Kapitel 4
Werter Lord Shagswell,
ich (Zwillinge) bin in einen alten Schulfreund (Steinbock) von mir verliebt. Er hat mir seine Zuneigung versichert, sucht aber wenig Kontakt zu mir. Wenn wir uns treffen, ist sein Verhalten sehr wechselhaft zwischen abweisend, aufbrausend, kontrollsüchtig, aber nur selten von Zuneigung geprägt. Lohnt es sich, weitere Energie in den Versuch einer Beziehung zu investieren oder handelt es sich bei ihm um einen hoffnungslosen Fall von Beziehungsunfähigkeit?
Beste Grüße,
Ihr ratloses MNSTRY-GRRRL
Liebes Ministrygirl,
haben sie sich schon einmal gefragt, was Sie tun können, um Ihrem Freund den Weg in Ihre Arme zu erleichtern und ob es möglich wäre, daß sie beide glauben, sie würden die Liebe überhaupt nicht verdienen? Ihnen seine Gefühle einzugestehen war, nach meiner Einschätzung, ein Schritt der ihn viel Überwindung gekostet hat und er hätte ihn nicht gewagt, wenn er sich nicht definitiv für Sie entschieden hätte. Dass er sich wenig bei Ihnen meldet, mag daran liegen, dass er beruflich sehr eingespannt ist und dass er Angst hat, von Ihnen verletzt zu werden. Wenn er sich um Sie sorgt, dann versuchen Sie das anzuerkennen, auch wenn er Ihnen vielleicht wie ein herrischer Kontrollfreak vorkommen mag. Möglicherweise hat er wenig Erfahrung im Umgang mit selbtsbewussten, unabhängigen Hexen wie Ihnen. Mein Rat an Sie ist definitiv: Verkomplizieren Sie die Dinge nicht unnötig! Geben Sie Ihrer Beziehung eine Chance, sich zu entwickeln. Zweifeln Sie nicht an seiner Fähigkeit, Sie zu lieben, dann wird er Ihnen mit Sicherheit beweisen, dass er Ihrer Zuneigung mehr als würdig ist.
Alles Gute und viel Erfolg in dieser Angelegenheit,
Lord Orion Shagswell
Pandora hatte die vage Vermutung, dass der Briefkastenzauberer von 'Playwitch', der Zeitschrift für die moderne Hexe', Lord Orion Shagswell, Severus Snape zu kennen schien. Sonst hätte er doch antworten können, dass ihr alter Schulfreund nicht der Mühe wert war, eine Beziehung anzustreben. Woher konnte er wissen, dass hinter Severus' Verhalten ein edles und empfindliches Gemüt und nicht schlichtweg nur emotionale Unfähigkeit steckte?
Als Weihnachten kam, fand Pandora ungewöhnlich viele Geschenke vor ihrem Kamin. Von ihren Schwestern Persephone und Penthesilea hatte sie Samen für magische Gewächse bekommen, eine Mitarbeiter-Weihnachtskarte vom Ministerium mit einem Rabattgutschein für das Musical 'Owls' , ein paar Muggelkarten und noch zwei weitere magische Päckchen. Eins in grauem Seidenpapier ohne Schleife und ein kunstvoll verziertes Kästchen. Aus Gründen der Steigerung fing Pandora mit dem Auspacken bei dem grauen Päckchen an. Es enthielt eine offensichtlich sehr alte Ausgabe von „Zauber zum malefactischen Gebrauche" (die Ausgabe musste alt sein, denn das Buch war seit 1723 verboten) und ein Stück Pergament, auf dem stand:
Fröhliche Weihnachten! -Severus Snape-
Zweifelsohne war dieses Buch wertvoll und da sie sich schon immer für Dunkle Zauber interessiert hatte, besonders. Snape musste viel Zeit gebraucht haben, das Buch zu finden. Oder, wenn er zufällig darauf gestoßen war, dabei an sie gedacht haben. Sein Weihnachtsgruß drückte zwar wenig Herzlichkeit aus, war aber mehr, als sie von ihm erwartet hatte. Sie hatte ihm nur eine Karte geschickt und darin auch nicht wesentlich mehr geschrieben. Er hatte ihr etwas geschenkt und sie schickte ihm eine läppische Weihnachtskarte wie jedes Jahr davor! Schnell schrieb sie auf ein Pergament:
Lieber Severus,
meinen herzlichen Dank für Dein Weihnachtsgeschenk. Verzeih, dass es mir nicht möglich war, etwas Passendes für Dich zu finden. Ich hoffe, dass Du mit meinen Grüßen vorlieb nehmen kannst, bis wir uns heute Abend auf Malfoy Manor treffen und ich Dir persönlich dafür danken kann.
