Tada! Da bin ich wieder! Nach fast einem Jahr Pause hat meine Muse endlich zu mir zurück gefunden. Und womit könnte ich besser weitermachen, als mit meiner ersten Geschichte.
Das letzte Jahr war ein bisschen chaotisch bei mir und ich bin einfach nicht zum schreiben gekommen. Mal davon abgesehen, dass meine Muse sich einfach nicht hat blicken lassen. Ich hoffe, in Zukunft wird sie wieder etwas zuverlässiger sein, zumal ich euch ja noch ein gewisses Sequel versprochen hatte...
Aber jetzt erst mal viel Spaß mit der ersten Hälfte von Christmas Tears Teil 4.
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Christmas Tears Part IV - Memories Chapter I
Hogsmeade, 18. August 2004
Die Sonne hing gleißend hell am bleichen Sommerhimmel und ließ die Luft über dem kleinen Garten flimmern. Harry Potter hatte sich vor der Hitze in den Schatten der alten, knorrigen Weide am Rand des Gartens geflüchtet. Selbst hier, den Strahlen der Sonne entzogen, vollkommen reglos und mit nichts bekleidet als abgeschnittenen Jeans und einem ärmellosen Shirt schimmerte ein leichter, feuchter Film auf seiner Haut. Eigentlich hatte er einen Brief schreiben wollen, aber das Pergament lag zusammengerollt in seinem Schoß, die Feder hing vergessen zwischen seinen Fingern. Sein Blick und seine Gedanken waren auf nichts bestimmtes gerichtet. Er saß einfach nur da und verträumte den Tag. Vögel sangen träge in den Zweigen des Baumes und dicke zufriedenen Hummeln flogen gemächlich von Blüte zu Blüte. Isis, die rabenschwarze Katze döste auf den Stufen zur Veranda in der Sonne.
Der Garten war winzig - "Anderthalb Handtücher und eine Flasche Sonnenmilch" wie Draco stets behauptete um dann mit einem Grinsen hinzuzufügen "und ein halbes Sandwich, wenn man zusammenrückt" - aber mit sehr viel Liebe gepflegt. So sehr Harry die erzwungene Gartenarbeit bei den Dursleys gehasst hatte, so sehr liebte er seinen eigenen Garten. Und er wusste sehr genau, dass auch sein spitzzüngiger Hausdrache sich sehr wohl fühlte hier. Nun ja... vielleicht nicht im Moment. Harry grinste vor sich hin. Im Sommer war Draco nicht für Geld und gute Worte dazu zu bewegen das Haus in der Mittagshitze zu verlassen. Vermutlich hätte ihn höchstens die Androhung körperlicher Gewalt herauslocken können. Und soweit wollte Harry dann doch nicht gehen. Er wusste, dass sein Freund - das Wort "Ehemann" kam ihm trotz allem immer noch sehr merkwürdig vor - in diesem Moment sehr wahrscheinlich mit seinem Buch auf der Couch eingedöst war. Draco liebte den Winter wenn der Garten frostüberhaucht unter einer weichen Schneedecke schlief. Wenn Fußspuren in der weißen Kälte den Weg von Kaninchen, Eichhörnchen und Wintervögeln im Garten zeigten. Und von Pinguinen. Aus irgendeinem Grund, der Harry ein ewiges Rätsel bleiben würde, behaupteten Draco und Ginny seit dem vorletzten Winter immer wieder einen Pinguin im Garten zu sehen. Ein sehr kommunikatives Tier mit Pudelmütze und Teetasse. Ein Vogel namens Bert. Jede Unterhaltung der beiden schloss die Frage nach dem Wohlbefinden und dem derzeitigen Verbleib des Pinguins ein. Sie hatten inzwischen regelrechte Epen um diesen berühmt-berüchtigten Vogel gesponnen und irgendwann selbst den Überblick verloren, wenn sie das auch nie im Leben zugegeben hätten. Harry ertappte sich bei der Frage, was der für ihn bisher unsichtbar geblieben Bert wohl bei der momentanen Hitze machte.
Das leise Quietschen des Gartentores unterbrach seine Gedanken und ließ ihn aufblicken. Bisher hatte er jeden gutgemeinten Hinweis doch mal die Angeln zu ölen geflissentlich ignoriert. Er mochte das Quietschen. Es gehört dazu. Er beschirmte die Augen mit der flachen Hand und sah Ron, der langsam über den schmalen Plattenweg schlappte, um sich dann mit einem erleichterten Grunzen ins weiche Gras neben Harry fallen zu lassen.
"Wasser..."
Harry lachte. "Man könnte meinen, du hättest gerade mindestens die Sahara durchquert." Er reichte seinem besten Freund die Wasserflasche, die neben ihm im Gras gelegen hatte.
Ron trankt hingebungsvoll und ließ sich dann gegen den rauen Stamm der Weide sinken. "Merlin, MUSS das so heiß sein?" Er betrachtete kritisch seinen nackten Arm. "Die jährliche Sommersprossenzucht ist eröffnet. Wenn das so weitergeht ende ich noch als einzige Riesensommersprosse!" Er sah sich im Garten um. "Wo ist der Fürst der Finsternis?"
Harry grinste. "Graf Dracola? Der liegt noch in seinem Sarg. Du weißt doch, er behauptet, dass er zu Staub zerfällt, wenn er im Sommer rausgeht."
"Kann man's ihm verdenken? Ich meine, du und Hermine, ihr braucht nur 'Sonne' auf ein Blatt Papier zu schreiben und schon seid ihr braun. Draco sieht nach fünf Minuten aus wie ein gekochter Hummer und fängt an sich zu häuten - Slytherin halt - und ich mutiere zum Streuselkuchen."
"Dann lass uns ins Haus gehen, bevor du dich noch vor meinen Augen auflöst. Das können wir ja nicht verantworten." Harry sammelte seine Sachen zusammen und stand auf. Ron warf ihm einen waidwunden Blick zu und ließ sich unter lautem Ächzen und Stöhnen auf die Beine helfen.
"Alles klar, Grandpa? Oder soll ich besser einen Rollstuhl besorgen?"
"Ja, ja, ja... lästere du nur! Du bist zuviel mit Malfoy zusammen. Das färbt ab!"
"Ich werd's mir merken." Harry lachte und ging ins Haus. "Baby, ich muss ausziehen. Ron meint, ich bin zuviel mit dir zusammen."
Dracos hellblonder Kopf tauchte auf der Armlehne der Couch auf. "Wem erzählst du das, wenn ich nicht hier bin? Schreibst du mir dann?" Er sah Ron grinsend an. "Tag Pünktchen."
Ron streckte ihm die Zunge raus. "Schnauze, du Nachtschattengewächs." Er ließ sich in einen Sessel fallen und streckte mit einem Seufzer die Beine von sich.
Harry schüttelte den Kopf. "Sieh dir unseren Freund Ron nochmal gut an Jinx, er wird nämlich demnächst das Zeitliche segnen. Er ist genauso eine Kellerassel wie du, wenn es um die Sonne geht."
Draco setzte sich auf und sah Harry betont hochmütig an. "Ich bevorzuge halt die vornehme Blässe. Davon hast du Fußvolk natürlich keine Ahnung."
"Ja, ja. Ich Fußvolk geh dann mal was zu trinken holen für die edlen Herren."
Ron sah Harry kurz nach, wandt sich dann an Draco. "Und? Wie geht's Bert?"
Draco zog eine Augebraue hoch und einen Moment herrschte vollkommene Stille, abgesehen von Harrys Gläserklappern in der Küche, dann schlug Ron die Hand vor die Stirn, als seine Frage sein Gehirn erreichte.
"Himmel, jetzt fang ich auch schon damit an!"
Dracos lautes Lachen lockte Harry wieder ins Wohnzimmer.
"Was ist passiert?"
"Ich hab nach Bert gefragt... Harry! Dieser dusselige Pinguin ist ansteckend!"
"Ja. Das ist eine ernstzunehmende Krankheit. Nach einem Heilmittel wird noch geforscht." Harry setzte sich zu Draco auf die Couch.
Draco grinste. "Warte ab, bis die Spätfolgen einsetzen. Es ist grauenvoll."
Harry dachte an seinen eigenen Gedankengang vor nicht mal einer halben Stunde und zog es vor lieber zu schweigen.
"Und was hat dich bei dieser Hitze aus deinem Bau getrieben, Wieselchen?"
"Meine Frau. Sie macht mich WAHNSINNIG! Schwangere gehören eingesperrt. Hermine ist normalerweise eine durchaus vernünftige Person, aber seid sie dieses Kind mit sich herumträgt ist sie absolut unzurechnungsfähig. Ich wollte erst zu Neville fliehen, aber der ist ja auf dem besten Weg zum Vater des Jahrtausends und kennt kein anderes Thema mehr. Und Ginny ist mit ihrem Zwerg bei meinen Eltern. Ihr seid die einzigen, bei denen ich mir sicher war, dass ihr euch nicht über Windeln und Babybrei unterhaltet."
"Ich dachte du freust dich auf das Baby, Ron."
"Ja... tu ich ja auch... aber ich will nicht den ganzen Tag darüber reden, noch bevor das Kind überhaupt da ist... ich meine, SO was außergewöhnliches ist das nun auch wieder nicht."
Draco zuckte mit den Schultern. "Mir musst du das nicht sagen. Meine Elterninstinkte, sollten sie jemals vorhanden gewesen sein, haben schon vor langer Zeit beschlossen, dass es sich nicht lohnt und sind getürmt."
Harry schüttelte den Kopf. "Also wisst ihr... Manchmal... Es ist doch nur natürlich, dass Hermine sich auf ihr erstes Baby freut!"
"Ja. Darf sie ja auch. Und Ronnie wird auch ein braver Wieselpapa sein, wenn es erst mal so weit ist. Da besteht kein Zweifel. Das liegt in den Genen."
Ron rutschte etwas tiefer in den Sessel. "Ich will aber keine sieben Kinder!"
"Nicht? Keine eigene Quidditchmannschaft?"
"Na herzlichen Dank! Aber bei Quidditch fällt mir ein, habt ihr auch einen Brief aus Hogwarts gekriegt?"
Harry zog die Beine an. "Nö. Sollten wir?"
"Dann kommt der bestimmt noch. Vielleicht werden die alphabetisch rausgeschickt."
Draco zog eine Augebraue hoch. "Und wie wir alle wissen, kommt das W im Alphabet lange vor dem P oder dem M."
Ron blinzelte und überlegte kurz. "Sie fangen hinten an."
"Ah ja. Das erklärt natürlich alles."
"Das ist die Hitze. Da wird das Gehirn zu Quark."
"Was ja bei einigen Personen, die ich kenne, keinen großen Unterschied macht."
"Meinst du mich damit, Malfoy?"
"Hab ich das gesagt, Weasley?"
"Nein. Aber gedacht."
"Oh, faszinierend. Du kannst Gedanken lesen. Verrätst du uns jetzt, was drin steht in deinem Brief oder müssen wir raten? Harry, dein Freund ist anstrengend."
"Harry, dein Mann ist frech zu mir."
"Jungs, prügelt euch. Aber lasst mich da raus."
"Wollen wir uns prügeln, Weasley?"
"Ach ne... ist zu heiß. Später vielleicht."
Harry verdrehte die Augen. "Und was steht jetzt drin im Brief?"
"Ach ja. Also, in Hogwarts findet demnächst irgendein Fest statt."
"Was für'n Fest?"
"Keine Ahnung. Der hundertste Jahrestag von Snapes letztem Lächeln..."
"Oder Hagrids letztem Bad," warf Draco sanft ein.
Ron warf ihm einen mörderischen Blick zu, sprach aber unbeirrt weiter:
"Was auch immer. Dumbledore findet doch dauernd einen Grund zum feiern, seit der Krieg aus ist."
"Das stimmt allerdings. Und weiter?"
"Nichts weiter. Alle ehemaligen Schüler sind eingeladen."
"Alle? Das wird aber reichlich voll. Ich meine, in tausend Jahren kommt einiges zusammen."
"Mensch, Malfoy! Du weißt genau, was ich meine!"
Draco grinste. "Nein. Ich kann ja nicht hellsehen wie du."
Harry versetzte Draco einen Klaps. "Jetzt hör auf ihn zu ärgern, sonst kommen wir zu gar nichts mehr heute."
Draco warf Harry einen anzüglichen Blick zu. "Das wäre aber sehr schade."
"Oh BITTE! Sucht euch ein Zimmer!"
"Wir wohnen hier, mein Wiesel. Das sind alles unsere Zimmer. Wenn wir wollten könnten wir durchaus auf der Stelle hier..."
"Untersteht euch!"
Harry seufzte. "Oh Himmel... man sollte euch wirklich nicht länger als fünf Minuten im selben Raum lassen."
