Diego:
Ich gebe zu, daß ich nach der Erstürmung Castellors sehr brutal gegenüber Manrico war, ganz gegen mein Naturell übrigens. Ich habe immer nur Verachtung für Menschen übrig gehabt, die ihre Wut an Unterlegenen auslassen, aber in diesem Fall tat ich es selbst.
Ich trat ihn noch einmal in den Magen und stürzte dann zurück ins Kampfgetümmel, um letzte Hand an die Eroberung Castellors zu legen.
Unser Sieg erfolgte sehr schnell. Manricos Truppen fehlte der Kommandant, denn so bildeten sie nur einen Haufen aufgescheuchter Hühner. Ich stürmte in die Festung hinein und durchsuchte höchstpersönlich jeden Winkel, doch nirgends war eine Spur von Leonora zu entdecken. Es schien auch niemand zu wissen, was aus ihr geworden war.
Krank vor Eifersucht und Sorge kehrte ich zu Manrico zurück, der noch immer im Staub lag. „Wo ist sie?" schrie ich ihn an.
„Ihr wart doch so sicher, sie zu finden, Conde," erwiderte er spöttisch.
„Was hast du mit ihr gemacht?" brüllte ich.
„Ich habe sie fortbringen lassen." Er lächelte. „Ihr werdet sie niemals bekommen."
„Du dreckiger Bastard!" stieß ich hervor. „Dafür wirst du sterben."
„Ich habe nichts anderes von Euch erwartet." In seinen haßerfüllten Augen konnte ich ein Spiegelbild meines Blickes sehen, der auch nicht viel freundlicher war.
Ich überließ Castellor einem kleinen Trupp und kehrte mit den Gefangenen, Ferrando und dem Rest meiner Männer nach Aliaferia zurück. Manrico und Azucena wurden in den Turm gesperrt, der den ältesten Teil des Schlosses darstellte.
Zehn Stunden saß ich in meinem Gemach, bis ich die Urteile gegen Manrico und Azucena verfaßt hatte. Es fiel mir schwer, nicht so sehr für ihn auf das Schafott und für sie auf den Scheiterhaufen zu erkennen, sondern die Macht zu mißbrauchen, die Don Fernando mir mit der Position des Oberrichters von Aragon verliehen hatte. Azucena für den Mord an meinem Bruder verbrennen zu lassen, war kein Problem und stand auch in meiner Macht, aber mit Manrico war es etwas anderes. Er war ein besiegter Feind, und einen solchen wegen angeblichen Verrats hinzurichten, war ganz sicher nicht mehr von meiner Position gedeckt.
Trotzdem ließ ich das Urteil in dieser Art ausfertigen, denn ich war in meinem Haß und in meiner Eifersucht auf ihn so verblendet wie in meiner Liebe zu Leonora, und da war sein Tod die einzige Möglichkeit, diesen lästigen Rivalen loszuwerden.
Ich übergab das Urteil den Wachen im Turm und wollte über den Hof zurück in meine Gemächer gehen, da bemerkte ich an einer der Wände den Schatten einer Gestalt. Ich ging auf diesen zu, weil es mir merkwürdig vorkam, da an dieser Stelle niemals Wachen standen. Dabei hielt ich jedoch Abstand, um nicht irgendeinem Attentäter im Namen Manricos zum Opfer zu fallen.
„Was tust du hier?" sprach ich die Gestalt an.
„Er wird sterben, und Ihr fragt mich, warum ich hier bin?" antwortete mir Leonoras Stimme.
„Oh, mein Gott," stieß ich hervor, „woher kommt Ihr?"
„Das ist nicht wichtig," sagte sie und trat aus dem Schatten heraus. Sie trug Männerkleider und hatte ihr Haar unter einer Kappe verborgen. „Wichtig ist, daß ich Euch um Gnade für Manrico bitte."
„Ihr werdet verzeihen, wenn ich das sage, aber anscheinend befindet Ihr Euch in einer Art Delirium." Ich konnte sie nicht direkt anblicken. „Ich soll Gnade mit meinem Rivalen walten lassen?"
„Gottes Gnade wird Euch erleuchten." Ihre ganze Erscheinung flehte um Gnade.
Ich lachte bitter. „Mich erleuchtet nur der Gott der Rache. Ihr solltet besser gehen." Ihr hier allein gegenüberzustehen, wo ich mich so nach ihr gesehnt hatte, war fast zuviel für mich. Ich begehrte sie noch immer rasend, und hier konnte es so leicht passieren, daß ich die Beherrschung verlor.
