Manrico:

Ich würde rückblickend den größten Fehler meines Lebens darin sehen, daß ich Luna nach unserem Zweikampf am Leben ließ. Es war ein harter Kampf gewesen, in dem ich immer daran dachte, daß er der Mann war, der Leonora bedrängte. Als er zu Boden stürzte, setzte ich ihm sofort das Schwert an die Kehle

„Na, los, worauf wartest du noch?" keuchte er haßerfüllt, und in seinen Augen brannte nackte Abscheu. „Stoß schon zu." Er schloß die Augen.

Ich starrte auf ihn herunter und umfaßte den Griff meines Schwerts fester. Ich konnte ihn jetzt für immer beseitigen, ihn, den Mann, der durchaus bei Leonora Gefühle geweckt hatte, wie ich sehr wohl wußte, dem glühendem Anhänger Don Fernando di Castillas.

„Töte ihn nicht," sagte plötzlich eine Stimme in meinem Kopf. „Laß ihn am Leben. Sein Tod wird dir nichts nützen, er wird dich als Toter unnachgiebiger verfolgen als als Lebender. Willst du ihn und die Erinnerung daran denn nie wieder loswerden?" Die Stimme wurde immer lauter und drängender, so daß sie beinahe in meinem Kopf dröhnte.

Diesen Moment suchte sich Luna aus, um die Augen wie­der zu öffnen. Es lag Verwirrung darin, und plötzlich wurde mir klar, daß ich ihn tatsächlich nicht töten konnte. Ich konnte einfach nicht und ahnte gleichzeitig nicht, weshalb ich es nicht vermochte. Es erschreckte mich, weil ich noch niemals zuvor Schwierigkeiten gehabt hatte, einen Feind zu töten.

Das Schwert entglitt meiner Hand, und ich wankte zur Seite. Mühsam stolperte ich von der Lichtung, verschwand irgendwo zwischen den Bäumen und lief. Ich habe keine Erinnerung daran, ob ich geradeaus lief oder große Umwege machte, aber irgendwann und irgendwie gelangte ich zu meinem Pferd.

Ich stieg auf und ritt zurück in mein Lager, wobei ich mich darüber ärgerte, diese einmalige Gelegenheit, die ich gehabt hatte, aus einem Moment der Schwäche heraus nicht genutzt zu haben.

„Du hast Besuch," empfing mich Ruiz im Lager.

„Besuch?" wollte ich geistesabwesend wissen.

„Eine Gruppe Zigeuner ist zum Handeltreiben im Lager," antwortete Ruiz. „Deine Mutter ist bei ihnen."

„Meine Mutter?" murmelte ich erstaunt. Was wollte sie in dieser Gegend? Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mich darüber freuen sollte, daß sie gekommen war. Seit ich in die Dienste Vizcayas und dann d'Urgels getreten war, hatte ich sie etwa einmal im Jahr gesehen, wenn sie mit dem Stamm in meiner Nähe war. Es waren keine sehr herzlichen Begegnungen gewesen von meiner Seite aus, da ich mich immer ein wenig unbehaglich in der Gegenwart meiner Mutter fühlte. Ich empfand sie als zu einem Teil meines Lebens zugehörig, das ich schon längst nicht mehr führte, und ihre überschwenglichen Liebesbeweise machten mich verlegen.

Es blieb mir jedoch nichts anderes übrig, als sie zu begrüßen.

„Mein Manrico," rief sie aus und preßte mich an sich.

Zögernd erwiderte ich die Umarmung und löste sie dann soweit, daß ich sie ansehen konnte. In den letzten Jahren war alles aus ihrem Gesicht gewichen, was darauf hingedeutet hatte, daß sie als junges Mädchen eine Schönheit gewesen sein mußte. Es erschreckte mich immer wieder, daß ihr Gesicht so tot wirkte, und daß einzig ihre Augen darin zu leben schienen. „Was tust du hier, Mutter?" fragte ich schließlich.

„Ich hatte eine Vision," antwortete die mit jener Stimme, die sie immer benutzte, um die Zukunft zu prophezeien. „Du bist in großer Gefahr, mein Sohn."

„Wir haben Krieg, Mutter. Da ist man ständig in Gefahr."

„Nein," sie schüttelte entsetzt von etwas, das nur sie sah, den Kopf, „es ist nicht der Krieg. Es ist ein einzelner Mann, der dich töten wird; es ist der Haß dieses Mannes."

„Haß?" Ich lachte leise auf. „Ich habe heute einen Mann getroffen, der mich haßt. Wir lieben die selbe Frau und haben uns duelliert."

„Wer ist dieser Mann?" wollte sie hastig wissen.

„Der Conde di Luna."

Sie wich einige Schritte zurück. „Du hast ihn getötet, nicht wahr, du hast ihn getötet?"

„Ich hatte die Gelegenheit dazu, aber ich habe es nicht getan," erklärte ich. „Irgendetwas hinderte mich daran."

