7. Keine Antwort

Lily wurde früh von Anna geweckt. „Hey Lily! Aufstehen! Wir wollten doch zusehen!"

„Lass mich. Es ist doch Samstag, darf man denn nicht einmal am Wochenende ausschlafen?", murrte Lily. Mit einem Auge blinzelte sie ihre Freundin an während das andere noch zu schlafen schien. Brummelnd rutschte sie tiefer unter die Decke.

„Wir wollten doch bei der Auswahl zusehen, komm sag nicht, dass DU das vergessen hast!", schimpfte Anna, „Raul ist sicher enttäuscht wenn wir nicht zusehen!"

„WAAAS, die Auswahl ist heute? Oh je, dann muss ich mich aber beeilen! Los aus dem Weg!" Mit diesen Worten flog in hohem Bogen ihre Bettdecke weg, gleichzeitig schwang sie ihre Beine aus dem Bett, wobei sie nur knapp Annas Kopf verfehlte und stürmte in das Badezimmer.

„Raul möchte sich doch für das Quidditch-Team bewerben, da kann er unsere Unterstützung gebrauchen!", rief Anna ins Badezimmer, wo sich Lily gerade die Zähne putzte. „Isch beeil misch", nuschelte sie mit der Zahnbürste im Mund. Anna konnte nur noch lachen.

Wenig später waren die Mädchen gerichtet und stürmten die große Treppe zur Eingangshalle hinunter. Sie hätten dabei beinahe ihre Schulleiterin Professor McGonagall umgerannt.

„Na, na, immer langsam mit den jungen Pferden!", wurden sie auch gleich darauf ermahnt.

„Tut uns Leid! Keine Zeit! Quidditchauswahl!", rief ihr Lily nur kurz zu und schon rannten die beiden Freundinnen weiter und ließen ihre Kopfschüttelnde Schulleiterin zurück, die ihnen nachsichtig lächelnd hinterher schaute

Auf dem Quidditchfeld war schon eine Menge los. Hier drängten sich viele Schüler, welche in den verschiedenen Quidditch-Mannschaften aufgenommen werden wollten. Jedes Haus war auf einen Bereich des Quidditchfeldes eingeteilt und die Mannschaftskapitäne versuchten Ordnung in das Chaos zu bringen. Dennis Silverstone, der Kapitän von Gryffindor notierte alle Bewerber in einer Liste und deren Wunschpositionen. Dann wies er die jeweiligen Gruppen seinen Stammspielern zu die jeden einzeln auf seine Fähigkeiten testen sollten.

Auch Raul wurde zu einem der Stammspieler geschickt. Er hatte sich für die Position des Hüters vorgestellt und rechnete sich gute Chancen aus. Es waren noch einige Schüler vor ihm, bevor er zeigen konnte was in ihm steckte Nun war es endlich soweit und Raul bereitete sich gerade vor als Dennis neben ihm auftauchte.

„Na dann lass mal sehen!", forderte Dennis Raul auf. „Wenn du nur halb so gut bist wie dein Vater, dann denke ich geben wir ein schönes Team ab!"

Raul war so verblüfft, dass er fast den Start verpatzt hätte. Er wusste zwar, dass sein Vater damals in Hogwarts auch Quidditsch gespielt hatte, doch dass er so bekannt war, damit hatte Raul nicht gerechnet. Er fing sich schnell wieder und zog in weiten Kreisen hoch zu den Torstangen. Ein Treiber der Gryffindor-Mannschaft, Raul kannte ihn nur vom sehen, schoss immer wieder den Quaffel auf die Torringe. Raul reagierte so schnell, dass es ihm kein einziges Mal gelang einen der Torringe zu treffen. Der Treiber nickte zu seinem Partner. Er zog seinen Zauberstab und plötzlich war ein weiterer Quaffel im Spiel. Fies grinsend warfen beide Spieler gleichzeitig auf die Torringe.

Raul bekam erst große Augen, doch dann stürzte er sich auf den ersten Quaffel, den zweiten ließ er einfach durch den Torring fliegen.

Dennis pfiff und winkte Raul und seine beiden Spieler zu sich herunter. „Was sollte denn das werden?", fragte er die beiden.

„Der da hat keinen rein gelassen!", zeigte der eine anklagend auf Raul. „ Da mussten wir uns doch was einfallen lassen", versuchte der andere Spieler sich zu verteidigen.

