Diego:
Die zehn Jahre nach dem Tod meines Vaters erschienen mir sehr gleichförmig. Ich lernte meine Lektionen bei Pater Tomas di Nissia über den Katechismus und die Verwaltung eines Landes, sowie ein etwas rudimentäres Wissen über Literatur und Musik.
Den Teil meiner Ausbildung, der mit mehr praktischen Dingen zu tun hatte, übernahm Ferrando. Er war inzwischen Hauptmann der Wache geworden, obwohl er nur zwölf Jahre älter war als ich.
Ich vergötterte ihn, denn er brachte mir das Reiten bei, das Fechten und das Jagen. Dabei behandelte er mich wie jeden anderen Jungen in meinem Alter. Er kümmerte sich nicht darum, daß ich sein Herr war wie die anderen, er schmeichelte nicht und erstarrte auch nicht vor Ehrfurcht. Er nannte mich einfach Diego, und es gefiel mir, ein normaler Junge zu sein, zumindest für ihn.
So vergingen zehn langweilige Jahre, in denen die aufregendsten Ereignisse die Berichte von Dienern und Soldaten waren, also einfachen Leuten, die behaupteten, daß Saviya in Gestalt einer Eule im Schloß umgehe. Das führte dann dazu, daß einer der Diener, dem auf dem Dach des Schlosses eine Eule entgegen flog, sich so erschreckte, weil er glaubte, Saviya begegnet zu sein, daß er vom Dach in den Burggraben stürzte und dort ertrank.
Ferrando glaubte auch daran, daß Saviya umging, aber ich hielt das für unwahrscheinlich. Warum sollte sie das tun? Mein Bruder war mit ihr verbrannt oder zumindest verschollen und mein Vater tot. Sie war genug gerächt worden, um noch umgehen zu müssen.
Kurz vor meinem siebzehnten Geburtstag änderte sich mein Leben von Grund auf. Ich litt immer noch sehr unter den Schuldgefühlen, meinen Bruder nicht gerettet zu haben und seine Abwesenheit als solche auch gar nicht zu bedauern, wenn ich in Aliaferia war. Deswegen ging ich, so häufig ich konnte, mit Ferrando auf die Jagd, wobei wir mit Vorliebe allein ohne weitere Soldaten blieben.
So war es auch an diesem speziellen Tag, an dem wir einen Jagdausflug an einem kleinen See in der Umgebung von Aliaferia machten. Es war einer der ersten warmen Tage in diesem Jahr. Wir hatten einiges Jagdglück, und am Abend saßen wir am Lagerfeuer.
„Ihr werdet erwachsen, Diego," bemerkte Ferrando, nachdem wir einen Teil unserer Beute verzehrt hatten.
„Das hoffe ich," erwiderte ich. „Ich habe es satt, wie ein Kind behandelt zu werden."
„Nein, niemand könnte behaupten, daß Ihr noch ein Kind wäret." Sein Blick fuhr über meinen Körper, und irgendetwas ließ mein Herz ein wenig schneller schlagen. „Ich bin froh, daß Ihr jetzt ein Mann seid. Ich habe schließlich zehn Jahre damit zugebracht, Euch auf diesem Weg zu begleiten."
„Warst du schon einmal verliebt, Ferrando?" fragte ich. „Ich habe noch nie gesehen, daß du einer Frau besondere Galanterien erwiesen hast."
„Natürlich war ich schon verliebt." Seine Miene wurde verschlossener. „Warum fragt Ihr danach?"
„Weil ich wissen möchte, was das für ein Gefühl ist," antwortete ich.
„Was für ein Gefühl?" Ferrando lachte. „Es ist nicht ein Gefühl, es ist das Gefühl. Es macht alles andere unwichtig, es läßt Euch im einen Augenblick jubeln und im nächsten weinen. Ihr wollt gleichzeitig leben und sterben und jede Regel brechen, um wiedergeliebt zu werden."
„Das klingt nicht, als sei es der Mühe wirklich wert," meinte ich. „Man muß viel zu viele Schmerzen dabei erleiden."
„Ja, aber die Belohnung dafür ist umso herrlicher." Er sah mich mit einem merkwürdigen Lächeln an.
Ein wenig nervös wich ich seinem Blick aus, sah auf den See hinaus und rief ganz plötzlich: „Ich werde jetzt schwimmen gehen." Ehe Ferrando einen Einwand erheben konnte, hatte ich meine Kleider abgeworfen und war in den See gelaufen. Das Wasser war eisig kalt, aber trotzdem schwamm ich einige Runden.
„Diego, kommt da heraus," rief Ferrando vom Ufer aus. „Das Wasser ist eiskalt. Ihr werdet Euch den Tod holen."
