Manrico:

Luna ließ meine Mutter und mich nach Aliaferia bringe und sperrte uns in den alten Turm, in dem ich diese Zeilen jetzt schreibe.

Es ist sehr kalt und düster hier, aber immerhin habe ich die Genugtuung, daß Luna niemals seine schmutzigen Hände auf Leonora legen wird. Ruiz hat sie dorthin in Sicherheit gebracht, wo sie niemand finden wird.

Trotzdem wünschte ich, daß ich sie wenigstens noch einmal sehen könnte, damit ich eine schöne Erinnerung mit in den Tod nehmen könnte. Zumindest aber wird sie mich nicht vergessen können, da ich mit meinem Blut dafür zahle, daß unsere Liebe den Konventionen nicht genügte.

Luna hat mich zum Tode durch das Henkerbeil verurteilt und zwar wegen Verrats. Es wäre wirklich lächerlich, wenn es nicht so ernst wäre, daß ich ein Verräter sein soll. Wen habe ich denn verraten? Castilla vielleicht? Auf ihn war ich niemals eingeschworen. Ich bin immer Gefolgsmann d'Urgels gewesen und habe seine Befehle ausgeführt.

Außerdem bin ich nicht einmal Untertan Don Fernandos gewesen, denn als Zigeuner unterstand ich nur meinem Stamm, und danach war ich Vizcayas und d'Urgels Untertan.

Es stört mich jedoch nicht so sehr, sterben zu müssen. Ich bin dem Tod so häufig entronnen, daß ich gelernt habe, ihn nicht mehr fürchten zu müssen. Was ich allerdings als zermürbend empfinde, ist diese elende Warterei, bis man mich endlich zum Schafott führt.

Meine Mutter soll als Hexe verbrannt werden. Ich weiß nicht, warum Luna das tut, es sei denn, er weiß um die alte Geschichte mit dem verbrannten Kind des Conde...

Mein Gott, ja, es könnte sein, es wäre eine Möglichkeit !

Vielleicht haßt Luna sie gar nicht deswegen so, weil sie meine Mutter ist, sondern auch, weil sie ihm seinen Bruder raubte! Aber das hieße ja, wenn sie mir die Wahrheit gesagt hat, damals, im Lager, daß ich der Sohn des Conde bin, und es war Lunas Vater... Dann sind er und ich Brüder!

Nein, das ist undenkbar ! Wenn ich einen Bruder hätte, dann wäre er sicherlich nicht so wie Don Diego Nuño, Conde di Luna. Und trotzdem...

Es ist müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich werde keine Antwort auf diese Fragen erhalten. Von wem auch? Von Luna vielleicht? Oder von meiner Mutter? Sie liegt auf dem Boden unserer Zelle, fast wahnsinnig vor Angst vor dem Scheiterhaufen, und phantasiert.

Sie erzählt wirre Dinge von Feuer und von Flucht, die uns aus diesem Turm doch nicht gelingen kann. In einem Augenblick hört sie nicht vorhandene Schritte von Soldaten, die sie zum Scheiterhaufen führen wollen, und im nächsten glaubt sie sich mit mir zusammen in den Bergen, wo ich zu meiner Laute singe.

Durch das schmale Fenster kurz unter der Decke kann ich sehen, daß der Tag zu dämmern beginnt, und ohne daß es mir jemand zu sagen brachte, weiß ich, daß dies mein Todestag sein wird.

Jetzt höre ich Schritte. Holt man mich schon jetzt ab? Nein, das kann nicht sein. Da kommt eine Frau, eindeutig.

Könnte es sein, daß der Himmel mir einen letzten Wunsch erfüllt? Wäre es denn wirklich möglich?

Ja, oh, Himmel, Leonora...