Achtes Kapitel

Mr. Weasley fuhr bedächtig und ruhig, und während die Landschaft vorüberzog, schlief Harry in Ginnys Arm ein. Während der Fahrt streichelte sie ihm beruhigend den Kopf.

« Aufwachen », flüsterte Ginny ihm ins Ohr, als sie am Fuchsbau angekommen waren.
« Wir sind da »
Harry blinzelte und sah aus dem Fenster. Es war einer dieser kalten, aber unlaublich schönen Wintertage, keine Wolke war zu sehen, die Bäume standen kahl, und die Sonne stand hoch am Himmel und leuchtete schon beinahe weiß.
Niemand stand vor dem Fuchsbau, um ihn zu empfangen. Das war gut, denn er hatte schon ein kollektives « Willkommen zu Hause »-Empfangskomitee vor der Haustür befürchtet.

Mr. Weasley trug seinen Koffer, sperrte die Tür auf, und Harry trat, in Ginnys Arm, ein. Aus der Küche konnte Harry leichtes Gezänk vernehmen, anscheinend hielten sich dort Ron, Hermine und Mrs. Weasley auf.
« Mom, muss es wirklich schon wieder Zwiebelsuppe geben ? Da kommt's mir fast schon hoch, wenn ich die nur ansehe ! »
« Ron, benimm dich ! Du weist genau, dass die Zwiebeln gegessen werden müssen, bevor sie nicht mehr gut sind ! »
« Aber du hast sie doch erst vor einer Woche gek- »
« Schluss jetzt, Ron ! Hörst du Hermine sich etwa beklagen ? Sie weiß, wie wichtig der verantwortungsvolle Umgang mit Lebensmitteln heutzutage ist ! »
Harry war sich sicher, dass Ron noch etwas gesagt hatte, was verdächtig nach « Was für ein Blödsinn » geklungen hatte.

Dann trat Mr. Weasley ein und auf einmal wurde es still. Harry schaute Ginny an, und sie nickte ihm aufmunternd zu.
Die beiden gingen hinein und sofort erhebten sich Ron und Hermine, um Harry zu begrüßen. Hermine umarmte ihn und Harry glaubte einige Tränen bei ihr gesehen zu haben.
Harrys Freunde und die Weasleys hatten beschlossen, kein großes Aufheben aus Harrys Rückkehr zu machen, aber so ganz gelang es ihnen nicht. Hermine beherrschte sich zwar gut, aber als sie von Harry ablies, weinte sie immer noch stumm.
Auch Ron war sichtlich bewegt, als er Harrys Hand nahm und ihn anschliessend umarmte.
Harrys Freunde taten, als sei nichts geschehen. Sie machten Harry nie Vorwürfe und taten einfach, als habe Harry eine lange, schwere Krankheit durchlitten, die jetzt geheilt war.
Und in all den folgenden Jahren ihrer Freundschaft verlor niemand jemals wieder ein Wort über diese Zeit.

Am Abend fand dann das Heiligabend-Festessen statt. Harry saß neben Ginny und aß und redete nicht viel. Die meiste Zeit hörte er nur zu, was ihn aber sehr glücklich machte. Endlich war er wieder unter normalen Menschen, in einem warmen Wohnzimmer, an einem Tisch voller wundervoller Speisen. Er fühlte sich sichtlich wohl, auch wenn er unscheinbar und zurückhaltend auf seinem Stuhl saß, und nur selten etwas sagte.

Die nächsten Tage lang tat Harry nicht viel. Meistens saß er, eingehüllt in eine Decke, auf der Veranda der Weasleys in der Sonne. Ginny stand oft in der Tür und beobachtete ihn, er erinnerte sie dabei an eine alte Dame, die man im Rollstuhl in die Sonne geschoben hatte. Harry sprach noch immer nicht viel, aber es ging ihm sichtlich besser und er aß auch wieder mehr, sehr zur Freude von Mrs. Weasley. Sie hatte sich fast nicht mit seiner Appetitlosigkeit abfinden können, ungläubig, dass ein Mensch mit so wenig Nahrung überleben könnte.
Langsam erweckten die Sonne und die Geborgenheit seinen müden Körper wieder zum Leben ; nicht ein einziges Mal dachte Harry in diesen Ferien an Voldemort oder die Prophezeihung.

