Toronto, 2001
Robert
Der erste Eindruck von House, nach dem eher peinlichen Zusammenstoß am Willkommens-Abend, war nicht gerade... sympathisch. Der Diagnostiker hatte zwar einen brillianten Ruf, schien privat aber eher schwierig. Robert bekam das Gespräch eher zufällig mit... na gut, wenn er ehrlich war, hatte er sich absichtlich in der Nähe des attraktiven Arztes herumgedrückt.
Samantha Brown war eine junge, extrem hübsche Ärztin aus Baltimore. Sie war Onkologin. Ihre grünen Augen wirkten wie Smaragde und die tiefschwarzen Locken umrahmten ihr schmales Gesicht. Mit einem freundlichen Lächeln näherte sie sich dem Tisch, an dem Dr. House allein saß und (Robert musste zwei Mal hingucken) Gameboy spielte.
"Dr. House?" Der Mann nickte zwar, nahm aber ansonsten keine Notiz von Samantha. Sie räusperte sich und runzelte die Stirn. "Dr. House?" House hob eine Hand und machte eine scheuchende Handbewegung, während er weiter hochkonzentriert auf sein Spiel starrte. Sam stand einige Momente unentschlossen im Raum, bevor sie sich einen Stuhl heranzog und House gegenüber Platz nahm.
"Ich bin Samantha Brown," begann sie. "Schön für Sie!" antwortete House, ohne auch nur einen Blick nach oben zu werfen. Robert grinste, als er das fassungslose Gesicht der Ärztin sah. "Ich..." versuchte Sam ein weiteres Mal mit dem Diagnostiker ins Gespräch zu kommen. Mit einem genervten Seufzen legte er den Gameboy aus der Hand. "Hören Sie, Angie? Katie? wie auch immer. Weder will ich mich mit Ihnen über den ach so interessanten Kongress unterhalten, noch möchte ich mich überhaupt über irgendetwas mit Ihnen unterhalten. Der einzige Grund aus dem ich überhaupt hier bin, ist das gute Essen, die Abwesenheit von kranken Menschen und keine nervigen Kollegen, die ständig meinen Rat wollen. Also, wenn Sie jetzt bitte so freundlich wären, mir aus dem Licht zu gehen...!"
Nach diesem.. denkwürdigen ersten Eindruck ließ Robert alle Pläne fallen, House anzusprechen. Hailey hingegen schüttelte sich fast vor Lachen, als sie von dem Gespräch erfuhr.
"Du hättest ihr Gesicht sehen sollen! Es war zum Schreien," erzählte sie ihrem besten Freund grinsend. Die Beiden saßen, in dicke Mäntel gehüllt, auf einer Bank im Park des Hotels. "Sie war puterrot im Gesicht und brachte kaum ein Wort heraus. Ich glaube, sie hat sogar geheult." Hailey strich sich durch ihre kurzen blonden Haare. "Einfach wunderbar!" Robert schüttelte den Kopf. Er konnte an der Situation nichts lustiges finden. Er konnte sich viel zu gut in Samantha hineinversetzten. Schließlich hatte er selbst vorgehabt, House anzusprechen.
Hailey hatte die düstere Stimmung ihres Freundes bemerkt. "Ach komm schon! Frauen wie Samantha verdienen es nicht anders. Erinnerst du dich an Kathy Melore? Diese Brown ist genauso." Robert schüttelte stur den Kopf, auch wenn ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief, als er an Kathy dachte. Kathy war Krankenschwester und lief ihm seit 1 Jahr, wie ein Dackel, hinterher. Schließlich hatte er genug gehabt und ihr die Meinung gesagt. Danach hatte seine Beliebtheit schlagartig nachgelassen und das Getuschel auf den Fluren sprach Bände. Robert war das ziemlich egal. Seit er 15 war, wusste er, dass er sowohl auf Frauen als auch auf Männer stand. Und er hatte die Erfahrung gemacht, das Beziehungen mit Männern sehr viel einfacher waren, als mit Frauen.
"Hallo! Erde an Dr. Chase!" Hailey wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht auf und ab. "Lass uns reingehen, Rob. Mir ist kalt. Du darfst mir einen heißen Kakao ausgeben," sagte sie gönnerhaft und zog ihn zum Hotel zurück.
Greg
Dr. Gregory House, seines Zeichens Arzt, konnte weder viel mit seinen Patienten noch mit seinen werten Kollegen anfangen. Doch im direkten Vergleich würde er seinen Kollegen zähneknirschend vorziehen. Und genau diesem Umstand verdankte er es, dass er jetzt im kalten Toronto war und einer streng dreinblickenden Ärztin lauschte, die das Neueste zum Thema Immunkrankheiten von sich gab. House gähnte herzhaft, was ihm einen strafenden Blick seines Nachbarn einbrachte.
Das einzig Interessante an dem Vortrag, saß 2 Reihen vor ihm. Die blonden Haare hoben ihn von den anderen ab. Robert Chase hieß der junge Mann, der das Interesse des Diagnostikers geweckt hatte. Er war mitten in seinem Studium von Melbourne nach New Jersey gewechselt, was für einigen Wirbel gesorgt hatte. Doch seine Ausbilder und Kollegen waren voll des Lobes über ihn. House wusste selbst nicht, was ihn an dem Jungen so faszinierte. Vielleicht war es die Aura der Unschuld die ihn umgab, die grün-blauen Augen oder das strahlende Lächeln.
