Luna:„E spento !"„Er ist tot!"

Azucena:„Egl'era tuo fratello !"„Er war dein Bruder!"

Luna:„Ei !... quale horror !"„Ah!... Welch Grauen!"

Azucena:„Sei vendicata, o madre !"„Du bist gerächt, oh, Mutter!"

Luna:„E vivo ancor !" „Und ich lebe noch!"

Giuseppe Verdi, „Il Trovatore", Finale

Diego:

Noch immer habe ich nicht ganz begriffen, wie es zu all dem kommen konnte, und noch weniger kann ich es fassen, daß alles meine Schuld sein soll. Aber es muß ja so sein. Wie sonst könnte es angehen, daß Manrico, Leonora und Azucena tot sind, während ich weiterhin am Leben bin?

Dabei kann ich mir ganz und gar nicht erklären, daß ich wirklich dieses Monster sein soll, als das ich mir augenblicklich erscheine. Aber dort draußen auf dem Friedhof von Aliaferia zeugen die Gräber meines Bruders, der Frau, die ihm eine Mutter gewesen ist, und meiner über alles geliebten Leonoras davon, was ich getan habe.

Ferrando ist der Meinung, daß es an dem Fluch liegt, den Saviya, Azucenas Mutter, über das Geschlecht der Luna gebracht hat, aber das glaube ich nicht wirklich. Manchmal ist der gute Ferrando, das muß ich leider sagen, auch wenn mir seine Freundschaft unendlich viel bedeutet, ein wenig abergläubisch, und anscheinend traut er mir keinen bösen Gedanken zu, aber es ist meine Schuld, zweifellos.

Das geht auch aus den Aufzeichnungen hervor, die ich, als mir das Ausmaß der Katastrophe bewußt wurde, die ich angerichtet hatte, in der Zelle vorfand, in die ich Manrico und Azucena gesperrt hatte. Mein vermißter Bruder hatte seine Lebensgeschichte aufgeschrieben und in der Zelle zurückgelassen, als ich ihn hinrichten ließ.

Vielleicht macht es einen Sinn, wenn ich seine Erinnerungen mit den meinen vermische, vielleicht gelingt es mir, dann zu begreifen, was geschehen ist mit meiner Liebe, mit meiner Familie und mit mir, und vor allem, warum es geschehen ist...

Ich wurde vor zweiunddreißig Jahren in Zaragoza als ältester Sohn und Erbe des Conde di Luna geboren und auf den Namen Don Diego Nuño getauft.

Die politische Situation war unübersichtlich damals, da es häufig zu Machtwechseln kam. Der König, Don Pedro, begann, alt zu werden. Sein Nachfolger wurde Don Juan, dem dann wiederum von Martin d'Aragon nachgefolgt wurde. Es war schon abzusehen, daß es nach seinem Tod zumindest zu Auseinandersetzungen kommen würde.

In unserer Familie sah es ähnlich spannungsgeladen aus. Mein Vater hatte meine Mutter aus dynastischen Gründen geheiratet. Er liebte sie nicht, ja, mochte sie wahrscheinlich nicht einmal, sondern hatte nur um sie angehalten, weil sie aus einer passenden Familie stammte, und ihre Herkunft tadellos war.

Wäre da nicht die Angst gewesen, mir könnte etwas passieren, die von meinem Vater Besitz ergriff, hätte er sich wahrscheinlich niemals wieder in das Bett meiner Mutter verirrt. Da er jedoch befürchtete, die Luna-Dynastie könnte durch einen Unfall oder eine Krankheit meinerseits aussterben, wurde meine Mutter erneut schwanger.

Mein Vater suchte unterdessen sein Vergnügen bei der Dienerschaft, Bürgermädchen und Damen von zweifelhaftem Ruf. Dabei beging er eine große Unvorsichtigkeit, die sich an unserer gesamten Familie rächen sollte.