Er beobachtete Ron und Draco, die sich gutgelaunt weiter kabbelten und dachte kurz an die Zeit, in der er sich noch zwischen seinem Liebsten und seinem besten Freund hatte entscheiden müssen, weil die beiden beim kleinsten Anlass aufeinander losgegangen waren. Nicht das jetzt vollkommene Harmonie zwischen den beiden herrschte. Sie stritten sich noch immer. Stundenlang und mit wachsender Begeisterung. Aber es war kein ernstzunehmender Streit. Es war kein Hass dabei, keine Feindschaft. Es war einfach nur das Zusammenprallen zweier vollkommen unterschiedlicher Charaktere die in vollkommen verschiedenen Welten lebten. Und denen es unsagbaren Spaß machte, einander zu piesacken, auch wenn Ron dabei meistens den Kürzeren zog. Harry wusste, dass die beiden vermutlich nie wirklich Freunde sein würden. Aber das war in Ordnung. Sie akzeptierten einander und trachteten sich nicht gegenseitig nach dem Leben. Und wie Hermine sagte, solange kein Blut floss war alles in Ordnung.
"Naja, jedenfalls wird es bestimmt lustig, die Schule mal wieder zu sehen."
"Och, das kannst du aber auch gleich haben. Du brauchst nur auf den Baum im Vorgarten zu klettern, dann kannst du das Schloss sehen."
Ron warf Harry einen anklagenden Blick zu.
"Fängst du jetzt auch schon an? Ich sag doch, du bist zu viel mit dem da zusammen! Ich hab gehört, das Paare sich im Laufe der Zeit immer ähnlicher werden."
Draco schenkte Ron ein zuckersüßes Lächeln. "Heißt das, dass du jetzt endlich anfangen willst, lesen zu lernen? Ich meine, wenn du mit deiner Frau mithalten willst..."
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Später am Abend saß Harry allein auf der Veranda und genoss die letzten Sonnenstrahlen und die Stille. Ron hatte sich vor zwei Stunden wieder auf den Heimweg gemacht und kurze Zeit später war Draco ebenfalls gegangen. Er war mit Blaise verabredet und würde wahrscheinlich erst spät heim kommen. Harry lehnte sich zurück. "Wir haben das Haus den ganzen Abend für uns." teilte er den Tieren mit, die mit ihm auf der Veranda waren. Merlin lag zusammengerollt halb auf seinen Füßen und Dusty hatte es sich auf dem Tisch bequem gemacht. Die stolze Isis hielt wie immer Abstand und beäugte die Welt aus misstrauischen, bernsteinfarbenen Augen. Hermine hatte die Katze einmal als perfekte Mischung aus Harry und Draco bezeichnet. Mit ihrem schwarzem Fell ähnele sie optisch Harry und ihr stolzes, unnahbares, mitunter kratzbürstiges Wesen entspreche dem ihres Besitzers. Harry grinste. Das war eine dieser Unterhaltungen gewesen, wie Hermine, Draco und Ginny sie ständig führten. Jeder Außenstehende hielt sie für einen Haufen Verrückte. Ein Ruf, den speziell die letzteren beiden bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu verfeinern versuchten. Es war ziemlich zu Anfang ihrer Beziehung gewesen, als Harry seinen Freund darauf angesprochen hatte. Die Antwort war typisch gewesen: 'Normal ist langweilig, das kann jeder.' Eine Aussage, der Ginny vehement zugestimmt hatte.
Harry nahm die Pergamentrolle vom Tisch und überflog noch einmal die Einladung. Mit dem für Hogwarts und Dumbledore typischen Sinn für Timing war die Eule mit den Einladungen genau in dem Moment gekommen, als Ron die Vermutung anstellte, dass sie vielleicht vergessen worden waren. Dabei wäre es mehr als merkwürdig gewesen, wenn der alte Schulleiter ausgerechnet die beiden seiner ehemaligen Schüler vergessen hätte, die praktisch in seinem Vorgarten wohnten.
Harry betrachtete nachdenklich das Siegel der Schule. Ron hatte recht. Es wäre schön, Hogwarts mal wieder zu sehen, denn obwohl sie seit jetzt genau sechs Jahren in direkter Nachbarschaft der Schule lebten, war Harry nie wieder dort gewesen. Er traf Hagrid und auch die meisten der Lehrer immer mal wieder im Dorf, trank jedes Jahr zu Weihnachten mit Dumbledore im Pub Weihnachtspunsch und hatte sogar ein paar Monate lang Madame Hooch dabei unterstützt die Quidditchmannschaften zu trainieren. Aber das Schloss selbst hatte er nach seinem letzten Tag dort nie wieder betreten. Er hatte nie darüber nachgedacht. Hogwarts war immer da. Die Möglichkeit es zu besuchen bestand jederzeit. Und dennoch... er hatte diese Möglichkeit nie wahrgenommen.
Er legte die Einladung zurück auf den Tisch, zog die Beine an und ließ seine Gedanken wandern...
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Hogwarts, 30. Mai 1998
"...1705 wurde er zum ersten Mal mit dem Orden für besondere Verdienste für die Zauberergemeinschaft geehrt... 1708 bekam er dann..."
"Bringst du sie um oder soll ich?"
Ron schien die Frage wirklich ernst zu meinen. Harry grinste. Hermine tigerte jetzt seit Tagen - ununterbrochen wie es schien - im Gemeinschaftsraum auf und ab, die Augen halb geschlossen und rezitierte mit halblauter Stimme alle Fakten, die sie in den letzten sieben Jahren gelernt hatte, um sich auf die Abschlussprüfung vorzubereiten. Nebenbei trieb sie damit ihre Freunde in den Wahnsinn.
"Lass uns wenigstens bis nach den Prüfungen warten. Sonst war ihre Lernerei umsonst."
Hermines blieb stehen und funkelte die beiden Jungs streng an.
"Statt blöde Witze zu reißen, solltet ihr auch mal anfangen eure Nase in die Bücher zu stecken. Es sei denn ihr wollt unbedingt noch ein Jahr länger hier bleiben." Sie warf Harry einen durchdringenden Blick zu. "Draco lernt doch bestimmt schon, oder?"
Ron schnaubte abfällig. Harry ignorierte seinen Freund und sah Hermine an.
"Was glaubst du, warum ich bei dem schönen Wetter hier oben hocke, statt etwas mit meinem Freund zu unternehmen? Er ist, was Bücher und die Lernerei angeht genauso besessen wie du. Warum ihr allerdings lernt, ist mir ein Rätsel. Ihr seid beide klüger als der Rest von uns zusammen. Ein Kind von euch würde vor seinem 5. Lebensjahr alles wissen, was es zu wissen gibt und die Welt beherrschen."
Rons Augen wurden schmal. "Würdest du bitte nicht so ein abartiges Zeug reden? Als wenn ich zulassen würde, dass einer wie Malfoy meine Freundin anfasst!"
Harry verdrehte die Augen. "Das war ein Witz, Ron. Komm mal wieder runter. Du könntest dich ruhig mal dran gewöhnen, dass Draco zu uns gehört."
"Zu dir vielleicht. Zu mir ganz sicher nicht! Ich werd jetzt essen gehen." Ron stand auf und verschwand ohne ein weiteres Wort aus dem Raum.
Hermine setzte sich neben Harry. "Mach dir nichts draus, Schatz. Er wird sich schon noch dran gewöhnen."
"Ich weiß. Ich hör inzwischen schon gar nicht mehr hin. Ich weiß ja, dass er es eigentlich nicht so meint."
Hermine seufzte leise über Harrys Naivität, beschloss aber, sie vorerst zu ignorieren. Harry würde schon noch früh genug selbst dahinter kommen.
Dann kicherte sie. "Ein Kind von Draco und mir, hm? Ein sehr interessanter Gedanken." Sie sah Harry aus halbgeschlossenen Augen an und sprach mit betont rauchiger Stimme. "Schön wie die Sünde und tödlich klug."
Harry lachte laut auf. "Untersteh dich! Ich hab ihn zuerst gesehen. Und wer's findet, darf's behalten."
"Zu schade. Dann werd ich wohl doch auf Miniwiesel hoffen müssen."
"Das wird schon. Ron hat zwar einen totalen Knall, aber er liebt dich. Da bin ich mir sicher."
"Da könntest du sogar recht haben." Sie sah Harry aufmerksam an. "Was ist mit dir? Bist du glücklich?"
Harry lächelte versonnen. "Ja. Es ist alles ziemlich perfekt im Moment." Er errötete leicht. "Es sind zwar erst sieben Monate, aber es kommt mir vor wie ein ganzes Leben. Ich kann mich nur noch schwer daran erinnern, wie es vorher war."
Hermine lächelte warm. "Das glaub ich. Mir fällt es auch mit jedem Tag schwerer unseren Draco mit dem verzogenen, gemeinen Miststück von Malfoy in Verbindung zu bringen." Sie grinste. "Wobei er immer noch ganz schön fies sein kann. Und er hat die spitzeste Zunge der westlichen Hemisphäre, soviel steht fest!"
"Das stimmt allerdings. Es ist wirklich gut, dass Parkinson so dumm ist. Wenn sie auch nur die Hälfte von dem verstehen würde, dass er ihr manchmal an den Kopf wirft... Manchmal tut sie mir fast schon leid."
Hermine schnaubte. "Ach was. Die hat es doch nicht besser verdient. Sie gehört zu den Leuten, die nie dazu lernen und die immer und ewig an ihren Vorurteilen und anerzogenen Meinungen festhalten, egal wie veraltet und überholt die sind."
"Hermine Jane Granger! Ich bin schockiert! Du tratschst anstatt zu lernen?"
Harry sah auf. "Hi Gin. Hermine macht gerade eine Pause."
Ginny ließ sich auf einen Sessel fallen. "Dass ich das noch erleben darf... Hermine hat die Bedeutung des Wortes Pause gelernt." Sie grinste. "Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr gerade über unseren liebsten Slytherin redet?"
"Technisch gesehen hat Hermine mir gerade ihre wenig schmeichelhafte Meinung über die reizende Miss Parkinson kundgetan, wenn ich das mal so formulieren darf."
"Harry! Was ist los? Hast du ein Konversationslexikon gefrühstückt? So gewählt drückst du dich doch sonst nicht aus."
Harry lachte wieder. "Das ist Draco. Er färbt ab."
Ginny sah ihn hinterhältig an. "Ja, DAS hab ich gesehen."
"Hä? Wie jetzt?"
"Ich hab euch gestern bei den Gewächshäusern gesehen. Das war haarscharf dran nicht mehr jugendfrei zu sein, was ihr da gemacht habt."
Harry errötete heftig. Hermine sah ihn interessiert an.
"Was war denn?"
"Wir... haben nur... so ein bisschen... rumgeschmust..."
"Ja, SO kann man das auch nennen." Ginny kicherte. "Ich dachte, ich müsste einen Eimer kaltes Wasser holen."
"Jetzt übertreib mal nicht! Wir hatten alle unsere Kleider noch an."
Ginny lachte laut auf. "Das ist aber auch alles, was man dazu sagen kann. Und viel hat nicht mehr gefehlt."
Harry erinnerte sich an den gestrigen Tag und errötete noch etwas tiefer. Gleichzeitig konnte er sich ein glückliches kleines Lächeln nicht verkneifen. Die Mädchen tauschten wissende Blicke aus. Ginny lehnt sich weiter vor.
"Was ist los? Raus mit der Sprache! Es gibt doch irgendetwas Neues bei euch, oder? Ich kenne diesen Blick, Harry Potter!"
Einen Moment lang überlegte er, den beiden auszuweichen, aber er wusste, dass er keine Chance gegen sie hatte. Und außerdem... Er WOLLTE es endlich jemandem erzählen! Seid gestern platzte er fast, weil er seine Neuigkeit mit niemandem teilen konnte. Er sah seine beiden Freundinnen aus glühenden Augen an.
"Gestern..." Erholte tief Luft, um sich von einem sehr unmännlichen, glücklichen kleinen Laut abzuhalten. Das breite Grinsen blieb. "Draco hat mir gestern gesagt, dass er mich liebt."
Hermine sah ihn mit offenem Mund an, Ginny gab das kleine Quieken von sich, dass er selbst so mannhaft unterdrückt hatte.
"Oh! Mein! Gott! HARRY!!! Und das sagst du uns erst jetzt?!?"
Harry grinste schief. "Naja... ich wusste nicht wie ich es euch am besten sagen soll... Und dabei WOLLTE ich es unbedingt jemandem erzählen! Gestern Abend schon."
Hermines Augen leuchteten. "Und was hast du gesagt?"
"Hermine! Das fragst du doch jetzt nicht im Ernst, oder? Es gibt doch nur eine mögliche Antwort, die er gegeben haben kann! Oder Harry?"
"Gegeben haben kann? Was ist das denn für'n Satz?"
"Ach, Papperlapapp! Es gibt wichtigeres als Grammatik!"
Harry verdrehte die Augen. "Jetzt weiß ich wieder, warum ich es euch noch nicht gesagt habe. Ihr zerpflückt immer alles."
"Das ist nur, weil wir so aufgeregt sind! Sag, dass du ihm auch gesagt hast, dass du ihn liebst! Bitte, Harry!"
Er sah Ginnys Dackelblick und musste lachen. "Natürlich hab ich das!" Er kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum. "Mir fällt gerade auf... Irgendwie ist Draco immer schneller als ich. Ich meine damit, Dinge zu tun und zu sagen, die etwas an unsere Beziehung ändern. Ich denk da auch immer dran und nehm mir vor es zu tun oder auszusprechen, aber mir fehlt dann doch jedes Mal der Mut."
"Versteh ich nicht."
