Kapitel 2
Sie hatte ihm noch so viel sagen wollen. Und sie hätte ihn nach seinen Plänen für sie beide fragen sollen, denn anscheinend hatte er welche gehabt, doch wie sie annahm hatte sie ihn doch verletzt
Seit zwei Wochen hatte sie nichts von ihm gehört und sie vermisste ihn wie nie zuvor in ihrem Leben. Aber warum hatte er ihr nichts über Moody gesagt (War da nicht irgendetwas in der Zeitung gewesen?) und warum hatte dieser vergessen, dass sie im Komitee für Experimentelle Zauber war?
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass er morgens um sechs vor Snapes Tür gestanden hatte!
Möglicherweise tat er das öfter und Severus wusste davon. Dann war sie ja wohl ganz eindeutig die Dumme in der ganzen Geschichte. Vielleicht hatte er sie ja absichtlich von einem Ex-Auror unter die Lupe nehmen lassen, weil er ihr nicht traute. Möglicherweise würde morgen ein Dementor vor ihrem Haus stehen, nur weil Severus misstrauisch war. Wenn sie ihm alle ihre Gedanken schreiben würde, dann würde er wahrscheinlich kein Wort verstehen und sich weiterhin nicht melden.
Sie sollte sie in ein Denkarium legen und ihm den Inhalt vor die Füße kippen, das war es, was sie tun sollte!
Kurz nach Halloween erhielt sie doch eine Nachricht von ihm, die besagte, dass er in den nächsten Wochen kaum abkömmlich sei, sie aber Anfang Dezember im Tropfenden Kessel treffen wollte.
Das verstand er unter baldigem Wiedersehen! Offenbar vermisste er sie wirklich kein bisschen und sie hatte sich schlichtweg in den Falschen verliebt. Bei ihrem nächsten Treffen musste sie unbedingt mit ihm über das alles sprechen. Das Jobangebot, Mad-Eye, ihre Angst um ihn und um sich selber...
Er hatte nie wortwörtlich behauptet, sie zu lieben, aber in all seinem verklausulierten Herumdozieren hatte er so etwas wie unerschütterliche Zuneigung erwähnt. Eine Formulierung, die sie ihn in zwanzig Jahren nicht gebrauchen gehört hatte. Er hatte, ob sie es hören wollte oder nicht, vor ihr schon über die ungewöhnlichsten Themen referiert, einfach weil sein Verstand so schnell arbeitete, dass er des öfteren Verbindungen zwischen den unterschiedlichsten Dingen herstellte.
Mit elf Jahren hatte er sie beispielsweise gefragt, ob sie sich schon mal Gedanken gemacht hätte, ob man Tierblut dahingehend verändern könnte, dass Rotkappen davon angelockt würden. Und ihr hatte er sogar seine Theorien dazu unterbreitet. Immerhin war das bevor sie in Hogwarts angefangen hatten.
Geendet hatte er, nachdem er ein Blatt mit schwer zu entziffernden Worten und Abkürzungen vollgekritzelt hatte, mit den triumphierenden Worten: „Und wenn dann, an derselben Stelle wenig später ein Meteor einschlägt und alle Redcaps mit einem Mal auslöscht, dann ist das nicht etwa, weil er einen hohen Eisenanteil hat, sondern wegen der Reaktion des Hämatits mit stinknormalem Bilsenkraut!"
Sie hatte ihn nur angesehen, wie er mit glänzenden Augen und geröteten Wangen vor ihr stand, aber ihm irgendwann nicht mehr folgen gekonnt.
„Na, was denkst du? Oder könnte man doch Agapanthus nehmen?!"
„Ääähm...Severus, du hast sicher recht, aber hast du mal was über den Hämatuszauber gelesen?"
Seine Augen weiteten sich, als hätte sie sich vor seinen Augen tatsächlich in eine Veela verwandelt.
„Nö..."
„Mein
Vater hat da ein Buch drüber. Er hat's eingeschlossen, aber wenn
er nicht da ist, weiß ich wie man drankommt!...Jedenfalls kann
man sich damit das alles sparen, was du gerade erzählt
hast...Aber Severus,... warum willst du Rotkappen anlocken?"
„Keine
Ahnung. Weil's gefährlich ist?! Oder um sie in ihrer natürlichen
Umgebung zu beobachten!"
