Diego:
Ich sah Manrico in der Schlacht von Pelilla auf mich zustürmen und wollte gerade vom Pferd steigen, um mich ihm entgegenzustellen, da erschien Ferrando mit zwei unserer Männer hinter ihm. Ich sah, wie Manrico herumfuhr und von drei Stichen getroffen zu Boden stürzte.
Kaltblütig beobachtete ich, wie er fiel. Ich empfand keinerlei Freude über seinen Tod, aber auch kein Bedauern. Es überraschte mich, denn eigentlich hatte ich geglaubt, seinen Tod feiern zu können, aber irgendetwas hielt mich davon ab.
Mit Manricos Blut bespritzt kam Ferrando zu mir herüber. „Er ist tot, Herr, oder wird es zumindest bald sein," sagte er.
„Du hättest ihn mir überlassen können," erwiderte ich ein wenig ärgerlich. „Es war nicht nötig, ihn einfach niederzumetzeln."
„Es war nötig," widersprach Ferrando mir. „Ich hatte geschworen, daß er Euch niemals wieder demütigen wird, und diesem Schwur mußte ich halten."
Verlegen blickte ich zu Boden. Ich wollte nicht an jenen Moment der Schwäche erinnert werden, der mich nach dem Zweikampf umfangen hatte. „Laß zum Sammeln blasen," befahl ich schließlich. „Es wird Zeit, diesen ungastlichen Ort zu verlassen."
Auf dem Rückritt nach Aliaferia dachte ich darüber nach, wie Leonora die Nacht von Manricos Tod aufnehmen würde. Sollte ich abwarten, bis sie davon durch Zufall erfuhr? Nein, das erschien mir keinesfalls richtig zu sein. Vielleicht, ja, vielleicht konnte ich sie ja über seinen Tod hinwegtrösten und dann doch noch für mich gewinnen?
Sobald wir mein Schloß erreicht hatten, erstattete ich dem Infanten Bericht über unseren Sieg und ging dann in meine Gemächer, um meine Kleidung zu wechseln. Ich trug mein übliches Schwarz, was ich diesmal mehr als angemessen fand, als ich Leonoras Gemächer betrat.
Sie lief nervös auf und ab, während ihre Freundin Ines de la Villarta am Fenster saß und stickte.
„Don Diego, Ihr seid zurück!" begrüßte Leonora mich. Bildete ich es mir nur ein oder schwang ein Hauch von Erleichterung in ihrer Stimme mit? „Habt Ihr einen Sieg davongetragen?"
„Ja, unsere Seite hat gesiegt." Ich holte tief Luft. „Ich muß Euch allein sprechen, Doña Leonora."
„Warum?" Anscheinend wollte sie nicht sehr gerne mit mir allein sein.
„Ich muß Euch etwas mitteilen, was die heutigen Kampfhandlungen betrifft." Ich wandte mich an Ines de la Villarta. „Ich weiß, daß es nicht üblich ist, daß ein Mann und eine Frau allein bleiben, wenn sie nicht miteinander verheiratet sind, aber es ist wirklich wichtig, daß ich Doña Leonora allein spreche, Doña Ines."
Leonoras Freundin blickte unschlüssig von ihr zu mir und ließ uns dann allein.
„Was habt Ihr mir so Wichtiges zu sagen, Don Diego?" fragte Leonora kühl. Anscheinend hatte sie mir den Zweikampf mit Manrico noch nicht völlig verziehen.
„Nun, ich denke, es ist besser, wenn Ihr es von mir erfahrt, statt durch irgendwelche Gerüchte," begann ich. „Manrico ist tot."
„Nein!" stieß sie hervor und klammerte sich an der Lehne eines Stuhls fest.
„Es ist leider die Wahrheit." Ihr verzweifelter Gesichtsausdruck schnitt mir ins Herz.
„Ihr habt ihn getötet!" schrie sie anklagend.
„Nein, ich sah ihn nur fallen." Ich blickte zu Boden.
Durch ihren Körper lief ein Zittern, und dann wurde sie von Schluchzern geschüttelt. „Manrico...," flüsterte sie tonlos, und in ihren Augen standen Tränen.
Für einen Moment hatte ich gezögert, aber nun nahm ich Leonora in die Arme, um sie zu trösten. Sie schlug um sich, wollte sich losreißen, aber ich hielt sie mit eisernem Griff, bis sie ihren Widerstand aufgab und an meiner Schulter zu weinen begann.
Ich hielt sie ganz fest, doch es fiel mir so unendlich schwer, mich auf tröstende Berührungen zu beschränken, da ich so häufig davon geträumt hatte, wie es sein würde, Leonora in den Armen zu halten.
Ihre Tränen durchnäßten mein Hemd, doch noch immer krallte sie sich an mir fest, selbst als ihr Atem nur noch stoßweise ging. Schließlich, es hatte bestimmt mehrere Stunden gedauert, löste sie sich aus meiner Umarmung und blickte mich wie einen vollkommen Fremden an. „Ich hoffe, daß Ihr mir meinen Ausbruch verzeihen könnt, Don Diego," sagte sie sehr förmlich, aber mit rauher Stimme.
„Von welchem Ausbruch sprecht Ihr?" fragte ich verbindlich, während sich mein Herz danach sehnte, ihr zu beweisen, daß ihr Leben jetzt noch nicht vorbei sein mußte. Aber das durfte ich nicht, denn dann hätte ich sie bestimmt endgültig verloren.
„Ich danke Euch." Sie blickte zu Boden. „Ich würde gerne nach Hause zurückkehren."
„Ich stelle Euch selbstverständlich ein Gefolge zur Verfügung." Ich lächelte Leonora liebevoll an. Natürlich wollte ich nicht, daß sie Aliaferia verließ, aber ich glaubte, sie jetzt nur noch als verständnisvoller Freund gewinnen zu können. Daher mußte ich sie vorerst ziehen lassen.
