Sie setzte sich kerzengerade in ihrem Bett auf. Hatte sie sich eben verhört, oder hatte Malfoy das eben wirklich gesagt?

„Wie bitte?", Ginnys Stimme klang etwas schrill und hoch.

Draco räusperte sich, lächelte sie an und wiederholte das eben Gesagte nochmals mit langsamer, schleppender Stimme: „Ich fragte, wie es mit einem traditionellen Gute-Nacht-Kuss wäre?"

„Wieso sollte ich das tun?", schnappte Ginny.

„Weil du nicht dumm bist."

Ginny fing an zu lachen: „Falsche Antwort, Malfoy. Machen würde ich es, wenn ich dumm wäre. Wie du aber schon richtig festgestellt hast, bin ich es nicht. Von daher: Nein, ganz schlechte Idee mit dem Gute-Nacht-Kuss."

Was denkt der Kerl eigentlich von mir?

„Na gut, Weasley. Ich hätte ja gedacht du wärst anders." Draco seufzte theatralisch in die inzwischen ziemlich angespannte Situation.

„Wie anders?" Ginny bereute ihre Frage im nächsten Augenblick schon, eigentlich war es doch sonnenklar, dass Draco Malfoy versuchte sie mit dieser Aussage zu ködern. Und sie war mal wieder, so unvorsichtig und blind sie nun einmal war, vor Neugier in die Falle hineingetapst.

„Nun ja – ", setzte Draco an „Ich hätte einfach mehr von dir erwartet." Er schenkte ihr einen besonders tief enttäuschten Blick. Ginny fand Draco Malfoy einfach nur erstaunlich: entweder er zeigte keinerlei Gefühle und sein Gesicht glich einer steinernen Maske oder aber, er setzte soviel Emotionen in seinen Blick, dass man es ihm gar nicht abnehmen konnte. Allgemein war ja bekannt, dass Draco Malfoy keine Gefühle hatte geschweige denn, diese zum Ausdruck bringen konnte.

Alles nur Schauspielerei. Der Typ versucht dich zu verarschen.

„Ja Malfoy, es tut mir wirklich Leid, dass ich deine Erwartungen nicht übertreffen kann, geschweige denn, nicht einmal in der Lage bin, sie in irgendeiner Art und Weise zu erfüllen. Aber was soll ich sagen? So ist das Leben. Wir alle werden früher oder später von anderen Menschen enttäuscht. Auch ein Draco Malfoy." Damit beendete Ginny ihr Plädoyer und sah Malfoy erschöpft in die Augen. Unglaublich, aber sie hatte ihre letzten Reserven aufgebraucht. Sie brachte es nicht mehr fertig, sich weitere Wortduelle mit ihrem ehemaligen Schulkameraden und Erzrivalen ihres Bruders zu liefern.

„Und du glaubst ernsthaft, mit diesen paar 'tröstenden' Worten könntest du mich einfach so abspeisen?" Malfoy Jr. lachte trocken auf: „Komm schon Weasley oder bist du immer noch die berühmt berüchtigte Jungfrau Gryffindors?"

Seine Frage brachte den gewünschten Effekt mit sich: Virginia mobilisierte nochmals all ihre Kräfte und schaute ihn aus großen, vorwurfsvollen Blicken an, dann räusperte sie sich:

„Ein Kuss und du bist weg?" Warum auch immer ihm so sehr etwas daran liegen mag.

„Sicher." Seine Gesichtszüge blieben unverändert.

Sie war es Leid. Sollte er doch seinen blöden Kuss bekommen, sie hatte keine Lust mehr ihre Energiereserven in einer völlig sinnlosen Debatte mit Malfoy zu verschwenden. Mit einem schnellen Schwung erhob sie sich aus ihrem weichen Himmelbett, auch wenn Virginia sich fragte, woher sie die Kraft überhaupt nahm, sich so geflissentlich zu erheben. Letztendlich schob sie es auf die Vorfreude, des nun immer näher rückenden Schlafes. Sie musterte Malfoy haargenau und natürlich entging ihr nicht der Blick seinerseits, den er über ihren Körper wandern ließ. Automatisch musste sie an die Nacht in der Küche des großen Manors denken. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Draco schien es zu bemerken, denn er sah sie aus spöttischen Augen an.