Frohes Weihnachtsfest,
Pandora McMahon
Das musste reichen, damit Severus sich nicht zu viel darauf einbildete. Sie übergab den Brief ihrer Eule Eugenie und schickte sie hinaus in die winterliche Kälte. Dann widmete sich endlich dem viel versprechenden Kästchen. Es handelte sich um eine geschnitzte Schatulle aus edlem Holz, deren Deckel Drachenköpfe verzierten. Innen war sie mit purpurnem Samt ausgeschlagen und darauf lag ein silbernes Krönchen. Ein fein ziselierter Haarreif mit einem großen Mondstein in der Mitte. Nach Pandoras Eindruck auch eine Antiquität. So ein wunderschönes Schmuckstück hatte sie selten gesehen und betrachtete sich gleich von allen Seiten im Spiegel damit. Unglaublich wie dieses Krönchen ihren schlichten hellbraunen Haaren Glanz verlieh. Erst nach einigen Minuten öffnete sie die Karte, die in der Schachtel gelegen hatte. Auch diese war edel gestaltet und trug ein Wasserzeichen.
Meine liebe Pandora,
anbei eine kleine Weihnachtsaufmerksamkeit für Dich, die Dich auf dem Ball heute Abend zu meiner Königin machen wird.
Voller Vorfreude der Deine
Robert Avery
Auch Avery hatte sie nur eine Karte geschickt und auch ihm hätte sie eigentlich eine Dankesnachricht schicken sollen, wenn ihre Eule wieder da war. Es blieben ihr bis zum Abend noch etliche Stunden, um das Buch durchzublättern und für einen kurzen Besuch bei ihrer Muggelfreundin Bridget. Doch auch als Hexe brauchte Pandora einige Zeit, um sich auf den Ball vorzubereiten. Sie nahm ein Bad in einigen als verschönernd geltenden magischen Essenzen, benötigte mehrere Versuche für ihren Haarzauber, der ihr im Endeffekt aber doch eine kunstvolle Aufsteckfrisur bescherte. Ihr Kleid war ein langes, tief ausgeschnittenes Korsagenkleid aus schlichtem schwarzen Satin, dessen Schnürung aufwändig zugezaubert werden musste. Zu guter letzt kam das Krönchen. Avery hatte Recht gehabt, sie sah tatsächlich wie eine Königin aus. Jedenfalls nicht mehr wie eine langweilige, bürokratische Ministeriumshexe. Doch dann nahm sie das Krönchen wieder ab und legte es vor sich auf den Tisch und betrachtete es noch einmal eingehend von allen Seiten. Sie ging zum Schrank und kramte einige Minuten darin bis sie ein Spickoskop zu Tage förderte. Sie stellte es neben das Diadem, aber es rührte sich nichts. Dann bewegte sie ihren Zauberstab darüber hin und her und sprach „Indicate Incantatem!". Wieder geschah nichts. Möglicherweise hatte das Schmückstück vorher nie einer Hexe gehört und wenn Robert Avery sie unter einen Zauber stellen wollte, dann war er dabei subtiler vorgegangen, als sie ihm zugetraut hätte. Aber es war ja auch eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, man konnte ja nie wissen.
Um zwanzig Uhr stand Robert vor ihrer Tür in Morhaven. Die blonden Haare auf zerzaust gestylt, in einem, wie Pandora fand, gar nicht mal so üblen bordeauxfarbenen Smoking mit Kummerbund, Besatzhose und Lackschuhen, ein Familienwappen am Revers. Jedenfalls würden sie so bestimmt nicht als Muggel durchgehen.