"Naja... Draco hat mich zuerst geküsst... und als wir... Ihr wisst schon, als wir zum ersten Mal... da hat auch er den ersten Schritt gemacht, obwohl er Angst hatte. Und jetzt war er der erste, der es ausgesprochen hat..."
"Harry, jetzt red dir da bloß nichts ein! Das ist alles reiner Zufall."
"Quatsch. Mach ich doch gar nicht. Ist mir nur gerade mal so aufgefallen."
"Das hoffe ich aber für dich, mein Freund. Es gibt genug Dumme, die mit solchen Überlegungen ihre Beziehungen kaputt machen. Weil sie die Flöhe husten hören und in jede Winzigkeit etwas reingeheimnissen, das gar nicht da ist."
Harry lachte. "Ja, Dr. Weasley." Er sah Hermine an. "Was sagst du dazu? Ich hab meine eigenen Psychologin..."
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Hogsmeade, 18. August 2004
"Erde an Harry. Hier spricht die Realität."
Harry schlug die Augen auf und blinzelte. Draco stand neben der Bank und sah ihn amüsiert an. "Wovon hast du denn geträumt?"
Harry lächelte verschmitzt. "Von dir." Er rückte etwas zur Seite. "Was machst du schon wieder hier? Es ist erst neun. Normalerweise kommst du nicht vor dem Morgengrauen nach Hause, wenn du mit Blaise unterwegs bist."
Draco ließ sich neben Harry auf die Bank fallen. "Blaise hat mich versetzt. Ich hab Finnegan im Pub getroffen, sonst wäre ich schon früher wieder zurück gewesen."
"Seamus? Ich dachte der ist in Kanada?"
"Anscheinend nicht mehr. Er hat mir lang und breit erzählt was er in den letzten Monaten erlebt hat. Und wie üblich hat er in der Mitte angefangen und den Anfang am Schluss erzählt."
Harry lachte. Dann schmiegte er sich an Draco und küsste ihn zärtlich.
"Es ist schön, dass du schon hier bist. Ich hatte mich zwar auf einen ruhigen Abend gefreut, aber ich hab es noch lieber, wenn du bei mir bist."
Draco erwiderte den Kuss. "Sonst kann ja auch wieder gehen. Vielleicht find ich jemand anderen, der sich mit mir beschäftigt. Ich könnte mit Bert um die Häuser ziehen. Er ist nämlich auch wieder da."
Harry verdrehte die Augen. "Bert. Kriegt ihr eigentlich jemals genug von diesem Pinguin?"
"Nein. Ich denke, die Gefahr besteht in den nächsten 500 Jahren nicht." Draco zog die Schuhe aus, legte sich auf den Rücken und legte den Kopf in Harrys Schoss. "Ah... das ist sehr gut. So bleib ich jetzt für den Rest der Woche liegen."
Harry lächelte und fuhr mit der Hand durch die leicht zerzausten blonden Haare. "Vom Winde verweht..."
"Hm?"
"Ach nichts weiter. Ignorier mich einfach."
"Ist gut."
Eine Weile genossen sie still den warmen Sommerabend.
"Woran hast du vorhin gedacht? Du sahst glücklich aus."
"Ich hab mich an unsere letzten Wochen in Hogwarts erinnert. An den Abend, als du mir gesagt hast, dass du mich liebst."
Draco lächelte mit geschlossenen Augen. "Der Abend beim Gewächshaus."
"Ja. Kaum zu glauben, dass das schon über sechs Jahre her ist..."
"Sie werden alt, Mr. Potter."
"Du bist älter als ich."
"Nein. Das ist ein Gerücht."
"Du hast fast 2 Monate vor mir Geburtstag."
"Das bildest du dir ein."
"Draco Malfoy. Du bist..." Harry rechnete kurz. "...genau 8 Wochen vor mir geboren."
"Bin ich nicht."
"Soll ich deine Mutter fragen?"
"Die lügt eh. Außerdem kannst du sie nicht leiden."
"Stimmt."
"Und sie mag dich nicht."
"Stimmt auch."
"Also musst du mir glauben."
Harry lachte. "Solche Unterhaltungen solltest du mit Ginny führen. Die kann das besser."
Draco schlug die Augen auf. "Du gibst einfach viel zu schnell auf."
"Ich mach lieber andere Sachen mit dir, als sinnlos zu diskutieren."
"Ach ja? Zum Beispiel?"
"Och, du weißt schon. Dies und das." Er ließ seine Hand unter Dracos Shirt gleiten und streichelte leicht über den flachen Bauch. "Sowas zum Beispiel."
"Hmmmm... das könnte mir gefallen."
"Weißt du, dass ich mir damals eine Weile lang Sorgen gemacht habe?"
"Worüber?"
"Naja, du warst immer schneller als ich. Du hast mich zuerst geküsst, du hast mir zuerst gesagt, dass du mich liebst... Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich etwas falsch mache. Auch wenn Hermine mir fast den Kopf abgerissen hat dafür."
Draco sah Harry aufmerksam an. "Du weißt, warum ich das getan habe, oder?"
"Ich kann es mir inzwischen denken. Du hasst es, wenn sich eine Situation deiner Kontrolle entzieht. Also kommst du dem zuvor."
"Ich arbeite daran."
Harry lächelte und küsste Draco wieder. "Ich mag das aber an dir. Ein Chaot in der Familie reicht, oder?"
Draco grinste. "Ja, da hast du allerdings recht." Er ließ seine schmalen Finger zwischen Harrys gleiten und betrachtete ihre Hände nachdenklich. "Ich hab richtige Mädchenhände im Gegensatz zu dir..."
Harry lachte. "Deine Sorgen möchte ich haben."
Draco versuchte beleidigt zu gucken, musste dann aber selbst lachen. "Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend?"
"Schlafen?"
"Langweiler."
"Schlag was vor."
"Hm... Ich hab Hunger."
"Dann musst du was essen."
"Ach ne, was du nicht sagst."
"Ja, ich bin halt klug."
"Füttere mich."
Harry lachte. Dann sah er Draco aus blitzenden Augen an. "Wir haben noch Eis."
"Wie schön."
"Draco! Wir haben noch EIS!"
"Ja, das erwähntest du."
"Und was fällt dir dazu ein?"
"Hm... Kalt?"
"Und?"
"Lecker?"
"Draco!"
"Was denn?"
"Sag mal, muss ich dir eine Zeichnung machen?"
"Ja bitte."
Harry gab einen resignierten Laut von sich. Dann sah er das Lachen in Dracos Augen. "DU..."
Draco setzte sich auf und küsste Harry. "Es macht einfach zu viel Spaß. Ich konnte nicht widerstehen."
"Und ich fall wie üblich drauf rein. Dabei sollte ich dich langsam kennen."
Draco stand auf. "Ja. Das solltest du." Er sah Harry einen Moment lang tief in die Augen, dann zog er sein Shirt über den Kopf und warf es achtlos auf einen Stuhl. "Hast du nicht was von Eis gesagt?
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Viel später lag Harry mit halbgeschlossenen Augen auf dem Bett und ließ seine Gedanken treiben. Durch das geöffnete Fenster drangen die leisen Geräusche der Sommernacht und mischten sich mit Dracos ruhigen, tiefen Atemzügen. Harry drehte sich vorsichtig auf die Seite und betrachtete versonnen das vollkommen entspannte Gesicht, das neben ihm auf dem Kissen lag. Draco hatte sich zusammengerollt wie ein kleines Tier und schlief tief und fest. Harry lächelte leicht. Wenn er schlief wie jetzt sah Draco unglaublich jung und verletzlich aus und Harry verspürte wie immer den Wunsch ihn vor allem zu beschützen. Er spielte nachdenklich mit einer der hellblonden Strähnen, die auf dem Kissen lagen.
Nach außen hin war für jeden der sie kannte Draco der Stärkere in ihrer Beziehung. Er war klug und wortgewandt, zeigte niemals Schwäche oder Verletztheit. Er blieb selbst dann kühl und ruhig, wenn jeder andere vor Wut geplatzt wäre. Oh, er wehrte sich, wurde bissiger und scharfzüngiger, aber er ließ niemals jemanden erkennen, was er wirklich fühlte. Im Gegensatz zu Harry, der seine Gefühle jederzeit unmissverständlich jedem zu verstehen gab, der mit dem Kopf durch die dickste Wand ging und seinem Ärger laut und deutlich Luft machte, behielt Draco immer die Kontrolle über sich selbst und die Situation. Egal was geschah, von nichts was andere ihm an den Kopf warfen schien er wirklich berührt zu werden.
Aber Harry kannte Draco besser. Er wusste, wie tief ihn das Misstrauen und die Vorurteile verletzten, die auch nach all den Jahren bei vielen immer noch da waren. Harry kannte die tiefen Narben auf der Seele seines Liebsten und wusste, dass einige davon immer bleiben würden. Darum kümmerte es ihn nicht, wenn andere ihn für naiv und manchmal sogar etwas unbedarft hielten, weil er sich scheinbar so vollkommen Dracos Führung überließ. Es reichte, wenn sie beide wussten, wie es wirklich war.
Harry rückte etwas näher an seinen schlafenden Gefährten und nahm ihn sanft in den Arm. Draco seufzte leise im Schlaf und schmiegte sich instinktiv in die Umarmung, ohne wirklich aufzuwachen.
Harry lächelte leicht. Ihr Leben, so wie es jetzt war, schien perfekt. Aber das war es nicht von Anfang an gewesen. Es war etwas anderes, mit jemandem zusammen zu sein, wenn das ganze alltägliche Leben von anderen organisiert wurde, als ernsthaft sein ganzes Leben mit allen seinen Aspekten mit dieser Person zu teilen. Das war eine Lektion, die sie beide hatten lernen müssen...
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Hogwarts, 25. Juni 1998
"Seltsam oder? Das ist unsere letzte Woche hier. In 5 Tagen fahren wir alle nach Hause und kommen nie wieder zurück."
"Jetzt sag nicht, dass du die Schule schon vermisst, obwohl du noch hier bist, Nev. Du fängst ja schon an wie Hermine!" Seamus gähnte ausgiebig. "Ich für meinen Teil bin froh, wenn ich nie wieder lernen muss."
Hermine sah ihn empört an. "Seamus Finnegan! Das ganze Leben..."
"...ist ein Lernprozess!" kam es im Chor zurück. Hermine musste lachen.
"Ihr seid doof."
"Dafür haben wir dich ja, Minchen. Du bist klug genug für uns alle. Und was du nicht weißt, weiß Draco. Also müssen wir nie dumm sterben."
Sie saßen auf der Wiese am See und genossen die Sommersonne. Die Prüfungen waren geschrieben und auf einmal machte es keinen großartigen Unterschied mehr, wer welchem Haus angehörte. Sogar Ron war zu faul um Draco mit den üblichen giftigen Blicken zu durchbohren.
"Was habt ihr denn alle so vor?" Lisa saß mit untergeschlagenen Beinen neben ihrem neuen Freund Blaise und flocht beiläufig Gänseblümchen zu einer Kette. Blaise hatte sich auf die Ellbogen zurückgelehnt und sah ihr unter dunklen Wimpern zu.
"Wann meinst du? Heute noch?"
"Blödmann. Ich mein nach der Schule."
"Also ich für meinen Teil plane reich und berühmt zu werden."
"Ganz toll, Finnegan. Und wie?"
"Das ist mein Geheimnis, Zabini."
Lisa verdrehte die Augen. "War ja klar, dass man mit euch nicht gescheit reden kann. Hermine, was ist mit dir? Hast du schon Pläne?"
"Viel zu viele, fürchte ich. Ich kann gar nicht alles machen, was ich vor habe."
"Du heiratest Weasley und ihr bekommt einen Stall voller Kinder."
Lisa sah Blaise strafend an. "Mein Freund, du strapazierst heute dein Glück aber über Gebühr!" Sie beugte sich vor und hängte ihm die Blumenkette um den Hals. "Kleidet dich. Hast ein bisschen was von einem Schaf mit deinen Löckchen und allem. Mein kleines, schwarzes Schaf."
Blaise sah sie treuherzig an. "Määääh."
"Ich weiß, dass ich euch alle total vermissen werde. Wenn ich daran denke, dass ich mich jetzt wohl doch mal mit denen aus meinem Jahrgang beschäftigen muss..."
"Oh, arme Ginny. Aber tröste dich. Crabbe und Pansy wiederholen das Jahr. Da bist du nicht allein."
"Ha, ha, sehr witzig, Blaise."
"Tja, so kennt und liebt man mich."
Ron schnaubte, sagte aber nichts, als Hermine ihm einen bösen Blick zu warf.
"Was ist mit dir, Potter? Planst du in Zukunft noch etwas anderes, als Dray anzuschmachten?"
Harry errötete leicht. Er hatte tatsächlich nur halb zugehört, worüber sich die anderen unterhielten und statt dessen leise mit Draco geredet.
Blaise verdrehte die Augen. "Du meine Güte. Wie lange seid ihr jetzt zusammen? Langsam müsst ihr mal von eurer Wolke runterkommen."
Draco sah ihn gespielt hochmütig an. "Misch dich nicht in Sachen ein, von denen du keine Ahnung hast, Zabini."
