10. Lily in Gefahr
„Aufstehen Lily, wir sind schon spät dran! Ich möchte wegen dir nicht das Frühstück verpassen." Anna hatte die Vorhänge bei Seite gezogen und wirbelte geschäftig durch den Schlafsaal. Die Sonne schien Lily hell ins Gesicht und kitzelte an ihrer Nase.
„Ich hasse dich!" schrie Lily ihre Freundin an und schlug die Bettdecke zurück.
„Ich dich auch, und einen guten Morgen auch!" lachte Anna zurück.
Lily rannte ins Bad und beeilte sich mit dem Zähne putzen und waschen. Schnell war sie in ihre Klamotten geschlüpft, welche sie sich mit einem „Accio Kleider!", aus allen Ecken des Schlafsaals hervorrief.
„Wann räumst du endlich mal abends deine Sachen richtig auf?", fragte Anna sicher schon zum tausendsten Mal.
„Wozu bin ich denn eine Hexe? Das klappt doch prima so!", erwiderte Lily keck, und glättete mit einem weitern Zauber ihren stark zerknitterten Umhang.
„So nun aber ab zum Frühstück, sonst bekommen wir nichts mehr ab!" Schnell lief sie die Treppe herunter und ließ ihre verblüfft dreinblickende Freundin zurück.
„Hey, warte auf mich!" Lachend rannte Anna ihrer Freundin hinterher.
Sie waren doch nicht so spät, den der Speisesaal war noch voller Schüler die gerade mit dem Frühstück begonnen hatten. Lily und Anna setzten sich an ihren Tisch und begannen zu frühstücken. Als erstes würden sie heute Verteidigung gegen die dunklen Künste bei Professor Lupin haben.
Anna gefiel das Fach nicht besonders. Professor Lupin legte großen Wert auf praktische Übungen und so wurde nur wenig mitgeschrieben. Lily gefiel es umso mehr. So brauchte sie sich nicht anstrengen, da sie die meisten Zauber schon von ihrem Vater gelernt hatte. Lily liebte das Zaubern genauso sehr wie ihr Vater.
Ein lautes Rauschen kündigte die Ankunft der Posteulen an. Lily hatte es inzwischen aufgegeben auf Post von zu Hause zu warten. Wahrscheinlich hatte ihr Vater zu viel zu tun und so konnte sie wohl nicht in den Herbstferien nach Hause gehen. Vielleicht konnte sie ja die Ferien bei Anna verbringen, sie hatte mal so etwas erwähnt. Sie wollte gerade aufstehen und zum Unterricht gehen, als Anna auf einmal meinte:
„Du Lily, die Eule hat einen Brief für dich." Ungläubig blickte Lily die Eule an. Dann begann sie auf einmal über beide Ohren zu grinsen.
„Der ist bestimmt von meinen Eltern! Ich kann wohl doch in den Herbstferien nach Hause fahren!" Schnell band sie den Brief los. Sie wollte ihn gerade öffnen, als sie von Professor Lupin ermahnt wurde doch bitte pünktlich zum Unterricht zu erscheinen.
Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie tatsächlich getrödelt hatte und sie sich nun sputen musste um pünktlich zum Unterricht zu kommen. Sie steckte den Brief in ihre Innentasche des Umhangs. Lily nahm sich vor ihn während des Unterrichts zu lesen. Schnell eilten sie und Anna aus dem Speisesaal und die Treppe hinauf zum Klassenzimmer.
Professor Lupin erwartete sie schon, und die Glocke läutete gerade zum Unterrichtsbeginn, als sie sich auf ihre Plätze gesetzt hatten.
„Guten Morgen meine Damen und Herren. Heute kommen wir zu einem besonderen Thema!" eröffnete Professor Lupin den Unterricht. „Wir werden uns heute mit dem Thema Echtheit von Informationen auseinander setzen. Wer kann mir sagen, was Informationen sind?"
