Siebtes Kapitel
Harry
lag in seinem Bett und zitterte. Das Feuer im Kamin loderte, es waren
bestimmt über 25 Grad Raumteperatur, doch Harry fror. Er wusste,
was er brauchte, seinen Zauberstab. Vielleicht könnte er es
versuchen, vielleicht würde es klappen, nur noch dieses eine
Mal…Mit wild getriebenem Blick stand er auf, immer noch zitternd,
und lief panisch durch den Raum.
Verdammt, wo war nur sein
Zauberstab, er musste ihn finden…Accio !, rief er, ACCIO ZAUBERSTAB
!, doch er wollte einfach nicht kommen.
Verdammt, jetzt kam auch
noch Madam Pomfrey auf ihn zugelaufen, er bekam Angst, schreckliche
Angst, er zitterte immer heftiger, er musste es zur Tür
schaffen, raus, dann würden sie ihn nicht mehr finden,
vielleicht würde er irgendwo einen Zauberstab auftreiben können,
einen Zauberstab, er musste einen Zauberstab auftreiben…Er zog
ruckartig an der Tür – verdammt, sie war verschlossen ! Er
lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, doch noch immer blieb
die Tür unbeweglich, Madam Pomfrey kam immer näher, diese
Todesfee in Krankenschwestergestalt, er war sich sicher, so bald ein
Wort aus ihrem Mund entwich, würde er sterben, er musste es
verhindern, presste sich die Hände auf die Ohren und schrie,
schrie aus Leibeskräften, auf dass dieser furchtbare Dämon
weichen solle…Er sank zu Boden, er hatte den Kampf verloren, er sah
nur noch verschwommen, wie die Todesfee langsam und genüsslich
auf ihn zukam, ihren Mund öffnete…
Draussen auf
den Schlossgründen lag hoher Schnee. Wie lange mochte er nun
schon hier sein ? Er wusste es nicht. An einzelne Ereignisse konnte
er sich erinnern, zum Beispiel dass Ginny ihn besucht hatte, dass er
sich im Spiegel angeschaut hatte…aber wie lange lag all das zurück
? Tage ? Wochen ? Stunden ? Harry konnte es nicht sagen.
Er
versuchte, sich etwas umzudrehen, um nach Ms. Pomfrey Ausschau zu
halten. Er konnte sich nicht bewegen. Wieso zum Teufel konnte er sich
nicht bewegen ?
Die Tür ging auf und ein Mann rauschte
hinein. Es war Dumbledore.
« Wie geht es dir, Harry ? »,
fragte er und blickte zu ihm hinab.
Verdammt, was für eine
seltendämliche Frage, dachte Harry.
« Ich kann mich
nicht bewegen. », sagte er.
« Ja, das sind Maßnahmen,
um dich vor dir selbst zu schützen. Du hattest vor einer Woche
einen schlimmen Anfall, bei dem du versucht hast, auszubrechen. Die
Anstrengung hätte dich beinahe umgebracht. »
Einen
Anfall ?, dachte Harry. Verdammte Scheisse.
« Ich…ich
brauche jemanden, der mir sagt, welches Datum wir haben,
Professor…mir…mir geht es gut, ich muss nur wissen, welcher Tag
heute ist… »
« Heute ist der siebzehnte Dezember,
Harry. Es scheint, als hättest du dich trotz deines Anfalls gut
erholt, auch wenn deine Lage noch immer nicht die beste ist. Madam
Pomfrey hat eingewilligt, dich noch eine Woche hier zu behalten, und
dich dann provisorisch gehen zu lassen. Die Familie Weasley hat dich
herzlich zu ihrem Weihnachtsfest eingeladen. »
Weihnachten…Weihnachten mit den Weasleys, Weihnachten mit
Ginny, das klang gut…aber dann würde er wieder in einem Haus
voller Magie sein, bei anderen Menschen, denen er wehtun könnte…und
plötzlich bekam Harry Angst vor sich selbst.
« Ich
weiss nicht, ob ich das schaffe », sagte er ängstlich.
Allein die Vorstellung daran, er könnte Ginny noch einmal etwas
antun, war furchtbar.
« Ich hab Angst »
«
Du wirst das schon hinkriegen, Harry, da bin ich mir sicher. Ich
meine – schließlich bist du Harry Potter ! »
Harry
musste schmunzeln. Ja, dieser Harry Potter hatte wirklich schon
einiges gemeistert in seinem Leben…wieso sollte er damit nicht auch
fertig werden ?
Mr. Weasley und Ginny kamen ihn am Morgen
des 24. Dezember abholen. Mr. Weasley hatte wieder ein Auto vom
Ministerium organisiert, alles andere wäre zu anstrengend für
Harry gewesen.
Er saß gerade wieder auf dem Fenstersims,
als Ginny eintrat.
« Hallo, Harry », begrüßte
sie ihn lächelnd, kam auf ihn zu, und gab ihm einen Kuss auf die
Wange.
« Bereit zur Abreise ? »
« Ich…ich
hatte jetzt eine Zeit lang nur diese Kittel an, ich hab leider keine
Ahnung, wo mein Koffer ist, man hat mir dies hier gegeben… »,
sagte er und wies auf die Kleider, die er anhatte.
Der Auszug aus
dem Krankenflügel, der Gedanke, wieder an die frische Luft und
zu anderen Leuten zu kommen, war wohl etwas zu abenteuerlich für
Harry und schüchterte ihn ein, so dass er versuchte, von seiner
Rat- und Hilflosigkeit abzulenken. Schließlich hatte er seine
eigene kleine Welt seit über zwei Monaten nicht mehr verlassen.
« Mach dir keine Sorgen, Harry », beruhigte ihn
Ginny. « Es ist alles organisiert. »
« Ist
Hedwig auch da ? Ich habe sie schon so lange nicht mehr gesehen, sie
wird sich fragen, was los ist… »
« Hedwig geht es
gut, und sie freut sich schon riesig auf dich ! Genau wie wir alle.
Es wird ein wunderschönes Fest, Harry. Vertrau mir. »
Es
kostete Harry große Anstrengung, zu gehen, so dass die beiden
nur langsam vorankamen. Er ging sher langsam, einen Fuß vor den
anderen setzend, wie ein Kleinkind, das gerade erst gehen gelernt
hat. Ginny ging geduldig mit, wartete, wenn Harry eine Pause machen
musste, und stützte ihn, wenn sie Treppen hinunter gingen.
«
Es…es ist nur, ich bin schon so lange nicht mehr so weit gegangen…
», sagte er immer wieder zur Entschuldigung.
« Es ist
schon gut, Harry », sagte Ginny dann immer in einem
beruhigenden, leisen Ton. « Nimm dir so viel Zeit, wie du
willst. »
Und schliesslich – endlich waren sie durch
das große, hölzerne Portal geschritten, und endlich konnte
Harry wieder den Wind auf seinem Gesicht spüren, die Frische
spüren und die Luft einatmen…Er versuchte, zwei Mal tief
einzuatmen, doch es gelang ihm nicht, so viel Luft konnten seine
Lungen noch nicht auf einmal aufnehmen.
Am Tor zu den
Schlossgründen stand Mr. Weasley und winkte ihnen gut gelaunt
zu. Harry erwiderte seinen Gruß etwas zaghaft und schwach.
Vielleicht, dachte Harry, vielleicht könnte es ja dieses Mal
gut gehen. Wer konnte das schon wissen ?
