Es ist schon ne Weile her, aber von machen Geschichten kann ich mich einfach nicht trennen.

Darum, als kleines Weihnachtsgeschenk - Wie alles anfing.

Ich hoffe es gefällt euch.

Christmas Tears Part III - First Christmas

Prequel

01. September 1997 – King's Cross

"…das wird total cool. Jetzt, wo der Krieg vorbei ist, können wir unser letztes Jahr in Hogwarts richtig genießen. Wir machen all das, was wir uns in den letzten Jahren aus Angst vor den Todessern verkneifen mussten. Und das haben wir nur dir zu verdanken, Harry!"

Harry Potter nickte nur. Was sollte er auch dazu sahen? Insgeheim hatte er gehofft, dass er jetzt, nach Voldemorts Tod und der Niederlage der Todesser endlich ein etwas ruhigeres Leben würde führen können. Aber weit gefehlt. Auch wenn inzwischen ein halbes Jahr vergangen war, die Sommerferien hinter ihnen und das letzte Jahr in Hogwarts vor ihnen lag, gab es nur ein Gesprächsthema unter den Schülern: Harry Potters Sieg über das Böse!

Auch jetzt umlagerten sie ihn von allen Seiten. Redeten auf ihn ein, zupften an seinen Ärmeln um seine Aufmerksamkeit zu erregen, himmelten ihn an oder klopften ihm im Vorbeigehen anerkennend auf die Schulter. Auf einmal wollte jeder sein Freund sein. Auch Leute, die ihn bisher belächelt oder schlichtweg ignoriert hatte, scharwenzelten jetzt um ihn herum. Unter den Mädchen, die ihn im Moment kichernd umringten erkannte er sogar Pansy Parkinson. Dabei hatte die ihn vorher höchstens mit Spott und Hohn bedacht.

Das Leben war echt komisch manchmal.

Jedes dieser Mädchen hätte ihren linken Arm dafür gegeben seine Freundin zu sein. Nur, dass er sich nicht für ihre Annäherungsversuche interessierte. Was sie wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass der Held der Zaubererwelt heimlich von Männern träumte? Harry konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. ‚Vielleicht sollte ich es ihnen erzählen. Dann wär sicher Ruhe!'

Weit angenehmer als diese kichernden Hühner war die Aufmerksamkeit einiger Jungen. Harry blickte auf und erwiderte das schüchterne Lächeln eines Sechstklässlers in Ravenclawfarben. Das ließe sich schon eher einrichten...

„Hey! Lasst uns doch mal durch! Mann! Wo kommen denn die ganzen Weiber her? Verschwindet! Harry? Bist du irgendwo da drin?"

Harry hörte auf zu flirten und wand seinen Kopf in die Richtung in der er Rons Stimme hörte.

„Ich bin hier Ron!"

Dann sah er auch schon den roten Haarschopf seines besten Freundes, der sich, Hermine und Ginny im Schlepptau durch die Menge grub.

„Meine Güte sind die lästig! Verschwindet!" Ron wedelte mit den Händen, als wolle er lästige Fliegen verscheuchen. Die Mädchen waren wenig beeindruckt und blieben, wo sie waren.

„Lass mich mal." Ginny drängte sich an ihrem Bruder vorbei, trat an Harrys Seite und legte ihm besitzergreifend den Arm um die Taille.

„Macht das ihre wegkommt! Harry ist mein Freund. Also macht euch vom Acker!"

Harry legte ihr den Arm um die Schultern und gab ihr einen Kuss auf die Stirn, dann zuckte er in Richtung der Mädchen mit den Schultern.

„Sorry Mädels. Ihr habt gehört, was sie gesagt hat."

Die Mädchen murrten und bedachten Ginny mit mörderischen Blicken, aber als die auch ihren zweiten Arm um Harry schlang und anfing ihn zu küssen, trollten sie sich der Reihe nach.

„Ihr könnt aufhören, Leute." sagte Hermine schließlich. „Die Hyänen sind weg."

Harry ließ Ginny los und gab ihr noch einen Kuss auf die Stirn.

„Danke, Süße, du hast mir das Leben gerettet."

„Für dich doch immer. Die sind ja schlimmer als die Aasgeier! Wenn sie nur wüssten, dass sie keine Chancen haben. Ich hab deinen Blick vorhin übrigens genau gesehen, Mr. Potter! Du bist überführt!"

„Welchen Blick? Ich weiß gar nicht wovon du sprichst."

„Tu bloß nicht so! Ich hab gesehen, dass du Kevin Larson angeschmachtet hast. Er ist in meiner Klasse. Soll ich euch bekannt machen? Er steht auf dich."

„Ginny!" Ron sah seine Schwester entsetzt an.

„Stör mich nicht, ich verkupple gerade!"

Ron erneuter Protest ging im Gelächter seiner Freunde und im Rattern der einrollenden Zuges unter.

--

„...auf jeden Fall total lächerlich. Hörst du mir überhaupt zu, Dray?"

„Hm?" Draco Malfoy wand den Kopf von der Szene am anderen Ende des Bahnsteigs ab und sah Blaise Zabini mit leichter Verwirrung in den grauen Augen an. Der war seinem Blick gefolgt.

„O Mann! Potter hält Hof. Das ist sowas von lächerlich! Selbst Pansy ist übergelaufen."

„Lass sie doch. Wer vermisst die schon?"

„Ich wusste gar nicht, dass Potty mit der Wiesellette zusammen ist."

„Wen interessiert das auch? Los komm, der Zug ist da. Ich hab keine Lust wieder mit diesen beiden Schwachköpfen im selben Abteil zu sitzen!"

Draco stieß sich von der Säule ab, an der er bis jetzt gelehnt hatte und zog seinen Koffer in Richtung der nächstgelegenen Abteiltür.

Blaise zog eine dunkle Augenbraue hoch.

„Weißt du, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen dich interessiert das. Was ist? Stehst du etwa auf unseren Helden?"

„Ich und Potter? Du hast doch 'n Rad ab! Hilf mir lieber mal!"

Blaise verkniff sich jeden weiteren Kommentar.

Innerlich grinste er.

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30. September - Hogwarts

„Hey Harry? Was ist? Kommst du jetzt mit?"

Ginny stand neben dem Tisch, sah ihren Freund fragend an und verdrehte dann die Augen. Harry hatte ihr nicht eine Sekunde zugehört, sondern starrte seit einer Viertelstunde verträumt ins Leere, ohne irgendetwas wahrzunehmen.

„Hallo? Erde an Harry!"

„Was? Oh hallo Ginny. Wann bist du denn reingekommen?"

„Ach du meine Güte!"

Ginny ließ sich auf die Bank fallen und begutachtete das Chaos auf dem Tisch. Offene Bücher, zerknickte Pergamentrollen und eine Feder, deren Spitze in einer Tintenpfütze mitten auf dem Aufsatz für McGonagall schwamm. Harry schien das alles nicht zu bemerken. Sein Blick war noch immer auf einen Punkt am Nachbartisch gerichtet.

„Wen oder was starrst du denn die ganze Zeit so hingerissen an?"

Sie lehnte sich näher zu ihm und folgte seinem Blick.

Der Tisch in Harrys Blickrichtung, war fast leer. Die meisten ihrer Mitschüler waren schon längst mit ihren Aufgaben fertig und hatten das Schloss fluchtartig verlassen, um einen der letzten warmen Tage zu genießen.

Nur die Langsamen waren noch hier, die Faulenzer, die mit Strafarbeiten. Natürlich die hoffnungslosen Streber - und Harry, der Löcher in die Luft starrte.

Ginny musterte die wenigen, die noch am Tisch saßen: zwei Drittklässlerinnen, die sich kichernd Zettelchen schrieben, Greg Goyle, der auf seinem Federkiel herumkaute und vermutlich noch Stunden über seinem Aufsatz brüten würde, Ernie MacMillan, der von Snape eine dicke Strafarbeit aufbekommen hatte und Draco Malfoy, der gegen eine Säule gelehnt, die Beine auf der Bank, las.

„Also? Raus mit der Sprache: Wer ist so faszinierend? Goyle und die Kicherliesen doch wohl kaum. Ernie? Nein. Nicht dein Typ. Bleibt nur noch Malfoy..." Sie warf Harry einen forschenden Blick zu und stellte zufrieden die sanfte Röte fest, die sich auf seinen Wangen ausbreitete und langsam in den Nacken kroch.

„Harry James Potter!"

Er senkte rasch den Kopf.

„Was denn?" murmelte er. „Ich guck ja bloß..."

Ginny grinste breit. Ihr Blick wanderte wieder zum Nachbartisch.

„Er sieht schon gut aus. Das muss man ihm ja trotz allem lassen."

Ein leiser Seufzer.

„Ja."

Sie lachte amüsiert.

„Harry. Du bist ja richtig hingerissen."

Die Röte vertiefte sich.

„Stimmt ja nicht. Ich hab halt nur so rumgeschaut."

„Ja, genau. Und überhaupt nicht mitbekommen, dass Ron und die anderen Jungs schon seit Ewigkeiten weg sind. Und dass sogar Hermine inzwischen in die Bibliothek abgeschwirrt ist."

Harry sah sich am Tisch um und schien erst jetzt zu merken, dass er tatsächlich fast der letzte war. Nur ein paar der unteren Jahrgänge hockten noch etwas weiter unten zusammen.

„Oh..." Ein neuer Gedanke ließ die Röte endgültig jeden Winkel seines Gesichts erobern. Was, wenn seine Freunde seine Blicke auch bemerkt hatten? Was, wenn Malfoy seine Blicke bemerkt hatte?

Harry sprang auf und sammelte seine Bücher ein.

„Oh Merlin... ich muss hier raus..."

Ginny half ihm, seine Sachen zusammen zu suchen.

„Mach dir nichts draus. Ich glaub nicht, dass die Jungs was gemerkt haben. Das Quidditch-Spiel morgen interessiert sie mehr."

„W... was sollen sie denn gemerkt haben? Es ist doch gar nichts passiert."

„Ja, genau. Das alles ist reiner Zufall. Ist ja nicht deine Schuld, dass Malfoy genau da sitzt, wo du hinstarren willst."

„Würdest etwas leiser sein, bitte! Das ist auch so schon peinlich genug."

Harry hatten endlich alles zusammengerafft und lief jetzt mit gesenktem Kopf eilig aus der Halle. Ginny folgte ihm kopfschüttelnd.

„Und? Wann ist es zu diesem Sinneswandel gekommen?"

Er sah sie verständnislos an.

„Wovon redest du? Was für ein Sinneswandel?"

„Na, Malfoy. Seit wann findest du ihn so interessant?"

„Ich finde ihn nicht interessant!"

„Ja klar. Das hab ich gemerkt. Harry komm schon. Du kannst es mir ruhig sagen. Du weißt, ich kann schweigen."

„Von wegen! Außerdem gibt es da nichts zu erzählen. Ich hab halt zufällig in seine Richtung gesehen. Wo ist das Problem?"

„Zufällig? Zwanzig Minuten lang? Mit glasigen Augen und einem verträumten Lächeln im Gesicht?"

Harry stöhnte gequält.

„Oh bitte, sag mir, dass das nicht wahr ist!"

„Keine Panik. Wie gesagt, die Jungs haben nichts mitgekriegt. Andernfalls würden sie dich in diesem Moment nämlich längst an den nächsten Pfosten gekettet haben und verhören."

„Na, die spanische Inquisition übernimmst du ja gerade."

Ginny grinste fröhlich.

„Aber ich hab mehr Talent als die Jungs. Also. Erzählst du's mir jetzt?"

„Kannst du es nicht einfach dabei belassen, dass ich ihn zufällig angeguckt habe?"

„Als ob das so schlimm wäre. Du und die Hälfte der Schule macht das. Von der dritten Klassen an aufwärts ist so ziemlich jedes Mädel und eine Menge der Jungs entweder in dich oder in Malfoy verschossen. Ihr seht beide besser aus, als gut für euch ist. Ihr als Paar würdet eine Menge Probleme lösen und die anderen Jungs ruhiger schlafen lassen."

„Ginny! Spinnst du? Ich hab ihn angesehen! Kein Grund schon die Hochzeitseinladungen zu verschicken!"

Inzwischen waren sie im Gryffindorturm angekommen.

„Oh, aber das wäre doch mal wirklich niedlich!"

„Was wäre niedlich?" Lavender Brown hob den Kopf von ihrer Hexenwoche und sah interessiert zu ihnen rüber. Sie war begierig auf den neusten Klatsch, auf den sie während der Ferien 8 Wochen lang hatte verzichten müssen.

