Tag 3 – Eine klitzekleine Lüge

„In mein Büro," herrschte House seinen jungen Intensivisten im Vorbeigehen an. Robert blieb stehen und sah ihm verwirrt hinterher. Mit einem Seufzer drehte sich House in der Tür um. „In. Mein. Büro. Dr. Chase. Jetzt!" wiederholte er betont langsam. Roberts Augen blitzten wütend auf. Mit steifen Schritten folgte er seinem Boss in sein Büro. Mit dem Rücken an die Tür gelehnt blieb er stehen und verschränkte die Arme vor seinem Körper.
House humpelte zu seinem Stuhl und ließ sich mit einem schmerzvollen Gesicht darauf nieder. Mit zwei schnellen Handgriffen holte er seine Tabletten aus der Tasche und nahm Zwei. „Setzen, Chase," sagte er und deutete auf den Stuhl vor dem Tisch. Robert schüttelte stur den Kopf (Gott, du benimmst dich wie ein Kleinkind, Robert. Reiß dich zusammen!) und blieb stehen. „Chase, setzen. Sofort!" befahl House mit unterdrückter Wut. Gott, der Junge konnte so stur sein.
Robert atmete tief durch und ließ sich auf der Kante des Stuhls nieder.

House nickte und nahm einen Schluck Kaffee, während er Chase anstarrte.
Der junge Mann rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her, die Hände lagen verkrampft in seinem Schoß. „Hören Sie auf! Sie machen mich wahnsinnig mit Ihrem Herumgehampel." Robert öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schüttelte dann aber den Kopf. Er würde dieses Spiel nicht mitspielen. Allerdings war er neugierig, was House von ihm wollte.

Nach minutenlangen Schweigen hielt es Robert schließlich nicht mehr aus. „Warum bin ich hier?" „Raten Sie!" forderte ihn House mit einem Grinsen auf und griff nach seinem Ball. Scheinbar gelangweilt warf er ihn hoch und fing ihn auf. Robert schüttelte den Kopf und machte Anstalten aufzustehen. „Warum?" fragte House, bevor Robert den Raum verlassen konnte. Der blonde Arzt drehte sich überrascht um. „Warum was?" „Diese Sache mit Vogler." Robert riss die Augen auf. „Was...?" House seufzte. "Ich verstehe es nicht. Was haben Sie sich davon erhofft?" „Meinen Job zu behalten?!" Robert setzte sich perplex auf den Stuhl. Warum fing House jetzt damit an, Monate später? Damals hatte er keine Erklärung verlangt, keine Entschuldigung erwartet oder gewollt. Und jetzt? „Hm, sehr clever. Und mit mir zu reden, ist Ihnen nicht eingefallen?" Robert schnaubte. „Ja, klar..." murmelte er. „Ich will eine bessere Erklärung von Ihnen." „Sagen Sie mir doch einfach, was Sie hören wollen House," entgegnete Robert wütend. „Ich werde es dann brav wiederholen und wir können diesen Zirkus beenden"
„Oh, der Kleine zeigt Krallen. Wie amüsant!" erwiderte House sarkastisch. Robert schüttelte den Kopf. „Wenn das alles war...?" „Nein, war es nicht!" fauchte der Ältere ihn an. „Ich will eine ehrliche Antwort, Chase. Keine Ausflüchte, keine Halbwahrheiten."

Robert lehnte sich zurück und dachte nach. Dieses ganze Gespräch war vollkommen verrückt und ganz und gar nicht House Stil. „Was willst du wirklich?" fragte er schließlich ruhig. House schürzte die Lippen und sah zur Tür. Cameron und Foreman standen auf dem Flur und unterhielten sich angeregt mit Wilson. „Wissen was los ist," antwortete er schließlich leise. So leise, das es Chase fast nicht hörte. „Nichts, House. Gar nichts! Mir geht es gut. Die Sache mit Vogler tut mir leid. Ich wollte nicht, dass es so weit kommt." House nickte, obwohl er wusste, dass Robert log. Aber er kannte den jungen Arzt viel zu gut, um weiter zu bohren. Der Junge war sturer als ein Esel, sogar sturer als er. Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete er, wie Robert den Raum verließ und sich mit schnellen Schritten in Richtung Badezimmer bewegte. Ich werde schon noch rausfinden, was mit dir los ist, versprach sich House im Stillen und warf wieder seinen Ball.

Mit zitternden Finger fuhr sich Robert durchs Haar. Seit gut 5 Minuten stand er vor dem Spiegel in der Herrentoilette und versuchte sich zu beruhigen. Seine Hände hörten einfach nicht auf zu zittern. Er spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und atmete tief ein.
Er hätte House die Wahrheit sagen sollen. Der Diagnostiker hatte gewirkt, als würde es ihn wirklich kümmern. Vielleicht hätten sie... „Nein!" fluchte er laut. Nicht dran denken! Nicht an House denken!, sagte er sich immer wieder. Doch die Erinnerungen ließen sich nicht so leicht verdrängen...