Blaise lachte. "Schon gut. Ich hab nichts gesagt. Also keine Pläne außer Schmachten und Schmusen. Auch gut. Und du Neville?"
Harry wartete, bis die anderen sich wieder in ihre Unterhaltung vertieft hatten, dann wandt er sich wieder an Draco. "Lass und irgendwo hin gehen, wo wir allein sind. Ich möchte dir gern etwas erzählen."
Draco zog eine Augenbraue hoch. "Ein Geheimnis?"
"Nein, nicht so wirklich... Aber ich möchte es dir trotzdem erst mal allein erzählen."
Draco lächelte und stand auf. Ginny sah ihn an.
"Wo wollt ihr hin?"
"Weg."
"Wohin weg?"
"Weg halt."
"Wo ist das?"
"Weg."
"Draco..."
"Ginny..."
"Ihr wollt bloß in Ruhe knutschen, gib's zu!"
"Vielleicht."
Blaise grinste anzüglich. "Oder andere nette Sachen machen."
"Wäre möglich."
Harry verdrehte die Augen. "Ja klar... stachle sie auch noch an."
"Bei deren verdorbener Fantasie muss man nichts anstacheln." Draco ließ seine Hand in Harrys gleiten und lächelte ihn warm an. "Na komm. Die kommen auch ohne uns klar."
Harry folgte Draco und versuchte dabei die Pfiffe und Kussgeräusche zu ignorieren, die Seamus, Blaise und Ginny machten, kaum dass sie ihnen den Rücken drehten.
Draco lachte. "Einfach ignorieren. Die hören von allein wieder auf."
Sie wanderten eine Weile Hand in Hand am Seeufer entlang, bis sie zu den gefällten Baumstämmen kamen, auf denen sie seit dem letzten Winter viel Zeit verbracht hatten. Draco setzte sich und sah Harry aufmerksam an.
Harry setzte sich neben ihn und kaute nervös auf seiner Unterlippe herum. Er war sich der hellgrauen Augen, die ihn abwartend musterten mehr als bewusst. Ebenso wie er wusste, dass Draco seine plötzliche Unruhe spürte.
"Was ist los, Harry?"
"Ich... Es geht ein bisschen darum, worüber die anderen sich unterhalten haben."
"Was wir nach der Schule machen wollen?"
"Ja. Du weißt doch, dass ich vor ein paar Tagen bei Dumbledore war, oder?"
Draco nickte.
"Er hat mir etwas gegeben..." Harry brach wieder ab, unsicher, wie er sagen sollte, was ihm seit dem Gespräch mit Dumbledore auf der Seele brannte.
"Harry... langsam machst du mir Angst. Du bist total blass."
Harry sah Draco leicht erschrocken an. "Wirklich? Tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken." Er küsste Draco schnell, sprach dann weiter. "Erinnerst du dich noch an Sirius?"
"Dein Patenonkel, der in Azkaban war?"
"Ja. Nach dem Krieg hat das Ministerium seinen Fall erneut geprüft und ihn nachträglich frei gesprochen. Nicht dass ihm das jetzt noch etwas nützt." Es gelang ihm nicht, den leicht bitteren Unterton aus seiner Stimme zu verbannen.
"Harry..." Draco sah ihn besorgt an und drückte leicht seine Hand.
"Schon gut... Es geht schon." Harry lächelte schwach. "Jedenfalls hat das Ministerium jetzt auch seinen ganzen Besitz frei gegeben, den sie beschlagnahmt hatten. Unter anderem ein Testament. Dumbledore hat es mir gezeigt. Sirius hat mir alles vermacht, was er besessen hat..."
Draco blinzelte leicht und sah Harry nachdenklich an. "Das... ist gut, denke ich. Ich meine... es macht ihn nicht wieder lebendig, aber..."
"Ich weiß, was du sagen willst." Harry sah Draco liebevoll an. "Auf jeden Fall ist unter den Sachen die er mir vermacht hat, neben etwas Geld und ein paar persönlichen Dingen auch ein Cottage in Hogsmeade... Ich weiß nicht, in welchem Zustand das Haus ist und ob es überhaupt noch bewohnbar ist, aber ich denke, ich würde es mir gern ansehen... und dort wohnen, wenn es noch möglich ist."
Draco sah nachdenklich auf das glitzernde Wasser des Sees. Sie hatten bisher nie wirklich davon gesprochen, was sie tun wollten, wenn die Schule vorbei war. Wo sie leben würden... Was aus ihrer Beziehung werden würde, wenn sie nicht mehr jeden Tag zusammen sein konnten. Ein Cottage in Hogsmeade. Natürlich wollte Harry dort wohnen! Er selbst hätte in der selben Situation das gleiche getan. Und Hogsmeade wäre für ihn leichter zu erreichen als die meisten anderen Orte. Dennoch...
"Draco?" In Harrys Stimme schwang vage Besorgnis mit.
"Entschuldige... Ich hab nur nachgedacht. Ich freu mich für dich, Harry. Dieses Haus, wenn es bewohnbar ist, löst all deine Probleme. Du musst nicht zurück zu deinen Verwandten... Und in Hogsmeade kann ich dich jederzeit besuchen."
Harry sah Draco nicht an. "Da ist noch etwas..."
"Ja?"
"Ich... ich weiß, dass es vermutlich viel zu früh ist dafür und wahrscheinlich mach ich jetzt alles kaputt, aber ich muss einfach fragen..."
Dracos Stimme war sanft. "Harry... was?"
"Ich dachte, dass du vielleicht... ich meine, wenn das Haus noch bewohnbar ist... mit mir..."
Draco antwortete nicht. Er spürte ein seltsames Kribbeln, ein Gefühl plötzlicher Freiheit. Als hätte eine Tür, die fest verschlossen schien, sich plötzlich eine winzigen Spalt breit geöffnet.
"Draco? Bitte... ich will dich nicht zu etwas drängen, was du nicht willst. Ich weiß, dass wir viel zu jung sind und überhaupt... das war ja nur so eine Idee... Vergiss einfach, dass ich gefragt habe. Wir können uns ja auch so sehen und vielleicht in ein paar Jahren oder so nochmal ernsthaft darüber reden..."
Draco legte seine Fingerspitzen sacht auf Harrys Lippen. "Ssshhht. Lass mich nachdenken."
Harry sah Draco mit klopfendem Herzen an. Er wagte kaum zu atmen aus Angst, dass dann alle Hoffnung zerplatzen würde wie eine Seifenblase.
"Du hast dir das Haus noch nicht angesehen?"
"Nein. Ich hab mich nicht getraut."
Draco lächelte. "Du bist süß. Dann lass uns das jetzt machen."
Harry blinzelte. "Was?"
"Na, das Haus ansehen."
"Jetzt?"
"Natürlich. Nach der Prüfung dürfen wir jederzeit ins Dorf, ohne um Erlaubnis fragen zu müssen. Frag mal Hermine. Die sagt dir auch, wo du das nachlesen kannst." Draco zwinkerte Harry zu.
"Ich glaub das kann ich mir schon denken."
xxx
Eine halbe Stunde später standen sie am Dorfrand von Hogsmeade und sahen auf ein kleines, verwittertes Häuschen, das umgeben von einem löchrigen Zaun in einem winzigen, verwilderten Garten stand.
"Ist es hier?"
"Ja. Die Adresse stimmt."
Harry nickte leicht, ohne seinen Blick von dem Haus zu wenden. Die Fensterläden waren geschlossen, die Farbe blätterte ab. Die wohl ehemals weiß getünchten Wände waren mit Efeu, wildem Wein und Kletterrosen überwuchert. Das Gras im Vorgarten war fast kniehoch und hatte zum größten Teil bereits den schmalen Plattenweg verschluckt, der hinters Haus zu führen schien. Die Treppe, die zur Haustür führte wirkte wenig stabil.
Draco sah Harry fragend an. "Wollen wir rein gehen?"
"Meinst du, das geht?"
"Natürlich. Das Haus gehört dir und du hast den Schlüssel. Na komm. Es sieht eigentlich nicht aus, als würde es jeden Moment zusammenstürzen."
Draco ging zum Tor und schob es mit einiger Mühe auf. Bei dem gequälten Quietschen der Angeln verzog er leicht das Gesicht. "Hier wäre wohl ein Schluck Öl angebracht."
Harry folgte ihm, sah sich dabei weiter um. Der Vorgarten bestand nur aus einem schmalen Streifen wuchernden Grases, einer schmalen Veranda und einer alten Eiche, die ihre Äste weit über das Dach des Häuschens streckte, als wollte sie das kleine Gebäude vor den Elementen schützen. Harry setzte behutsam einen Fuß auf das untere Ende der Treppe, ängstlich, wie viel Gewicht das altersschwache Holz aushalten würde. Die Stufe knackte leicht, hielt aber. Er stieg langsam die drei Stufen hoch und blieb vor der Tür stehen.
"Die scheint irgendwann mal blau gewesen zu sein." Mit dem Daumennagel kratzte er leicht an der Farbe, die sich sofort löste.
Draco lachte leicht. "Du sollst das Haus nicht kaputt machen, du sollst es dir nur ansehen."
"Scherzkeks." Harry zog den Messingschlüssel aus der Tasche, den Dumbledore ihm mit den anderen Sachen gegeben hatte und schob ihn ins Schloss. Die Tür öffnete sich mit dem selben protestierenden Quietschen wie das Gartentor. Einen Moment lang blinzelten sie in die Dunkelheit, dann zog Draco seinen Zauberstab aus der Tasche. "Lumos."
Harry warf seinem Freund einen kurzen, Blick zu, dann trat er ins Haus.
Im Inneren war es staubig und stickig. Im Licht von Dracos Zauberstab konnte Harry eine staubbedeckte Kommode erkennen und eine mit Spinnweben überwucherte Lampe. Eine Treppe führte an der linken Wand entlang nach oben, auf der anderen Seite war eine Art Bogen, der in ein angrenzendes Zimmer führte.
"Vielleicht sollten wir die Fensterläden aufmachen. Dann sehen wir ein bisschen mehr."
Harry nickte und ging vorsichtig zum anderen Ende des Flurs, wo er einen Streifen Licht durch die geschlossenen Läden sehen konnte. Er öffnete das Fenster und stieß dann die Fensterläden auf. Sofort flutete Licht und die warme Sommerluft ins Haus. Draco löschte den Zauberstab und steckte ihn weg. Dann betrachtete er kritisch die dicke Staubschicht und die Spinnweben.
"Die Putzfrau scheint schon länger krank zu sein."
Er trat neben Harry und sah aus dem Fenster. Von hier aus konnte man in den Garten sehen, der ebenso verwildert war, wie der Vorgarten. Eine alte Weide und mehrere schlanke Birken säumten das hintere Ende, verschiedene Sträucher schützten den Garten vor neugierigen Blicken. Auf der Veranda, die höchstens doppelt so breit war, wie die vordere standen eine Bank, ein verwitterter Tisch und zwei Stühle. Auf einer zweiten, niedrigen Bank waren mehrere Keramiktöpfe aufgestellt, die allem Anschein nach irgendwann einmal Kräuter enthalten hatten, jetzt aber zum Großteil zerbrochen waren und nur noch Unkraut beherbergten. Der Garten wirkte schläfrig und wie verwunschen.
"Setz Neville zwei Tage hier aus und du hast einen perfekten Garten."
Harry lehnte sich leicht gegen Draco. "Er gefällt mir. Auch wenn er etwas klein ist."
"Maximal anderthalb Handtücher breit." Draco lächelte und legte den Arm um Harrys Taille. "Lass uns den Rest ansehen. Ich glaub der Durchgang führt ins Wohnzimmer."
Harry sah sofort, dass Draco mit seiner Vermutung Recht gehabt hatte. Das Wohnzimmer nahm fast die gesamte Fläche der unteren Etage ein. Drei Fenster führten auf die vordere Veranda. Zwei weitere Fenster gingen zur Seite raus und erlaubten einen Blick auf den Garten der Nachbarn. Die einzige innenliegende Tür des Raumes führte in eine kleine Küche. Von hier gingen zwei Fenster und eine Tür zum Garten raus. Die Möbel in beiden Zimmern waren zum Großteil mit Laken verhüllt, als hätte der frühere Bewohner dieses Hauses sich vor seinem Auszug die Zeit genommen alles abzudecken. Harry schob einige der staubigen Tücher beiseite und betrachtete die schlichten, aber liebevoll ausgesuchten Möbelstücke. Jemand hatte dieses Haus gern gehabt.
"Dumbledore hat erzählt, dass Sirius hier nur kurz gewohnt hat. Ein paar Monate. Vorher hat das Haus einer Tante von ihm gehört."
"Hm. Das muss jemand gewesen sein, der nichts mit dem Black-Clan zu tun hatte. Von denen würde hier niemand freiwillig wohnen."
Draco hob einen Kerzenleuchter vom Tisch, sah ihn kurz an und stellte ihn dann wieder hin. Im Weitergehen wischte er gedankenverloren die Finger an der Hose ab. Er musterte die schmutzverkrusteten Fenster und zog dabei leicht die Nase kraus.
Harry beobachtete Draco einen Moment, studierte das Gesicht seines Freundes. "Du findest es furchtbar, oder?"
