Diego:

Ich machte Leonora am Abend nach dem Turnier keinen Heiratsantrag. Es hätte keinen Zweck gehabt, denn es war an ihren Augen abzulesen, daß sie nur an diesen geheimnisvollen dunklen Ritter dachte, der das Turnier gewonnen hatte.

Es war in ihrer Persönlichkeit angelegt, daß sie impulsiv handelte, und wenn es ihre Impulse verlangten, eine Weile von einem Unbekannten zu träumen, dachte ich mir, konnte ich auch noch etwas warten.

Ich hätte meinen Glauben, Leonoras sicher zu sein, nicht so festigen sollen, denn als der Krieg ausbrach, träumte sie noch immer von ihren Unbekannten, und ich war durch meine politischen Aufgaben vorerst nicht in der Lage, sie auf andere Gedanken zu bringen.

Der Tod des Königs stürzte das Land in Chaos und Krieg, in den ich meine Gefolgsleute schicken mußte. So glaubte Jaime d'Urgel tatsächlich, den Thron erringen zu können, obwohl „der Würdige" aus Don Martins Testament doch nur Don Fernando di Castilla sein konnte.

Es gab zunächst nur kleinere Scharmützel, die mich nicht sehr beanspruchten. Mal gewann d'Urgels Seite, mal die unsere, doch wirkliche Entscheidungen fielen nicht. Gleichzeitig fehlte mir aber deswegen die Zeit, Leonora für mich zu gewinnen. Also beschloß ich, um meiner Lehenspflicht nachzukommen und gleichzeitig mein persönliches Leben zu regeln, den gesamten Hof nach Aliaferia einzuladen. Der Aufenthalt all dieser hohen Herrschaften kostete mich ein Vermögen, doch das war es mir wert.

Ich umwarb Leonora, war galant, aber nicht zu sehr, um das Bild des düsteren Zynikers nicht zu zerstören, das ich mir so mühsam aufgebaut hatte. Trotzdem erschien sie mir verändert, sie reagierte anders auf mich und wirkte ganz allgemein abwesend.

Ferrando klärte mich schließlich auf und öffnete mir die Augen. Ich saß gerade über sehr uninteressanten Kriegsberichten, als Ferrando eintrat. „Kann ich Euch einen Moment sprechen, Herr?" fragte er, und es war ihm anzusehen, daß er besorgt war.

„Sicher, was ist los?" Ein wenig Befangenheit war immer da, wenn wir miteinander allein waren. Mein Gott, was hatte ich diesen Mann geliebt, und wie hatte mich seine Zurückweisung verletzt! Ich konnte dieser Erinnerung einfach nicht unterdrücken, als ich ihn dort in der Tür stehen sah, aber ich wußte gleichzeitig, daß das jetzt hinter mir las. Meine Liebe zu Leonora hatte alle anderen Gefühle in mir unwichtig werden lassen. Nur noch sie war wichtig.

„Die Wachen behaupten, daß jemand nachts im Park herumschleicht," erklärte Ferrando.

„Ein Wilderer?" wollte ich uninteressiert wissen.

„Wohl kaum." Ferrando schnitt eine Grimasse. „Sie sagen, er singe."

„Er singt?" Mein Gesichtsausdruck muß nicht gerade ein Ausbund an Intelligenz dargestellt haben.

„Ja, Herr, er singt." Irgendwie gelang es Ferrando ein todernstes Gesicht zu machen. „Und... es scheint, als bringe er... Dona Leonora de Sesé ein Ständchen."

„Er tut was?" Ich sprang auf. Eifersucht stieg in mir auf und begann zu kochen.

„Er singt für sie, und sie trifft sich mit ihm irgendwo im Park," fuhr er fort.

Ich schnappte mühsam nach Luft. Leonora traf sich mit einem anderen Mann! Und noch dazu in meinem Schloß! „Wie kann sie es wagen!" stieß ich hervor. „Und wie kann dieser Mann es wagen? Wer ist es überhaupt?"

