"Agent Todd, Sie rufen sofort Shaw
an und vereinbaren einen Treffpunkt. Und sagen Sie ihm, dass wir
Flanigan erst herausgeben, wenn wir Gibbs und DiNozzo gesehen haben.
Lebendig. Agent McGee, Sie geben Miss Sciuto Bescheid. Sie soll genug
Equipment einpacken, um vor Ort herausfinden zu können, was
DiNozzo im Blut hat. Ich gehe davon aus, dass wir schnell handeln
müssen, sobald wir Gibbs und ihn haben." gab Nicholson
Anweisung ohne zu zögern, nachdem die Videobotschaft auf dem
Bildschirm im NCIS Büro gelaufen war.
Kate und Tim schluckten
ihren Ärger über die Befehlsübernahme durch den
Agenten der DEA hinunter - es war nur wichtig, dass sie ihre Kollegen
befreiten. Sie nickten und machten sich an die Arbeit.
Nach der Aufnahme des Videos hatten TJ und Shaw die Hütte verlassen, jedoch nicht ohne die Aufforderung, dass Gibbs und Tony sich für die nächste Etappe ihres 'Ausflugs' bereit halten sollten.
Sobald sich die Tür
geschlossen hatte, eilte der ältere Agent zu seinem
Kollegen.
"Wie fühlst Du Dich?" fragte er den am Boden
sitzenden jungen Mann.
"Darüber möchte ich lieber
nicht nachdenken, Boss." kam die zittrige Antwort von Tony, doch
Gibbs war froh darüber, dass er auch eine Spur von Tony's
typischem Sarkasmus hatte heraushören können.
"Gut,
dann übernehme das ausnahmsweise ich für Dich. Lass es aber
nicht zur Gewohnheit werden." kam es von dem grauhaarigen
Agenten.
Tony blickte auf und erkannte in den blauen Augen seines
Gegenübers das Funkeln, welches immer auftauchte, wenn Gibbs ihn
aufzog. Etwas gedämpft zwar von Sorge und Wut, doch es war
da.
Der jüngere Agent ging auf die freundschaftliche
Provokation des älteren Mannes ein.
"Was soll nicht zur
Gewohnheit werden, Boss?" fragte er, während Gibbs sich erneut
die Wunde an seinem Bein ansah.
"Dass ich für Dich denke,
DiNozzo." kam die knappe Antwort des Chefermittlers.
Tony's
Mund umspielte ein kleines Lächeln, dann zog er scharf die Luft
ein, als Gibbs den Gürtel um seinen Oberschenkel plötzlich
enger zog.
Eine Welle von
Übelkeit und Schwindel überkam den jungen Agenten und er
konnte sich grade noch zur Seite beugen, bevor er sich übergab.
Da sein Magen aber mittlerweile völlig leer war, brachte er
nur noch bitteren Gallensaft herauf, der noch dazu im Hals brannte.
Tony kniff die Augen zusammen und wischte sich erschöpft über
den Mund.
"Du hast nicht zufällig Kaugummi dabei, Boss?"
fragte er ohne viel Hoffnung.
Der ältere Agent zog die Brauen
hoch, "Sonst noch irgendwelche Wünsche, DiNozzo?" fragte er
und half dabei Tony wieder auf das Bett. Das Fieber des verletzten
Agenten war mittlerweile bereits durch seine Kleidung zu spüren
und sein Herz schlug schnell und hart in seiner Brust.
"Nein..
keine, bei denen Du mir weiterhelfen könntest." erwiderte Tony
nach ein paar Atemzügen leise.
Gibbs war die Resignation, die
in diesen Worten mitschwang, nicht entgangen. Er sah seinen jungen
Kollegen eindringlich an.
"Du hast gehört, was Shaw gesagt
hat. In ein paar Stunden sind Kate und McGee hier."
Der erschöpfte
Mann auf dem Bett bemühte sich, seine Augen offen zu halten.
Kate.. wiederholte er in Gedanken den Namen seiner hübschen
Kollegin. Dann spürte er, wie sich sein ganzer Körper
verkrampfte und das ihm schon bekannte Rauschen nahm an Lautstärke
zu, bis es alle andere Geräusche fast gänzlich
übertönte.
"Tony!" Gibbs war sofort zur Stelle, als
sich die Augen des Agenten völlig unvermittelt verdrehten und
sein Körper von Krämpfen geschüttelt wurde.
Er
hielt den Körper seines Kollegen fest und redete dabei
beruhigend auf den hilflosen jungen Mann ein.