An Sylvester hatten die Weasleys – natürlich - ein großes Festessen veranstaltet. Harry aß diesmal reichlich, aber noch immer redete er nicht viel. Er sollte für den Rest seines Lebens ein recht schweigsamer Mensch bleiben.
Nach dem Festmahl fanden sich alle im schneebedeckten Garten der Weasleys wieder, um das von Fred und George extra kreirte Feuerwerk zu bestaunen.
« Denkt dran, », widerholten sie immer wieder, « dass es dieses Feuerwerk nicht käuflich zu erwerben gibt ! »
« Ihr seid also die einzig Auserwählten, die diesen historischen Moment in der Geschichte des Feuerwerkes bestaunen dürfen ! »
« Wir wissen es, George, Schatz ! », rief Mrs. Weasley. « Aber jetzt seid doch so nett und macht euch bereit es zu zünden, es ist immerhin schon fast Mitternacht ! »

Das, was anschliessend folgte, zauberte sogar Harry ein Lächeln ins Gesicht. Fred und George mussten unglaublich lange daran gefeilt haben, so vielfältig war es. Harry wünschte sich, noch mindestens 4 zusätzliche Augenpaare zu haben, damit er alles sehen konnte. Mit seinem einen Augenpaar war dies schlichtweg unmöglich.
« Hey…ist das etwa ein Lächeln auf deinem Gesicht ? », fragte Ginny Harry belustigt, als das Feuerwerk vorbei war. Die beiden standen eng aneinander etwas abseits der Menge, die begeistert das Feuerwerk kommentierten, denn jeder hatte etwas anderes gesehen, beziehungsweise nicht gesehen.
« Ja, ja…das war schon ein klasse Feuerwerk. »
Ginny lachte. « Alles gute für's neue Jahr, Harry ! » Dann küssten sie sich.

In dieser Nacht schliefen Harry und Ginny miteinander. Es war das wundervollste, intensivste und zerbrechlichste was er jemals gefühlt hatte, und von da an wusste er, dass es niemals eine andere in seinem Leben geben würde als Ginny. Er liebte sie mehr als alles andere auf dieser Welt, das war ihm in dieser Nacht klar geworden.

Am nächsten Morgen gingen Harry und Ginny in die Küche und trafen dort auf Mrs. Weasley. Sie saß bei ihrem Tee und sah tod unglücklich aus.
« Was ist los, Mum ? », fragte Ginny.
« Ach Kinder… », sagte sie nur.
« Ich freu mich ja so für euch. Es… »
Sie sah Harry an, und konnte ihre Zweifel und ihre Angst nicht verbergen.
« Es ist nur… » Endlich schien sie sich entschlossen zu haben, das zu sagen, was ihr auf dem Herzen lag.
« Remus wurde letzte Nacht ermordet, Harry. Man hat ihn heute Morgen gefunden. Es tut mir leid. »

Sekundenlang stand Harry wie gelähmt da. Was hatte Mrs. Weasley gerade gesagt ? Lupin ? Ermordet ?
Er fuhr sich in die Haare und schaute aus dem Fenster.
Verdammte Scheisse.
Er lief die Treppe hoch, in Ginnys Zimmer. Dort lager, auf dem Fenstersims. Ginnys Zauberstab.
Er ergriff ihn.
Lupin. Remus. Tod.
Er hielt den Zauberstab hoch. Konzentrierte sich auf die weiße Substanz, und sprach innerlich schon den Beschwörungsspruch.
Sein Gesicht verzerrte sich, sein ganzer Körper bebte und zitterte unkontrolliert, vor allem sein rechter Arm mit dem Zauberstab. Er fochte einen schweren inneren Kampf aus.
Der Kampf dauerte fast zwei Minuten..
Dann sank er auf die Knie und ließ den Zauberstab fallen.

Harry erfuhr nie, dass Ginny all dies mit angesehen hatte. Aber als er fünf Minuten später wieder in die Küche stand, drückte sie ihn fest an sich, so als ob sie ihn nie wieder loslassen wollte.