"Wir haben weniger als eine Stunde, um der DEA in den Hintern zu treten und diesem Dreckskerl einen Deal anzubieten." ließ Kate mit fester Stimme verlauten, als das Telefonat beendet war. Ihre Kollegen sahen sie mit merkwürdigen Blicken an, doch bevor die Ermittlerin sie fragen konnte, was los war, klärten sich das Verhalten der beiden schon auf.
"Special Agent Todd?" ertönte eine männliche Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um und stand einem drahtigen Mann mittleren Alters in Jeans und Sweatshirt gegenüber. "Special Agent Jack Nicholson. DEA."
Und Tony ist nicht hier dachte Kate mit einem leisen Lächeln.
Die drei Agenten starrten den Mann und seinen Begleiter ungläubig an, doch dieser überging die für ihn zur Gewohnheit gewordenen Blicke und sprach unbeirrt weiter.
"Das ist mein Kollege, Special Agent Jensen. Ich schlage vor, wir machen uns an die Arbeit und verschwenden unsere Zeit nicht mit Revierkämpfen. Wir wollen Shaw und seine Helfer, sie wollen Ihre Kollegen zurück - offensichtlich verfolgen wir also im Groben das gleiche Ziel."
"Im Groben?!" flüsterte Abby gereizt in Tim's Ohr. Der junge Agent drückte sie sanft in Richtung Aufzug. "Hauptsache, wir finden endlich eine Spur, Abby." raunte er ihr zur. Die schwarzhaarige Forensikerin sah ihren Kollegen noch immer mit leicht zweifelndem Blick an, betrat dann aber den Aufzug um sich wieder in ihr Labor und an die Auswertung der Spuren zu machen.
McGee war grade wieder bei Kate und den DEA Agents angekommen, als sich hinter ihm die Aufzugstür erneut öffnete und Ducky mit forschen Schritten auf die Gruppe von Agenten zulief. "Timothy! Kate?!" rief er schon von einigen Metern entfernt aus. Kate stellte die beiden Männer der Drogenfahndung und den Doktor einander vor. "Was gibt es, Ducky?" fragte sie dann.
"Ich bin gekommen, und das Euch zu fragen." antwortete der ältere Mann. "Seit Stunden habe ich keine Nachricht mehr von Euch bekommen. Wisst Ihr, wo Jethro und Anthony sind? Wie geht es Ihnen?"
Nicholson machte keinen Hehl aus seiner Ungeduld und verzog unwirsch das Gesicht. Kate seufzte innerlich, sie hasste es, den ihr so liebgewonnen Kollegen abzufertigen, doch in diesem Fall hatte sie keine Wahl.
"Ducky.. wir haben nicht viel Zeit, um den beiden zu helfen. Und Tony geht es nicht gut. Abby kann Dir alles erklären." Mit einem entschuldigendem Blick fügte sie leise hinzu, "Es tut mir leid."
Der Mediziner warf den DEA Agenten einen kurzen Blick zu, dann sah er Kate verständnisvoll an und nickte ihr zu. "Ihr werdet sie finden."
Damit verließ er das Büro, um sich bei Abby über die Situation zu informieren.
"Waren das jetzt alle?" fragte Nicholson knapp, als die Agenten wieder unter sich waren. "Unsere Kollegen sind ein wichtiger Teil des Teams." antwortete Kate ihm schnippisch. Der Mann war ihr äußerst unsympathisch.
"Das waren alle." beantwortete Tim die Frage des Drogenfahnders. Auch er hatte auf Anhieb eine Abneigung gegen den älteren Mann, doch nur mit Hilfe der DEA würden sie einen Deal mit Shaw und somit Gibbs und Tony retten können.
Kate war dies ebenfalls klar - sie hatte nur nicht vor, sich für die Zeit der Ermittlungen von diesem herrischen Knochen herumkommandieren zu lassen.
"Also, Agent.. Nicholson. Agent Jensen. Sie wissen, was Shaw verlangt. Wie will die DEA vorgehen?" wollte sie wissen.
Jensen ergriff zum ersten Mal das Wort. "Wie Sie wissen, hat Flanigan uns die entscheidenden Hinweise gegen Shaw gegeben, so dass wir endlich etwas gegen ihn in der Hand haben. Auch wenn wir wollten, könnten wir Flanigan also nicht freilassen. Nach seiner Haftstrafe wird er in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Noch weiß Shaw nicht, dass sein 'Partner' gegen ihn ausgesagt hat, doch er wird es erfahren - und er wird sich an Flanigan rächen wollen."
"Also gehen sie nicht auf die Forderung ein. Was ist Ihr Plan?" hakte Kate nach.
Nicholson ergriff wieder das Wort.
"Wir werden selbstverständlich zum Schein auf den Handel eingehen."
"Wird Shaw nicht misstrauisch, wenn seiner Forderung sofort zugestimmt wird?" fragte Tim vorsichtig.
Der ältere Drogenfahnder sah ihn scharf an.
"Und was schlagen Sie vor, Agent McGee? So wie ich es sehe, läuft Ihren Kollegen die Zeit weg. Vor allem Agent DiNozzo."
