11 Niclas Rückkehr
„Aufstehen Niclas!" rief Jean ins Zimmer. „Heute ist unser letzter Schultag vor den Herbstferien, da möchte ich nicht zu spät kommen. Raus aus den Federn!"
„Ja, ja, ich komm ja gleich!", nuschelte Niclas mit dem Mund voller Zahnpasta. Schnell zog er seine Schuluniform an und eilte nach unten um sich mit Jean zu treffen. Hier in Frankreich war sein Schlafsaal, anders als in Hogwarts, in einem Turm untergebracht. Dort waren die Gemeinschaftsräume der Slytherin in den Kerkern, tief unter der Erde.
Jean reichte Niclas eine Tasse Kaffe und ein Croissant. Daran würde er sich wohl nie gewöhnen. An dieser Schule wurde nicht gemeinschaftlich und ausgiebig gefrühstückt, sondern das ging schnell. Niclas verglich es mit einer gut gehenden Imbissbude in der City von London. Ein hektisches Kommen und Gehen, alles wirkte so unpersönlich. Nach dem kurzen Frühstück ging es auch schon in den Unterricht. Heute gab es nur zwei Stunden Französisch, damit die Schüler Zeit hatten den oft langen Weg nach Hause anzutreten. Niclas hatte keine Probleme mit diesem Fach, da sie daheim oft französisch sprachen. Er mochte Sprachen und so hatte er sich sehr gefreut, als seine Eltern ihn für ein Jahr als Austauschschüler nach Frankreich schickten.
Zuerst vermisste er seine neu gewonnen Freunde in Hogwarts, doch dann fand er Jean. Dieser war so voller Tatendrang und verrückter Ideen, dass er in jedem Brief an seine Freunde viel Abenteuer zu berichten hatte. Er war sehr enttäuscht, da sie niemals geantwortet hatten. Vielleicht hatten sie ihn ja auch vergessen, oder war alles gar nicht ernst gemeint? Dabei mochte er Anna wirklich sehr. Na ja, jetzt waren aber erst mal Ferien und vielleicht könnte er Anna ja auch besuchen.
Der Unterricht verlief schleppend langsam, so als wenn alle Uhren wüssten, dass alle auf das Ende des Unterrichts warteten. Nach zwei langen Stunden erklang endlich die Glocke. Es gab für ihn im Moment nichts Schöneres. Niclas packte schnell seine Feder und Pergament in die Tasche und eilte zur Tür, als er von Professor Tanneur zurück gerufen wurde.
„Ihre Mutter lässt Ihnen ausrichten, dass Sie den Zug nach Calais nehmen sollen. Dort werden Sie von ihr am Hafen erwartet. Ich wünsche Ihnen erholsame Ferien, und vernachlässigen Sie die Hausaufgaben nicht!"
„Danke Professor Tanneur. Ich werde dann packen gehen." Niclas verabschiedete sich höflich und verließ nun endgültig das Klassenzimmer. Dann werden wir wohl mit der Fähre nach England übersetzen, auch nicht schlecht, dachte sich Niclas. So in Gedanken rempelte er beinahe Jean um, der vor dem Klassenzimmer auf ihn gewartet hatte.
„Hey Niclas, was ist los? Wo bist du mit deinen Gedanken? Schlechte Nachrichten?", forschte Jean nach.
„Nein, alles OK", sagte Niclas zu seinem Freund und erzählte, dass er mit dem Zug nach Calais zum Hafen fahren müsse.
„Mann toll, ich wohn da ganz in der Nähe, dann können wir ja zusammen mit dem Zug fahren", freute sich Jean.
Es würde Niclas erste Fahrt mit dem Zug sein, da er zu Schulbeginn mit seiner Mutter direkt zu ihren Freunden nach Paris appariert war. Von dort ging es mit dem Auto zur neuen Schule. Schnell packten die Jungs ihre Koffer und machten sich auf den Weg ins Tal zum Bahnsteig des „Folle Sagette" dem Schnellzug nach Calais. Niclas war schon sehr gespannt auf die Fahrt mit dem Zug.
