Manrico:

Ruiz und ich stiegen sehr schnell auf in der Gunst des Conde d'Urgel. Wir verfügten offenbar beide über etwas, das in seinen Truppen bisher gefehlt hatte: die Fähigkeit, auch in aussichtslos erscheinenden Kämpfen niemals aufzugeben, sondern sie noch im letzten Moment zu gewinnen.

Ich bin ein Überlebender vielfacher Todesgefahren, wie ich später erfuhr. Vielleicht machte mich diese Eigenschaft zu einem risikoliebenden Kämpfer, da ich glaubte, ich sei unverwundbar.

In d'Urgels Schloß übten wir uns im Kämpfen, im Trinken und im Herumhuren. D'Urgel sorgte in allen drei Disziplinen für ausreichend Beschäftigung. Ich hatte mehrere Damen regelmäßig zur Auswahl und machte davon auch ausgiebig Gebrauch. Ich mochte Frauen, nicht nur, um mit ihnen das Bett zu teilen, sondern auch, weil sie so anders waren als Männer und so anders dachten, was sie mir geheimnisvoll erscheinen ließ.

Ich stand bereits eine ganze Reihe von Jahren in d'Urgels Diensten, und der Name Manrico der Troubadour war bekannter, als ich mir das jemals zuvor träumen ließ.

Mein Herr machte sich berechtigte Hoffnungen auf die Nachfolge König Martin d'Aragons und war deshalb dort nicht sehr wohlgelitten, wo sich der Einflußbereich von Don Fernando di Castilla, seines direkten Rivalen um die Thronfolge, befand.

Damals fand in Zaragoza ein großes Turnier statt, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte, wo ich aber als d'Urgels Gefolgsmann nicht sehr freundlich aufgenommen worden wäre. Also verfiel ich auf die Idee, als eine Art „schwarzer Ritter" zu erscheinen. Ich wollte nach meinen zahlreichen Erfolgen auch einmal einen Erfolg in der Umgebung von Zaragoza erringen, zu der ich mich aus unerfindlichen Gründen hingezogen fühlte.

Also besorgte ich mir eine dunkle Rüstung und ein Schild, das mich weder als d'Urgels Gefolgsmann noch als Manrico der Troubadour auswies. Mit einem bedauern­en Blick ließ ich ebenfalls meine Laute zurück, die bereits zu einer Art Erkennungszeichen geworden war. Auch wenn ich nicht mehr so häufig darauf spielte wie früher, fühlte ich mich doch in irgendeiner Weise verloren ohne sie.

In Zaragoza meldete ich mich zum Turnier und war erfolgreich, obwohl einige der besten Männer des Landes teilnahmen. Ich kämpfte wie von einer höheren Macht gelenkt und warf einen Teilnehmer nach dem anderen aus dem Sattel.

Bis nur noch ein Gefolgsmann von Castilla und ich im Rennen waren, hatten wir beide einen langen Weg hinter uns. Wir standen uns beide sichtbar müde in den Schranken gegenüber, doch vom Willen zum Sieg getrieben.

Die Fahne senkte sich, und wir trieben beide unsere Pferde an. Kurz bevor mich seine Lanze treffen konnte, rutschte ich im Sattel so zur Seite, daß sein Stoß ins Leere ging, wodurch er das Gleichgewicht verlor und durch meine Lanze aus dem Sattel gehoben wurde.

So leichtfüßig ich es in der Rüstung konnte, sprang ich vom Pferd und setzte meinem Gegenüber das Schwert an die Kehle.

Das Publikum jubelte mir zu, und ich genoß meinen Triumph in vollen Zügen. Noch mehr genoß ich ihn allerdings, als ich mich vor der Tribüne verbeugte. Dort saß dich neben der Infantin ein wahrhaftiger Engel. Ihre Augen strahlten im Blau des Himmels, ihr Haar glänzte im Sonnenlicht, und ihr Lächeln sorgte dafür, daß mein Herz dahinschmolz.

Mein Gott, ich war in meinem Leben noch niemals einem so wundervollen Wesen begegnet, und ich begehrte zum ersten Mal eine Frau nicht nur, nein, ich war auch noch augenblicklich in sie verliebt.