"Was?" Draco drehte sich zu Harry um. " Nein So hab ich das nicht gemeint. Ich hab mir nur gerade meine Mutter oder eine ihrer Schwestern hier vorzustellen versucht. Das Haus gefällt mir. Ein Besen und ein paar Eimer Farbe und es ist..." Er brach ab und nieste mehrmals heftig. "... ein Staubwedel wäre auch eine gute Sache."
"Draco... du musst nicht so tun, als ob es dir gefällt, nur damit ich mich besser fühle. Wenn es dir nicht gefällt, ist das ok. Ich weiß, dass du besseres gewöhnt bist. Für dich ist das hier nur eine Bruchbude, aber für jemanden wie mich ist es etwas Besonderes."
Draco runzelte die Stirn und sah Harry aus schmalen Augen an. Seine Stimme klang verletzt.
"Du denkst das gleiche wie alle anderen. Dass ich verwöhnt und oberflächlich bin. Ich bin daran gewöhnt, aber von dir hätte ich das nicht erwartet." Er drehte sich um und ging zurück in den Flur.
Harry verfluchte sich innerlich und folgte Draco. "Es tut mir leid. So meinte ich das nicht. Sei nicht böse." Er streckte die Hand nach seinem Freund aus. Der schüttelte leicht den Kopf.
"Ich bin nicht böse. Aber du hast mir wehgetan. Ich dachte, du kennst mich inzwischen besser."
Harry trat hinter Draco und legte ihm behutsam die Arme um die Taille. "Das wollte ich nicht. Bitte entschuldige. Ich kann mir einfach nur nicht vorstellen, dass du das Haus mit den gleichen Augen siehst wie ich. Ich meine, ich hab mein halbes Leben in einem Besenschrank gelebt und du hast in einem riesigen Anwesen mit allem nur erdenklichen Luxus gewohnt. Das hast du mir selbst erzählt. Dieses Cottage muss dir doch wie eine Hütte vorkommen."
Draco drehte sich in der Umarmung und sah Harry ernst an.
"Es stimmt. Ich hatte immer alles, was man mit Geld kaufen kann. Aber das heißt nicht, dass ich gern dort lebe. Und das heißt auch nicht, dass ich nicht etwas anderes schöner finden würde. Das Haus meiner Eltern ist eine Ansammlung von Wänden, Türen, Fenstern und einer protzigen Einrichtung. Es soll Macht und Reichtum ausstrahlen. Und das tut es. Nicht mehr und nicht weniger. Dieses Haus hier strahlt Wärme aus. Und die Erinnerung an die Menschen die hier gelebt und das Haus und einander geliebt haben. Das ist sehr viel mehr wert als Kristallleuchter und kostbare Teppiche." Draco senkte den Kopf, weil er sich plötzlich klar wurde, dass er soeben etwas ausgesprochen hatte, dass seit Jahren auf seiner Seele gelastet hatte, ohne dass er sich dessen bewusst gewesen war. Malfoy Manor war alles, aber kein Zuhause. Dieses Haus hingegen... Und es war für ihn in greifbarer Nähe, zusammen mit dem Menschen, den er inzwischen mehr als alles auf der Welt liebte.
Harry umfasste sanft Dracos Gesicht und küsste ihn. "Bitte verzeih, dass ich dir wehgetan habe. Ich hab geredet ohne wirklich nachzudenken."
"Mir tut es leid, dass ich so empfindlich reagiert habe. Du konntest es nicht wissen."
Eine Weile standen sie eng umschlungen da. Dann löste Draco sich sanft von Harry. "Lass uns den Rest ansehen. Und dann gehen wir zu Madame Rosmerta."
"In Ordnung."
Das übrige Haus war schnell erkundet. Das obere Stockwerk enthielt nur drei Räume: Ein Schlafzimmer, fast so groß wie das Wohnzimmer, ein kleines Bad und ein winziges weiteres Zimmer, in dem ein Sekretär und mehrere Bücherregale standen. Auch hier waren die Möbel mit Laken verhangen und schliefen unter ihrer Staubdecke. Nachdem sie alles angesehen hatte, schlossen Draco und Harry die Fensterläden wieder und verließen das Haus, beide in Gedanken versunken. Auf dem Weg zum Pub sprach keiner von beiden ein Wort, aber sie hielten sich die ganze Zeit über an den Händen.
Bei Madame Rosmerta suchten sie sich einen Tisch in einer stillen Ecke. Harry wartete, bis die Wirtin ihnen ihre Bestellung gebracht hatte, dann sah er Draco an. "Und? Was denkst du?"
Draco spielte nachdenklich mit seinem Strohhalm. "Das Haus gefällt mir, das hab ich ja schon gesagt. Es ist wahrscheinlich eine Menge Arbeit nötig, aber es lohnt sich bestimmt. Ich denke, du solltest es auf jeden Fall versuchen."
Harry lächelte. "Ich hab das Gleiche gedacht. Ich bin zwar kein Handwerker, aber ich fand nicht, dass es aussieht, als würde es bald zusammenbrechen. Das Dach und die Wände wirkten relativ stabil."
"Die meisten der Möbel sind auch in Ordnung. Ich würd vielleicht ein neues Sofa kaufen." Draco zwinkerte. "Und eine neue Matratze. Aber ansonsten..."
"Ein neues Sofa? Das alte schien aber noch ganz gut..."
"Ja, wenn man davon absieht, dass sich da eine Rattenfamilie eingenistet hat. Ich hab das Loch und die Hinterlassenschaften gesehen, als ich mir den Schuh zugebunden hab."
Harry unterdrückte ein Schaudern. "Das Sofa fliegt raus!"
"Die Bücher oben waren zum Großteil auch schon angeknabbert. Jammerschade. Da sind einige sehr interessante dabei."
"Das war ja klar, dass dir das auffällt." Harry lachte. "Du und Hermine... Ihr seid die einzigen Menschen, die ich kenne, die aus einem brennenden Haus zuerst ihre Bücher retten würden und sich dann Gedanken machen, wie sie selbst entkommen."
"Naja, ich glaube, dich würd ich auch retten."
"Das ist aber sehr zuvorkommend."
"Ich weiß allerdings noch nicht ob vor oder nach den Büchern."
Harry streckte ihm die Zunge raus, wurde dann aber wieder ernst.
"Ich weiß nicht, irgendwie macht es mich glücklich und traurig zugleich, dass Sirius mir das Haus vererbt hat."
Draco streichelte ihm leicht über den Arm. „Er hat dir ein Zuhause geschenkt."
„Ja... Du hast Recht." Harry lächelte. Dann sah er Draco an, wagte nicht die Frage zu wiederholen, die er seinem Freund am See gestellt hatte.
Draco las sie trotzdem in seinen Augen. Er atmete tief durch, dann sah er Harry an. „Die Bücher müssen also auch weg. Immerhin muss ich meine ja irgendwo unterbringen."
Harrys Augen weiteten sich. „Heißt das..."
Draco nickte leicht. „Weißt du noch, was ich an Halloween zu dir gesagt habe? Ich würde mir nie verzeihen, wenn ich es nicht wenigstens versuche."
Die grünen Augen begannen zu strahlen, einen Moment später fand Draco sich in einer festen Umarmung wieder.
„Oh Merlin... ich hab mir so sehr gewünscht, dass du ja sagst."
Draco erwiderte die Umarmung, dann sah er Harry mit funkelnden Augen an. „Du wirst mich nicht so schnell wieder los, Potter."
Harry lachte laut auf. „Das will ich dir auch geraten haben, Malfoy!"
x-x-x-x-x
Hogsmeade, 19. August 2004
„Guten Morgen, Murmeltier. Weilst du auch endlich wieder unter den Lebenden?"
Draco sah Harry über den Rand des Tagespropheten an, als der ehemalige Gryffindor in die Küche geschlappt kam.
„Guten Morgen. Ich bin erst ziemlich spät eingeschlafen. Irgendwer hat mich die halbe Nacht wach gehalten." Er blieb stehen und küsste Draco langsam und tief. Dann grinste er schief. „Hm... lecker."
„Also, was du für Leute kennst."
„Hm?"
„Na, die dich die ganze Nacht wach halten. Unmöglich."
"Ja, ich weiß auch nicht, wo ich die immer kennen lerne..." Harry setzte sich an seinen Platz und hielt Draco seinen Becher hin. „Kaffee..."
„Aber trinken kannst du alleine, ja?"
„Jap. Das schaff ich."
„Dann bin ich ja beruhigt." Draco legte die Zeitung weg und goss Kaffee in die wartenden Tasse.
Harry legte beide Hände um den Becher und atmete den Duft der heißen Flüssigkeit ein. „Das ist gut." Er legte die Beine auf einen leeren Stuhl und fing an ein Brötchen aufzuschneiden. „Haben wir heute was vor?"
„Nicht dass ich wüsste. Warum? Hast du irgendwelche Vorschläge?"
"Hm... Nö. Nicht wirklich. Ich bin unkreativ heute. Machen wir nichts. Faul auf der Couch oder im Bett rumliegen ist auch mal ganz nett. Oder wir gehen schwimmen und uns sonnen."
"Ja klar. Wenn du mir dann heute Abend eine neue Haut nähst."
"Darf ich dich dann wieder den Rest der Woche nicht anfassen?"
"Sie haben es erfasst, mein Herr."
"Blöder Sonnenbrand immer. Also doch Bett?"
"Couch. Oben ist es zu warm. Außerdem muss ich noch ein bisschen was tun. "
"Wir haben Urlaub."
"Ja. Aber ich hab vorhin eine Eule von Shacklebolt bekommen..."
"Draco Malfoy, wage es bloß nicht! Du wirst nicht arbeiten. Wir hatten einen Deal, schon vergessen? Im Urlaub wird nicht gearbeitet. Höchstens am Haus und da auch nur, wenn wir beide Lust haben."
"Harry..."
"Nein. Keine Widerrede! Sonst fessle ich dich ans Bett."
"Und dann?"
"Weiß ich noch nicht. Aber mir fällt bestimmt was ein." Harry grinste, dann sah er Draco ernst an. "Komm schon, Jinx. Du hast es mir versprochen. Du arbeitest so schon viel zu viel."
Draco seufzte leicht. "Ja, ist ja gut. Du hast ja Recht. Aber ich hab manchmal immer noch das Gefühl, dass ich froh und dankbar für diesen Job sein muss und es mir nicht leisten kann, nein zu sagen."
"Ich weiß, Baby. Aber das stimmt nicht. Die wären aufgeschmissen ohne dich, und das wissen sie auch. Außerdem haben sie Angst vor meiner Rache."
Draco lachte auf. "Ja, genau. Das wird es sein."
Harry grinste fröhlich. "Das nächste Mal fahren wir weg! Irgendwo hin, wo uns keine Eulen finden."
"Ja. DAS wäre mal ne gute Idee!"
Harry bemerkte den seltsamen Unterton in Dracos Stimme und sah ihn fragend an. "Jinx?"
Draco schüttelte leicht den Kopf. "Schon gut."
"Draco, ich kenne dich. Irgendetwas stimmt nicht. Was ist passiert?"
"Meine Mutter hat geschrieben."
"Wie bitte? Aber es ist doch gar nicht Weihnachten. Und dein Geburtstag ist auch schon über 2 Monate her. Was will sie diesmal? Meinen Kopf auf einem Silbertablett? Oder doch lieber deine Seele?" Harry konnte sich den bissigen Tonfall nicht verkneifen. Narcissa Malfoy würde für ihn immer ein rotes Tuch bleiben.
Draco lächelte schwach. "Nicht ganz. Sie will mir nur mitteilen, dass sie jemanden gefunden hat, der das Manor kauft. Und dass ich, wenn ich noch was haben will, mich beeilen muss."
"Wenn du noch was haben willst? Wie kommt es denn zu dem Sinneswandel? Ich dachte, sie hat gesagt, du kriegst erst dann wieder etwas von ihr, wenn die Flüsse bergauf fließen."
Draco zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Vielleicht kriegt sie Panik, weil ich bisher nicht darauf reagiert habe, dass sie alles verkauft und ganz nach Frankreich geht. Wahrscheinlich hat sie sich ausgemalt, dass ich nach Wiltshire komme und sie anbettle, das Familienerbe nicht Fremden zu überlassen."
Harry schnaubte. "Als ob!"
"Ihr scheint langsam klar zu werden, dass sie allein ist mit ihrem Reichtum und ihrem Hass. Sie hat immer gedacht, dass ich allein versage und reumütig zu ihr zurückkomme. Dass ich sehr gut klar komme und sie und das Familienvermögen nicht brauche ist für sie wie ein Schlag ins Gesicht."
"Eine Mutter sollte ihr einziges Kind lieben..."
"Ach Harry. Nicht. Du wirst sie nicht mehr ändern. Sie ist so, wie sie erzogen wurde. So wie ihre Eltern mit ihr umgegangen sind, hat sie mich aufgezogen. Wenn ich dich nicht hätte und die Mädels und die Weasleys, wäre ich inzwischen bestimmt genauso. In gewisser Weise BIN ich wie sie."
"Nein! Sieht man mal von der Haarfarbe und dem Nachnamen ab, hast du nichts mit ihr gemeinsam!"