Annas Augen begannen zu strahlen. Endlich war nicht nur das korrekte Anwenden von Schutzzaubern gefragt sondern etwas, wo man Theorie wissen musste. Das gefiel Anna viel besser. Schnell streckte sie die Hand, um Professor Lupin anzuzeigen, dass sie auch etwas beisteuern konnte, was beim praktischen Teil nicht oft der Fall war.
„Ja Miss Longbottom!" wurde sie auch sofort aufgefordert.
„Also Informationen sind potenziell oder tatsächlich vorhandenes nutzbares oder genutztes Wissen. Sie werden oft noch als Zweckorientiertes Wissen definiert."
Lily verdrehte die Augen. Anna klang gerade so, als ob sie ein Lexikon verschluckt hätte.
„Stimmt!", bemerkte Professor Lupin beeindruckt. "10 Punkte für Gryffindor! Um dieses Wissen zu nutzen, muss die Information weitergegeben, verbreitet werden. Wie könnte das geschehen?"
Wieder streckte Anna, doch Lupin lächelte sie nur an und zeigte dann auf Cora. „Ja Miss Richmond, was schlagen sie uns vor?"
Cora blickte unsicher in die Klasse und meinte dann schüchtern: „Man kann die Information weiter erzählen." Fragend blickte sie den Professor an, der sich das Kinn rieb.
„Ja das ist eine Möglichkeit. Weiß noch jemand eine weitere?"
Lily und Anna streckten, „in einem Brief", riefen sie, ohne abzuwarten, ob sie aufgerufen. Lupin blickte ermahnen zu ihnen herüber und fragte weiter.
„Mit dem Telefon", rief Edmund durch Lilys und Annas Aktion ermuntert aus.
„Ja das ist alles richtig!", erklärte Professor Lupin, der aber auf was ganz anderes hinaus wollte.
„Aber wo liegt nun die Schwierigkeit?", wollte er weiter wissen. Ein ratloses Schweigen machte sich in der Klasse breit.
„Wenn ich keine Eule zum Briefe verschicken hab", rief Frank vor, und die Klasse begann zu lachen.
„Ja das kann eine Schwierigkeit sein. Und? Hat jemand von ihnen in letzter Zeit einen Brief bekommen?"
Sofort zog Lily den Brief, den sie heute Morgen bekommen hatte aus ihrer Tasche. „Ja, ich hab heute einen Brief bekommen!", rief sie auch gleich freudestrahlend aus.
„Haben Sie die Eule gekannt Miss Potter?", fragte Lupin.
„Nein?", erwiderte Lily erstaunt. Ratlos blickte die Klasse ihren Professor an.
„Glauben Sie was in dem Brief steht?", bohrte der Professor weiter, „oder sind Sie sich nicht sicher?"
Lily bekam große Augen. Ein heftiges Murmeln ging in der Klasse um. Viele tuschelten mit ihrem Nachbarn, und einige kramten ihre letzten Briefe aus ihrer Schultasche und beäugten ihn kritisch.
„Ich sehe, wir kommen langsam zum Punkt unserer heutigen Stunde!" Zufrieden blickte Professor Lupin in die Runde. „Wie können wir sicher sein, dass die Information die man uns schickt, korrekt ist, und nicht gefälscht. Wie können Informationen gefälscht werden, und wie können wir das erkennen, beziehungsweise verhindern. Also…wie kann man Nachrichten manipulieren?"
„Indem man einen Brief mit falschen Informationen verschickt", versuchte Sabrina das Thema wieder auf den Brief zu bringen.
„Oder die Aufschrift auf Fahrkarten magisch verändern, so dass man z.B. mit einem falschen Zug fährt, der dann überfallen werden könnte", warf Edmund ein.
„Weit hergeholt, aber durchaus möglich Mr. Waters. Fünf Punkte für Ravenclaw", sagte Professor Lupin. „Wir sehen, dass es sehr leicht ist, Informationen zu verändern oder zu fälschen. Wie können wir nun sicher gehen, dass unsere Informationen nicht verändert werden, wenn wir sie verschicken oder erkennen das Nachrichten die wir empfangen korrekt sind? Weiß jemand die sicherste Möglichkeit, die derzeit bekannt ist, Informationen zu transportieren?"
