"Tankt das Flugzeug auf und macht einen Check, es muss später startklar sein!" wies Shaw seine Mithelfer an, dann setzte er sich auf den Fahrersitz des Vans und wählte Kate's Nummer.
"Was wollen Sie, Shaw?" meldete sich diese über die Freisprechanlage ihres Wagens.
"Agent Todd, wie schön, dass Sie mich bereits persönlich begrüßen!" provozierte der Mann die Agentin.
"Bilden Sie sich darauf nichts ein, dafür werde ich Ihnen später auch persönlich in die Eier treten!" kam ihre bissige Antwort. Tim musste grinsen.
"Na na, solch eine Wortwahl gehört sich aber nicht für eine junge Frau.." spielte Shaw sein Spiel weiter.
"Sagen Sie mir, weshalb Sie anrufen oder ich lege auf, Shaw." Kate hatte nicht den Nerv für Telefonterror. Sie wollte nur schnell an ihrem Ziel ankommen und Tony und Gibbs befreien.
"Wie lange brauchen Sie noch?" fragte der Kidnapper nun ganz geschäftsmäßig.
Kate sah auf das im GPS-Gerät im Wagen.
"Ungefähr 3,5 Stunden."
"Rasanter Fahrstil, Agent Todd.." hörte sie den Mann förmlich grinsen.
"Erstaunt Sie das? Einer meiner Kollegen benötigt offensichtlich dringend medizinische Hilfe." erwiderte Kate aufgebracht.
Tim berührte sie leicht am Arm und bedeutete ihr so, sich nicht weiter provozieren zu lassen. Kate sah auf seine Hand und dann auf in sein Gesicht. Sie nickte zustimmend und zeigte ihm durch eine kleine Geste, dass sie verstanden hatte.
"DiNozzo kann von Ihnen versorgt werden, sobald Sie mir Flanigan übergeben haben. Vorher bekommen sie keinen Ihrer Kollegen zurück."
Die Blicke der beiden Ermittler verdunkelten sich. Genau hier lag ihr Problem und das große Risiko der Aktion.
"Ich weiß, Shaw. Gibt es noch etwas? Ich muss mich auf das Fahren konzentrieren." erklärte Kate dem Mann, um ihn loszuwerden.
"Nein, sie kennen den Treffpunkt. Wir sehen uns also in 3,5 Stunden."
Gibbs ertappte sich dabei, wie er zum sicher 10 Mal innerhalb der letzten 30 Minuten den Puls seines jungen Kollegen überprüfte. Tony war noch immer bewusstlos und der grauhaarige Agent hoffte, dass er dies auch zumindest noch für die nächste halbe Stunde bleiben würde, bevor die Schmerzen ihn wieder aufweckten.
Er hatte ein Wasserfass entdeckt, traute sich jedoch nicht, dem vor Fieber glühenden Mann etwas davon einzuflößen. Es roch und schmeckte normal, doch die Gefahr, dass es mit Rückständen von Öl, Benzin oder anderen giftigen Stoffen verunreinigt war, war einfach zu groß.
Also durchnässte er lediglich ein Stück Tuch, dass ebenfalls in der Hütte herumlag, und wischte über Tony's schweißnasses Gesicht. Danach tauchte er das Tuch erneut ins Wasser, wrang es aus und legte es dann auf die heiße Stirn des jungen Agenten. Dieser stöhnte leise und bewegte sich etwas, wurde jedoch gleich wieder still und nur sein schneller, unregelmäßiger Atem war zu hören.
Gibbs setzte sich wieder neben seinen Agenten und legte abwesend seine Hand auf dessen Brust, so dass er seinen Herzschlag überwachen konnte. Ihm blieb nur, abzuwarten.
"Tim??!" hörten die beiden Agenten Abby durch das Funkgerät.
"Ja, Abs, ich kann Dich hören!" antwortete der Agent.
"Wann sind wir da? Warum sind wir nicht einfach geflogen? Tony könnte sterben und wir sitzen hier stundenlang im Auto!!" rief die aufgebrachte Forensikerin.
"Wir fahren, weil Shaw uns jederzeit über Kate's Hande orten könne wollte. Er will wohl sicher gehen, dass wir ihn nicht überraschen können." erklärte McGee seiner Kollegin.
"Aber wir werden ihn doch überraschen, oder?!" kam eine weitere Frage zurück.
Kate half dem von weiblicher Sorge etwas überforderten Tim aus.
"Mach Dir keine Sorgen, Abby - wir werden den Dreckskerl schnappen und Du wirst Tony's Blut untersuchen und dann können wir ihm helfen!"
Es dauerte einige Sekunden, während denen die beiden Agenten undefinierbare Geräusche aus dem Funkgerät hörten.