"Es ist lieb, dass du das sagst. Aber wenn nicht doch ein wenig von ihr in mir wäre, würde ich mehr für sie empfinden. Dann würde es mich treffen, dass sie mich so behandelt. Aber das tut es nicht. Sie ist mir inzwischen vollkommen egal."
Harry stand auf und ging um den Tisch herum. Er zog Draco auf die Füße, setzte sich auf seinen Stuhl und zog ihn dann auf seinen Schoß. Seine Stimme war sanft und zärtlich.
"Ich weiß, dass das nicht stimmt. Tief da drin liebst du sie und es verletzt dich, dass sie dich so behandelt. Weil du nämlich nicht bist, wie sie."
Draco lehnte sich an Harry und schloss die Augen. Er hatte recht. Es tat weh...
x-x-x-x-x
Malfoy Manor, 14. Juli 1998
Draco saß auf dem Rand seines Bettes und betrachtete nachdenklich die Kisten und Truhen, die überall im Zimmer herumstanden. Vor einer halben Stunde hatte er seine letzten Bücher eingepackt und jetzt konnte er nicht viel mehr tun, als zu warten bis der Butler alles zum Bahnhof brachte.
Seit zwei Wochen war er jetzt wieder hier. Die letzten Schultage waren in einem Wirbel von Eindrücken untergegangen. Abschiedsfeste wurden in jedem Haus gefeiert und es gab noch einen letzten Ball für die Abschlussklasse. Und natürlich die offizielle Abschlussfeier im Beisein der Eltern, bei der die Besten der Klasse geehrt und die Diplome verteilt wurden und Dumbledore eine weitschweifige Rede hielt, in der er noch mal alle Ereignisse der letzten sieben Jahre Revue passieren ließ.
Alle Lieblingsplätze wurden noch einmal besucht, alte und neue Freunde schworen sich ewige Treue, tauschten Adressen aus und trafen Verabredungen für die Sommerferien. Paare klebten noch enger zusammen als ohnehin schon und besonders bei den Mädchen flossen mehr als einmal Tränen.
Am Abreisetag herrschte dann das übliche Chaos und den - jetzt ehemaligen - Siebtklässlern wurde bewusst, dass sie das alte Schloss vermutlich zum letzten Mal sehen würden.
Draco hatte die ganze Zeit über das Gefühl wie durch die Wände einer Seifenblase all dem zuzusehen. Er verbrachte jede freie Minute mit Harry. Sie redeten fast ohne Unterbrechung, schmiedeten Pläne und bauten Luftschlösser. Harry würde sofort in das Haus ziehen und schon mal damit anfangen den gröbsten Schmutz zu entfernen, Ungeziefer auszuquartieren und die Schäden am Haus zu begutachten. Draco würde währenddessen seine Mutter von seinen Plänen unterrichten und mit seinen Sachen später zurück nach Hogsmeade kommen. Sie weihten Hermine und Ginny in ihre Pläne ein und zeigten ihnen sogar das Haus. Beide Mädchen waren Feuer und Flamme und versprachen so bald wie möglich nach Hogsmeade zu kommen um ihnen bei der Renovierung des Hauses zu helfen.
Als seine Mutter ihn nach der offiziellen Feier mit nach Hause nehmen wollte, um ihm die Fahrt mit dem Zug zu ersparen, wie sie sagte, weigerte Draco sich rundheraus. Er wollte die letzte Nacht in Hogwarts gemeinsam mit Harry verbringen. Zum Glück war Narcissa so voller Stolz, dass ihr Sohn den zweitbesten Abschluss (und einen der besten 20 in der Geschichte Hogwarts) gemacht hatte, dass sie ihm seinen Willen ließ. Sie war an diesem Tag so guter Dinge, dass es sich nicht einmal störte, dass die einzige Schülerin, die Draco mit einer Handvoll Punkten geschlagen hatte, ausgerechnet (und wie nicht anders zu erwarten) Hermine Granger gewesen war.
Als er sich einen Tag später in Hogsmeade von Harry verabschiedet hatte, bereute Draco seinen Weigerung fast. Zwar würden sie sich in wenigen Wochen wiedersehen, aber diese Wochen und vor allem das, was er in diesen Wochen würde tun müssen lasteten wie eine Gewitterwolke über ihnen.
Draco hatte sich, zurück im Haus seiner Eltern, erst nach drei Tagen getraut, seiner Mutter von seinen Auszugsplänen zu erzählen. Doch wie sich herausstellte, war seine Sorge umsonst gewesen. Sie hatte die Nachricht erstaunlich gefasst aufgenommen. Immerhin sei er volljährig und könne selbst entscheiden, was er mit seinem Leben anfangen wolle. Aber sie hoffe, dass er weiterhin an ihrem Leben teilhaben würde. Draco war so vollkommen erleichtert gewesen, dass er seiner Mutter dieses Versprechen gern gab. Narcissa hatte sofort angefangen zu organisieren. Sie wollte ihm einige ausgesuchte Möbelstücke schenken und natürlich würde er den gesamten Inhalt seines Zimmers mitnehmen. Sie hatte Butler und Zimmermädchen aufgescheucht und seitdem herrschte im sonst eher ruhigen Malfoy Manor heller Aufruhr. Draco fühlte sich nicht ganz wohl dabei.
Denn er hatte seiner Mutter eine wesentliche Tatsache bisher verschwiegen. Sie wusste, dass er ausziehen und in Hogsmeade leben würde. Aber sie wusste nicht, dass er dieses Leben zusammen mit einem anderen Mann führen würde. Geschweige denn, dass dieser Mann Harry Potter hieß.
Er hatte ein schlechtes Gewissen dabei. Nicht so sehr, weil er seiner Mutter etwas verheimlichte, sondern mehr, weil er Harry und ihre Beziehung verschwieg, als bedeuteten sie nichts. Aber er würde es ihr sagen... heute noch...im richtigen Augenblick. Wenn sie nichts mehr tun konnte, um ihn von seinen Plänen abzuhalten.
xxx
Später am Abend saß Draco mit seiner Mutter im Esszimmer und stocherte lustlos in seinem Essen herum. Narcissa redete seit einer Stunde ohne Unterbrechung und ohne, dass er ihr wirklich zugehört hätte. Er hatte fast vergessen, wie oberflächlich und ichbezogen sie war.
Nach einer Weile schien sie zu merken, dass er nicht bei der Sache war und sah ihn an. "Willst du wirklich heute Abend noch fahren? Du wirkst müde. Du solltest besser noch eine Nacht hier schlafen."
"Nein. Ich bin nur in Gedanken. Ich muss heute Abend fahren. Meine Sachen sind alle schon am Bahnhof."
"Nun, wenn du meinst. Ich hoffe nur, du findest jemanden, der dir hilft, die Sachen zum Haus zu bringen. Diese Bauern wissen doch mit so kostbaren Dingen nicht umzugehen."
Draco seufzte. "Das werd ich schon irgendwie hinkriegen." Er legte sein Besteck weg und atmete tief durch. "Ich hoffe, du kommst uns bald mal besuchen."
"Aber selbstverständlich..." Narcissa brach ab. "Uns? Ich dachte, du wirst allein wohnen."
"Nein. Um ehrlich zu sein, ziehe ich mit jemandem zusammen. Mit meinem Freund..."
"Oh, warum sagst du das nicht gleich? Ich hätte doch mit Louise gesprochen. Wir hätten soviel zusammen planen können!"
Draco blinzelte. "Louise?"
"Selbstverständlich. Blaise's Mutter. Du kennst sie doch."
"Mutter... entschuldige, wenn ich das frage, aber was hat Mrs. Zabini damit zu tun?"
"Na also weißt du, Dummerchen. Wenn Blaise und du zusammen zieht... Ach, ihr werdet sicher viel Spaß haben. Die Mädchen werden euch zu Füßen liegen. Und Blaise ist so ein gutaussehender Junge. Jetzt verstehe ich deinen Wunsch auszuziehen. Ihr wollt noch eine Weile Spaß haben, bevor ihr euch nach Ehefrauen umseht und euch niederlasst um eine Familie zu gründen."
Sie redete immer weiter und Draco fragte sich einen Moment verzweifelt, wie er diesem Wortschwall jemals Einhalt gebieten sollte. Er nahm all seine Mut zusammen und unterbrach ihren Redefluss.
"Mutter. Erstens hat Blaise eine feste Freundin und wird sicher nicht an anderen Mädchen interessiert sein und zweitens werde ich nicht mit ihm zusammen ziehen. Und auch nicht mit Crabbe oder Goyle oder Notts oder sonst wem, den du kennst." Er sah sie direkt an. "Und drittens ist der Junge, mit dem ich mir das Haus teile nicht irgendein Freund, sondern er ist MEIN Freund. Wir sind ein Paar."
Narcissa starrte ihren Sohn entgeistert an. Dann wurde sie leichenblass.
"Das ist nicht dein Ernst."
"Doch Mutter. Das ist es. Ich kann mit Mädchen nichts anfangen. Sie sind nett als Freundinnen, aber das ist auch alles."
"Das... das ist ein Scherz... Ein dummer Streich, um mich zu ärgern..."
"Nein. Ist es nicht. Es ist das, was ich bin."
"NIMM DAS AUF DER STELLE ZURÜCK!!!"
Draco schloss einen Moment die Augen.
"Mutter... vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe. Wir können ein anderes Mal darüber reden, wenn du die Möglichkeit hattest, darüber nachzudenken und dich zu beruhigen. Du bist viel zu aufgeregt im Moment. Außerdem erwartet Harry mich am Bahnhof."
Ihre blauen Augen fixierten ihn lauernd.
"Wer ist Harry?"
"Mein Freund."
"Harry wer?"
Draco stand auf. Seine Stimme war ruhig. "Harry Potter."
Narcissa sprang ebenfalls auf und versetzte ihrem Sohn schnell hintereinander drei schallende Ohrfeigen.
"RAUS! Verlass auf der Stelle dieses Haus! Ich will dich niemals wieder hier sehen!"
xxx
Draco war gegangen. Wütend, traurig und verletzt. Aber auch irgendwie erleichtert. In Hogsmeade wartete Harry auf ihn. Und als sie sich nach zwei Wochen endlich wieder in den Armen hielten, als er Harrys beruhigend vertraute, weiche Lippen spürte, war alles andere plötzlich nicht mehr wichtig.
xxx
Hogsmeade, 10. September 1998
"One man went to mow, went to mow a meadow. One man and his dog, went to mow a meadow…."
"Potter, wenn du nicht endlich mit diesem Lied aufhörst, hau ich dich!"
"Aber es ist das beste Rasenmäh-Lied, das es gibt."
"Das ist kein Rasenmäh-Lied, das ist ein Wie-treib-ich-meinen-Freund-in-den-Wahnsinn-Lied."
Hermine verdrehte die Augen und lachte. Sie saßen zusammen auf der hinteren Veranda und genossen zum ersten Mal seit Wochen einfach nur die Ruhe. Alle bis auf Harry, der mit mehr Enthusiasmus als Talent singend der wuchernden Wildnis des Gartens zu Leibe rückte. Draco und Ginny saßen auf der Treppe zur Veranda und wechselten sich damit ab, ihn zu ärgern, mit kleinen Gegenständen zu bewerfen und mit Mord und Folter zu drohen, falls er nicht mit dem Singen aufhörte. Harry kümmerte das wenig. Er war selig. Das Haus war in den letzten sechs Wochen praktisch aufgeblüht. Sie hatten, manchmal zu sechst oder siebt, manchmal nur zu zweit, gestrichen, gefegt, Möbel hundertmal umgestellt, Bilder aufgehängt, hatten sich gezankt, wo der beste Platz für welche Topfpflanze war, hatten Teppiche durch die Gegend geschleppt, den Vorgarten aus der Umklammerung der Wildnis befreit und tausend andere Dinge getan, um aus dem leerstehenden, verwahrlosten Haus ein Zuhause zu machen. Und inzwischen war, bis auf ein paar Kleinigkeiten und den Garten alles fertig. Harry und Draco hatten es irgendwie, nach stundenlangen Diskussionen, beleidigtem Schmollen und anschließender ausgiebiger Versöhnung geschafft, ihre mitunter sehr weit auseinandergehenden Vorstellungen von Stil unter einen Hut zu bringen und damit eine Mischung geschaffen, die selbst die sehr skeptische Hermine überzeugt hatte.
Sie lehnte sich in dem alten Schaukelstuhl, den sie direkt heute morgen für sich konfisziert hatte zurück und grinste Harry an.
"Außerdem passt das Lied nicht. Weil nämlich nur der Man die Meadow mähen geht. Sein Dog liegt in seinem Körbchen und schläft den Schlaf der rechtschaffend Müden, weil den ganzen Tag wie irre durch die Gegend tollenden." Sie sah zu dem wolligen Fellbündel, das in der schattigen Ecke der Veranda in seinem Korb lag. Draco hatte Harry den Hund zum Geburtstag geschenkt und seither musste man aufpassen, dass man nicht auf Schritt und Tritt über das muntere Tier stolperte. Gleich am zweiten Tag war der Welpe in einen Eimer blaue Farbe gefallen, mit der Harry die Fensterläden gestrichen hatte.
"Er ist noch immer blau, wenn man richtig guckt."
