Kapitel 3
Wie es der Zufall so wollte, war Pandora jetzt in exakt der gleichen Situation wie damals mit sechzehn. Snape und sie hatten etwas miteinander am laufen und Avery wollte mit ihr ausgehen. Und wieder mal war die Beziehung zwischen Severus und ihr nicht wirklich klar definiert. Sie wollte an seine Zuneigung glauben und nicht wieder das Falsche tun. Sie würde erst mit ihm sprechen bevor sie Avery irgendeine Antwort auf die Frage, ob sie mit ihm zum Ball gehen würde, gab. Und da kam auch Severus Snape schon durch die Hintertür, einen Schwall kalte Luft mit sich hereinbringend, mit einem Wollschal um den Hals, die immernoch strähnigen Haare über den Augen ungeduldig aus dem Gesicht streichend. Sein finsterer Blick erhellte sich nur kurz, dann wurde ihm bewusst, dass Pandora neben Robert Avery saß. Dieser rief natürlich gleich in jovialem Ton: „Severus Snape! Dass wir uns endlich mal wieder treffen...!"
„Guten Abend", erwiderte Snape steif. Es war bisher nur selten vorgekommen, dass er und Pandora sich im herkömmlichen Sinne begrüßten. Daher konnte sie durchaus eine Veränderung in ihrem Verhältnis zueinander verbuchen. Hoffentlich würde er nicht wieder so förmlich herumschwadronieren wie im Oktober in seinen Räumen in Hogwarts. Obwohl ihr das irgendwie auch gefallen hatte. „Guten Abend, Severus", war ihre augenzwinkernde Antwort, „wie überaus höflich!"
„Severus, deine Freundin hat mir gerade erzählt, dass du immernoch in Hogwarts unterrichtest!" , rief Robert Avery.
„Dann bist du ja bestens unterrichtet", sagte Snape während er, ohne Schal und Mantel abzulegen, Platz nahm.
„Und daher wirst du zum Weihnachtsball in Hogwarts gehen müssen", verfolgte Avery sein Ziel ohne Umschweife weiter.
„Was du nicht sagst." Snape schickte einen durchdringenden Blick in Richtung Pandora. Sie deutete ein ratloses Schulterzucken an.
Robert lockerte umständlich den Kragen seiner Robe. „Ich habe Pandora nämlich gefragt, ob sie mich zum Weihnachtsball der Malfoys begleiten würde. Du wärst ja sicher unabkömmlich..."
„Bestens", unterbrach ihn Snape ohne erkennbare Emotion in seiner Stimme, „das halte ich für eine gute Idee. Du hast zugesagt, Pandora?!"
„Nein, ich hatte mich noch nicht... entschieden..."
„Sie wird kommen", sagte er kühl an Avery gewandt. „Und nun entschuldige uns bitte, Robert, wir haben noch einen Termin." Er stand auf und half ihr mit entschiedenem Blick in ihren Mantel.
„In
Ordnung", sagte Avery, „ich melde mich bei dir Pandora. Wohnst du
in London?"
„Somerset", murmelte sie, „Morhaven,
Fotheringale Cottage..."
„Wie beschaulich! Erwarte meine Eule die Tage."
Pandora hatte keine Zeit, etwas zu erwidern, denn Snape steuerte sie unerbittlich in Richtung Hintertür.
Im Hinterhof zischte sie ihn an: „Was-sollte-das?-Ich-wollte-da-nicht-hin-Snape!" Sie war kreidebleich vor Empörung.
In seinen Augen glaubte sie mit einmal doch eher Besorgnis als Gleichgültigkeit lesen zu können, als er sagte: „Professor Dumbledore will dich sprechen, Pandora. Ich möchte, dass du mich nach Hogwarts begleitest." Sein Blick war weicher wenn sie allein waren, aber Gelegenheit zu widersprechen gab er ihr auch keine, denn er hatte ihre Hand auf einen Regenschirm gedrückt, der ein Portschlüssel war. Also war ihre nächste Gelegenheit zu protestieren in der Nähe der heulenden Hütte.
„Was hat er mir zu sagen, das nicht warten kann?" , war ihre nächste erboste Frage, „Ich hatte eine Verabredung mit dir und nicht mit Albus Dumbledore. Aber wahrscheinlich sollte ich es wirklich mit älteren und etwas beständigeren Männern versuchen!"
Er blieb stehen und packte sie unsanft an der Schulter. „Ich – bin --beständig", presste er hervor, „Ich bin alles mögliche nicht, aber ich bin beständig und ich dachte, du weißt das!"
