Manrico:

Ich war so lange bewußtlos, daß ich nicht mehr sagen kann, wie viele Tage es waren. Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem Zelt auf einem einfachen Lager liegend. Durch den Eingangsspalt konnte ich Berge sehen, die mir vage vertraut vorkamen, die ich aber schon lange nicht mehr erblickt hatte.

Ich versuchte, mich zu bewegen, aber das war unmöglich, denn in meiner Brust verursachte jede Bewegung höllische Schmerzen. Also blieb ich so ruhig wie möglich liegen und bemühte mich, nur den Kopf zu drehen.

„Manrico, mein Sohn," rief meine Mutter aus, die neben meinem Lager saß, „du bist aufgewacht."

„Wo bin ich?" fragte ich mit sehr trockenem Mund.

„Zuhause," antwortete meine Mutter liebevoll.

Zuhause? Wo um Gottes Willen war mein Zuhause? Im Zigeunerlager? In Vizcayas Schloß? Bei d'Urgel? Meine Mutter mußte das Zigeunerlager meinen, denn sie sah nur dieses als mein Zuhause an. Daher also auch die Berge; ich mußte wohl irgendwo in den Bergen von Vizcaya sein.

„Wie bin ich hierhergekommen?" wollte ich wissen.

„Nach der Schlacht bei Pelilla sagte man mir, du seiest gefallen," erzählte meine Mutter. „Ich bin daraufhin losgezogen, um deine Leiche zu suchen, um dir ein anständiges Begräbnis zu verschaffen." Sie lächelte ein wenig geistesabwesend. „Und dann berührte ich dich und stellte fest, daß deine Wunden noch bluteten. Du atmetest noch. Also habe ich dich verbunden und hierher bringen lassen."

„Weiß d'Urgel, daß ich noch am Leben bin?"

„Niemand außer unserem Stamm weiß, daß du lebst." Es klang, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, daß mein Überleben sonst niemand etwas angehen würde.

„Das heißt, daß mich alle für tot halten...," murmelte ich. „Leonora, Ruiz, d'Urgel - und Luna!"

„Sie sagten, daß es seine Leute waren, die dir das antaten, mein Junge," sagte meine Mutter. „Du hast dir einen schlechten Dienst erwiesen, ihm nach eurem Zweikampf am Leben zu lassen."

„Diesen Schluß habe ich auch schon gezogen." Ich schnitt eine Grimasse.

„Schwöre mir, daß du ihn das nächste Mal tätest." Ihre Stimme bebte. „Schwöre mir, daß er das nächste Zusammentreffen nicht überleben wird."

„Ich schwöre," brachte ich hervor und schlief wieder ein.

Meine Genesung ging langsam vonstatten. Ich war zwar bald in der Lage, d'Urgel und Ruiz Nachrichten zu senden, daß ich am Leben war, aber zu mehr war ich eine ganze Weile nicht fähig, und selbst wenn es mir gelungen wäre, hätte meine Mutter es zu verhindern gewußt.

Abgesehen von meinem körperlichen Zustand ging es mir auch sonst nicht sehr gut. Ich fühlte mich ein wenig in meine Kindheit zurückversetzt. Nach wie vor war ich der Außenseiter, der Eindringling, der nur geduldet wurde. Es war so anders als in meiner Welt, wo ich der bewunderte Anführer und Kämpfer war.

Dazu kam, daß ich keine Möglichkeit sah, Leonora eine Nachricht zukommen zu lassen. Sie mußte schließlich an meinen Tod glauben, und vielleicht gab sie dann ja dem Drängen Lunas nach...

Nein, ich mußte wirklich machen, daß ich wieder auf die Beine kam, um Leonora wiederzusehen.

Etwa zwei Wochen nach meinem ersten Erwachen erhob ich mich trotz der Schmerzen von meinem Lager. Es war früher Morgen, und der Großteil des Stammes war gerade dabei, sich für die Aufgaben des Tages vorzubereiten.

Meine Mutter saß am Lagerfeuer und starrte in die Glut. Sie erweckte in mir den Eindruck, als würde sie sich in einer anderen Welt und Zeit befinden. „Flammen!" stieß sie ganz unvermittelt hervor, und es klang wie ein Hilfeschrei. „Überall Flammen! Die Menschen schreien vor Freude, weil eine Frau verbrannt wird. Sie schreit, doch die Leute lachen nur und verhöhnen sie." Sie schien wie unter einem Zwang zu stehen, diese Worte herauszuschreien.

Die anderen Zigeuner schienen sich nicht besonders für ihre Vision zu interessieren. Offenbar kam so etwas häufiger vor, aber mir war es neu.

Neu war allerdings nicht, daß sie ins Leere starrte und dabei „Räche mich!" in sehr beschwörendem Tonfall ausrief. Das hatte ich früher schon gehört. Vielleicht gelang es mir ja diesmal zu erfahren, was dahinter steckte.

Ich wartete ab, bis der Stamm sich zerstreut hatte, dann nahm ich neben meiner Mutter Platz. „Erzähle mir, was für eine Vision du hattest," bat ich sanft.

