Manrico:

Ich werde morgen sterben, und nach mir wird es die Frau tun, die ich für meine Mutter hielt. Luna wird es nicht wagen, uns am Leben zu lassen, nach allem was geschehen ist. Deswegen will ich aufschreiben, wie ich, der Zigeunersohn, der Troubadour, der Gefolgsmann d'Urgels in dieses Gefängnis geraten bin.

An meine frühe Kindheit erinnere ich mich nur noch sehr verschwommen. Ich hieß Alfonso Manrique, aber da ich diesen Namen von klein auf nicht leiden konnte, legte ich sehr schnell Wert darauf, „Manrico" genannt zu werden.

Meine Mutter Azucena versuchte, mich innerhalb ihres Zigeunerstammes aufzuziehen, aber irgendwie wurde mir immer deutlich gemacht, daß ich nicht so richtig dazugehörte. Es mochte daran liegen, daß ich meinen Vater nicht kannte, und meine Mutter niemals verheiratet gewesen war. Außerdem, so wurde mir nach und nach bewußt, gehörte mein Vater weder zu unserem noch zu einem anderen Zigeunerstamm. Meine Mutter mußte sich also mit einem Mann eingelassen haben, der nicht aus unserem Volk war.

Als wäre das nicht schon genug gewesen, bot eine gewisse Verwirrtheit, die manchmal sogar ein Fünkchen Wahnsinn zu enthalten schien, bei meiner Mutter eine weitere Angriffsfläche für die anderen Kinder, um mich zu quälen.

Da sie mich nicht wollten, beschloß ich, auch sie nicht zu wollen. Also wurde ich zu einem Einzelgänger, der sich in stille Winkel zurückzog, um dort auf der Laute zu spielen, die ich mir von dem Lautenspieler des Stammes ausborgte, und dazu zu singen.

Da die Lieder, die ich kannte, sehr begrenzt waren, erfand ich neue hinzu, bis man auf mich aufmerksam wurde, und ich bei den Auftritten des Stammes regelmäßig eines meiner Lieder vortrug. Das brachte mir Aufmerksamkeit ein, die ich sehr genoß, aber gleichzeitig verstärkte sich in mir das Gefühl, daß ich gar nicht zu diesem Stamm, ja, nicht einmal zu diesem Volk gehörte.

Wer war mein Vater, von dem ich offenbar dieses Gefühl der Fremdheit erhalten hatte? Ich träumte mir die abenteuerlichsten Möglichkeiten zurecht, von einem Prinzen, der mich zu dem Leben führte, das ich zu führen wirklich bestimmt war, von einem strahlenden Helden in schimmernder Rüstung oder gar von einem kühnen Reisenden durch die verschiedenen Länder der Welt, der mich auf seine Reisen mitnahm.

Nichts von alldem geschah natürlich, aber trotzdem änderte sich mein Leben von Grund auf, als der Stamm im Schloß des Conde de Vizcaya auftrat. Wir spielten unsere übliche Vorstellung herunter, während der sich meine Mutter in einem der Wagen versteckte. Wie ich heute weiß, tat sie das, weil man sie im ganzen Land suchte, um sie auf den Scheiterhaufen zu bringen.

Als ich meinen Auftritt hatte, bei dem ich zur Laute eine selbstgeschriebene Geschichte von einem Prinzen und einer Prinzessin vortrug, setzte sich der Conde auf einmal aufmerksamer hin und lauschte meiner Stimme sehr konzentriert. Nachdem ich geendet hatte, winkte er mich zu sich heran. „Wie ist dein Name, Junge?" fragte er.

„Manrico, Herr," antwortete ich.

„Du hast eine schöne Stimme. Wer schreibt die Lieder für dich?" wollte er wissen.

„Niemand, Herr, die schreibe ich ganz allein," verkündete ich stolz.

„Aber du bist doch höchstens neun Jahre alt." Vizcaya war sehr überrascht.

„Ungefähr. Ich weiß nicht, wie alt ich genau bin."

„Und du machst die Musik und die Texte wirklich ganz allein?" forschte er weiter.

„Ja, Herr."

Über das Gesicht des Conde de Vizcaya flog eine kurze Belustigung. „Vor vielen Jahren gab es in diesem Land viele Männer wie dich, die Laute spielten und dazu selbst gedichtete Lieder sangen," erklärte er. „Man nannte sie Troubadoure."

„Troubadoure," wiederholte ich und wußte, was auch immer dieses Wort bedeutete, ich wollte es sein. „Dann bin ich also ein Troubadour?"