Ein kopfschütteln ging durch die Reihen als Lily plötzlich die Hand hob. „Ja Miss Potter, was meinen Sie?" fragte Lupin erstaunt.
„Mit Hilfe eines Patronus! Jeder Patronus ist individuell und kann nur von einen Zauberer oder Hexe erzeugt werden. Er lässt sich nicht manipulieren und nicht aufhalten. Niemand kann einen Patronus unter Zwang erzeugen, so ist eine Nachricht die unter Erpressung oder dem Imperius-Fluch geschickt werden soll nicht möglich."
Alle Augen der Klasse waren auf Lily gerichtet und auch Anna blickte erstaunt zu ihrer Freundin rüber. Professor Lupin sah äußerst beeindruckt aus. „Das hätte ich mir denken müssen das Sie das wissen Miss Potter." Lächelnd sah er sie an, als ob er eine besonders schöne Erinnerung hätte.
„Als ihrem Vater damals im Orden diese Möglichkeit gezeigt wurde, war er von der Möglichkeit jemanden damit warnen zu können ganz angetan. Es war eines seiner Lieblingszauber, und er hat damit viele Menschen vor Voldemort gewarnt und gerettet." Lupin stand auf und wendete sich wieder der Klasse zu.
„Was ist nun aber die Schwierigkeit bei einem Patronus als Informationsträger?" Wieder streckte nur Lily. „Also ich werde es Ihnen sagen." Lily ließ enttäuscht den Arm sinken, während Professor Lupin mit der Erklärung begann. „Einen voll ausgebildeten Patronus, der fähig ist Informationen über große Strecken zu übermitteln, können nur sehr wenige mächtige Zauberer erschaffen. Also steht diese Möglichkeit nur wenigen Menschen zur Verfügung. Zudem gibt es Möglichkeiten das Schicken eines Patronus zu verhindern, so kann man mit einem Patronus im Allgemeinen keine Hilfe holen."
„Ach was, das mach ich mit meinem Vater schon seit ich denken kann", flüsterte Lily zu Anna rüber. „Das war immer eines unserer liebsten Spiele."
„Ruhe bitte!" Wurden sie auch gleich von Professor Lupin ermahnt. „80 des Informationsaustausches findet über das gesprochene Wort statt, 18 über Schrift, und die restlichen 2 über alle anderen Methoden, wie eben zum Beispiel auch Patronus. Wenden wir uns nun also dem gesprochenem Wort zu."
So ging der Unterricht weiter und die Schüler hörten aufmerksam zu. Lily hatte den Brief schon wieder vergessen als Professor Lupin sie plötzlich ansprach. „Kommen wir nun zur Schrift. Miss Potter, können Sie uns mal bitte ihren Brief zur Verfügung stellen?" Lily sah ihren Professor verblüfft an. Dieser nickte nur und streckte seine Hand aus.
„Ich hab ihn aber noch nicht gelesen!" Zögernd übereichte sie den Brief ihrem Professor.
„Ja ist schon gut, ich möchte ihn ja auch nicht lesen, er dient nur als Anschauungsobjekt." Lupin hob den Brief hoch und zeigte ihn der Klasse. „Kommen wir nun zum schwierigsten Teil. Wie können wir erkennen ob der Brief echt ist und ob der Inhalt der Wahrheit entspricht. Aufgerissene Briefe oder solche die sonst in irgend einer wiese in der äußeren Form nicht stimmen, sei es, dass sie stark verknittert oder schlampig verschlossen sind, sind immer verdächtig und mit äußerster Vorsicht zu genießen. Es sei denn, man kennt den Autor und weiß, dass er zu solch einer Schlamperei neigt."
Die Klasse begann zu lachen. Sabrina prustete raus: „Ich kenn da auch so jemanden!", und alle lachten nur noch mehr. Lupin hatte Mühe wieder Ruhe in den Unterricht zu bekommen.
