Drittes Kapitel
Eigentlich
war alles wie immer. Harry verbrachte die meiste Zeit mit Ron,
Hermine und Ginny, sie lachten, stritten, schimpften über die
Lehrer und die vielen Hausaufgaben.
Eine
Zeit lang konnte Harry sich daran beteiligen. Dann fiel ihm ein, wie
unglaublig egal ihm das im Grunde genommen alles war. Die anderen
konnten sich über solche banalen Alltäglichkeiten
vielleicht noch aufregen, doch er nicht. Es gab wichtigere Sachen,
die Harry weitaus mehr aufregten.
So
lief es jedes Mal ab. Harry war vertieft in irgendein total
unwichtiges Gespräch, bis sich eine kleine Kreatur in seinem
Kopf meldete.
«
Das ist doch alles scheissegal, das interessiert dich doch in
Wahrheit gar nicht ! », sagte sie. « Sirius ist tot ! Die
Prophezeihung ! Voldemort ! Das sind Dinge, die wirklich wichtig
sind. »
Und
Dinge, die einen ziemlich deprimieren.
«
Du weißt, wodurch es dir besser geht. », sagte die
Kreatur dann heimtückisch.
Dann
schlich sich Harry davon, unter irgendeinem Vorwand, und machte, dass
es ihm wieder besser ging. Dass er den ganzen Mist einfach vergessen
konnte.
«
Harry, was ist los mit dir ? Du bist so komisch in letzter Zeit. Was
machst du, wenn du so plötzlich verschwindest ? »
Es
war Ginny, die als erste erkannt hatte, dass mit Harry etwas nicht
stimmte.
«
Ich bin meistens in der Bibliothek », antwortete er flüchtig.
«
Wieso hab ich dich denn da noch nie gesehen ? Und du bist immer so
bleich, deine Leistungen im Unterricht werden anscheinend immer
schlechter, du fliegst schlechter, du bist so mager geworden, du
wirkst immer so abwesend…Was ist nur mit dir ? Ich mach mir Sorgen
um dich ! » Sie sah ihn verzweifelt an.
«
Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Ginny », sagte Harry
und sein Gesicht verzerrte sich, es kostete ihn große
Anstrengung, nicht durchzudrehen. « Es ist alles in Ordnung, OK
? Du hast sowieso keine Ahnung, was Sorgen sind….läufst hier
rum…hast keine Ahnung… Jedenfalls…ich muss weg. Man sieht sich,
Ginny… »
Am
nächsten Tag ließen Ginny und die anderen ihn zum Glück
größtenteils in Ruhe, was Harry nur recht war. Der Streit
mit Ginny hatte ihm zugesetzt, danach hatte er soviel genommen wie
noch nie.
Als
er am Abend jedoch in seinen Schlafsaal ging, traf ihn ein Schock.
Ginny
saß auf dem Boden neben seinem Bett, über seinen Koffer
gebeugt, hektisch dabei diesen zu durchsuchen.
Harry
stürmte auf sie zu, packte sie fest am Oberarm und stieß
sie vom Koffer weg, so dass sie hart auf den Boden fiel.
«
Was soll die Scheiße ?! », schrie er sie an.
Ginny
lag auf dem Boden und fing an heftig zu weinen.
«
Ja, Harry ! Was soll die Scheiße ?! », schrie sie ihn
zurück an. Sie heulte immer noch. « Ich will nicht
zusehen, wie du dich kaputt machst ! Irgendwas stimmt nicht mit dir,
bitte lass dir helfen, ich flehe dich an !! »
Es
tat Harry weh, Ginny so da liegen zu sehen. Er mochte sie sehr gerne,
und jetzt lag sie da wie ein Häufchen Elend.
Er
ging langsam auf sie zu, doch Ginny wich zurück.
«
Du machst mir Angst, Harry ! Du hast mir wehgetan, wieso machst du
sowas ?? Früher warst du nie so ! »
Harry
stand da und wusste absolut nicht, was er darauf erwidern konnte.
«
Ginny, ich…es tut mir Leid, was ich dir angetan habe….aber du…du
kannst mich nicht verstehen, du… »
«
Dann erklär es mir ! », schluchzte sie. « Aber du
redest ja mit niemandem mehr ! »
Er
setzte sich aufs Bett, vergrub das Gesicht in seinen Händen und
fing nun auch an mit weinen.
Ginny
stand auf und setzte sich vor Harry auf die Knie. Sie versuchte,
seine Hände vom Gesicht zu nehmen, doch er ließ es nicht
zu.
«
Harry ! Harry, sieh mich an ! », sagte sie mit befehlender
Stimme, die es Harry unmöglich machte, nicht zu gehorchen.
Er
nahm die Hände vom Gesicht und sah sie an. Ginny war erschreckt,
wie verzweifelt und hilflos er aussah.
«
Ich liebe dich, Harry. Bitte vergiss das nie. Aber du machst es mir
verdammt schwer, dich zu lieben. »
Und
ohne groß zu überlegen küsste sie ihn.
«
Bitte, hör auf damit. », sagte sie, nachdem der lange,
innige Kuss geendet hatte. « Für mich. »
Und
damit erhob sie sich und verließ den Schlafsaal.