„Ja." Vizcaya lächelte. „Ich möchte dir einen Vorschlag machen. Ich hätte gerne einen Troubadour an meinem Hof. Hättest du Lust, bei mir zu bleiben?"

Ich starrte meinen Gegenüber an. „Ihr wollt mich in Eure Dienste nehmen?"

„Wenn du willst."

„Dann müßte ich mit meiner Mutter sprechen," wandte ich der Form halber ein, denn ich Wahrheit hatte ich mich längst entschlossen, Vizcayas Angebot anzunehmen.

„Natürlich, das verstehe ich. Sag mir dann, wie du dich entschieden hast."

An diesem Abend kehrte ich in den Wagen zurück und setzte mich neben meine Mutter, die ins Leere starrte.

„Mutter?" fragte ich und mußte sie noch zweimal ansprechen, bis sie reagierte. „Der Conde de Vizcaya möchte, daß ich in seine Dienste trete, Mutter."

„Du willst mich verlassen?" Sie riß die Augen weit auf. „Du würdest deine Mutter verlassen?"

„Nun, ja, ich...," begann ich.

„Habe ich nicht gut für dich gesorgt?" unterbrach sie mich. „Habe ich dich nicht geliebt wie...?" Sie hörte auf zu sprechen.

„Aber Mutter, ich möchte gerne hierbleiben," bat ich. „Ich gehöre doch in Wahrheit gar nicht hierher zu euch. Ich will hierbleiben."

„Ich verliere wieder einen Sohn," murmelte sie, und es erschien mir, als erinnere sie sich an etwas.

„Du verlierst mich doch nicht, ich würde dich doch besuchen kommen," sagte ich ernst, aber auch ein wenig schüchtern. Immer, wenn meine Mutter in diese Stimmung kam, die von der Erinnerung bestimmt wurde, fürchtete ich mich ein bißchen vor ihr.

„Wenn es dein Wunsch ist, mein Sohn, dann darfst du natürlich in die Dienste des Conde treten," sagte sie mit einer sehr toten Stimme.

Ich wußte, daß ich jetzt eigentlich hätte sagen müssen, daß ich lieber bei ihr bliebe, anstatt im Schloß zu leben, aber das konnte ich einfach nicht. Ich wollte in eine Welt, in der ich mehr war als nur geduldet...

Wenige Tage später nahm meine Mutter einen tränenreichen Abschied von mir, und der Zigeunerstamm zog weiter.

Als sie fort waren, fühlte ich mich einsam, doch wurde diese Einsamkeit durch eine Fülle von neuen Eindrücken aufgewogen. Ich bekam eine eigene Kammer und eine eigene Laute und mußte den Conde, seine Familie und die Gäste, die häufig im Schloß weilten, beim Abendessen mit meinem Gesang unterhalten. Mein neuer Herr war ein wenig sonderlich, aber er liebte meine Musik und verstand sie, wie bisher noch keiner vor ihm.

Ich war bei ihm glücklicher als bei den Zigeunern, obwohl ich auch hier ein Fremder blieb. Die Kinder des Conde duldeten mich zwar bei den Unterrichtsstunden im Lesen, Schreiben und Rechnen sowie der kirchlichen Unterweisung durch Pater Antonio, aber ansonsten mieden sie meine Gegenwart.

Die Kinder der Dienerschaft riefen „Zigeunerbalg" hinter mir her und ließen mich nicht an ihren Spielen teilnehmen.

Wieder einmal gehörte ich zu keiner der beiden Welten so richtig hinzu.

Ich hätte mich wahrscheinlich todunglücklich gefühlt, wäre es nicht einem anderen Jungen ähnlich gegangen. Sein Name war Ruiz, und er war das Resultat einer Liebschaft des Condes mit einer Frau aus den niederen Ständen. Daher befand er sich in einer nicht unähnlichen Situation wie ich; von den hohen Herrschaften geduldet, von den Menschen aus der Dienerschaft jedoch nur „des Condes Bastard" genannt.

Wir schlossen sehr schnell Freundschaft, da es niemanden sonst gab, der unser Freund sein wollte.

Zwar hatte sich das Schloß nicht als das Paradies herausgestellt, für das ich es gehalten hatte, aber immerhin konnte ich mich hier außer meiner Musik, die endlich verstanden wurde, noch jemanden anvertrauen.

Irgendwann, dessen war ich mir sowieso sicher, würde ich meine Herkunft kennen und in einem Schloß wie diesem leben, in dem dann aber ich herrschte...