Wilson hätte ihn vermutlich völlig entgeistert angestarrt und ohne Umstände in eine geschlossene Anstalt einweisen lassen. Seit es mit Stacy aus war, oder so gut wie aus, hatte er niemanden an sich rangelassen. Und davor auch nicht, wenn er ehrlich war. Was war es also, das den blonden Australier aus der Masse hervorhob. Er war schließlich noch ein Kind, mitten in seiner Ausbildung. Warum sollte er sich für einen alten Krüppel, wie ihn interessieren?
In diesem Moment beugte sich Chase zu einer Sitznachbarin. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr und grinste. "Verdammt!" fluchte House. Nicht wenige Augenpaare richteten sich plötzlich auf ihn. "Was?" fragte er und zog eine Braue hoch. "Ich brauche einen Kaffee! Also, seid brave Ärzte und lauscht weiter andächtig." House stand auf und ging, unter wütenden Bemerkungen der anderen, aus dem Saal.
Robert
"Verdammt!" erscholl es ein paar Reihen hinter ihm. Er drehte sich um und blickte einen Moment in ein schon altbekanntes blaues Augenpaar. Hailey drehte sich wieder kopfschüttelnd nach vorne. "Ist das ein Ekel," sagte sie. "Ich weiß wirklich nicht, was du an dem findest." Robert grinste und sah dem älteren Mediziner hinterher.
Die Frage, was an House so anziehend war, hatte er sich selbst schon mehr als einmal gestellt. House sah zwar auf eine gewisse Art gut aus, hatte aber sonst nicht viel liebenswertes an sich. Jede seiner Bewegung schien Sarkasmus und Geringschätzung auszudrücken. Robert hatte den Mann noch nie lächeln gesehen. Meistens vergrub er sich hinter seinem Gameboy oder beobachtete und kommentierte die Missgeschicke anderer Leute.
"Robert!" zischte Hailey und boxte ihm kräftig in die Seite. "Jedes Mal, wenn du an House denkst, schaltest du deine Umwelt vollkommen ab. Wir sind hier, um was zu lernen." Robert sah sie fragend an und deutete zum Rednerpult. "Von der? Da kann ich dir mehr über Immunkrankheiten beibringen. Weißt du was, ich geh ein bisschen frische Luft schnappen." Leise und sehr viel rücksichtsvoller als House schlich Robert aus der Vorlesung.
Greg
Er saß an einem Tisch, der Gameboy vergessen neben einer dampfenden Tasse Kaffee. Überrascht schaute er auf, als Schritte ertönten. Der blonde Australier kam langsam aus Richtung des Vorlesungssaales. Eine kleine Falte lag auf seiner Stirn.
"Sie sind also Dr. Robert Chase," sagte er, als der Mann an ihm vorbeiging. Überrascht erstarrte er mitten im Schritt und drehte sich um. Ein vereinzelter Sonnenstrahl beleuchtete die fast goldenen Haare des Arztes und verliehen ihm einen Heiligenschein. "Und Sie sind Dr. Gregory House," erwiderte er ohne lange zu zögern. House nickte und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. (Gott, was ist mit dir los? Du hast doch nicht wirklich vor, dich mit ihm zu... unterhalten? fragte House sich in Gedanken) Robert zog erstaunt eine Augenbraue hoch, ließ sich aber gehorsam auf dem Stuhl nieder. „Sie machen Ihre Ausbildung im New Jersey City Hospital." Robert nickte. „Gleiches Fachgebiet, wie Ihr Vater?" fragte House neugierig. Natürlich wusste er längst, dass dem nicht so war, und er hatte auch von dem angespannten Verhältnis von Vater und Sohn gehört. „Nein, Gott bewahre!" murmelte Robert und strich sich die Haare aus der Stirn. „Ach ja, Väter und Söhne! Eines der großen Dramen der Menscheinheitsgeschichte" antwortete House mit einem breiten Lächeln und ließ das Thema fallen. Wäre es jemand anders, als Robert Chase gewesen, hätte er ohne zu zögern einen beißenden Kommentar abgelassen und einen Heidenspaß dabei gehabt. Doch der Gedanke Robert weh zu tun, hinterließ ein ungutes Gefühl in seiner Magengegend.
Robert
Fast 2 Stunden, bis zum Ende des Vortrages, saßen er und House an dem Tisch und unterhielten sich. House hatte einen schwarzen Humor, der zwar gewöhnungsbedürftig, aber auch irgendwie charmant war. Robert erzählte ein wenig über sein Leben in Australien, wie es war als Sohn von Rowan Chase aufzuwachsen, und warum er nun in Amerika war. House erzählte im Gegenzug Anekdoten seiner Patienten oder wilde Gerüchte über die anwesenden Ärzte. Für jemanden, der nichts mit seinen Kollegen zu tun haben wollte, wusste House erstaunlich viel. "Kenne deinen Feind," sagte er nur, als Robert ihn drauf ansprach.