Doch solch unprofessionelles Vorgehen werden wir bei unseren wirklichen Feinden kaum zu erwarten haben. Das deutet eher darauf hin, dass das Ministerium wieder einmal die Post kontrolliert. Diesmal prustete Anna los vor lachen und Lily tat es ihr gleich. Diesmal war sogar Raul nicht zu halten und lachte laut mit.
„Sehen wir uns also diesen Brief einmal an! Er ist sorgfältig verschlossen und mit einem Siegel gesichert. Soweit scheint alles normal zu sein. Er sieht sehr offiziell aus, mit einer flotten Feder automatisch erstellter Adresse und einem Siegel vom Ministerium."
Lily bekam große Augen. So genau hatte sie den Brief in aller Eile nicht angeschaut. Sie dachte, er wäre von ihren Eltern. Ein wenig Enttäuschung machte sich auf ihrem Gesicht breit die aber schnell einer Neugierde wich. Was wollte das Ministerium von ihr? Sie hatte doch nichts angestellt. War ihren Eltern etwas passiert? Langsam fing sie an sich Sorgen zu machen und wollte nichts sehnlicher, als den Brief so schnell wie möglich lesen, um Gewissheit zu bekommen.
„Uns stehen eine Reihe von Zauber zu Verfügung, mit denen wir nun herausfinden können, ob der Brief gefälscht ist und ob der Inhalt der Wahrheit entspricht. Fangen wir mit der äußeren Form an." Professor richtete seinen Zauberstab auf den Brief und sprach „INCOLUMNIS TOTUM!" Das Siegel leuchtete kurz grün auf. „Das grüne Leuchten deutet an, das das Siegel echt und unversehrt ist. Wir können also davon ausgehen, dass der Brief wirklich aus dem Ministerium kommt. Das funktioniert nur mit versiegelten Briefen, aber da jeder Zauberer seine Briefe versiegelt, ist dies kein größerer Nachteil. Wir sollten unversiegelten Briefen sowieso nicht vertrauen. Hier hat jeder ein paar Briefe und kann es selber einmal ausprobieren!"
Lupin verteilte einen Stapel Briefe in der Klasse, und schon konnte man von überall her „INCOLUMNIS TOTUM" hören. Bei einigen leuchteten die Siegel grün auf, bei anderen dagegen rot. Nur wenigen gelang es nicht eine Reaktion herauf zu beschwören.
„Sie können die Briefe zum üben mitnehmen, ich werde sie in der nächsten Stunde wieder einsammeln. Kommen wir nun zum schwierigeren Teil. Entspricht der Inhalt des Briefes der Wahrheit?" Wieder nahm Lupin den Brief von Lily. Er zeigte noch einmal mit dem Zauberstab auf den Brief und sprach „quod alqua re continetur verita!" Diesmal begann der gesamte Brief grün zu leuchten. „Wir können nun davon ausgehen, das der Verfasser des Briefes die Wahrheit geschrieben hat, oder das was er für die Wahrheit hält."
„Was meinen Sie damit, das was er für die Wahrheit hält?" fragte Frank.
„Stellen Sie sich vor Mr. Webber, Sie sind davon Überzeugt, die Welt ist eine Scheibe und berichten davon ihrem Freund in einem Brief. So wird dieser Brief bei ihrem Freund grün leuchten, da Sie aus ihrer Sicht die Wahrheit gesagt haben. Alle anderen werden aber sicher mit mir einer Meinung sein, dass die Aussage nicht der Wahrheit entspricht. Wenn der Verfasser selbst von seiner Aussage überzeugt ist, werden wir sie nicht als Unwahrheit entlarven können."
Frank sah immer noch ungläubig aus. Cora versuchte es ihm noch einmal zu erklären, doch Professor Lupin ermahnte sie, sich das für die Pause aufzusparen. Die Glocke Läutete zur Pause, und Professor Lupin gab Lily ihren Brief zurück.