Vor unserem Familienstammsitz lagerte eine Gruppe von Zigeunern, die abends ins Schloß kamen, um uns mit Kunststücken zu unterhalten. Unter ihnen befand sich auch Saviya, die aus der Hand die Zukunft las. Ihre Tochter Azucena war ein betörend schönes Mädchen, das wilde Tänze vorführte. Wenn sich bei den folgenden Ereignissen auch meine Erinnerungen mit denen Ferrandos mischen, so sehe ich doch noch deutlich vor mir, wie sie durch die große Halle von Aliaferia wirbelte.

Entgegen der allgemeinen Ansicht bewachen Zigeuner ihre Frauen sehr genau und verlangen von ihnen, daß sie als Jungfrauen in die Ehe gehen. Trotz dieser Tatsache, die meinem Vater sehr wohl bekannt war, ließ er Azucena in seine Gemächer bringen. Sie schien ihn mit dieser Intensität, die später in eine bestimmte Form der Besessenheit umschlagen sollte, zu faszinieren, denn er ließ sie zwei Wochen lang seine Bettgefährtin sein, was bei ihm eine ungewöhnlich lange Zeit war. Dann schickte er sie mit ein paar Goldstücken zurück zu ihrem Stamm.

Über der Geburt meines Bruders geriet diese Geschichte jedoch vorerst in Vergessenheit, und als dann kurz darauf meine Mutter im Kindbett starb, waren Azucena und ihr Stamm kein Thema mehr.

Mein kleiner Bruder wurde auf den Namen Don Garcia Nuño getauft. Alle vergötterten dieses kleine Wesen, abgesehen von mir. Ich fand sein Geschreie nervtötend, und die Aufmerksamkeiten, die er bekam, machten mich eifersüchtig. Wieso erhielt er die ganze Aufmerksamkeit, die doch mir als Erstgeborenen zustand?

Es war nicht zu leugnen, daß Garcia ein außergewöhnlich hübsches Kind war, aber man konnte die Bewunderung für ihn auch wirklich übertreiben.

Etwa ein halbes Jahr nach Garcias Geburt kam Saviya ins Schloß und verlangte, zu meinem Vater vorgelassen zu werden. Mein Vater befand sich in seinem Arbeitszimmer, in das ich mich hineingeschlichen hatte, um unter einem der Tische zu spielen.

„Was will diese alte Hexe von mir?" fragte mein Vater den Diener, der sie gemeldet hatte.

„Sie sagte, sie würde es Euch nur persönlich sagen, Herr," antwortete dieser. „Und... ich wagte nicht, ... sie zu fragen. Sie drohte, mich in einen Wurm zu verwandeln."

Neugierig lugte ich unter dem Tisch hervor. Eine Hexe, so etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen!

„Bring sie herein, bevor sie noch droht, mein ganzes Schloß in Ungeziefer zu verwandeln," befahl mein Vater leichthin.

Der Diener verneigte sich und kehrte mit Saviya zurück, die erschreckender auf mich wirkte als noch vor einem halben Jahr.

„Was willst du?" fragte mein Vater schroff.

„Ihr habt meine Tochter verführt, Herr," antwortete sie mit unterdrückter Wut.

„Habe ich?" Er maß sie mit einem sehr beleidigenden Blick. „Ich kann mir nicht vorstellen, an einer Tochter von dir interessiert gewesen zu sein."

„Ihr Name ist Azucena," fauchte Saviya. „Und Ihr habt sie geschwängert."

„Wer sagt dir, daß ich es war?" Noch immer zeigte mein Vater keine Regung.

„Meine Tochter ist nur mit Euch zusammengewesen."

„Selbst wenn ich sie geschwängert haben sollte, wen interessiert das?"

„Es sollte Euch interessieren, Conde," fuhr ihn die Frau an. „Sie wird in unserem Stamm niemals einen Mann bekommen, der sie heiratet, und Ihr seid dafür verantwortlich. Also steht zu Eurer Tat."