Die wenigen Minuten
bis Tony wieder ruhig war und er den Blick seines Bosses erwidern
konnte, erschienen dem älteren Agent wie eine kleine Ewigkeit.
"Bist Du wieder
da?" versicherte sich der Chefermittler.
Tony schluckte und
blinzelte ein paar Mal, bis seine Sicht klarer wurde. Sprechen schien
ihm fast unmöglich, all seine Konzentration lag darauf, die
Schmerzen in seinem Körper nicht alles andere überschatten
zu lassen.
Er nickte, und brachte dann ein krächzendes "Bin
da.. Boss." hervor.
Gibbs sah sich in der Hütte um. Tony
würde dehydrieren, wenn er nicht bald Flüssigkeit zu sich
nehmen würde.
Es gab jedoch offenbar kein fließendes
Wasser und auch Wasserflaschen oder ähnliches waren nicht zu
sehen.
Der grauhaarige Agent drehte sich zurück zu seinem
Kollegen auf dem Bett. Tony lag auf der Seite und hatte sich
zusammengerollt. Gibbs wusste, dass der junge Agent starke Schmerzen
haben musste. Er ließ sich gern wegen kleiner Verletzungen
bemitleiden, doch wenn es ihm wirklich schlecht ging, kam darüber
kein Wort über seine Lippen. In diesem Fall war es jedoch
offensichtlich und die Tatsache, dass er nichts für Tony tun
konnte, brachte ihn in Rage.
Nur wenige Minuten
nachdem ihre Entführer die Hütten verlassen hatten, kehrten
sie wie angekündigt schon wieder zurück.
"Er muss
trinken." warf Gibbs den beiden Männern als Aufforderung
entgegen, sobald sie durch die Tür gekommen waren.
"Wenn
sie danach aufwischen.." erwiderte Shaw mit einem schadenfrohen
Grinsen zu der Stelle, wo Tony sich vor kurzem erbrochen hatte.
Gibbs
baute sich vor dem Mann auf.
"Sie tragen besser Sorge dafür,
dass unsere Kollegen uns beide lebendig wiedersehen. Ansonsten können
Sie Ihren Partner Flanigan abschreiben."
In Shaw's Augen
wechselte Ärger zu Belustigung.
"Das werde ich so oder so,
Agent Gibbs. Die DEA geht davon aus, dass ich ihn freikaufen will und
sie wollen ihn schützen."
Der Ermittler runzelte verwirrt
die Stirn und Shaw fuhr fort, seine Absichten zu erklären.
"Flanigan hat mich ans Messer geliefert - woher meinen Sie, hatte
die DEA die Informationen, die sie für die Razzia
benötigten?"
Gibbs fluchte in sich hinein. Hätte die
Drogenfahndung von Anfang an mit ihnen zusammen gearbeitet, hätte
er diese Information schon viel eher erhalten.
"Ich will mit
diesem Bastard keine Geschäfte mehr machen, ich will ihn
umbringen. Und danach werden ich und meine Partner aus diesem Land
verschwinden."
Als Shaw angefangen
hatte, zu sprechen, zwang Tony sich, seine Konzentration auf den Mann
zu lenken. Er wollte mitbekommen, was vor sich ging. Nach der
Ankündigung seiner Pläne, kamen Shaw und TJ auf ihn zu, auf
dem Fuße gefolgt von Gibbs. Die beiden Männer zogen ihn
vom Bett und auf die Beine, und das viel zu schnell für seinen
sich im Aufruhr befindlichen Körper. Der Schwindel, die Übelkeit
und Schmerzen ließen den jungen Mann aufstöhnen.
Gibbs
starrte TJ feindselig an, dann dränge er sich wortlos an seine
Stelle und legte Tony's Arm um seine Schulter. Shaw nickte seinem
Kollegen zu und bedeutete ihm, den Agenten gewähren zu
lassen.
Die beiden Ermittler wurden erneut in den Van geschlossen,
doch diesmal konnte Gibbs vorher noch ein Schild in der Nähe des
Wagens entdecken.
Ontariosee. registrierte er. Wir sind an der
Grenze zu Kanada.
Er wandte sich Tony zu und als er bemerkte,
dass dieser ihn ebenfalls ansah, teilte er ihm seine Beobachtung mit.