Als nächstes hatten sie Zaubereigeschichte bei Professor Binns. Das war immer ganz gut, denn Professor Binns leierte nur monoton die Jahreszahlen aus dem Lehrbuch runter. Die konnte man auch ein andermal auswendig lernen, und so hatte man während des Geschichtsunterricht Zeit für wichtigere Dinge. Endlich hatte Lily Gelegenheit ihren Brief zu lesen. Sie öffnete den Umschlag und zog ein einzelnes sorgfältig gefaltetes Blatt heraus.
Sehr verehrte Miss Potter
Da ihre Eltern sich zurzeit nicht melden können, werden Sie von einem Mitarbeiter des Ministeriums vom Bahnhof Kings Cross abgeholt. Er wird Sie dann an den Aufenthaltsort ihrer Eltern bringen.
Mit freundlichen Grüßen
Marc Smith
(Auroren-Abteilung 1)
Lily drehte das Pergament um, doch das war das Einzige, was darauf geschrieben stand. In Gedanken versunken faltete sie den Brief wieder zusammen steckte ihn in den Umschlag und verstaute ihn in ihrer Schultasche. Was sollte das bedeuten? Warum können sich ihre Eltern nicht melden? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen.
In der Mittagspause wurde sie auch gleich von Anna auf den Brief angesprochen. Lily gab Anna den Brief zu lesen und wartete ihr Urteil ab. Anna sah erst sehr verwirrt aus, doch dann begann sie zu lächeln. „Hey, deine Eltern sind wohl auf einer geheimen Mission. Und du sollst dann zu ihnen gebracht werden. Das klingt ja richtig aufregend. Du kannst also doch deine Ferien mit deinen Eltern verbringen. Toll, ich freu mich für dich."
„Meinst du?" fragte Lily ihre Freundin, die heftig mit dem Kopf nickte. „Dann kann das ja ein richtiges Abenteuer werden!" Jetzt begann auch Lily wieder zu lachen. Sie konnte in den Ferien ihre Eltern wieder sehen.
Die letzte Woche verging wie im Flug. Sie hatten noch einige Arbeit zu schreiben und die viele Lernerei tat ihr übriges, dass sich die Kinder nicht langweilten. Als es dann soweit war, ließ sich Professor McGonagall von Lily noch einmal den Brief zeigen. Lily wartete nervös, während ihre Schulleiterin den Brief prüfte. „Ich kann keine Manipulation feststellen, ich denke er ist in Ordnung. Dann wünsche ich Ihnen noch schöne Ferien, kommen Sie gut erholt und voller Lerneifer wieder zu uns zurück!" Freudestrahlend nahm Lily den Brief wieder an sich, verabschiedete sich schnell und eilte aus dem großen Schlosstor. Die Pferdelosen Kutschen warteten schon um die Schüler zum Bahnhof im Hogsmeade zu bringen.
Die Rückfahrt nach Kings Cross war genauso langweilig wie die Herfahrt. Lily spielte mit ihrer Freundin und Raul ´Snape Explodiert´ und so ging die Fahrt dann doch sehr schnell vorüber.
In Kings Kross angekommen verabschiedete sich Lily von ihren Freunden, welche mit ihren Eltern schnell den Bahnhof verließen. Jetzt stand sie fast alleine auf dem Bahnsteig. Wo war der Mann vom Ministerium, der sie abholen sollte? Lilly wurde langsam nervös. Sie beschloss durch das eiserne Tor auf die Muggelseite zu wechseln, falls ihr Aufpasser dort warten sollte. Sie trat durch das Tor und stand unmittelbar auf dem Bahnhof. Die Mauer, in welcher das Tor versteckt war, im Auge behaltend, setzte sie sich auf eine Bank.
Eine verärgerte Stimme hinter sich ließ Lily aufhorchen. „Verdammt, wo ist das Gör? Wenn Lord Beliar mitbekommt, dass sie mir schon wieder entwischt ist, bin ich so gut wie tot. Ich muss das Miststück finden. Wo steckt sie nur?"