„Was ist nun, Weasley?"

Rasch überwand Ginny die 2 Schritte, die sie und Malfoy trennten. Sie musste sich richtig zusammenreißen, um ihm nicht eine zu scheuern, denn danach war ihr im Moment eigentlich lieber.

Aber Ginny wusste, dass sie nicht zu viel Dramatik in diese eigentlich simple Prozedur legen sollte, deswegen zog sie Dracos Kopf eher grob als sanft zu sich heran und gab ihm einen schlichten und kurzen Kuss auf den Mund.

„Zufrieden?", fragte Ginny mürrisch.

Draco lachte kalt auf: „Das nennst du einen Kuss, Weasley?"

„Einen traditionellen Gute – Nacht - Kuss, in der Tat. Ja."

Nun war sie es, in deren Augen der Spott nur so triefte. Da Draco nicht reagierte und sie statt dessen nur mit einem verweisendem Blick strafte, führte sie näher aus:

„Ich weiß ja nicht, wie eure Familie so etwas handhabt. Doch ich persönlich stehe beispielsweise nicht darauf, einem meiner Brüder das Gesicht abzulecken."

Draco brummte nur irgend etwas vor sich hin, ging schnurstracks zur Tür und Ginny genoss schon zehn Sekunden später die beruhigende Einsamkeit in ihrem Zimmer.

Eine Woche später hätte Draco den Vorfall am liebsten vergessen. Diese Demütigung, die diese verdammte Muggelnärrin ihm angetan hatte. Nein, so etwas tat man nicht mit einem Malfoy und schon gar nicht mit Draco Malfoy.


Er saß in seinem Büro und sollte eigentlich eine wichtige Konferenz vorbereiten, doch diese Wette ging ihm nicht aus dem Kopf. Zum einen lag es daran, dass Draco wirklich sehr viel Zeit und Kraft in dieses banale Projekt legte, dass es ihm fast absurd vorkam. Er war immerhin ein Malfoy, die Frauen lagen ihm (in Scharren!!!) zu Füßen und dieses eine verdammte Weibsbild, schien ihn jedoch, unter keinen Umständen, an sich heran zulassen. Das war der eine kränkende Grund, weshalb er sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Der zweite und für ihn genauso schmerzende Grund, war der, dass Blaise ihn bezüglich dessen was am Abend vor einer Woche in Weasleys Schlafgemach passiert war, ausgequetscht hatte. Eigentlich lag es nicht in Dracos Absicht, die Wahrheit auszusprechen, doch leider war Blaise Zabini einer der besten Legilimentoren die Draco kannte. Und natürlich fand Blaise das mehr als ein wenig amüsant. Nicht das Dracos Art gegenüber Virginia, fast erpresserisch gewesen war, nein er hatte auch noch versagt. Nun musste er sich Gedanken über den weiteren Verlauf machen. Generell ging ihm dieses übertrieben nette Getue seinerseits allmählich auf die Nerven und vielleicht sollte er einfach wieder er selbst sein. Es könnte ja sein, dass Ginny den Hogwarts- typischen Malfoy attraktiver fand, als den erwachsenen. Draco seufzte laut auf. Wo sollte das noch alles hinführen?
Blaise war gut drauf. Vielleicht lag es daran, dass die Geschichte, welche zwischen seinem besten Freund und Ginny vorgefallen war, ihn in eine Art Dauerrausch versetzt hatte, oder aber auch daran, dass diese besagte Ginny gerade vor ihm stand und ihm beim Aussuchen einiger Kleider half. Blaise hatte sich ganz geschickt angestellt. Er ist zu Weasley gegangen, hatte ihr gesagt, dass er gleich ein Date hätte und nicht wisse wie er sich kleiden solle. Ginny hatte nur spöttisch aufgelacht, er Blaise Zabini und nicht wissen, was er anziehen soll bei einem Date. Daraufhin hatte Blaise laut geseufzt und ihr erklärt, dass es nicht nur ein Date war, dass es was ernsteres war, ja vielleicht sogar die Liebe seines Lebens. Er befand es immer noch als unglaublich, dass Weasley ihm das abgekauft hatte, aber so war es nun einmal. Jetzt stand sie in seinem Appartement in London, genau genommen vor seinem Kleiderschrank, und wühlte einige Sachen hervor.