„Herzlichen Dank, Robert, für dein Weihnachtsgeschenk...", stammelte Pandora etwas verlegen.
„Nicht der Rede wert! Es steht dir doch auch hervorragend. Und schließlich ist das ja auch nicht irgendein Ereignis! Es gab schon länger kein solches Fest mehr auf Malfoy Manor", erwiderte er.
„Nun, da hast du recht. Dann lass uns apparieren!"
Auf Malfoy Manor wurden sie zunächst nicht einmal von den Gastgebern persönlich empfangen. Die in im Foyer versammelten Hexen und Zauberer waren wie erwartet dem Who-is-who der Todesser entsprungen. Es waren einige, die Askaban entgangen waren, ob ihre Verteidigung Wahrheit oder Lüge gewesen war, hatte nach dem Urteil 'Freispruch' keine Rolle mehr gespielt. Aber Pandora hatte genau so gelebt. Alles, was sie zu tun hatte, war klarzustellen, dass sie in Wahrheit immer noch auf die Rückkehr Voldemorts wartete. Als sie den Ballsaal betraten, standen dort Lucius und Narcissa Malfoy und ließen sich wie die königliche Familie begrüßen.
„Es wäre so wichtig, dass unser Sohn in die magische Gesellschaft eingeführt wird, stattdessen findet aber dieser lächerliche Kinderreigen auf Hogwarts statt", bemerkte Narcissa spitz, „Außerdem hätten wir natürlich Professor Snape gern eher hier gehabt."
„Er wird erst spät hier sein können, wie ich hörte" erwiderte Pandora beiläufig. Ihr Herz schlug bis zum Hals, wenn sie daran dachte, dass sie sich später sehen und vielleicht die Gelegenheit zu einem
persönlichen Gespräch haben würden. Wie immer es ausging, sie würde mehr Gewissheit haben als jetzt.
„Nun, ich denke, du hast deinen Begleiter gut gewählt", meinte Lucius mit einem unterkühlten Lächeln, „Robert Avery kann sein Leben zweifelsohne unabhängiger gestalten! Ohne vorgeben zu müssen, die Weisungen eines senilen alten Zausels für relevant zu erachten..."
„Zweifelsohne", nickte Pandora, „aber man sollte sich von Severus nicht täuschen lassen. Er hat sich schon manches Mal im Stillen über seinen Chef kaputtgelacht, aber warum sollte er eine Position aufgeben, die ihm von Nutzen sein kann?"
„Er hat zwar früher einigen Mist gebaut, aber er ist ein hervorragender Tränkebrauer", warf Avery ein.
„Und er sollte Dunkle Künste unterrichten! Er würde den Kindern ganz sicher wirklich etwas beibringen!", rief Lucius.
„Ich fürchte genau das fürchtet Dumbledore und stellt deshalb jedes Jahr irgendeinen Trottel ein!" , antwortete Pandora mit gerümpfter Nase. Das war nicht einfach gewesen, dann schließlich hatte Dumbledore auch ihr die Stelle angeboten.
„Er hätte dich fragen sollen", sagte Lucius, „du weißt ganz sicher die richtigen Flüche, Pandora..."
„Oh Lucius, jetzt übertreibst du aber!", kicherte sie kokett, „Schließlich heißt es 'Verteidigung gegen die Dunklen Künste'!"
Auf ein Zeichen von Lucius hin begannen die Musiker zu spielen und Robert fragte sie: „Würdest du mir die Ehre erweisen, die Allemande mit mir zu tanzen?"
„...und mich für die Gavotte vorzumerken?", schnarrte Walden Macnair, der schon länger hinter ihr gestanden hatte.
Pandora nickte beiden zu und ließ sich von Robert auf die Tanzfläche geleiten.
Die nächsten Stunden verbrachte sie durchaus amüsiert und angenehm. Es war bereits schon fast Mitternacht, als sie vorgab, eine Pause zu brauchen und sich in den langen Fluren von Malfoy Manor umsah. Die schwere Eichentür zur Bibliothek stand offen und sie konnte der Verlockung von so unendlich viel Wissen, verwahrt in unendlich vielen kostbaren Büchern nicht widerstehen und trat ein. Dies war sicher nur ein kleiner Teil des Bestandes, der offizielle Teil. Ganz bestimmt verbarg sich hinter einer Geheimtür eine umfassende Sammlung Dunkler Literatur. Sie betrachtete die Regale eingehend, es waren auch hier einige Schätze darunter.