Leonora machte tatsächlich eine Bewegung, wandte sich in dieser jedoch nicht zum Gehen, sondern fiel vor mir auf die Knie. Ihre Kappe verrutschte so, daß ihr Haar sich löste und über ihre Schultern fiel. Tränen rannen über ihr Gesicht. „Wenn es Euch nicht reicht, daß ich zu Euren Füßen weinen, Don Diego, tötet mich, trinkt von mir aus mein Blut und zertretet meine Leiche, aber laßt Manrico frei."
Meine Wut auf ihn, auf sie und auf mich selbst stieg ins Unermeßliche, und je mehr sie für ihn bat, desto entschlossener war ich, seine Hinrichtung vollziehen zu lassen.
„Conde?" riß sie mich aus meinen Gedanken.
„Habt Ihr noch immer nicht genug?" fragte ich grob.
„Begnadigt ihn."
„Es gibt keinen Preis, um den ich das täte."
„Es gibt einen Preis." Sie stand auf und blickte mir in die Augen. „Mich."
Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück. Irgendwie glaubte ich, mich verhört zu haben. Ich hatte solange davon geträumt, daß sie mir etwas sagen würde, was mich hoffen ließ, daß ich ihre Worte fast meiner überreizten Phantasie zugeschrieben hätte. „Du nimmst also meinen Antrag an?" fragte ich nach.
„Sobald Ihr die Tür zu seinem Kerker öffnet, werde ich Euch zum Altar folgen," erwiderte sie mit flacher Stimme.
„Schwörst du es?" versuchte ich, mich noch einmal davon zu überzeugen, daß mir kein Wahnbild vorgegaukelt wurde.
„Ich schwöre es," sagte sie fest.
„Ich fürchte, ich kann nicht so ganz sicher sein, daß du diesen Schwur mit allen Konsequenzen erfüllen wirst." Ich zweifelte noch immer. „Ich will dir nicht mißtrauen, aber wenn du in diesem Kerker sitzen würdest, Leonora, würde ich auch alle Eide schwören und wieder brechen, wenn es dich retten könnte."
„Ich verstehe." Sie schluckte deutlich sichtbar und preßte die nächsten Worte mühsam aus sich heraus. „Wenn Ihr mich wollt, gehöre ich für diese Nacht Euch, Diego. Nach einer Nacht habe ich ja gar keine andere Wahl mehr, als Euch zu heiraten."
Ich sog sehr scharf die Luft ein. Ich wollte sie, aber konnte ich es ertragen, sie auf diese Weise zu bekommen? Ein Blick zu ihr zeigte mir, daß ich es konnte. „Gehen wir in meine Gemächer, wo wir allein sein können," schlug ich ihr vor.
Sie nickte langsam, und in ihren Augen stand nicht nur Angst, sondern auch etwas, daß ich nicht so recht deuten konnte. Ich führte sie ins Schloß hinein zu meinen Gemächern, während ich mir die ganze Zeit einzureden versuchte, daß mein Verhalten gar nicht so schäbig war, wie ich es selbst empfand.
Wir betraten mein Schlafgemach, und ich schloß hinter uns die Tür. Unschlüssig blieben wir etwas entfernt voneinander stehen.
Sie sah mich an, als hoffte sie, ich würde sie packen und aufs Bett werfen, damit es schnell vorbei wäre. Diesen Gefallen konnte und wollte ich ihr jedoch nicht tun. Es war niemals meine Art gewesen, eine sehr schnelle Befriedigung meiner Gelüste herbeizuführen, und gerade bei Leonora wollte ich, daß es für uns beide unvergeßlich wurde, denn sonst würde sie mich bis an unser Lebensende hassen.
„Ich werde dir ein wenig Zeit lassen," sagte ich nach einer Weile. „Ich gehe solange ins Ankleidezimmer hinüber."
An ihren Augen konnte ich ablesen, als ich in meinem Ankleidezimmer verschwand, daß sie nicht wußte, ob sie mir für diese Rücksichtnahme dankbar sein sollte oder nicht.
Im Nebenzimmer ließ ich mir selbst sehr viel Zeit, mich meiner Kleider zu entledigen und dann in einen Morgenmantel zu schlüpfen. Aus dem Schlafgemach drang kein Laut, so daß ich keine Ahnung hatte, was mich dort erwartet.
Endlich öffnete ich die Tür wieder und fand Leonora in meinem Bett, die Decke bis zu den Schultern hochgezogen und unter dieser nackt. Sehr behutsam kam ich auf sie zu, während sie mich unverwandt ansah mit diesen unergründlichen Blick.