Draco lachte. "Ja. Das mit dem Baden klappt nicht so wirklich. Harry hat's versucht. Anschließend mussten wir das Bad neu streichen. Und irgendwie geht die Farbe auch nicht wirklich raus. Also haben wir jetzt einen hellblauen Hund. Zumindest, bis es rausgewachsen ist."
Ginny warf einen kleinen Stein nach Harry. "Dann sollten wir Harry die Haare auch blau färben. Damit es besser passt."
"Hey. Nicht mit Steinen werfen!"
"Ach stell dich nicht so an, der war winzig."
"Hör mal, du Kröte, wenn du meinen Freund kaputt machst, musst du ihn bezahlen. Oder einen neuen besorgen."
Harry stemmte die Hände in die Hüften. "Nichts da. Wenn sie mich kaputt macht, wirst du gefälligst angemessen trauern und anschließend die Scherben auffegen und mich wieder zusammenkleben."
"Igitt, ein geklebter Freund. Da bleibt man doch immer an den Ecken hängen."
"Genau. Außerdem findet man in dem Gewucher da eh nicht alle Scherben und kleinen Teile. Ne, Draco, ich kauf dir nen neuen. Unten in der Eisdiele hab ich ein sehr leckeres Exemplar gesehen."
"Ja! Den hab ich auch gesehen. Der mit den braunen Locken, oder?"
"Genau! Der ist doch mal echt schnuckelig."
"Hallo-o! Ich bin auch noch da!"
"Du wolltest doch die Meadow mähen. Also stör uns nicht."
"Weißt du, Draco, ich verspüre gerade ein unüberwindliches Verlangen nach einem Eisbecher."
"Komisch, dass du das sagst, Gin. Geht mir plötzlich genauso. Ob das ansteckend ist..."
"Eigentlich wollten wir doch in die Winkelgasse heute, wenn ich mich recht erinnere. Und da ist auch ein Eiscafé."
"Danke Hermine." Harry schniefte gespielt beleidigt. "Wenigstens einer von euch liebt mich."
"Oh, armes Harrylein."
"Blödes Huhn."
Ginny strahlte Harry an und fing an zu gackern.
Hermine verdrehte die Augen. "Ihr seid wieder überdurchschnittlich albern heute, kann das sein?"
Draco stand auf. "Nein, mein Schatz, das meinst du nur."
"Aber wenn wir jetzt in die Winkelgasse gehen, wer mäht dann die Meadow?"
"Hört ihr jetzt endlich mal mit diesem dummen Lied auf!"
"Ginnylein, ganz ruhig. Es wird alles wieder gut." Draco tätschelte ihr den Pferdeschwanz, was nicht schwer war, da sie immer noch auf der Treppe saß. Harry grinste. "War eh nur'n Witz. Aber was machen wir mit Merlin? Der ist noch zu klein, zum mitnehmen."
Hermine schüttelte den Kopf. "Könnt ihr mir mal verraten, warum ihr diesen Hund ausgerechnet Merlin nennen musstet?"
"Naja, Hermine ist schon besetzt."
"Ha, ha. Sehr witzig, Malfoy. Ich meine, es gibt so viele Hundenamen. Warum muss es ausgerechnet der Name eines der größten Zauberer sein, die jemals gelebt haben? "
Harry zuckte mit den Schultern. "Ich fand, der Name passt. Sein Fell sieht aus, wie Merlins Bart. Beziehungsweise es sah so aus, bevor es blau wurde. Außerdem weiß ich gar nicht, was du hast. Dracos Katze ist nach einer ägyptischen Göttin benannt."
"Ja, aber das passt zu einer Katze. Und so arrogant wie Isis ist..." Hermine warf der schlanken, schwarzen Katze einen Blick zu, die auf dem Verandageländer saß und aus schmalen Augen in die Sonne blinzelte.
"Die Tiere passen zu euch. Ein tapsiger, tollpatischer Hundewelpe und eine hochmütige, kratzbürstige Katze."
"Wie charmant du wieder bist, Hermine."
Dracos trockener Tonfall ließ Hermine auflachen. "Entschuldigt. War nicht böse gemeint."
"Das will ich dir auch geraten haben, Granger."
"Und was machen wir jetzt mit Merlin?"
"Lass ihn hier draußen und sag Mrs. Finsterberg Bescheid, dass sie ab und an einen Blick über den Zaun wirft."
"Wer ist Mrs. Finsterberg?"
"Unsere Nachbarin." Draco deutete auf das hintere Ende des Gartens. "Eine nette ältere Witwe. Entsetzlich neugierig, aber sehr hilfsbereit."
Harry feixte. "Und sie ist in Draco verschossen."
Draco verdrehte die Augen. "Jetzt geht das wieder los."
"Draco hat einen Schlag bei älteren Damen. Sie sind immer ganz hingerissen. Und Mrs. F. hat neulich auf dem Markt einer ihrer Kaffeetanten von uns erzählt, als sie mich gesehen hat." Er sprach mit hoher Fistelstimme weiter. "Ein ganz reizendes junges Paar. Und so höflich und gut erzogen. Das sieht man ja heute nur noch selten. Die meisten jungen Leute sind ja nur noch frech. Aber diese beiden. Wirklich ganz, ganz zauberhaft."
Ginny lachte, bis ihr die Tränen kamen. "Wir verkaufen dich an einen Wanderzirkus, Harry!"
Draco schüttelte den Kopf. "Das macht er jedes Mal, wenn ich mit Mrs. Finsterberg spreche. Er redet nachher stundenlang mit Piepsstimme und der Gebrauch der Worte 'zauberhaft' und 'reizend' pro Minute steigt auf ein kritisches Maß. Das erinnert mich immer schwer an die Teegesellschaften meiner Mutter."
Harry lachte, gab Draco einen schmatzenden Kuss und lief dann ins Haus, um sich umzuziehen.
Hermine sah Draco nachdenklich an. "Hast du nochmal etwas von ihr gehört?"
"Nein."
"Macht es dir etwas aus?"
Draco seufzte. "Ich weiß es nicht. Ich meine, wir hatten nie ein besonders herzliches Verhältnis. Und so wütend wie sie bei unserer letzten Begegnung war, ist es wahrscheinlich besser so. Aber ich hab immer irgendwie das Gefühl, dass das noch nicht alles war. Besonders, da ich auch noch nichts von Lucius gehört habe. Sie hat ihm sicher alles erzählt. Ich weiß einfach, dass da noch was kommt."
"Bist du nicht ein bisschen paranoid, was das angeht?"
"Ja. Vermutlich hast du recht. Aber ich kenne meine Eltern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie mich so einfach ungeschoren davonkommen lassen."
"Vielleicht irrst du dich. Und wenn nicht... du weißt, dass wir alle für dich da sind. Allen voran Harry."
Draco lächelte warm. "Ja. Das weiß ich."
Ginny, die schweigend zugehört hatte, nahm ihn kurz in den Arm. "Lass dich nicht runterziehen, Schatz." Dann ging sie ins Haus und brüllte die Treppe hoch. "Was dauert das so lange, Potter? Strickst du die Sachen erst noch?"
Hermine verdrehte die Augen. "Ist sie nicht reizend?"
"Ja, ganz entzückend."
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Die Eingangshalle von Gringotts war kühl und still. Draco spürte wie immer den leichten Anflug von Ablehnung, den die Kobolden jedem entgegen brachten, der ihre heiligen Hallen betrat. Hermine schüttelte sich leicht.
"Ich werd mich nie daran gewöhnen. Sie sehen einen an, als wäre man ein Käfer."
"Ja. Frevler, die das Geld ausgeben wollen, anstatt es in seinen Gewölben vor sich hin schimmeln zu lassen." Er lachte leise. "Los, beeilen wir uns. Sonst haben Harry und Ginny sich quer durch die Speisekarte gegessen, bevor wir da sind."
Hermine lachte ebenfalls und hakte sich bei ihm unter. Sie hatten Ginny und Harry im Eiscafé gelassen und wollten nur schnell ihre leeren Geldbeutel wieder auffüllen.
Der Kobold, vor dessen Pult sie traten, war erwartungsgemäß wenig erfreut, dass sie das Geld in seinem Schlummer stören wollten. Dennoch reichte er Hermines Schlüssel an einen wartenden Artgenossen weiter, wartete, bis sie im Gang zu den Gewölben verschwanden und wandt sich dann an Draco. Er studierte den Schlüssel des jungen Mannes einen Moment und warf ihn dann in ein steinernes Becken, dass neben ihm über einer grünen Flamme hing. Sofort versank der Schlüssel in der metallisch schimmernden Flüssigkeit, die das Becken füllte. Draco sah den Kobold entgeistert an. "Hey, was soll das?"
"Der Schlüssel ist ungültig."
"Ungültig? Was soll das heißen? Das ist absolut lächerlich!"
"Keinesfalls. Der Schlüssel ist ungültig."
"Und wie soll ich jetzt an mein Gewölbe kommen?" Dracos Stimme war bissig.
"Das Gewölbe wurde bereits weitergegeben."
"Weiter..." Draco schüttelte den Kopf. "Wie kommen Sie dazu mein Gewölbe weiterzugeben? Und was ist mit meinem Geld?"
"Das Geld wurde vollständig abgehoben, die Besitzurkunde des Gewölbes verbrannt, wie es sich gehört."
"Aber das ist unmöglich! Ich würde mich doch daran erinnern!"
Der Kobold sah Draco über den Rand seiner schmalen Brille abfällig an. Man sah, dass er Zweifel am Erinnerungsvermögen dieses jungen Menschen hegte.
"Wie gesagt. Der Schlüssel ist ungültig. Jetzt gehen Sie und stehlen nicht meine Zeit."
"Aber wie kann jemand alles Geld abholen. Ich dachte die Schlüssel wären unfälschbar und dieser dumme Laden hier absolut sicher!"
"Werden Sie nicht frech, junger Mann! Niemand betritt ein Gringotts-Gewölbe OHNE authentischen Schlüssel und OHNE Zugriffsrecht auf das Gewölbe!"
"Aber wie kann dann jemand außer mir alles Geld abheben? Und wie kann der Schlüssel seine Gültigkeit verlieren?"
"Das Gewölbe ist gekündigt worden."
"Gekündigt?"
"Ja, das sagte ich doch. Jetzt gehen Sie!"
Draco amtete tief durch und versuchte seine Gedanken zu ordnen.
"Hören Sie... Es ist absolut... Sie müssen doch... WER hat das Gewölbe aufgelöst?"
Die Augen des Kobolds wurden schmal. "Warten Sie!" keifte er. Er kletterte von seinem Stuhl, ging zu einem Schreibtisch und redete halblaut mit einem seiner Artgenossen. Immer wieder warf er misstrauische Blicke auf Draco. Schließlich kam er zurück.
"Eine Frau war hier mit einer Vollmacht. Sie hat das Geld aus dem Gewölbe in ihres bringen lassen. Dann hat sie die Urkunde abgegeben und ihren Schlüssel. Sie hat gesagt, dass noch ein zweiter Schlüssel existiert, der aber früher oder später gebracht werden würde." Er kramte in den Papieren auf seinem Schreibtisch herum und brachte ein Pergament zu Tage. "Hier. Sie hat unterschrieben, sehen Sie?"
Draco konnte nur einen kurzen Blick auf die Unterschrift werfen, bevor der Kobold das Pergament wieder zurückzog, aber dieser Blick reichte. Diese geschnörkelte Schönschrift würde er überall erkennen.
Er murmelte einen kurzen Dank an den Kobold und ging langsam nach draußen. Er dachte nicht daran auf Hermine zu warten oder daran, dass Harry und Ginny im Eiscafé saßen. Sein Kopf war wie leergefegt. Alles was er sah, waren zwei Worte, in schwarzer Tinte auf vergilbten Pergament: Narcissa Malfoy.
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Harry tigerte aufgebracht im Wohnzimmer auf und ab.
"Es sind jetzt schon drei Stunden! Wir müssen doch irgendwas unternehmen! Ich kann hier nicht einfach nur rumsitzen!"
"Wenn du wenigstens sitzen würdest!"
"Hermine! Draco ist seit drei Stunden spurlos verschwunden! Was erwartest du? Dass ich mich ruhig in die Sonne lege?"
"Herrgott, Harry! Nun dramatisier das alles doch nicht so! Ich hab dir doch gesagt, dass ich Draco noch vor der Bank gesehen hab. Er hat gesagt, dass er uns hier wieder treffen will."
"Ja, aber WARUM?!?"
"Keine Ahnung! Und schrei mich nicht so an!"
"Entschuldige... Es ist nur... Das passt einfach nicht zu Draco. Er haut nicht einfach spontan ab, ohne jemandem zu sagen wohin und warum."
"Harry. Setz dich bitte. Draco ist durchaus in der Lage auf sich aufzupassen, das weißt du. Ich finde ja auch merkwürdig, dass er einfach so verschwindet, aber er wird sicher seine Gründe haben. Lass uns einfach in Ruhe abwarten."
Ginny kam mit einer Kanne Kaffee aus der Küche. "Hermine hat Recht. Es bringt nichts, jetzt in Panik zu geraten."
"Ich weiß, aber... was ist, wenn ihm etwas passiert ist?"