„Sind sie nicht prachtvoll?", vernahm sie eine Stimme aus dem Sessel vor dem Kamin und zuckte zusammen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass außer ihr jemand im Raum war.
„Und jedes einzelne seit Jahrhunderten im Besitz meiner Familie", sagte der Hausherr mit Genugtuung in der Stimme, „Aber ich habe dich doch nicht etwa erschreckt, Pandora?!"
„Zugegeben habe ich nicht damit gerechnet, dass jemand hier ist, Lucius."
„Nun, manchmal suche ich die Einsamkeit inmitten der Weisheit der Jahrhunderte. Und ich habe ein wenig damit gerechnet, dass auch du das tust. Nimm dir ein Glas und schenk dir Feuerwhisky ein", er wies auf einen mit gläsernen Karaffen bestückten Beistelltisch,"und dann setz dich!", befahl er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch zuließ.
Sie hörte, wie hinter ihnen die schwere Tür geschlossen wurde. Robert Avery war nach ihr hereingekommen und lehnte sich lässig an den Kaminsims. Malfoy saß mit übereinandergeschlagenen Beinen in dem hohen, ledernen Ohrensessel, seinen Spazierstock in den Händen vor der Brust balancierend, und ließ sie nicht aus den Augen. Das war er also, der Moment, in dem sie ihre Gesinnung bekennen sollte. Malfoy machte sich gar nicht erst die Mühe, es anders als bedrohlich aussehen zu lassen. Sie wollten wissen, woran sie bei ihr waren. Sie nahm einen tüchtigen Scluck, um ihre Nervosität zu überspielen.
„Die McKinnons, die McGonagalls und die McMahons... ein wenig war ihr Widerstand ja gute alte Tradition", begann Malfoy.
„Wir hatten viel zu verteidigen über die Jahrhunderte", gab sie erhobenen Hauptes zurück.
„Ja, wenn da nicht ein schwarzes Schaf gewesen wäre. Eine Verräterin unter all den tapferen Streitern für Gerechtigkeit...Nun denn, es ist erfreulich, dass du weiterhin unsere Nähe suchst. Ich wette du hast es auch gespürt, dass der Dunkle Lord zu neuen Kräften zu gelangen scheint und glaubst dass er dich für deine Treue belohnen wird, wenn du bald zu ihm zurückkehrst." Er tauschte einen Blick mit Avery. „Wir alle hoffen das."
„Wir wissen nicht, wo er sich befindet und in welchem Zustand er ist, Lucius. Das heißt nicht, dass ich Zweifel habe. Es heißt nur, dass wir nicht wissen, was wir unternehmen sollen" , antwortete sie, sorgfältig seine Reaktion studierend.
„Ich habe gehofft, dass du seinen Aufenthaltsort mittels eines Zaubers herausfinden könntest. Wenn einer das beherrscht, dann solltest du das sein."
Pandora wollte versuchen, Zeit zu gewinnen, um mehr über Malfoys Stand der Information erfahren.
„Das wäre wahrscheinlich möglich, aber nicht einfach. Wir sollten davon ausgehen, dass er vielleicht noch nicht gefunden werden will. Erst wenn er stark genug dafür ist, seine Pläne selbst zu verfolgen."
„Warum sollte er von seinen Todessern nicht gefunden werden wollen?!"
„Seine
Pläne sind unergründlich..."
Malfoy sah sie aus
kalten, stahlblauen Augen durchdringend an. „Gibt es einen Zauber,
Pandora?!"
„Ich glaube, es könnte gehen. Es gibt einen Ortungszauber."
Malfoy schenkte ihr einen Blick als wolle er sagen 'Braves Mädchen!'. „Und wie geht dieser Ortungszauber?"
„Er ist sehr alt und in verschiedenen Weisen überliefert. Es ist der 'Inauguratio Imperatorem'. Dafür braucht man die Überreste eines... Opfers..."
Malfoy tauschte wieder einen Blick mit Avery und nickte.