Am allerliebsten hätte ich sofort mein Visier hochgerissen, aber ich wußte, daß mich dann mindestens Ärger für meine Anwesenheit an diesem Hof erwartet hätte. Trotzdem hätte ich alles dafür gegeben, sie nicht nur durch die eingeschränkte Sicht des Visiers sehen zu können. So jedoch kniete ich nur nieder.

„Ihr habt tapfer gekämpft, dunkler Ritter," sagte Don Fernando. „Wollt Ihr uns nicht sagen, wer Ihr seid?"

„Wenn Ihr nicht darauf besteht, würde ich lieber unerkannt bleiben, Herr," antwortete ich.

„Wie ihr wünscht." Castilla zeigte sich nicht sehr betroffen von meiner Bitte, inkognito bleiben zu dürfen. „Dann nehmt jetzt Euren Siegerkranz aus den Händen von Doña Leonora de Sesé in Empfang."

Ich folgte der Bewegung und stellte fest, daß Doña Leonora genau die Frau war, der ich vor wenigen Momenten verfallen war. Und die Bewunderung in ihren Augen galt mir.

Sie überreichte mir den Kranz, und als sich dabei zufällig unsere Hände berührten, fiel es mir sehr schwer, sie nicht einfach in meine Arme zu reißen. „Ihr wart sehr tapfer," sagte sie mit der wohlklingendsten Stimme, die ich je zuvor gehört hatte.

„Ich möchte Euch diesen Sieg widmen," erwiderte ich sanft, und der Ausdruck, der in ihren Augen lag, ließ mein Herz umso höher schlagen.

In diesem Augenblick existierten wir nur noch füreinander. Keine Person in der Umgebung der Tribüne schien mehr wichtig zu sein.

Nach einem unendlich langen Moment lösten sich unsere Blicke voneinander, da eine allgemeine Aufbruchsstimmung herrschte.

Auch ich machte mich auf den Heimweg zu d'Urgels Ländereien, aber ich wußte, ich würde Leonora de Sesé wiedersehen, und dann würde sie die Meine sein...

Eine Woche wollte ich mir Zeit lassen, um dann erneut nach Zaragoza zu reiten. Dort hatte ich dann vor, Leonora de Sesé meine Gefühle zu gestehen, welche mich wie ein Blitz getroffen hatten und meinen Körper und meine Seele in Aufruhr versetzten.

Nachdem ich meine Kameraden so lange von Leonora vorgeschwärmt hatte, bis sie anfingen, mich entnervt zu meiden, setzte ich mich hin und schrieb jeweils ein Lied auf ihre Augen, ihr Haar, ihre Lippen, ihr Lächeln und ihren Liebreiz im Allgemeinen.

Ich hätte nicht so lange warten sollen, denn vier Tage, nachdem ich aus Zaragoza zurück war, starb König Martin und hinterließ ein Testament, in dem stand, er ernenne „den Würdigsten" zu seinem Nachfolger.

Das traf auf d'Urgel zu, aber nach Meinung vieler Personen war das ein Titel, der eher Fernando di Castilla zustand. Innerhalb von wenigen Stunden wurden unsere Truppen in Alarmbereitschaft versetzt. Somit hatte ich keine Zeit, nach Zaragoza zu reiten, denn ich mußte meine Männer in den Kampf führen.

Wir hatten eine ganze Reihe von Scharmützeln mit Männern Castillas, die unterschiedlich ausgingen. Dabei wurde mein Name noch bekannter, so daß nach wenigen Wochen jeder wußte, daß Manrico der Troubadour einer der höchsten Offiziere des Conde d'Urgel war. Es gab Leute, die behaupteten, Castilla habe einen Preis auf meinen Kopf ausgesetzt, aber da war ich mir nicht so sicher.

Trotz meiner militärischen Erfolge und der Popularität, die ich beim Volk erlangte, das mich als einen der ihren betrachtete, dachte ich in jeder freien Minute an Leonora de Sesé. Wir standen jetzt auf verschiedenen Seiten, aber das tat meiner Liebe zu ihr keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil, ich sehnte mich immer mehr danach, sie in den Armen zu halten. Langsam konnte ich an nichts anderes mehr denken als an sie. Ich mußte sie einfach wiedersehen.