„Ich hoffe es", erwiderte sie scharf, „aber ich weiß, dass du etwas gegen diese Temperamentsausbrüche unternehmen solltest. Wenn dich etwas aufregt, dann wird das ja wohl kaum mit mir zu tun haben. Also lass mich da raus, ja!"
„Nein. ...Das heißt, doch. Lass du mich einfach in Ruhe, McMahon. Ich hab's nicht nötig, mich zu beweisen..." , knurrte er und stampfte mit wehendem Mantel vor ihr her.
Sie hatte sich ein Date gewünscht und schon stritten sie wieder wie pubertierende Jugendliche. Aber warum verkuppelte er sie auch, kaum dass er angekommen war, mit Robert Avery, nur um sie dann zu einem Termin mit Dumbledore zu schleppen?! Und das alles ohne erkennbare Anzeichen von Bedauern! Und ohne erkennbare Zeichen der von ihm beschworenen unerschütterlichen Zuneigung!
Ohne ein
weiteres Wort, setzten sie ihren Weg zu Dumbledores Büro fort.
Auf der magischen Treppe zu dessen Arbeitszimmer, schenkte Snape ihr
erstmals wieder einen Blick und murmelte:
„Lass es gut sein,
Pandora. Professor Dumbledore hat mich gebeten, dich zu ihm zu
bringen und das hab ich getan. Persönlich wollte ich nur ein
Glas Wein mit dir trinken."
„So so! Versöhnliche Worte vom Meister für Zaubertränke, um vor'm Chef Einigkeit zu demonstrieren. Aber ist gut, Snape, das mit dem Wein klang brauchbar..." Sie lächelte ihn an und verspürte doch ein wenig Erleichterung darüber, dass sie beide bereit gewesen waren, ihre Sturheit zu überwinden.
„Guten Abend, Miss McMahon", begrüßte Direktor Dumbledore sie herzlich. „Bitte nehmen sie es mir nicht zu sehr übel, dass ich ihre knappe Freizeit auch noch beschneide." Er schmunzelte. „Ich bin mir durchaus bewusst, dass sie sie lieber mit Severus Snape verbringen würden."
„Sie sind der einzige, dem ich das nachsehe, Professor", entgegnete sie augenzwinkernd. Es war schwer, sich von Dumbledores Freundlichkeit nicht anstecken zu lassen.
„Setzt
euch, damit mein Anliegen loswerden kann. Eine Tasse Tee?"
„Gern",
nickte sie und nahm Dumbledore gegenüber Platz.
„Petit Fours oder Kekse...?"
„Bitte, spannen sie mich nicht länger auf die Folter", entgegnete Pandora, „Ich möchte wissen, was ich für sie tun kann."
„Nun, ich möchte sie um folgenden Gefallen bitten: Gehen sie zum Weihnachtsball auf Malfoy Manor."
Severus warf ihr einen 'Siehst-du-das -hab ich-dir- doch- gleich-gesagt-Blick' zu.
Dumbledore fuhr fort: „Es werden sich wahrscheinlich viele von Voldemorts Todessern dort treffen. Es wäre gut, wenn wir erfahren könnten, was sie vorhaben."
„Ich gehe nicht davon aus, dass jemand weiß, wo ER sich aufhält. Aber wenn er Hilfe hatte, könnte er es durchaus in unsere Nähe geschafft haben", sagte Pandora ernst.
„Es wäre möglich, dass sie versuchen, ihn zu finden", warf Severus ein.
„Und wenn sie die richtige Literatur lesen, könnten sie es", vervollständigte Pandora.
„Ich sehe, sie sind immernoch eine Expertin für Zaubersprüche. Und sie werden von den meisten für ihresgleichen erachtet. Und sie, Severus, können gegen Ende den Hogwarts-Weihnachtsball verlassen und Pandora abholen. Sehen sie beide zu, dass man ihnen traut."
„Das schließt ein, dass ich mich eventuell öffentlich von Hogwarts distanzieren muss, Professor. Gegebenenfalls auch von dir, Severus."
„Das weiß ich", entgegnete Snape ohne sie anzusehen, „aber wenn du wolltest, könntest du mich in deren Augen völlig rehabilitieren. Du scheinst absolut vertrauenswürdig."
„Ich will es versuchen." Ob sie nun das Rehabilitieren oder das vertrauenswürdig scheinen meinte, wusste sie selbst nicht genau. „Professor Dumbledore..."
„Ja, Pandora..."
„Mad-Eye Moody!"
„Was ist
mit ihm?"
