Diego:
Nachdem wir das Kloster verlassen hatten, stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Sie werden nach Castellor gehen."
„Warum seid Ihr da so sicher, Herr?" wollte Ferrando wissen, der mich sehr besorgt anblickte.
„Manrico ist zum Kommandanten ernannt worden, sagen die Spione. Aber er soll sich nicht zu früh darüber freuen. Ich werde auch dort sein."
„Ihr wollt wirklich weitermachen, Herr?" Ferrando blickte sehr skeptisch drein.
„Du stehst schon so lange in unseren Diensten, daß du wissen solltest, daß ein Nuño niemals aufgibt." Ich gab meinem Tier die Sporen, und noch vor dem Morgen erreichten wir Zaragoza.
Ich ließ mich sofort bei Don Fernando melden, der mich noch vor dem Frühstück empfing. „Was kann ich für Euch tun, Nuño " fragte er freundlich.
„Übertragt mir den Befehl über die Truppen, die Castellor zurückerobern sollen, Sire," bat ich.
„Eigentlich hatte ich andere Pläne mit Euch." Don Fernando zögerte. „Warum ist es Euch so wichtig, nach Castellor zu gehen?"
„Es sind persönliche Gründe," antwortete ich und beschloß, ihm zumindest einen Teil der Wahrheit zu sagen. „Manrico der Troubadour hat Doña Leonora de Sesé entführt, die mir versprochen war."
„Ich verstehe." Der Infant nickte. „In Ordnung, erobert mir Castellor zurück. Danach aber werdet Ihr das Amt des Obersten Richters von Aragon übernehmen, was ich für Euch vorgesehen habe."
„Sire," stieß ich überrascht von dieser großen Ehrung hervor und warf mich auf die Knie vor ihm.
Noch am gleichen Tag beorderte ich meine Truppen nach Castellor und machte mich selbst auf den Weg.
Die Belagerung nahm mich sehr mit, denn immer hatte ich die Festung vor mir, in der Manrico mit Leonora, die doch mir gehörte, gemeinsam lebte. Meine Phantasie quälte mich mit Bildern, die mir das intime Zusammensein der beiden zeigten, und wenn ich bisher nur eifersüchtig gewesen war, wurde es nun zu einer Besessenheit.
Daß ich es nicht wagte, Castellor direkt anzugreifen, was nur dazu geführt hätte, daß ich einen Großteil meiner Soldaten verloren hätte, machte es nur noch schlimmer. Und auch die Unruhe unter meinen Männern, die das Warten zermürbte, und die endlich die versprochene Beute machen wollten, verbesserte meine Lage nicht gerade.
„Herr," Ferrando stand im Eingang meines Zeltes und riß mich aus meinen Gedanken, „einer unserer Spione hat eben gemeldet, daß..." Er zögerte.
„Was hat er gemeldet?" fragte ich ungeduldig.
„Manrico der Troubadour will heute abend Doña Leonora de Sesé zum Altar führen," antwortete Ferrando niedergeschlagen.
„Nein," stieß ich hervor und umklammerte die Kante meines Tisches. „Das geht doch nicht."
„Herr, ich weiß, daß es schwer ist für Euch, aber Ihr könnt nichts dagegen tun," beschwor Ferrando mich. „Solange sie da oben sind, wäre ein Angriff Selbstmord."
Seine Worte drangen kaum an mich heran. Ich würde Leonora endgültig verlieren, wenn sie mit Manrico vermählt war, und wenn das kleine Flämmchen der Hoffnung, sie doch noch zu gewinnen, das ich so sorgfältig genährt hatte, unwiderruflich erlosch, sah ich keinen Grund mehr für mein eigenes Leben.
„Sagtest du eben ‚Solange sie da oben sind'?" fragte ich plötzlich.
„Ja, Herr, aber..."
„Dann müssen wir sie eben dazu bringen, einen Ausfall zu machen," erklärte ich.
„Wie wollt Ihr das erreichen? Der Troubadour ist kein Dummkopf."
