Diego:

Natürlich begehrte ich Frauen, und ich verliebte mich auch in einige von ihnen. Was ich in meiner sechzehnjährigen Verblendung geschworen hatte, konnte ich natürlich nicht halten. Doch, und das kann ich guten Gewissens sagen, für keine von ihnen empfand ich das, was ich gegenüber Ferrando gefühlt hatte.

Er war noch immer der Hauptmann meiner Wache. Es war ein merkwürdiges Gefühl, ihm zu begegnen, aber ich war nicht in der Lage, ihn fortzuschicken. Seine Familie diente den Nuños schon mindestens so lange, wie es die Condes di Luna gab, und da er selbst nicht den Wunsch äußerte, gehen zu wollen, blieb er halt.

Zwischen uns herrschte ein kühles Herr-Gefolgsmann-Verhältnis, was auch daran lag, daß uns die Blicke der anderen argwöhnisch verfolgten.

Ich lebte ein Leben, wie viele Männer meines Standes es taten. Ich kümmerte mich ein wenig um Politik, wobei ich zum Unterstützer von Don Fernando di Castilla wurde, hatte hier und da eine Geliebte und verbrachte meine Zeit mit der Verwaltung meiner Ländereien.

Und dann traf ich die Frau, die ich so sehr liebte, daß ich alles wegen ihr vergaß, daß ich gegen alles verstieß, woran ich geglaubt hatte.

Ich begegnete Doña Leonora de Sesé am Hof von Don Fernando in Zaragoza, wo sie Hofdame bei seiner Gemahlin war.

Sie wurde mir vorgestellt, und ich war verloren. Ich wollte von diesem Moment an diese Frau, ich wollte mit ihr den Rest meines Lebens verbringen, sie war die Frau, die auslöschen konnte, was in meiner Vergangenheit geschehen war.

Ich beugte mich über ihre Hand und begann, Konversation zu machen.

„Ihr seid also ‚der dunkle Conde'," sagte sie auf einmal.

„Der dunkle Conde?" fragte ich erstaunt.

„Nun, ja, ich will nicht indiskret sein, aber man erzählt sich so geheimnisvolle Dinge über Euch."

Jeder anderen Frau hätte ich diese Bemerkung übelgenommen, doch sie konnte es sagen, denn sie konnte alles sagen, ohne mich zu verletzen. Ich hing gebannt an ihren wundervollen Lippen, ertrank in ihren blauen Augen und betete den Boden an, auf dem sie ging.

„Mein Leben war bis heute nicht gerade von Licht durchflutet," antwortete ich. „Aber als ich Euch sah, blendete mich die Sonne."

„Ihr seid sehr glattzüngig, Conde." Sie lächelte, und wäre ich nicht schon längst verloren gewesen, es wäre in diesem Moment geschehen.

„Ich bin nur ehrlich."

„Dann bedanke ich mich für Euer Kompliment. Und wenn ich es zurückgeben darf... Ich mag düstere Männer." Sie lächelte noch einmal, wandte sich dann um und ließ mich atemlos zurück.

Ich hatte noch niemals eine so unverblümte Frau getroffen, aber das machte ihren besonderen Reiz aus. Als zurückhaltende Dame hätte sie ganz und gar nicht auf mich gewirkt.

An diesem Tag erhielt ich keine weitere Gelegenheit mit Leonora zu sprechen, aber auf dem Heimweg hatte ich ein derartigen Strahlen in meinem Gesicht, daß Ferrando, der zu meinem Gefolge gehörte, mich tatsächlich darauf ansprach. „Ihr seht glücklich aus, Herr," sagte er, als er sein Pferd neben meines gelenkt hatte.

„Oh, ich weiß jetzt, was der Himmel auf Erden bedeutet, Ferrando," erwiderte ich, ohne daran zu denken, wie ihn diese Worte kränken mußten. „Ich bin der Frau begegnet, die ich zur Condesa di Luna machen werde."

„Oh, Ihr habt also vor, Euch zu vermählen?" Seine Stimme klang sehr kühl. Offenbar bereute er, jemals wieder ein persönliches Wort an mich gerichtet zu haben. „Dann darf ich also gratulieren?"

„Nein, noch nicht. Ich habe noch nicht um sie angehalten, werde es aber in Kürze tun."

Bereits am nächsten Tag ritt ich erneut nach Zaragoza, um mit Don Guillem de Sesé, Leonoras Bruder, zu sprechen. Ich erbat mir von ihm die Erlaubnis, um sie werben zu dürfen. Ihn um ihre Hand zu bitten, wäre vermessen gewesen. Leonora war eine Frau, die ganz klar für sich selbst entschied.

Ich erhielt die Erlaubnis, wobei es von de Sesé politischer Selbstmord gewesen wäre, sie mir zu verweigern. Ich stand schließlich hoch in der Gunst von Don Fernando, dem legitimen Erben von König Martin, der in absehbarer Zeit sterben würde, um dann Fernando di Castilla zu seinem Nachfolger zu machen. Auch hätte es wohl wenige Familien im Land gegeben, die ihre Tochter nicht als Condesa di Luna hätten sehen wollen.

Die nächsten Monate verbrachte ich damit, um die Dame meines Herzens zu werben. Ich spielte den düsteren, aber ihr trotz seiner ihn umgebenen Geheimnisse treu ergebenen Kavalier, was mir nicht sehr schwerfiel. Wenn sie mich als jemand wollte, der ein wenig dunkel und bedrohlich war, würde ich ihr diesen Gefallen tun.

Es mag sein, daß ich den geheimnisumwitterten Verehrer so gut spielte, daß ich letztendlich selbst daran glaubte, und sich die gespielte Rücksichtslosigkeit irgendwann in meine echte verwandelte, ich weiß es nicht genau.

Ich weiß nur, daß in Zaragoza ein Turnier stattfand, nach dessen Abschluß ich ihr einen Heiratsantrag machen wollte. Ich nahm nicht an diesem albernen Kampfspiel teil, aber es war schon exzellent besetzt.

Hätte ich gewußt, daß Leonora den Sieger auszeichnen würde, hätte ich möglicherweise doch teilgenommen, so aber saß ich auf der Tribüne und sah zu, wie leidlich erwachsene Männer sich gegenseitig bei einem Spiel mit Waffen in Lebensgefahr brachten.

Dabei zeichnete sich besonders ein Ritter aus, der eine dunkle Rüstung ohne ein Wappen darauf trug, und den niemand zu kennen schien. Leonora starrte ihn an, als sei er ihr Abgott, und ich verging förmlich vor Eifersucht. Was hätte ich nur für genau diesen Blick aus ihren Augen getan!