Harry schnaubte.

„Das war ja wieder klar!"

Er lief die Treppe zu den Schlafsälen hoch, warf seine Bücher auf den Schreibtisch und sich selbst auf sein Bett.

„Ich hab Lavender gesagt, dass wir von Ron und Hermine gesprochen haben. Jetzt will ich dafür auch etwas von dir hören."

Ginny war ihm gefolgt und setzte sich jetzt ans Fußende seines Bettes.

Harry setzte sich auf.

„Warum dürft ihr Mädchen in unsere Zimmern, wenn jedes Mal, wenn ein Junge auch nur in die Nähe eurer Treppe kommt, ein Heidenspektakel losbricht?"

„Weil wir uns besser benehmen können. Also? Ich höre."

Ein tiefer Seufzer.

„Ginny, es gibt nichts zu erzählen. Ich gestehe, ich hab ihn angesehen. Das wird ja nicht verboten sein... Ich hab mich einfach nur gefragt, seit wann er so gut aussieht."

Die letzten drei Worte wurden von einem weiteren tiefen Seufzer begleitet. Ginny grinste wieder.

„Technisch gesehen hat er schon immer gut ausgesehen. Aber das merkt man erst in letzter Zeit richtig. Seit er nicht mehr jede Sekunde damit verbringt anderen das Leben schwer zu machen und ein Riesenarsch zu sein. Dazu ein gelegentliches Lächeln... Kein Wunder, dass du fasziniert bist."

„Zum letzten Mal: Ich bin nicht fasziniert!"

„Oh bitte. Du hast fast auf den Tisch gesabbert."

Sie wich dem Kissen aus und sah ihren Freund fröhlich an. Es war noch nicht lange her, da hatte sie festgestellt, dass der Junge, in den sie jahrelang verliebt gewesen war, plötzlich nicht mehr für sie war als ein weiterer großer Bruder. Ein paar Wochen später hatte sie herausgefunden, dass er mit Mädchen nichts anfangen konnte. Irgendwie hatte sie dieses Wissen trotzdem sehr erleichtert.

„Wage es bloß nicht, Ron oder jemand anderem davon zu erzählen."

Sie klimperte unschuldig mit den Wimpern.

„Wovon denn? Ich dachte, es gibt nichts zu erzählen."

Harry gab einen frustrierten Laut von sich und schlug die Hände vors Gesicht.

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08. Oktober - Geschichte der Zauberei

„Er guckt schon wieder."

Das Lachen war deutlich in Blaises Stimme zu hören, als er sich zu Draco rüberbeugte. Sie saßen in der Geschichtsstunde und versuchten die allgegenwärtige Langeweile zu überwinden. Ein dezentes Schnarchen ein paar Bänke weiter, deutete an, dass zumindest Seamus Finnegan diesen Kampf verloren hatte.

Draco machte sich nicht die Mühe aufzusehen.

„Wer?" flüsterte er zurück.

„Potter. Er starrt dich schon wieder an."

Draco warf einen kurzen Blick auf Professor Binns und drehte dann den Kopf leicht zur Seite, so dass er an Blaise vorbei die Gryffindors sehen konnte. Tatsächlich saß Harry Potter da, den Kopf in die Hand gestützt und sah mit vollkommen abwesendem Gesichtsausdruck in ihre Richtung.

„Der ist meilenweit weg."

Blaise unterdrückte ein Lachen.

„Ja. Aber das ist das ich-weiß-nicht-wievielte Mal in dieser Woche. Und wo könnte er sonst hinsehen?"

Beide Jungen drehten den Kopf zur anderen Seite, wo Pansy und Daphne sich kichernd die Nägel lackierten.

Blaise grinste.

„Nein. Wohl eher nicht. Ich sag dir, unser Held steht auf dich. Er starrt ständig. In Zaubertränke. Beim Essen. Hier. Im Gang, wenn wir ihm begegnen. Am Wochenende in Hogsmeade."

„Das bildest du dir ein."

„Hey, ich bin ein guter Beobachter, das weißt du. Und jedes Mal hat er diesen völlig weggetretenen Gesichtsaudruck."

Draco beugte sich über Blaise hinweg näher zur Bank der Gryffindors.

„Hey Potter." zischte er. „Dein Stuhl brennt."

Harry zuckte zusammen und blinzelte Draco einen Moment verwirrt an. Dann schien im klar zu werden, was gerade passierte und er lief knallrot an, rutschte tief in die Bank und drehte den Kopf weg.

Blaise grinste breit.

„Volltreffer."

„Mr. Saldini? Würden Sie uns bitte sagen, was so lustig ist?"

„Nichts, Professor. Entschuldigung."

Mit einem missbilligenden Blick wand Professor Binns sich wieder seinem Vortrag zu.

„Saldini?" kam Theodors Stimme aus der Bank hinter ihnen. „Das war ja fast richtig."

„Halt die Klappe Potts."

Draco ignorierte das Geplänkel seiner Freunde. Stattdessen lehnte er sich in der Bank zurück und musterte Harry Potter nachdenklich unter gesenkten Wimpern.

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„Was sollte das denn gerade?"

Ron sah zwischen Harry und den Slytherins hin und her. Zabini und Notts lachten leise über irgendetwas und Malfoy...

„Warum glotzt der uns so an?"

Harry versuchte noch etwas tiefer in die Bank zu sinken und mit dem alten Holz zu verschmelzen.

„Lass ihn doch..." murmelte er.

In Rons Gesicht machte sich eine Mischung aus Entsetzen und Verwunderung breit.

„Ich soll ihn lassen? Harry!"

„Hör auf, Ron. Das ist so schon peinlich genug, auch ohne, dass du noch drauf rumreitest."

„Aber was denn? Versteh ich nicht. Ich..."

Hermine drehte sich zu den beiden um.

„Könntet ihr was leiser sein? Es gibt Leute, die zuhören wollen!"

Ron zog eine Grimasse und äffte seine Freundin stumm nach.

„Ich weiß was du da tust, Ronald Weasley. Lass es!"

„Hast du etwa Augen im Hinterkopf?"

„Nein, aber ich kenne dich."

Harry blendete die beiden aus. Vorsichtig drehte er den Kopf etwas zur Seite und blinzelte zwischen seinen Haaren hindurch zum Nachbartisch - und zuckte erschrocken zusammen, als sein Blick von hellgrauen Augen aufmerksam erwidert wurde. Den Rest der Stunde wagte Harry es nicht mehr den Kopf zu heben.

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09. Oktober - Gryffindor

„Weißt du wie peinlich mir das war? Er hat mich direkt angesehen. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst!"

Harry lief aufgebracht in seinem Zimmer hin und her.

Ginny sah ihm vom Bett aus zu.

„Jetzt beruhig dich erst mal wieder. Das alles ist doch halb so schlimm."

„Halb so schlimm! Ginny, er hat es gesehen! Er hat gesehen, wie ich ihn angestarrt habe! Und du findest das halb so schlimm? Ich mach mich doch zum Gespött der Schule. Was meinst du, wie lange es dauert, bis das rum ist. Er braucht es nur Parkinson dieser alten Tratschtante zu erzählen. Oh Merlin, ich bin sowas von tot!"

Sie verdrehte die Augen.

„Jetzt übertreib mal nicht. Inzwischen ist ein Tag vergangen und soweit ich das beurteilen kann, weiß noch niemand Bescheid. Parkinson erzählt jedem, der es hören will und leider auch jedem, der es nicht hören will, von ihrem neuen Schwarm aus Paris. Kein Wort über dich."

„Aber Malfoy und Zabini haben mich beide gesehen. Warum sollten sie das für sich behalten? Es sei denn, sie planen irgendetwas Grauenvolles."

Harry ließ sich aufs Bett sinken und schlug die Hände vors Gesicht.

„Harry. Jetzt mach mal nen Punkt. Es ist nichts passiert. Gut, sie haben dich dabei erwischt, wie du gestarrt hast. Aber du kannst immer noch behaupten, dass du in Gedanken warst und gar nicht bemerkt hast, wohin dein Blick geht. Was mich im Moment mehr interessieren würde, ist, warum?"

„Was warum?"

„Warum starrst du Malfoy bei jeder sich bietenden Gelegenheit so an?"

Harry seufzte schwer.

„Ich weiß nicht."

„Oh, komm mir nicht so!"

„Naja... ich weiß auch nicht... es hat einfach so angefangen... ich meine, im Anfang fand ich nur, dass er gut aussieht. Das hast du selbst gesagt...und das war irgendwie komisch, weil ich ihn vorher nie auf diese Art wahr genommen habe... aber inzwischen... ich seh ihn irgendwie gerne an..."

Zum tausendsten mal in den letzten Wochen kroch tiefe Röte über Harrys Gesicht. Er konnte fühlen, wie seine Ohren heiß wurden.

Ginny grinste breit.

Harry sah sie nicht an.

„Ich hab neulich sogar von ihm geträumt..."

„WAS!" Ginny quietschte fast vor Vergnügen.

„Ssshhhhht! Nicht so laut! Muss ja nicht jeder wissen, dass ich verrückt geworden bin!"

„Oh Harry, das ist irgendwie total niedlich, weißt du das? Du bist ja richtig verknallt."

„Oh Gott... bitte erschieß mich..."

„Ach, jetzt stell dich nicht so an. Das ist süß und das weißt du."

„Ja klar! Und was soll ich deiner Meinung nach machen? Soll ich hingehen und sagen ‚Entschuldige Malfoy, aber irgendwie, ich weiß auch nicht warum, mag ich dich plötzlich total gern und hast du Lust mit mir auszugehen?"

„Zum Beispiel."

„Du spinnst doch! Ich schaff es wahrscheinlich nicht mal, den Satz zu Ende zu bringen, bevor er mir nen Fluch an den Hals hetzt."

„Einen Versuch wäre es wert."

„Einen Versuch... Ginny! Wir reden hier von Draco Malfoy! Der gibt einem keine Chance, einen Fehler zu bereuen."

„Seit wann hast du denn Angst vor ihm? Das wäre ja mal was ganz Neues."

„Ich habe keine Angst... Aber..."

„Doch, hast du. Du hast Angst vor einer Abfuhr."

„Davor brauche ich keine Angst zu haben. Die Abfuhr ist in dem Fall nämlich schon vorprogrammiert."

„Ich verstehe euch Jungs nicht. Warum habt ihr nur ständig solche Panik jemanden einzuladen?"

„Oh bitte! Würdest du...sagen wir... Goyle einladen?"

„Klar. Wenn ich ihn mögen würde."

„Ich glaub dir kein Wort."

„Dann frag Neville. Den hab ich auch eingeladen. Er hätte das in hundert Jahren nicht auf die Reihe bekommen."

„Das ist was anderes. Neville war schon vorher dein Freund."

Ginny verdrehte genervt die Augen.

„Was willst du statt dessen tun? Ihn den Rest deines Lebens aus der Ferne anschmachten, ohne je zu wissen, was er denkt?"

„Ich weiß, was er denkt."

„Ach ja? Die alte Trelawney wird begeistert sein, dass du neuerdings Gedanken lesen kannst. Wenn ich dich richtig verstanden habe, hat er dich gestern morgen auch angeguckt!"

„Ja, weil ich gestarrt habe und er mich wahrscheinlich dabei erwischen wollte, um es mir heimzuzahlen."

„Ach du meine Güte. Ich werd jetzt gehen, Harry. Diese Unterhaltung wird mir langsam zu blöd. Sag mir Bescheid, wenn du wieder normal geworden bist."

Sie stand auf und ging zur Tür. Dort drehte sie sich nochmal um.

„In drei Wochen ist Halloween. Genug Zeit, um Mut zu sammeln. Frag ihn."

Ich soll ihn fragen, ob er mit mir zum Halloween-Ball geht!? Geht's dir noch gut?"

„Nein, Harry. Du sollst ihn fragen, ob er nicht Lust hat auf dem Ball etwas mit dir zu trinken und sich ein bisschen mit dir zu unterhalten."

Sie schüttelte leicht den Kopf und ließ ihren Freund allein mit seinen Gedanken.

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20. Oktober - Slytherin

„Draco? Gehst du mit mir zum Halloween-Ball?"

„Pansy, eigentlich sollte der Junge das Mädchen fragen."

„Du fragst mich ja nicht."

„Ja. Warum bloß?"

„Jean-Pierre würde mich fragen!"

„Tja, die Dummen sterben halt einfach nicht aus."

