3. Der Fuchsbau
Wütend verließ Lily das Esszimmer und steig fluchend die Treppe zu ihrem Zimmer empor. Das wird sicher Tod langweilig dachte sie sich. Am besten würde sie viel zum lesen mitnehmen, und sich dort in ihr Zimmer einschließen und erst wieder raus kommen wenn es Zeit zur Heimreise war.
Sie holte ihren großen Koffer vom Schrank und warf wahllos zahlreiche Bücher in den Koffer. Dort stapelten sich Schulbücher des letzten Jahres mit denen des zweiten Schuljahres welche ihre Eltern ihr gegeben hatten. Dazwischen fand sich immer wieder ein Buch aus der Bibliothek ihres Vaters. Sie hätte fast vergessen sich was zum anziehen zu packen. Wenn ich schon die ganze Zeit auf dem Zimmer bleibe, dann brauche ich auch nicht so viel, dann passen mehr Bücher rein, dachte sich Lily.
Ein leises Klopfen an ihrer Tür ließ sie aufschrecken. Normalerweise klopfte ihre Mutter nicht an, wenn sie das Zimmer betrat. „Liebling? Kann ich rein kommen?"
Was für eine Frage, dachte sich Lily „Natürlich Mum."
Hermine kam herein und stolperte fast über den Stuhl, der Quer vor der Tür lag. „Also, das müssen wir erst mal in Ordnung bringen", sagte sie mit einem Lächeln. Sie schwang ihren Zauberstab und das Zimmer räumte sich ordentlich auf. „So geht das!" meinte sie keck zu ihrer Tochter.
„Das musst du mir mal genau erklären", drängte Lily ihre Mutter. „Wieso klappt der Spruch bei dir, und bei mir nicht?"
„Weil du dich nicht richtig konzentrierst, mein Schatz, und nun lass uns mal sehn was du gepackt hast." Hermine verschlug es fast den Atem, als sie das heillose Durcheinander in Lilys Koffer sah. „Was willst du mit den vielen Büchern? Nicht einmal ich hab so viele Bücher mit in die Ferien genommen?", sagte sie verblüfft. Ohne auf eine Antwort zu warten leerte sie den Koffer aus und verstaute leichte Sommerkleidung darin. Außerdem packte sie mit den Worten „In der nähe ist ein wundervoller See, da kann man herrlich baden", noch zwei Badeanzüge ein.
„Mum, ich will nicht baden. Dort ist es sicher so langweilig, das ich viel lieber auf meinem Zimmer bleiben möchte und lesen. Haben die wenigstens Kinder?"
„Ja schon, doch die sind alle erwachsen und schon aus dem Haus", beantwortete Hermine die Frage ihrer Tochter mit einem viel sagenden Lächeln.
„Na toll, ich wusste es doch." Enttäuscht warf sich Lily auf ihr Bett und sah zu wie ihre Mutter den Koffer packte. Erfreut stellte sie fest, dass ihre Mutter wenigstens die Schulbücher für das zweite Jahr im Koffer ließ. Na bis ich die auswendig kann, hab ich doch genug zu lesen, dachte sich Lily.
„So der Koffer ist gepackt, und nun Schlafanzug an, Zähne putzen und ab ins Bett, und nicht mehr lesen bis in der Früh, verstanden" orderte ihre Mutter.
„Ja Mum, hab verstanden." Lily zog sich langsam um, schlenderte zum Bad und richtete sich zum schlafen. „Pa, kommst du noch gute Nacht sagen?", rief sie nach unten.
„Ich komme gleich!", kam die Antwort von unten. Wenig später erschien das Gesicht ihres Vaters in der Tür. Er hatte immer noch dieses Grinsen wie bei einem Lottogewinn drauf. „So, mein Schatz, dann schlaf mal schön, morgen wird es eine lange Fahrt."
„Was?" rief Lily erschreckt. „Ich dachte wir reisern mit Flohpulver oder so?" Wieso musste ihr Vater ihr immer wieder solch einen Dämpfer verpassen.
„Ach Lily, mit dem ganzen Gepäck wäre es ziemlich umständlich mit Flohpulver zu reisen. Sieh es mal so, die Fahrt wird sicher interessant", versuchte er seine Tochter zu beruhigen. Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sagte „Ich verspreche dir, dass es ganz toll wird, und nun gute Nacht mein Schatz." Mit diesen Worten erhob er sich, ging zur Tür, löschte das Licht mit „Nox" und verschwand nach unten.