„Ja, das ist doch unfair, er lies uns keine Chance!" maulte der andere wieder.

Dennis begann zu grinsen. „Also wenn er euch zu solch drastischen Maßnahmen zwingt, dann denke ich ist das unser Mann! Frank, Oliver, das ist Raul!", stellte Dennis den beiden ihren neuen Hüter vor.

Raul grinste über das ganze Gesicht. Er machte mit der Faust eine Siegerpose, als ihn plötzlich jemand von hinten ansprang und fast von den Beinen riss.

Anna und Lily hatten das ganze verfolgt und waren auf das Spielfeld gerannt, als Dennis mit Raul gesprochen hat. Lily schlang heftig die Arme um Raul. Sie freute sich ja so sehr, dass er es geschafft hatte.

Dennis klopfte Raul auf die Schulter und meinte: „Was ich noch gerne gewusst hätte? Warum hast du den ersten Quaffel gehalten, und den zweiten einfach durchsausen lassen ohne auch nur zu versuchen ihn zu erwischen?"

„Der Erste ist ja aus dem Spiel und der Zweite war nur ein Ablenkungsmanöver. Also musste ich den Ersten halten, der Zweite war ja dann nicht echt, der zählt nicht", versuchte Raul seine Handlung zu erklären und Dennis nickte anerkennend.

Nach der Auswahl gingen die Drei hinunter zu See. Dort legten sie sich unter einen großen Baum und Raul erzählte den beiden Mädchen jedes Detail von der Auswahl. „Dennis wusste, dass mein Vater auch Quidditch in Hogwarts gespielt hat. Woher kennt er bloß meinen Vater?"

„Das ist doch nicht schwer!", sagte Lily. „Dein Vater war in seinem letzten Schuljahr Kapitän der Gryffindor-Mannschaft und zusammen mit meinem Vater haben sie den Quidditchpokal als einzige ungeschlagene Mannschaft geholt. Es gibt sogar eine Medaille im Trophäenraum", erklärte Lily.

„Und mir hat er gesagt, dass er mehr schlecht als recht spielt", meinte Raul beleidigt.

„Das ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts!", lachte Anna. Sie erzählten noch viel und erst als es schon dunkel wurde beschlossen sie zum Schloss zurück zu gehen.

Am nächsten Morgen schliefen Lily und Anna sehr lange. Anna war noch nicht wach, als Lily sich endlich zu regen begann. Leise, um ihre Freundin nicht zu wecken, zog sie sich an und schlich aus dem Schlafsaal. Sie nahm ihre Feder, Pergament und das Tintenfässchen, öffnete leise die Tür und glitt lautlos nach draußen. Behutsam schloss sie die Tür. Vor den Schlafsälen holte Lily erst mal tief Luft, hörte an der Tür, ob sie jemanden geweckt hatte und rannte dann flink die Treppe in den Gemeinschaftsraum hinunter.

Lily wollte einen weiteren Brief an ihre Eltern schreiben, da sie schon lange nichts mehr von ihnen gehört hatte. Sie setzte sich an einen Tisch, entrollte das Stück Pergament und begann.

Hi Mum, Hi Dad

Wie hat euch mein letzter Brief gefallen? Habt ihr gedacht es ist ein Heuler? Ich hab immer noch keine Antwort von euch. Raul ist als Hüter in die Quidditchmannschaft von Gryffindor aufgenommen worden, ist das nicht toll? Er wusste nicht einmal, dass sein Vater früher Kapitän war, ist das nicht komisch? Mit Anna macht das lernen viel Spaß. Wenn einer von uns was nicht weiß suchen wir gemeinsam in der Bibliothek das macht riesig spaß.

So, das ist der neuste Stand der Dinge und jetzt fällt mir nichts mehr ein. Schreibt schnell zurück.

Ich vermisse euch

Eure Lily

Sie faltete den Brief und steckte ihn in einen Umschlag. Schlurfende Schritte von der Treppe zu den Jungenschlafsälen ließen sie aufschauen. Raul kam gerade die Treppe herunter und hielt Zusel, Lilys Kneazle auf dem Arm.

„Sieh mal wer mich heute Morgen geweckt hat!" Grinsend hielt er Lily ihr Haustier unter die Nase. Lily lachte und meinte nur: „Gut so, Zusel, der braucht gar nicht denken, dass ich alleine in die Eulerei gehe." Dabei rieb sie Zusel kräftig am Kopf. Dieser reckte sich genießerisch schnurrend ihrer Hand entgegen.