„Hä? Verstehe ich nicht. Sieh mal mein neues Kleid. Das werde ich auf dem Ball anziehen. Ich hab auch neue Schuhe. Und ich werde meine Haare zu Locken aufdrehen und hochstecken. Meine Mutter hat mir ganz zauberhafte Spangen geschickt. Die sehen aus wie Schmetterlinge. Jeder wird dich beneiden, wenn du mit mir hingehst."

„Wem erzählst du das eigentlich alles, wenn ich nicht hier bin? Schreibst du mir dann?"

„Draco!"

„Pansy?"

„Warum bist du so gemein zu mir?"

„Bin ich ja gar nicht."

„Doch, bist du wohl. Du interessierst dich nicht für mein Kleid!"

„Pansy, überleg doch mal, wäre es nicht sehr seltsam, wenn ich mich für Kleider interessieren würde?"

Blaise saß zusammengerollt in einem Sessel am Kamin und beobachtete die Szene mit mühsam unterdrücktem Lachen.

Draco saß auf der Couch und Pansy stand vor ihm, wie ein schmollendes Kind. Sie trug ein über und über mit Rüschen und Spitzen versehenes Tanzkleid aus pinkfarbener Seide. Sie hätte fast hübsch ausgesehen, wäre nicht die vorgeschobene Unterlippe und die trotzige Haltung gewesen. Und die Tatsache, dass sie in dem Kleid aussah wie ein übergroßes Geschenkpaket.

„Draco, wir gehen immer zusammen zu den Bällen!"

„Wo steht das?"

„Was?"

„Wo steht, dass wir immer zusammen zu Bällen gehen?"

„Das steht... Draco! Das ist nicht lustig!"

„Ich meine, gibt es eine Klausel in der Schulordnung, die besagt, dass ich mit dir zu jedem Ball gehen muss? Vielleicht sollte ich Granger fragen."

„Draco Malfoy! Wage es bloß nicht, dieses... diese... Granger zu fragen, ob sie mir dir zum Ball geht!"

„Warum sollte ich mit Granger zum Ball gehen wollen?"

„Das weiß ich doch nicht!"

„Wie kommst du dann darauf?"

„Weil du das gesagt hast!"

„Wann?"

„Du hast gerade eben gesagt, dass du sie fragen willst."

„Pansy, ich will Granger nach der Schulordnung fragen. Zum Ball geht sie mit Weasley, denke ich."

„Warum willst du sie nach der Schulordnung fragen?"

„Wegen der Regel."

„Welcher Regel?"

„Na der, dass ich zu jedem Ball mit dir gehen muss."

„Es gibt so eine Regel?"

„Das weiß ich doch nicht. Du hast davon angefangen."

„Hab ich nicht."

„Doch. Du hast gesagt, ich würde immer mit dir zum Ball gehen."

„Tust du ja auch."

„Nein. Dieses Jahr nicht. Es sei denn, es gibt eine Regel, dass ich muss."

„Du... Argh!"

Pansy stampfte mit dem Fuß auf, drehte sich um und stürmte in Richtung der Mädchenschlafsäle davon.

Und Blaise ließ endlich dem lange unterdrückten Gelächter freien Lauf.

„Sauber ausmanövriert."

Draco grinste.

„Sie macht es einem aber auch wirklich leicht manchmal. Pass auf, als nächstes bist du dran."

„Keine Chance. Mich hat Daphne schon am Haken. Ich hab sie vorgestern gefragt. Auch wenn ich immer noch der Meinung bin, dass viel zu viel Gewese um diesen blöden Ball gemacht wird."

„Wie immer."

„Aber letztendlich wirst du ja doch mit ihr hingehen, oder?"

„Mit Parkinson? Keine Chance. Und wenn ich allein gehe, nur um sie zu ärgern."

Blaise lachte wieder.

„Allein. Da wärest du aber der einzige. Sogar Crabbe und Goyle haben jeder eine Begleitung."

„Ich bin gerne einzigartig."

„Das war gerade eine 1a-Imitiation deines Vaters."

Draco lachte.

„Ja. Es ist manchmal echt gruselig."

„Schon mal wieder was von ihm gehört?"

„Nein. Und ehrlich gesagt lege ich auch keinen gesteigerten Wert mehr darauf. Er soll meinetwegen zur Hölle fahren."

„Gute Einstellung."

„Danke."

„Was ist eigentlich mit Potter?"

„Ich denke nicht, dass mein Vater ihm schreibt."

„Ha. ha. Jetzt sag schon."

Draco runzelte die Stirn.

„Was soll mit ihm sein?"

„Er starrt immer noch. Aber er ist subtiler geworden. Nicht mehr so auffällig."

„Hm."

„Was heißt ‚hm'?"

„Nichts weiter. Was soll ich dazu sagen?"

„Na, was hältst du davon?"

„Dass Potter mich angeblich beobachtet?"

„Nicht angeblich. Er beobachtet dich. Bei jeder Gelegenheit. Das hab ich dir neulich schon gesagt. Und ich weiß, dass es dir auch aufgefallen ist."

Draco seufzte leicht. Es war ihm aufgefallen. Natürlich. Seit der Geschichtsstunde vor zwei Wochen hatte er sehr genau aufgepasst. Und er musste Blaise Recht geben. Potter beobachtete ihn. Und Draco fühlte sich seltsam dabei. Im Anfang war es amüsant gewesen... aber inzwischen...

„Und was sollte diese Aktion gestern?"

Draco zuckte mit den Schultern. Es war merkwürdig gewesen. Gestern hatte Potter sich den ganzen Tag irgendwo in seiner Nähe herumgedrückt. Und immer wieder schien es, als wollte er etwas sagen, es sich im letzten Moment aber noch anders überlegen. Dann verschwand er wieder für eine Stunde irgendwo, nur um später wieder aufzutauchen. Draco hatte ein paar Mal versucht ihn zu stellen und auf sein eigenartiges Verhalten anzusprechen. Aber irgendwie war es dem Gryffindor immer wieder gelungen knapp zu entwischen.

„Gute Frage. Keine Ahnung, was er vorhat."

„Es schien fast, als ob er dich etwas fragen wollte, sich aber nicht traut." Blaise lachte wieder. „Vielleicht will er dich zum Ball einladen."

„Ha. Ha."

„Aber mal im Ernst. Letztes Jahr noch hättest du tot auf der Straße liegen können und Potter wäre über dich hinweggestiegen und weitergegangen ohne sich umzusehen. Und jetzt verfolgt er dich plötzlich."

„Ich habe keine Ahnung. Aber ich werde es rausfinden."

--

In dieser Nacht schlief Draco nicht. Blaises Worte gingen ihm einfach nicht aus dem Kopf. Was hatte Potter wirklich vor? Warum sah Draco sich immer und überall mit dem Blick aus diesen grünen Augen konfrontiert? Einem verträumten und irgendwie ... sehnsüchtigen? Blick. Und was hatte Potter von ihm gewollt? Er war sonst mutig und geradeheraus. Warum dieses seltsame Verhalten? Draco drehte sich auf die Seite und starrte auf die dunklen Vorhänge. Und warum interessierte es ihn überhaupt, was Potter dachte und tat? Gut, sie waren vielleicht keine Feinde mehr. Nach dem Krieg hatte niemand Interesse an ernsthaften Rivalitäten. Die Schüler Hogwarts beschränkten sich auf den allgemein üblichen Zank und die kleine Streitereien, die einfach dazu gehörten. Sie spielten sich auch weiterhin dumme Streiche, genossen es, wenn das eigene Haus den anderen überlegen war. Aber die Bitterkeit war aus dieser Rivalität verschwunden. Gut, es gab Leute, die niemals Freunde sein würden. Draco konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, jemals mit Weasley freundschaftlich über Quidditch zu diskutieren oder mit Finch-Fletchley ein Butterbier zu trinken. Aber er gab sich, ebenso wie alle anderen auch, Mühe, die Personen, die er nicht mochte einfach links liegen zu lassen.

Potter stand auf einem anderen Blatt. Vom ersten Tag an hatte der Gryffindor es geschafft, Draco aus der Ruhe zu bringen. Warum verhielt er sich auf einmal so merkwürdig? Seine Abneigung war einschätzbar gewesen. Etwas, mit dem man sich arrangieren konnte. Dieses neue Spiel war nur schwer zu durchschauen. Draco wäre jederzeit bereit gewesen zuzugeben, dass er ein Control-Freak war. Es macht ihn nervös, dass eine Situation sich seiner Kontrolle entzog. Und es machte ihn nervös, nicht zu wissen, was vor sich ging.

Nervöser noch machten ihn seine eigenen Gefühle, die irgendwie aus dem Ruder liefen in letzter Zeit.

Es blieb nur noch eine Möglichkeit. Er musste Potter zur Rede stellen, musste diese Sache klären und endlich herausfinden, was der Gryffindor vor hatte.

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30. Oktober - Gryffindor

„Was soll das heißen, du gehst nicht mit mir hin?"

„Das heißt, was ich gesagt habe. Ich geh nicht mit dir hin, wenn du mich weiter so anblaffst."

„Hermine! Ich hab dich schon vor Wochen gefragt."

„Und ich hab dir gesagt, dass ich mitkomme. Aber nicht, wenn du dich aufführst wie ein Irrer. Und von einem Dreier-Date war nie die Rede. Wir machen uns doch lächerlich!"

„Aber wir können Harry auch nicht allein gehen lassen!"

„Und warum nicht? Es ist doch sein Problem, wenn er niemanden fragt."

„Aber er ist unser Freund."

„Das eine hat doch nichts mit dem anderen zu tun. Und es ist ja nicht so, als würden die Singles in einem separaten Raum eingesperrt. Wenn wir einmal da sind, sind wir eh zusammen. Aber ich werde nicht mit zwei Jungs zu einem Ball gehen. Wenn du dir solche Sorgen um Harrys Wohlergehen machst, dann kann ich ja mit ihm gehen."

„Und ich?"

„Das ist dann dein Pech."

Harry schlug sein Buch zu und verdrehte die Augen.

„Würdet ihr so freundlich sein und nicht über mich reden, als läge ich im Koma oder wäre tot? Ich bin hier! Und ich kann allein zum Ball gehen."

„Aber Harry. Das ist doch doof."

„Noch blöder wäre es, wenn ich mit einem Paar gehen würde. Als Anhängsel. Hermine hat recht, es ist meine eigene Schuld. Ich hatte Zeit genug jemanden zu fragen."

Hermine warf Ron einen Hab-ich-dir-doch-gesagt-Blick zu. Er streckte ihr die Zunge raus.

„Warum hast du denn niemanden gefragt, Harry? Ginny wäre bestimmt mit dir gegangen."

„Ginny geht mit Neville, Ron. Hast du das immer noch nicht mitgekriegt?"

„Aber du kannst nicht ohne Begleitung auf den Ball gehen."

„Warum nicht? Stürzt die Halle ein, wenn auch Einzelpersonen reingehen? Außerdem werd ich nicht der einzige sein, der allein geht."

„Darum geht's doch überhaupt nicht."

Harry warf Hermine einen verzweifelten Blick zu. Sie hob die Hände.

„Guck mich nicht an, ich hab mein Bestes versucht."

„Wir könnten ja alle allein gehen und dann treffen wir uns da."

„Hör jetzt auf mit dem Schwachsinn, Ron. Du gehst mit Hermine und ich geh allein. Punkt."

„Worüber reden wir geraden?"

Ginny kam in den Gemeinschaftsraum und warf sich neben Harry auf die Couch.

„Hast du schon gefragt, Harry?"

„Was gefragt?"

„Der Ball?"

„Was ist mit dem Ball?"

„Deine Begleitung?"

„Wen meinst du?"

„Du weißt wen!"

„Ich glaube nicht, dass Voldemort Zeit hat, mit mir zum Ball zu gehen. Vor allem müsste er dafür ja aus dem Grab steigen. Mal wieder."

„Harry...!"

Ron sah seine Schwester fragend an.

„Von wem sprichst du?"

Harrys Augen blitzten.

„Untersteh dich, Virginia!"

„Was geht hier vor?" Hermine musterte erst Ginny, die breit grinste, dann Harry, der zwischen roten Ohren und wütend funkelnden Augen schwankte.

„Ich sag nichts. Ich hab Harry versprochen zu schweigen."

„Das ist auch dein Glück, Weasley."

„Aber vielleicht überleg ich es mir noch anders."

„Wenn du schneller läufst als ich."

„Drohst du mir, Harry?"

„Ja. Wäre durchaus möglich."

Ron sah Hermine an.

„Weißt du, wovon die reden?"

„Nein... aber das werde ich ändern."