Als sie im Bahnhof ankamen suchte er nach einer Dampflokomotive, doch Jean dirigierte ihn ganz nach hinten zum letzten Gleis. Dort stand ein einsamer Zug. Der Bahnsteig war voll von Kindern, die lärmend durcheinander liefen und ihr Gepäck in einem Extra Wagen am Ende des Zuges verstauten. Dieser Zug war ganz anders als der Hogwarts Express. Er sah unheimlich modern aus, schlank und stromlinienförmig. Mit diesem Zug dauerte die Fahrt sicher nicht lange. Die Jungs verstauten ihr Gepäck ebenfalls im Gepäckwagen und suchten sich ein Abteil ganz vorne im Zug. Vor freudiger Erwartung ließ sich Niclas in die hellblauen Polster sinken. In den Abteilen gab es keine Gepäcknetze, dafür aber große Bildschirme, auf denen diverse Streckeninformationen eingeblendet wurden.
„Du, wenn das was da steht stimmt, brauchen wir nicht mal eine Stunde bis Calais!", staunte Niclas und war ganz aufgeregt.
„Ja, ist ja auch nicht weit", meinte Jean eher gelangweilt. „Mit einem guten Besen bist du schneller. Ich hab aber gehört, sie entwickeln gerade einen Zug, der die Strecke in der halben Zeit schaffen soll." Niclas blieb vor Staunen der Mund offen. „Ist doch nichts Besonderes", meinte Jean weiter, „die Muggel haben ja schon Züge die das schaffen.
„Unser Hogwartsexpress ist da viel gemächlicher. Das ist noch eine richtig alte Dampflokomotive. Hat wohl was mit Tradition zu tun. Bei uns wird sowieso zu viel Wert auf Tradition gelegt."
Es gab einen leichten Ruck, und der Zug beschleunigte langsam aus dem Bahnhof heraus. Schnell nahm er an Fahrt auf. Die Landschaft flog nur so an den Fenstern vorbei. Niclas wurde es beim hinausschauen fast schwindlig. Und tatsächlich, keine Stunde später bremste der Zug auch schon wieder ab, um in den Bahnhof von Calais einzufahren.
„Wie kommen wir auf den Bahnhof?", fragte Niclas. „Bei uns muss man durch ein geheimes Tor gehen, wenn man das Gleis 9¾ verlassen möchte", versuchte er Jean zu erklären da dieser keine Ahnung davon zu haben schien.
„Oh, ist das bei euch so kompliziert? Bei uns ist das nicht so. Der Zug fährt regulär im Bahnhof ein und du steigst einfach ein oder aus", erklärte nun Jean. „Hast du das beim Einsteigen nicht bemerkt?"
Verwirrt blickte Niclas Jean an. „Nein, ich bin dir einfach gefolgt und hab gar nicht aufgepasst. Aber wie schützt ihr euch vor den Muggeln?" Ihm war die Lässigkeit, mit der man hier in Frankreich mit Muggeln umging unheimlich.
„Das ist nicht nötig. Schau, der Zug steht in keinem normalen Fahrplan, also kommt auch niemand von den Muggeln auf die Idee dieses Gleis zu betreten. Es ist unauffälliger einfach aus einem ankommenden Zug auszusteigen, als plötzlich durch irgendein geheimes Tor aufzutauchen", erklärte Jean, über Niclas erstaunte Miene lachend.
Nachdem der Zug vollständig zum stehen gekommen war stiegen Jean und Niclas aus und holten ihre Koffer aus dem Gepäckwagen. Niclas Mutter wartete schon in der Bahnhofshalle auf ihn. Sie schrumpfte unbemerkt sein Gepäck und verstaute es in ihrer Handtasche. Niclas verabschiedete sich von Jean und folgte dann seiner Mutter nach draußen.
Es war ein herrlicher Tag und Niclas freute sich schon auf die Überfahrt mit der Fähre. Doch etwas quälte ihn.
„Du, Mum! Ich hab den ganzen Sommer über Briefe an meine neuen Freunde in Hogwarts geschrieben, aber sie haben auf keinen geantwortet, meinst du sie haben mich vergessen?", fragte er seine Mutter.