Sie hatten tatsächlich das Buch ergattert, aber Pandoras Schwester hatte sie damit erwischt und gedroht, Snape zu seinem Großvater zurückzuschicken, wenn sie es nicht sofort zurücklegen und alles vergessen würden, was sie darin gelesen hatten. ("Oder braucht ihr einen Vergessenszauber, der euch möglicherweise für den Rest eures Lebens mit dem Kopf wackeln und sabbern lässt, ihr Kleingemüse?!")
Wenn Severus also von Zuneigung sprach, konnte sie davon ausgehen, dass er sich vorher sehr viele Gedanken darüber gemacht hatte. Und trotzdem hatte er sie einfach vor ihrer Tür stehen lassen und sich vier Wochen lang nicht gemeldet.
Als Pandora im Tropfenden Kessel eintraf, war weit und breit nichts von Severus Snape zu sehen. Also nahm sie erst einmal Platz und bestellte sich Wein. Allerdings schien sie jemand anderer sofort entdeckt zu haben: Ihr alter Jahrgangskamerad Robert Avery kam zielstrebig zu ihr herüber.
„Pandora McMahon! Also, dass wir uns wieder mal treffen! Man hat ja so lange nichts voneinander gehört!"
Pandoras Magen krampfte sich zusammen, als sie an ihre letzten Begegnungen dachte. Sie waren angeklagte Todesser gewesen. Snape hatte Pandora dazu gebracht, sich selbst auszuliefern bevor Voldemort verschwand. Avery war ihres Wissens nach erst später völlig neben sich stehend aufgefunden worden. Auch er bekam Freispruch.
„Ja, ich dachte eigentlich, du wärst im Ausland", antwortete sie ohne von ihrem Glas aufzublicken.
„Das war ich auch. Zur WM wieder zurückgekommen und ein Importunternehmen gegründet!"
Startkapital schien ihm also nicht gefehlt zu haben.
„So. Das ist schön für dich!"
„Es sind mir auch schon einige aus der Stufe über den Weg gelaufen. Und du?! Wie geht es dir so???"
„Immer noch im Komitee für Experimentelle Zauberei."
„Du siehst fantastisch aus!"
Wenn Pandora eins nicht ausstehen konnte, dann waren das Übertreibungen und Superlative. Sie trug ihre Haare mittlerweile bis weit über die Schultern und ein enges grünes Kleid mit Trompetenärmeln. Ein Aufwand, den sie allerdings nicht betrieben hatte, um anerkennende Sprüche von Dummschwätzern wie Avery zu erhalten. Ein kurzer, beeindruckter Blick von Severus hätte ihr genügt.
„Und hast du eine Familie gegründet?", forschte ihr Gegenüber weiter.
„Bis jetzt noch nicht, Robert. Bisher war ich zu pessimistisch." Er sollte genau wissen, dass dies eine Anspielung auf ihre Angst vor der Wiederkehr der alten Verhältnisse war.
„Tjaaa, du weißt ja, ich bin Witwer... ...Und was macht Severus Snape?"
„Hogwarts."
„Immer noch?! Nun ja, ist schwierig...Er war schon früher auf der Verliererschiene..."
„Er war unser Freund", erwiderte sie bissig, „im Übrigen warte ich gerade auf ihn, du kannst ihn also gleich selbst fragen!"
„Sieht ganz so aus, als sei er nicht gerade pünktlich, Pandora", gab er betont lässig zurück.
„Das ist äußerst selten."
„Hast du auch eine Einladung nach Malfoy Manor zum Weihnachtsball?"
„Ja, ich hatte eine auf meinem Schreibtisch. Sie haben sie mir ins Büro geschickt. Ziemlich überheblich..."
„Du solltest mit mir hingehen. Snape ist ja wohl unabkömmlich wegen des Trimagischen Turniers. Da ist ein Weihnachtsball inklusive!"
Avery hatte recht, aber Pandora hatte nicht vorgehabt hinzugehen und seine Art sie zu fragen machte nur allzu deutlich, dass er sich wenig geändert hatte und immer noch ein überheblicher, eingebildeter Slytherin war.
„Ich weiß nicht... Die haben mich doch sonst nie eingeladen. Das ist jetzt alles so eine...Aufbruchsstimmung...Du weißt schon. Auf einmal sind alle wieder da..." Sie sah ihm eindringlich in der Augen.
„Ach Pandora, das ist doch alles Panikmache! Du solltest zu dem Ball gehen. Ein ganz normales gesellschaftliches Ereignis."
„Ich bin nicht sicher, ob Snape nicht doch hingehen würde."