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Später, als die Jungs auf der Suchen nach Unterhaltung verschwunden waren, ging Hermine in den Schlafsaal der Sechstklässler und setzte sich auf Ginnys Bett.

„Also. Ich höre."

Ginny grinste.

„Du stirbst, vor Neugierde, was?"

„Nein. Aber du, wenn du mir nicht verrätst, was hier vor sich geht."

„Sag mal, nehmen sie euch in der Siebten beiseite und sagen euch, wie ihr jüngere Mitschüler bedrohen müsst?"

„Komm schon, Ginny. Was ist los mit Harry?"

Ginny setzte sich mit untergeschlagenen Beinen neben Hermine.

„Also, ich kann nichts Genaues sagen. Das hab ich Harry versprochen. Aber es gibt da jemanden, der ihm in letzter Zeit dir Ruhe raubt."

Das ist mir aufgefallen. Wer ist es?"

„Hermine. Dir ist doch klar, dass ich dich anschließend töten muss, oder? Nur soviel. Es ist jemand in eurem Jahrgang. Es ist natürlich ein ‚er' und Harry ist noch etwas konfus wegen der ganzen Sache."

„Das reicht nicht. Ich brauch mehr Infos... Wobei es die Sache ja schon erheblich einschränkt. Ich meine, in unserem Jahrgang und Harrys Typ... da bleibt nicht viel übrig."

„Naja... vielleicht ist dir aufgefallen, dass Harrys Blicke in letzter Zeit ein gewisses... Eigenleben entwickelt haben."

„Eigenleben..." murmelte Hermine. In Gedanken ging sie noch einmal die letzten Tage und Wochen durch. Es war ihr aufgefallen, dass Harry abwesend und unkonzentriert war. Und auch, dass er oft ohne erkennbaren Grund verträumt durch die Gegend blickte. Aber wer war das Ziel dieser Blicke...?

„Ach du meine Güte."

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31. Oktober - Halloween

„Habt ihr Parkinson gesehen? Die sieht aus wie ne Praline."

Seamus lehnte sich gegen den Büffet-Tisch und grinste breit. Seine eigene Begleitung hatte ihn stehen lassen, um mit ihren Freundinnen zur Toilette zu gehen. Harry lachte.

„Ja. Das trifft es ziemlich genau. Nott kann einem fast leid tun."

„Ich frag mich, warum sie nicht mit Malfoy da ist. Sonst klebt sie doch permanent an ihm."

„Vielleicht ist er zu Besinnung gekommen?"

Harry wollte nicht zugeben, dass es ihm gefallen hatte, als er Malfoy alleine die Halle betreten sah. Ebenso wie Pansys säuerlicher Gesichtsausdruck, als sie am Arm vom Theo Nott hereinkam.

„Warum bist du eigentlich allein, Harry?"

„Weil ich es nicht mehr geschafft habe, ein Mädchen zu fragen. Mal ganz abgesehen davon, dass alle schon vergeben waren."

„Und du dich nicht wirklich für deine Begleiterin interessiert hättest."

„Seam, das ist ein Ball, keine Kontaktbörse. Man kann, auch wenn man schwul ist, durchaus einen netten Abend in Gesellschaft einer Frau verbringen."

„Das glaub ich dir jetzt einfach mal unbesehen. Aber du hättest doch auch nen Kerl fragen können. Larson ist ziemlich in dich verschossen."

„Dieses Drama hatte ich schon, herzlichen Dank."

Seamus grinste.

„Ah, da kommt meine Lady. Sie ist ja ein altes Tratschweib, aber sie sieht echt heiß aus."

Harry folgte dem stolzen Blick des jungen Iren und blieb an Lavender Brown hängen, die mit den Patil-Zwillingen wieder hereingekommen war. Dabei streifte sein Blick einen hellblonden Haarschopf am andere Ende des Saals. Er spürte, wie sein Herz einen komischen kleinen Satz machte. Was sollte das nun wieder? Harry manövrierte sich vorsichtig um die Zwillinge herum, so dass er einen besseren Blick auf die kleine Gruppe hatte. Malfoy lehnte an der Wand und unterhielt sich mit Zabini und Lisa Turpin. In dem Moment, als Harrys Augen ihn endlich fanden, lachte Draco über irgendetwas laut auf. Harry spürte wieder diesen kleinen Hüpfer in seinem Inneren. Gleichzeitig wurde ihm etwas klar.

„Ginny hatte recht..." murmelte er geschockt.

„Womit hat Ginny recht?"

Harry hatte Seamus und die Mädchen vollkommen vergessen. Jetzt spürte er die wohlbekannte Hitze im Nacken.

„Was? Oh... sie hat... ich meine... Öhm... Entschuldigt mich."

Seamus sah ihm verdutzt nach.

„Was ist denn mit dem? Man könnte meinen, er ist auf der Flucht, oder so."

„Wo will Harry denn so plötzlich hin?"

Seamus warf Ron einen Blick über die Schulter zu.

„Keine Ahnung. Er hat etwas davon gemurmelt, dass Ginny Recht hatte und ist dann auf und davon." Er zuckte mit den Schultern.

„Hat wohl was vergessen."

„Er hat gesagt, ich hatte Recht?"

Ginny hatte die Unterhaltung mitgehört und trat jetzt neben ihren Bruder.

„Ja. Warum, womit hast du Recht?"

Doch Ginny beachtete Seamus nicht weiter. Sie sah Harry nach, mit einem unheilverkündenden Glitzern in den Augen.

„Na warte, Harry Potter. So leicht entkommst du mir nicht. Jungs, ihr entschuldigt mich." Sie drückte dem vollkommen verdatterten Neville ihr Punschglas in die Hand und folgte Harry.

Seamus blickte misstrauisch in sein eigenes Glas.

„Hat da einer was reingemischt? Oder warum spinnen heute alle?"

--

„Harry! Warte!"

„Nein, Ginny. Gib dir keine Mühe, ich geh da nicht wieder rein!"

„Bleib wenigstens stehen. Ich kann in diesen Schuhen nicht rennen!"

Sie holte zu ihm auf und lehnte sich keuchend gegen die Wand.

„Es wird mir ein ewiges Rätsel sein, warum Erwachsensein bedeutet, sich die Füße zu ruinieren. Also. Was war los? Warum rennst du plötzlich weg? Wie vom wilden Affen gebissen, wie Fred es ausdrücken würde."

Harry seufzte und setzte sich auf den Sockel einer der Statuen in der Eingangshalle.

„Weißt du noch, dass du letztens gesagt hast, ich wäre verknallt? In du weißt schon wen?"

„Ja?"

„Und dass ich es abgestritten habe?"

„Ja?"

„Du hattest Recht."

Der letzte Satz wurde mit solcher Grabesstimme geäußert, dass Ginny einen Moment lang Mitleid mit Harry bekam. Allerdings wurde dieses Mitleid schnell erstickt. Von der schieren Freude Recht zu behalten. Und der unaussprechlichen... Süße, die Harrys Geständnis beinhaltete.

„Und warum läufst du dann weg?"

„Warum ich weglaufen? GINNY! Was glaubst du wohl? Ich konnte keine Sekunde länger da drin bleiben. Nicht, wenn es so offensichtlich ist! Ich kann nie wieder im selben Raum sein, wie er!"

„Darf ich dich darauf aufmerksam machen, dass wir gerade mal Oktober haben und du noch eine ganze Menge Zeit im selben Raum verbringen wirst, wie er?" Mit einem spöttischen Grinsen ahmte sie seine Betonung nach. „Es sei denn, du bittest Professor Dumbledore darum dir ab heute Privatunterricht zu geben und dich auf deinem Zimmer essen zu lassen. Ich bin jetzt schon gespannt, wie du ihm deinen Wunsch nach Einsamkeit erklären willst."

„Das ist nicht komisch."

„Doch Harry. Du benimmst dich gerade sehr komisch. Und zu deiner Information. Es steht dir nicht auf die Stirn geschrieben. Ich hab es nur herausgefunden, weil ich dich beim Starren erwischt habe. Die anderen wissen es nicht. Sieht man einmal von Hermine ab. Wenn du dich allerdings weiter so vollkommen bescheuert aufführst, kann ich für nichts garantieren."

Harry hatten nur die Hälfte von dem mitbekommen, was sie gesagt hatte. Ein Satz fesselte seine ganze Aufmerksamkeit.

„Was soll das heißen, Hermine weiß es?"

„Oh bitte. Sie hat sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt, so komisch, wie du dich in letzter Zeit aufführst. Ich hab ihr den einen oder anderen Hinweis gegeben. Den Rest hat sie sich selbst zusammengereimt."

„Du hast versprochen, es niemandem zu verraten!"

„Harry, komm schon. Du kennst Hermine. Sie hätte es früher oder später von allein rausgefunden."

„Später wäre mir lieber gewesen. Viel später."

Ginny setzte sich neben ihn.

„Willst du jetzt den ganzen Abend hier sitzen und schmollen?"

„Es gefällt mir sehr gut hier, herzlichen Dank."

„Harry, so wird das aber nie was. Erinnere dich an das Desaster mit Cho. Bist du unbedingt scharf auf eine Wiederholung?"

„Nein. Und genau aus diesem Grund bleib ich genau hier, wo ich bin."

„Du bist stur und dumm und du weißt das hoffentlich."

„Und du bist eine elende Petze, die sich in Sachen einmischt, die sie nichts angehen."

Ginny zog spöttisch eine Braue hoch.

„Weißt du, wenn du mich beleidigen willst, damit ich dich in Ruhe lasse, musst du dir schon was besseres einfallen lassen."

Harry stand auf.

"Gut, wenn du nicht gehst, geh ich eben."

Ohne sie eines weitern Blickes zu würdigen, lief er quer durch die Eingangshalle und zur Tür hinaus.

Hermine trat hinter einer Säule hervor.

„Na? Der Job als Amor ist nicht so einfach, wie es aussieht, was?"

Ginny zuckte mit den Schultern.

„Wieviel hast du gehört?"

„So ziemlich alles. Ich bin dir nachgegangen, als ich gesehen habe, dass du Harry folgst."

„Und was machen wir jetzt mit ihm?"

„Nichts. Das muss er allein hinkriegen. Lass uns wieder reingehen, bevor unsere Jungs uns suchen kommen."

Ginny hakte sich bei Hermine unter und gemeinsam gingen die Mädchen langsam zurück zur Halle. Hermine lächelte nachdenklich.

„Meinst du, ich hätte ihm sagen sollen, dass Malfoy vorhin nach draußen gegangen ist?"

„Nein. Ich denke, das findet er allein raus."

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Harry lief eine Weile im Hof herum und versuchte seine chaotischen Gedanken zu ordnen. Diese ganze Sache wuchs sich immer weiter zur Katastrophe aus. Und Ginny, anstatt ihm aus dieser misslichen Lage zu helfen hatte ihren Spaß damit ihn immer tiefer ins Chaos zu manövrieren. Er trat wütend gegen einen der kleinen runden Rosenbüsche am Wegrand.

„Verdammt noch mal! Warum passieren mir nie normale Dinge!"

„Kein Grund deine Wut an den Rosen auszulassen, Potter. Die können nichts dafür."

Harry zuckte zusammen. Er kannte diese Stimme nur zu gut. Kühl und spöttisch. Diese Stimme oder besser ihr Besitzer, waren das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Trotzdem sah er sich suchend um. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er Malfoy entdeckte. Der Slytherin saß auf der alten Steinbank im Schatten der Weide und musterte ihn aus dem Dunkeln. Da Harry selbst im hellen Mondlicht stand, war er eindeutig im Nachteil.

„Hallo Malfoy..." war der einzige, etwas lahme Kommentar, den er zustanden brachte.

„Weißt du, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du verfolgst mich in letzter Zeit, Potter."

„Ich... ich weiß nicht, wovon du sprichst. Es ist wohl kaum verboten ein bisschen frische Luft zu schnappen. Da drin ist es verdammt heiß."

„Ich rede nicht nur von heute Abend."

Harry spielte nervös mit dem Saum seines Pullovers und heuchelte Unwissenheit.

„Wovon redest du dann?"

„Was war die letzten anderthalb Wochen? Meinst du, ich merke nicht, wenn du ständig in meiner Nähe herumschleichst?"

„Wir haben mehrere Fächer zusammen. Da ist es wohl ganz klar, dass wir uns öfter sehen."

„Ach ja? Und was ist an den Wochenenden? Was war letzten Samstag in Hogsmeade? Ich hab dich gesehen."

