Manrico:
Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, hätte nicht eines Tages, kurz nachdem ich genau sieben Jahre beim Conde de Vizcaya lebte, das Schicksal Conde Jaime d'Urgel ins Schloß verschlagen.
Er kam mit einem großen Gefolge, denn er war schon damals ein sehr bedeutender Mann, wenn auch noch nicht so bedeutend wie heute.
Beim Abendessen in der großen Halle mußte ich wieder einmal meinen Pflichten nachkommen und singen. Ich trug einige melancholische Liebeslieder vor, die eigentlich einen großen Kontrast zu der kriegerischen Aufmachung von d'Urgel und seinem Gefolge boten und daher nicht die klügste Wahl waren. Ich merkte es daran, daß die Mienen der Gäste ablehnend blieben, und der Beifall nur sehr karg ausfiel.
Gerade das ließ mich jedoch trotzig werden. Sie würden das bekommen, was ich ihnen zu geben bereit war, aber nicht ein bißchen mehr. Folgerichtig sang ich das sentimentalste Lied, das ich jemals geschrieben hatte.
„Was soll das sein?" rief auf einmal ein Gefolgsmann d'Urgels in die Musik hinein. „Ich habe diese Weiberlieder satt. Spiel doch mal was für echte Männer. Oder bist du dazu nicht in der Lage?"
Ich ließ meine Laute sinken und wandte mich betont langsam an den Störer. Ich muß zugeben, daß ich zunächst schlucken mußte, als ich ihn sah. Er war mindestens zwei Köpfe größer als ich, mit unglaublich breiten Schultern und einem Gesicht, das davon zeugte, daß er schon eine ganze Menge Kämpfe bestritten haben mußte.
Aber jetzt konnte ich keinen Rückzieher mehr machen, das ließ mein Stolz nicht zu. „Warum sollte ich Männerlieder spielen?" fragte ich provozierend. „Für Euch vielleicht? Dafür müßtet Ihr doch erst einmal ein Mann sein."
„Sei froh, daß du nur ein Spielmann bist, sonst würde ich dich jetzt töten," brüllte dieser Riese los. „So bist du es aber nicht wert, daß ich mich weiter mit dir abgebe."
In der Halle herrschte auf einmal Totenstille. Vizcaya blickte mich sorgenvoll an, während in den Gesichtern der anderen die nackte Gier auf einem offenen Kampf zu lesen stand.
„Ihr habt Glück," sagte ich äußerlich sehr kalt. „Ich bin kein Spielmann, sondern ein Troubadour." Ich musterte ihn abschätzend. „Damit dürfte ich ja wohl Euren Ansprüchen genügen."
Der Gefolgsmann d'Urgels sprang mit einem lauten Aufschrei über den Tisch, riß sein Schwert aus der Scheide und kam auf mich zu.
Mein Herzschlag begann, sich zu beschleunigen. Was sollte ich tun? Ich hatte keine Waffe und war diesem Riesen körperlich mehr als unterlegen.
Als erstes legte ich meine Laute aus der Hand.
Da plötzlich hörte ich Ruiz' Stimme hinter mir. „Nimm mein Schwert, Manrico." Er drückte es mir in die Hand.
Ich hatte es schon häufig geführt, wenn Ruiz mir beibrachte, was er in seinen Fechtstunden gelernt hatte, aber ich hatte es noch nie zuvor ernsthaft anwenden müssen.
„Laß dich nicht einschüchtern," flüsterte mein Freund mir ins Ohr. „Er mag stärker sein als du, aber du bist viel schneller." Ruiz mußte es wissen, denn schließlich war er schon seit einem Jahr bei der Schloßwache.
Ich stellte mich mit dem Schwert in Position und wartete ab, bis der Riese den ersten Streich führte. Die Wucht seines Angriffes ließ mir beinahe das Schwert aus der Hand fallen, aber es gelang mir doch gerade noch, den Hieb zu parieren. Seinem nächsten Schlag konnte ich ausweichen, der übernächste durchbohrte mein Hemd, ohne mich jedoch auch nur zu ritzen.
Ich mußte den Kampf beenden, denn gegen einen solchen Gegner konnte ich nicht lange bestehen. Ich startete einen Scheinangriff, ließ mich dann zurückschlagen und wich dem nächsten Hieb mit einem Sprung zur Seite aus, um die offene Deckung meines Gegners zu nutzen und ihm mein Schwert in die Brust zu stoßen.
Er starrte mich entgeistert an, wankte und fiel bereits tot zu Boden.
„Donnerwetter, Ihr müßt mir diesen Jungen und seinen Freund verkaufen, Vizcaya," rief d'Urgel in das Schweigen hinein.
Ich fuhr herum, und auch Ruiz starrte von unserem Herrn zu d'Urgel.
„Mein lieber Freund," begann Vizcaya, „ich kann Euch diese beiden nicht verkaufen. Ruiz de Vizcaya ist einer meiner Bastarde, und Manrico der Troubadour ist ganz und gar freiwillig hier. Er ist ein Zigeunerkind, was einwilligte, mich mit seinem Gesang zu erfreuen. Ihr könnt die beiden allerdings fragen, ob sie mit Euch kommen wollen."
D'Urgel grinste, stand auf und kam auf mich zu. „Du schuldest mir einen Gefolgsmann, Manrico der Troubadour," sagte er.
„Es tut mir leid, Herr, aber ich mußte ihn töten," erwiderte ich verlegen.
„Ja, das habe ich gesehen. Willst du zusammen mit deinem tapferen Freund mir folgen?"
Ich tauschte mit Ruiz einen Blick. Hier bot sich die Chance, fort zu kommen, die Abenteuer zu erleben, von denen wir immer gesprochen hatten, um uns so auszuzeichnen, daß wir selbst große Herren werden könnten.
Es kostete uns jeweils weniger als einen Moment, um d'Urgels Angebot anzunehmen.