„Der ist wahrscheinlich sowieso nicht eingeladen. Außerdem hat er schon immer Sachen schlechtgemacht, bei denen er nicht dabei sein durfte."
Etwas Wahres schien tatsächlich daran zu sein, was Avery sagte. Snape hatte den beiden zumindest einmal gefälschte Einladungen für den Slug-Club geschickt und Avery und sie waren diesen Einladungen gefolgt. Nach den ZAGs war Pandora überrascht gewesen, dass Severus nur ein E in Zaubertränke erreicht hatte, obwohl sie sicher war, dass er darin wirklich überragend gut war.
„Was glaubst du denn?! Das war die beste Note, die er mir überhaupt je gegeben hat!", antwortete er schulterzuckend, „Entweder er sagt, ich nehme ihn nicht ernst oder ich verweigere die Mitarbeit..."
„Nicht ernst nehmen ist ganz schlecht bei Slughorn!"
„...oder ich wäre unbeschulbar!"
„Autsch! Was machst du denn bitteschön im Unterricht?!"
„Hoffen, dass ich meine Ruhe habe. Und während der Prüfungsaufgabe hab ich gedacht, ich könnte Zaubertränke als Vertiefungsfach nehmen und sollte auf jeden Fall in Tränke und VgDK UTZs ablegen. Und der Prüfungstrank war ziemlich einfach, da musste er mir mindestens ein E geben. Und hier steht... es ist kein O, denn es sei mit meinen Leistungen... im Unterricht... nicht vergleichbar." Er hielt ihr sein Zeugnis vor die Nase.
Pandora seufzte. „Du bist ehrlich spät dran mit deiner Karriereplanung! Aber in den Klassenarbeiten warst du doch auch gut."
„Ja, aber der findet schon was, um nicht mehr als die volle Punktzahl zu geben. Am liebsten noch drunter. Einmal ist er z.B. nach einer halben Stunde rum gegangen, um dem Farbumschlag zu kontrollieren... von grün nach gelb. Da war ich aber schon fertig mit dem Zeug, hatte also die Scarabäen schon rein getan und mein Trank war schwarz. Also hat er angekreuzt: Farbumschlag negativ!"
„Ich kann nicht verstehen, dass dich das so kalt lässt Deine Testaufgabe war nach einem Drittel der Zeit fertig und du hast es ihm nicht gleich gesagt!"
„Es ging für ihn ums Prinzip, er hat keinen Farbumschlag von grün nach gelb sehen können. Außerdem wollte ich nicht gleich schreien 'Professor, ich bin fertig!', denn so konnte ich noch ein paar andere Sachen ausprobieren."
„Ich will nicht glauben, wie viel Verständnis du für solche Prinzipienreiterei hast und dass du es einfach hinnimmst,dass Slughorn dich für einen Blödmann hält", erwiderte sie kopfschüttelnd, „und ich halte dich für zu wenig ehrgeizig, um überhaupt in Slytherin zu sein."
„Vielleicht nimmst du das Ganze einfach zu ernst, McMahon. Was hängt denn davon schon ab, ob Slughorn bei dir im Test einen Farbumschlag sieht oder nicht? Bringt uns das wirklich entscheidend weiter?! Nein. Und nach irgendwelchen Kriterien muss er den Krempel doch bewerten! Prinzipiell bin ich ehrgeizig. Aber mehr so für mich allein! Ich bin doch sowieso der einzige, der weiss, dass ich kein Blödmann bin! Außerdem bin eben nicht so nett und ihm treu ergeben..."
„Aber du kannst nett sein!"
„Möglich. Du hast doch auch schon von diesem streng-geheimen Club gehört...Was würdest du machen, wenn du von Slughorn eine Einladung bekämst?"
„Nichts. Drauf scheißen."
Severus schien wenig überzeugt von ihrer prompten Antwort.
„Das darf man nicht. Man muss zum Treffen gehen und ihm huldigen", erklärte er überzeugt, während er ihr mit gespielter Galanterie einen Schokofrosch reichte.
„Ich will aber nicht huldigen", murmelte sie kauend, „ich will nur gute Noten!"
„Gib's zu, du wärst hoch erfreut, wenn du sein Liebling wärst!"
„Snape, ich will gute Noten!"
Das entsprach eigentlich auch der Wahrheit. Pandora hatte sich in der Schule absichtlich absacken lassen, mehr oder weniger aus Protest gegen alles. Nun rückte der Schulabschluss näher und sie musste sich ernsthaft verbessern.