„Das weiß ich nicht. Es hat ihn noch niemand von Euren Leuten gesehen, nur gehört."

„Ich werde ihn sehen, und dann werde ich dafür sorgen, daß er nie wieder einer Frau ein Ständchen bringen, noch sonst irgendetwas mit einer Frau anfangen kann," tobte ich.

„Ihr solltet nichts überstürzen, Herr," versuchte Ferrando, mich zu beruhigen.

„Ich überstürze nicht, ich habe schon viel zu viel Zeit vertrödelt." Ich stürmte aus dem Zimmer, und nicht einmal die Tatsache, daß Ferrando mir ein verzweifeltes „Diego!" hinterher rief, konnte mich aufhalten.

Ich lief hinunter in den Park und blickte mich um. Nirgendwo war die Spur eines Menschen zu sehen, und es war auch kein Ton zu hören.

Ich sah hinauf zu dem Fenster, hinter dem sich das Gemach befand, in dem Leonora schlief. Wie konnte sie es mir nur antun? Ich liebte sie doch so sehr, ich war bereit, ihr meine weltlichen Güter zu Füßen zu legen und alles zu tun, um sie glücklich zu machen, und sie traf sich mit diesem Unbekannten...

Warum wendeten sich nur alle Wesen, die ich liebte, wieder gleich von mir ab? Das war einfach nicht gerecht, und dieses Mal würde ich nicht so einfach kampflos aufgeben wie die Male zuvor.

Leonora mußte mich anhören und zwar noch in dieser Nacht. Ich würde sie in ihren Gemächern aufsuchen, und sie dort dazu bringen, mich ebenso zu lieben, wie ich sie liebte. Ich war sicher, ihr nicht gleichgültig zu sein, denn dazu hatte sie mir ihr Interesse zu deutlich gemacht.

Mit dem Vorsatz, daß sie mich am nächsten Morgen genügend lieben würde, um mich zu heiraten, wollte ich mich auf den Weg in ihr Gemach machen, da fuhr ich zusammen. Von irgendwoher erhob sich eine sehr wohlklingende Stimme zu einer Ballade voller Sehnsucht und Traurigkeit. Auch wenn ich den Sänger als meinen Rivalen betrachten mußte und deswegen abgrundtief haßte, ließ sich doch nicht leugnen, daß ich mich von seinem Gesang berührt fühlte.

Diese Empfindung verschwand jedoch sehr bald wieder, als nämlich plötzlich eine Tür des Schlosses aufflog, Leonora herausstürzte und auf einmal in meinen Armen lag. „Endlich, Geliebter," hauchte sie. „Ich habe schon geglaubt, du würdest gar nicht mehr kommen."

Voller Schmerz und Verzweiflung schloß ich die Augen, um sie nicht mehr ansehen zu müssen. Wie sehr hatte ich mich danach gesehnt, sie in meinen Armen halten zu können, und jetzt tat ich es, aber nur weil sie mich für ihren Sänger hielt. Ihre Nähe brachte mich fast um den Verstand, ihr Körper, den ich so deutlich spüren konnte, ihr Duft...

Auf einmal raschelte etwas, und vor uns stand eine Gestalt. „Treulose!" stieß der Fremde hervor, und vollkommen irritiert hörte Leonora auf, meinen Hals mit kleinen Küssen zu bedecken und ihre Hände über meinen Körper gleiten zu lassen.

Sie machte einen Schritt aus meinen Armen und starrte verwirrt von mir zu dem Fremden. Dann warf sie sich diesem zu Füßen. „Mein Liebster, verzeih mir, ich hielt ihn im Dunkeln für dich."

„Ich verzeihe dir," erwiderte er, nachdem er mich mit Blicken abgemessen hatte. Wir waren tatsächlich etwa gleich groß und von ähnlicher Gestalt, obwohl er vielleicht ein wenig breitschultriger und im ganzen etwas kräftiger sein mochte.

„Ich liebe doch nur dich." Leonora ließ sich von dem Fremden aufheben.