„Der hat gut reden, das wird bestimmt langweilig", murmelte Lily vor sich her. Sie hatte absolut keine Lust auf die Fahrt und dachte sich, wenn sie schon mit müsse, würde sie machen was sie wollte. Und jetzt wollte sie lesen. Mit einer leichten Bewegung ihres Zauberstabes „Accio Buch" ließ sie ein Buch aus ihrem Bücherregal zu sich her schweben. Sie schlug die Seite 127 auf, in die sie ein Lesezeichen gesteckt hatte und begann zu lesen. Irgendwann vielen ihr die Augen zu und sie schlief mit dem Kopf auf dem Buch ein.
„Lily, aufstehen, wir wollen in einer Stunde los!" Ihre Mutter war an ihr Bett getreten und hatte ihr schnell die Bettdecke weggezogen. Lily tastete verschlafen nach ihrem Kopfkissen und wollte sich mit diesen notdürftig zudecken. „So haben wir nicht gewettet, kleines Fräulein!" und Hermine kassierte auch das Kopfkissen ein. Alles Tasten half nichts, das Bett war mit Ausnahme von Lily völlig leer. Lily fand nicht den kleinsten Zipfel um sich zu zudecken. Verärgert maulte sie ihre Mutter an.
„Gib das her ich bin Müde! Gib das sofort wieder her, immer muss ich so früh aufstehen." Lily klagte und schimpfte, doch es half nichts.
„Wenn du nachts schlafen würdest anstelle zu lesen, kämst du morgens auch besser aus den Federn", neckte ihre Mutter.
Schließlich musste Lily einsehen, dass es wohl besser wäre auf zu stehen. Langsam, wie in Zeitlupe stellte sie erst ein Fuß auf den Boden, dann den anderen. „Das kann man ja nicht mit ansehen, ich hab wirklich noch genug zu tun. Wenn du in einer halben Stunde nicht unten bist, fahren wir ohne dich!" Hermine hatte es Leid mit ihrer Tochter zu diskutieren, schon gar nicht über ihre Anweisungen. Schnell verließ sie das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Träge schlurfte Lily zum Badezimmer. Erst mal einen Ladung kaltes Wasser ins Gesicht, das könnte helfen. Nachdem sich Lily so einigermaßen gerichtet hatte, immer die verflixten Haare, eilte sie in ihr Zimmer. Dort tat sich das nächste große Problem auf. „Mum, was soll ich anziehen?", brüllte sie nach unten.
„Den kurzen rosa Rock und das T-Shirt mit den Blumen", kam die prompte Antwort von unten. „und beeil dich, wir wollen gleich los!"
Gut dass ihre Mutter gestern das Zimmer aufgeräumt hatte, sonst würde sie wohl noch Stunden brauchen, bis sie das T-Shirt gefunden hätte. Sie Schnappte sich ihren Koffer und eilte die Treppe hinunter, wo sie schon von ihren Eltern erwartet wurde.
„Wow, du siehst gut aus!", sagte ihr Vater und nahm ihr den Koffer ab. Sie stiegen in das Auto und fuhren los.
Die Fahrt war tatsächlich so langweilig, wie es sich Lily vorgestellt hatte. Sie hatte es ja gewusst, und mit den Leuten wusste sie auch schon bescheid. Lily zog eine Schnute und murrte vor sich her.
„Mir ist langweilig, sind wir bald da?" Das war eine klasse Idee. Wenn es ihr schon langweilig war, dann konnte sie wenigstens ihre Eltern in den Wahnsinn treiben. „Sind wir bald da?" war darum auch gleich ihre zweite Frage und „Sind wir bald da?" ihre dritte. Ihr Vater schien gar nichts zu hören, doch ihre Mutter rollte mit den Augen.
„Schatz, wir sollten eine kleine Pause einlegen und etwas zu Mittag essen", war auch bald darauf ihre Bemerkung an ihren Mann.
Die drei machten in einem kleinen verträumten Ort an einem Gasthof halt. Lily fand es hier auch ziemlich langweilig, doch hatte sie inzwischen auch Hunger und hielt lieber ihre Klappe. Man konnte ja nie wissen, vielleicht würde sie ja nichts bekommen, wenn sie weiter maulte.
Hermine war Lilys plötzlicher Sinneswandel aufgefallen und sie fragte mit besorgt wirkendem Gesicht „Schatz, geht es dir gut? Du bist auf einmal so brav?", und ihr Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.
„Sehr lustig, ich hab Hunger!", erwiderte Lily giftig.
„Na also, geht doch!", meinte nun Lilys Vater. Die drei betraten den Gastraum und setzten sich an einen Tisch etwas abseits. Plötzlich wurde Lily aufmerksam. „Sag mal Dad, ist es möglich, dass die Wirtsleute Zauberer sind?", flüsterte sie zu ihrem Vater herüber.
„Ja natürlich, hier habe ich schon oft mit meinen Kollegen gegessen, aller erste Sahne", erklärte Harry laut.