Tim schluckte, dann straffte er jedoch die Schultern und sah dem DEA-Agenten in die Augen. "Wie Sie wissen, haben wir die Videos gesehen. Uns ist also völlig klar, dass unsere Kollegen und insbesondere To - Agent DiNozzo Hilfe benötigen. Es ist Teil unserer Arbeitsweise, alles in Frage zu stellen, um am Ende die Richtige Entscheidung zu treffen."
Kate sah ihren jüngeren Kollegen mit einer Mischung aus Erstaunen und Bewunderung an - hätte Gibbs ihn eben erlebt, wäre er sicher stolz gewesen.
Agent Nicholson sagte eine Weile nichts, dann musterte er Tim und schließlich drehte er sich zu Kate. "Gut. Dann rufen Sie Shaw an und sagen Sie ihm, dass wir auf seine Forderung eingehen. Machen Sie einen Treffpunkt aus."
Und, zu Tim gewandt, "Gibt es eine Möglichkeit, das Telefon zu orten?"
Der junge Agent schüttelte den Kopf. "Nein. Er schaltet es zwischendurch aus. Ich bezweifle auch, dass Kate ihn jetzt erreichen wird. Die Telefonate hält er zu kurz, um eine Ortung durchführen zu können."
Jensen nickte grimmig. "Also sind wir darauf angewiesen, dass er anbeißt."
Tony konzentrierte sich auf seine Atmung. Die Schmerzen in seinem Bein waren mittlerweile so stark, dass sein Magen mit Übelkeit reagierte und all seine Muskeln völlig verspannt waren.
Auch der grauhaarige Ermittler versuchte, so ruhig wie nur möglich zu bleiben. Er sah auf die Uhr. Vor einer Dreiviertelstunde hatten sie Shaw zum letzten Mal gesprochen. Was auch immer er als nächstes vorhatte verhieß sicher nichts Gutes für Tony - und er würde es bald tun. Gibbs fuhr sich mit den Händen durch die kurzen Haare und rieb sich dann über das Gesicht.
"Boss, alles in Ordnung?" kam es in dem Moment von seinem jungen Kollegen.
"Mit geht's gut, Tony. Könnte mir nur mal etwas die Beine vertreten.." grinste der Chefermittler den jüngeren Mann müde an. "Ich seh' mir noch mal Dein Bein an."
Tony winkte ab. "Wir wissen beide, wie es aussieht. Ich halte schon durch."
Sein Gegenüber lehnte sich wieder zurück an die Wand.
"Gibbs? Sie werden uns doch finden, oder?" fragte der verletzte Mann leise.
"Sie werden es nicht wagen, das nicht zu tun." kam die überzeugte Antwort.
Tony's Lippen umspielte ein Grinsen. Nein, das werden sie nicht..
Kate ließ sich auf ihren Stuhl fallen und legte den Hörer des Telefons auf.
"Wir müssen warten, bis er sich meldet." stellte sie frustriert fest.
"Seit der Videoaufnahme ist eine Stunde vergangen. Er wird ohnehin sehr bald anrufen." kam es von Tony's Schreibtisch, wo sich Jensen niedergelassen hatte.
Kate sah ihn feindselig an. "Ja, doch dann wird es für Tony wahrscheinlich schon wieder zu spät sein."
Auch Tony sah mittlerweile ständig auf seine Uhr.
"Wenn sie mir wieder etwas spritzen, knock mich einfach aus, Boss." bat er seinen Vorgesetzten.
"Das kann ich nicht machen Tony. Du weißt das." antwortete dieser mit Bedauern in der Stimme. Er wusste, dass sein junger Kollege Angst hatte, vor dem, was ihm noch bevorstehen könnte. Es ging ihm selbst nicht anders. Mit den meisten Gefahren- und Krisensituationen in seinem Job konnte er ohne mit der Wimper zu zucken umgehen, doch das hier war eine ganz andere Sache.
Er hatte keine Möglichkeit, in das Geschehen einzugreifen und war vollkommen abhängig von Shaw und vor allem von seinem Team, dass sie hoffentlich bald befreien würde. Tony war verletzt und krank und Gibbs war völlig hilflos.
Er stieß heftig die Luft aus. Hilflos und ausgeliefert zu sein war ihm zuwider. Niemand mochte dieses Gefühl, doch ihn machte es rasend. Er sah zu seinem Kollegen, der blass und verschwitzt neben ihm saß. Es gab nichts, was er tun könnte.
Der Van hielt, nachdem er eine ganze Weile über Sand oder sehr trockene Erde gefahren war. Als sich die Schiebetür öffnete, sah Gibbs mehrere rustikale Blockhütten auf einer Lichtung. Sie mussten sich auf einer Art Wald-Campingplatz befinden. Mittlerweile war es Abend und dunkel geworden. Der kurze Weg zu den Hütten wurde von wenigen Lampen beleuchtet, die eher die Schatten größer, als die Umgebung heller machten.
Shaw und TJ winkten ihre beiden Gefangenen mit ihren Waffen aus dem Wagen.