„Unsinn." rief ich zurück und fror erbärmlich. Ich machte noch einige Schwimmzüge und kehrte dann zurück an Land.
Dort stand Ferrando mit einer Decke bereit, in die er mich einwickelte. „Ihr müßt den Verstand verloren haben," schimpfte er, während er mich zum Feuer führte. „Ein Bad bei dieser Kälte kann üble Folgen haben. Ihr könntet daran sterben."
„So schnell sterbe ich nicht," japste ich und ließ mich von ihm mit der Decke abtrocknen.
Ich war schon längst trocken, als Ferrando noch immer mit der Decke über meinen nackten Körper fuhr, jetzt aber mit einer unvorstellbaren Zärtlichkeit.
Er brachte mich dazu, mich hinzusetzten und nahm neben mir am Feuer Platz. Vorsichtig streckte er die Hand aus und strich mir über die Wange, den Hals und die Schulter.
Ich blickte ihn an und las in seinen Augen etwas, das ich nie zuvor darin gelesen hatte, von dem ich aber wußte, was es bedeutete. Ich atmete tief Luft ein und spürte, wie ich zitterte.
„Diego," flüsterte Ferrando heiser und küßte mich vorsichtig auf die geschlossenen Lippen.
Mein Gott, schoß es mir durch den Kopf, Männer taten das doch nicht mit Männern, aber Ferrando wollte mich, daran konnte es keinen Zweifel geben, und ich, ich wollte ihn auch. Ich verstand mich selbst nicht, denn bisher war ich immer der Meinung gewesen, ich würde Frauen mögen, aber in diesem Moment interessierte ich mich überhaupt nicht für Frauen.
Ich warf die Decke von meinen Schultern und streckte mich darauf aus.
„Du willst es auch?" fragte Ferrando noch einmal nach. „Ich dachte, du würdest wütend werden, weil ich mich einfach nicht beherrschen konnte und..."
„Rede nicht soviel," rügte ich ihn. „Laß mich dich lieber ansehen."
Ferrando errötete, öffnete jedoch sein Hemd und zog dann seine Hosen aus. Ich hatte ihn schon häufig nackt gesehen, aber noch niemals zuvor mit diesen Gedanken. Seine breiten Schultern, seine muskulösen Arme, seine schlanke Taille ließen mich Erregung verspüren, und als mein Blick tiefer glitt, entfuhr meiner Kehle ein leises Keuchen.
Er beugte sich über mich und küßte mich erneut, und diesmal öffnete ich meine Lippen, um seine Zunge spüren zu können.
„Diego, du bist so wundervoll," stöhnte er, nachdem wir uns wieder voneinander gelöst hatten. Sein Mund ging auf Wanderschaft meine Kehle hinunter über die Brust zum Bauch, wo er kurz verweilte, um dann noch tiefer zu gleiten.
Ich bäumte mich auf, und während meine eine Hand in seinem Haar vergraben war, krallte ich mich mit der anderen im trockenen Waldboden fest, um bei solchen Wonnen den Kontakt zur Realität nicht völlig zu verlieren.
Ich glaubte, vor Lust zu vergehen, als die Welt um mich herum zu explodieren schien.
Ich spürte kaum, wie ich Ferrando gestattete, ein ähnliches Wunder zu erleben, und als ich wirklich wieder zu mir kam, lag er ermattet in meinen Armen.
Wir sahen uns unendlich lange an, bis ich schließlich das Schweigen brach. „Du hattest vorhin recht. Es ist wirklich nicht nur ein Gefühl."
Er lächelte mich wortlos an, und seine Hand strich über meine Brust.
„Tust du es ausschließlich mit Männern?" wollte ich neugierig wissen.
„Nein, nur wenn sie Diego Nuño heißen und den Titel eines Conde di Luna tragen." Sein Gesicht wurde ernst. „Ich wollte dich, seit du zwölf Jahre alt warst, Diego, aber ich wollte warten, bis du selbst entscheiden konntest, ob du mich auch willst. Es ist mir schwer gefallen, aber ich wollte, daß du mich genauso begehrst wie ich dich, und nicht, daß du mir nur einen Gefallen tun wolltest."
„Ich habe nie gewußt, daß du so empfunden hast," murmelte ich. „Daß du mehr als mein Lehrer sein wolltest."
„Ich habe die ganze Zeit Komödie gespielt," erwiderte er. „Ich bin daran gewöhnt, meine Gefühle zu verbergen." Er gähnte und schlief dann mit einem glückseligen Lächeln ein.
