Tag 5 - Weil ich dich liebe!

Robert wachte mitten in der Nacht auf. Es war kalt. Er rieb sich die Augen und setzte sich auf. Schemenhaft erkannte er das Zimmer und stellte fest, dass er nicht bei sich zu Hause war. Wo zum Teufel..., fragte er sich. Erst jetzt fiel ihm auf, dass seine Bettdecke auf mysteriöser Weise verschwunden war. Blind tastete er im Dunkeln nach der Decke und traf auf warme Haut. Wie ein Blitz durchfuhr ihn die Erinnerung an den vergangenen Abend. Greg, flüsterte er lautlos. Er drehte sich auf die Seite und sah den neben ihm liegenden Schatten an. Greg hatte schon immer die Angewohnheit gehabt, nachts die Decke zu klauen. Etwas, das er vehemend abstritt!
Vorsichtig griff er nach dem Zipfel der Decke und zog, bis er ein ausreichend großes Stück bei sich hatte. Wieder dick eingemummelt, legte er sich auf das Kissen und schloss die Augen. Doch der Schlaf blieb aus. Dafür zuckten die Bilder des Abends in leuchtenden Farben hinter seinen Augenliedern auf.

Um halb 3 hielt er es schließlich nicht mehr im Bett aus. Alles in ihm schrie danach House aufzuwecken, mit ihm zu reden oder... Robert schüttelte den Kopf und stand auf. An der Badezimmertür hing Gregs Bademantel, den sich Robert kurzerhand überwarf. Leise schlich er aus dem Raum und in die Küche. Aus dem Schrank holte er einen Teebeutel und füllte den Wasserkocher. Licht machte er nicht. Auch wenn er schon lange nicht mehr hier wohnte, fand er sich blind in Gregs Wohnung zurecht.

Was bedeutete diese Nacht? Gab Greg ihrer Beziehung eine Chance oder war es für ihn nur ein Ausrutscher?

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Das zweite Mal wurde er sehr unsanft geweckt. Und zwar von einem eiskalten und ziemlich nassen Handtuch. Mit einem sehr unmännlichen Schrei setzte er sich auf. Sofort protestierten seine verkrampften Muskeln. Er war anscheinend auf der Couch eingeschlafen.

„Hätt ich doch nur meine Kamera parat. Das gäbe ein wundervolles Motiv für meine Weihnachtskarten!" ertönte eine Stimme von rechts. Robert warf dem grinsenden House einen tödlichen Blick zu. „Ich wusste nicht, dass du Weihnachtskarten verschickst," sagte er schließlich trocken und warf das Handtuch auf den Tisch. „Wie spät ist es?" „Spät genug, um dir eine Menge Ärger bei deinem Boss zu bescheren." Robert nickte steif. „Kann ich duschen oder schmeisst du mich sofort raus?" Greg zog eine Augenbraue hoch und griff sich theatralisch an die Brust. „Ich bin entsetzt, Robert! Für wen hälst du mich?" „Das willst du nicht wissen," antwortete der müde und schleppte sich ins Bad.

Als er fertig geduscht und angezogen wieder ins Wohnzimmer kam, war Greg am Telefon. „...nichts an!" Mit einem Kopfnicken deutete er in die Küche. Robert war überrascht, dass der Ältere selbst Kaffee gekocht und es nicht ihm überlassen hatte. Mit einem wütenden „BIS SPÄTER!" knallte Greg den Hörer auf und gesellte sich zu Robert.

„Was nun?" fragte Robert nach einer Weile. Seine Stimme zitterte leicht. Er hatte Angst vor Gregs Antwort; Angst, dass der Andere ihn wegschicken würde. Greg seufzte und fuhr sich durch sein Haar. Er schüttelte den Kopf. „Wir reden später. Du solltest nach Hause fahren und dich umziehen." Robert nickte und stand auf. Unschlüssig sah er den Anderen an. Er hätte ihm gern gesagt, dass er ihn immer noch liebt, aber er hatte das Gefühl, dass es die Situation nicht einfacher machen würde. „Bis nachher," flüsterte er deshalb nur leise und verließ das Haus.