Gibbs stieg aus, doch als Tony ihm folgen wollte, stöhnte er schon bei der ersten Bewegung auf und griff sich reflexartig an seinen Oberschenkel.
"Er braucht Hilfe." Gibbs sah TJ auffordern an. Shaw nickte dem stämmigen Mann zu und dieser zog zusammen mit dem älteren Agent Tony aus dem Wagen. Sie legten seine Arme um ihre Schultern und zogen ihn so mehr oder weniger mit sich zu der Hütte, zu der Shaw sie führte. Gibbs sah sich unauffällig um. Von dem anderen Van war nichts zu sehen. Allerdings waren dort auch keine anderen Wagen und die Hütten waren allesamt verlassen. Keine Saison erklärte sich der Ermittler diesen Umstand.
In der Hütte angekommen entzündete Shaw lediglich eine Öllampe. Das helle Deckenlicht ließ er vorerst unbeachtet. TJ duckte sich unter Tony's Arm hinweg, so dass Gibbs unerwartet das volle Gewicht seines jungen Kollegen trug. Er machte einen Schritt zur Seite, um sein Gleichgewicht wieder zu finden und half Tony dann das letzte Stück zu dem blanken Bett.
Dem braunhaarigen Mann waren die Schmerzen ins Gesicht geschrieben. Er schluckte mehrmals, um die Übelkeit, die ihn zu überwältigen drohte, niederzukämpfen. Erst als er seinem Boss kurz in die Augen sah und fast unmerklich nickte, ließ dieser ihn los. Tony zog sich ganz auf das Bett herauf und lehnte sich dann sitzend gegen das Kopfende, das an der Wand stand.
Als er wieder aufsah, stellte TJ grade die Kamera auf einer Kommode neben der Tür in Position und Shaw schaltete das Deckenlicht ein. "Wir wollen doch, dass Ihre Kollegen auch etwas sehen können." erklärte er dabei in sarkastischem Tonfall.
Das rote Lichte der Kamera war an. Tony starrte in das Objektiv, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.
Als Shaw wenige Sekunden später wieder eine Spritze mit einer unbekannten Flüssigkeit aufzog, kämpfte er sich vom Bett.
"Du Bastard!!" schrie er Shaw an. Gibbs konnte den jungen Mann grade noch auffangen, bevor er mit einem Schmerzensschrei zu Boden ging.
"Tony, .." begann der ältere Agent, doch er fand keine Worte und ließ den angefangenen Satz verebben.
"Boss, bitte nicht. Bitte nicht noch mal. Bitte.." wimmerte Tony leise in Gibbs' Ohr. Die Schmerzen und das Fieber hatten den jungen Mann bereits sehr erschöpft.
Der grauhaarige Agent hielt seinen Kollegen und schloss verzweifelt die Augen.
"Es tut mir leid. Du musst durchhalten. Hörst Du, DiNozzo?" beendete er den sanft begonnenen Satz mit Nachdruck.
Tony hob den Kopf und Gibbs konnte die Angst in seinen Augen sehen, doch der junge Mann nickte schwach aber entschlossen. Das war die Reaktion, die der Chefermittler hatte sehen wollen. Er wusste, dass der jüngere Agent seine Anweisungen immer ernst nahm. Auch wenn sie manchmal kaum zu befolgen waren.
TJ und Shaw kamen nun näher. Der glatzköpfige, bullige Mann blieb einige Schritte entfernt von den am Boden sitzenden Männer stehen und sicherte seinen Boss mit der Waffe. Shaw selbst ging neben seinen Gefangenen in die Hocke und befiel dann Gibbs, sich neben TJ zu stellen. Der Ermittler folgte der Anweisung mit eisigem Blick.
Innerhalb weniger Sekunden war Tony's Arm wieder abgebunden und Shaw setzte die Spritze an. Bevor er die Flüssigkeit jedoch in die Vene drückte, drehte er sich um und sprach in die Kamera.
"Ich gehe davon aus, dass sie mittlerweile alles in die Wege geleitet haben, um meine Forderung zu erfüllen. Sobald sie diese Aufzeichnung gesehen haben, werden Sie mich wieder auf Agent Gibbs' Handy anrufen. Sie erhalten dann Informationen über das weitere Vorgehen und unseren Treffpunkt."
Als er sich wieder Tony zuwandte und ihm den Inhalt der Spritze injizierte sprach er weiter, "Wenn alles glatt läuft, sind sie in 6 Stunden hier und können Ihre Kollegen befreien. Falls nicht, wird DiNozzo so enden wie Ihr toter Petty Officer."
Er stand auf und stellte sich wenige Schritte vor die Kamera, dabei hielt er die nun leere Spritze vor sich.
"Wissen Sie, was passiert, wenn man dem menschlichen Körper zwei Stoffe zuführt, die sich gegenseitig potenzieren, Agents? Er kämpft solange gegen die Fremdkörper an, bis er völlig ausgebrannt ist. Bis er stirbt." Shaw warf die Spritze zur Seite.
"In maximal 8 Stunden." beendete er mit einem letzten Blick auf Tony die Aufnahme.