„...das Blut eines Verräters und noch etwas, aber ich weiß es nicht genau. Es könnte Heimaterde sein", erwiderte sie und ein kalter Schauer lief ihren Rücken hinunter.
„Wo steht der Zauber?", fragte Malfoy mit nur gespielter Geduld.
„In alten Büchern. Es steht in...'Zauber zum malefactischen Gebrauche'. Das Buch lag in der Aservatenkammer des Ministeriums und ist somit letzten Donnerstag vernichtet worden."
Lucius sprang aus seinem Sessel auf, so abrupt dass auch Avery zusammenzuckte. „Das glaub ich nicht!", rief er, „das Buch befand sich die längste Zeit in meinem Besitz!"
Pandora und Robert Avery sahen ihn verständnislos an.
„Und ich Trottel hab es verkauft! Natürlich nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil ich beschlossen hatte, meine Bibliothek zu verkleinern! Und weil man mir gesagt hatte, das Buch sei praktisch wertlos!"
Pandora hielt den Atem an. Gut möglich, dass ihr Severus Lucius Malfoys Buch geschenkt hatte.
„Und wer hat das behauptet?!", brachte Avery den Mut auf, den aufgebrachten Lucius zu fragen.
Die Antwort schien ihm unangenehm. „Fletcher!", presste er hervor, „Dieser Gangster hat mir das Buch abgeschwatzt! Dafür wird er bezahlen und wenn ich persönlich dafür sorgen muss!"
„Mundungus Fletcher?!"
Malfoy antwortete nicht. Warum sollte er auch zugeben,
dass er mit Mundungus Fletcher Geschäfte machte?! Er ging ein
paar Mal mit heftigen Schritten vor dem Kamin auf und ab.
„Gut",knurrte er, „kümmern wir uns um die Zutaten! Das
Blut eines, der unseren Herrn verraten hat! Keiner von denen, die
heute hier sind!" Er sah die beiden anderen herausfordernd an.
„Oder fällt euch ein Name ein?!"
Robert Avery schüttelte
den Kopf, Pandora zögerte.
Er wandte sich an Pandora: „Du hast ja keine Gelegenheit ausgelassen, mich von seiner Loyalität zu überzeugen. Aber legst du deine Hand ins Feuer für...Severus Snape?!"
„Ohne zu zögern. Snape IST ein Todesser und er kann dem Dunklen Lord noch sehr nützlich sein."
„Das kann er zweifellos. Aber er könnte auch versuchen ihm zu schaden, wenn er in Wahrheit wirklich auf der Seite dieses alten Narren steht."
„Wenn der Lord ihn braucht, wird er da sein, Lucius. Auch wenn er vorsichtig operieren muss, er ist ihm treu ergeben."
Malfoy lachte ein zynisches Lachen. „Treu ergeben...Nun, wessen Blut verwenden wir dann?!"
Pandora zupfte sich ein widerspenstige Locke zurecht. „Fällt dir wirklich keiner ein, Malfoy? Liest du die Briefe nicht, die dein Bengel nach Hause schreibt?!", erwiderte sie ungeduldig. „Du brauchst das Blut von Karkaroff, um den Zauber auszuführen!"
Malfoy und Avery nickten.
„Dann soll Severus ihn herbringen!", befahl Malfoy.
„Das wird wohl auffallen, wenn wir Karkaroff festhalten, bis wir das Buch gefunden haben!", gab sie zurück und hoffte inständig, dass Lucius nicht wissen konnte, dass sie gerade krampfhaft versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie die fehlende Zutat, 'Fleisch eines Geliebten', kannte.(Hier war höchstwahrscheinlich ein Geliebter desjenigen gemeint, der den Zauber ausführte!) Was wäre, wenn Malfoy nicht davor zurückschreckte, seine Frau oder sein Kind zu verstümmeln?! Schließlich hatte Igor Karkaroff bisher auch zu seinen Seilschaften gezählt.
Malfoy wandte sich zum Gehen. „Nun, ich bin sicher, dass unsere Zeit kommen wird, sobald wir den Zauber kennen!", und damit verließ er mit wehenden Rockschößen die Bibliothek. Er warf für seine zur Schau getragene Souveränität die Tür ein wenig zu heftig hinter sich ins Schloss.