Dann hatte sich Robert Avery zu ihnen gesetzt und mit ihnen gewettet, er würde es auf jeden Fall in den Slug-Club schaffen.
Als das Schuljahr weiter fortgeschritten war und Pandora tatsächlich ein oder zwei Tests sehr gut bestanden hatte, fand sie eines Tages unter ihrem Teller eine Einladung, die mit
'H-E-F-S' unterzeichnet war. Sie hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, sich nicht zu dem genannten Zeitpunkt einzufinden. Slughorn würde sie fragen, warum sie nicht an dem Treffen teilnehmen wollte, sie sei doch gewiss eine Bereicherung usw. usw. Sollte sie darauf nun stolz sein?
Jedenfalls sprach sie mit niemandem darüber und erschien an dem angegebenen Abend im Zaubertränke-Fachraum, der auf der Einladung stand. Außer ihr und Robert Avery war niemand sonst da. Auch er hielt eine Einladung in der Hand.
„Vielleicht kommt Slughorn später, für den Knalleffekt", mutmaßte er.
„Oder es ist eine Art Aufnahmeprüfung. Da stehen ein paar Zutaten an der Tafel und ein Kessel ist auch da" , meinte Pandora schulterzuckend. „Ambrosia, Sepiatinte, Mentholdrops, Ethanol, Flügel von gelben Feuerkäfern,... Minzblättchen", las sie vor , „zusammenkippen, anfeuern, wenn es brodelt siebenundzwanzig mal gegen den Uhrzeigersinn umrühren. Ich glaube gar nicht, das Slughorn das so schreiben würde...Zusammenkippen und so..."
„Wieso nicht?! Ethanol erklärt doch einiges! Los, kippen wir es zusammen und gucken, was passiert", war Averys Vorschlag.
Es passierte gar nichts und sie und Robert saßen über eine halbe Stunde neben dem Kessel. Avery war in Slytherin, im selben Schlafsaal wie Severus Snape. Natürlich hingen die beiden oft zusammen herum, aber Pandora war sich sicher, dass Severus ihm nicht erzählt hatte, dass er und sie sich einander in den Ferien näher gekommen waren. Er trug sein Herz nicht auf der Zunge und seit die Schule wieder begonnen hatte, hatten sie sich davon vor anderen nichts anmerken lassen und das Thema mehr oder weniger totgeschwiegen. Sie wurden beide öfter von anderen Schülern gequält und wollten sich auch nicht noch deshalb ärgern lassen. Sie kannten sich gut, weil schon ihre Eltern sich kannten, aber offiziell war da nichts Ernsteres zwischen ihnen.
Und von Gefühlen hatten sie sich sowieso einander noch nichts eingestanden. Wenn sie sicher waren, unbeobachtet zu sein, legte Severus seinen Arm um sie und sie fühlte sich bei dieser Beschützergeste meist etwas unwohl. Trotzdem hatten sie schon manchmal ihre körperlichen Bedürfnisse übermannt und es war zu intensiven Fummeleien gekommen. Pandora fand, dass sie alt genug dafür sei und wenn er gerade die selben Bedürfnisse wie sie zu haben schien, warum sollte sie als alte Jungfer sterben?!
Jedenfalls hielt sie es für illusorisch, dafür jahrelang auf ihre große Liebe zu warten.
„McMahon, was ist eigentlich zwischen dir und Severus?", fragte Avery sie mit einmal.
„Nichts. Wieso?", log Pandora. Die Wahrheit wäre gewesen: 'Er hat mich vorgestern entjungfert und ich bin ziemlich zickig, weil er danach kein Wort mehr mit mir gesprochen hat. Ich hätte ehrlich erwartet, dass er sich danach wenigstens in der Bibliothek neben mich setzt. Aber wenn er nicht zu mir steht, stehe ich auch nicht zu ihm.'
„Ihr seid nicht zusammen oder so?"
„Nee, sieht es so aus?!", erwiderte sie betont cool.
„Ich weiß nicht, mal ja mal nein..."
„Was wäre denn, wenn er mein Freund wäre?"
„Dann würde ich dich jetzt nicht fragen, ob du Samstag mit mir zum Quidditch-Spiel gehst. Wir könnten nebeneinander sitzen."
„Ich
will nicht in der Slytherin-Kurve sitzen, Robert."
„Wie
schade, wir gewinnen nämlich. Aber nach Hogsmeade könntest
du mit mir zusammen gehen. Ich verspreche dir, dass du keinen anderen
Slytherin sehen musst", fuhr er unbeirrt fort.