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Als Robert eine Stunde später (er hatte in Rekordzeit geduscht und frische Klamotten angezogen) in die Klinik kam, war House schon da. Er saß an seinem Schreibtisch und starrte finster vor sich hin. Alison und Cameron saßen am Tisch und lasen. Robert nickte den Beiden zu und setzte sich ebenfalls.

„Lange Nacht gehabt?" fragte sein Kollege und grinste anzüglich. Robert schüttelte den Kopf und nuschelte etwas von „schlecht geschlafen" vor sich hin. „Komm, mir kannst du es doch erzählen." Robert schüttelte nur steif den Kopf. Auf eine Unterhaltung mit Foremann, noch dazu über sein Sexleben, hatte er wirklich keine Lust. Erik verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und wandte sich schulterzuckend von dem Blonden ab und las weiter in seiner Zeitung.
„Alles in Ordnung?" fragte nun auch Alison und sah ihn besorgt an. Robert rang sich ein Lächeln ab. „Mir geht es gut, wirklich!" Die junge Frau nickte unsicher und bedachte ihn mit einem weiteren mitleidigen Blick. Innerlich verfluchte er sich für sein „unschuldiges" Gesicht, dem man jede Lüge schon auf weite Entfernung ablesen konnte. „Kaffee?" fragte sie plötzlich und hielt ihm eine dampfende rote Tasse entgegen. Verwirrt nahm er das Getränk. Er hatte nicht mal gemerkt, wie sie aufgestanden war. Alison lächelte ihn fürsorglich an und strich sich das dunkle Haar aus der Stirn. „Vielleicht solltest du dir einen Tag frei nehmen. Mal wieder raus fahren, Freunde besuchen oder so..." schlug sie vor. „Alison, mir geht es gut!" antwortete und versuchte ruhig zu bleiben. „Natürlich, aber wenn du mit mir reden willst.. Ich bin immer für dich da, Robert," sie legte ihm eine Hand auf den Arm. Der junge Arzt riss sich los und stand auf. „Es ist wirklich alles ok, Alison. Also lass mich in Ruhe!" zischte er und verließ das Büro.

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„Ich muss mit Ihnen reden!" sagte Alison, als sie House Büro betrat. Der Diagnostiker ignorierte die junge Ärztin und warf scheinbar konzentriert seinen Ball von einer Hand in die Andere. „House?!" House verdrehte die Augen, legte den Ball auf den Tisch und zog einen Kopfhörerstöpsel aus seinem Ohr. "Ja, Mama?" Alison seufzte und setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. „Es geht um Chase." „Was hat der Kleine ausgefressen? Wollte er seine Spielsachen nicht mit Ihnen teilen? Böser Junge! Ich schicke ihn gleich in die Ecke zum schämen." „House, bitte," sagte Alison. „Seien Sie einmal eine Minute ernst und hören mir zu." Greg seufzte. „Sie wissen doch, Ernst ist mein zweiter Vorname," murmelte er.
Die junge Ärztin schüttelte den Kopf. Mit House ein Gespräch zu führen war immer eine äußerste schwierige Angelegenheit. Aber Alison war ein geduldiger Mensch. Sie setzte ein liebenswürdiges Lächeln auf.
„Ich hab das Gefühl, dass etwas mit Robert nicht stimmt. Er benimmt sich seit ein paar Tagen so seltsam und er sieht blass und übernächtigt aus." „Und?" fragte House und warf einen sehnsüchtigen Blick zu seinem i-Pod. „Nun, mit mir und Erik will er nicht sprechen. Er hat mich sogar angeschrien, als ich es ihm angeboten habe," fuhr sie fort. „Ich bin schockiert!" rief House zynisch dazwischen. Alsion ignoriert ihn. „Vielleicht könnten Sie mal mit ihm sprechen. Auf Sie hört er." House sah Cameron überrascht an. Er sollte... was? Er räusperte sich. „Dr. Cameron, wie kommen Sie auf die wahnwitzige Idee, es könnte mich auch nur im entferntesten Interessieren, was Chase in seinem privat Leben macht?" Alison sah ihn verwirrt an. „Aber Sie..." „...müssen dringend etwas essen. Also wenn Sie mich entschuldigen würden!"

