Kapitel 6: Kummer und Streit
HERMINE:
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, zum Glück einem Samstagmorgen, fühlte ich mich wie durch die Mangel gedreht.
Das konnte nicht wahr sein, dachte ich immer wieder, das durfte nicht wahr sein.
Ich schaute auf meinen Wecker. Es war 9:13 Uhr.
Die Gedanken brachen sintflutartig über mich herein.
Seamus ist mit Ginny zusammen. Er ist mit ihr zusammen. Er ist in sie verliebt. Er hat sich nie was aus dir gemacht. Du wusstest es und du wolltest es nicht wahrhaben.
Mir schossen die Tränen in die Augen. Ich versuchte gar nicht erst, dagegen anzukämpfen.
„Hermine?", meldete sich eine vorsichtige Stimme.
„Lass mich in Ruhe!", schluchzte ich, ohne zu wissen, zu wem ich das eigentlich sagte. Ich hörte, wie der Vorhang meines Himmelbettes beiseite geschoben wurde.
„Hey, was ist denn?", fragte die Stimme sanft. Ich blickte auf und in Lavenders Gesicht. Sie setzte sich an den Rand des Bettes und sah mich fragend an.
„Nichts." Ich wollte ihr nicht erzählen, was passiert war, denn Lavender war manchmal eine ziemliche Tratschtante und innerhalb von ein paar Stunden wüsste die ganze Schule über mein schreckliches Leben bescheid. Anderseits... mit wem sollte ich sonst reden? Mit Harry oder Ron? Niemals! Mit Ginny? Ausgeschlossen!
Innerhalb von Sekunden fällte mein Gehirn ohne meine Zustimmung eine Entscheidung. Nämlich die, das alles gesagt werden musste. Im letzten Moment stoppte ich es.
„Lavender, ich will nicht darüber reden. Lass mich einfach in Ruhe." Meine Stimme kam mir selbst ganz fremd vor. So schwach. So wenig ausdrucksvoll.
Lavender senkte den Blick. „Okay. Ich... geh schon." Sie stand auf und ging. Kurz bevor sie die Tür öffnete, hielt sie nocheinmal inne. „Du kannst mit mir reden, wenn dir danach ist, okay?"
Ich rührte mich nicht, reagierte nicht auf ihre Worte. Ich würde nie mit ihr reden. Höchstwahrscheinlich nicht.
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„Hey, wo warst du denn?", empfing mich Ron im Gemeinschaftsraum.
Ich hatte mich nach unten geschleppt. Irgendwann, nach etlichen Tagen. Oder Stunden. Oder vielleicht sogar nur Minuten.
Ich ließ mich einfach neben ihn auf das Sofa fallen. Mir fiel ein, wie ich hier auf der Party gesessen hatte. Seamus neben mir. Ginny neben ihm. Ich versuchte schnell dieses Bild aus meinem Kopf zu kriegen.
Ron hielt mir auffordern ein Toast hin. „Hab ich vom Frühstück mitgenommen. Du bist ja nicht gekommen und ich dachte, du hättest vielleicht Hunger.. und.." Er geriet ins Stottern.
Dankbar nahm ich ihm das knusprige Toast und einen Becher mit Kürbissaft ab. Ein paar Minuten herrschte Schweigen. Ich kaute auf meinem Toast herum. Es schmeckte nicht. Mit Mühe schluckte ich es herunter. Ron stierte in die Flammen.
„Habt ihr schon gesehen? Nächstes Wochenende dürfen wir wieder nach Hogsmeade!" Harry warf sich gutgelaunt auf den Platz neben mich.
„Ja", antwortete Ron.
„Nein", antwortete ich.
Auf einmal lag eine ziemliche Anspannung in der Luft. Das Schweigen war wie die Ruhe vor dem Sturm.
„Was ist los?" Harry sah nervös von einem zum anderen.
„Nichts." Ron und ich. Synchron.
„Sicher?"
„Sicher."
„Du siehst müde aus, Hermine.", versuchte Harry das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Ich zuckte nur mit den Achseln.
Einige weitere Minuten lang zerrte die Stille an unseren Nerven. Ich bemühte mich, den zweiten Bissen meines Toastes hinunterzuwürgen. Dann explodierte Harry.
„Verdammt, kann mir mal einer sagen was los ist?"
„Frag doch Hermine!", gab Ron sauer zurück.
Die Wut kochte in mir hoch. Sie sollten mich einfach nur in Ruhe lassen! „Zieh mich nicht da rein! Ich hab gar nichts gemacht!"