"Abby?" fragte Tim schließlich vorsichtig an.
"Timothy, Abby geht grade noch einmal ihre Ausrüstung durch.. ich fürchte, darüber hat sie vergessen, dass Ihr noch auf eine Antwort wartet.." hörten Kate und Tim dann Ducky erklären.
Beide lächelten verständnisvoll. "Danke, Ducky. Ist bei Euch alles in Ordnung?"
fragte ihn dann Kate.
"Ja, es ist alles in Ordnung. Danke, Kate." Flüsternd fuhr er dann fort,
"Nur dieser Nicholson.. ein unsympathischer Mensch."
Seine beiden Kollegen am anderen Ende der Funkverbindung lachten auf.
"Das wird Tony nicht davon abhalten, auf ewig von ihm zu erzählen!" sprach Kate ihre Befürchtung aus.
"Nun, ich höre mir alles gerne an, solange Anthony uns nur überhaupt wieder etwas erzählen kann." erwiderte der Pathologe auf seine manchmal sehr direkte Art und Weise.
"Geht mir genauso, Ducky." bestätigte Kate. "Ja." stimmte auch Tim kurz und bündig zu, dann beendeten die 3 das Gespräch.
22.30 Uhr Gibbs lehnte sich an die Wand hinter ihm und schloss die Augen.
Tony war nun 1,5 Stunden bewusstlos und der Chefermittler wurde unruhig. Einerseits war er froh, dass der junge Mann so nicht mitbekam, was in seinem Körper vor sich ging, andererseits war eine zu lange Bewusstlosigkeit gefährlich für den geschwächten Körper seines Agenten.
So, wie er vorhin mit sich gerungen hatte, bevor er Tony für einige Zeit erlöste, kämpfte der ältere Ermittler auch nun wieder mit sich, ob er ihn aufwecken sollte. Und wieder lautete seine Antwort auf die eigene Frage schon nach kurzem Abwiegen der Vor- und Nachteile, dass er es tun würde.
Gibbs ging neben Tony in die Knie. Mit einer Hand schüttelte er den braunhaarigen jungen Mann sanft, mit der anderen fuhr er über seine Haare.
"DiNozzo. Tony.. Hey, Tony! Du musst jetzt wieder aufwachen!" rief er mit gedämpfter Stimme.
Als Reaktion kamen zunächst nur unverständliche Wortfetzen, dann, als Gibbs etwas kräftiger an der Schulter seines Agenten rüttelte, schmerzerfüllte Laute.
Der Chefermittler stieß frustriert die Luft aus. Er hatte gehofft, dass sich die von den Chemikalien völlig überreizten Nerven seines Agenten in den letzen 1,5 Stunden etwas beruhigt hatten. Offensichtlich hatte Tony aber noch immer starke Schmerzen, die schon durch bloße Berührungen verschlimmert wurden.
"Ist okay, ich fasse Dich nicht mehr an, wenn Du es nicht willst" versicherte der grauhaarige Agent seinem jungen Kollegen.
Tony's Atem verlangsamte sich etwas. Gibbs gab ihm noch einige Sekunden mehr, um noch etwas zu sich zu kommen, dann sprach er ihn erneut an.
"Tony, ich weiß, Du willst schlafen. Es dauert jetzt nicht mehr lange, dann kannst Du das auch - aber jetzt musst Du erst mal wach bleiben, bis Hilfe hier ist!" erklärte er dem desorientierten Mann vor sich.
Bereits nach wenigen Minuten wünschte sich Gibbs diese Situation zurück.
Mittlerweile kämpfte Tony nicht mehr gegen den Schlaf, sondern gegen seinen rebellierenden Körper. Er wurde vom Fieber und Muskelkrämpfen geschüttelt und hatte anscheinend mehr und mehr Schwierigkeiten mit seiner Atmung.
Sein Boss saß neben ihm und sprach beruhigend auf ihn ein, doch Tony schien ihn nur hin und wieder für kurze Augenblicke war zu nehmen.
Sein Zustand verschlechterte sich mittlerweile zusehends. Gibbs sah erneut auf die Uhr. Wenn sein Team gut vorankam, müssten sie in 2 Stunden hier sein. Er atmete tief durch. 2 Stunden. Grade, als der Chefermittler einen erneuten Versuch machen wollte, seinem Agenten wenigstens den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen, schrie Tony vor Schmerzen auf. Gibbs hatte keine Chance, den jungen Mann ruhig zu halten. Er bäumte sich immer wieder auf und zwischen kurzen, oberflächlichen Atemstößen gab er Schmerzensschreie von sich, bis er, offenbar völlig erschöpft, plötzlich zusammensackte.