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Ohne Vorwarnung wurde Robert in ein leerstehendes Zimmer gedrängt. Mit einem Ruck riss House an der Schnur neben der Tür und ließ den Sichtschutz herunter. „Was...?" fragte der Australier verwirrt. „Wir müssen reden," zischte House ihm zu und lehnte sich an die Tür. „Ich dachte..." fing Robert verwirrt an und strich sich eine blonde Strähne aus der Stirn. „Nicht denken, Robert. Und am besten auch nicht reden. Du wirst nie erraten, wer eben bei mir im Büro war." Robert öffnete den Mund, wurde aber von House erhobenem Zeigefinger aufgehalten. „Was haben wir besprochen? Du hälst den Mund! Also, ich sitze vollkommen unwissend und unvorbereitet im Büro, als die liebe, gute Alison hereinschneit. Denn, du weißt ja, die liebe Alison hat ein großes Problem – sie ist süchtig! Man soll es kaum glauben, aber sobald es jemandem nicht gut geht, muss sie unbedingt dafür sorgen, dass alle wieder glücklich und zufrieden sind. Und jetzt rate mal, wer ihr neustes Projekt ist!" House blickte Robert abwartend an. Der Intensivist räusperte sich. „Soll ich..." House verdrehte die Augen. „Um es kurz zu machen, der glückliche Notfall für diese Woche ist... Robert Chase!"

Chase stöhnte. Das konnte doch nicht wahr sein. Alison war wirklich zu House gegangen, um über ihn zu reden. „Greg, es tut..." „Pst... nicht reden! Die gute Alison sitzt mir also gegenüber und klagt mir ihr, ober besser noch, dein Leid. Da du ihr großzügiges Thearpieangebot aufs Gröbste ausgeschlagen hast, wusste sie sich keinen Rat, als mich zu nerven. Und siehe da – hier bin ich. Und nun erzähl dem lieben Onkel Doktor, wo es dem kleinen Robbie weh tut"
Robert schwieg. In seinem Kopf herrschte das reinste Chaos.

„Was willst du von mir hören?" fragte Robert leise. House runzelte die Stirn. „Hm, mal sehen. Fassen wir die Symptome zusammen. Du bist unausgeglichen, leicht reizbar, nervös, schläfst kaum noch, bist blass, wie ein Vampir aus einem schlechten Horrorfilm und belügst deinen Boss. Wie lautetet Ihre Diagnose Dr. Chase"
„Kannst du dir nicht denken, was los ist?" fragte Robert und blickte zu Boden. House nickte nur und seufzte.

Einige Minuten herrschte Schweigen. Von draußen drang der Alltagslärm der Klinik herein. Schließlich holte Robert tief Luft und nahm seinen ganzen Mut zusammen: „Empfindest du noch was für mich oder hast du gestern aus Mitleid mit mir geschlafen?" Der Ton seiner Stimme war bitterer als gewollt. House sah ihn nicht an, sondern starrte auf die weiße Wand unter dem Fernseher. „Keine Antwort ist auch Eine," flüsterte er leise und kämpfte mit den Tränen.

„Warum ich?" fragte House plötzlich. „Was meinst du?" House deutete auf sein Bein. „Was willst du mit einem verkrüppelten Mann, der doppelt so alt ist, wie du? Ich bin kein guter Mensch, wie Cameron oder Foreman. Ich bin nicht mal ein netter Mensch. Die meisten Leute hassen mich und das finde ich gut so! Warum verschwendest du deine Zeit mit mir?" Robert kam näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Weil ich dich liebe!" flüsterte er. „Und Liebe nimmt keine Rücksicht auf das Alter oder eine Behinderung. Sie ist einfach da. Und nichts, was du sagst oder tust wird sie vertreiben."