Pandora lehnte sich mit ihrem Glas neben Robert an den Kaminsims. Sie starrte ins Feuer und nippte gedankenverloren an ihrem Glas. Das war gerade noch einmal gut gegangen. Und sie konnte Dumbledore ziemlich genau berichten, was Malfoy vorhatte...
„Und wie läuft es so mit deinem Professorchen?!", fragte Avery plötzlich.
Er konnte doch nichts von Dumbledores Auftrag wissen, unmöglich! Sie hatte ihn wahrscheinlich ziemlich entgeistert angestarrt, denn er fügte hinzu:"Ich spreche von Severus Snape!"
„Gut.
Es läuft gut..."
„Pandora, mir ist nicht entgangen, dass
du mit den Jahren zu einer attraktiven Frau geworden bist..."
„Vom hässlichen Hexlein zur schönen Zauberin oder was?!"
„Naja, so ähnlich... Ich konnte dich schon immer gut leiden, aber da war immer Severus in deiner Nähe... Ich wüsste gerne, ob das heute auch noch so ist?"
„In meiner Nähe ist er seltener, seit wir nicht mehr zur Schule gehen, Robert. Das kann ich ohnehin kaum glauben, das du mir Komplimente machst. Severus war in der Schule der einzige Junge,der sich für mich interessiert hat."
„An seiner Stelle hätte ich dich nicht gehen lassen, wenn ich dich gehabt hätte."
Sie atmete tief durch. Snape hatte sie ja nie wirklich gehabt, aber das war jetzt auch egal.
„Unsere Beziehung stabilisiert sich. Ich bin mir seiner unerschütterlichen Zuneigung sicher." Sie wanderte einige Schritte durch den Raum. Avery folgte ihr.
„Du und Severus, seid ihr ein Paar, Pandora? Wenn es so ist, ist mir der Grund egal, warum du heute mit mir hier bist. Ich möchte es nur wissen!"
„In letzter Zeit... hat es einige Missverständnisse zwischen ihm und mir gegeben. Er dachte wohl, ich würde ihm nicht genügend vertrauen oder ihn ablehnen", sie zuckte die Schultern, „dabei war ich eigentlich nur beeindruckt von der Tiefe seiner... Emotionen." Sie wanderte an den Bücherregalen entlang. "Vielleicht ist er auch nur nicht gut darin, seine Emotionen zu zeigen, außer den negativen...", überlegte sie laut.
„Weißt du, ich glaube, er hat dich schon immer gern gehabt. Aber was das anging war er eben verschlossen."
Pandora lächelte. „Mag sein, aber ich war auch nicht gut darin, ihn zu ermutigen. Ich wollte ihm meine Gefühle nie zeigen. Sieht so aus, als würden wir beide die Dinge ziemlich verkomplizieren. " Sie schlenderte in Richtung Tür, ihr Satinkleid raschelte.
„Aber mittlerweile werdet ihr euch doch langsam mal einig geworden sein! Liebt er dich und liebst du ihn?"
„Ich bin mir sicher, dass er mich liebt. Er scheint nur unsicher zu sein, ob ich ihn liebe. Dabei habe ich ihm gesagt, er dürfe hoffen und daran hat sich NICHTS geändert! Ich liebe SEVERUS SNAPE VON GANZEM HERZEN und will MIT IHM ZUSAMMEN SEIN! Ich bin bereit, IHN SO ZU NEHMEN, WIE ER IST, DENN ER GEFÄLLT MIR SO WIE ER IST. UND ICH BIN IHM FÜR SEINE FÜRSORGE DANKBAR... Sag mal Avery, geht diese Tür nach außen auf?"
Er sah sie völlig verwirrt und verständnislos an. Sie öffnete abrupt die Tür. Die Tür ging nach innen auf und es stand auch niemand davor, wie sie erwartet hatte. Aber ungefähr zwei Meter weiter stand Snape, eingehend in die Betrachtung eines an der Wand hängenden Sarazenen-Säbels vertieft, die Stirn angestrengt in Falten gelegt.
