Tag 4 - Ein unerwarteter Kuss
New Jersey, 2006
"Du hast sie geküsst?" fragte Cameron schockiert. Auch Eric sah Robert fassungslos an. "Ich..." Robert schüttelte den Kopf. Er wusste selbst nicht, was in ihn gefahren waren. Klar, Andy hatte ihm leid getan - aber sie war 9! Ein kleines Kind. House gab Cameron und Foreman Anweisungen für den nächsten Test und die beiden verließen fluchtartig den Raum. Cameron sah Chase noch kurz an und schien etwas sagen zu wollen. Dann schüttelte sie nur den Kopf und lief hinter Foreman her.
House ließ sich mit einem Seufzer auf einen Stuhl fallen und ergriff sein Taschentuch. Robert fuhr sich nervös durchs Haar und sah House an. Er wartete auf den Kommentar, den der Diagnostiker bestimmt schon parat hatte. House fixierte ihn, sagte aber nichts. "Was?" fragte Robert schließlich genervt. House zog nur eine Augenbraue hoch und putze sich seine laufende Nase.
"Sag's schon," sagte Robert schließlich. "Was soll ich deiner Meinung nach sagen? Das du ein 9 jähriges Kind geküsst hast und dadurch deinen Job verlieren könntest? Ich nehmen an, dass weißt du bereits und wenn nicht, wird es dir Cameron bestimmt gern erklären." Robert nickte und setzte sich verkrampft gegenüber von House auf einen Stuhl.
"Foreman hat mir eine lustige kleine Geschichte erzählt," sagte House plötzlich und nieste. Robert starrte auf seine Hände und wünschte sich weit weg. "Willst du mir sagen, was los ist oder soll ich raten? Ich hätte ein paar wundervolle Theorien, warum du gestern wie ein Marathonläufer die Klinik verlassen hast." "Ich.. es ging mir nicht gut," antwortete Chase leise. House holte geräuschvoll Luft und versuchte das Brennen seiner Nase zu ignorieren. Verdammte Pollen, fluchte er lautlos.
"Komisch, als wir miteinander gesprochen haben, schien es dir noch gut zu gehen. Was ist in den 5 Sekunden von meinem Büro bis zum Badezimmer passiert? Hat dir ein böser Bazillus aufgelauert und dann hinterrücks überfallen?" Robert schüttelte den Kopf und starrte weiter auf die weiße Tischplatte. Er konnte House wohl schlecht sagen, warum es ihm so schlecht gegangen war.
House seufzte, während er auf Chase gesenkten Kopf schaute. Die blonden Haare fielen ihm ins Gesicht, konnten die dunklen Augenringe und die blasse Haut aber nicht verbergen. "Gut, da du anscheinend an einer spontanen Stimmbandentzündung zu leiden scheinst und mir nicht antworten kannst, kommst du heute Abend zu mir." House stand auf. "Und lass dir bis dahin was besseres einfallen, als mir ging es plötzlich schlecht!"
Toronto, 2001
"Du hast ihn geküsst?" fragte Hailey aufgeregt. Robert hielt schnell einen Finger vor seine Lippen und sah sich um. Die Cafeteria war fast leer. "Und, wie war es?" Robert zuckte mit den Schultern und grinste. "Es war eigentlich kein richtiger Kuss. Aber wir treffen uns heute Abend wieder zum Essen," erzählte er strahlend. Hailey seufzte. Warum musste es ausgerechnet House sein. Der Mann war... Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, als sie an die stechenden Augen und den beißenden Sarkmus des Mannes dachte. Aber Robert war in dieser Hinsicht schon immer etwas komisch gewesen. Wenn Sie an seine erste Freundin dachte... Auf jedenfall schien er glücklich zu sein, das war die Hauptsache.
Nervös schaute er in den Spiegel. Ein leichtes Lächeln lag auf seinem Gesicht, das er seit gestern Abend nicht mehr unterdrücken konnte. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn aufseufzen. Es war erst kurz nach 4, der letzte Vortrag war seit einer halben Stunde vorbei und bis zu seiner Verabredung mit Greg waren es noch unendliche 3 Stunden.
Um die Wartezeit wenigstens etwas erträglich zu gestalten genehmigte er sich eine lange Dusche, checkte kurz seine E-Mails bevor er sich der Klamottenfrage zuwandte. Hailey zog ihn immer mit seinem schlechten Geschmack auf und eigentlich war es ihm egal, wie er aussah, aber heute wollte er gut aussehen.
Nach einigem hin und her griff er zum Hörer und wählte Haileys Durchwahl. "Hailey, kannst du kurz vorbeikommen. Ich brauche deine Hilfe."
"Gott, dein Kleiderschrank ist der Vorhof zur Hölle," fluchte Hailey eine halbe Stunde später. Inzwischen lagen Roberts Klamotten im ganzen Zimmer verstreut. Er saß auf seinem Bett und beobachtete den Wirbelwind, der in seinem Kleiderschrank steckte. "Hier, probier das!" kam es aus den Schranktiefen und ein rostroter Pullover flog ihm entgegen. "Nein, warte!" Hailey tauchte mit einem weißen Hemd auf. "Hier, das ist besser. Hier war auch irgendwo noch eine schwarze Jeans..." Suchend blickte sie sich um und zog die Hose dann unter dem Bett hervor. "Los, was sitzt du hier noch rum? Umziehen, aber zackig!"
Hailey nickte zufrieden. Robert sah zum Anbeißen aus. Die enge Jeans betonte seine schlanken Beine, das weiße Hemd schmiegte sich an seinen Oberkörper. Sie reichte ihm einen schwarzen Blazer. Schick, aber nicht zu steif - leger aber nicht zu locker. "Greg wird dir nicht widerstehen können," lobte sie sich. Robert schenkte ihr daraufhin sein schönstes Lächeln.
New Jersey, 2006
"Wilson, ich muss mit dir reden!" unterbrach House, Wilson, der mitten in einem Patientengespräch steckte. Entschuldigend blickte der Onkolist seinen Patienten an und folgte House dann nach draußen.
"Es geht um Chase." "Was hat er diesmal wieder ausgefressen? Hat er dich bei Cuddy verpetzt oder deine Lieblingstasse genommen?" fragte Wilson leicht genervt. House und Chase benahmen sich wie Kleinkinder und er war derjenige, der sich Gregs ständiges Gemecker über den blonden Australier anhören musste. "Er hat deine Patientin geküsst?" sagte House nach einem weiteren Nieser. Wilson sah ihn fragend an. "Du weißt schon, dieser kleine Mensch ohne Haare, furchtbare Geschichte." Wilson riss die Augen auf. "Er hat Andy geküsst? Sie ist erst 9!" House nickte und nieste wieder. "Er wollte ihr einen gefallen tun. Ungeküsstes Mädchen sieht gutaussehenden Arzt, man sollte einen Film draus machen." "Und du hast mit aus einem Patientengespräch geholt weil...?" fragte Wilson ohne weiter auf die Sache einzugehen.
"Er verheimlicht was," antwortete House. "Wer?" House sah Wilson an, als wäre dem ein zweiter Kopf gewachsen. "Ach so, wir reden immer noch über Chase." House nickte. "Warum glaubst du das?" House zuckte mit den Schultern. "Ist so ein Gefühl," murmelte er. Wilson legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Da wäre er dann ja nicht der Einzige, oder?"
