Abby bediente ihre mitgebrachten Geräte mit einer solch großen Geschwindigkeit, dass die beiden Männer der DEA, die sich bei ihr befanden, es bald aufgaben, ihre Handgriffe nachvollziehen zu wollen. Hin und wieder gab eine dieser wissenschaftlichen Maschinen ein Geräusch von sich und Abby's Reaktionen waren bisher ausschließlich frustrierte Schnaufer und Schimpftiraden gewesen.

Als ein weiteres der Geräte seine Arbeit getan hatte und dessen Display das Ergebnis des vorangegangenen Tests anzeigte, sprang die junge Forensikerin jedoch mit einem Triumphschrei auf.

"Ich hab's! Gut gemacht, mein Baby!!!" rief sie, und tätschelte kurz liebevoll das Gerät. Daraufhin schaltete sie sich auf den Funkverkehr auf und gab ihrem Team ihre Entdeckung durch.

"Ducky! Es sind mehrere chemische Substanzen - genau wie bei Graham! " rief Abby in ihr Headset.

"Abigail, wir benötigen eine Liste!" kam die Antwort des Mediziners.

Abby nickte und war schon an ihrem Notebook zugange. "Ich schick's Euch rüber!"

Tim übergab seinen PDA mit den von seiner Kollegin überspielten Daten an Ducky.

"Methamphetamine, MDMA, ... und andere MAO-Hemmer. Mhm..." murmelte der Pathologe das Ergebnis von Abby's Untersuchungen vor sich hin.

Kate sah ihn ängstlich an. Ihr Kollege beriet sich bereits mit Dr. Conseco, doch die Agenten konnten aus dem medizinischen Fachjargon keine Infos herausfiltern. Endlich begann Conseco damit, weitere Medikamente vorzubereiten und der NCIS Pathologe blickte auf zu seinen Kollegen.

"Ducky?" fragte Kate ihm mit großen, flehenden Augen. Tim's Gesichtsausdruck war noch immer der von Schock und Entsetzen und Gibbs sah seinem langjährigen Kollegen und Freund fragend in die Augen.

"Anthony hat verschiedene Substanzen in seinem Blut. Es sind verschiedene Arten von Methamphetaminen und sogenannten MAO-Hemmern - und diese beiden Stoffgruppen reagieren miteinander in einer Wechselwirkung, so dass.."

doch der Pathologe wurde in seiner Erklärung unterbrochen, als Tony plötzlich aufschrie.

"Nein!!.. Nein.. Boss! .. Gibbs?!.. Bitte, nicht! Nein!!" rief der junge Agent und schlug mit durch Panik mobilisierten Kräften um sich.

Kate hatte Mühe, ihn zu halten, denn auch gegen ihren Griff und ihre Hände wehrte er sich. Gibbs erfasste die Situation sofort. Conseco hatte sich offenbar die kleinen Wunden, die durch die achtlos gesetzten Injektionen in Tony's Armbeuge entstanden waren, angesehen. Der grauhaarige Agent kniete sich neben seinen jüngeren Kollegen und sprach leise auf ihn ein.

"Tony, es ist alles in Ordnung. Der Doc will Dir nur helfen. Niemand hier wird Dir etwas tun. Ganz ruhig.. ruhig.."

Während Kate und Gibbs ihn beide hielten, wurde der junge Mann langsam ruhiger.

Der hübschen Agentin liefen die Tränen mittlerweile frei über das Gesicht und Tim sah nun völlig verstört abwechselnd seinen Boss und Tony an.

"Keine gute Idee, Doc." bemerkte Gibbs nur knapp und sah Conseco dabei strafend an. Dieser gestand seinen Fehler sofort ein. "Ich hätte so weit denken sollen - vielleicht sehe ich mir das besser später noch einmal an."

Der Chefermittler nickte und strich Tony noch einmal mit der Hand über die Haare.

Kate hatte wieder damit begonnen, den völlig erschöpften Mann in ihren Armen leicht zu wiegen und hielt seinen Kopf an sich gepresst.

Als der Rettungshelikopter landete, beauftragte Gibbs Tim damit, die Crew einzuweisen. Die Aufgabe riss den jungen Agenten endlich aus seiner Erstarrung. Er lief nach draußen und bereits nach wenigen Minuten kehrte er mit dem Rettungsteam zurück. Tony wurde Kate schon fast entrissen, auf die Trage gelegt und samt Infusionen und medizinischem Gerät in den Helikopter gebracht.

"Ducky!" packte Gibbs den Pathologen grade noch am Ärmel, bevor auch dieser aus der Hütte eilen konnte. "Ich will mitfliegen!" Die Art und Weise, wie der Agent diese Worte aussprach, machte klar, dass dies keine Bitte, sondern eine Aufforderung gewesen war. Doch sein Kollege musste ihm dies Verweigern.

"Jethro, falls unterwegs etwas.. unvorhergesehenes passiert, brauchen die Ärzte den Platz. Du würdest Anthony damit keinen Gefallen tun." versuchte er, dem grauhaarigen Ermittler mit Vernunft entgegen zu treten.