Diese sah ihn sehr besorgt an und überlegte einen Augenblick. „Sie haben auf keinen einzigen Brief geantwortet? Das ist sonderbar." In Gedanken versunken folgte sie der Straße Richtung Hafen.
„Was ist, warum bist du so nervös. Denkst du, da ist etwas passiert?" Jetzt machte sich Niclas noch mehr Sorgen. Dass sie vielleicht nicht antworten konnten, daran hatte er nicht eine Minute gedacht. Sie merkte, dass Niclas noch sorgenvoller dreinblickte.
„Ich denke, das wird sich alles aufklären", meinte daraufhin seine Mutter mit einem Lächeln. „Komm, lass uns erst mal etwas Essen gehen." Sie suchten sich ein schönes Restaurant am Hafen aus und Niclas bestellte sich gleich eine Bouillabaisse, die schmeckte hier am Hafen besonders frisch. So verging der Nachmittag schnell, bis es Zeit für die Überfahrt mit der Fähre war. Nach dem Einchecken suchten sie sich einen schönen Platz auf dem Sonnendeck aus. Sie genossen die warme Sonne des späten Nachmittags. Bis wir in Malfoy Manor ankommen, ist die Sonne schon längst untergegangen, dachte Niclas, als er mit seinen Gedanken schon zu Hause war. In Dover wartete schon ihr Fahrer mit der schwarzen Limousine auf sie.
„Der gnädige Herr ist vom Minister zu einem Meeting gerufen worden. Er wird versuchen zum Abendessen anwesend zu sein. Ich soll sie in der Zwischenzeit nach Hause bringen."
„Danke Harold!" meinte Parvati. Niclas stieg mit seiner Mutter in das Auto und machte es sich auf dem geräumigen Rücksitz bequem.
„Ich würde gerne Anna besuchen, ich möchte wissen, ob es ihr gut geht", begann Niclas das Gespräch.
„Mal sehen was sich da machen lässt. Die Häuser der wichtigen Persönlichkeiten sind meist gut geschützt. Es wird schwierig werden heraus zu finden, wo sie wohnen."
„Papa hat doch gute Beziehungen zum Minister, er soll versuchen heraus zu bekommen, wie ich Anna erreichen kann", bohrte Niclas weiter.
„Dir liegt ja ziemlich viel an Anna. Magst du sie?", fragte Parvati und begann sanft zu lächeln.
„Ja sicher mag ich sie, sie ist doch eine meiner neuen Freunde. Dachte ich zumindest", versuchte sich Niclas heraus zu winden. Er wusste genau worauf seine Mutter heraus wollte. Warum wissen Mütter eigentlich immer alles, dachte er sich.
„Ist schon gut, ich werd mit deinem Vater reden. Wir werden eine Möglichkeit finden, dass du sie besuchen kannst."
Niclas lehnte sich zurück und verschränkte zufrieden die Hände hinter dem Kopf. Langsam machte sich der lange Tag bemerkbar und er spürte schon nicht mehr wie ihm die Augen zu fielen. Er erwachte erst als der Wagen in die Auffahrt zum Haus einbog und sich das schwere geschmiedete Eisentor durch einen kleinen Zauber quietschend öffnete. Niclas gähnte heftig und blickte den langen Weg hinauf, an dessen Ende das große weiße Herrschaftshaus stand. Endlich zuhause. Er freute sich schon auf das Abendessen mit seinem Vater, und dann auf sein Bett.
Draco streifte sich gerade die letzten Reste Asche von seinem Reiseumhang, als Niclas zur Tür herein kam.
„Komm her Sohn und lass dich drücken!" rief Draco, und Niclas stürmte auf seinen Vater zu und fiel ihm um den Hals. Draco strubbelte durch Niclas Haare, dann hielt er ihn auf eine Armlänge entfernt an den Schultern. „Lass dich anschauen. Groß bist du geworden!", dabei lachte er laut los. Niclas verzog das Gesicht. Parvati trat ein und sah lächelnd dem Schauspiel zu.