„Guten Tag Mr. Potter, was darf ich Ihnen bringen?" Eine zierliche Frau war zu ihnen an den Tisch gekommen und verteilte die Speisekarten. Eifersüchtig sah Hermine zu der jungen Kellnerin herüber.
Das Essen war hervorragend und zum ersten Mal, seit heute morgen, fühlte sich Lily wirklich wohl. Schade dass sie schon weiter mussten, dache sie sich. Die Fahrt ging genauso langweilig weiter, wie sie begonnen hatte, doch wenigstens hatte sie jetzt keinen Hunger mehr. Nach einer weitern Stunde Fahrt bog ihr Vater plötzlich von der gut ausgebauten Straße ab und fuhr in eine schmale Straße. Eigentlich war es gar keine richtige Straße mehr, sondern eher ein Feldweg.
„So nicht mehr lange, dann sind wir da!" rief Hermine plötzlich aus. „Ich denke die Woche Urlaub wird uns allen gut tun."
„Na super", erwiderte Lily vorlaut. Sie wohnten selber etwas außerhalb von London und so dachte Lily sie wäre es gewöhnt auf dem Land zu leben. Doch was sie hier sah entsprach ganz und gar nicht ihren Vorstellungen. Hier gab es rein gar nichts. Harry bremste den Wagen leicht ab und fuhr langsam um ein kleines Waldstück herum.
„Dort ist es!" rief auf einmal Lilys Mutter ganz erregt. Lily blickte sich um und sah das wohl sonderbarste Haus, das sie je in ihrem Leben gesehen hatte. Es war krumm und schief. An allen Seiten waren Anbauten angebracht, die sich versetzt über mehrere Stockwerke hinzogen. Jedes der vielen Dächer wurde von einem Schornstein verziert. Irgendwie sah das Haus aus wie aus einem Märchenbuch. Langsam lies Lilys Vater das Auto in die Hofeinfahrt rollen und kam vor einer halb verfallenen Garage zum stehen.
Eine ältere Frau kam mit weit ausgebreiteten Armen aus dem Haus gestürmt und umarmte Harry, kaum dass er ausgestiegen war, äußerst herzlich. „Tag Molly, schön dich zu sehn." Auch Lilys Mutter wurde genauso überschwänglich begrüßt. Lily stand regungslos daneben und machte ein finsteres Gesicht.
„Und du bist Lily?", fragte die Frau auf einmal an sie gewandt. Ohne auf eine Antwort zu warten, umarmte die Frau auch sie und drückte sie heftig an sich. Nachdem sie die Umarmung gelöst hatte musterte sie Lily „Warum so traurig, hier wird es dir sicher gefallen. Meine Enkel sind auch auf Besuch. Ich bin sicher ihr werdet viel Spaß haben."
Lily wusste nicht wie sie reagieren sollte und nickte nur schüchtern. „Sie ist sonst nicht so schüchtern", erklärte auf einmal Hermine. „Doch wir haben ihr noch nichts gesagt, und da ist sie ein wenig, wie soll ich sagen… sauer, weil sie nicht zu ihren Freunden in den Ferien durfte." Hermine grinste die andere Frau schelmisch an.
„Ach so, na dann kommt mal rein. Die anderen sind gerade zum See runter, wir haben euch nicht so früh erwartet." Molly ging ins Haus und Harry, Hermine und Lily folgten ihr. „So jetzt setzt euch erst mal, ich mach uns solange einen Tee."
Von der Eingangstür gelangte man direkt in eine gemütliche Wohnküche. Hier stand ein riesiger Tisch mit einer Menge verschiedener Stühle drum herum. Auf dem Herd kochte ein Kessel, und ein kleiner Löffel war damit beschäftigt Teeblätter in eine sich sträubende Kanne zu füllen. Lily musste grinsen. Dann viel ihr Blick auf einen großen Kamin. Auf dem Sims standen viele Kochbücher mit so sinnreichen Titeln Festschmaus, keine Hexerei oder Backen ein magisches Erlebnis. Darüber hing eine so sonderbare Uhr wie sie sie bei Raul gesehen hatte.
An der Wand hingen viele Fotos. Lily betrachtete sich flüchtig die Fotos. Ihr Blick blieb auf einem Foto ihrer Eltern haften. Es musste wohl zu deren Schulzeit aufgenommen worden sein, denn sie trugen ihre Hogwarts-Umhänge und winkten Lily fröhlich zu. In manch anderen Bildern waren die Personen wohl gerade jemand anderen besuchen, denn man konnte außer der immer gleichen Wiese sonst niemanden entdecken.
