rüttelte den jungen Agenten durch. Die Hände auf seinem Rücken und Kopf verschwanden kurz, dann wurde ihm etwas übergelegt und seine Arme vorsichtig gerieben. Ihm wurde zwar nicht warm, doch wenigstens ließ das Zittern etwas nach.
Als Gibbs dies merkte, begann er wieder damit, in gleichmäßigen Kreisen über Tony's Rücken zu streichen und legte seine andere Hand auf den Hinterkopf des nun ruhiger gewordenen Mannes.
Eine gute Stunde verging, bis der junge Agent wieder etwas zu sich kam.
Gibbs' Hände ruhten mittlerweile auf Tony's Rücken und Arm, und der junge Mann wurde sich langsam seiner Umgebung bewusst. Als er sicher war, dass die Welt nicht wieder kippen würde, wenn er sich bewegte, hob er vorsichtig den Kopf.
Die Hand verschwand von seinem Arm und stütze nun zusammen mit der anderen seinen Rücken, als er sich auf den Rücken drehte. Gibbs' aufmerksamer Blick erwartete ihn bereits. "Wie fühlst Du Dich?"
Tony wollte grade antworten, als ein heißer Schmerz sein Bein bis in die Hüfte durchschoss. Seine Hand schnellte zum verletzten Oberschenkel, doch sein Boss war schneller. "Nicht. Ich sehe mir das noch mal an."
Damit zog er den bereits zerrissenen Jeans-Stoff noch ein Stück weiter auseinander und legte die Wunde frei. Gibbs' Augen verengten sich zu Schlitzen. Die Wunde war bereits stark entzündet, der ganze Bereich um sie herum rot und stark geschwollen.
Eine schmale rot-blaue Linie hatte sich gebildet und führte ein Stück hinauf in Richtung von Tony's Oberkörper.
Der verletzte Agent war noch immer benommen, doch der Gesichtsausdruck seines Chefs entging ihm nicht.
"Gibbs?" brachte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Eigentlich hatte es eine Frage sein sollen, doch sein trockener Hals und Mund hatten nicht mehr als ein Krächzen zustande gebracht.
"Die Wunde ist entzündet. Ich binde Dein Bein wieder ab." informierte der Chefermittler knapp seinen Kollegen.
Tony wusste, dass der ältere Mann immer dann den Unnahbaren herauskehrte, wenn er seine Gefühle zu verstecken versuchte. Gibbs war besorgt und das wiederum beunruhigte den jungen Ermittler ungemein.
Nachdem sein Bein wieder abgebunden war, lehnte sich Tony gegen die Wand und atmete tief durch. Die Schmerzen waren allgegenwärtig, diesmal verebbten sie nicht, wenn er nur still hielt. Er musste sich ablenken und wieder einen klaren Kopf bekommen. Noch hatte er den Eindruck, er erlebe alles durch eine Art Dunstglocke, die alle Bewegungen und Geräusche wie in Watte packte.
"Wie.." begann Tony, doch sein trockener Hals ließ ihn husten. Als es etwas besser ging, setzte er erneut an. "Wie lange war ich weg, Boss?"
Gibbs sah auf seine Uhr. Eine unnötige Geste, denn er wusste genau, wie lange es gewesen war. Er hatte die Minuten gezählt.
"Etwas über eine Stunde."
Der jüngere Agent versuchte, sich an diese Zeit zu erinnern.
"Ich weiß nichts mehr. Die haben mir die Spritze verpasst und Dich ausgeknockt, dann haben sie uns wieder hier herein befördert und dann... nada."
Diese Erinnerungslücke erstaunte den Chefermittler nicht im Geringsten. Er war außerdem ganz froh, dass Tony sich nicht erinnerte - das einmal durchzumachen, war genug. Er musste es nicht auch noch immer wieder in Gedanken wiedererleben.
Der Wagen fuhr nun langsamer und Gibbs vermutete, dass sie über ein besonders schlechtes Stück Straße fuhren, doch nach einigen Sekunden stoppten sie vollständig und die beiden Agenten hörten die Männer vorne aussteigen.
Tony setzte sich noch etwas aufrechter hin und Gibbs ging in die Hocke.
Als sich die Schiebetür schließlich öffnete, wurde dem Chefermittler sein Telefon entgegengestreckt. "Sprechen Sie mit Agent Todd." wies ihn Shaw kurz an.
"Kate?"
"Gibbs!! Bist Du okay? Wie geht es Tony?" konnte die hübsche Agentin ihre Gefühle nicht mehr ganz im Zaum halten.
"Mir geht es gut. Tony braucht Hilfe." antwortete ihr Chef sachlich.
"Gibbs, wir sind am Ball, ich werde mit der DEA etwas aushandeln!" versprach Kate. Sie wusste, dass der ältere Agent sich darüber im Klaren war, wie verzwickt die Situation aussah. Sie musste ihm nichts vormachen.
"Ich weiß Kate." Er sah kurz zu Tony. "Aber was Ihr auch macht, tut es schnell."
Damit wurde ihm das Telefon wieder entrissen und Shaw wechselte noch einige Worte mit der Agentin bevor er das Gerät wieder in seine Hosentasche packte.
"Wie stellen Sie sich das eigentlich vor, Shaw? Die DEA, das FBI und der NCIS wird Ihren Arsch jagen, egal, was Sie mit uns anstellen."
Der Mann legte den Kopf schief und betrachtete seine beiden Geißeln, dann nickte er. "Da stimme ich Ihnen zu, Agent Gibbs. Ihnen ist also klar, dass ich keinen Grund habe, der Gesundheit von Ihnen oder DiNozzo besondere Beachtung zu schenken."
Der grauhaarige Agent warf dem Mann einen düsteren Blick zu. Das war ihm absolut klar. "Schön. Verhalten Sie sich ruhig und Sie werden sich auch weiterhin um Ihren Kollegen kümmern können."
Dann sah er Tony an, "Wir sehen uns in ungefähr einer Stunde wieder, Tony."