Harry spürte, dass sein Mund trocken wurde. Er hatte sich solche Mühe gegeben unauffällig zu sein. Soviel zu Ginnys Theorie, dass niemand außer ihr Bescheid wusste. ‚Außer ihr und Hermine' fügte er in Gedanken hinzu. Er versuchte im Schatten Malfoys Gesicht zu erkennen, um abzuschätzen, wie sauer sein Gegenüber war. Nicht das er Angst gehabt hätte. Dazu hatten sich in der Vergangenheit zu viele Wortgefechte und Auseinandersetzungen geliefert. Aber es war etwas vollkommen anderes, die Wut eines verhassten Rivalen auf sich zu ziehen, als die der Person, in die man möglicherweise, vielleicht, ein bisschen verliebt war.

„Ähm... das war Zufall?"

„Woher soll ich das wissen? Du bist mir nachgelaufen, nicht umgekehrt."

Bildete er sich das nur ein, oder war da ein ziemlich amüsierter Unterton in Malfoys Stimme?

„Was wäre denn wenn? Ich meine, wenn ich dir wirklich nachgelaufen bin? Nicht dass ich das getan hätte. Nur mal so als Hypothese."

„Kommt drauf an."

„Worauf?"

Warum du mir nachgelaufen bist." War das... ein leises Lachen? „Hypothetisch."

„Öhm... na ja... was wäre denn als Grund ok? Ich meine, was würdest du als Grund akzeptieren?"

Diesmal war das Lachen deutlich zu hören.

„Du bist wirklich merkwürdig, Potter. Nicht, dass ich das nicht schon immer gewusst hätte."

Draco stand auf und trat aus dem Schatten des Baumes. Jetzt, im Licht des Vollmondes konnte Harry das leichte Lächeln auf dem schmalen, hübschen Gesicht sehen und das Funkeln in den silbernen Augen. Und er spürte ein deutliches, nicht zu leugnendes Flattern im Magen.

„Wärest du sauer, wenn ich dir nachgelaufen wäre?"

„Nein. Aber ich wüsste gerne warum."

Harry spürte die inzwischen schon vertraute Röte im Gesicht.

„Naja... Ich hab irgendwie gedacht... wir kennen uns ja nicht wirklich... und es wäre vielleicht nett, wenn wir nach all dem Ärger in der Vergangenheit... nochmal von vorne anfangen könnten. Du weißt schon... uns ein bisschen unterhalten... oder so..."

Draco war jetzt bis auf zwei Schritte an Harry herangetreten und der Gryffindor stellte erstaunt fest, dass er ein ganzen Stück größer war als sein Gegenüber. Irgendwie war ihm das in der Vergangenheit nie aufgefallen.

„Ist das ein Friedensangebot?"

„So was in der Art..."

„Und deswegen bist du so nervös? Das erscheint mir seltsam."

„Findest du?"

Verdammt! Wo waren all die schlauen Antworten und schlagfertigen Bemerkungen, wenn man sie wirklich dringend brauchte?

Draco versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass er beinahe ebenso nervös war wie Potter. Zum ersten Mal in seinem Leben war er dankbar, dass sein Vater steht's darauf bestanden hatte, den Schein zu wahren. Andernfalls... In Gedanken ging er immer wieder die letzten Wochen durch. Die langen, verträumten Blicke, die „Verfolgung" in den letzten Tagen. Und nicht zu vergessen Blaises Vermutungen. ‚Oh Merlin, lass mich nicht den Fehler meines Lebens machen.' flehte er stumm.

„Wenn du nur Frieden schließen wolltest, hättest du aber nicht tagelang um mich herumschleichen müssen. Das tust du doch sonst auch nicht."

Reiß dich zusammen, Draco! Er sieht eh schon aus, als wenn er jeden Moment die Flucht ergreifen würde!'

Harry kämpfte in diesem Moment tatsächlich mit den Drang einfach in den verbotenen Wald zu rennen und nie wieder rauszukommen. Alles war besser, als das hier.

Verdammt noch mal Harry! Du hast gegen Drachen und Basilisken gekämpft. Du hast Voldemort besiegt! Da kann das hier doch nicht so schwer sein!'

„Es gibt da noch was, dass ich dir sagen muss, schätze ich... und ich weiß nicht, wie du es finden wirst. Ehrlich gesagt, denke ich, dass es dir nicht besonders gefallen wird. Aber wenn ich es nicht sage, dann... weiß ich auch nicht... Also ich wäre dir dankbar, wenn du es einfach vergessen würdest, wenn es dir nicht gefällt, was ich eigentlich erwarte..."

„Das klingt gerade ziemlich gruselig."

Harry seufzte tief und schloss dann die Augen.

„Ich denke... also ich vermute... ich... Also...ich... irgendwie... ich...ich mag dich!"

Stille folgte diesen Worte. Und dann...

Harry öffnete vorsichtig die Augen einen Spaltbreit, als der Fluch ausblieb und er statt dessen leises und irgendwie erleichtertes? Lachen hörte.

„Du bist nicht sauer?"

„Sauer? Nein. Das war ziemlich... süß... irgendwie... Auf eine seltsame Art und Weise."

Harry grinste schief. Seltsam. Ok. Aber auch süß. Süß war gut. Sehr gut sogar.

„Jetzt geht's mir besser."

Gleich darauf kam ihm ein neuer Gedanke und das Grinsen verblasste.

„Und... was sagst du dazu? Außer, dass es süß ist. Und seltsam?"

Draco lächelte jetzt nur noch leicht.

„Ich weiß nicht so recht."

„Oh."

Harry versuchte die Enttäuschung zu verbergen. Es war albern. Immerhin hatte er mit einer Abfuhr gerechnet.

Draco suchte gleichzeitig nach einer passenden Antwort. Einer Antwort, die Harry zeigte, dass er ähnlich empfand. Aber zum ersten Mal in seinem Leben war sein Kopf wie leergefegt. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und gab Harry die einzige Antwort, die ihm einfiel. Er trat nah an den Gryffindor heran, stellt sich auf die Zehenspitzen und hauchte einen zarten Kuss auf die geröteten Lippen.

Harry stand da, wie vom Donner gerührt. Er starrte Draco aus großen, fassungslosen Augen an.

„Du bist wirklich nicht sauer." Seine Stimme bei dieser Feststellung klang so ungläubig, dass Draco wieder lachen musste.

„Nein. Wirklich nicht. Im Gegenteil. Ich... ich hatte gehofft, dass das dein Grund ist."

Jetzt war es an Draco sanft zu erröten. Und Harry hatte plötzlich das Gefühl, dass sein Herz jeden Moment platzen würde. Er legte seine Hände sanft auf die Schultern des Slytherin.

„Darf ich?"

„Was?"

„Dich auch küssen?"

Statt einer Antwort lächelte Draco leicht und ließ seine Hände auf Harrys Hüfte gleiten.

Es war ein süßer Kuss. Etwas unsicher und scheu. Als sie sich wieder voneinander trennten, sahen sie sich etwas verlegen an. Nach jahrelangem Zank war das ungewohntes Terrain für sie.

„Das war schön." murmelte Harry.

„Ja."

„Hast du schon mal...? Einen Jungen mein ich?"

„Nein... Du?"

„Ja..."

„Oh."

„Aber es war anders. Dieses Mal..."

„Wirklich?"

Harry lächelte. Es überraschte ihn, die plötzliche Unsicherheit in den grauen Augen zu sehen. Draco war sonst immer so selbstbewusst und von sich überzeugt.

„Ja." flüsterte er. „Und ich würde es gern nochmal tun... Wenn du magst..."

Draco spürte, wie sein Herz einen kleinen Satz machte.

„Ja..."

Keiner von beiden verschwendete noch einen Gedanken an den Ball oder an ihre Freunde, die sich fragten, wo sie abgeblieben waren. Keinen von beiden kümmerte die Kälte der Oktobernacht.

Als die Küsse mutiger und forschender wurden, ließen sie sich auf die alte Steinbank sinken. Ein zufälliger Beobachter hätte sie im Schatten der alten Weide kaum bemerkt. Auf jeden Fall hätte sie einem Beobachter keine Beachtung geschenkt.

Später saßen sie einfach nur da, den Arm umeinander gelegt und sahen in die frostige, klare Nacht. Keiner von beiden sprach, aus Furcht dieses wunderbare neue Etwas zwischen ihnen aufzuschrecken und zu verscheuchen. Aber es war auch keine Sprache nötig. Zum ersten Mal seit sie sich kannten, waren sie vollkommen zufrieden still in der Gegenwart des anderen untern den Sternen zu sitzen.

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Harry kam in dieser Nacht erst sehr spät zurück in den Gryffindorturm. Ron, der bereits geschlafen hatte, blinzelte seinen besten Freund im Licht der Kerze an.

„Wo warst du so lange?"

Harry ließ sich auf sein Bett fallen und warf seinen Freund einen verträumten, abwesenden Blick aus leuchtenden Augen zu.

„Draußen."

„Was machst du denn draußen? Es ist verdammt kalt!"

„Ja? Ist mir nicht aufgefallen."

„Und was hast du gemacht?"

Ein tiefer Seufzer.

„In die Sterne geschaut. Weißt du, Sterne werden immer golden dargestellt... aber in Wahrheit sind sie silbern."

Ron runzelte die Stirn.

„Harry? Geht's dir nicht gut?"

„Doch. Mir geht es so gut, wie nie zuvor."

Harry wand den Kopf und schenkte seinem verdatterten Freund ein strahlendes Lächeln. „So gut wie noch nie in meinem Leben." wiederholte er.

„Sagt mal, soll ich euch vielleicht noch Tee und Kekse holen?" Seamus zerzauster Haarschopf erschien zwischen den Kissen seines Bettes. „Es ist halb drei in der Nacht! Könnt ihr das nicht morgen ausdiskutieren?"

„Harry benimmt sich seltsam!"

„Na, das ist ja mal was ganz Neues. Ruft die Zeitung an."

„Wsn ls?" Dean blinzelte verschlafen zwischen seinen Bettvorhängen hervor.

„Harry benimmt sich seltsam."

„Tut er das nicht immer?"

„Genau. Macht jetzt endlich das Licht aus! Es gibt Leute, die schlafen wollen."

Ron warf Harry noch einen verwirrten Blick zu und löschte dann die Kerze. Nach einer Weile herrschte wieder Stille im Gryffindorturm.

Harry hatte von alldem kaum etwas mitbekommen. Er lag in der Dunkelheit und sah vor sich ein Paar hellgraue Augen, die ihn anstrahlten. Mit einem verträumten Lächeln berührte er seine Unterlippe. Fast konnte er den letzten süßen Kuss noch spüren, mit dem sie sich in der Eingangshalle verabschiedet hatten. Ohne wirklich zu merken was er tat, schaffte Harry es, sich umzuziehen und unter die Decke zu schlüpfen. Das Lächeln war noch immer auf seinem Gesicht, als er schließlich einschlief.

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01. November – Slytherin

„Man, das Buch muss ja spannend sein."

Draco hob den Kopf und sah Blaise leicht verwirrt an.

„Hm? Warum?"

„Weil du seit einer halben Stunde an einer Seite liest. Wenn man bedenkt, dass du normalerweise mindestens zwei Seiten pro Minute liest..."

„Stoppst du die Zeit, wenn ich lese?"

„Nein. Aber du sitzt seit einer halben Stunde da und starrst das Buch an, hast aber noch nicht einmal umgeblättert."

„Mir ist halt gerade nicht nach lesen."

„Ach so. Das erklärt natürlich das Buch."

Draco funkelte seinen Freund an.

„Warum beobachtest du mich überhaupt? Hast du sonst keine Hobbies?"

Blaise lehnte sich in seinem Sessel zurück und grinste.

„Im Moment reicht mir das hier. Wundert mich übrigens, dass du überhaupt auf bist. Du warst letzte Nacht ziemlich spät zurück. Oder besser gesagt heute Morgen."

„Spar dir das anzügliche Grinsen."

„Na los. Raus mit der Sprache. Wo warst du? Du bist ziemlich früh vom Ball verschwunden und es hat mich ehrlich gesagt ziemlich gewundert, dass du nicht im Zimmer warst, als ich ins Bett gegangen bin."

„Wer bist du? Meine Nanny?"

„Draco, jetzt komm schon. Ich kann mir ja denken wo du warst."

„Ach tatsächlich? Ist deine Kristallkugel von der Reparatur zurück?"

„Potter war ja auch ziemlich früh weg."

„Möglich."

Blaise merkte, wie ihm der Geduldsfaden riss.

„Großer Merlin, DRACO! Jetzt rück endlich raus mit der Sprache!"