„Das ist keine Vision. Das ist die Vergangenheit, Sohn." Eine Spur von Leben kehrte in sie zurück.

„Dann erzähle mir von der Vergangenheit.

„Die Vergangenheit? Du kennst sie nicht, denn dich trieb der Ehrgeiz fort, bevor ich immer wieder davon heimgesucht wurde."

Ich überhörte den versteckten Vorwurf und wartete gespannt auf ihre Erklärung.

„Es ist die Geschichte vom Tod deiner Großmutter. Der verfluchte Conde behauptete, sie hätte versucht, seinen Sohn zu verhexen, und ließ sie verbrennen."

„Oh, Gott," murmelte ich erschreckt. Kein Wunder, daß meine Mutter zeitweilig verwirrt wirkte.

„Ich folgte ihr zum Scheiterhaufen," sprach sie weiter. „Während sie das Feuer anzündeten, schrie sie laut ‚Räche mich!' Ich wandte mich um, lief ins Schloß hinein und raubte den Sohn des Condes. Mit seinem und mit meinem Kind in den Armen ging ich zurück zum Feuer." Sie stand auf und schwitzte und zitterte gleichzeitig. Ihren Augen war abzulesen, daß sie all das gerade noch einmal durchleben mußte. „Das Weinen des Kindes... Es zerriß mir das Herz, aber dann, dann hörte ich die Stimme meiner Mutter, ‚Räche mich!'... Ich... ich zitterte... und warf dann... das Opfer ins Feuer. Und dann blickte ich neben mich... Da lag der Sohn des Conde..."

„Was?" Auch ich sprang auf.

„Ich habe meinen eigenen Sohn verbrannt!" schrie sie mich an.

Ich packte sie an den Schultern und schüttelte sie. Ich konnte es nicht ertragen, was ich gehört hatte; es war zu grauenhaft. „Dann bin ich nicht dein Sohn? Aber wer bin ich dann?"

Mein Schütteln schien sie wieder zu Verstand zu bringen. „Du bist mein Sohn," sagte sie ruhig.

„Aber eben sagtest du...," wandte ich ein.

„Sagte ich das?" Offensichtlich hatte sie sich wieder in der Gewalt. „Wenn ich mich an damals erinnere, kommen närrische Dinge über meine Lippen. War ich dir nicht immer eine zärtliche Mutter?"

„Wie könnte ich es leugnen?" fragte ich resigniert zurück. Wenn sie in dieser Weise anfing, würde sie nichts weiter preisgeben. Aber hatte sie nicht vielleicht doch die Wahrheit gesagt? War ich möglicherweise der Sohn eines Conde? Dann hatte es ja einen Grund, daß ich mich bei den Zigeunern nie wirklich zuhause gefühlte hatte. Nur, welcher Conde war dann mein Vater?

„Ohne mich würdest du nicht mehr am Leben sein," erklärte sie. Sie wollte weitersprechen, da hörte ich von irgendwoher ein Hornsignal.

Ich griff nach meinem Signalhorn und erwiderte den Ton. Schon wenige Augenblicke später stand ein Soldat aus Ruiz' Truppen vor mir.

„Was bringst du mir für Nachrichten?" fragte ich, während meine Mutter hinter mir zu Boden gesunken war.

„Diesen Brief von Ruiz de Vizcaya, Herr," Er reichte mir den Brief.

Ich entfaltete ihn und überflog die Zeilen. „Wir haben Castellor eingenommen, und unser Herr wünscht, daß Du dort das Kommando übernimmst. Komme also so schnell wie möglich dorthin. Leonora de Sesè will heute abend bei den dortigen Ursulinerinnen den Schleier nehmen, da sie Dich für tot hält. Dir bleibt nicht viel Zeit, Ruiz."

Ich ließ das Papier sinken. Leonora im Kloster! Nein, das mußte ich ganz dringend verhindern.

„Besorge mir sofort ein Pferd und erwarte mich an der Straße," befahl ich dem Boten, der davonstürmte.

„Was tust du, Manrico?" fragte meine Mutter noch immer am Boden liegend.

Ich hörte sie kaum, denn zu sehr war ich mit der entsetzlichen Vorstellung beschäftigt, Leonora an ein Kloster zu verlieren. „Lebwohl, Mutter."

„Nein, warte," hielt sie mich zurück. „Du kannst nicht gehen, deine Wunden werden sich wieder öffnen."

„Laß mich gehen," wehrte ich ab.

„Jeden Tropfen Blut, den du verlierst, werde ich auch spüren," flehte sie. „Du darfst nicht gehen."

„Ich muß, Mutter," rief ich verzweifelt. „Sonst verliere ich das mir Liebste auf der Welt, meine ganze Hoffnung. Ich sterbe, wenn du mich nicht gehen läßt."

Sie trat mir in den Weg. „Du stirbst, wenn du gehst."

Ich schob sie zur Seite und stürmte zu dem bereitgestellten Pferd.

„Manrico!" gellte es hinter mir her, aber ich ignorierte den Schrei, denn jetzt mußte ich Leonora vor dem Kloster bewahren.