Ich blickte in den Himmel hinauf, wo die Sterne ihr kaltes Licht aussendeten, und dachte nach. Ich hatte etwas Wundervolles getan mit dem Mann, der mein Lehrer und Gefolgsmann war, etwas, das die Kirche für eine Sünde hielt. Aber konnte so ein Wunder denn wirklich eine Sünde sein?
Wir kehrten am nächsten Morgen ins Schloß zurück. Vielleicht hätten wir unsere Blicke und die Berührungen, die wir tauschten, unterlassen sollen, denn so war es für jede Person im Schloß offensichtlich, daß zwischen uns etwas vorgefallen war, was zwischen Herr und Gefolgsmann nicht üblich war.
Möglicherweise hätten wir auch die nächste Nacht nicht gemeinsam in meinem Gemach verbringen sollen, aber es war einfach zu unwiderstehlich. Es war genauso großartig wie im Wald, während wir uns gegenseitig Liebesworte ins Ohr flüsterten.
Den Tag danach sahen wir uns nicht, weil ich Unterricht bei Pater Tomas hatte. „Ihr habt lange nicht mehr gebeichtet, Don Diego," sagte er.
Ich hob die Augenbrauen. „Ich habe Euch letzte Woche erst gebeichtet, Padre," antwortete ich.
„Und seitdem habt Ihr nicht gesündigt?" Seine Stimme bekam etwas lauerndes.
„Nein," erwiderte ich fest. Sie erzählten doch immer, daß das Weib sündig war. Ferrando war alles Mögliche, aber bestimmt kein Weib. Also konnte es keine Sünde sein.
Pater Tomas schien mir nicht zu glauben, fragte aber nicht weiter nach. Dafür beobachtete er mich den Rest des Tages sehr scharf.
An diesem Abend wartete ich in meinem Gemach auf Ferrando, aber entgegen unserer Verabredung kam er nicht. Also machte ich mich zu den Unterkünften der Soldaten auf und betrat Ferrandos Zimmer. Er stand am Fenster und starrte hinaus.
„Warum bist du nicht gekommen, Liebster?" fragte ich.
„Ich werde niemals mehr in dieser Weise zu dir kommen," sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Aber wieso nicht?" stieß ich entsetzt hervor.
„Diego, ich habe gesagt, du wärst erwachsen, aber in manchem bist du doch noch ein Kind." Er warf einen sehr kurzen Blick über die Schulter, und ich konnte sehen, daß er geweint haben mußte. „Es wäre besser, wenn du gehen würdest."
Wie betäubt wandte ich mich ab und stolperte zurück zu meinem Gemach. Wie konnte er zwei Nächte lang diese wunderbaren Dinge mit mir tun und mich dann in dieser Weise abfertigen? Er hatte mir gesagte, daß er mich lieben würde, und nun das...
Ich mußte Gewißheit erlangen, das wußte ich jetzt. Ich erhob mich von dem Bett, auf das ich mich geworfen hatte, und lief zurück zu Ferrandos Unterkunft. Sein Zimmer war leer. Ich fragte den ersten, besten Soldaten, wohin Ferrando gegangen war.
„Er wollte zur Zugbrücke hinunter, Herr," antwortete der Soldat nervös.
Ich stürmte hinaus und fand Ferrando tatsächlich am angegebenen Ort.
Ich wollte mich ihm langsam nähern, da wurde mir auf einmal bewußt, was Ferrando hier wollte. Der Burggraben! Und er konnte nicht schwimmen!
Ich stürzte auf ihn zu und riß ihn mit Gewalt zu Boden. „Ich laß nicht zu, daß du das tust," schrie ich. „Du darfst das nicht tun!"
„Warum nicht?" Er blickte mich an. „Ich kann und will nicht weiterleben, nachdem ich diese Todsünde begangen habe."
„Was für eine Todsünde soll das gewesen sein?"
„Ich habe dich verführt." Er konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. „Ich war dein Lehrer, dein Beistand, und habe dich zu meinem Geliebten gemacht. Ich hätte das niemals tun dürfen."
„Aber ich wollte dich doch auch," wandte ich erschüttert ein.
„Ja, aber du wärst doch nie von allein auf eine solche Idee gekommen. Das ist doch nur geschehen, weil ich dich unkeusch berührte."
„Wer hat dir das eingeredet?" forschte ich wütend. „Pater Tomas?"
Er ignorierte meine Frage. „Ich kann einfach nicht zulassen, daß du Schande über das Geschlecht der Luna bringst."
„Ich liebe dich doch," murmelte ich mit wachsender Verzweiflung.
„Das bildest du dir nur ein." Seine Augen waren jetzt tränenblind. „Du wirst die Frauen liebenlernen und sie viel mehr als mich begehren und lieben."
„Niemals!" brüllte ich mit verzweifelter Wut. „Niemals!"