Alarmiert brachte der ältere Agent seinen Kollegen in eine aufrechte Position und hielt ihn fest, bereit für eine erneute Episode wie die vorangegangene.
Zu seinem Erstaunen drehte Tony jedoch nach einiger Zeit den Kopf etwas und sah ihm direkt in die Augen. Gibbs betrachtete den jungen Mann und die Erinnerung an die bangen Stunden, als der sonst so lebenslustige Agent mit der Lungenpest um sein Leben kämpfte, kam in ihm hoch. Auch jetzt waren Tony's Wangen eingefallen und seine Augen waren trotz des Fieberglanzes überschattet von Krankheit und Erschöpfung.
"Boss..." riss ein schwaches Flüstern Gibbs aus seinen Gedanken.
"Tony! Ganz ruhig." wies der ältere Ermittler den Mann in seinen Armen an, seine Kräfte aufzusparen. Die Verzweiflung in den Augen seines Agenten zog seinen Magen zusammen.
"Wie .. lange?" kam die leise Frage.
"Nicht mehr lang - höchstens 2 Stunden." kam die Antwort.
Tony atmete schaudernd ein und aus und lehnte seinen Kopf wieder gegen die Schulter seines Chefs.
Erst als Gibbs eine ganze Zeit später Tony's Shirt hochzog, um den Fortschritt der Blutvergiftung zu untersuchen, kam wieder eine Regung des jungen Mannes.
Mit verängstigtem Blick verfolgte er die Bewegung des Chefermittlers.
Als dieser bemerkte, dass er beobachtet wurde, lächelte er.
"Ich bin vorsichtig." nahm er Tony die Angst vor einer erneuten Schmerzattacke.
Als er schließlich das Shirt angehoben hatte, kam die dunkelrote Linie bereits ein gutes Stück über der Hüfte des verletzten Agenten zum Vorschein. Mit geübtem Pokerblick wandte sich der grauhaarige Ermittler wieder seinem Kollegen zu und verlor kein Wort über seine Entdeckung. Stattdessen setzte er sich wieder neben ihn und strich ihm wie schon so oft in den letzten Stunden die verschwitzen Haare aus der Stirn. Tony war nun immer nur noch für wenige Minuten ansprechbar, in der restlichen Zeit kämpfte er in seiner eigenen, vom Fieber isolierten Welt allein gegen die Auswirkungen der Drogen in seinem Körper an.
"Agent Todd, es ist an der Zeit." kam die knappe Anweisung Nicholson's über Funk.
"Alles klar." kam die noch kürzer angebundene Bestätigung der Agentin.
Sie wählte zum letzten Mal Gibbs' Nummer.
"Das Handy wird nicht mehr lange funktionieren. Der Akku ist leer." erklärte sie Shaw, als dieser sich meldete.
"Sie wollen mir erzählen, sie haben kein Ladegerät dabei, Agent Todd? Ich bitte sie!" zweifelte der Mann ihre Erklärung an.
"Ich hatte an anderes zu denken als an ein Ladegerät, Shaw!" erwiderte die Ermittlerin schnippisch. Wenn der Kidnapper ihr jetzt nicht glauben würde, könnte das gefährlich für ihre Kollegen enden.
Als er wieder sprach, hörte die Agentin deutlich den Ärger des Mannes.
"Wann werden Sie hier sein?" fragte er.
"1,5 Stunden." erwiderte Kate in einem ebenso unfreundlichen Ton. Sie hatte genug davon, nach den Spielregeln dieses Mistkerls spielen zu müssen.
"In Ordnung. Keine Experimente, Agent Todd. Oder Ihre Kollegen sind beide tot."
Shaw beendete das Gespräch und Kate und Tim starrten für eine Weile in ihren Gedanken versunken auf die Straße vor sich.
"Todd, haben sie mit ihm gesprochen?" kam dann die ungeduldige Stimme von Nicholson über Funk.
"Ja. Er scheint es geschluckt zu haben. Trotzdem ist er übervorsichtig. Ihr Team muss mit äußerster Vorsicht vorgehen." mahnte die junge Agentin.
"Was meinen Sie, wen ich dort hin geschickt habe, Todd? Eine Bande von Anfängern?"
Tim verzog bei den barschen Worten des DEA-Agenten das Gesicht.
"Meine Männer sind bereits vor Ort und erkunden das Gelände. Wenn wir ankommen, werden sie bereit sein für den Zugriff. Der Flugplatz ist noch 5km entfernt, 2 Helikopter warten auf uns. Sie werden uns ca. 2km entfernt von meinen Männern am Ontariosee absetzen, den Rest laufen wir." klärte Nicholson dann alle in den insgesamt 3 Wagen auf, danach herrschte wieder angespannte Stille in den Vans.