„Ist sie eigentlich eine Hexe oder ein Muggel?", fing Ginny plötzlich das Gespräch an, ihr Kopf hing noch immer im Kleiderschrank. Blaise hatte es einkalkuliert, dass sie Fragen stellen könnte und sich deswegen auch schon eine passende Geschichte zurechtgelegt. Sein Plan war einfach zu genial.

„Sie ist eine Hexe. Ich habe sie während meiner Arbeit kennengelernt. Sie arbeitet in der Abteilung 'ZRVG' bei Gringotts. Heißt soviel, wie sie schlägt sich mit dem ganzen rechtlichen Kram rum."

„Und wie hat sie es geschafft, gerade jemanden wie dich, auch nur Ansatzweise dazu zu bewegen, dich eventuell fest an eine Frau zu binden?! Ich meine, es ist ziemlich ungewöhnlich.. so nachdem was ich gehört habe."

„Du hörst zu viel auf andere. Das meiste, was man sich über mich erzählt, stimmt so gar nicht."

„Achja, ist das so?!", fragte sie argwöhnisch. Doch sie ließ Blaise keine Zeit zum antworten, denn im nächsten Augenblick rief sie auch schon:

„Fertig!", in diesem Moment erschien ihr Kopf wieder aus dem Kleiderschrank.

„Also Blaise, du meintest, ihr würdet fein Essen gehen?"

„Ja, das hatten wir vor."

„Gut naja ich weiß nicht, aber ich glaube du solltest unbedingt dieses dunkelrote Hemd anziehen, dazu diese schwarze Anzugshose und natürlich diesen wunderbaren schwarzen Festumhang."

Sie legte die Sachen auf seinen Kleiderständer.

„Ähm und du bist der Meinung, dass das passt?", fragte er unsicher. Ach beim Barte des Merlin, er hätte Schauspieler werden sollen. Ein Blaise Zabini und unsicher. Und Weasley kaufte ihm das offensichtlich auch noch ab, denn diese errötete leicht und stammelte: „Nun, ich glaube ich fände dich, wenn ich ein Date mit dir hätte, in diesen Sachen unwiderstehlich."

STRIKE! Das war es, was er hören wollte. Sein Plan würde aufgehen, dessen war er sich jetzt ziemlich sicher.

„Oh nun wenn das so ist. Ich probier sie gleich mal an. Du hast doch noch einen Moment Zeit, oder? Ich will dir keine Umstände bereiten.", fragte er bescheiden und so, als ob sie sich schon ewig kennen würden. Was ja an sich nicht völlig aus der Luft gegriffen war, aber mit dem Unterschied, dass sie sich bisher nicht riechen konnten.