Dieser Anblick war zuviel für mich. „Du wagst es?" schrie ich und wußte gar nicht so genau, ob ich eigentlich sie oder ihn meinte.

Keiner von beiden wich auch nur einen Schritt zurück. Leonora klammerte sich an ihrem Sänger fest.

„Wenn du ein Mann wärst, würdest du dich wenigstens zu erkennen geben," herrschte ich ihn außer mir vor Wut an.

„Wenn Ihr das befehlt, Conde." Er verneigte sich spöttisch.

„Du darfst es ihm nicht sagen," flehte Leonora.

Er beachtete ihre Bitte nicht. „Ich bin Manrico der Troubadour."

Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück. „Du mußte wahnsinnig sein, um hierherzukommen. Ein Anhänger von d'Urgel, dem Verräter, am gleichen Ort wie der König?" höhnte ich, doch gleichzeitig fühlte ich mich sehr betroffen, daß Leonora einen Mann von sehr zweifelhafter Herkunft mir vorzog.

„Das ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, mich für immer loszuwerden, nicht wahr?" Manricos Stimme war gefährlich leise. „Ihr müßtet nur die Wachen rufen, Conde, und schon wäret Ihr Euren Rivalen für immer los."

„Du hast soeben dein Todesurteil gesprochen!" Ich kochte vor Zorn. Dieser letzte Vorwurf der Feigheit war zuviel gewesen. „Ich werde dich in Stücke reißen und zwar höchstpersönlich."

„Ich freue mich darauf." Er warf den Kopf in den Nacken und blickte mich mit wildem Trotz an. Irgendetwas an dieser Geste kam mir vage bekannt vor, aber ich wußte nicht, was es war.

„Don Diego, ich bitte Euch," flehte Leonora jetzt mich an. „Laßt Euren Zorn an mir aus. Ich bin doch daran schuld. Ich allein habe von Liebe gesprochen."

„Zieht Euch in Eure Gemächer zurück, Doña Leonora," sagte ich mit aller Kälte, die ich gegenüber ihr aufbringen konnte. „Was ich mit diesem Mann zu tun habe, geht Euch nichts an."

„Oh, doch, es geht mich sogar sehr viel an," entgegnete sie kämpferisch. „Ihr habt vor, Euch mit ihm zu schlagen, und das werde ich keinesfalls zulassen."

„Gehe hinein, Leonora," sagte Manrico sanfter als ich zuvor, aber ebenfalls im Befehlston.

Sie starrte uns an. „Ihr habt beide der Verstand verloren."

„Er wird gleich noch viel mehr verlieren," knurrte ich, „wenn Ihr nicht endlich hineingeht, wird er gleich hier sterben."

Sie schluchzte einmal auf und wandte sich dann ab, um im Schloß zu verschwinden.

„Seid Ihr bereit, Conde?" fragte Manrico.

„Ich bin es," antwortete ich mit fester Stimme. „Bist du bereit vor deinen Schöpfer zu treten, Troubadour?"

Er lachte einmal auf, und gemeinsam gingen wir ein Stück in den Park hinein, bis wir auf einer Lichtung angekommen waren, die weit genug vom Schloß und den Wachen entfernt war und trotzdem hell genug vom Mond erschienen wurde.

Ich zog mein Schwert, und er tat es mir nach. Wortlos umkreisten wir uns im fahlen Mondlicht eine halbe Ewigkeit lang. Schließlich machte er den ersten Hieb, den ich problemlos parierte und sogleich nachsetzte.

Wir waren vollständig gleichwertige Gegner, wenn auch Unterschiede zwischen uns bestanden. Er setzte mehr seine Kraft ein, während ich mich eher auf meine Eleganz verließ. Er war jedoch keiner dieser Kraftprotze, die man leicht durch Beweglichkeit besiegen konnte, und so wurde es ein langes Gefecht. Wir kämpften verbissen gegeneinander und wäre der Grund unseres Kampfes nicht Leonora gewesen, hätten wir wahrscheinlich irgendwann aufgegeben.

