Diego:

Ich ließ Leonora einige Wochen Zeit, sich von dem Schock zu erholen, den Manricos Tod in ihr ausgelöst hatte, dann ritt ich zum Familiensitz der de Sesé und ließ mich zunächst bei Don Guillem de Sesé melden.

Er kam in die große Halle herunter und begrüßte mich herzlich. „Mein lieber Don Diego, wie freundlich von Euch zu kommen."

„Ich mußte kommen," erwiderte ich. „Schließlich habe ich ja die Nachricht überbracht, die Eure Schwester in diesem Zustand versetzt hat."

„Eine dumme Geschichte." Guillem de Sesé schüttelte den Kopf. „Sie hat wirklich manchmal schon merkwürdige Ideen, aber daß sie sich in diesem fragwürdigen d'Urgel-Anhänger vergucken mußte..."

„Wenn Ihr es gestattet, würde ich sie gerne sprechen." Ich sah, daß de Sesé ablehnen wollte, und fügte hinzu: „Ich werde mich ihr erklären."

Don Guillems Miene wurde sogleich freundlicher. „Leonora ist in ihren Gemächern, wo sie wahrscheinlich ihrer neuesten Grille nachhängt," sagte er. „Ich begleite Euch gern dorthin."

Wir gingen nach oben und betraten Leonoras Räumlichkeiten. Sie stand am Fester und starrte blicklos hinaus.

„Leonora, meine Liebe," sagte de Sesé, „sieh mal, wer dich hier besucht."

Sie reagierte nicht. Mit einer bittenden Geste brachte ich Don Guillem dazu, uns allein zu lassen. „Wie geht es Euch, Doña Leonora?" fragte ich mit sanfter Stimme. Es tat so weh, sie leiden zu sehen, und es tat noch mehr weh zu wissen, weswegen sie litt.

„Könnt Ihr Euch das nicht denken?" fragte sie tonlos zurück.

„Entschuldigt, das war wirklich eine dumme Frage," gab ich zu.

„Warum seid Ihr gekommen, Don Diego?" Sie wandte sich um, und ich konnte sehen, daß das Feuer in ihren Augen erloschen war.

„Vielleicht ist es zu früh, Euch damit zu behelligen, aber ich möchte es trotzdem tun," begann ich. „Ich habe von Eurem Bruder die Erlaubnis, um Euch anzuhalten. Leonora, ich liebe Euch, und ich möchte Euch heiraten."

„Diego...," sagte sie hilflos. „Ich kann nicht."

„Wenn Ihr Zeit braucht, bin ich bereit, sie Euch zu geben," versprach ich ehrlich, obwohl ich wußte, daß es mir schwer fallen würde, weil ich sie doch so sehr begehrte.

„Es geht nicht um Zeit, Diego." Sie lächelte schmerzlich. „Ich wollte Manrico haben, und da ich ihn nicht mehr haben kann, werde ich morgen der Welt entsagen, wie man so schön sagt. Ich werde in das Kloster der Ursulinerinnen bei Castellor eintreten."

„Ihr wollt in ein Kloster gehen?" fragte ich entgeistert und ahnte plötzlich, daß dies die neueste Grille sein mußte, von der ihr Bruder gesprochen hatte.

„Ja. Ich will dicht bei ihm sein, und da erscheint mir das Kloster als geeigneter Ort." Sie berührte mich leicht am Arm. „Es tut mir leid, wenn ich Euch auf diese Weise Schmerzen zufüge, aber ich kann keine andere Entscheidung treffen."

Ich drehte mich wie betäubt um und verließ das Schloß, ohne mich von jemandem zu verabschieden. Ich stieg auf mein Pferd und ritt zurück nach Aliaferia.

Es dauerte eine Weile, bis ich wieder einigermaßen klar denken konnte. Sie hatte mich zurückgewiesen, mich, den Conde di Luna. Zuerst hatte Manrico zwischen uns gestanden, und jetzt tat es der Altar. Dabei war sie doch die einzige Person der Welt, der ich zutraute, diesen Sturm, der seit meiner Kindheit in meinem Inneren tobte, zu besänftigen.

Ich konnte nicht zulassen, sie für immer zu verlieren, ich mußte etwas dagegen unternehmen. Sie aufzugeben, kam gar nicht in Frage.

Mit dem Vorsatz, etwas zu unternehmen, galoppierte ich in den Schloßhof von Aliaferia hinein und befahl sofort Ferrando zu mir. „Ich brauche dich mit sechs Männern morgen abend," sagte ich, als er meine Gemächer betreten hatte. „Wir werden dem Kloster der Ursulinerinnen bei Castellor einen Besuch abstatten."

„Castellor ist in der Hand von d'Urgels Truppen, Herr," wandte Ferrando ein.

„Das weiß ich selbst," fuhr ich ihn an. „Aber in diesem Kloster ist etwas, was ich unbedingt will."

„Ich verstehe nicht ganz..."

„Doña Leonora de Sesé will in dieses Kloster eintreten, und das kann ich nicht zulassen." Ich begann, auf und ab zu laufen.

„Ihr wollt sie vom Altar fortrauben?" Ferrandos Miene zeigte echtes Entsetzen. „Dafür wird man Euch exkommunizieren."

„Das werde ich überleben."

„Herr, Ihr..."

„Ich werde es der Kirche nicht gestatten, mir noch einmal eine Person fortzunehmen, die ich liebe," schrie ich und schlug mit der Faust auf den Tisch.