Draco schlug sein Buch zu und schenkte Blaise ein zuckersüßes Lächeln.

„Vergiss es. Ich ziehe es vor zu genießen und zu schweigen."

Er stand auf und ging in Richtung Tür. Blaise sah ihm mit blitzenden Augen nach.

„Ich krieg schon raus, was da läuft. Verlass dich drauf."

„Ich wünsch dir viel Vergnügen. Ich geh jetzt essen."

--

„Wo steckt Harry?"

Ron zuckte mit den Schultern.

„Schläft noch. Er ist erst mitten in der Nacht ins Bett gekommen."

Hermine und Ginny warfen sich über den Tisch wissende Blicke zu.

„Mitten in der Nacht? Was heißt das?"

„Halb drei oder so."

„Hat er gesagt, wo er war?"

„Draußen. Warum interessiert euch das so brennend?"

„Och, nur so."

Ginny wand sich wieder ihrem Frühstück zu, behielt aber die Tür im Auge. Als Draco hereinkam, stieß sie Hermine über den Tisch hinweg an.

„Da ist er."

„Und?"

„Er hat hergesehen. Glaubst du...?"

„Vielleicht."

Die Mädchen sahen sich an und grinsten.

„Was macht er?"

„Hat sich hingesetzt. So, dass er zu uns rübersehen kann. Er wirkte fast enttäuscht, als er gemerkt hat, dass Harry nicht hier ist."

„Oh mein Gott. Das ist so süß!"

Ron sah die Mädchen mit leicht gerunzelter Stirn an.

„Worüber redet ihr?"

„Dafür bist du noch zu klein, Ron."

„Ha. Ha." Er schüttelte den Kopf, murmelte etwas über Mädchen und wand sich dann demonstrativ Dean zu. Hermine und Ginny steckten weiter die Köpfe zusammen und tuschelten über ihr aktuelles Lieblingsthema. Als Harry kurz darauf ziemlich verschlafen in die Halle geschlurft kam, ließen sie ihn keine Sekunde aus den Augen, verfolgten seinen Blick zum Slytherintisch ebenso wie das sanfte Rot, dass sich sofort auf seinen Wangen ausbreitete und sahen ihn aufmerksam an, als er schließlich neben Ginny Platz nahm.

„Was ist? Wollt ihr ein Photo?"

„Na Harry? Wie wir hören, bist du erst ziemlich spät ins Bett gekommen gestern."

„Und weiter?"

„Wo warst du denn so lange?"

„Draußen."

„Er hat die Sterne beobachtet." nuschelte Ron dazwischen.

„Halt die Klappe Ron."

„Was denn? Du hast selbst gesagt, dass du Sterne beobachtet hast. Und irgendwas davon, dass sie silbern sind und nicht golden. Hab ich aber nicht so ganz verstanden, ehrlich gesagt."

„Oh Merlin, ist das niedlich!" quietschte Ginny.

„Niedlich? Was ist an den Sternen bitte niedlich? Ihr Mädels habt echt nen Knall manchmal."

Harry sagte nichts. Er zog nur den Kopf ein und machte sich schweigend über sein Mittagessen her.

--

Draco wanderte ziellos am Ufer des Sees entlang und genoss die Stille und den kalten Wind. Es war gut dem Gemeinschaftsraum zu entkommen. Pansys Geschwätz, Daphnes albernem Gekicher und vor allem Blaises durchdringenden Blicken. Im Moment hatte er nur den Wunsch in Ruhe über den vergangenen Abend nachzudenken. Und über das, was möglicherweise daraus entstehen würde. Er konnte ein leichtes Lächeln nicht zurückhalten, bei der Erinnerung an gestern. Es hatte so langweilig angefangen. So gezwungen. Er hatte die Halle verlassen, weil ihm das Geschwätz und Gekicher auf die Nerven gingen. Und Blaise, der ihn permanent beobachtete und süffisante Bemerkungen fallen ließ. Draco war normalerweise nicht abgeneigt, mit seinem Freund über seine Mitschüler und ihr Verhalten zu lästern. Selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, gefiel ihm weniger. Als Harry dann allein die Halle betrat und klar war, dass ihm offensichtlich auch keine Begleiterin folgen würde, hatten Blaises Bemerkungen ihren Höhepunkt erreicht. Draco war gegangen, weil er es nicht länger mit anhören konnte. Er war sich über seine Gefühle selbst kaum im Klaren. Anzügliche Sprüche waren das letzte, was er gebrauchen konnte. Hätte er gewusst, dass Harry ihm folgen würde... wäre er vielleicht wirklich ins Bett gegangen statt in den Hof. Allerdings hatte sich diese Entscheidung im Nachhinein als glückliche Fügung herausgestellt. Draco wunderte sich immer noch über sich selbst. Potter zur Rede zu stellen, war eine Sache gewesen. Aber ihn zu küssen... Es war nicht sein erster Kuss gewesen. Und auch nicht der erste, den er initiiert hatte... aber es war das erste Mal, dass er einen anderen Jungen geküsst hatte. Und der erste Kuss, der ihn so vollkommen aus der Bahn warf, dass er sich in diesem Moment kaum noch an seinen Namen erinnern konnte. Den Rest des Abends – der Nacht – hatte er wie durch einen Nebel wahrgenommen. Vollkommen unwirklich und wie ein seltsamer, aber schöner Traum, der einen verwirrt und unsicher zurücklässt. Sie hatten kaum geredet. Gar nicht eigentlich. Draco war sich sicher, dass ihm wahrscheinlich sowieso nichts eingefallen wäre. Also hatten sie sich geküsst. Immer wieder. Erst sanft und schüchtern. Später mutiger und intensiver. Es war bereits früher Morgen, als sie sich schließlich trennten. Und noch immer kaum mehr sagten, als sich gegenseitig eine gute Nacht zu wünschen. Heute beim Essen hatte Harry immer wieder scheu rübergesehen. Und als Draco ihn kurz und etwas unsicher anlächelte, war er über und über rot geworden und hatte sich fast in seinem Kartoffelpüree versteckt. Trotz allem, war das irgendwie lustig gewesen. Vor allem Weasleys verwirrter Blick. Weniger lustig war Blaise wissendes Grinsen. Er hatte alles mit angesehen und Draco war geflohen, bevor er mit Fragen gelöchert werden konnte.

Mit einem leisen Seufzer ließ er sich auf einen umgestürzten Baumstamm am Ufer sinken. In einiger Entfernung konnte er Hagrid sehen, der bis zu den Hüften im Wasser stand und was-auch-immer trieb. Sein riesiger, permanent sabbernder Hund saß am Ufer und beobachtete ihn. Draco ließ seinen Blick über die winterdunkle Wasserfläche gleiten. Hogwarts hob sich am anderen Ufer düster vor dem perlgrauen Winterhimmel ab. Ein leises Knacken hinter ihm, ließ Draco herumfahren. Harry stand unter den Bäumen, die Hände in den Taschen und sah ihn verlegen an.

„Hallo."

Draco lächelte sanft und spürte eine seltsame Wärme, die sich in seinem Körper ausbreitete.

„Hi. Folgst du mir schon wieder?"

Harry grinste.

„Naja. Man kann sich alte Gewohnheiten nur schwer abgewöhnen." Er deutete auf den Baumstamm. „Stört es dich?"

„Was? Nein. Setz dich ruhig. Ist ja nicht mein Baum."

Harry ließ sich ein Stück entfernt von Draco nieder, nicht sicher, welche Distanz angebracht war.

„Ich dachte, du möchtest vielleicht allein sein."

„Eigentlich schon, aber bleib ruhig. Wenn du allerdings anfängst zu kichern oder über Make-up zu reden, muss ich dich im See ertränken."

Harry lachte.

„Ich weiß, was du meinst. Bei uns ging es allerdings um Quidditch." Er sah einen eine Weile Hagrid zu. „Was treibt er da?"

Draco zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Bei ihm weiß man nie."

„Das stimmt." Harry riskierte einen kurzen Seitenblick auf das blasse Gesicht. „Sag mal, stimmt es, dass du im Frühjahr nicht mehr mitspielst?"

Draco wand den Kopf und sah ihn an.

„Meinst du Quidditch?"

„Ja. Ich hab neulich gehört, wie Notts und Zabini sich darüber unterhalten haben."

Draco nickte leicht.

„Ich hab dem nie so viel abgewinnen können wie du. Es macht mir keinen wirklichen Spaß."

„Schade. Ich hab gern gegen dich gespielt."

„Hör auf. Das ist doch glatt gelogen!"

Harry lachte.

„Ja. Vermutlich hast du Recht."

Eine Weile waren beide wieder still und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Schließlich hielt Harry es nicht mehr aus.

„Können wir vielleicht... wegen gestern... drüber reden, mein ich...?"

„Ich denke, das sollte wir wohl."

„Was denkst du?"

Draco zuckte wieder leicht mit den Schultern.

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht."

„Bereust du es?"

„Nein. Auf keinen Fall. Es... hat mir gefallen... Sehr." Er sah Harry nicht an und versucht die plötzliche Hitze in seinem Gesicht zu ignorieren. Dadurch entging ihm das erleichterte, glückliche Lächeln, dass sich auf dem Gesicht des Gryffindor ausbreitete.

„Was ist mit dir?"

„Was soll mit mir sein? Ich hab dich immerhin wochenlang verfolgt, schon vergessen?" Harry lachte leise und rutschte dann vorsichtig näher, bis seine Hand ganz leicht Dracos berührte.

Der hob den Kopf und sah ihn an.

„Und was bedeutet das jetzt?"

„Auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt vollkommen blöde klingt... Ich wäre gern dein Freund. Richtig mein ich..."

Draco lächelte.

„Du bist süß, weißt du das?"

„Das hast du gestern schon gesagt. Was denkst du? Meinst du, dass das klappen könnte?"

„Du und ich?"

„Ja?"

„Ich weiß nicht. Aber es gibt nur einen Weg das herauszufinden, oder?"

Harry grinste schief.

„Möchtest du es versuchen?"

Draco hob die Hand und berührte mit kühlen Fingern sacht Harrys warmes Gesicht.

„Ja. Ich würde es mir niemals verzeihen, wenn nicht."

Einen Moment lang sah Harry ihm tief in die Augen, ließ sich in ihr silbernes Feuer fallen. Dann beugte er sich vor und schmiegte seinen Mund sacht gegen Dracos Lippen.

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25. November – Hogsmeade

„Mensch Harry. Ich kann immer noch nicht glauben, dass du tatsächlich hier bist. Bei uns. Mit uns zusammen in Hogsmeade. Nicht unauffindbar verschwunden. Es ist echt Wahnsinn!"

„Jetzt hör schon auf, Ron."

„Warum? Stimmt doch. Du bist seit Wochen ständig verschwunden. Immer, wenn wir was unternehmen wollen, bist du unauffindbar. Und weigerst dich zu erzählen, wo du dich immer rumtreibst."

Ron sah hilfesuchend zu Seamus.

„Ronnie hat Recht, Kumpel. Du bist echt schwerer zu erwischen als ein Hasenfurz im Sturm."

„Oh, netter Vergleich, Seamus. Sehr charmant."

Seamus grinste.

„Du weißt, was ich meine. Wenn man dich sucht, bist du verschwunden. Du könntest uns wenigstens sagen, wer er ist."

„Was für ein ‚er'?"

Harry gab sich alle Mühe gelangweilt zu klingen, auch wenn sein Herz raste. Bisher wusste niemand von ihm und Draco. Sah man einmal von Ginny und Hermine ab, aber es war praktisch unmöglich ein Geheimnis vor den beiden zu haben. Und Harry hatte noch immer nicht den Mut aufgebracht es zu erzählen. Nicht solange es noch so neu war. Es waren noch keine vier Wochen seit dem Halloween-Ball vergangen. Und noch immer konnte er nicht so richtig fassen, was passierte. Er hatten in den letzte Wochen jede freie Minute mit Draco verbracht. Irgendwie schafften sie es immer, einen unbeobachteten Platz zu finden. Sie hatten stundenlang geredet. Über alles und jeden. Und dabei festgestellt, dass es sehr viel Gemeinsamkeiten gab. Um genau zu sein mehr Gemeinsamkeiten, als Dinge, die sie unterschieden. Und diese Unterschiede schienen auf einmal nicht mehr so gravierend, wie noch vor einem Jahr. Wenn sie nicht redeten, küssten sie sich oder hielten sich im Arm. Harry wäre gerne weiter gegangen, aber Draco war noch nicht so weit. Und da Harry wusste, dass sein neuer Freund vorher noch nie mit einem Jungen zusammen gewesen war, hielt er sich zurück. Er wollte nicht alles kaputt machen, nur weil er zum falschen Zeitpunkt zu weit ging. Dafür würde später noch genug Zeit sein. Und Harry war sich inzwischen sehr sicher, dass es ein Später geben würde. Allerdings würde er es seinen Freunden früher oder später erzählen müssen. Hogwarts war groß, aber nicht groß genug, um so ein Geheimnis ewig für sich zu behalten. Ganz abgesehen davon, dass Harry gerne jedem erzählt hätte, wie verliebt er war. Aber im Moment war es gut, so wie es war.