Harry ließ sich neben Hermine auf die Couch sinken. Er wusste, dass er überreagierte, aber in seinem Kopf wirbelten alle möglichen Szenarien durcheinander, eines schlimmer als das andere. Draco war mehr als zuverlässig. Er kam nie zu spät und er hielt sich an Verabredungen. Dass er einfach so verschwand, ohne Erklärung, ohne wirklich jemandem Bescheid zu sagen... Harry wusste instinktiv, dass etwas Furchtbares passiert sein musste. Und er saß hier dumm herum, statt alles in Bewegung zu setzen, seinem Freund zu helfen.
Hermine sah ihm den inneren Aufruhr an. Sie machte sich selbst Sorgen, auch wenn sie wusste, dass Draco gut auf sich aufpassen konnte. Aber der seltsame Ausdruck seiner Augen ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte ihn noch nie so gesehen. Er hatte gewirkt, wie jemand, dem der beste Freund ein Messer in die Brust gerammt hatte und der nicht fassen konnte, dass so etwas passiert war, der entgegen aller Hoffnungslosigkeit dennoch hoffte, dass sich eine logische Erklärung finden würde. Sie streichelte leicht über Harrys Unterarm. "Er wird nach Hause kommen. Und dann wird sich alles aufklären. Mach dir keine Sorgen."
Der Zufall wollte es, dass genau in diesem Moment die Haustür aufgeschlossen wurde. Harry sprang sofort auf und rannte in den Flur.
"Draco! Oh, Merlin sei Dank, du bist wieder da! Was ist passiert?"
Draco sah Harry müde an und schüttelte leicht den Kopf. Er umarmte seinen Freund kurz und ging dann ins Wohnzimmer, wo er sich neben Hermine auf die Couch sinken ließ und das Gesicht in den Händen vergrub.
Sie sah ihn besorgt an. "Liebes? Was ist passiert?"
Er zog, noch immer wortlos, eine zusammengefaltetes Pergament aus der Gesäßtasche seiner Jeans und gab es Hermine.
Harry setzte sich neben Draco und streichelte im leicht über den Rücken. "Baby?"
Draco hob leicht den Kopf und sah seinen Freund an. Er war leichenblass und in seinen Augen stand soviel Trauer und Schmerz, dass es Harry die Kehle zuschnürte. Ohne ein Wort nahm er Draco in den Arm und zog ihn fest an sich. Er spürte das leichte Zittern der schmalen Schultern und wurde sich erschrocken bewusst, dass Draco weinte. Lautlos und ohne Harry loszulassen.
Hermine hatte in der Zwischenzeit das Pergament auseinandergefaltete und den Inhalt überflogen. Sie runzelte leicht die Stirn. "Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz..." Der Bogen war mit sauberen, ordentlichen Reihen von Zahlen und kurzen Erläuterungen bedeckt. Am unteren Ende war eine Linie gezogen und darunter alle Zahlen zu einer recht ansehnlichen Summe addiert. "Was ist das?"
Draco murmelte etwas, das Hermine nicht verstand. Sie sah Harry an.
"Er sagt, es ist eine Rechnung..."
"Ja, das seh ich... aber ich versteh es trotzdem nicht."
Draco löste sich von Harry und atmete ein paar Mal tief durch, um sich zu beruhigen, dann wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen und sah Hermine an. Seine Stimme war bitter.
"Es ist eine Rechnung von meinen Eltern. Darin ist alles aufgelistet, was ich ihnen ihrer Meinung nach für die letzten 18 Jahre schulde. Verpflegung, Unterkunft, Kleider, Schule, sonst was." Er lachte kurz und freudlos auf. "Sie haben sogar daran gedacht, die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke aufzuführen, die sie mir im Laufe der Jahre gemacht haben und die Geschenke, die sie von mir bekommen haben anzurechnen."
Seinen Worten folgte fassungslose Stille, als die anderen versuchte, die Ungeheuerlichkeit dessen, was sie gehört hatte zu begreifen. Hermine nahm sanft Dracos Hand. "Liebes... bitte erzähl von Anfang an."
Draco schloss kurz die Augen um seine Gedanken zu ordnen. Er war sich der warmen Finger, die seine Hand umschlossen ebenso bewusst, wie Harrys Arm, der beruhigend fest und sicher um seine Taille geschlungen war und ihn hielt.
"Als wir heute Mittag in Gringotts waren, hat mir der Kobold am Schalter gesagt, dass das Gewölbe, in dem mein Geld ist, geleert und anschließend gekündigt wurde. Er hat mir ein Formular gezeigt, auf dem meine Mutter den Erhalt des Geldes und die Kündigung quittiert hatte. Zuerst hab ich gedacht, dass das ein Irrtum sein muss, bis mir einfiel, dass sie noch immer eine Vollmacht hat. Ich hab das Gewölbe zu meinem 8. Geburtstag bekommen. Danach wurde alles Geld, das ich von meinen Eltern, Großeltern und anderen Verwandten geschenkt bekommen habe dort eingezahlt. Mein Vater meinte, man kann nicht früh genug damit anfangen, ein eigenes Vermögen anzusammeln. Natürlich haben meine Eltern beide eine Vollmacht gehabt, die ihnen volle Verfügungsgewalt gibt. Ein Kind kann schließlich nicht allein soviel Geld verwalten..." Er schüttelte leicht den Kopf. "Ich hab einfach nicht darüber nachgedacht, dass ich ihnen diese Vollmachten hätte entziehen können, sobald ich volljährig war. Mir ist nie in den Sinn gekommen, dass sie sich für mein Geld interessieren würden, reich wie sie sind. Im Gegenteil. Ich war froh, dass ich selbst genug hatte, um eine Weile gut davon leben zu können, ohne länger von ihnen abhängig zu sein."
"Dann bist du vorhin zu deiner Mutter gegangen?"
Draco nickte leicht. "Ja. Ich wollte sie zur Rede stellen, wollte wissen, was das soll... Ich... Ich hab die ganze Zeit gehofft, dass es eine logische Erklärung gibt." Er schloss wieder die Augen. "Sie war kühl und hochmütig, wie eine Fremde, und hat mir dieses absurde Rechnung präsentiert. Sie sagte, dass ich mir das selbst zuzuschreiben hätte, da ich ja nicht länger Wert auf die Familie legen würde." Er lachte bitter. "Sie hat mir zu verstehen gegeben, dass die Summe auf der Rechnung nur zum Teil von meinem Geld in Gringotts beglichen wäre, sie aber beschlossen hätte großzügig zu sein und mir die restlichen Schulden bis auf weiteres zu erlassen."
"Bis auf weiteres?"
"Ja. Wenn sie irgendwann beschließen sollte, dass sie das restliche Geld braucht, wird sie es verlangen."
"Es braucht?" Harry hatte bisher geschwiegen. "Sie braucht das Geld so dringend wie ein drittes Bein!"
Draco zuckte leicht zusammen bei Harrys lauten, wütenden Worten. Der Gryffindor spürte seinen Fehler und zog seinen Freund sanft fester an sich. "Entschuldige..."
Hermine starrte noch immer fassungslos auf das Pergament in ihren Händen. "Ich kann nicht begreifen, dass jemand so etwas tun kann... Sie ist deine Mutter..."
Draco gab ein weiteres bitteres Lachen von sich.
"Das war nicht sie. Das da trägt Lucius' Handschrift. Meine Mutter ist zu so etwas nicht fähig. Nicht allein."
"Bist du sicher? Dein Vater ist in Azkaban..."
"Das wird ihn nicht daran hindern. Sie ist zu ihm gegangen, kaum dass ich das Haus im Juli verlassen hatte. Sie hat ihm alles erzählt... von dem Haus, von meinem Auszug... von Harry und mir..." Er sah Harry kurz an. "Diese Sache ist seine Art der Rache... Ich..." Er schüttelte wieder den Kopf.
Hermine nickte langsam. Sie verstand, was er sagen wollte. Man stellte sich nicht gegen Lucius Malfoy, ohne anschließend die Konsequenzen zu tragen. Sie sah Draco wieder an, der sich erschöpft in Harrys Umarmung gelehnt hatte. "Gibt es etwas, das wir für dich tun können, Liebes?"
"Ja. Behaltet das hier bitte für euch. Ich will nicht, dass irgendjemand davon erfährt. Weder eure Eltern, noch eure Freunde oder Geschwister." Er sah Hermine eindringlich an. "Besonders nicht dein Freund."
Sie nickte. "Natürlich."
Ginny lehnte sich in ihrem Sessel vor. "Ehrenwort. Von uns erfährt kein Mensch etwas."
"Danke." Draco schloss einen Moment die Augen, dann löste er sich aus Harrys Umarmung und stand auf. "Nehmt es mir nicht übel, aber ich werde ins Bett gehen... Ich bin vollkommen erledigt." Er schenkte den Mädchen ein schwaches Lächeln, streichelte Harry leicht über die Wange und ging dann wortlos nach oben.
Die drei Freunde blieben eine Weile still sitzen, jeder in Gedanken versunken. Harry nahm schließlich das Pergament aus Hermines Fingern und überflog den Inhalt. Sie konnte sehen, wie seine Augen sich vor kaum verhohlener Wut verdunkelten. "Dieses Weib kann froh sein, dass ich nicht dabei war! Wie kann man so etwas tun? Wie kann man seinen eigenen Sohn SO behandeln? Ich verstehe das nicht!"
"Sie spüren, dass er ihrer Kontrolle entgleitet, dass er nicht länger eine willenlose Marionette ist. Und dafür rächen sie sich."
"Das ist meinetwegen... weil sie wissen, dass er mit mir zusammen ist. Wenn ich jemand anderes wäre, hätten sie das nicht getan."
"Oh Harry, nein! Gib dir jetzt nicht selbst die Schuld! Herzukommen war Dracos Entscheidung! Weil er mit dir zusammen sein will. Weil er dich liebt."
"Ja, und jetzt zahlt er dafür." Er warf die "Rechnung" auf den Tisch. "Im wahrsten Sinne des Wortes." Er sah die Mädchen an. "Seid ihr mir sehr böse, wenn ich euch jetzt rausschmeiße?" Sein Blick wanderte kurz zur Zimmerdecke über der das Schlafzimmer lag.
"Nein." Hermine stand auf. "Draco braucht dich jetzt. Wir reden morgen weiter." Sie umarmte Harry und wartete bis Ginny sich ebenfalls verabschiedet hatte. "Meldet euch, wenn ihr etwas braucht."
Harry nickte. Er brachte die Mädchen zur Tür und sah ihnen kurz nach. Dann ging er langsam die Treppe nach oben.
Draco hatte die Fensterläden geschlossen und lag angezogen, zusammengerollt auf dem Bett. Harry konnte an seine Atemzügen hören, dass er wach war. Er zog seine Schuhe aus und legte sich neben seine Freund, ließ einen Arm um die schmale Taille gleiten. "Hey..."
Draco drehte sich um und sah Harry aus großen Augen flehend an. Worum er bat, war ihm in dem Moment selbst nicht klar. Aber Harry verstand. Er zog Draco eng an sich und hielt ihn, während sich der Schmerz erneut einen Weg bahnte und heiße Tränen über Dracos schmales Gesicht liefen.
"Sshht... nicht weinen..."
"Was soll ich jetzt machen, Harry?"
"Vergiss sie! Ich hab genug Geld für uns beide. Du brauchst sie nicht!"
Draco sah Harry an. "Das Geld ist mir völlig egal! Sie..." Er brach ab, konnte nicht aussprechen, was er empfand.
Harry wurde plötzlich etwas klar, das er die ganze Zeit über verdrängt oder ignoriert hatte. Draco liebte seine Eltern noch immer. Trotz allem, was sie ihm und anderen in der Vergangenheit angetan hatten, klammerte sich etwas in ihm an die verzweifelte Hoffnung, dass sie ihn liebten, dass er ihnen wichtig war. Und heute hatten sie ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er nur eine Investition für sie gewesen war. Eine Investition, die sich offenbar nicht gelohnt hatte und die sie jetzt mit dem größtmöglichen Gewinn loswerden wollten. Harry konnte nicht einmal versuchen sich vorzustellen, was in seinem Freund in diesem Moment vorgehen musste. Alles was er wusste, war, dass er Narcissa und Lucius am liebsten mit bloßen Händen den Hals umgedreht hätte.
Er zog Draco enger an sich und streichelte sacht durch die weichen Haare.
"Ich bin hier, Baby. Ich bin für dich da. Und egal was passiert, ich liebe dich."
x-x-x-x-x
TBC
A/N: Manche Dinge ändern sich nie. Zum Beispiel, dass ich es nie schaffe mich kurz zu fassen. ;o) Die Handlung, die ich mir für diesen Part der Geschichte überlegt hatte, ist einfach zuviel geworden für ein Chap. Also hier eine kleine Pause. Eigentlich hatte ich diesen Teil mit einem kleinen Cliff beenden wollen. Aber dann hab ich mir gedacht, weil bald Weihnachten ist, tu ich euch das nicht an. ;o) Ich denke, Teil 2 wird bald fertig sein. (Auf jeden Fall noch vor Weihnachten!) Bin schon ziemlich weit und nach so langer Schreibpause bin ich wieder richtig in Schwung gekommen.
Also bis bald
Fühlt euch alle geknuddelt und geknutscht.
Eure Yulah.