„Sir, Lucy hat das Abendessen bereitet, sie können sich nun zu Tisch begeben."
„Danke Herold!" Niclas lief vor während Draco auf Parvati zu ging und sie umarmte. „Schön dass du wieder da bist." Mit diesen Worten gab er seiner Frau einen Kuss. „So, und nun lass uns etwas essen. Ich sterbe vor Hunger." Parvati lachte und Arm in Arm folgten sie ihrem Sohn in den Speisesaal.
Niclas und Parvati erzählten und erzählten von ihrer Zeit in Frankreich. Draco war ganz froh, selber kaum zu Wort zu kommen. Er wusste nicht was er von seinen Erlebnissen erzählen solle, und was eher verschweigen. Agnes hatte ihm ausdrücklich erklärt, dass nur ganz wenige zu den Auserwählten gehören, die von den Wächtern wissen. Plötzlich kam das Gespräch auf Niclas Freunde in Hogwarts, und dass er sich Sorgen mache, da sie auf seine Briefe nicht geantwortet hätten.
„Und du sagst, es kam keine einzige Nachricht zurück?", hakte Niclas Vater nach, „und die Eulen, welche du beauftrag hast, sind die wieder zurückgekehrt?"
„Ich hab keine Ahnung", antwortete Niclas. „Ich habe jedes Mal eine andere Eule genommen. Es waren ja so viele da, da hab ich nicht extra nach einer gesucht."
Draco blickte auf einmal sehr ernst drein. „Was ist los?" fragte Parvati misstrauisch. „Stimmt etwas nicht?"
„Ich weis noch nicht. Ich war heute Mittag beim Minister zu einer Unterredung. Dort erzählte man mir, dass die Potters wie vom Erdboden verschluckt wären. Zuerst dachte man an eine geheime Mission, doch Nachforschungen haben ergeben, dass es keinen Auftrag für eine solche Mission gibt. Nicht einmal die Unsäglichen habe eine Ahnung wo sie stecken, dabei sind das die engsten Vertrauten von Potter."
„Du sollst Harry nicht immer Potter nennen!", schimpfte Parvati.
„Ich hab das früher schon so gemacht, warum sollte ich das jetzt ändern?", antwortete Draco trotzig.
„Ist ja auch egal, aber dass niemand bescheid weis beunruhigt mich dann doch. Was sagen die Weasleys und Longbottoms dazu?", hakte Niclas Mutter weiter nach.
„Keine Ahnung, ich hab es ja selber erst heute Mittag vom Minister persönlich erfahren. Ich würde sagen, wir laden die Weasleys und Longbottoms morgen zu einen Besuch ein, vielleicht wird sich dann einiges klären." Draco legte sein Besteck beiseite.
„Ich werde schnell die Einladungen verschicken", pflichtete Parvati ihrem Mann bei, stand auf und ging nebenan in das Arbeitszimmer.
„Können Raul und Anna dann auch kommen?", rief Niclas seiner Mutter hinterher.
„Du brauchst hier im Haus nicht so zu schreien, ich bin sicher deine Mutter hat dich auch so gehört", wies Draco seinen Sohn zurecht. „Natürlich dürfen deine Freunde auch mitkommen, deine Mutter wird alles Nötige veranlassen. So, und nun ist es Zeit fürs Bett. Zähne putzen und Schlafanzug an!", befahl Draco. Murrend machte sich Niclas auf den Weg nach oben in sein Zimmer. Na wenigstens sollten morgen Anna und Raul auf Besuch kommen, das lief doch gar nicht schlecht, für den ersten Ferientag. Zufrieden ging er hinauf in sein Zimmer um sich für die Nacht zu richten.
Parvati hatte jeweils eine Einladung an die Weasleys und die Longbottoms geschrieben und sie mit dem Patronuszauber verschickt. Sie kam gerade wieder aus dem Arbeitszimmer, als Draco auf sie zu ging, sie zärtlich in den Arm nahm und ihr einen Kuss gab.
„Und wir zwei machen es uns jetzt vor dem Kamin gemütlich, ich muss dir da noch etwas erzählen.