„Du hast ihn am Leben gelassen?" schrie sie mich an. „Du hättest ihn töten müssen." Sie sah so haßerfüllt aus, daß ich mich fast vor ihr fürchtete. „Jemand wie er darf nicht leben."

„Nein, wahrscheinlich hätte ich ihn wirklich töten müssen, als ich die Gelegenheit dazu hatte," gab ich zu, denn ich war von diesem Abend zu erschöpft, um mich mit ihr zu streiten.

Ich grämte mich noch einige Tage über mein dummes Mitleid Luna gegenüber, denn nun konnte ich selbstverständlich auch nicht mehr nach Aliaferia hinüberreiten, um Leonora zu sehen. Luna ließ das Schluß jetzt bestimmt wesentlich besser bewachen als bisher, und ihm in die Hände zu fallen, wollte ich nicht riskieren.

So verbrachte ich die Zeit mit meiner Mutter, die mich sehr in Beschlag legte. Ich bin nicht so ganz sicher, ob ihr ihr Sohn tatsächlich gefiel. Vermutlich hätte sie es lieber gesehen, wenn ich mich in ein Mädchen ihres Stammes verliebt hätte anstatt in eine adelige Hofdame, und daß ich Soldat war, schien ihr auch nicht zu gefallen.

Immerhin hörte ich sie irgendwann einmal murmeln: „Wenigstens stehst du auf der richtigen Seite."

Zwei Wochen nach dem Zweikampf ließ d'Urgel mich zu sich rufen. „Es wird zu einer Schlacht bei Pelilla kommen," sagte er und bezeichnete den Punkt auf der Karte, die auf dem Tisch ausgebreitet lag. „Und ich möchte, daß du die rechte Flanke übernimmst."

„Wie Ihr befehlt, Herr."

„Es ist nicht ganz ungefährlich." D'Urgel lächelte. „Meine Spione halten es für möglich, daß Castilla diese Seite besonders decken wird. Es ist also mit einigem Risiko verbunden."

„Gut." Weshalb sollte mich das erschrecken? Gefahr gehörte zu meinem Leben dazu wie die Musik.

„Wenn es dir gelingt, diese Seite zu halten, werde ich dich reich belohnen," versprach der Conde. „Was wünscht du dir am meisten, Manrico?"

Ich atmete tief durch. „Mein größter Wunsch wäre die Möglichkeit, Doña Leonora de Sesé heiraten zu können, wenn der Krieg mit Eurem Sieg geendet hat."

„Das ist kein Problem. Wenn ich König bin, werde ich dir selbstverständlich ein Lehen zukommen lassen, das groß genug ist, damit du ein würdiger Bewerber um die Hand einer de Sesé bist."

„Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll, Herr," brachte ich voller Glück hervor.

„Indem du die rechte Flanke hältst, Manrico." Mit einer Handbewegung war ich entlassen.

Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, die Truppen zu inspizieren und alles für die Schlacht vorzubereiten. Wir waren schon fast bereit zum Aufsitzen, da kam meine Mutter auf mich zu und klammerte sich an mir fest. „Hüte dich vor Luna, Manrico, hüte dich vor ihm," stieß sie hervor.

„Ja, Mutter, ich werde ihm, soweit es möglich ist, aus dem Weg gehen," antwortete ich ihr ein wenig gereizt. Manchmal ging sie mir mit ihren Visionen doch ziemlich auf die Nerven, aber diesmal hätte ich wohl besser auf sie gehört.

Wir ritten in eine Schlacht, die zumindest auf meinem Kampfabschnitt in einer Katastrophe endete. Castilla hatte auf der rechten Flanke eine Übermacht zusammengezogen, gegen die meine kleine Schar keine Chance hatte.

Wir kämpften verbissen, doch um mich herum fielen ein Mann nach dem anderen. Es war die Hölle. Überall war Blut, es lagen Leichen von Menschen und Pferden auf der Erde und dann diese Schreie...

Mein Pferd brach unter einem Lanzenstoß zusammen. Ich konnte noch gerade zur Seite springen, bevor es mich unter sich begraben konnte. Ich blickte mich um und kämpfte zu Fuß weiter, aber schon nach einigen Minuten mußte ich feststellen, daß ich zu den wenigen aus d'Urgels Heer gehörte, die noch am Leben waren.

Plötzlich entdeckte ich vor mir Luna auf einem pechschwarzen Pferd in seiner schwarzen Kampfkleidung. Ich packte mein Schwert und wollte auf ihn zustürzen, um das zu beenden, was ich bei unserem Zweikampf begonnen hatte.

„Wage es nicht, Troubadour," war hinter mir eine Stimme zu hören. Ich fuhr herum, und mir drang die Klinge eines hochgewachsenen Mannes, auf dessen Harnisch das Wappen der Luna prangte, in die Brust.

Ich ging in die Knie. Links und rechts von diesem Mann standen zwei weitere Soldaten Lunas, die ebenfalls ihre Schwerter in meinen Körper stießen.

Die Welt vor meinen Augen verschwamm, ich fiel rückwärts zu Boden und verlor das Bewußtsein.