„Neiiin! Du doch nicht!", sagte Ron sarkastisch. „Du machst seit Tagen nichts anderes, als dich merkwürdig zu benehmen! Warum stylst du dich zum Beispiel zur Disco? Ich dachte du magst so etwas nicht?"
„Das waren Parvarti und Lavender! Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich auch nicht hingegangen!", brüllte ich.
„Und warum hast du mich gestern einfach auf der Tanzfläche stehen gelassen?"
„Ich hasse Tanzen!"
„Und warum, sag mir, warum, versuchst du dich an Seamus ranzumachen? Der Typ hat dir doch nichts getan, wofür du ihn so bestrafen musst!"
Nein! Stopp! Ich wollte nicht an Seamus denken! Ich wollte nicht! Ich durfte nicht! Ich... Mein letzter Rest Selbstbeherrschung gab den Geist auf. Eine Träne nach der anderen bahnte sich ihren Weg.
Nun war es die Ruhe nach dem Sturm, die den Raum erfüllte.
Lavender stand plötzlich neben mir. Sie nahm mir den Frühstücksteller vom Schoß und stellte ihn auf den Tisch. Das Klirren schien übermäßig laut zu sein. Viel lauter als sonst. Sie drehte sich zu mir und zog mich die Treppe zu unserem Schlafsaal hoch.
„Du hast noch nicht mal Danke gesagt!", rief Ron mir hinterher. Er meinte das Frühstück. Mir war es in dem Moment egal.
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Im Schlafsaal angekommen, machte ich mich von Lavender los, warf mich auf mein Bett und heulte wie ein kleines Kind. Sie saß neben mir und streichelte beruhigend meine Schulter.
Nach und nach erzählte ich Lavender die Geschichte. Die Wörter sprudelten aus mir raus. Wie sehr ich doch in Seamus verliebt war, wie sehr es mich verletzte, dass er nun mit Ginny zusammen war und wie sehr mich auch Rons Sticheleien trafen. Alles erzählte ich ihr.
Sie hörte mir, ganz anders alles sonst ihre Art war, einfach zu. Sie sagte nichts, stellte keine Fragen.
„Was ist, wenn er gar nicht mit Ginny zusammen ist?", fragte Lavender am Ende meiner Erzählung. „Ich meine, vielleicht wollte er einfach ein bisschen Spaß haben und küssen.."
„Würdest du jemanden küssen, wenn du in einen anderen verliebt bist?"
„Nein, ich glaube nicht. Es war auch nur so eine Idee."
„Was soll ich heute Abend machen?"
„Wieso? Was ist heute Abend?"
„Ich habe noch Nachsitzen. Mit Seamus zusammen."
„Versuch doch, mit ihm zu reden. Oder schlage ihm vor, dass ihr euch nächstes Wochenende in Hogsmeade trefft. So hast du Zeit, um alles sacken zu lassen. Vielleicht ist das besser."
„Ja. Vielleicht."; wiederholte ich tonlos.
SEAMUS:
Ich wachte früh auf. Ich dachte an Ginny. An ihre Haare. Das Kupfer. Ihre weichen Lippen. Die Küsse von gestern Abend. Hermines Blick. Ich verdrängte ihn schnell.
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In der großen Halle sah ich sie sofort. Ginny! Ich ging schnell, um ehrlich zu sein: Ich rannte fast, zu ihr.
„Hi!", sagte ich deshalb atemlos, als ich ihren Platz erreichte und mich neben sie fallen ließ.
„Hi!" Ginny gab mir einen Kuss, einen kleinen Vorgeschmack auf die nächsten Küsse, die intensiver, schöner sein würden.
Eine Weile lang schwiegen wir. Die Wörter wirbelten in meinem Kopf herum, doch sie formten keine Sätze. Ich seufzte und dachte nur, dass das so nie etwas mit einem vernünftigen Gespräch werden würde. Natürlich konnte ich auch einfach die Wörter sagen, die mir einfielen, die Satzteile und –anfänge, aber das hätte sie wahrscheinlich mehr an einen Urmenschen erinnert, der keine richtige Sprache hat.
„Ginny... toll...glücklich, glücklich... es ist super, dass... kann ich auch mal..." So wäre das bestimmt abgelaufen.
„Seamus, was murmelst du da?", fragte mich Ginny stirnrunzelnd.
„Zaubersprüche?", antwortete ich zweifelnd.
„Mhm... Klar!", meinte sie und ihre Stimme triefte vor Ironie. „Sicher doch..."
„Ach" Ich machte eine wegwerfende Handbewegung „ich hab nur überlegt."
„Was?"