Für einige Sekunden war Gibbs der Kampf mit Bauchgefühl und Vernunft anzusehen, dann gab er nach. "Wir treffen uns dort."

Da das Bethesda auch per Luftlinie viel zu weit war, lautete das Ziel Mount Sinai Hospital in Toronto. Bis dorthin waren es nur ca. 10 Flugminuten.

Auch Gibbs und sein Team waren in einem der anderen Helikopter dorthin unterwegs und Ducky nutzte diese Zeit, um seinen Kollegen kurz durch zu checken.

"Zufrieden?" raunzte dieser ungeduldig, als der Pathologe seine oberflächliche Untersuchung beendet hatte. Viel mehr, als Blutdruck und Puls zu überprüfen und Gibbs einige Fragen zu seinem Befinden zu stellen, konnte er ohnehin nicht tun. So wie es aussah, war dies allerdings schon genug, denn außer dem massiven Stress, dem der Chefermittler ausgesetzt gewesen war und der daraus resultierenden Erschöpfung, schien er in Ordnung zu sein.

"Nicht wirklich zufrieden, Jethro, aber Dir scheint außer Schlaf und Ruhe nichts zu fehlen." antwortete der ältere Mann beruhigt.

Auch Kate, Abby und Tim waren erleichtert, das zu hören. Wenigstens um Gibbs mussten sie sich keine Sorgen machen.

Der Helikopter mit dem NCIS Team an Bord setzte auf einem Landeplatz nur wenige Meter vom Klinikgebäude auf. Als die Insassen aus der Maschine sprangen, konnten sie sehen, wie der Rettungshelikopter, der auf dem Dach des Krankenhauses gelandet war, bereits wieder abhob.

Die 5 kamen grade in der Notaufnahme an, als die Aufzugtüren am entgegengesetzten Ende des langen Ganges sich öffneten und das Rettungsteam mit Tony aus der Kabine stürmte. Als sie im Laufschritt die Bundesagenten passierten, war den Kollegen der Schock anzusehen. Einer der Rettungsärzte beatmete den bleichen Mann auf der Trage, ein anderer führte im Laufen eine Herzdruckmassage durch. Die Rettungscrew wurde von einem Notfallteam der Klinik empfangen und die Türen des Behandlungsraumes schlossen sich.

Kate sah Gibbs mit vor Schock geweiteten Augen an. "Oh Gott.. Gibbs!" schluchzte sie und ihr Chef tat etwas, was sie so überraschte, das sie kurz von ihrer Angst um Tony ablenkte - er nahm sie in die Arme und strich ihr beruhigend über den Rücken.

"DiNozzo wird durchkommen. Vertrau mir." versicherte er der jungen Agentin und wandte seinen Blick auch zu Tim, der die ebenfalls völlig aufgelöste Abby in den Armen hielt.

Als die beiden Ermittler sicher waren, dass sich ihre Kolleginnen gefangen hatten, setzten sich die 5 auf die Stühle, die über den breiten Gang verteilt an der Wand standen.

Ducky hatte es geschafft, sich von einer Schwester in den Behandlungsraum geleiten zu lassen. Dort stand er außerhalb der Aktionsfläche der Ärzte, um nicht in den Weg zu geraten, doch wenigstens bekam er so mit, was mit Tony geschah.

Der Pathologe hielt sich an seinem Schal fest und drückte so fest zu, dass seine Knöchel ganz weiß waren.

Noch immer kämpften die Ärzte darum, ihren Patienten ins Leben zurück zu holen.

Tony war Mittlerweile an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden und das Team bereitete ihn für die Defibrillation vor, indem sie zwei Pads an seiner Brust anbrachten und das Gerät aufluden.

Als sie mit den Elektroschocks begannen, zwang sich Ducky, wegzusehen. Das Geräusch des Schocks und das von Tony's Körper wie er auf die Liege zurückfiel waren bereits fast zu viel für ihn.

Drei mal wiederholten die Ärzte die Prozedur, bis vom EKG endlich wieder ein, wenn auch noch etwas unstetes, Piepsen zu hören war. Trotzdem herrschte in dem Raum noch immer eine hohe Anspannung. Ducky hörte den Medizinern noch eine Weile zu, wie sie über die weitere Behandlung berieten, dann verließ er den Behandlungsraum, um seinen Kollegen und Freunden zu berichten.

Als er durch die Tür kam, verfolgten vier Augenpaare jede seiner Bewegungen, bis er endlich neben den Agenten Platz nahm. Er wurde nicht ein mal unterbrochen, als er von den Ereignissen berichtete, die sich seit dem Start des Rettungshelikopters am Ontariosee zugetragen hatten.

"Nach der Hälfte des Fluges hat Anthony's Atmung ausgesetzt, kurz darauf brach sein Kreislauf vollständig zusammen und sein Herz blieb stehen. Sie haben ihn eben wiederbeleben können.. " kurz unterbrach sich der Pathologe und entschied sich dann, die Elektroschocks nicht zu erwähnen. Es war nicht nötig, seine Freunde unnötig mit all zu lebhaften Bildern zu quälen.