Obwohl sein Kollege ihm nicht antwortete, wusste Gibbs, das er
ihm folgte. Der Blick des jungen Agenten war zwar etwas unfokussiert
und seine Augen glänzen vom Fieber, doch er strengte sich
offensichtlich an, sich zu konzentrieren.
Der Chefermittler legte
ihm seine Sicht der Dinge dar.
"Shaw's Plan ist
wahrscheinlich, Flanigan in Empfang zu nehmen und ihn dann, in
sicherer Entfernung, umzulegen."
Tony sah ihn mit gerunzelter
Stirn an und Gibbs verstand die unausgesprochene Frage. "Ich denke
nicht, dass die DEA und McGee und Kate wissen, dass Shaw über
Flanigan's Verrat Bescheid weiß. Trotzdem werden sie ihn ihm
nicht ausliefern. Also pokern sie im Moment."
Der Agent gab
seinem jungen Agenten etwas Zeit, um seinen Gedankengang
nachzuvollziehen.
"Sie.. bringen ihn nicht.. mit?" fragte Tony
schließlich zwischen schweren Atemzügen.
Gibbs nickte
nur zustimmend. Beiden Agenten war klar, dass ihre Kollegen ein
gefährliches Spiel spielten, doch sie wussten auch, dass sie
selbst nicht anders gehandelt hätten. Der ältere Agent sah,
dass der Blick seines Kollegen sich mehr und mehr verschleierte.
"Ich
muss also doch nicht für Dich denken, DiNozzo." versuchte er
mit einem kleinen Grinsen, Tony's Aufmerksamkeit weiterhin auf sich
zu halten.
Das Gesicht des jungen Agenten erhellte sich zwar kurz,
doch schon nach wenigen Sekunden vertieften sich wieder die Linien,
die der Schmerz und die Krankheit in seine Züge
zeichneten.
Gibbs seufzte leise und zog Tony dann sanft an den
Schulter heran, um ihn an sich zu lehnen.
Im Wagen von Kate
und Tim herrschte eine angespannte Stille, die nur hin und wieder von
Funkdurchsagen der anderen Wagen im Konvoi durchbrochen wurden.
Kate
sorgte sich um ihre Kollegen, doch sie gestand sich selbst gegenüber
ein, dass ihre Sorge um Tony überwiegte. Auch wenn das aufgrund
seines unbekannten gesundheitlichen Zustands ohnehin normal gewesen
wäre, so wusste sie doch, dass da noch ein weiterer Grund im
Spiel war.
"Wir kommen gut voran!" schreckte Tim sie plötzlich
aus ihren Gedanken.
Als die hübsche Agentin zusammenzuckte,
sah er sie verständnisvoll an, dann erklärte er, "In 4
Stunden sind wir da."
"Tony wird begeistert sein. Jack
Nicholson wird ihn befreien." lächelte Kate, um die Stimmung
etwas aufzulockern. Tim grinste. "Das werden wir uns auf ewig
anhören müssen." Die beiden Agenten sahen sich kurz an
und in ihren Augen stand das gleiche geschrieben - solange sie Tony
und Gibbs nur lebendig zurückbekamen, würden sie gerne
Tony's Geplapper über Nicholson auf sich nehmen.
Die
Fahrt hatte nur eine halbe Stunde gedauert.
"Das war der letzte
Teil unserer Reise!" begrüßte Shaw die beiden Agenten,
als er die Tür des Vans öffnete.
Tony schreckte nur kurz
auf, sein Kopf fiel jedoch gleich wieder zurück auf seine Brust.
Gibbs und TJ trugen den schwachen Agenten in ein kleines Haus, das
fast so aussah, wie das Blockhaus auf dem Campingplatz.
Sie waren
am Ufer des Ontariosees angekommen und das Haus war zugleich Zugang
zu einem breiten Steg, an dessen Ende ein Wasserflugzeug
dümpelte.
So sieht also der Fluchtplan aus dachte Gibbs bei
sich.
In dem Haus angekommen wurde sofort klar, dass es nicht viel
mehr war, als ein Aufbewahrungsort für Benzin, Taue und weiteren
Utensilien.
Gibbs lenkte TJ in Richtung einer Abdeckplane, auf die
sie dann Tony legten.
"In spätestens 4 Stunden werden Ihre
Kollegen mit der Kavallerie eintreffen. Sobald sie mir Flanigan
übergeben haben, können Sie gehen." erkläre Shaw dem
Chefermittler.