Unsere Spione meldeten, daß sich der gesamte Hof Don Fernandos in Aliaferia beim Conde di Luna aufhielt. Aliaferia war nicht weit von dem Ort entfernt, an dem ich mit meinen Truppen lagerte.

Kurzentschlossen griff ich nach meinen Waffen und der Laute und bestieg ich mein Pferd. Unbesehen passierte ich die Frontlinie und war bald in Aliaferia. Dort ging ich zu Fuß weiter und schlich an den Wachen vorbei, bis ich das eigentliche Schloß erreicht hatte. Hier standen keine Wachen mehr. Aber wie sollte ich jetzt Leonora finden? Wo mochte sie sich aufhalten?

Ein Gedanke stieg in mir auf. Ich nahm meine Laute und begann zu spielen. Ich sang meine neuen Lieder, während ich langsam um den Schloß herumschritt.

Ich hatte es bereits zu drei Vierteln umrundet, als auf einem der Balkone eine Gestalt erschien. Angestrengt blickte ich hinauf und erahnte mehr, als daß ich sie erkannte, Leonora.

Ich unterbrach mein Lied nicht, sondern sang es zuende und rief dann leise hinauf: „Doña Leonora, ich bin beglückt darüber, daß mein Lied Euch erreicht hat."

„Wer seid Ihr?" fragte sie neugierig, aber ganz ohne Angst. Er schien sie nicht zu irritieren, daß ein Mann unter ihrem Balkon Balladen sang.

„Wir sind uns schon einmal begegnet," antwortete ich leise. „Ich zeichnetet mich aus, weil ich ein Turnier gewann, und ich widmete Euch den Sieg."

„Der dunkle Ritter," stieß sie atemlos hervor. „Wenn Ihr wartet, werde ich hinunterkommen."

Ehe ich etwas antworten konnte, war sie vom Balkon verschwunden, und fünf Minuten später stand sie neben mir. „Ich habe mir so sehr gewünscht, Euer Gesicht sehen zu können," sagte sie und sah dabei noch schöner aus, als ich sie in Erinnerung hatte.

„Ich hoffe, ich habe Euch nicht enttäuscht," brachte ich mühsam hervor.

„Nein." Sie lächelte mich ehrlich an. „Ich habe mir Euer Gesicht Hunderte von Malen vorgestellt, aber es war nie so hübsch."

Ich errötete tatsächlich bei ihrer Bemerkung. Noch niemals hatte eine Frau mich dazu bringen können. „Ich kann Euch nicht vergessen. Ich bete Euch an, Doña Leonora," sagte ich schließlich.

„Das macht mich sehr glücklich." Sie berührte mich am Arm, und ich erschauderte. „Ich konnte Euch auch nicht vergessen... Aber wer seid Ihr eigentlich?"

Ich blickte zu Boden. „Man nennt mich Manrico den Troubadour."

„Ich seid ein Gefolgsmann d'Urgels?" Sie starrte mich an, aber es war kein Entsetzen in ihren Augen zu lesen, sondern nur Aufregung.

Ich beschloß, ich gleich die ganze Wahrheit zu sagen. „Ich bin der Sohn einer Zigeunerin, der beim Conde de Vizcaya erzogen wurde und stehe jetzt auf der anderen Seite."

„Oh, Manrico, meint Ihr, das würde mir irgendetwas ausmachen?" fragte sie. „Halt mich fest."

Ich blickte sie erstaunt an. Sie war so ganz anders als die Frauen, denen ich bisher begegnet war. Aber ich war nicht in der Lage, über ihr Verhalten länger nachzudenken, denn dazu sehnte ich mich zu sehr danach, sie zu küssen.

Ich zog sie in meine Arme und verschloß ihren Mund. Sie klammerte sich an mir fest und preßte ihren Körper gegen meinen.

Es fiel mir unendlich schwer, sie wieder loszulassen, anstatt sie gleich dort im Garten zu lieben, aber das durfte ich nicht. Sie war nicht diese Art Frau, sie war jemand, den man heiratete.

Sie wollte mich offenbar, was es mir noch viel schwerer machte, aber es gelang mir dieses Mal und auch die nächsten Nächte, in denen ich Leonora besuchte, mich zurückzuhalten...