„Der Tee meine Lieben!" Molly kam mit der Kanne, die sich inzwischen beruhigt hatte, herüber und Lilys Mutter half mit dem Geschirr. Ob die Enkelkinder der Frau wohl in ihrem alter waren fragte sich Lily und hing weiter ihren Gedanken nach. Das knirschen von Schritten auf dem Kies im Hof ließ Lily aufschrecken. Wie wohl die anderen Kinder so waren.
Ron betrat die Küche, blickte sich erstaunt um und stürmte gleich auf Harry zu. „Hey Harry altes Haus, wenn wir gewusst hätten, dass ihr schon so früh kommt, wären wir nicht so lange beim Angeln geblieben." Er umarmte Hermine kräftig und wandte sich dann an Lily. „Die anderen räumen nur noch das Angelzeug in den Schuppen, vielleicht willst du ja helfen."
Völlig verwirrt starrte Lily Ron an. „Was machst denn du hier?", fragte sie etwas plump. Nun kapierte sie überhaupt nichts mehr.
„Lily, du bist schon da?" Anna war inzwischen auch zur Tür hereingekommen und voller Freude stürzte sie sich auf ihre Freundin und riss sie fast um. „Raul wird Augen machen wenn er sieht dass du schon da bist." Sie schnappte Lily am Arm und zog sie nach draußen. Dort kam ihnen Raul gerade entgegen.
„Mensch du bist schon da!" Auch er umarmte sie heftig. „Schau mal was wir gefangen haben." Stolz zeigte er einen Korb der mit vielen Fischen gefüllt war. „Das wird ein fantastisches Essen, wart mal ab Oma kocht absolut spitze." Raul war ganz aufgeregt. So kannte Lily ihn gar nicht. In der Schule war er mehr der Schüchterne. Doch hier kam er aus dem Reden gar nicht mehr raus.
Die Kinder liefen gemeinsam ins Haus. „Oma, schau hier sind die Fische." Raul reichte den Korb seiner Großmutter. „Jetzt hab ich aber erstmal Hunger!" Auch Anna stimmte Raul zu.
„Nichts da, es gibt erst heut Abend wieder was zu essen. Ihr könnt ja ein Glas Kürbissaft trinken", erklärte Molly streng. „Außerdem müsst ihr Lily noch ihr Zimmer zeigen. Ich bereite solange das Essen vor."
Anna schnappte sich schnell den Krug mit dem Saft und drei Gläser bevor sie Raul und Lily hinterher eilte. Raul führte Lily in den zweiten Stock. Am Ende des Ganges öffnete er eine Tür und bat Lily herein. „Hier kannst du schlafen." Vorsichtig sah er seine Freundin an. Langsam betrat Lily den Raum. Das war wohl das am sonderbarsten eingerichtete Zimmer, das Lily je gesehen hatte.
An der rechten Wand stand ein Hochbett. Das untere Bett war mit heller Bettwäsche mit leichtem Blumenmuster bezogen. Das obere Bett war leer. Am Fenster stand ein stark ramponierter Schreibtisch der über und über mit Brandflecken versehen war. In der Ecke thronte ein großer Kleiderschrank auf dem Lilys Koffer lag. An der gegenüberliegenden Wand hingen Pinwände, die vor lauter Zettel überquollen. Daneben hing ein Regal, welches mit lauter kleinen Dosen gefüllt war, die aussahen als kämen sie aus einem Süßigkeiten- Laden. Und unter der Decke schwebte eine Wolke, die ständig ihre Farbe wechselte.
„Das ist das Zimmer von meinen Onkels; wir haben oft versucht die Wolke zu entfernen, doch bis jetzt ist es niemanden gelungen. Und mit den Süßigkeiten musst du aufpassen, die haben's im wahrsten Sinne des Wortes in sich", erklärte Raul.
„Na solange die Wolke nicht regnet oder leuchtet, ist das kein Problem, ich hab gerne Farbe in meinem Zimmer!", lachte Lily und warf sich auf das Bett. „Und wenn das die Süßigkeiten aus Zauberhafte Scherzartikel von Fred und Gorge sind dann kenne ich die schon. Dad hat oft welche aus der Winkelgasse mitgebracht."
Anna hatte sich inzwischen an Raul vorbeigedrängt und den Krug und die Gläser auf den Schreibtisch gestellt. Sie reichte Lily und Raul je ein Glas mit Kürbissaft und meinte „Auf tolle Ferien!" Lily und Raul prosteten ihr zu bevor sie in einen Lachkrampf ausbrachen. Vielleicht sollten sie ja einige der Süßigkeiten ausprobieren, schlug Lily vor, und Anna und Raul stellten Überlegungen an, was die wohl für eine Wirkung haben könnten. Am Ende trauten sie sich dann doch nicht, doch darüber zu mutmaßen machte riesig Spaß.
