Sechstes Kapitel

Verdammt. Sie war darauf reingefallen, hatte sich erpressen lassen. Harry mochte zwar körperlich am Ende seiner Kräfte und geistig nicht mehr fähig einen klaren gedanken zu fassen sein, aber wenn es um die Droge ging, konnte er wieder klar denken.
Immer wieder erstaunlich, was dieses Teufelszeug mit den Menschen anstellt, dachte sie.
Harry lag gegen die Mauer gelehnt auf dem Boden und schaute sie nicht an. Er war völlig erschöpft, schaute in die Sterne und wünschte sich, er hätte wenigstens eine Zigarette.
« Nein », sagte Hermine dann. « Ich werde dir deine Sachen nicht zurückgeben. Für nichts in der Welt, bis du nicht endlich davon los bist. »
« Dann werde ich sterben, Hermine. Ich fühle es, ich war schon ein paar mal so nahe dran, ich spüre, es ist wieder so weit…ich fühle mich hundsmiserabel ». Seine Stimme verriet keine Emotionen. Er war absolut erschöpft und sagte dies, als sei er ein objektiver Beobachter seines eigenen Todes. Als würde es ihm nichts bedeuten. Im Moment würde es wohl eher eine Erlösung für ihn sein, dachte Hermine.

Als Harry aufwachte, war er an einem Ort, der ihm wage bekannt vorkam. Ein Ort aus einem Traum, den er vor vielen Jahren mal geträumt hatte… Ein lang gezogener, schmaler Raum war es. Sehr hoch, mit hohen Fenstern gegenüber von seinem Bett. Vermutlich in einem Schloss oder so etwas ähnlichem… Er blickte sich um und sah, vorbei an all den anderen Betten, ein Büro, aus der eine Frau auf ihn zugewuselt kam. Er war im Krankenflügel.
« Schöner Tag heute, nicht wahr, Harry Schatz ? », fragte Madam Pomfrey, während sie Harry den Zauberstab auf die Stirn legte und wartete, welche Farbe er annahm.
Ja, dachte Harry. Am Wetter war wirklich nichts auszusetzen. Wenn er sich doch nur erinnern könnte, wie er hier her gekommen war…
« Wie fühlst du dich ? »
« Absolut erschöpft », sagte Harry. « Ich kann mich nicht erinnern, wie ich hierher gekommen bin. »
« Ach, das ist auch nicht so wichtig, mein Junge, mach dir darüber keine Gedanken…wahrscheinlich bist du sowieso viel zu müde dafür. Hauptsache ist, dass du wieder gesund bist. », sagte Madam Pomfrey.
Gesund ?, dachte Harry. Wenn ich im Moment etwas weiss, dann dass ich nicht gesund bin.

Es war bedeutend dunkler als, Harry das nächste Mal aufwachte ; es dämmerte bereits. Allerdings fühlte er sich um einiges wacher. Langsam stand er auf und merkte, dass er schlimme Kopfschmerzen hatte. Er setzte sich in die Nische vor dem Fenster, und während er auf die schönen Schlossgründe hinab sah wärmte die Abendsonne sein bleiches Gesicht und seine kalten Knochen.
Als die Sonne komplett untergegangen war, ging er ins Badezimmer und stellte sich vor den Spiegel. Verdammt, was war er mager geworden.

Harry verlor in den kommenden Tagen vollkommen das Zeitgefühl. Er war die ganze Zeit allein, nur Madame Pomfrey kam manchmal nach dem rechten sehen, wenn er wach war. Doch er wachte meistens nur für kurze Zeit auf, und meistens erbrach er sich dann. Er fühlte nichts, nur die furchtbare Leere in seinem Körper.

« Was ist mit mir ? », fragte er Madam Pomfrey eines Tages, und dem Stand der Sonne nach zu urteilen musste wohl Mittag sein. « Wieso bin ich hier ? »
« Du hast deinen Körper ziemlich in Mitleidenschaft gezogen, mein Lieber…das musst du jetzt erst einmal auskurieren. »
« Wieso kommt mich niemand besuchen, Madam Pomfrey ? » Diese Frage brannte ihm schon länger auf der Zunge. Wo waren die anderen ? Was hatte er getan ?
« Mein Junge, ich glaube du weisst nicht, wie nahe du dem Tod warst. Würde dich jetzt jemand besuchen, wäre das viel zu viel Aufregung für dich. Du könntest sterben. »

Ein paar Tage später konnte Harry ein paar Stunden hintereinander wach bleiben, ohne direkt wieder einzuschlafen, vor allem aber, ohne sich zu erbrechen. Das war ein sehr gutes Zeichen, hatte Madam Pomfrey gesagt.
Langsam setzte er auch wieder etwas Fett an. Die Taubheit und die Leere waren immer noch da. Er fragte sich, ob er jemals wieder etwas fühlen würde.

Die erste, die Harry besuchen kam, war Ginny. Er stand gerade vor dem Fenster und schaute mal wieder der Dämmerung zu, als sie kam, ihn von hinten umarmte und ihren Kopf fest an seinen Rücken schmiegte. Sie schien ihn nicht mehr loslassen zu wollen.
Harry drehte sich um.
« Ich habe dich vermisst », sagte sie mit schwacher Stimme.
« Ich…Ginny es tut mir furchtbar Leid, ich wünschte, ich könnte das, was ich getan habe wieder rückgängig machen, es tut mir so Leid…aber ich…ich kann es nicht ändern, ich kann mich nicht ändern… » Verzweifelt suchte er nach Entschuldigungen, für was es keine Entschuldigung gab.
Ginny legte ihm Zeige- und Mittelfinger auf die Lippen, und sagte sanft : « Shhhh ». Als Harry ruhig war, nahm sie die Finger von seinen Lippen und küsste ihn langsam und zärtlich. Gefühle regten sich in Harry. Schwache, betäubte Gefühle, die jetzt langsam wieder wach wurden. Zum ersten Mal seit seinem Aufenthalt im Krankenflügel spürte er etwas, wenn auch nur ganz schwach. Aber er merkte, dass tief in ihm verborgen, alte, totgeglaubte Gefühle zu neuem Leben erweckten. Man musste ihnen nur noch ein bisschen Zeit lassen.