Lily machte sich ganz klein, um nicht entdeckt zu werden. Ihr Herz raste und sie hatte furchtbare Angst. Dann war der Brief also doch eine Falle. Wie konnte das sein, er war doch echt. Sie konnte nicht weiter darüber nachdenken. Jetzt war es erst mal wichtiger zu entkommen. Plötzlich ließ sie die Stimme des Mannes zusammenfahren.
„Ah, hab ich Sie endlich gefunden, Miss Potter. Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Hatten Sie eine angenehme Fahrt? Mein Name ist Marc Smith, ich habe Ihnen den Brief geschickt." Der fremde Mann stand auf einmal vor ihr und sah sie lächelnd an.
„Äh, ja, es ging", antwortete Lily vorsichtig. Sie sah, wie er einen Arm unter dem Umhang versteckte, dort hatte er sicher seinen Zauberstab in der Hand. Lily überlegte, ob sie nach ihrem Zauberstab greifen sollte, doch wäre sie sicher nicht schnell genug, schließlich war dieser Marc Smith , wie er sich nannte, angeblich ein Auror, und die waren im Allgemeinen sehr gut trainiert. Es musste ein Plan her. „Wie kommen wir zu meinen Eltern?", fragte sie um Zeit zu gewinnen.
„Mit dem Auto!", war Smiths knappe Antwort. „Und jetzt kommen Sie, wir haben es eilig!"
„Moment, ich vertrag Autofahren nicht besonders, darf ich noch mal aufs Klo?" Das war nicht einmal gelogen, Lily hatte das Autofahren nie gemocht.
„Wenn es unbedingt sein muss, aber ich komme mit, damit Ihnen nichts passiert!" entgegnete Smith verärgert. Sie steuerten auf die Toiletten zu. Wenn er sie nicht aus den Augen lässt, hätte sie keine Gelegenheit zu entkommen. Lily wollte so viel Zeit wie möglich gewinnen und auf eine passende Gelegenheit warten. Erstmal musste sie versuchen Mr. Smith daran zu hindern mit ihr den Bahnhof zu verlassen. Bei so vielen Menschen konnte er es nicht wagen sie anzugreifen.
Lily ging in die Damen-Toilette und Mr. Smith wollte ihr folgen, als ihm gerade einer älteren Frau entgegen kam. Drohend erhob sie ihren Regenschirm. „Sie Flegel, was erlauben Sie sich hier eigentlich, ich zeig Sie beim Bahnhofsvorsteher an!" Darauf hatte Lily gewartet. Die Frau beäugte Smith misstrauisch, der sich auf eine Bank vor der Toilette gesetzt hatte und sich nicht mehr traute ihr zu folgen. Manchmal ist es schon gut ein Mädchen zu sein, dachte sich Lily. Sie inspizierte schnell die Räumlichkeiten und fand an der Rückseite ein Fenster. Es war verschlossen, aber mit Muggel Schlösser hatte sie normalerweise keine Probleme. Sie sah sich um, ob sie alleine war, zog ihren Zauberstab aus dem Umhang und flüsterte „Alohomora". Das Fenster schwang auf. Schnell zwängte sie sich durch das Fenster ins Freie.
Nun stand sie auf einer belebten Straße. Hinter sich hörte sie, wie eine Tür zersplitterte und Smith wütend rief: „Halt, stehen bleiben! Du entwischt mir nicht!" Sie rannte los, ohne sich um zu sehen. Ein Fluch zischte heiß an ihrem Kopf vorbei und verschwand ins Leere. Lily lief noch schneller und bog in eine weitere belebte Seitenstraße ab. So rannte sie noch durch einige Straßen und Kaufhäuser, bis sie erschöpft in einem Hauseingang zusammen sank. Diesen Marc Smith war sie jetzt zwar los, aber sie war alleine in London. Sie hatte kein Muggel Geld und wusste nicht wo sie hingehen sollte. Zur Polizei traute sie sich nicht, was hätte sie denen auch erzählen sollen. Ich bin eine Hexe und ein böser Zauberer hat meine Eltern entführt und ist nun hinter mir her? Das wäre bestimmt die Lachnummer. Müde lehnte sie sich an den Türpfosten und schloss die Augen.