„Ungefähr noch eine halbe – ", Ginny stutze kurz, als Blaise begann sich umzuziehen, am liebsten hätte sie sich, wie ein kleines Mädchen voller Scham, die Hände vor die Augen geklatscht. Aber anscheinend hatte Blaise kein Problem damit sich vor ich umzuziehen, warum sollte sie dann eins damit haben? „Ungefähr noch eine halbe Sunde.", fing sie den Satz wieder an. Sie beobachtete Blaise jetzt ganz genau. Ihre neue Denkweise gefiel ihr. Generell sagte man ihr oft, dass sie zu schüchtern, teilweise sogar prüde wirken würde. Das kränkte sie, denn unter keinen Umständen wollte sie in irgend einer Weise prüde, langweilig oder gar konservativ herüber kommen. Klar, sie warf sich nicht dem erst besten an den Hals, aber dennoch hatte auch sie gerne ihren Spaß. Irgendwie wurde sie einen kurzen Moment lang neidisch auf die Frau, mit der Blaise sich bald treffen würde. Er sah echt gut aus: durchtrainiert, aber nicht etwa so wie ein übertriebener Bodybuilder, sondern eher wie ein Adonis. Mit seinen dunklen Augen, seiner leicht gebräunten Haut und den verwuschelten dunklen Haaren, konnte sie sich nur zu gut vorstellen, wie er hunderte von Frauen ins Bett bekam, ohne ihnen wahrscheinlich alles Mögliche versprechen zu müssen. Warum hatte Ginny nicht auch ein Blaise Zabini: attraktiv, vermögend und wie es den Anschein machte, auch noch nett?!

Die Welt ist einfach ungerecht.

Blaise räusperte sich und Ginny erwachte aus ihrer Trance: „Was meinst du Weasley?! Wie sehe ich aus?"

Sie hatte sich nicht verspekuliert: Das weinrote Hemd passte perfekt zu seiner dunklen Haut und das schwarz des Umhanges und der Hose, ließen seine Bewegungen sehr elegant wirken. Trotzdem konnte man durch die Kleidung erkennen, dass er breite Schultern hatte und wahrscheinlich auch sonst sehr sportlich war. Sein gesamtes Erscheinungsbild sah einfach zum dahin schmelzen aus.

„Darf ich noch eine Kleinigkeit ändern?", fragte sie. Er nickte und ohne auf ein weiteres Zeichen seinerseits zu warten, ging sie zu ihm hin, stellte sich genau vor ihm und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Zumindest war das ihr Vorhaben gewesen, seine Nähe und der männlich herbe Duft seines Aftershaves warfen sie völlig aus der Bahn. Ungeschickt fummelte sie an dem Knopf herum und hätte ihn am liebsten, voller Ungeduld und Verwirrung, schon einfach abgerissen. Doch dann schob Blaise Ginny sanft von sich weg.

„Ich mach das schon.", sagte er mit einem süffisantem Grinsen und eine Sekunde später war der Knopf auf.

„Und wie sehe ich jetzt mit dieser klitzekleinen Veränderung aus?"

Ginny brauchte nur wenige Sekunden um sich von dem gerade passierten zu fangen. Sie trat einige Schritte von Blaise weg, um einen besseren Blick auf das Gesamtresultat zu besitzen. Sie betrachtete ihn einige Sekunden, ehe sie ihre Prognose von sich ließ:

„Nun elegant, aber dennoch locker. Perfekte Kombination. Okay, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber ich muss jetzt zurück zum Manor. Meine Pause ist bald vorbei und... ich muss jetzt los."

Blaise runzelte die Stirn und sah sie fragend an. Doch Ginny zuckte nur entschuldigend mit den Schultern und griff hastig nach ihrer Tasche. Dann schritt sie schnellen Schrittes zur Tür. Fast panisch öffnete sie diese, so als ob sie auf der Flucht wäre.

Sie meinte noch zu hören, wie Blaise ihr ein „Danke!" hinterherrief. Doch das war ihr egal. Jetzt grade war ihr alles egal! Sie hatte ein verdammt großes Problem, soviel stand fest und sie kannte nur eine Person mit der sie darüber reden konnte. Aber erstemal brauchte sie eine Zigarette.


Ein dickes, dickes.. ja ein wirklich ganz ganz dickes SORRY! an euch alle. Achja, ich hatte eine schwere Zeit -snif-. Soll heißen: Mir ist nichts eingefallen, ich brauchte eine Pause und es ging alles wirklich nur sehr sehr schleppend voran. Aber tadá! Hier ist jetzt das 9. Kapitel und ich hoffe doch sehr, dass es euch gefällt. Wenn dem so ist, dann bitte ich um viele viele Reviews. Dank'schön ;)