Toronto, 2001

„Das ist er," flüsterte Hailey Osman ihm verschwörerisch ins Ohr. Robert drehte sich unauffällig um. „Wer?" „Der Dunkelhaarige mit dem Sportsakko," antwortete sie. Sein Blick folgte ihm unauffällig. Dr. Gregory House. Sein Herz machte einen kleinen Sprung, als ihn ein kalter Blick aus blauen Augen traf. „Gott," flüsterte er. „Wo?" witzelte Hailey und schaute sich suchend um. Robert gab ihr einen freundschaftlichen Knuff, ohne den Blick von Dr. House zu nehmen. „Wie süß! Robert hat sich verknallt" säuselte sie ihm ins Ohr. Der schüttelte lachend den Kopf. „Hör auf mit dem Blödsinn. Ich hol dir lieber noch was zu trinken." Er nahm ihr das Sektglas aus der Hand und ging Richtung Bar, als er ziemlich unsanft von hinten angerempelt wurde. „Passen Sie..." die Worte blieben ihm im Hals stecken, als er in ein paar blaue Augen sahen. „Sie stehen im Weg!" fuhr in Dr. House rabiat an und drängte sich an ihm vorbei.

„Sie sind also Dr. Chase," sprach ihn eine Stimme hinter ihm an. Robert drehte sich um und versuchte ohne viel Erfolg, die Schmetterlinge in seinem Bauch zu beruhigen. „Ja, bin ich. Und Sie sind Dr. House." House nickte und deutete auf den Tisch. Robert zog erstaunt eine Augenbraue hoch, ließ sich aber gehorsam auf dem Stuhl nieder. „Sie machen Ihre Ausbildung im New Jersey City Hospital." Robert nickte. „Gleiches Fachgebiet, wie Ihr Vater?" fragte House neugierig. Irgendetwas an diesem blonden Jungen zog ihn an. Er wirkte... unschuldig, mit seinen blonden Haaren, die ihm ständig in die Stirn fielen und den grün-blauen Augen.
„Nein, Gott bewahre!" murmelte Robert und strich sich die Haare aus der Stirn. „Ach ja, Väter und Söhne! Eines der großen Dramen der Menscheinheitsgeschichte" antwortete House mit einem breiten Lächeln und ließ das Thema fallen.

Die Kerze spiegelte sich wie ein goldener Heiligenschein in Roberts blondem Haar. Sanfte Musik (irgendeine Soul-Platte) spielte im Hintergrund und der Duft des gebratenen Huhns in Orangensoße hing verführerisch in der Luft.
Sie saßen in einem kleinen privaten Speisezimmer des Hotels. Als Greg ihn zum Essen eingeladen hatte, hatte er alles erwartet, aber nicht ein romantisches Dinner zu zweit.
Es war zwei Wochen her, seit sie sich kennen gelernt hatten. Greg war... anders. Er war sarkastisch, hart und ziemlich gemein. Aber Robert gegenüber war er ganz anders. Sie redeten stundenlang über alles mögliche und Greg schaffte es eine Unterhaltung zu führen, ohne einen bissigen Kommentar fallen zu lassen. Robert konnte ihm sogar von den Problemen mit seinem Vater erzählen, ohne sich klein und unbedeutend vorzukommen. Und gestern hatte er mit Schrecken festgestellt, dass er sich in ihn verliebt hatte. Hailey hatte nur gelacht und ihm mitfühlend übers Haar gestrichen.
Doch anscheinend war die Sache nicht so hoffnungslos, wie geglaubt. Warum sonst würden sie jetzt bei Kerzenschein zusammen sitzen?

Robert nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er Greg an diesem Abend zum Abschied küsste. Der Kuss war federleicht, nur eine kurze Berührung ihrer Lippen. „Schlaf gut!", flüsterte er und verschwand in Richtung seines Zimmers.
Als er die Tür hinter sich schloss, spürte er immer noch den leichten Druck von Gregs Lippen. Mit einem Lächeln schlief er ein.

Der zweite Kuss ging von Greg aus. Sie saßen in Gregs Zimmer und unterhielten sich über den Vortrag von Dr. Bentley, einem aufgeblasenen Diagnostiker aus New Orleans.
„Es schneit," sagte Robert plötzlich und trat ans Fenster. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, als er die Schneeflocken zu Boden treiben sah. „Wie wundervoll," sagte House wenig begeistert. Schnee bedeutete Kälte. Kälte bedeutete Eis. Eis bedeutete Glätte. Und Glätte war gar nicht gut, wie er schon schmerzhaft erfahren hatte. Aber Robert schien die weiße Pracht zu gefallen. Seine Augen leuchteten, als er sich wieder zu ihm setzte.

Greg hatte es nicht geplant, aber als er in Roberts Gesicht sah, musste er ihn einfach küssen. Robert schlang einen Arm um seinen Hals, zog ihn näher und öffnete seinen Mund. Der Kuss war alles, was man sich von einem Kuss wünschte. Leidenschaftlich duellierten ihre Zungen miteinander. Mit einem erstickten Keuchen löste sich Robert schließlich von Greg.
„Das war... unglaublich!" murmelte er, als er endlich wieder Luft bekam. Greg grinste und zog ihn wieder zu sich. „Du warst gar nicht übel," sagte er bevor sie ihre Lippen erneut trafen.

New Jersey, 2006

„Robert? Ist alles ok? Gott, du zitterst ja wie Espenlaub." Eric sah seinen Kollegen besorgt an. Chase war kalkweiß im Gesicht und sah aus, als müsste er sich gleich übergeben.
„Alles ok," murmelte er nur und verließ fluchtartig den Raum. Vor der Tür stieß er fast mit Alison zusammen. „Sorry," flüsterte er und hastete in Richtung Ausgang.

sputty: vielen dank für die review - anscheinend gibt es wenigstens einen weiteren House-Fan außer mir;) Du hast natürlich recht, das House ooc ist - er ist aber auch ein echter verzwickter Charakter. Im nächsten Kapitel versuche ich aber ein bißchen mehr "House-isch" rüberzukommen.