„Mir wird schon etwas einfallen, das..." Von draußen herein dringende Schreie unterbrachen mich. „Sieh nach, was da los ist," befahl ich ungnädig.
Ferrando verließ das Zelt und kehrte kurze Zeit später zurück. „Die Männer haben eine Frau gefangengenommen, eine Zigeunerin, die ums Lager schlich."
„Dann wollen wir sie uns doch mal ansehen," sagte ich und ging hinaus, wo die Wachen eine sich wild wehrende, häßliche Frau unbestimmbaren Alters festhielten.
Ich winkte sie heran. „Antworte auf meine Fragen."
„Natürlich," erwiderte sie mit tiefer Stimme.
„Wohin willst du?" Ich kann nicht so ganz sicher sagen, weshalb ich sie verhörte. Eigentlich hatte sie wenig Interessantes an sich.
„Ich weiß es nicht," antwortete sie.
„Was?" fuhr ich sie an.
„Ich bin eine Zigeunerin und gehe mal hierhin und mal dorthin."
„Und woher kommst du?"
„Aus Vizcaya."
Bei dieser Antwort erwachte mein Interesse, und aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, wie Ferrando zusammenzuckte und sie forschend anstarrte.
„Ich war dort glücklich," fuhr sie fort. „Aber dann ging mein Sohn fort von mir, und seitdem suche ich nach ihm."
Vizcaya! Diese Gegend ließ mich daran denken, daß man damals erzählte, daß die Zigeunerin, die meinen Bruder getötet oder entführt hatte, dorthin geflohen sei. Konnte ich hier vielleicht die lange verwischt geglaubte Spur aufnehmen und den Befehl meines Vaters doch noch befolgen? „Warst du lange dort?" fragte ich.
„Ja, Herr."
„Hast du jemals von einem Grafensohn sprechen gehört, der geraubt und dorthin verschleppt wurde ?"
„Warum interessiert Euch das?"
„Ich bin der Bruder dieses Kindes."
Sie versuchte, vor mir zurückzuweichen. „Luna!" schrie sie entsetzt. „Luna!"
„Sie ist es, Herr," übertönte Ferrando sie. „Sie hat Euren Bruder getötet."
Ich starrte von Ferrando zu Azucena und erkannte die kaum noch vorhandene Ähnlichkeit mit der Frau, die im Schloß getanzt hatte, damals, vor so unendlich langer Zeit. „Ja, du hast recht," stieß ich hervor. „Mein Gott, nach so vielen Jahren soll ich endlich nun die Wahrheit erfahren." Ich befahl den Wachen, sie fester zu greifen. „Hast du meinen Bruder getötet?"
„Ja!" keifte sie mit entgegen.
„Das bedeutet den Scheiterhaufen für dich." Ich hatte mein Versprechen erfüllt. Ich mußte nicht weiter nach Garcia suchen, denn er war tot.
„Den Scheiterhaufen?" Ihr Gesicht zeigte echtes Entsetzen. „Nein, nein! Manrico, mein Sohn, warum rettest du mich nicht ?" Sie brach in den Armen der Wachen zusammen.
Manricos Mutter! In meiner Gewalt! Daß das Manrico, nach seinem Alter zu urteilen, zu meinem Halbbruder machte, interessierte mich nicht. Mein Vater hatte mir zu viele Bastardgeschwister hinterlassen, als daß ich mich ihnen gegenüber irgendwie verbunden fühlen konnte.
Es bedeutete nur, daß ihre Anwesenheit in meiner Gewalt mich aller meiner Probleme entledigte. Nach Garcia brauchte ich von nun an nicht mehr zu forschen, ich konnte den Mord an ihm rächen, ich konnte meinem Todfeind eine empfindliche Niederlage bereiten, und ich wußte auf einmal, wie ich ihn dazu brachte, einen Ausfall zu machen.
„Schichtet vor der Festung einen Scheiterhaufen auf," befahl ich meinen Männern.
„Schon Euer Vater war ein schlechter Mensch, aber Ihr seid noch viel, viel schlimmer!" rief Azucena kraftlos hinter mir her.