Er blickte auf, in seinen Augen war kein Zeichen, dass er ihre Worte belauscht haben könnte zu erkennen. Ausdruckslos und undurchdringlich, seine Gesichtszüge fast versteinert, deutete er eine Art Verbeugung in ihre Richtung an. Sie war sich so sicher gewesen, dass er, seit sie glaubte ihn mit Malfoy im Flur reden gehört zu haben, vor der Tür gestanden hatte. Seine Haare waren noch immer fettig, auch wenn sie in gewaschenem Zustand zu sein schienen. Wenn er das Haartonikum gebraut hatte, hatte er es wahrscheinlich nie benutzt. Er trug den gleichen Gehrock wie sonst auch, aber er hatte eine Art Seidenschal um den Hals. Wahrscheinlich ist das seine Auffassung von Festbekleidung für formelle Anlässe, wenigstens ohne Puschel und Schnörkel, dachte sie.
„Guten Abend und fröhliche Weihnachten", sagte er aber es klang eigentlich eher wie 'Setzen und die Anweisungen an der Tafel befolgen!'
„Fröhliche Weihnachten, Severus", antwortete sie fast tonlos.
„Dann hast du wohl den Pflichtteil erfüllt?!", grinste Avery, der hinter ihr aus der Tür getreten war.
„Der Weihnachtsball ist offiziell beendet."
„Und hast du mit den Kolleginnen das Tanzbein geschwungen?", fragte Avery plump weiter.
„Ich tanze nicht", antwortete der ohne eine erkennbare Emotion.Weder Abscheu noch Bedauern, schon gar keine Belustigung über Roberts Bemerkung. „Was ist, McMahon? Können wir dieses Fest jetzt verlassen?"
Am liebsten hätte sie ihr Whiskyglas nach ihm geworfen, weil er offenbar zu dämlich gewesen war, mitzuhören, was sie über ihre Gefühle zu ihm gesagt hatte! Sie wollte ihm zeigen, dass sie ihn liebte und er war einfach nur Severus Snape! Statt dessen trank sie das Glas in einem Zug leer und sagte:
„Natürlich. Wenn Robert nichts dagegen hat. Und ehe Macnair noch dem Glauben verfällt, er wäre ein guter Tänzer!"
„Was sollte ich dagegen sagen können. Und ich bin sicher, wir sehen uns demnächst wieder!", erwiderte Avery enttäuscht aber mit überraschend viel Haltung.
„Gut, dann gehen wir uns doch verabschieden", sagte sie, auch um Emotionslosigkeit bemüht.
Sobald sie Pandoras Haus betreten hatten, nahm Severus Snape sie in seine Arme und hielt sie fest. Ohne ein Wort zu sagen drückte er zärtlich seine Lippen auf ihre. Sie erwiderte seinen Kuß zunächst verwirrt und dann innig.
Er presste sie gegen die Wand neben der Tür während ihre Hände unter ihren Mänteln nach warmer Haut suchten. Am liebsten hätte sie ihr Bein um seine Hüfte geschlungen, aber mit ihrem Kleid konnte sie weder vor noch zurück.
„Hast du das vorhin ernst gemeint", keuchte er, „was du Avery gesagt hast?"
Sie lehnte sich gedanklich zurück. Er hatte etwas mitgehört!
„Oh ja natürlich. Es stimmt ja auch, dass wir nicht sehr viel Kontakt haben, oder?" Das hatte er verdient, dieser gemeine Fiesling!
„Ich meinte das, dass du mit mir zusammen sein willst und...ich dir gefalle...?"
„Oh! Das hast du gehört?! Und du meinst, ich würde Avery die Wahrheit sagen?!", erwiderte sie süffisant.
„Sag du es mir!" So viel Emotion, wie sie jetzt in seinen Augen erkennen konnte, hatte sie dann doch nicht von ihm erwartet. „Bitte, ich hatte vorhin schon Schwierigkeiten, dich nicht sofort zu umarmen", fuhr er fort, „Es war schwer genug für mich, mich vor Robert Avery zu beherrschen. Am liebsten hätte ich dich sofort geküsst, aber ich hab es nicht getan, weil ich nicht sicher war, dass es um mich ging. Aber auch weil ich Angst davor hatte, mich komplett lächerlich zu machen."