Doch so schlugen wir uns eine unendlich lange Zeit, bis Manrico ebenso keuchte wie ich. Er startete mit letzter Kraft einen Ausfall, ich wich ihn aus und stolperte über eine Unebenheit im Boden. Wegen meiner Erschöpfung verlor ich das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.

Sofort stand Manrico über mir und drückte mir die Spitze seines Schwerts an die Kehle. In seinen Augen leuchteten Triumph und Wildheit.

„Na, los, worauf wartest du noch?" fauchte ich ihn an. „Stoß schon zu!" Ich schloß die Augen und wartete. Vielleicht war es gut, wenn es hier vorbei sein würde, wenn die Geschichte der Luna auf dieser monddurchfluteten Lichtung endete. Es war immerhin auch ein Weg, den Fluch aufzuheben, der auf unserem Geschlecht lag.

Noch immer wartete ich darauf zu spüren, wie der Stahl an meiner Kehle in diese eindrang, doch nichts geschah. Irritiert öffnete ich die Augen wieder.

Manrico stand unverändert über mir, aber sein Gesicht wirkte, als hätte er einen Geist gesehen. Als unsere Blicke sich trafen, wich er voller Entsetzen zurück, ließ sein Schwert fallen und taumelte davon. Ich sah ihn irgendwo zwischen den Bäumen verschwinden und war allein.

Schwer atmend blieb ich am Boden liegen. Was hatte ihn nur zurückgehalten? Er hätte mich ohne weiteres töten können, aber er hatte es nicht getan. Sollte ich ihm dafür etwa dankbar sein? Nein, ich wollte und konnte keine Dankbarkeit Manrico gegenüber fühlen. Er war der Mann, der mir Leonora abspenstig gemacht hatte, er stand auf der Seite d'Urgels, er hatte mich im Duell besiegt, und nun bereitete er mir auch noch die Demütigung, mein Leben geschont zu haben.

Es bereitete mir Mühe, mich aufzurappeln, mein Schwert zurück in die Scheide zu stecken und Manricos aufzuheben. Langsam machte ich mich auf den Weg zurück zum Schloß. Es fiel mir schwer, meine Niederlage zu verkraften, und das Gefühl der Demütigung nagte an mir.

Nicht weit vom Schloß entfernt stieß ich fast mit Ferrando zusammen. „Gott sei Dank, Herr, daß Ihr am Leben seid," sagte er. „Ist er tot?"

„Woher weißt du davon?" wollte ich wissen.

„Doña Leonora sagte mir, daß Ihr Euch duellieren wolltet mit einem von d'Urgels Männern," antwortete er.

„Sie hat es dir gesagt?" Wieso hatte Leonora dadurch Manrico in Gefahr gebracht? Hatte sie vorgehabt, ihn durch eine Störung des Kampfes vor mir zu retten, oder hatte sie gar mich vor ihm retten wollen?

„Ja, Herr, sie bat mich, nach Euch zu sehen. Habt Ihr ihn getötet?"

„Nein." Ich schüttelte den Kopf. „Er hat gesiegt und mich am Leben gelassen, obwohl er mich hätte töten können."

„Er hat was getan?" fragte Ferrando verständnislos.

„Er hat mich zum Narren gehalten," brach es aus mir heraus. „Er hat mich gedemütigt. Zutiefst gedemütigt."

„Diego," sagte Ferrando hilflos, „was hat er dir da nur angetan?"

Ich schluchzte einmal lautlos auf. Es war einfach alles zuviel für mich gewesen. „Es geht wieder alles schief, Ferrando, es mißlingt mir wieder alles. Der Fluch..."

„Psst," machte er und zog mich in seine Arme, um mich festzuhalten. Ich fühlte mich getröstet und schämte mich nicht meiner Verzweiflung. „Dafür wird dieser Mann bezahlen," drohte er. „Ich werde ihm nicht erlauben, dich noch einmal zu verletzen, Diego."