"Dr. Conseco und ich hatten uns dazu entschieden, keine weiteren Medikamente zu verabreichen, doch während des Fluges hat Anthony ein schmerzstillendes Mittel bekommen. Es beinhaltet keine Opiate, das wäre mit den Stoffen in seinem Kreislauf zu gefährlich, darum ist die Wirkung natürlich nicht sehr start.. aber es ist besser als nichts." schloss er den Satz mit einem Blick auf Gibbs, der ihn düster ansah.

"Die Ärzte hier sind sehr vorsichtig, was die medikamentöse Behandlung angeht, denn solange Anthony's Stoffwechsel die schädlichen Substanzen noch nicht verarbeitet hat, kann es immer wieder zu negativen Reaktionen kommen."

erklärte der Pathologe

"Und was.. machen sie dann?" frage Tim leise.

Ducky sah einmal in die kleine Runde und seufzte.

"Sie können nicht viel tun, mein Junge. Außer den Standardmedikamenten für den Kreislauf und gegen die Entzündung und das Fieber können sie Anthony nichts geben. Er bekommt Flüssigkeit zugeführt und ich denke, sie werden weiterhin versuchen, die Schmerzen wenigstens etwas im Zaum zu halten. Ansonsten.. können sie so wie wir nur warten."

Keiner der Agenten sagte etwas, alle mussten diese Informationen erst einmal verarbeiten. Auch Ducky ließ sich in seinen Stuhl sinken und schloss für einen Moment die Augen. Als nach mehr als einer Stunde endlich einer der Ärzte den Behandlungsraum verließ, um den Wartenden zu berichten, war Gibbs bereits kurz davor gewesen, den Raum zu stürmen und die Infos einfach einzufordern.

Der Arzt, ein müde wirkender Mittdreißiger namens Hendry, begann mit der wichtigsten Mitteilung.

"Agent DiNozzo ist jetzt soweit stabil. Wir hatten einige Schwierigkeiten damit, das Chaos, das die Drogen angerichtet haben, etwas zu ordnen."

Auf den fragenden Blick von Gibbs erläuterte der Mediziner diese Aussage kurz.

"Sehen Sie, die Substanzen in seinem Blut reagieren aufeinander mit sehr starken Wechselwirkungen. Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Die einen senken den Puls und Blutdruck sehr stark, die anderen erhöhen beides. Diese Gegensätzlichkeit gilt für viele Bereiche im Körper und dadurch, dass sich einige der Stoffe absolut nicht miteinander vertragen, sind die Reaktionen natürlich noch viel stärker und gefährlicher."

Als der Arzt sah, dass seine Zuhörer verstanden hatten, fuhr er fort.

"Die Schusswunde werden wir noch operativ behandeln müssen, doch vorerst haben wir die Wunde gesäubert und behandeln ihn mit starken Antibiotika und speziell für diese Art von Blutvergiftung entwickelten Medikamenten. Er ist momentan zu geschwächt für einen Eingriff." Auch diese Information ließ der Mediziner erst bei der kleinen Gruppe vor sich ankommen, bevor er fortfuhr.

"Wir behalten Agent DiNozzo für diese Nacht hier im Intensivbereich der Notaufnahme und machen es ihm möglichst bequem. Bis jetzt hat er sich durchgekämpft - wenn er das noch einige Stunden durchhält, kommt er wieder in Ordnung. Bis morgen früh ist die Situation allerdings noch sehr kritisch."

Dr. Hendry verließ das NCIS Team wieder in Richtung des Behandlungsraumes und Gibbs sah zum ersten Mal seit wie es ihm schien Stunden auf die Uhr.

2.43 Uhr.. Er fuhr sich mit der Hand über seine vor Müdigkeit und Erschöpfung brennenden Augen, dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter.

"Jethro, Du solltest Dich etwas hinlegen. Ich wecke Dich sofort, wenn es etwas Neues gibt." wurde er von Ducky aufgefordert.

Kurz wollte der grauhaarige Ermittler gegen diesen Vorschlag seines Kollegen aufbegehren, doch er wusste, dass er ohne etwas Schlaf bald selbst zum Patienten hier in der Klinik würde.

"Gut." nickte er und ließ sich von dem Pathologen gemeinsam mit Kate, Abby und Tim in den Warteraum führen, in dem wesentlich bequemere Sessel standen. Es dauerte nicht lange, und sowohl Gibbs als auch Kate waren eingeschlafen. Ducky unterhielt sich noch eine Weile mit Tim und Abby, doch auch der junge Agent wurde bald von seiner Müdigkeit übermannt. "Gut, dass wir alten Menschen nicht viel Schlaf brauchen.." lächelte Ducky die junge Forensikerin an. "Und ich war schon immer ein Geschöpf der Nacht." erwiderte Abby ebenfalls mit einem Lächeln. Beide machte es sich mit einem Magazin bequem, um auf hoffentlich positive Nachrichten von Tony zu warten.