Okay! Was antwortete man einem Mädchen auf eine solche Frage? Was war ihr Lieblingsthema? Windmühlenflügel? Make-up? Ob man dick werden will oder lieber dünn bleibt?
„Ach... nichts!"
Wieder entstand eine Stille.
„Möchtest du Kürbissaft?", durchbrach Ginny die Stille.
„Ja, bitte!" Ich achtete darauf, dass sich unsere Hände nicht noch einmal berührten. Womöglich hätten wir die nächste Kanne bezahlen müssen! Obwohl das eigentlich unlogisch ist... Man kann sie ja durch Zauberei reparieren. Das konnte sogar Neville, der Depp!
„Seamus, warum verrenkst du deine Hand so komisch?"
Es sah vielleicht ein bisschen unnatürlich aus, aber ich wollte nicht noch einen Krug zerdeppern und nahm ihr den schnell ab. Davon, dass ich die Kanne trotzdem fallen ließ, weil meine Hand diese merkwürdige Stellung keinesfalls länger behalten wollte, müssen wir ja gar nicht reden, oder?
„Sportliche Übung!", erklärte ich meiner Freundin.
„Voll... sportlich!"
Ich nickte bekräftigend.
Ginny prustete los. Und da konnte ich auch nicht mehr an mich halten. Das Eis war gebrochen.
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„Wie weit bist du denn mit Ginny?", fragte Dean.
Wir spazierten am See entlang (ist Mädchensache, ich weiß, aber es ist auf jeden Fall ungestört) und redeten über die gestrigene Disco.
„Mensch, Dean, ich will sie doch nicht nur für's Bett!"
„Sicher?"
„Todsicher. Aber es lief gut gestern Abend!"
„Die Nacht auch?" Dean zog anzüglich eine Augenbraue hoch.
„Wir lassen uns Zeit!"
„Ooooh, ihr lasst euch Zeiit!" Dean lachte. „Lass dir bloß nicht zu lange Zeit, sonst ist sie nachher weg!"
„Ach Quatsch! Aber nun zu dir, du Casanova!"
„Vergiss es! Ich brauchte gestern genau eine Stunde und dreiundvierzig Minuten, bis ich das Gel aus meinen Haaren hatte!"
„Selbst Schuld! Und? Hast du denn wenigstens ein Mädel rumgekriegt?"
Dean druckste ein bisschen rum, bevor er damit rausrückte, dass Lavender ihn schließlich so schnell wie möglich abgeschoben hatte, nachdem sie ihm durch die Haare streichen wollte, dass aber nicht ging, da die, durch das Gel, hart wie ein Brett waren.
„Ich hab's dir ja gesagt!"
„Super, danke, Seamus, diese Bestätigung kann ich jetzt wirklich brauchen!", erwiderte er sauer.
„Komm wieder runter, ich hör ja schon auf!", meinte ich, doch die Stimmung war hin. Sie blieb auf dem Nullpunkt. Oder besser: Es waren Minusgrade angesagt! Mindestens minus zehn, schätzte ich.
Wir schlenderten noch eine Weile um den See, ehe wir uns, immer noch in Minusgradstimmung, voneinander verabschiedeten.
Ich ging weiter um den See. Runde um Runde... Immer weiter... Runde... die nächste Runde... Immer im Kreis, bis... ich mit einer, mir sehr bekannten, Person zusammenstieß, die ebenfalls auf den Boden gestarrt hatte: Meine Freundin Ginny!
„Hey!"
„Hi!"
„Was hast du so gemacht?", fragte sie mich.
„Och..." Ich zuckte mit den Schultern.
„Lass mich raten!", schnitt Ginny mir grinsend das Wort ab. „Nichts?"
„Ich bin ´n bisschen mit Dean um den See gelaufen. Und du?"
„Eigentlich... nichts..."
Wir lachten verlegen und setzten uns auf die nächste Bank, die wir sahen. Ich sah ihr in die Augen. Blau. In meinen Gedanken verwandelten sie sich in braune Augen. In sanfte Augen...
Ich beugte mich zu ihr rüber und küsste sie. Meine Fantasie stellte sich ein braunhaariges Mädchen vor, die ich küsste. Ich öffnete die Augen und sah die langen Wimpern...
Moment mal, stoppte ich meine Gedanken, die Wimpern die ich sah, waren schwarz getuscht. Die Augen waren blau. Die Lippen hatten von mir abgelassen.
Ich verfluchte Hermine, weil sie mir die Zeit mit Ginny vermieste.
Aber eigentlich... war es ein schönes Gefühl, sie zu küssen. Auch wenn es nur in Gedanken war...