„Er weiß, dass wir nicht mehr auf
...Voldemorts Seite sind, auch wenn er uns nie getraut hat."
„Ja, da bin ich sicher."
„Ich habe ihn letztens getroffen und... er verhielt sich merkwürdig. Ich kann nicht genau sagen WIE merkwürdig, es war so eine Art unberechenbar-merkwürdig."
„Warum hast du mir das nicht gesagt, Pandora?", schnaubte Snape in einer Art beleidigtem Unterton.
„Du warst ja damit beschäftigt, dich um meine Sicherheit zu sorgen!"
„Und ganz bestimmt tut er gut daran", warf Dumbledore ein, „sie von gewissen Risiken abzuhalten, wenn ihm an ihrer Freundschaft gelegen ist." Und er brachte damit natürlich vieles auf den Punkt. „Sie kennen Severus' Art doch zur Genüge..."
Snape richtete sich in seinem Sessel auf, als wollte er sagen 'Hallo, ich bin auch noch da!'. Dumbledore kam wieder zum ursprünglichen Thema zurück. „Was Professor Moody angeht, kann ich nur versuchen, nach Verdachtsmomenten zu suchen. Momentan wüsste ich allerdings nicht wirklich warum."
„Außer,
dass er mein Büro durchsucht hat!"
„Ehrlich Severus?!
Also das ist schon sehr merkwürdig", sagte Pandora
entgeistert.
„Sie wissen doch, dass eine gewisse Merkwürdigkeit
bei ihm normal ist", gab Dumbledore zu bedenken.
„Natürlich. Aber die Art wie er mich angestarrt hat, gefiel mir nicht."
Snape stand auf mit einer Entschlossenheit, die zu sagen schien 'Reicht das nicht, um ihn zu feuern?', sagte aber: „Ich hoffe nicht, dass Professor Moody noch öfter vor meinen Privaträumen herumschleicht und meine Besucher belästigt."
Dumbledore schaute ihn über den Rand seiner Brille hinweg an. „Das hoffe ich auch nicht, Severus. Also geben sie weiterhin acht auf ihre Besucher", sagte er augenzwinkernd. „Pandora, gehen sie sich bei 'Besenknechts Sonntagsstaat' ein neues Kleid für den Ball kaufen und lassen sie es auf meine Rechnung setzen... Oder bestehen sie auf Tartan?"
„Oooh nein... ich... trage kein Tartan. Meine Familie ist... schon lange ...Ich bin nicht traditionsbewusst", stammelte sie und spürte wie sie rote Flecken am Hals bekam. Sie wusste, dass er wusste, dass es sich um eine Lüge handelte. Sie kam aus einer uralten Familie, aber sie hatte sie verlassen als sie sich Voldemort angeschlossen hatte und obwohl sie ihr vergeben hatten, schämte sie sich doch noch immer für ihren Verrat.
„Dann nehmen mein Angebot an und kaufen sie sich ein Ballkleid. Es geht auf mich"
„Danke. Das ist wirklich sehr großzügig."
„Es ist das mindeste, was ich tun kann. Sie handeln doch in meinem Auftrag, Pandora. Und nun trinken sie zusammen mit Severus ein Glas Wein, wie sie es bestimmt ursprünglich vorhatten."
Pandora erhob sich, ohne einen Blick auf Snape und sagte: „Ja, das sollte ich wohl, aber ich muss ein Kleid kaufen. Und ich weiß nicht, ob Professor Snape nicht auch noch zu tun hat."
„Ich begleite dich nach Hogsmeade. Was du dort tust, habe ich nicht zu verfügen", sagte Snape kühl. „Guten Abend, Direktor." Er bot ihr wieder förmlich seinen Arm und eskortierte sie nach draußen.
„Ich möchte keinen Streit mit dir", knurrte er, „nur meine Ruhe. Und dass du mir vertraust und vielleicht ein paar positive Eigenschaften unterstellst."
Sie schwieg. Er hatte nicht unrecht.
„Und ich möchte, dass du zu mir stehst und mich nicht mit Avery zum Ball schickst wie eine Tanzelfe!", platzte sie heraus.
„Das war eine hervorragende Gelegenheit."
„Aber das bestimme ich selber! Nicht Dumbledore oder du, Snape."
„Ist gut", sagte er nur. Vor dem Schaufenster von 'Besenknechts' küsste er sie flüchtig auf die Wange, drehte sich um und ließ sie stehen. Sie lief ihm nicht hinterher, sondern kaufte sich ihr Abendkleid.