„Ich soll dazu stehen, der Vater eines Zigeunerbalgs zu sein?" Mein Vater legte den Kopf in den Nacken und begann, laut zu lachen. „Ihr seid wirklich herrlich naiv. Warum sollte ich das tun?"

„Ich könnte Euch verfluchen, so, daß Ihr bis an Euer Ende nicht mehr froh werdet," Ihr Augen glühten, und unwillkürlich zog ich mich ein bißchen weiter unter den Tisch zurück.

„Ich bin keiner meiner Diener, die nur das Wort ‚Fluch' hören müssen, um in Angst zu erstarren." Seine Stimme erhob sich ein wenig. „Und jetzt verschwinde! Wenn ich dich hier noch einmal erwische, lasse ich dich auspeitschen."

„Das werdet Ihr bereuen!" schleuderte Saviya ihm entgegen, wandte sich um und verließ den Raum.

Natürlich war ich damals noch nicht in der Lage, wirklich zu begreifen, worum es bei dieser Auseinandersetzung gegangen war, doch später wurde mir klar, daß hier das Verhängnis seinen Anfang genommen hatte.

Eines Nachts, es muß einige Monate nach Saviyas Auseinandersetzung mit meinem Vater gewesen sein, erwachte ich durch ein Geräusch. Erschreckt setzte ich mich auf und starrte angespannt ins Dunkel des Schlafzimmers, das ich mit Garcia teilte.

Tatsächlich, dort am Fenster, an seiner Wiege war eine Gestalt zu sehen, die sich deutlich gegen das wenige Licht abzeichnete, welches durch den schmalen Spalt in den Vorhängen fiel.

Was wollte diese Person hier? Vorsichtig ließ ich mich zurück in die Kissen fallen. Vielleicht würde diese Gestalt ja freundlicherweise meinen Bruder mitnehmen, überlegte ich schändlicherweise, und dann würde ich wieder im Mittelpunkt stehen.

Die Gestalt begann, etwas zu murmeln, und die Stimme war weiblich. Sie kam mir irgendwie bekannt vor, aber bevor ich sie einordnen konnte, riß unsere Amme, die wohl gerade erwacht war, die Vorhänge beiseite.

Über Garcias Wiege gebeugt stand Saviya mit einem wilden Leuchten in den Augen.

Die Amme stieß einen langgezogenen Schrei aus, und schon kurz darauf stürmten Wachen herein, unter denen sich auch Ferrando befand, der gerade in das Wachregiment aufgenommen worden war.

Saviya stand bewegungslos neben der Wiege und blickte zur Tür. Nach einer Weile kam mein Vater, der sich offenbar nur sehr hastig angezogen hatte, durch diese Tür. „Du hast es gewagt, hier einzudringen?" fuhr er Saviya an.

„Ich sagte, daß Ihr es bereuen werdet, meine Tochter der Schande überlassen zu haben," erwiderte sie ruhig.

„Was hast du hier gewollt?"

„Eurem kleinen Augensternchen die Zukunft voraussagen." Ferrando sagte mir später, er habe den Rest des Satzes förmlich gehört, auch wenn sie ihn nicht aussprach, doch irgendwie lag er in der Luft. Er lautete: „... und dabei stellte ich fest, daß er keine mehr hat."

„Werft sie ins Verließ," befahl mein Vater angewidert, und während mehrere Wachen Saviya fortschleppten, holte er Garcia aus der Wiege und schaukelte ihn sanft in seinen Armen, was mich vor Eifersucht beinahe vergehen ließ.

Doch noch am gleichen Abend quälten mich unglaubliche Schuldgefühle. Wo ich so eifersüchtig war, mußte ich doch dafür verantwortlich sein, daß Garcia hohes Fieber bekam. Sein kleiner Körper zitterte und schwitzte gleichzeitig und nichts, was Ärzte, Bader und andere Heilkundige unternahmen, war geeignet, seinen Zustand zu verbessern.