„Darum geht es nicht, ich sehe doch dauernd Slytherins..."
Ihre eigentliche Frage wäre gewesen, ob er sie nur wegen ihrer reinblütigen Abstammung fragte, denn sie war sicher, dass seine Familie ihm eine Liste mit passenden Kandidatinnen genannt hatte.
„Na also, so schlimm sind wir auch gar nicht. Geh nächste Woche mit mir ein Butterbier trinken, und ich werd dich überzeugen!"
„Ja, ist gut, warum nicht..."
„Gut, dann sehen wir uns vorher in der Eingangshalle.Sonntagvormittag."
Wenige Augenblicke später hörten sie Schritte auf dem Gang. Nicht Slughorns Schritte. Pandora war sich schon vorher sicher gewesen und wenig überrascht, als Severus den Klassenraum betrat, die Hände in den Taschen, unnahbar blickend.
„Ach, Pandora, Robert, ihr seid gekommen, um mir zu huldigen?!"
„Huldigen?! Du spinnst wohl!", antwortete Avery pampig.
„Du hast uns die Einladungen geschickt, damit wir dir huldigen?!", meinte Pandora verächtlich.
„Damit
ihr euch blamiert, aber huldigen könnt ihr nebenbei auch! Warum
nicht zur Abwechslung mir? Oder fehlt mir die Autorität?"
„Die
Integrität!", versetze Pandora, „Und eine schöne
Schärpe!" Im Grunde war sie nur wenig sauer auf ihn und wenn
Avery nicht neben ihr gestanden hätte, wäre sie ihm lachend
um den Hals gefallen.
„Ich spiele mit dem Gedanken, mir eine zuzulegen.Wollte ja auch nur mal sehen, ob ihr kommt. Miss Ich-will-nur-gute-Noten! Miss Nein-meine-Familie-hat-keine-Brennerei! Und Avery, du bist dir echt nicht zu schade, dich so weit zu entblöden, dass du deinen Vater bei Slughorn vorbeischickst! So viele Eimer gibt's in Hogwarts nicht, wie ich..."
„Jetzt halt die Klappe, Snape! Du wärst doch der erste, der gekommen wäre!", schrie Pandora ihn an.
„Aber der letzte, den Slughorn haben will!", sagte Avery in schneidendem Tonfall, „Und was heißt dann bitteschön H-E-F-S?!"
„Laß mich raten", meinte Pandora schnippisch, „etwas Geistreiches wie: Huldigt enthusiastisch Fürst Severus?!"
„Klingt nicht übel." Er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und ging ein paar Schritte auf Pandora zu. Hätte sie sich nicht Avery zugewandt, hätte er vielleicht ihre Hand genommen.
„Aber es steht für Halluzinations-Explosions-Feuersbrünste-Sozietät. Willkommen im Club. Ich sehe aber, ihr seid der Aufnahme nicht würdig. Ihr habt nämlich nicht siebenundzwanzig mal umgerührt, ihr Flachpfeifen!"
„Und woher willst du das wissen?", rief Avery entrüstet, nahm aber den Zauberstab und ließ die Flüssigkeit rühren.
„Weil es heißen muss siebenundzwanzig mal gegen den Uhrzeigersinn umrühren und IN DECKUNG GEHEN!", schrie Snape und duckte sich hinter ein Schülerpult.
Während Avery und Pandora einander noch entgeistert anstarrten, erhob sich aus dem Kessel eine Woge aus wabernder schwarzer Masse bis fast unter die Decke des Kerkers, brach in sich zusammen und schlug klatschend und spritzend auf dem Boden auf. Pandora und Robert Avery konnten sich gerade noch aus der Gefahrenzone retten, waren aber doch voller schwarzer, klebriger Spritzer. In ihren Haaren hingen Minzblättchen.
„Man könnte glauben, du leidest unter Gehirnerweichung, Snape!", brachte Pandora verächtlich hervor, „Ratzeputz!"
„Es war ein Scherz, o.k.?! Und ich wusste, dass Minzblättchen für den Trank wichtig sind", versuchte Snape zu beschwichtigen.
„Wenn du mit uns solche Scherze machst, was machst du dann mit Leuten, die du nicht leiden kannst?!"
„Er quält sie, Robert", antwortete Pandora an seiner Stelle, „und er verbringt Wochen damit, sich auszudenken wie. Ist dir das noch nicht aufgefallen?!"