Sie konnte ihn unmöglich noch länger quälen. „Es ist die Wahrheit", sagte sie ernst, „Jedes Wort ist wahr." Sie lehnte ihren Kopf an seine Brust, denn sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Er streichelte ihr über den Rücken.
„Ja
also, wenn du mich noch willst... Ich war ja... Du weißt, ich
bin ja..."
„Du bist meiner Zuneigung würdig und ich habe
nicht sehr viel getan, um dir den Weg in meine Arme zu erleichtern!",
flüsterte sie gerührt, „Natürlich will ich dich."
Nach einem langen, innigen Kuss fragte sie: „Severus,
wo hast du das Buch her, das du mir geschenkt hast?"
„Ich
dachte, das wüsstest du bereits. Mundungus Fletcher hatte es
Malfoy abgeschwatzt, denn er hatte sich zusammen mit Professor
Dumbledore ein paar Gedanken über den 'Inauguratio
Imperatorem-Zauber' gemacht. Und ich dachte, dass es bei dir gut
aufgehoben wäre, Pandora."
„Dein
Vertrauen ehrt mich natürlich. Aber ihr solltet euch jetzt um
die Sicherheit von Igor Karkaroff sorgen."
„Ich hab's von
Lucius gehört und ich hätte nicht übel Lust, es wie
einen Unfall aussehen zu lassen!"
„Hört sich an, als wäre
Karkaroff nicht gerade heldenmütig."
„Das hast du schön
gesagt, besser könnte ich es selbst auch nicht ausdrücken."
Sie sahen sich an und grinsten beide. Das Thema war zwar nicht gerade zum Lachen, aber es konnte wohl kaum etwas geben, das ihnen ihre Laune für den Rest dieses Weihnachtsfests verderben konnte. Sie liebten einander, diese Tatsache war genug, um sie für die nächsten Stunden, den Dunklen Lord und seine Todesser vergessen zu lassen.
„Severus, ich würde dich gern etwas fragen."
„Die
Antwort ist: Ich habe nichts getan. Karkaroff erfreut sich noch
relativ guter Gesundheit."
„Äh, das ist gut, aber das ist
nicht meine Frage. Ich wollte dich fragen, ob du... 'Zarastros
Haartonikum für den gepflegten Zauberer', das mit sieben
Mikrolitern Gift der Kielschnauzenschlange, gebraut hast."
Es dauerte einige Sekunden bis er antwortete: „Ich habe es gebraut aber nicht verwendet. Weil ich dachte, du magst mich wie ich bin und wenn nicht, dann... magst du mich eben nicht. Außerdem habe ich Zweifel, dass es bei mir überhaupt irgendetwas bewirken kann", er deutete auf seine Haare, „und da habe ich es einem Bekannten geschickt, der mehr Wert auf Äußerlichkeiten legt."
„Lord Shagswell?"
Er sah sie verständnislos an. „Wer ist denn Lord Shagswell?"
„Ist wirklich nicht wichtig, ich dachte du kennst ihn vielleicht. Aber warum hast du das Tonikum nicht ausprobiert?"
„Hab ich doch. Und es hat durchaus geholfen. Ehrlich gesagt wäre das ja auch peinlich für mich, wenn es unwirksam gewesen wäre. Aber ich hätte mehr davon gebraucht und dann hätte ich Professor Dumbledore erklären müssen, wozu ich das Schlangengift brauche, da er ja momentan die Schlangen in seiner Obhut hat."
Pandora blickte ihn liebevoll an und sagte schließlich: „Weißt du, ich denke nicht, dass er gefragt hätte..."
„Sag mal McMahon, ist das ein Lügenstein in diesem Tiara-Ding da auf deinem Kopf?!"
„Lügenstein...?!"
„Ja. Entweder du hast ihn erfolgreich deaktiviert oder den ganzen Abend die Wahrheit gesprochen!"
„Nein, wo denkst du hin! Könnte ich denn sonst für Professor Dumbledore spionieren?!"
„Natürlich nicht. Und die Hauptsache ist, du hast mich nicht belogen, Pandora."
-Ende-