Schließlich schien mein Vater nur noch eine Möglichkeit zu sehen, um Garcias Leben zu retten. Er befahl, Saviya als Hexe zu verbrennen. Er glaubte wohl, wenn sie nicht mehr am Leben wäre, würde der Fluch, der Garcia so leiden ließ, gebannt sein.

An dem Tag der Hexenverbrennung kamen viele Menschen nach Aliaferia. Es war damals noch nicht ganz so alltäglich wie heute, daß Menschen verbrannt wurden; vielleicht war das der Grund, warum der Platz vor dem Schloß schwarz war von der versammelten Menge.

Ich hatte gebettelt, dabei sein zu dürfen, aber meine Amme hatte es verboten. Sie meinte, sie wolle mich nicht die nächsten Monaten wegen Alpträumen trösten müssen.

So saß ich also in unseren Gemächern und lauschte dem Lärm, den das Volk veranstaltete. Plötzlich öffnete sich die Tür, und herein huschte Azucena. Sie wirkte allerdings verändert zu der Person, die damals in der großen Halle getanzt hatte. Ihr Umfang hatte etwas zugenommen, und ganz allgemein schien sie nicht mehr so jung zu sein wie noch vor knapp einem Jahr. Auf dem Arm trug sie einen Säugling, der um einige Monate jünger als Garcia zu sein schien, aber mit diesem durchaus eine gewisse Ähnlichkeit aufwies.

Neugierig sah ich zu, wie Azucena mit ihrem Kind zur Wiege ging und Garcia herausnahm. Ich machte nicht die geringste Bewegung, um es zu verhindern, sondern sah nur zu, wie sie mit beiden Säuglingen auf dem Arm den Raum wieder verließ.

In einigem Abstand folgte ich ihr, denn wenn ich auch froh war, daß sie meinen Bruder wegbrachte, wollte ich doch wenigstens wissen, wohin sie mit ihm wollte. Sie schleppte ihre Last hinaus vor das Schloß, wo das Brüllen der Menge nur von den Schreien Saviyas übertönt wurde. „Ich verfluche alle Lunas!" schrie sie. „Räche mich, meine Tochter, räche mich!"

Und dann plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Ein kleines Kind schrie laut auf, dann tobte die Menge, und schließlich folgte betretenes Schweigen.

Azucena hatte eines der Kinder in ihren Armen in das lodernde Feuer des Scheiterhaufens geworfen und war entkommen. Für den halb verkohlten kleinen Leichnam, der unter Garcias Namen bestattet wurde, kam jede Hilfe zu spät.

Während ich in mir Art von Entsetzen spürte, die mein ganzes anderes Fühlen taub machte, erlitt mein Vater einen Zusammenbruch.

Einerseits hatte er die Leiche des verbrannten Kindes gesehen, andererseits mußte ihn etwas in seinem Innersten sagen, daß Garcia noch am Leben war. Dieser Zwiespalt schien ihn zu zerreißen. Er verweigerte das Essen, und das und Grübelei ließen ihn immer entkräfteter werden.

Wenige Tage, bevor er starb, ließ er mich zu sich rufen. Er griff nach meiner Hand und hielt sie so fest, daß es schmerzte. „Diego, mein Sohn," sagte er mit schwacher Stimme, „du wirst sehr bald der Conde di Luna sein."

„Ja, Vater," antwortete ich ernsthaft, ohne wirklich zu verstehen, was er damit meinte.

„Deswegen mußt du mir eines versprechen," fuhr er fort. „Ich bin sicher, daß dein Bruder Garcia nicht tot ist. Ich weiß genau, er ist noch am Leben. Und selbst wenn er verbrannt ist, muß das feststehen. Du mußt versprechen, daß du nicht eher ruhen wirst, Diego, bist du ganz sicher weißt, was aus Garcia geworden ist." Sein Griff wurde noch fester, so daß er mir fast den Arm brach. „Versprich es mir!" Es war keine Bitte, es war ein Befehl.

„Ich verspreche es," erwiderte ich feierlich, und Schuldgefühle zerrissen mich förmlich. Ich war damals noch keine sieben Jahre alt.