„Keine Ahnung, er hockt ja dauernd im Schlafsaal rum. Evan Rosier und ich dachten immer, der macht so seine Selbsterfahrungen, 'ne Art Nahkampftraining wenn du verstehst...", meinte Avery und grinste breit.
„Wenn ich's auch nur halb so nötig hätte wie ihr!", erwiderte Severus herablassend. Wenn ihn Roberts Bemerkung getroffen hatte, ließ er es sich zumindest nicht anmerken.
Aber Avery schien noch längst nicht in der Stimmung, aufzuhören. „Übrigens wo wir gerade bei Nahkampf sind: Pandora und ich haben ein Date für's Hogsmeadewochenende."
Snape blickte mit zusammengepressten Lippen und ohne einen Lidschlag vom einen zum anderen und sagte dann leise aber vernehmlich: „Dann wünsch' ich euch viel Spaß."
Pandora wusste, dass ihm dieses Date wirklich gegen den Strich ging. Sie hatte ihm eigentlich nur zeigen gewollt, dass er sie nicht automatisch als sein Eigentum erachten konnte, vor allem wenn er sich sonst nicht zu ihrer Beziehung bekannte. Im Grunde tat sie das zwar auch nicht, aber sie wollte auf keinen Fall den ersten Schritt tun. Sie hätte sich gefreut, wenn Severus sie gefragt hätte, ob sie offiziell seine Freundin sein wollte. Sie hätte vielleicht sogar ja gesagt. Doch anscheinend war sie ihm wirklich egal!
„Ich schätze, den werden wir haben!", antwortete Avery.
Snape drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Klassenzimmer.
Ohne auf Robert Avery zu achten, lief Pandora hinter ihm her.
„Severus Snape!", schrie sie außer sich vor Wut und Enttäuschung über den Flur.
Er wandte sich ohne stehen zu bleiben um. „Was ist denn noch, McMahon?!"
„Nichts. Es ist nur... Warum willst du nicht mit mir nach Hogsmeade?"
„Weil Robert dich gefragt hat und du mit ihm gehst", gab er kühl zur Antwort, „und eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Er ist immerhin ein Slytherin."
„Ich hasse euch Slytherins! Ihr seid so... Ihr seid ... Und ich bin dir auch noch hinterher gerannt!"
Snape blieb stehen und trat näher an sie heran, in seinen Augen ein irres Glitzern. Als sein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von ihren Ohr entfernt war, fragte er leise: „Um mir zu huldigen?!"
„Das wäre das letzte, was du verdient hast!", rief sie hitzig und wollte ihn auf dem Gang stehen lassen, aber er hielt sie fest.
„Es geht ihm doch gar nicht um dich, McMahon. Er würde mit deinem Stammbaum ausgehen, wenn das möglich wäre. Und da er mit letzten Schuljahr schlecht abgeschnitten hat, ist es das beste was er tun kann, um seine Eltern zu besänftigen."
„Das werd ich schon selber rausfinden!"
„Ich dachte bei deinem schlechten Männergeschmack könnte eine Warnung nicht schaden", zischte er und ließ mit einer heftigen Bewegung ihren Arm los. Snape war einer der einzigen, der erfahren hatte, daß sie im letzten Schuljahr in Remus Lupin verliebt gewesen war.
Sie drehte sich um und rauschte mit wehender Robe zurück in Richtung Avery, der inzwischen vor dem Klassenraum an der Wand lehnte.
„Lass ihn abhauen", meinte der, „der ist nur eifersüchtig, weil er auch was von dir wollte.Glotzt dich an wie ein Ameisenbär 'nen Ameisenhaufen!"
Er hat auch einiges von dem bekommen, was er wollte, dachte Pandora bei sich. Am Hogsmeadewochenende hatte sie das Treffen mit Avery abgesagt, denn sie hatte willkommenerweise Halsschmerzen bekommen. Robert Avery hatte sie danach nie wieder nach einem Date gefragt. Und sie war danach nie wieder hinter Severus hergerannt, aber sie waren Freunde geblieben, obwohl das ganze nach diesem Vorfall mehr platonisch gewesen war. Severus war möglicherweise genau so enttäuscht von ihr wie sie von ihm gewesen, aber sie hatten nicht mehr darüber gesprochen. Wie er ihr bei ihrem Treffen in Hogwarts gestanden hatte, hatte er
sowieso immer ein wenig eifersüchtig über sie gewacht.