Gibbs Kiefer mahlten. Die 'Übergabe' würde
alles andere als reibungslos vonstatten gehen. Kein Flanigan, kein
Deal, das bedeutete, dass es zwischen Shaw's Bande und den
Bundesagenten mit großer Wahrscheinlichkeit zum gewaltsamen
Showdown kommen würde.
"Wir bereiten
jetzt noch einige Dinge für unsere weitere Reise ohne Sie vor.
Ich bin sicher, Sie kommen auch allein zurecht." ließ Shaw
seine Geißeln mit einem spöttischen Lächeln wieder
allein.
Gibbs sah auf seine Uhr. Es war jetzt 21 Uhr, also müssten
Kate, Tim und das Team gegen 1 Uhr nachts ankommen.
Vor einer
Stunde hatte Shaw Tony zum zweiten Mal eine Injektion verpasst, also
hatte er laut ihres Entführers noch maximal 7 Stunden, bis die
Wirkung der verschiedenen Chemikalien in seinem Körper tödlich
wirken würde.
Der Ermittler fuhr sich zum wiederholten Male
in den letzten Stunden über das Gesicht. Wenn alles glatt lief,
hätte Tony noch Zeit, um behandelt zu werden. Dass nur so eine
kurze Zeitspanne für die Rettung seines jungen Kollegen übrig
blieb, bereitete dem Chefermittler trotzdem Unbehagen.
Ihm blieb jedoch
keine Zeit, weiter darüber zu grübeln, denn ein Aufschrei
Tony's ließ ihn herumwirbeln und an die Seite des jungen
Mannes eilen.
"Tony, was ist los?" fragte er den sich vor
Schmerzen krümmenden Agenten, doch er erhielt keine Antwort.
Stattdessen gab Tony lediglich weiter Schmerzenslaute von sich und
begann, sich Gibbs Jacke von den Armen zu ziehen.
"Es ist kalt
und Du hast Fieber. Lass die Jacke an, Tony." Wieder keine
Reaktion.
Der jüngere Agent versuchte weiter, sich mit
zusammengekniffenen Augen und zitternden Händen die Jacke vom
Körper zu reißen.
"Lass sie an, DiNozzo." befahl
Gibbs in einem strengeren Ton.
"Nein.. aus.. nimm sie.. weg..
bitte!" rief Tony daraufhin heiser und zwischen schnellen
Atemzügen.
Der ältere Ermittler beharrte weiterhin
darauf, dass sein Kollege die Jacke anbehielt. Es war empfindlich
kühl hier am Wasser und er wollte nicht riskieren, dass sich
Tony's ohnehin anfällige Lungen in seinem geschwächten
Zustand entzündeten.
Gibbs schloss seine Hände um die
Schultern des jungen Mannes, um ihn zu beruhigen, erreichte jedoch
genau das Gegenteil.
Fast panisch entzog
sich Tony dem Griff des älteren Agenten und schrie vor Schmerzen
erneut auf. "Nicht anfassen.. nicht.." flüsterte er
schmerzerfüllt und wiegte sich hin und her.
In Gibbs Gesicht
stand der Schock über diese heftige Reaktion geschrieben,
dennoch war sein Ton ruhig als er Tony fragte, wo er Schmerzen
hatte.
"Überall.. es tut so weh.. überall."
antwortete Tony mittlerweile unter Tränen.
Der Chefermittler
schluckte schwer. Der junge Mann wand sich vor Schmerzen, seine Haut
war bleich und heiß und die Ringe unter seinen Augen hatten
einen dunklen, ungesunden Ton.
Gibbs' Gedanken rasten. Er konnte
Tony zumindest für eine kurze Zeit von den Schmerzen erlösen,
doch das Risiko, damit seinen Kreislauf noch weiter zu belasten war
hoch. Andererseits würde der schwache Körper des jungen
Agenten diese Tortur auch nicht viel länger ertragen können.
Der Chefermittler fällte eine Entscheidung. Er legte eine Hand
auf Tony's Stirn, die andere auf seine Hauptschlagader in der
Halsbeuge. Für einige Sekunden drückte er dann fest die
Blutzufuhr ab, bis er merkte, wie der Körper des Mannes unter
seinen Händen erschlaffte. Sofort ließ er los und
überprüfte Puls und Herzschlag seines Agenten. Erst dann
ließ er sich neben Tony sinken und hoffte, dass er ihm
wenigstens eine Stunde gekauft hatte, bevor er wieder zu Bewusstsein
kam. Noch einmal würde er das dem geschwächten Körper
des jungen Mannes nicht zumuten können.