„Du willst zur Eulerei? Für wen ist der Brief?", fragte Raul neugierig nach.

„Der Brief ist für meine Eltern, die haben schon lange nichts mehr von sich hören lassen. Kommst du mit?" Fragend sah Lily zu Raul. Der willigte sofort ein und beide stiegen durch das Portraitloch auf den Gang hinaus.

„Aber der darf nicht mit in die Eulerei!", ermahnte Lily ihren Freund, der noch immer Zusel auf dem Arm hatte, „Sonst tobt die McGonagall wieder!"

Raul musste herzhaft lachen und setzte Zusel auf den Boden. „Schade mein Freund, geht leider nicht." Dieser streifte noch ein paar Mal erwartungsvoll, ob er nicht doch mit darf, um die Beine der Kinder und war dann beleidigt um die nächste Ecke verschwunden.

Tobend und lachend liefen die Kinder aus dem Schloss zur Eulerei. Raul suchte einen schönen braunen Waldkauz aus und Lily band den Brief an den Fuß, den er gehorsam ausstreckte. Sie sahen noch kurz dem großen Vogel hinterher und liefen dann zurück auf die Wiese. Sie hatten ganz das Frühstück vergessen. Erst als Anna ihnen mit ein paar Broten entgegenlief merkten sie, dass sie nichts gegessen hatten. Dankbar griffen sie nach den Broten und verspeisten sie genüsslich.

Die nächsten Tage verliefen eher ruhig. Lily hatte wenig Mühe mit den Hausaufgaben und auch Raul und Anna schien der Unterrichtsstoff keine größeren Probleme zu bereiten. Lily wunderte sich lediglich, dass sie von ihren Eltern immer noch keine Antwort erhalten hatte. Auf dem Weg zum Frühstück sagte sie zu ihrer Freundin Anna.

„Du Anna, meine Eltern haben bis jetzt auf keinen meiner Briefe geantwortet. Was meinst du, soll ich mal mit der McGonagall darüber reden?" Lily sah ihre Freundin fragend an.

„Ich weiß nicht. Dein Vater ist doch Auror. Was ist, wenn er wieder so einen streng geheimen Auftrag hat und du wirbelst dann da zu viel Staub auf. Ich würde einfach abwarten", versuchte Anna ihre Freundin zu beruhigen.

„Aber bald sind Herbstferien und wenn sie nicht da sind weiß ich nicht ob ich dann nach Hause kann!", sagte Lily unsicher.

„Ach was, bis dahin sind noch zwei Wochen. Ich schreib mal meinen Eltern. Vielleicht wissen die etwas, wenn nicht kannst du in den Ferien zu mir mitkommen", sagte Anna.

Lily war immer noch beunruhigt, doch die Aussicht, vielleicht bei Anna die Ferien zu verbringen ließen sie die Sorge um ihre Eltern fast vergessen.

Vor den Ferien wurde es dann noch einmal hektisch. Wie als wenn sie sich abgesprochen hätten, meinten die Lehrer, das es Zeit für letzte Klausuren wäre, und so hatten Lily und ihre Freunde sehr viel zu lernen. Besonders Lily musste sich immer wieder selbst ermahnen, doch ihre Gedanken kreisten immer wieder um ihre Eltern. Sie konnte zwar die meisten Zauber und Tränke besser als mancher ihrer Lehrer, doch wurde nun auch sehr viel theoretisches Wissen zu den verschiedenen Themen verlang. Da kam es auf Details an, die Lily bisher nicht beachtet hatte.

Eine Gute Hilfe war Raul, mit dem Lily nun regelmäßig lernte. Er war fast genauso gut wie Lily, doch hatte er von vielen Dingen eine andere Sichtweise. Lily war es wichtig einen Zauber möglichst gut zu können egal wie er etwas bewirkte. Raul war es wichtiger die genaue Funktionsweise eines Zaubers zu wissen, als ihn dann fehlerfrei ausführen zu können. So ergänzten sie sich sehr gut.

Anna war die gute Seele. Sie plante die Übungsstunden, organisierte die Räume und lernte bei beiden mit. Anna büffelte sowieso so viel, dass Lily sie schon deswegen neckte.