Ich setzte mich auf der Bettkante nieder. „Ich habe davon geträumt, seit ich dich das erste Mal sah," flüsterte ich und streifte die Decke ganz langsam zurück. Ihr Körper war ebenso atemberaubend wie der Rest von ihr, und sein Anblick löschte alles in mir aus, was sich damit beschäftigt hatte, ob mein Verhalten nun schändlich war oder nicht.
Ganz vorsichtig streckte ich mich neben ihr aus und sah sie nur an. Dann stützte ich mich mit einer Hand ab und küßte sie sanft. Ihre Lippen waren nachgiebig und luden mich förmlich dazu ein, die Leidenschaft des Kusses zu steigern. Sie erwiderte ihn nicht wirklich, aber als ich mich löste, atmete sie genauso schwer wie ich.
Immer darauf bedacht, nicht zu weit zu gehen und sie dadurch zu erschrecken, glitten meine Hände und Lippen über ihre Brüste, was ihrer Kehle ein leises Keuchen entrang. Das ließ mich kühner werden und in tiefere Gegenden vorstoßen. Dieses zarte Erforschen erregte mich ebenso wie die Schauder, die durch Leonoras Körper liefen, und die unterdrückten Geräusche der Lust, die ich ihr augenscheinlich bereitete.
Auf einmal war es jedoch an mir, ein lautes Stöhnen auszustoßen. Ihre Hand hatte sich durch den Morgenmantel einen Weg gebahnt und berührte mich jetzt sehr direkt. „Leonora," stöhnte ich, „das solltest du nicht tun, wenn du nicht willst, daß ich mich nicht mehr zurückhalten kann."
„Gut, dann war das ja der richtige Moment," flüsterte sie und kam mir entgegen.
Ich schob mich über sie und stellte fest, daß sie keine Jungfrau mehr war, aber das hatte ich auch nicht erwartet, nachdem sie mit Manrico in Castellor gelebt hatte. Es war mir auch gleichgültig, daß ich nicht der erste Mann in ihrem Leben war; ich würde auf jeden Fall der letzte sein.
Ihre Beine schlangen sich um meine Hüften, und nach unbeschreiblichen Wonnen erlebten wir beide beinahe gleichzeitig deren Höhepunkt.
Erschöpft brach ich zusammen und rollte mich neben sie. Für einen Moment lang schloß ich die Augen. Noch nie zuvor hatte ich mich so gefühlt, so glücklich und so voller Liebe.
Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, daß Leonora lautlos weinte. „Warum weinst du?" fragte ich liebevoll und griff nach ihrer Hand, um sie an die Lippen zu führen. „War es so schrecklich für dich?"
Sie schüttelte den Kopf, weinte jedoch weiter.
„Habe ich dir wehgetan? Oder war ich zu brutal?" forschte ich weiter. Mein Glücksgefühl war verschwunden.
„Nein, aber es wäre besser, du wärst es gewesen," antwortete sie erstickt.
„Ich verstehe nicht..."
„Es wäre einfacher für mich, wenn du mich mit Gewalt genommen hättest, oder ich bei deinen Berührungen nur Ekel und Abscheu empfunden hätte." Sie sah mich nicht an. „Aber du warst so rücksichtsvoll und zärtlich, und dann war es so unglaublich... Ich fühle mich so verraten."
„Wieso fühlst du dich verraten? Und von wem?" Ich wollte ihr unbedingt helfen.
„Von mir selbst, Diego," antwortete sie. „Als... als ich mit Manrico zusammen war... in dieser Weise, da habe ich nichts von dem gespürt, was ich eben fühlte. Ich liebe ihn, aber ich habe kein... körperliches Verlangen nach ihm. Und dich... dich habe ich vom ersten Moment an begehrt, aber ich fürchte dich zu sehr, um dich zu mögen oder gar zu lieben."
„Leonora, meine Geliebte, du mußte dich doch nicht vor mir fürchten," sagte ich erschüttert.
„Das tue ich aber. Deinetwegen habe ich Manrico verraten und meine Liebe zu ihm." Sie begann zu schluchzen.
Ich zog sie in meine Arme und ließ sie an meiner nackten Schulter weinen. Leider war die enge Umarmung, in der wir lagen, dazu angetan, daß meine Erregung wieder erwachte. Ich fand den Moment sehr ungünstig und verfluchte meinen Körper für diese Disziplinlosigkeit, aber Leonora schien das nicht als störend zu empfinden.
Sie hob ihren Kopf von meiner Schulter und bedeckte meinen Körper mit kleinen Küssen. „Ich hasse mich dafür, daß es so ist, aber ich begehre dich trotz allem noch immer, Diego," murmelte sie, und wir begannen von neuem damit, das Verlangen unserer Körper zu stillen...