„Harry Potter! Ich rede von dem Kerl, mit dem du die letzten vier Wochen ständig zusammen warst."

Ron runzelte die Stirn.

„Wie kommst du darauf, dass Harry mit jemandem zusammen ist? Das würde er uns doch erzählen!"

„Nicht unbedingt. Ich würde es auch erst mal für mich behalten, wenn ich einen Freund hätte. Bei euch Hyänen."

Harry sah Dean dankbar an.

„Seit wann stehst du auf Kerle, Dean-o?"

„Das war ein Beispiel, Seamus. Und das weißt du auch!"

„Ja? Weiß ich das? Oder hast du ein kleines Geheimnis, dass du mit uns teilen willst? Und was ist mit dir Nev? Du grinst heute schon den ganzen Tag wie ein Kater, der in einen Topf Sahne gefallen ist."

„Hm?" Neville hob verträumt den Kopf. Seamus verdrehte die Augen.

„Hoffnungslos. Irgendwie sind alle verknallt im Moment. Ron und Herm. Harry und Mr. X. Jetzt auch noch Nev und Gin. Dean, mein Alter, wir müssen uns ranhalten. Welches Huhn gefällt dir denn?"

„Neville und Gin? Welche Gin?"

„Ronnie. Den Namen deiner Schwester solltest du aber kennen."

„Ginny? Ihr redet von Ginny? Longbottom! Was hast du mit meiner Schwester gemacht?"

Ron sah aus, als wollte er Neville schlagen. Der schien das gleiche zu denken, denn er ging hinter Seamus in Deckung.

„Du meine Güte, Weasley! Jetzt komm mal wieder runter. So neu ist das ja wohl auch nicht."

„Ja, aber sie ist meine kleine Schwester! Sie ist zu jung für einen festen Freund!"

„Ja genau. Und was ist mit den Freunden, die sie schon hatte?"

„Wer?"

Harry blendete die Stimmen seiner Freunde aus. Diese Diskussion hatte er schon einmal zu oft gehört. Ron war ein guter Freund und für jeden Unsinn zu haben. Aber wehe, es ging um seine kleine Schwester... die sich gerade in diesem Moment mit Draco unterhielt. Harry sah mit entsetzter Faszination, wie Ginny und Hermine sich seinem Freund näherten und auf ihn einredeten und dann mit ihm fortgingen. Einen Moment kämpfte er gegen den Drang an, ihm zur Hilfe zu kommen. Was hatten die beiden jetzt wieder vor?

--

„Hallo Malfoy."

„Granger."

„Können wir mal mit dir reden?"

Draco sah Ginny misstrauisch an.

„Worüber?"

„Wirst du sehen. Komm einfach mit."

Draco runzelte leicht die Stirn, dann folgte er den beiden Mädchen. Sie liefen die Straße hinunter und betraten ein kleines Café, ein Stück von der Hauptstraße und dem üblichen Revier der Hogwarts-Schüler entfernt.

Hermine deutete auf einen kleinen Tisch in einer Nische.

„Da drüben?"

„Ja." Ginny zog ihre Jacke aus. „Ist heiße Schokolade ok für euch?"

Hermine nickte.

„Malfoy?"

Draco sah zwischen den beiden Mädchen hin und her, nickte dann ebenfalls. Er setzte sich Hermine gegenüber, während Ginny zum Tresen ging, um ihre Getränke zu bestellen.

„Verratet ihr mir mal, was das soll?"

„Gleich. Warte, bis Ginny wieder da ist."

Sie kehrte kurz darauf mit drei großen Tassen zurück, aus denen süß duftender Dampf aufstieg.

„Schade, dass es noch nicht geschneit hat. Heiße Schokolade und Schnee gehören einfach zusammen."

„Habt ihr mich hierher geschleppt um über heiße Schokolade zu reden?"

Ginny setzte ihre Tasse ab und sah Hermine kurz an. Die nickte.

„Also hör zu. Wir wissen, dass wir vielleicht einen etwas seltsamen Weg wählen, aber wir haben dir einen Vorschlag zu machen."

„Und zwar?"

Hermine faltete die Hände auf der Tischplatte und musterte Draco eingehend.

„Wir wissen von dir und Harry."

Draco nickte.

„Das hat er mir erzählt."

„Ja. Und wir haben euch in den letzten Wochen im Auge behalten. Harry hat dich sehr gern und du ihn anscheinend auch."

„Und?" Dracos Stimme klang herausfordernd.

Hermine lachte leise.

„Nichts und. Es ist schön, dass er jemanden gefunden hat, den er mag. Dass das ausgerechnet du sein würdest konnte keiner ahnen. Aber es ist ok. Nicht dass wir überhaupt etwas zu sagen hätten in der Angelegenheit."

Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

„Wie nett und zuvorkommend von euch."

In Ginnys Augen blitzte der Schalk.

„Ja, so sind wir. Jedenfalls. Wir würden dir gerne ein Friedensangebot machen."

„Bitte?"

„Wir müssen nicht gleich die besten Freunde werden. Aber wir würden gern versuchen unsere früheren... Differenzen zu begraben. Wenn du auch dazu bereit bist. Ehrlich gesagt bin ich die Streitereien leid. So wie es in diesem Schuljahr bisher gelaufen ist, gefällt es mir viel besser. Ruhig und friedlich. Ich denke, wenn wir uns etwas Mühe geben, könnten wir uns verstehen."

Draco musterte die beiden Mädchen nachdenklich. Das war eine Überraschung. Sie boten ihm gerade ihre Freundschaft an. Nur weil er mit Harry zusammen war? Vermutlich. Er war sich nicht im Klaren gewesen, dass die Beziehung zu Harry ihm neue Freunde bringen würde. Aber warum eigentlich nicht? Diese beiden waren interessanter als die meisten Mädchen die er kannte.

Ginny grinste.

„Nach allem, was Harry uns erzählt hat, werden wir uns bestimmt gut vertragen."

Draco erwiderte das Grinsen.

„Wir werden sehen. Einen Versuch ist es allemal wert. Also Frieden?"

Er streckte Hermine seine rechte Hand hin. Sie sah ihn kurz an und nahm dann die Hand.

„Frieden."

Ginny lachte, als auch sie seine Hand nahm.

„Schade eigentlich, dass Ron mich jetzt nicht sieht. Er würde glatt tot umfallen."

--

„Was wollten die Mädels von dir? Tut mir leid, dass ich sie nicht aufhalten konnte."

„Ach, mach dir keine Gedanken. Sie wollten Frieden schließen."

„Sie wollten...? Ach du meine Güte... Und?"

„Sieht so aus, als hätte ich zwei neue Freundinnen. Irgendwie scheinen ich in letzter Zeit magnetisch auf Gryffindors zu wirken."

„Scherzkeks."

Sie küssten sich sanft. Dann stützte Harry sich auf einen Ellbogen.

„Und?"

„Was und?"

„Wie findest du das?"

„Die Mädchen? Es gefällt mir irgendwie. Ginny ist ein altes Lästermaul, aber wir haben uns sehr gut unterhalten."

„Wirklich? Ich meine, ihr habt euch verstanden?"

„Ja. Erstaunlicherweise. Ich denke, es könnte klappen. Schade eigentlich."

„Was? Dass du die beiden magst?"

„Nein. Dass ich da nicht schon früher drauf gekommen bin."

„Oh ja."

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18. Dezember – Hogsmeade

„Kommt die jetzt bald mal da raus? Wir haben noch was anderes vor!"

„Ich geh sie holen."

„Draco Malfoy! Untersteh dich! Es ist schwer genug Hermine aus dem Buchladen zu kriegen. Euch beide, ist praktisch unmöglich."

Draco lachte.

„Ich könnte mir die Augen zuhalten."

„Ja genau. Vor allem hältst du dir in einem Buchladen die Augen zu. Du bleibst jetzt genau hier stehen und ich hole Hermine!"

„Ja Ma'am."

Kurze Zeit später kam Ginny mit Hermine im Schlepptau wieder aus dem Laden.

„Wir wollten Weihnachtsgeschenke kaufen. Erinnert ihr euch noch? Und zwar für unsere Süßen und nicht für uns selbst, Hermine Granger!"

„Ja, ja. Aber es hätte doch sein können, dass sie ein Buch über die Chudley Canyons haben."

„Cannons."

Sie sah Draco verwirrt an.

„Was?"

„Cannons, nicht Canyons."

„Ja, wie auch immer. Dieser Quidditchkram halt."

„Die sind zu schlecht. Über die gibt es keine Bücher."

„Und vor allem nicht im Regal mit den Geschichtsbüchern." Ginnys braune Augen blitzten. „Hast du schon ne Idee für Harry?"

„Nicht wirklich."

„Schön. Dann sind wir uns also einig, dass wir heute jeder ein Geschenk für unseren jeweiligen Freund kaufen wollen. Und wir haben alle drei keine Ahnung. Ich bin begeistert. Und wir haben nur noch ne Woche."

Drei Wochen war es her, dass Hermine und Ginny ihr Friedensangebot gemacht hatten. Drei Wochen, in denen sich das Verhältnis der drei neuen Freunde rapide verändert hatte. Besonders Draco und Ginny schienen sich gesucht und gefunden zu haben. Harry und Neville saßen oft genug kopfschüttelnd daneben und versuchten vergeblich ihren Unterhaltungen einen Sinn zu verleihen. Es war Ginny gewesen, die vor einer Woche ein Vierer-Date vorgeschlagen hatte. Harry war etwas mulmig gewesen, wie Neville wohl auf seinen Freund reagieren würde. Aber abgesehen von einem Ausdruck milder Überraschung hatte Neville sich nichts anmerken lassen.

Und mittlerweile war Neville nicht mehr der Einzige, der von der Beziehung wusste. Eine Menge Leute hatten Harry und Draco inzwischen zusammen gesehen. Manche durch Zufall, andere, weil es die beiden einfach nicht gekümmert hatte, ob sie es wussten oder nicht. Hogwarts' Gerüchteküche brodelte. Erst als Harry seinem Freund mitten der Eingangshalle einen Kuss gab, machte das den Gerüchten ein Ende. Und erstaunlicherweise schien es die wenigsten zu stören, nachdem sie den ersten Schock überwunden hatten. Leider gehörte Ron nicht zu dieser Mehrheit. Er hatte Harry klipp und klar gesagt, dass er einen Riesenfehler machte, und dass Malfoy etwas Hinterhältiges plante. Harry hatten ihn ausgelacht. Innerlich machte er sich darauf gefasst, dass sein bester Freund vielleicht niemals darüber hinweg kommen oder Draco akzeptieren würde. Draco selbst machte das nicht viel aus. Und da Ron sich mit Kommentaren zurückhielt, war trotzdem alles friedlich.

Ginny legte den Kopf schief und sah Draco an.

„Bind dir ne Schleife um den Hals und leg dich auf sein Kopfkissen."

„Lustig."

„Das war mein Ernst."

„Warum machst du das dann nicht selbst?"

„Weil Beziehungen zwischen Männern und Frauen anders laufen als Beziehungen zwischen Männern und Männern."

Draco lachte spöttisch.

„Oh bitte."

„Wirklich."

„Dann erleuchte uns mal, oh Weiseste aller Weisen."

„Na, Männer kommen schneller zur Sache, wenn ich das mal so formulieren darf."

„Wo steht das denn?"

„Das ist ja wohl allgemein bekannt."

„Ja? Ich hör davon zum ersten Mal."

„Aber du und Harry, ihr habt doch schon, oder?"

„Was? Du sprichst so undeutlich, ich kann dich gar nicht verstehen."

Ginny lachte.

„Jetzt komm schon, Draco. Erzähl's Auntie Ginny."

„Träum weiter, Tantchen. Ich werde mein Liebesleben nicht mit dir erörtern. Vor allem, da man ältere Damen nicht aufregen sollte."