Für einen unendlich langen Moment lang starrten wir uns an. Sein Gesicht zeigte Bestürzung, Verzweiflung und Schrecken darüber, daß ich es gewagt hatte, auf unsere frühere Beziehung anzuspielen.

„Ich...," begann er, brach dann jedoch selbst ab. „Diego..."

„Wage es nicht noch einmal, mich so zu nennen," warnte ich ihn wütend.

Ich war nicht einmal sicher, was es war, das mich so wütend machte. Sein Widerspruch oder die Tatsache, daß ich wieder einmal zurückgewiesen worden war?

Sein ganzer Körper schien sich zu versteifen. „Es ist sehr gewagt, was Ihr vorhabt, Herr," sagte er sehr distanziert.

„Zweifellos, aber was ist das Wagnis gegen den Gewinn meines Glückes?" meinte ich fast mehr zu mir selbst. „Bist du dabei, oder muß ich mir einen anderen Gefolgsmann suchen?"

„Ich habe Euch Treue gelobt, Herr, und gedenke, diesen Schwur einzuhalten." Ferrando verneigte sich vor mir, und ich wandte ihm den Rücken zu, um mich den Bildern eines Glücks mit Leonora an meiner Seite hinzugeben.

Am nächsten Tag brachen Ferrando und ich begleitet von sechs weiteren Männern zum Ursulinerinnen-Kloster bei Castellor auf. Es war kein ganz ungefährlicher Ritt, da die Gegend von d'Urgels Leuten kontrolliert wurde, aber wir erreichten das Kloster ohne Zwischenfälle.

In einem Wäldchen ließen wir die Pferde mit einem Wächter zurück und stiegen über die Klostermauern. Niemand hielt uns auf, niemand schlug Alarm. Wir verbargen uns hinter den Säulen des Kreuzganges.

Kurz, nachdem die Sonne untergegangen war, zogen die Nonnen in großen Gruppen zur Kapelle, deren Glocke sie zur Abendandacht rief. In keiner dieser Gruppen war jedoch Leonora zu entdecken.

Erst als die Äbtissin mit anderen höherrangigen Nonnen den Kreuzgang entlangschritt, konnte ich unter ihnen Leonora in einem sehr einfachen Kleid entdecken. Ich gab meinen Männern das Zeichen. Wir sprangen aus den Verstecken und stellten uns den Nonnen in den Weg.

„Ich werde nicht zulassen, daß Ihr diesen Schritt tut, Doña Leonora," rief ich. „Ihr werdet zu einem Altar gehen, aber nur, um mit mir dort vermählt zu werden."

„Ihr müßt den Verstand verloren haben." Leonora löste sich aus der Gruppe, und auf einmal funkelten ihre Augen wieder voller Leben. „Was wollt Ihr hier?"

„Euch mitnehmen, um Euch zur Condesa di Luna zu machen," antwortete ich.

Unsere Augen trafen sich, und ganz langsam kam sie auf mich zu. Ich bin fast sicher, daß sie mit mir gegangen wäre, hätte nicht plötzlich wie aus der Erde gestampft Manrico zwischen uns gestanden.

Die nächsten Sekunden dehnten sich endlos. Ich sah, wie Ferrando sich entsetzt bekreuzigte, hörte, wie Leonora ausrief: „Ist das ein Traum, oder bist du vom Himmel hinabgestiegen? Oder bin ich vielleicht bereits im Himmel?" und konnte mich selbst nicht rühren.

„Stehen die Toten wieder auf?" brachte ich schließlich hervor.

„Eure Schergen haben schlampig gearbeitet," antwortete Manrico ruhig.

„Dann solltest du lieber verschwinden, Troubadour. Dieses Mal wird dich nämlich keine Macht der Welt retten können." Ich hatte mich wieder vollständig in der Gewalt. „Ich wißt, was ihr zu tun habt, Männer."

Leonora schrie auf, und dann schrieen auch alle anderen, denn plötzlich waren wir von etwa zwanzig Männern eingekreist, auf deren Schildern und Harnischen d'Urgels Wappen prangte.

„Wollt Ihr mich noch immer töten lassen, Conde?" fragte Manrico. Er wandte sich an Leonora. „Folgt Ihr mir, Dame meines Herzens?"

„Du wagst es?" schrie ich und wollte auf Manrico losgehen, da riß mir jemand mit Kraft die Arme nach hinten.

„Es ist sinnlos, Herr," flüsterte Ferrando mir ins Ohr. „Sie sind zu viele, wir könnten nur verlieren."

„Lieber sterbe ich, als sie gehen zu lassen," knurrte ich.

„Ihr werdet leben, Herr. Tot werdet Ihr weder dem Infanten nützlich sein, noch eine weitere Chance erhalten, Doña Leonoras Gunst zu erringen."

Ich wehrte mich gegen seinen Griff, doch Ferrando war um einiges stärker, so daß ich ohnmächtig zusehen mußte, wie Manrico Leonoras Arm ergriff und sie mit sich fortzog. Langsam traten auch die anderen Männer d'Urgels den Rückzug an, und endlich ließ Ferrando mich los.

„Verzeiht, Herr, aber Ihr wäret in Eurer sicheres Verderben gerannt," sagte er.

Ich nickte düster. „Ja, und nun habe ich wenigstens noch die Gelegenheit, ihn in sein Verderben laufen zu lassen."