„Also, diese Jugend von heute, wird auch immer frecher." Sie hakte sich bei Draco unter. „Weißt du noch in unserer Jugend, Mortimer?"

„Ja, Adelaide. Das waren noch Zeiten. Damals hatte die jungen Dinger noch Respekt."

Hermine verdrehte die Augen und folgte den beiden, die sich weiter über Rheuma, das Wetter und die unverschämte Jugend von heute unterhielten.

„Ihr solltet mit der Nummer auftreten."

„Mir stünde jetzt der Sinn nach einer schönen Tasse Fliedertee."

„Aber meine Liebe! Doch nicht um diese Uhrzeit! Was sollen die Leute denken?"

Ginny blieb plötzlich stehen.

„Oh seht euch das an... ein Taschenlexikon für Wiesenkräuter. Da steht ja praktisch ‚Neville' drauf!"

„Sehr romantisch ist das aber nicht."

„Ach, Schnickschnack! Er wird sich darüber freuen, das ist die Hauptsache."

Ginny ließ Dracos Arm los und verschwand in dem kleinen Laden. Fünf Minuten später kam sie mit einem Päckchen unter dem Arm wieder raus.

„So, ich bin fertig!"

„Gut. Dann kannst du ja jetzt Hermine und mir helfen."

„Weißt du... ich könnte dir ja sagen, was Harry für dich hat... vielleicht hilft dir das. Aber das wäre wohl nicht seht nett. Vor allem, da ich Harry versprochen habe, es für mich zu behalten. Es ist aber wirklich sehr schön. Du freust dich bestimmt."

Draco sah Ginny drohend an.

„Hör auf, mich zu ärgern. Sonst kommst du in die Suppe."

„Hm. Chinesisch." lachte Hermine.

„Ja. Wiesel süß-sauer."

„Ginny, Harry dreht dir den Hals um, wenn du petzt."

„Ja. Weiß ich doch. Außerdem wäre das wohl kaum sehr nett. Immerhin ist es ihr erstes Weihnachten. Als Paar. Hach, das ist so süß."

Draco verdrehte die Augen.

„Jetzt fang nicht wieder damit an."

„Ich sag nur die Wahrheit. Ihr seid zum Umfallen niedlich, weißt du das eigentlich?"

Hermine zog eine Augenbraue hoch und sah Draco an.

„Ich halt sie fest und du verhaust sie, einverstanden?"

„Gute Idee."

--

Irgendwann schafften es Hermine und Draco dann doch noch etwas passendes für ihre Freunde zu finden. Pünktlich um fünf trafen sie sich mit Neville und Harry im Café. Ron lag mit einer dicken Erkältung im Bett.

„Na. Seid ihr erfolgreich gewesen?"

Harry küsste Draco sanft auf den Mund und versuchte dabei in die Tasche zu linsen.

„Vergiss es, Potter. Du wirst noch ein paar Tage warten müssen."

„Ist es etwas Schönes?"

„Vielleicht."

„Was denn?"

„Keine Chance."

„Oh komm schon. Wenigstens ein Tipp."

„Na gut. Es ist ein Pony. Zufrieden?"

„Oh, ich hab mir schon immer ein Pony gewünscht."

„Tja, das hab ich gewusst. Aber du kriegst es nur, wenn du regelmäßig Gassi gehst."

„Na gut."

Neville wirkte etwas verwirrt.

„Kriegt er jetzt echt ein Pony?"

Draco verdrehte die Augen.

„Klar. Und einen Konzertflügel. Hab ich alles hier in der Tasche."

„Jetzt sag nicht, ich muss auch noch Klavierstunden nehmen?"

Ginny sah auf die Uhr.

„Schon zehn nach fünf. Mortimer? Ist es jetzt Zeit?"

„Zeit? Oh ja. Jetzt kannst du Fliedertee trinken, Adelaide."

Harry lachte.

„Fliedertee? Wovon redet ihr?"

Hermine seufzte.

„Frag nicht. Die haben heute wieder nen Clown gefrühstückt."

„Nein, mir scheint eher, es war ein Hofnarr, nicht wahr, Mortimer?"

„Indeed, Honey. Dabei liegen mir die Schellen immer so schwer im Magen."

Hermine warf Harry einen resignierten Blick zu.

„Ich fange langsam an zu glaube, dass es der größte Fehler meines Lebens war, die beiden zusammen zu bringen."

„Die Reue kommt zu spät."

„Ja. Ich fürchte auch. Wir haben ein Monster geschaffen und werden wohl damit leben müssen."

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24. Dezember – Gryffindor

„Bist du sicher, dass das ok ist, Harry?"

„Ja. Mach dir keine Gedanken. Außer uns ist kein Mensch hier. Die anderen sind alle über die Ferien nach Hause gefahren. Du und ich sind die einzigen hier."

Draco und Harry saßen im Schlafsaal der Siebtklässler auf dem Fußboden vor dem Kamin. Wie gewöhnlich in den Weihnachtsferien drückte Professor Dumbledore und mit ihm alle anderen Lehrer beiden Augen zu, wenn es darum ging, wer sich in welchem Haus aufhielt. Zumindest, was die Schüler der beiden letzten Jahrgänge anging.

Harry streichelte sacht über Dracos Wange und küsste ihn dann.

„Es ist schön, dass du hier bist."

„Mhm."

„Und? Bereust du unser Experiment schon?"

Draco lächelte sanft.

„Ja. Unheimlich." Er ließ seine Finger zwischen Harrys gleiten und erwiderte dann den Kuss.

„Ich hab ja nichts gegen unsere Bank, aber hier drin ist es wesentlich bequemer."

„Die Bank wird im Frühling schön sein."

„Oh ja... Den Gedanken sollten wir uns merken."

Harry stricht behutsam durch die weichen, blonden Haare.

„Ich mag deine Haare."

„Nur meine Haare?"

Harry lehnte sich leicht zurück.

„Naja. Dein rechtes Ohr hat auch einigen Charme."

Draco lachte.

„Blöder Kerl."

„Du bist so schön..."

Sanfte Röte färbte die blassen Wangen.

„Nicht..."

„Aber es stimmt. Schön und klug und lieb. Manchmal."

Draco versetzte ihm einen spielerischen Klaps.

„Hey. Ich bin immer lieb." Er grinste schief. „Naja, meistens."

Eine Weile küssten sie sich zärtlich. Es war still im Zimmer, bis auf das leise Knacken des Feuers. Dann seufzte Harry leise und zufrieden.

„Dieses Jahr hat gute Chancen, das schönste Weihachten in meinem bisherigen Leben zu werden."

„Ja... für mich auch."

„Wann darf ich eigentlich mein Pony auspacken?"

„Morgen. Wie es sich gehört. Wir fangen hier keine neumodischen Sitten an, Mr. Potter."

Harry machte einen Schmollmund. Dann sah er Draco tief in die Augen.

„Bleibst du? Heute Nacht, mein ich? Es sind genug Betten da. Und ich würde es schön finden, mit dir aufzuwachen."

Draco lächelte.

„Gerne. Aber ich werde nicht in Weasleys Bett schlafen."

Harry lachte.

„Ich glaube, Ron wird das zu schätzen wissen."

Draco stand auf.

„Welches ist deins?"

„Das am Fenster. Das ganz linke."

„Das hier?"

„Ja."

Draco setzte sich auf die Bettkante und grinste.

„Meins."

Harry sprang auf.

„Von wegen!"

Er warf sich auf sein Bett und fing an Draco zu kitzeln. Nach ein paar Minuten schnappte der Slytherin lachend nach Luft.

„Hör auf! Ich krieg keine Luft mehr!"

„Ergibst du dich?"

„Niemals!"

„Dann muss ich leider mit der Folter fortfahren."

„Na gut! Ich geb auf! Du hast gewonnen."

Harry ließ die Hände sinken und sah mit leuchtenden Augen auf Draco hinunter, der mit zerzaustem Haar und geröteten Wangen auf dem Rücken lag.

Draco erwiderte den Blick. Dann hob er die Hände und zog Harrys Gesicht zu sich. Der Kuss war lang und tief und ließ sie beide etwas atemlos zurück.

„Vielleicht hast du ja noch ein bisschen Platz in deinem Bett?" Dracos Stimme war leise und eine vage Unsicherheit schwang darin mit.

Harry verstand die wahre Bedeutung der Frage und seine Augen weiteten sich.

„Bist du sicher?"

„Nein. Um ehrlich zu sein, hab ich Angst. Aber daran wird sich wohl auch niemals etwas ändern. Ob heute oder in sechs Monaten..."

„Draco..."

„Sshht. Sag jetzt bitte nicht, dass du warten wirst, bis ich soweit bin. Das weiß ich. Und ich bin dir dankbar. Das Problem ist, dass ich nicht weiß, ob ich jemals soweit sein werde."

„Gibt es einen Grund, warum du dich so sehr fürchtest? Liegt es daran, dass ich kein Mädchen bin?"

Draco lächelte und küsste Harry sanft.

„Nein. Oder vielleicht doch. Ich weiß nicht. Es hat nichts mit dir persönlich zu tun. Es ist einfach der Gedanke, etwas zu tun, das ich nicht kontrollieren kann..."

Harry kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum.

„Willst du dann vielleicht...?"

„Himmel nein! Ich wüsste überhaupt nicht, was ich tun soll. Nein... so ist es schon ok. Und ich weiß, dass du es nicht wirklich gerne andersherum haben wolltest."

Harry errötete leicht.

„Tut mir leid."

„Muss es nicht. Wie gesagt. Es ist ok so. Ich hab in den letzten Tagen oft darüber nachgedacht. Ich will es, Harry... Ich hab nur Angst. Und das passt mir nicht." Er lachte. „Merlin, das klingt total bescheuert."

„Nein. Ich finde es schön, dass du mir vertrauen willst, obwohl du Angst hast. Ich werde vorsichtig sein. Und wenn es dir zuviel wird, hören wir sofort auf. Ok?"

Draco nickte leicht. Er hatte das Gefühl, dass sein Herz jeden Moment zerspringen würde.

„Du bist viel zu gut für mich, weißt du das eigentlich?"

„Unsinn. Ich hab dich nur einfach sehr sehr lieb... und möchte, dass es dir gut geht."

„Genau das meine ich."

Harry lächelte wieder.

Statt einer Antwort beugte er sich wieder über Draco und verschloss seine Lippen mit einem langsamen, tiefen Kuss...

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25. Dezember – Gryffindor

Draco wurde früh am nächsten Morgen wach. Einen Moment lang wusste er nicht wo er war und es war ihm auch egal. Er trieb zwischen Wachen und Träumen und genoss die Wärme die ihn umgab, die Wärme eines anderen Körpers, der eng an seinen geschmiegt war. Ein leises Lachen neben sich brachte ihn vollends in die Wirklichkeit. Er schlug die Augen auf und sah sich Harrys lächelndem Gesicht gegenüber.

„Guten Morgen."

Draco gähnte verstohlen.

„Morgen. Wie spät ist es?"

„Gleich neun."

„So früh? Ich hab das Gefühl, ewig geschlafen zu haben."

Harry küsste ihn sanft auf die Stirn.

„Wie fühlst du dich?"

„Ein bisschen seltsam. Aber alles in allem gut."

„Das freut mich. Tut dir irgendetwas weh?"

„Nein."

Draco schmiegte sich enger an den warmen Körper.

„Es geht mir gut."

Harry lächelte in die blonden Haare. Eine Weile lagen sie einfach nur da. Dann grinste Harry.

„Darf ich jetzt mein Pony auspacken?"

„Noch nicht."

„Warum nicht?"

Draco zog Harrys Gesicht zu sich und küsste ihn zärtlich.

„Darum."

Der Kuss dauerte eine scheinbare Ewigkeit. Als sie sich wieder voneinander lösten, leuchteten ihre Augen.

„Frohe Weihnachten, Harry."

„Frohe Weihnachten."

The End.

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A/N: Ich wünsch euch allen Frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr.

Ich bin schon gespannt, was meine Muse mir nächstes Jahr so alles einflüstert. Ich hoffe, sie wird fleißig sein.

Alles Liebe

Eure Yulah.

P.S. Die Geschenke hab ich absichtlich weggelassen, weil mir beim besten Willen nichts gescheites eingefallen ist. Entweder zu persönlich für zwei Monate Beziehung oder zu nichtssagend. Und bevor jemand fragt: Nein, Harry bekommt kein Pony. Und auch kein Klavier. ;o)

P.P.S. Liebe Grüße und Frohe Weihnachten auch von Bert. Mal sehen, ob er beim nächsten Mal wieder dabei ist.

kuss

Y.N.